
Donnerstag, 16. Februar 2006
Bakterien, Bakterien - die mag ich nicht entbehrien! So geht ein altes Medizinerlied.
In Zeiten wie diesen{tm} scheut mancher den Kontakt zu Keim & Co. Der Fotograf Edgar Lissel jedoch hat tobende Mikroben gebändigt und 2001 eine Vanitas-Serie mit lichtsensiblen Bakterien angefertigt. Vergängliches wie Obst und Tier bildete er so organisch nach. Das Raunen im Mikrokosmos, die Poesie des Szientismus.


Mittwoch, 15. Februar 2006
Herr Mequito läßt mich meinen Ringelschal heute stolzer durch den Regen tragen. Der gute Mann liest, wie Herr Kid ein Nilreptil zum Elektrofachmarkt führte. Ich habe es noch nicht hören können, empfehle aber blind: BlogRead
Merci, Herr Mequito!
Nachtrag: Mittlerweile habe ich es gehört - wenn auch auf meinen Computerlautsprechern - und möchte Herrn Mequitos extrem inspirierte Tonschöpfung ausdrücklich empfehlen! (Gerade war der Sever etwas langsam, vermutlich weil sich derzeit unzählige enthemmt kreischende, minderjährige weibliche Mequito Hotel-Fans die Datei laden.)

Im Verkehrsfunk heute morgen bereits die erste Warnung. Ein toter Vogel liege auf der Autobahn. An der Ampel fährt ein Lastkraftwagen an mir vorbei. Firma Sowieso, Germany - Recycling.
Rückgewinnung ist zurecht ein ernstes Thema. Wir sind doch alle schon benutzt. In der Gartenzwergfabrik große Versammlung: Proaktiv werde nun mit uns gesprochen. Und das ganz konkret. Bei dem Wort "konkret" malt die Frau, die es sagt, mit den Händen Gänsefüße in die Luft.
Wie unvorsichtig. In Zeiten wie diesen. Ich schließe halb die Augen und sehe, wie sich flugs die Vogelgrippeviren im Konferenzraum verbreiten. Viele fühlen sich bereits verschnupft. Vielleicht eine proaktive Reaktion.

Dienstag, 14. Februar 2006
Wir verlieren durch sie oft Gutes,
das wir gewinnen könnten,
wenn sie uns nicht Angst machten,
den Versuch zu wagen.
(William Shakespeare)
Zweifel scheinen eine Saat, die langsam aufgeht und alles Jäten übersteht. Der fall from grace, der Verlust der Unschuld, lehrt (dem einen früher, anderen halt später): Ich bin nicht perfekt. Oder: Geduld ist endlich. Unbegrenzt fließen nur Gedanken und die Kunst. Hoffentlich. Mancher Morgen aber zeigt (im spiegelnden Bild des ersten Kaffees) am weißen Hemde plötzlich Blut. Ach, die frühe Milch des schwarzen Tages. Die Locke deines Haars... Ich kehre aus, und so nie wieder. Den Rücken gefüllt mit Zweifel, der Tag um Tag sich schwerer frißt.
Zaun um Zaun. Eingeschnürt zur Weide bis in die Eingeweide. Ich habe dir nie einen Rosenquarz versprochen, heißt es. Alle sieben Jahre, so sagt man, öffnet sich die Tür. Mit geschlossenen Augen oder offenen. Danach gilt das Geschenk nicht mehr, danach nur noch Bedingungen. Danach folgt nichts mehr.
Heute, ein Tag, an dem Postkarten und Blumensträuße regnen, aus Briefkästen quellen, bis sie wie eine eruptive zähe Masse die Bürgersteige überschwemmen, soll alles sein voll Glück und Dings. Ich geh' mit meinem Hammer raus auf den Kanal und zertrümmere das Eis. Denn das ist so meine Art.
Und dann pack ich diesen fetten Mond. Zerre ihn am Schopf, drücke sein käsiges Haupt unter das schwarze Wasser, dort, wo letzte Woche die Kinder spielten. Eine Ruhe ist!, schrei ich ihn an in meinem nachgeäfften Dorfakzent. Was wolltest du, du vollgefress'ner Sack voll Zweifel? Ich lass' ihn gurgeln und seine Grübelmasse spei'n. Bis er ermattet wie ein schrumpelnder Ballon zum brackigen Grunde treibt.
Violently happy. Ach. Und ach. 'Cos I love you. Ach. Und ach. But you're not here.

