Freitag, 8. April 2016


Und jetzt eine Rakete!



Eine Raketenstation! Also wenn es darum geht, eine Rakete zu zünden, dann bin ich doch wohl gleich dabei. Schon allein wegen des konfettigetränkten Vergnügens, mehr aber noch wegen der Sozialhygiene. Wen man da alles reinpacken könnte!



Leute, die einem ungebeten angelesene Ratschläge geben, zum Beispiel. Dinge, von denen sie selber keine Ahnung haben, die ihnen aber just irgendsoeine breitbeinig aufgestellte Type gewichtig erklärt hat. Ab in die Rakete und fuiiiiiiiiiii! Leute mit imposant vorgetragenen, monstranzhaft zur Schau gestellten Haltungen und Meinungen, die sie selber gar nicht leben. Ab in die Rakete und fuiiiiiiiii! Leute, denen nach Jahren plötzlich einfällt, daß sie einen oder die Dinge, die man macht, eh noch nie und sowieso nicht leiden konnten. Ab in die Rakete und fuiiiiiiiii! Und all die Leute, die einem morgens auf dem Weg zur S-Bahn im Wege stehen sollen auch die Rakete nehmen. Fuiiiiiiiiiiii!



Aber dann wird einem erläutert, daß es dort gar keine Raketenabschußbasis gibt und auch keine heimlich gemunkelten und noch heimlicher verschwiegenen Verbindungstunnel. Nur Kunst läge da rum, kleine Gebäude und Objekte und Ateliers. Und natürlich das Thomas-Kling-Archiv. Einer, der noch Raketen mit der deutschen Sprache gezündet hat. Fuiiiiiiiiiiiii!



Also wandert man nur so herum, wild deklamierend, gestikulierend oder still verzückt. Schaut Weidenkätzchen an Brutalbeton oder sich sonnende Dachhasen mit Mißmutblick. Nimmt sich einen Stuhl, schaut wie ein Fisch aus dem Aquarium.



Tankt Rost, denn auch das ist Kunst, wie ein Hinweis versichert. Darf man sogar streicheln, ganz anders als im Museum. Das fördert die Oxydation und das Begreifen. Hört den Wind pfeifen und pfeift ein Lied dazu, singt im Echoraum und lauscht dem Atmen der Steine.



Immer schön weitermachen, heißt es. Bögen ziehen, Kreise schließen, Vergangenes nicht schmähen, wenn man den Blick nach vorne hält. "Ich bin entspannt", sage ich. Bestimmt dreimal am Tag.


 


Freitag, 22. Januar 2016


Graue Dilletanten


So toll, wenn die eigene Jugend ins Museum kommt (die rechte meine ich, Leute!)

1981 gab es im Berliner Tempodrom das berühmte und berühmt falsch geschriebene Festival "Geniale Dilletanten". Die gleichnamige Ausstellung, die zuvor bereits in abgespeckter Form in München und im Ausland zu sehen war, zeigt Erinnerungsstücke an damalige Bands, Malerei, Installationen und Videos aus dem deutschen Post-Punk-Umfeld, also der Neuen Deutschen Welle ehe sie die NDW war.


Dilletanten-Bingo: Immerhin, vier der gezeigten Alben habe ich

Im Publikum zahlreiche Vertreter und Zeitzeugen, spot your Künstler heißt auch ein fröhliches Motto des Abends. Etwas fürs Panini-Sammelalbum: Die meisten in Ehren ergraut, manche auch einfach so. Manche auch nicht so gut, was mir ein wenig Angst einjagt, denn ähnlich wie ich sind die ebenfalls mindestens 37 Jahre und ein paar Monate alt. Aber wie heißt es so schön? So punk kommen wir nicht mehr zusammen, schnell noch ein Bier und Erinnerungen ins Sentimentalknopfloch.



"Duchamp" in zwei, drei, eins... Doris am Urinal

Eigentlich waren die Zentren dieser Kunstpunk-Szene Düsseldorf und Berlin, Hamburg war ja eher gleichnamige Härte, halt die Fresse, komm mal her - obwohl, so geschwätzig ist man hier ja wiederum auch nicht. Zwischen DAF, Der Plan, Einstürzende Neubauten und Die tödliche Doris wurden also schnell noch Palais Schaumburg als Hanseatenbeitrag gepackt, die waren immerhin auf der Kunsthochschule. Warum Bands wie F.S.K. hier subsummiert sind, erschließt sich mir bei aller Liebe aber nicht.



