Donnerstag, 2. Februar 2017


Weltausstellung 2017

Altlasten sie schieben über den Schnee/
Sie sagen: Ach weh! Ach weh! Ach weh!

(Pieter Bruegel der Ältere:
"Die Jäger im Schnee". 1565)



Liebe ist, so ein altes chinesisches Sprichwort, wie Luftpolsterfolie. Stellst du Altlasten drauf, macht es "plopp", "plopp" und "plopp". Bis die Luft raus ist. Moderne Museumsbewohner wie ich wissen, bei Altlasten machst du innere Transformation, machst du voodoomagnetisch aufgeladene Fetische, einen inneren Flohmarkt - und dann ausgekehrt das Zeug in die herzhygienische Kunstanstalt.



Unser aller Lieblingsgalerie Feinkunst Krüger verwandelten im Januar die Rasselbande Nills Knott, Martin Nill, Gideon Pirx, Patrick Sellmann und Daniel van Eendenburg in die titelgebende Weltausstellung für all jene die 1889 die in Paris verpaßt haben.

Dorstselbst eine Pyramide voller Geheimnisse, eine Wohnzimmerkollektion voller magischer Ritualgegenstände, Skulpturen aus Erinnerung, Dioramen voller Ungeheuerlichkeiten. Bilder mit Fernblick, Tableaus mit Weitsicht, emotionsgeladene Objekte, greifbar und unbegreiflich. Unglaubliche Funde von finsteren Reisen, Vergangenheitsklumpert, neu zusammengefügte Fragmente für einen Fernglasblick in die Zukunft. Einen besseren Start ins neue Jahr hätte man nicht erfinden können. Und hier war alles wahr, und nur dort mußte man gewesen sein. Denn was man im Zeitalter des endlos reproduzierenden Internets nicht spüren kann, ist die Aura der Artefakte.

Weltausstellung. Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 28.1.2017


 


Dienstag, 17. Januar 2017


Daddy-o

Manchmal denke ich, mein Bart ist mein einziger Freund. Das ist natürlich Quatsch. Die Kunst ist mein einziger Freund und wurde sträflich vernachlässigt. So habe ich überhaupt noch gar nicht verinnerlicht, daß dieses Jahr wieder eine documenta ist. Die letzte mußte ich ja als einziger hier im Geläuf verpassen, denn da hatte ich ein Theaterengagement als ungnädiger Kranker. Aber nun habe ich mir ein Ziel gesetzt.



Auch im letzten Jahr habe ich einiges an Kunst verpaßt. So ärgere ich mich, daß ich in Wien nicht zu Berlinde de Bruyckere gegangen bin. Da habe ich mich selbst verzaudert. Dabei hat es hier so ein berührendes, sanftes Video dazu gegeben. Ich finde diese Frau jedenfalls sehr beeindruckend, sie hat eine angenehm ruhige Art. Später habe ich in Düsseldorf die sicherlich ebenfalls sehr beeindruckende Jean-Tinguely-Ausstellung mit den großen Maschinen verpaßt. Aber da hatte ich immerhin zum tröstenden Ausgleich und kleine Entschuldigung eine Lebensmittelvergiftung. So einen großen Wurf hat man ja auch nicht jeden Tag. Und im Grunde will so eine peristaltische Entäußerung ja mit einem performativen künstlerischen Akt verglichen sein. Ich denke, Marina Abramović hat bei ihren Aktionen auch nie mehr gelitten.



Versöhnlicher wurde es zum Jahresausklang. Nachdem ich die Eröffnung - um in der quasi erfolgserprobten Serie zu bleiben - ebenfalls verpaßt hatte, habe ich dann immerhin noch die Finissage von der von Herrn Krüger und Heiko Müller wieder ganz wunderbar gestalteten Jahresshow Don't Wake Daddy sehen können. Zwar gab es schon einige Leerstellen an der Wand, bei denen meine überschwengliche Imagination die Lücken füllen mußte. Aber schließlich sollte die Kunst auch hier und da unterm Weihnachtsbaum liegen, da habe ich Verständis. Bei der letztjährigen Ausgabe, der elften bereits, zeigten unter anderem wieder Veteranen wie Ryan Heshka (von dem ich jetzt ein kleines Comic-Abum besitze), Alex Diamond, Femke Hiemstra und Fred Stonehouse, Moki und natürlich Heiko Müller (meist) neue Werke. Ein großer Spaß, und mit großer gesundheitlicher Wirkung: Mir ging es gleich viel besser.

So soll und muß und kann es nicht anders weitergehen dieses Jahr. Ich darf mich nicht selbst beirren. Und schon gar nicht beirren lassen. Es fährt ein Zug zur Wilhelmshöhe.