Montag, 13. Februar 2006
Nur weil wir gerade von der ganz wunderbaren Elizabeth McGrath reden: Pulstreibende Freude im kleinen spinnwebverhangenen Haus, letzte Woche traf endlich ihr im Dezember erschienenes Buch ein. Everything That Creeps ist entzückend aufgemacht (allein der Vignetten-Ausschnitt im Deckel und die Goldprägung!) und gibt einen augenerweiternden Überblick über ihr bisheriges künstlerisches Schaffen: Puppen, Dioramen und Schauerkabinette.

Liz McGrath wird von ihrer Freundin und Kollegin Helen Garber wirklich charmant skizziert: Liz is almost legendary in the underground art scene: this absolutely beautiful woman who creates amazing art pieces, drinks like a sailor, fronted both the visceral punk rock band "Tongue" and her current project with her fiancé [Wer ist der Kerl? Ich fordere ihn sofort heraus...], writer Morgan Slade, "Miss Derringer".
Miss Derringer kann man hier bestaunen - der Name erinnert mich übrigens daran, daß eine gute Freundin ihr Blog "Frau Glock" nennen wollte. Schon das zeugt vom guten Geschmack beider Personen. Die Band jedenfalls ist großartig, die lasse ich auf meinem 38. Geburtstag spielen.
Im Buch signalisieren Kapitelüberschriften wie "Villains and Vermin of Dubious Nature": Hier ist der kleine Ausgestoßene in uns zu Hause. Ein Varieté beladener Gestalten, Insektoiden und Menschen wie du und ich - nur anders! Man kann gar nicht soviel Platz in die Regale bringen, wie man diesen Gefährten des Trübsinns Asyl schaffen möchte.
(Elizabeth McGrath. Everything That Creeps. Last Gasp, 2005.)

Samstag, 11. Februar 2006
What goes on in your mind,
Always silent and kind
Unlike the others
Fuck the mothers kill the others
Fuck the others kill the mothers
I'll put it out of my mind because
I'm out of my mind with you
In heaven and hell with you
(Siouxsie and the Banshees, "Nightshift")

Berlin besuche ich nicht, ohne einen Koffer voll Erinnerung dort zu lassen (oder das letzte Hemd). Am Dienstag gab es die erste Vernissage in den neuen Räumen der Strychnin Galerie. Yasha Young hatte geladen und präsentierte eine illustre Auswahl von Künstlern des Bittersüßen: Elizabeth McGrath, Großmeisterin der bizarren Puppenstube, Misery, subversive Botschafterin der bittermandeligen Melancholie der Ausgestoßenen, Mateo, kalifornischer Trickster der Low-brow Art, Laura Satana, Pop-art Voodoo-Tattooistin, und andere zeigen Variationen des Morbiden, Entrückten, Skurrilen und Grotesken, daß man denkt, man sei im Wohnzimmer von Tim Burton gelandet.

Die erweiterten Galerieräume in der Boxhagener Str. bieten endlich großzügigen Platz für böse, kleine Kunst. Grause Gemälde und grimme Skulpturen, wohl dem, der sich diese Nacht noch schützend flüchten kann. Absinthverstürzte Gedankenwelten, grimassenschneidende Enfants terribles, schrecklich schröcklich und immer am Herzen reibend, wie eine kalte Hand voll Sandpapier.

Puppen, nachtmahrige Augensterne und Bilder mit der sanften Melancholie eines vergessenen bunten Balls auf einem verregneten Kinderspielplatz. Man sollte nicht allein dorthin gehen, besser Hand in Hand. Und mit der anderen Hand: Steckt Geld ein. Denn Kunst kann man auch kaufen!
("Nachtschattengewächs", noch bis zum 10. März in der Strychnin Galerie, Berlin.)