"Mit Leibwachen kommt Holger Hiller an/Massenschlägerei für ein Autogramm!"

Mittagspause sind erwähnt, Fehlfarben und einige von der Düsseldorfer Akademie fehlen. Aber Leerstellen zu benennen, ist im Nachhinein immer einfach. Natürlich wären Bilder von Albert Oehlen oder Objekte wie das Stehpuppen-Schallplattenset der Tödlichen Doris nett gewesen, ich kenne immerhin zwei Menschen, die eines besitzen. (Und einer davon bin nicht ich. Und der andere leider auch nicht.)

Amüsant ist das ausgestellte, völlig zerdengelte Metallschlagzeug der Neubauten, ein "Berühren verboten"-Schild soll den Schrotthaufen schützen, was natürlich dem Sinn der ausgestellten Kunst völlig zuwiderläuft. (Es wird sich, ich drücke es mal so aus, nicht akribisch dran gehalten.) Es ist ein Museum, ein ganzes Leben, in Gießharz eingeklebt.


Ratinger! Markthalle! X-mal Deutschland!

Kurz, Kennwort "Ratinger!", spreche ich mit La Reimann. Die erkennt mich aber gar nicht, so grau bin ich geworden. Zeit, mich ins Museum zu stellen, Glasvitrine zu, weg, schnell noch ein Lied: Das war vor Jahren. Peter Hein, bitte rufen Sie mich aus Wien an!

("Geniale Dilletanten - Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland". Museum für Kunst & Gewerbe, Hamburg. Bis 30. April 2016.)


 


Sonntag, 17. Januar 2016


Ch-ch-changes



Ich höre gerade das aktuelle Album von Julia Kent. Asperities gefällt mir ausnehmend gut, es schreit mich nicht an, rüttelt nicht an meinen Nerven durch Besserwisserei, verfirlefanzt sich auch nicht mit kitschig gewundener Zuckercouleur. Können auch Erwachsene hören, oder gerade diese. Ich sortiere dazu Zeitungsausschnitte und Erinnerungen. Hier muß ja mal aussortiert werden, gleich mir selber ist hier in den letzten Jahren einiges liegengeblieben. Meine Ärztin, die gute Frau Sorge, machte mich vergnügt darauf aufmerksam: "Ihre neue Gesundheitskarte druckt ja ihren zweiten Vornamen mit aus. Den kannte ich gar nicht!" Ja, antwortete ich, Autarkie heißt der. Nach dem Heiligen, der es gar nicht gut mochte, sich von anderen helfen lassen zu müssen. Nun mußte ich das in den letzten Jahren ab und an in Anspruch nehmen, und stelle fest, das hat auch zwei Seiten. Zumal manch einer dann Rechnungen präsentiert.

2016 müssen also wieder Zügel in die Hand, hü-hott und ab. Der Arbeiter arbeitet, und David Bowie könnte einem darin ein Vorbild sein. "It's too late - to be late again". Ich habe ihn leider nur einmal live gesehen. 1983 war das, die Serious Moonlight-Tour, man hätte mich ja quasi im Tragetuch reinschmuggeln können, so jung war ich. Sein Humor und seine Höflichkeit blieben mir in Erinnerung und die vielen Fans, die in verschiedene Bowie-Epochen hineinfrisiert waren. Klare Aussagen, Let's Dance, aber bitte nicht mit anderen Männern und mich blöd in der Landschaft stehenlassen. In unserer Discothek, wie die musikanbietenden Betriebsstätten damals hießen, lief immer "Station To Station" in voller epischer Länge, dieses mit allerlei melancholischer Emotion, Brüchen und Brücken unterfütterte musikalische Hyperion-Klippengespringe. Dann aber nur Stillstand im Leben, bequemliches Schicksalswarten, zauderndes "Vorsicht, Vorsicht"-Gezischel und untätige Eckensteherei. Wobei, so untätig war ich gar nicht. David Bowie - oder "Herr Jones", wie ihn Alt-Berliner nennen - jedenfalls hat geackert bis zum Schluß, dann ab in die Raumkapsel und nachgeschaut, wie das wirklich so ist mit dem Life On Mars. Bislang gibt es von dort ja kein zurück.