Don't Wake Daddy XI. Feinkunst Krüger, Hamburg. 6. bis 23.12.2016


 


Freitag, 15. Juli 2016


Blumen & Waschbecken

Für die Arbeit an meinem Fotoband Blumen & Waschbecken war ich letztes Wochenende in der Kunstakademie. Dort gab es die jährliche Absolventenausstellung, ein in der Regel munteres Positionenhüpfen der verschiedenen Klassen. Also Büttner hier, Jutta Koether dort, Demand dazwischen und die anderen auch. Wie immer ist der größte Spaß eigentlich das Entdecken im labyrinthisch verschachtelten treppauf, treppab des Gebäudes, Stiegentürme hinauf und hinunter, lange Gänge entlang, den ausliegenden Faltplan lange schon ignorierend, ist doch wirklich mal der Weg das Ziel.



Weil es frisch noch am Samstag ist, also avant-la-fête, sind die Waschbecken noch nicht gefüllt mit Flaschen und Erinnerungslücken. Frisch wirken Ateliers und Künstler, der Jahrgang schaut hoffnungsfroh. Die Blumen haben Wasser.



Die Qualität der Arbeiten ist erstaunlich unterschiedlich. Ein Raum wagt Kirmeskunst weit unterhalb platter Gebrauchsgrafik, daß man sich fragt, wie hier jemals die Mappenprüfung bestanden wurde. Man nimmt es so hin, nickt mit dem Kopf und meint eigentlich ein Schütteln. Mit allem Respekt.



Schön sind ja die Möglichkeiten des totalen Raums. Einfach mal ein Atelier bespielen mit einer buchstäblich ausgewalzten Idee. Im Styroporkugelzimmer wühlen sich verzückte Kinder durch elektrostatischen Mulch, mit dem der Boden zentimeterhoch ausgelegt ist. Gebilde aus zartem Plastik schweben an der Decke, auf den Tischen eine Laborlandschaft. Präparate, Objekte, in jeder Hinsicht künstliche Artefakte. Sehr hübsch und anhänglich, kleben die kleinen weißen Kugeln noch tagelang an einem. Wie mit einem Haftbefehl.

Verzückend auch das kleine Wunderkammer-Kabinett, in dem in kleinen Einmachgläsern selbstgemachte Schneekugeln wie Säulen übereinandergestapelt sind. Gerade mal zu zweit, aber das reicht ja für vieles im Leben, quetscht man sich hinein in den dunklen Raum, eine von der Künstlerin (deren Namen ich mir leider und schwer verzeihicherweise nicht gemerkt habe) Taschenlampe hilft beim Entdecken von Schnecken und Wesen, die in den Gläsern Unfug treiben. Das Wichtige im Kleinen entdecken, ein meditativer und lehrreicher Exkurs. Und witzig.



Dringend zu erwähnen sind die Gemälde von Inga Kählke. Verschwommene Bilder wie "Pferdeliebhaberin" und sehr pastos aufgetragene Texturen sind auch in der Gesamtschau der Hängung emotional, verstörend und dann doch wieder heiter. Für mich der Höhepunkt dieses Jahrgangs.

Wobei ich wieder nicht alles gesehen habe.


 


Freitag, 8. April 2016


Und jetzt eine Rakete!



Eine Raketenstation! Also wenn es darum geht, eine Rakete zu zünden, dann bin ich doch wohl gleich dabei. Schon allein wegen des konfettigetränkten Vergnügens, mehr aber noch wegen der Sozialhygiene. Wen man da alles reinpacken könnte!



Leute, die einem ungebeten angelesene Ratschläge geben, zum Beispiel. Dinge, von denen sie selber keine Ahnung haben, die ihnen aber just irgendsoeine breitbeinig aufgestellte Type gewichtig erklärt hat. Ab in die Rakete und fuiiiiiiiiiii! Leute mit imposant vorgetragenen, monstranzhaft zur Schau gestellten Haltungen und Meinungen, die sie selber gar nicht leben. Ab in die Rakete und fuiiiiiiiii! Leute, denen nach Jahren plötzlich einfällt, daß sie einen oder die Dinge, die man macht, eh noch nie und sowieso nicht leiden konnten. Ab in die Rakete und fuiiiiiiiii! Und all die Leute, die einem morgens auf dem Weg zur S-Bahn im Wege stehen sollen auch die Rakete nehmen. Fuiiiiiiiiiiii!