Freitag, 10. Februar 2006
Jedesmal machte es ihm weniger Kummer, diese Küsse verloren zu haben und diese endlosen Stunden und diese Düfte, die ihm einst Entzücken gewesen. Daß er weniger litt, machte ihn leiden, und dann verschwand selbst dieses Leiden. Und dann waren alle Leiden fort, die Freuden mußte er nicht vertreiben, denn sie waren lange schon, ohne ihr Haupt zu wenden, auf geflügelten Sohlen entflohen, blühende Zweige in der Hand; sie waren von dieser Behausung gegangen, die nicht mehr jung genug war für sie. Und dann starb er wie alle Menschen.
(Marcel Proust, "Tage der Freuden". 1896.)

Mittwoch, 8. Februar 2006
So. Nun mal wieder die Krawatte geradegezurrt und mit ordentlich Spucke die Haare gerichtet. Herr Kid erzählt jetzt einen Film. Horcht fein zu, Kulturprogramm!
Einer meiner Lieblingsfilme nämlich ist zugleich ein frühvollendetes Meisterwerk eines Meisterregisseurs: La Strada (1954). Das bewegende (haha, "Straße" = "bewegend", got it?) Drama von Frederico Fellini erzählt die Geschichte vom armen Zampano. Der verdient sich sein Geld auf schweißtreibende Art als Eisenbieger und ist gezwungen auf Rente, Heim und Vorgarten zu verzichten: Er zieht mit dem Zirkus umher, sprengt auf dem Jahrmarkt die Ketten und ist auch ansonsten recht unverbunden.

Was ihm nämlich fehlt, ist eine Frau, denn es ist nicht gut, daß der Mensch alleine usw. Leider ist unser guter Zampano von der vielen Metallarbeit etwas gratig geworden. So kommt es, daß Gelsomina, die er aus desolaten Zuständen zu sich holt (denn er ist ein guter Mensch!), ihm nicht auf Anhieb alles recht macht. Nicht leicht hat er's, der Zampano! Aber so wie er geduldig Kettenglied um Kettenglied mit der Kraft seiner Muskeln sprengt, übt er im Stillen Nachsicht und denkt, sie wird's schon lernen, die Gelsomina. Braucht halt alles seine Zeit.
Ha! Das dumme Ding trietzt unseren armen Helden, wo es nur kann, und macht ihm das Leben eisenschwer. Statt eifrig zu lernen, kommt es wie es oft so kommt: Gelsomina fällt auf einen echten Possenspieler, einen Seiltänzer nämlich, herein und läßt sich von diesem Musterbild eines Windbeutels und Scharlatans ordentlich betören.
Klar, daß selbst ein großherziger Mensch wie Zampano vor soviel Undank ein wenig pampig wird und den Schaumschläger zur Rede stellt. Wer mag es schon, wenn sich Fremde derart ins Private mischen? Eben.
Der Seiltänzer aber ist eher so ein Weichei, fällt vom kleinen Schubs gleich um und markiert den sterbenden Schwan. Das wirft leider ein klein wenig ein schlechtes Licht auf unseren etwas grobmotorischen Zampano. Nicht nur das: Gelsomina spielt einfach krank und setzt sich sozusagen ab!
Am Ende (ich spule jetzt mal vor) irrt der arme Zampano hilflos wie das kleine Kind, das er ist, am Strand herum und ruft "Die Hölle, das sind doch die anderen!" (Daher das berühmte Zitat.) Er hat da echt so was von keinen Bock mehr auf soviel Ungerechtigkeit und Zuneigungsferne in der Welt, daß er bitterlich zu weinen beginnt.
Fazit (kann man so übernehmen für den Schulaufsatz): Zampano, der moderne Märtyrer, ein Aufklärer und Lichtbringer, bleibt zutiefst unverstanden und wird - ein Unbehauster! - von der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit gedrängt.
Heute könnte er über sein Leid bloggen, aber das konnte Fellini (auch schon tot) nicht ahnen.