Bei Herrn Krüger ein Bild abgeholt. Dabei die erstaunliche Schau von Daniel M. Thurau entdeckt, von der ich zuerst dachte, najo, ist das nicht irgendwie... ist es aber nicht. Räumt eure Vintage-E-Gitarrensammlungen und Filmposter von den Wänden und macht Platz für diese mit allerlei melancholischer Emotion unterfütterte, nur scheinbar heimelige Malerei, die uns zeigt, wie wir in unseren zurechtgehipsterten Augenscheinwohnungen in sterndeuterischen Nächten von wild wuchernden Gedanken und Sätzen umrankt Welt durch Geräte wahrnehmen. Könnt ihr mal drüber nachdenken! Herzl., euer Kid37.

(Daniel M. Thurau: "Utopia Now". Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 30.1.2016.)


 


Mittwoch, 26. November 2014


Moment noch



Ich rufe bald zurück!

Bis dahin, macht doch mal was wider die Bequemlichkeit in den Augen. Schaut doch morgen mal in Berlin bei der Ausstellungseröffnung der Fotografin Marlen Mueller vorbei. Ich mag diese Bilder, die einen nicht anschreien, wenn sie stimmungsvolle, fast flüchtige Momente, Grenzlinien zwischen Jugend und Vergangen, Morgenkaffee und Wann-fängt-der-Abend-an, Bewegung und Augenblick zeigen. Kleine Geschichten, die gleich passieren oder gerade eben passiert sind.

Oder schaut am Samstag bei Feinkunst Krüger rein, wenn es zum neunten Mal heißt Don't Wake Daddy. Heiko Müller, Moki, Paul Chatem, Ryan Heshka, Femke Hiemstra, Fred Stonehouse und einige mehr sind dabei, ihr könnt es auch sein und mit offenem Mund und klopfenden Herzen vor den Wänden stehen.

Das sind alles so Möglichkeiten und Wege. Ihr müßt sie nur selber gehen.

(Marlen Mueller, "Exhibition". Greifswalderstr. 202, 10405 Berlin. 27.11.2014
"Don't Wake Daddy". Feinunst Krüger,Hamburg. Ab 29.11.2014)


 


Freitag, 24. Oktober 2014


Es gibt kein Entkommen



Nicht mit brachialer Wucht jedenfalls, sondern durch feine Schnitte, die Laubsäge näher gehalten als die Axt. Wir sehen humorvoll-melancholische Geschichten, die im Holz seit langer Zeit schon eingeschrieben scheinen und von Passfeld, dem Finder solcher Dinge, nur rausgelöst zu werden brauchen. Filmerzählende Bilder und Assemblagen, Holzobjekte, die in den Raum greifen, sich als Sprache tarnen und wieder zu Bildern werden. Da fuhr gerade eine Frau in einem Sommerkleid auf einem Fahrrad vorbei.

Wer sich beeilt, kann sie noch sehen: Die Finissage ist am Samstag.

(Thorsten Passfeld, "Es gibt kein Entkommen". Feinkunst Krüger. Bis 25.10.2014.)


 


Samstag, 27. September 2014


Glades



Da war ich übrigens auch. Zum Eröffnungswochende am ersten Septemberwochenende nach der Sommerpause war dies natürlich der Höhepunkt. Die erste Einzelausstellung von Lokalmatador Heiko Müller bei Feinkunst Krüger setzte gleich mal ein Ausrufezeichen für die neue Galeriesaison. Nach Beteiligungen an zahlreichen Gruppenausstellungen nun also solo.

Der Mann war fleißig gewesen und zeigte gleich eine ganze Reihe großartiger neuer Sachen: Bilder von aufgeschreckten Tieren, abgekämpften Kämpfern und irritierenden Widersprüchen in scheinbar idyllischer Natur. Eine souveräne Schau ohne übertriebenen Klimbim, sondern Auge in Auge mit sanfter Verstörung und bezaubernden Wandlungen. Auch toll: Mit der neuen Brille konnte ich noch die verstecktesten Geheimnisse und prominentesten Gäste entdecken.