Aber dann wird einem erläutert, daß es dort gar keine Raketenabschußbasis gibt und auch keine heimlich gemunkelten und noch heimlicher verschwiegenen Verbindungstunnel. Nur Kunst läge da rum, kleine Gebäude und Objekte und Ateliers. Und natürlich das Thomas-Kling-Archiv. Einer, der noch Raketen mit der deutschen Sprache gezündet hat. Fuiiiiiiiiiiiii!



Also wandert man nur so herum, wild deklamierend, gestikulierend oder still verzückt. Schaut Weidenkätzchen an Brutalbeton oder sich sonnende Dachhasen mit Mißmutblick. Nimmt sich einen Stuhl, schaut wie ein Fisch aus dem Aquarium.



Tankt Rost, denn auch das ist Kunst, wie ein Hinweis versichert. Darf man sogar streicheln, ganz anders als im Museum. Das fördert die Oxydation und das Begreifen. Hört den Wind pfeifen und pfeift ein Lied dazu, singt im Echoraum und lauscht dem Atmen der Steine.



Immer schön weitermachen, heißt es. Bögen ziehen, Kreise schließen, Vergangenes nicht schmähen, wenn man den Blick nach vorne hält. "Ich bin entspannt", sage ich. Bestimmt dreimal am Tag.


 


Freitag, 22. Januar 2016


Graue Dilletanten


So toll, wenn die eigene Jugend ins Museum kommt (die rechte meine ich, Leute!)

1981 gab es im Berliner Tempodrom das berühmte und berühmt falsch geschriebene Festival "Geniale Dilletanten". Die gleichnamige Ausstellung, die zuvor bereits in abgespeckter Form in München und im Ausland zu sehen war, zeigt Erinnerungsstücke an damalige Bands, Malerei, Installationen und Videos aus dem deutschen Post-Punk-Umfeld, also der Neuen Deutschen Welle ehe sie die NDW war.


Dilletanten-Bingo: Immerhin, vier der gezeigten Alben habe ich

Im Publikum zahlreiche Vertreter und Zeitzeugen, spot your Künstler heißt auch ein fröhliches Motto des Abends. Etwas fürs Panini-Sammelalbum: Die meisten in Ehren ergraut, manche auch einfach so. Manche auch nicht so gut, was mir ein wenig Angst einjagt, denn ähnlich wie ich sind die ebenfalls mindestens 37 Jahre und ein paar Monate alt. Aber wie heißt es so schön? So punk kommen wir nicht mehr zusammen, schnell noch ein Bier und Erinnerungen ins Sentimentalknopfloch.



"Duchamp" in zwei, drei, eins... Doris am Urinal

Eigentlich waren die Zentren dieser Kunstpunk-Szene Düsseldorf und Berlin, Hamburg war ja eher gleichnamige Härte, halt die Fresse, komm mal her - obwohl, so geschwätzig ist man hier ja wiederum auch nicht. Zwischen DAF, Der Plan, Einstürzende Neubauten und Die tödliche Doris wurden also schnell noch Palais Schaumburg als Hanseatenbeitrag gepackt, die waren immerhin auf der Kunsthochschule. Warum Bands wie F.S.K. hier subsummiert sind, erschließt sich mir bei aller Liebe aber nicht.



"Mit Leibwachen kommt Holger Hiller an/Massenschlägerei für ein Autogramm!"

Mittagspause sind erwähnt, Fehlfarben und einige von der Düsseldorfer Akademie fehlen. Aber Leerstellen zu benennen, ist im Nachhinein immer einfach. Natürlich wären Bilder von Albert Oehlen oder Objekte wie das Stehpuppen-Schallplattenset der Tödlichen Doris nett gewesen, ich kenne immerhin zwei Menschen, die eines besitzen. (Und einer davon bin nicht ich. Und der andere leider auch nicht.)

Amüsant ist das ausgestellte, völlig zerdengelte Metallschlagzeug der Neubauten, ein "Berühren verboten"-Schild soll den Schrotthaufen schützen, was natürlich dem Sinn der ausgestellten Kunst völlig zuwiderläuft. (Es wird sich, ich drücke es mal so aus, nicht akribisch dran gehalten.) Es ist ein Museum, ein ganzes Leben, in Gießharz eingeklebt.


Ratinger! Markthalle! X-mal Deutschland!

Kurz, Kennwort "Ratinger!", spreche ich mit La Reimann. Die erkennt mich aber gar nicht, so grau bin ich geworden. Zeit, mich ins Museum zu stellen, Glasvitrine zu, weg, schnell noch ein Lied: Das war vor Jahren. Peter Hein, bitte rufen Sie mich aus Wien an!

("Geniale Dilletanten - Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland". Museum für Kunst & Gewerbe, Hamburg. Bis 30. April 2016.)