(Heiko Müller: Glades. Feinkunst Krüger. 6.-27.9.2014.)

>>> Bilder der Eröffnung
>>> Bilder zum Nachschauen

Flanieren | von kid37 um 23:59h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 2. Juli 2014


Es geht um Alles



Wenn man unvermutet und übersichtslos hineinfällt, fühlt man sich selbst bald wie einem Schützengraben. Labyrinthisch aufgebaute Schauvitrinen, Plakatwände und Leinwände und Monitore zwängen einen in enge, verstellte Wege, während im Kinoraum einen links und rechts Propagandafilme anbellen, Ertüchtigungs- und Durchhalteparolen aufblitzen oder marschierende Truppen auf einen zustapfen. Die Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" im Hamburger MKG lebt von der Fülle des Materials. Offizielle Plakate, erstaunliche Spielzeuge, aber auch viele Erinnerungstücke aus Privatbesitz versuchen, einen Eindruck von der kriegsbegeisterten Zeit des ersten, modernen Vernichtungskrieges zu vermitteln.



Darunter sind "Scrapbooks", also frühe Tumblr-Blogs, in denen unsere Urgroßeltern Zeitungsauschnitte, Briefe und Fotos klebten. Zeichnungen und Fotos von der Front kamen mit der Feldpost, Soldaten hatten kleine Plattenkameras dabei, entwickelten die Bilder in ihren Unterständen auf vorgedrucktes Postkartenpapier und schickten sie in solchen Mengen nach Hause, daß unmöglich alles durch die Zensur laufen konnte. Schon damals also erstickten staatliche Stellen an der schieren Fülle des Materials.

In Zeiten der Not war "Nachhaltigkeit" ein Gebot avant la lettre, gesammeltes Frauenhaar war kein Fetisch Erinnerungstück, sondern kriegswichtiges Material, Kaninchen noch wirkliche Nutztiere, denen das Fell über die Ohren zu ziehen galt. Ausschnitte aus Kriegstagebüchern beschreiben das Grauen der Gefechte, aber auch die entsetzliche Langeweile in den Gräben oder zeigen in Fotos und Zeichnungen wahlweise idyllische oder zerbombte Landschaften. Bissig dagegen die satirisch-polemischen Propagandablätter, in denen den "Hunnen" von schlangenphallischen Allierten ordentlich in Pulver und Suppe gepißt gespuckt wurde.

("Krieg und Propaganda 14/18". Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg. Bis 2.11.2014.)

>>> Mehr Infos auch unter Propaganda 1418.


 


Dienstag, 11. März 2014


Schnipp und schnapp



Stein, Schere, Papier: Geschüttelt vom Samstagnachtkunstfieber mal nachschauen, was andere Leute so mit Cutter, Schere, Klebstoff machen. Herr Krüger hat erneut eine illustre Truppe Künstler sozusagen in seine Galerie collagiert - Mario Wagner und Dennis Busch etwa, James Gallagher, Sergei Sviatchenko oder Julia Busch und Katrien de Blauwer, Martin Bronsema. Dazu Lokalmatadoren wie Patrick Farzar und zahlreiche mehr. Da gibt es dann feine Klinge neben brachialem Gerupf, Frontalkörperlichkeit neben Du-mußt-nur-die-Blickrichtung-ändern-Starporträt. Häßliche Männer, schöne Frauen, Konfrontation auf Papier und im Publikum.

Fein getrennt und dann heißt es: Materialzusammenstoß. Im Publikum den Pullenhalter am Kinderwagen, so geht Elternzeit auch nach 18.00 Uhr, wenn irgendwann das Hopfenfläschchen zur Nachtruhe fällig wird. Feinsinnige Überraschungen auch an den Wänden zum Glück, hübsche Stücke, exponierte Stellen, Genitalfrühlingshaftes, Zeitebenenzusammenrückendes (die ach geschätzte Gegenwart ist immer gleich so vergangen) und Gegensatzvereinendes, kurz, ein hübsches Vergnügen - und bevor Menschen in fallende Collagiermesser greifen und sich an Devisengeschäften und folgenden Steuerschuldigkeiten verheben, sollten die das alles kaufen. Der Hausherr schneidet sicher gern die roten Punkte aus und klebt sie als große Galeriecollage an die Wand.

So läuft das hier, und man kann das noch gucken. Bis 29. März.

("Age of Collage". Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 29.3.2014.)


 


Montag, 3. März 2014


1000 Meisterwerke



Letzte Woche schon war der Absolventenrundgang in der HfbK, das ist ja immer eine gute Adresse für einen kleinen Ausflug unter junge Leute, schauen, was die von meinen Steuergeldern so treiben, sprich auch brav die Kunstsau rauslassen. Dieses Jahr aber war es eher abstrakt im Großen und Ganzen, viele Film- und Videoarbeiten zudem, für die einen ja leider meist die ganz große Zeit fehlt.

Gut gefallen haben mir die Arbeiten der Fotografin Eibe Maleen Krebs (Webseite), die ihre Doku Vom Hören Sagen (Trailer) über zehn blinde Menschen und ihre Träume und Vorstellungen über Licht und Farbe präsentierte. Dazu ausgelegt Fotografien, die mit Braille-Schrift bedruckt waren. "Eindrucksvolle" Idee, gutes Projekt auch.



Die alte Frage nach der Kunsthaftigkeit des Gezeigten wird auf den Fluren vorsorglich mit einem abgewendeten "Bitte stehenlassen" beantwortet. (aus meinem Essay: "Wenn Kunst mir den Rücken zudreht". In: Nexus Kultur. Hamburg: Dilthey & Nachf., 2014.) Was immer es ist, es will verbleiben, ein dinghaft gewordenes Versprechen, dem wir als Betrachter wie in Platons Höhlengleichnis von hinten nur als Schatten erscheinen. Vielleicht wurde die Kunst aber auch einfach nur beiseite geräumt.

Mit Franziska Opel (Webseite, ruhig mal durchblättern), die eine sehr überzeugende Arbeit zeigte mit kleinem Verkaufsautomaten (1 Karte, 1 Euro), rotierenden Scheiben, Drucken und Videoarbeiten, ein kurzes Gespräch über Bataille angefangen. War aber nur ein Nebenaspekt. Hätte ich eine Galerie, ich würde von ihr eine größere Fläche bespielen lassen.

Viel treppauf, treppab, wenig Malerei aber!, zum Schluß Kaffee und Kuchen, am Nebentisch ein berühmter Ex-Oberstaatsanwalt, Schauspieler und Autor, den ihr alle aus dem Schlingensief- und HGich.T-Umfeld kennt.

So war das.


 


Freitag, 20. September 2013


So böse alles



Die letzten Tage dann ein wenig mit dem Rad unterwegs gewesen, durchs Naturschutzgebiet, an der Düne vorbei, durch Vorort-Siedlungen wo auffällig viele Galgen in Vorgärten stehen. Daran Schilder von Immobilienmaklern: Zu verkaufen, Haus zu verkaufen, günstig zu verkaufen. Alles muß raus, der Radwanderer, der ungelüftete Mensch, die Vorstadtimmobilie.

Heute ich selbst und das Wetter mehr so unbestimmt, daher kurz ins Museale. Im MKG laufen noch die Bösen Dinge. Eine "Enzyklopädie des schlechten Geschmacks" wird angekündigt und allerlei Gegenstände ausgestellt, die aus unterschiedlichen Gründen als "böse" gelten. Das sind Sachen, die einst als muntere Reiseandenken oder frivole Kellerbargeschenke galten, die in unserer Zeit die Sprach- und Moralpolizei aus den Blogbereitschaftswachen locken. Oder die Ästhetikkripo. Als Kontrapunkt und Belehrung am Ende des Raums eine Installation mit Dingen des "guten Geschmacks", denn es gibt sie ja noch, die guten Dinge, viel Manufactum Wagenfeld und Werkbundästhetik also. Im Grunde so wie bei mir. Meine Wohnung ist ja vollgerümpelt mit bösen Dingen, Kadaverchic und Gestaltungsverbrechen ("Zwinker, Zwinker!") - und räumt man die beiseite, ist alles ein geschmacksbürgerlich mahnender Zeigefinger aus Wagenfeld und Eileen Gray. Pfff.