 


Sonntag, 17. Januar 2016


Ch-ch-changes



Ich höre gerade das aktuelle Album von Julia Kent. Asperities gefällt mir ausnehmend gut, es schreit mich nicht an, rüttelt nicht an meinen Nerven durch Besserwisserei, verfirlefanzt sich auch nicht mit kitschig gewundener Zuckercouleur. Können auch Erwachsene hören, oder gerade diese. Ich sortiere dazu Zeitungsausschnitte und Erinnerungen. Hier muß ja mal aussortiert werden, gleich mir selber ist hier in den letzten Jahren einiges liegengeblieben. Meine Ärztin, die gute Frau Sorge, machte mich vergnügt darauf aufmerksam: "Ihre neue Gesundheitskarte druckt ja ihren zweiten Vornamen mit aus. Den kannte ich gar nicht!" Ja, antwortete ich, Autarkie heißt der. Nach dem Heiligen, der es gar nicht gut mochte, sich von anderen helfen lassen zu müssen. Nun mußte ich das in den letzten Jahren ab und an in Anspruch nehmen, und stelle fest, das hat auch zwei Seiten. Zumal manch einer dann Rechnungen präsentiert.

2016 müssen also wieder Zügel in die Hand, hü-hott und ab. Der Arbeiter arbeitet, und David Bowie könnte einem darin ein Vorbild sein. "It's too late - to be late again". Ich habe ihn leider nur einmal live gesehen. 1983 war das, die Serious Moonlight-Tour, man hätte mich ja quasi im Tragetuch reinschmuggeln können, so jung war ich. Sein Humor und seine Höflichkeit blieben mir in Erinnerung und die vielen Fans, die in verschiedene Bowie-Epochen hineinfrisiert waren. Klare Aussagen, Let's Dance, aber bitte nicht mit anderen Männern und mich blöd in der Landschaft stehenlassen. In unserer Discothek, wie die musikanbietenden Betriebsstätten damals hießen, lief immer "Station To Station" in voller epischer Länge, dieses mit allerlei melancholischer Emotion, Brüchen und Brücken unterfütterte musikalische Hyperion-Klippengespringe. Dann aber nur Stillstand im Leben, bequemliches Schicksalswarten, zauderndes "Vorsicht, Vorsicht"-Gezischel und untätige Eckensteherei. Wobei, so untätig war ich gar nicht. David Bowie - oder "Herr Jones", wie ihn Alt-Berliner nennen - jedenfalls hat geackert bis zum Schluß, dann ab in die Raumkapsel und nachgeschaut, wie das wirklich so ist mit dem Life On Mars. Bislang gibt es von dort ja kein zurück.



Bei Herrn Krüger ein Bild abgeholt. Dabei die erstaunliche Schau von Daniel M. Thurau entdeckt, von der ich zuerst dachte, najo, ist das nicht irgendwie... ist es aber nicht. Räumt eure Vintage-E-Gitarrensammlungen und Filmposter von den Wänden und macht Platz für diese mit allerlei melancholischer Emotion unterfütterte, nur scheinbar heimelige Malerei, die uns zeigt, wie wir in unseren zurechtgehipsterten Augenscheinwohnungen in sterndeuterischen Nächten von wild wuchernden Gedanken und Sätzen umrankt Welt durch Geräte wahrnehmen. Könnt ihr mal drüber nachdenken! Herzl., euer Kid37.

(Daniel M. Thurau: "Utopia Now". Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 30.1.2016.)


 


Mittwoch, 26. November 2014


Moment noch



Ich rufe bald zurück!

Bis dahin, macht doch mal was wider die Bequemlichkeit in den Augen. Schaut doch morgen mal in Berlin bei der Ausstellungseröffnung der Fotografin Marlen Mueller vorbei. Ich mag diese Bilder, die einen nicht anschreien, wenn sie stimmungsvolle, fast flüchtige Momente, Grenzlinien zwischen Jugend und Vergangen, Morgenkaffee und Wann-fängt-der-Abend-an, Bewegung und Augenblick zeigen. Kleine Geschichten, die gleich passieren oder gerade eben passiert sind.

Oder schaut am Samstag bei Feinkunst Krüger rein, wenn es zum neunten Mal heißt Don't Wake Daddy. Heiko Müller, Moki, Paul Chatem, Ryan Heshka, Femke Hiemstra, Fred Stonehouse und einige mehr sind dabei, ihr könnt es auch sein und mit offenem Mund und klopfenden Herzen vor den Wänden stehen.

Das sind alles so Möglichkeiten und Wege. Ihr müßt sie nur selber gehen.