Auf der anderen Seite derselben Etage läuft zur gleichen Zeit eine Ausstellung mit Fotografien von Steve McCurry. Ich finde die Setzung sehr ironisch. Denn wenn man etwas zynisch ist, hängen hier die "bösen Dinge" von morgen. McCurry, hochdekorierter Fotograf für National Geographic, hat hier eine Vielzahl allesamt eindrucksvoll pittoresker Reisefotos ausgehängt. Wie der aufgeblätterte Wandkalender im Oberstufenratdaheim gibt es bemerkenswert großäugige Afghaninnen, buntgekleidete Inder, noch buntere Elefanten, badende Bartmänner im Ghanges, natürlich das Weltpressejahresfoto mit dem Mädchen aus Dingsbumstan, kurz ein kulturbunter Reigen aus dem fernen Asien und Nordafrika. Alles toll fotografiert, da meckert man nicht, und toll gefärbt, und toll langweilig auch. Nun bin ich zugegebenermaßen auch überhaupt nicht zu begeistern mit "Asien" oder der westlichen Kulturtourismusvorstellung davon, diese Begeisterung für "Indien" und "Tibet" und "China" hat mich nie ergriffen. (Einzig diese Tempelanlagen in Kambodscha und Vietnam finde ich interessant, wo man sehen kann, wie verschlungenes Wurzelwerk durch verschlungene Bauwerke furchen.) Das ist das eine. Dann stört mich aber diese durchgehende Magazin-Ästhetisierung in diesen Knallkontrastfarben, jedes Bild eine gefällige Ansichtskarte. (Für das Bildbearbeitungsprogramm Gimp gibt es einen eigenen Filter "National Geographic", der diesen Kitschstil sehr hübsch nachahmt. Das sagt schon viel.)

Es gibt also viel Ah und auch Oh, denn viele Besucher sind hier und betrachten die rührende, farbenfrohe Armut, (diese umstrahlt laut Rilke ja "ein stiller Glanz von Innen"*) - auch so eine Art Kadaverchic, Negerpüppchen für Besserdenkende. Großes Lob also ans MKG, diese beiden Ausstellunge so erhellend gegeneinandergestellt zu haben. Aber vielleicht sehe das auch nur sich so - und bin schon auf dem Weg in die Möbelsammlung, wo es zuvor ganz tolle Kostüme des expressionistischen Tanzes zu sehen gibt und dann viel von Wagenfeld. Zur Beruhigung der aufgepeitschten Sinne.

Dann noch schnell zum Amt, meine Stimme abgeben. Im Aufzug zum Dritten ein wenig mit einer jungen Frau geplaudert, die es auch zur Urne drängte. Obswasbringt Wasändert und Toitoitoiganzbestimmt. Überlegt, was sie wohl gewählt haben mag. Ich fand sie da schwer einzuschätzen. Auf die jungen Menschen ist schließlich kein Verlaß. Die lokale Krawallzeitung hatte neulich eine Straßenumfrage, da waren dann an und für sich vernünftig ausschauende junge Menschen abgebildet, wo man dachte, ach, vernünftige junge Menschen, mal schauen, was die so wählen. Da gab es eine "Angela" (21), die eine Namensvetterin gut fand. Und ihr Freund, "Jens-Uwe" (23), empfahl sogar die CDU. Eine an und für sich attraktive junge Frau (24) gab als Beruf "Immobilienmaklerin" an und wählte, es ist vorhersehbar wie die Farbgebung eines Bildes bei National Geographic, die FDP. Ich selbst habe mal eine an und für sich attraktive junge Immobilienmaklerin kennengelernt und sagte, Mensch, Immobilienmaklerin in Hamburg, "da hast du ja eine richtige Schlüsselposition inne". So als Witz. Maklerin. Schlüsselposition. Hat sie aber gar nicht verstanden, dabei hätte man schön gemeinsam lachen können. Und Augenzwinkern. Und anstoßen aus kitschigen Gläsern. Die hielt dann aber ein Schild hoch. Ich muß raus.

("Böse Dinge - Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks", bis 27. Oktober 2013. "Steve McCurry - Überwältigt vom Leben". Bis 29. September 2013. Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg.)