(Marlen Mueller, "Exhibition". Greifswalderstr. 202, 10405 Berlin. 27.11.2014
"Don't Wake Daddy". Feinunst Krüger,Hamburg. Ab 29.11.2014)


 


Freitag, 24. Oktober 2014


Es gibt kein Entkommen



Nicht mit brachialer Wucht jedenfalls, sondern durch feine Schnitte, die Laubsäge näher gehalten als die Axt. Wir sehen humorvoll-melancholische Geschichten, die im Holz seit langer Zeit schon eingeschrieben scheinen und von Passfeld, dem Finder solcher Dinge, nur rausgelöst zu werden brauchen. Filmerzählende Bilder und Assemblagen, Holzobjekte, die in den Raum greifen, sich als Sprache tarnen und wieder zu Bildern werden. Da fuhr gerade eine Frau in einem Sommerkleid auf einem Fahrrad vorbei.

Wer sich beeilt, kann sie noch sehen: Die Finissage ist am Samstag.

(Thorsten Passfeld, "Es gibt kein Entkommen". Feinkunst Krüger. Bis 25.10.2014.)


 


Samstag, 27. September 2014


Glades



Da war ich übrigens auch. Zum Eröffnungswochende am ersten Septemberwochenende nach der Sommerpause war dies natürlich der Höhepunkt. Die erste Einzelausstellung von Lokalmatador Heiko Müller bei Feinkunst Krüger setzte gleich mal ein Ausrufezeichen für die neue Galeriesaison. Nach Beteiligungen an zahlreichen Gruppenausstellungen nun also solo.

Der Mann war fleißig gewesen und zeigte gleich eine ganze Reihe großartiger neuer Sachen: Bilder von aufgeschreckten Tieren, abgekämpften Kämpfern und irritierenden Widersprüchen in scheinbar idyllischer Natur. Eine souveräne Schau ohne übertriebenen Klimbim, sondern Auge in Auge mit sanfter Verstörung und bezaubernden Wandlungen. Auch toll: Mit der neuen Brille konnte ich noch die verstecktesten Geheimnisse und prominentesten Gäste entdecken.

(Heiko Müller: Glades. Feinkunst Krüger. 6.-27.9.2014.)

>>> Bilder der Eröffnung
>>> Bilder zum Nachschauen

Flanieren | von kid37 um 23:59h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 2. Juli 2014


Es geht um Alles



Wenn man unvermutet und übersichtslos hineinfällt, fühlt man sich selbst bald wie einem Schützengraben. Labyrinthisch aufgebaute Schauvitrinen, Plakatwände und Leinwände und Monitore zwängen einen in enge, verstellte Wege, während im Kinoraum einen links und rechts Propagandafilme anbellen, Ertüchtigungs- und Durchhalteparolen aufblitzen oder marschierende Truppen auf einen zustapfen. Die Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" im Hamburger MKG lebt von der Fülle des Materials. Offizielle Plakate, erstaunliche Spielzeuge, aber auch viele Erinnerungstücke aus Privatbesitz versuchen, einen Eindruck von der kriegsbegeisterten Zeit des ersten, modernen Vernichtungskrieges zu vermitteln.



Darunter sind "Scrapbooks", also frühe Tumblr-Blogs, in denen unsere Urgroßeltern Zeitungsauschnitte, Briefe und Fotos klebten. Zeichnungen und Fotos von der Front kamen mit der Feldpost, Soldaten hatten kleine Plattenkameras dabei, entwickelten die Bilder in ihren Unterständen auf vorgedrucktes Postkartenpapier und schickten sie in solchen Mengen nach Hause, daß unmöglich alles durch die Zensur laufen konnte. Schon damals also erstickten staatliche Stellen an der schieren Fülle des Materials.

In Zeiten der Not war "Nachhaltigkeit" ein Gebot avant la lettre, gesammeltes Frauenhaar war kein Fetisch Erinnerungstück, sondern kriegswichtiges Material, Kaninchen noch wirkliche Nutztiere, denen das Fell über die Ohren zu ziehen galt. Ausschnitte aus Kriegstagebüchern beschreiben das Grauen der Gefechte, aber auch die entsetzliche Langeweile in den Gräben oder zeigen in Fotos und Zeichnungen wahlweise idyllische oder zerbombte Landschaften. Bissig dagegen die satirisch-polemischen Propagandablätter, in denen den "Hunnen" von schlangenphallischen Allierten ordentlich in Pulver und Suppe gepißt gespuckt wurde.

("Krieg und Propaganda 14/18". Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg. Bis 2.11.2014.)

>>> Mehr Infos auch unter Propaganda 1418.