Sonntag, 21. April 2019


Vom Kreuz geholt



Neues aus down under. Max Sharam hat ein entzückend schmerzhaftes Video zu "Permanent Resident" animiert, zum Abschluß der Karwoche vielleicht genau das richtige. Für alle Maladen. Ich hingegen schrubbe mich so durch, Arbeit, Arbeit, Arbeit und viel zu wenig Energie. Jetzt vier Tage (die Hälfte ist rum) die Nägel aus dem Kreuz, ausspannen, zurücklehnen, Teppiche waschen und aus dem Fenster hängen, eine Hals-Nacken-Nasenhaarrasur schnittern, Filme schauen.

Schnell noch in der Ausstellung Aufbruch in die Moderne gewesen, die gut mit ihrem Zusammenspiel aus Malerei und Fotografie funktioniert. Wer noch den alten Band von Taschen Neue Sachlichkeit besitzt, kann sich den Katalog sparen - die allermeisten Werke sind auch hier vertreten (und teilweise in besserer Qualität). Es sind einige Werke aus dem Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum dabei, die ich also gut kenne, aber vielleicht 30 Jahren nicht mehr gesehen habe. Interessant also, nach so einer langen Zeit Carl Grossbergs Brücke über die Schwarzbachstraße zu sehen. Ich war an dieser Stelle oft, weil Schulfreunde von mir dort in der Nähe wohnten. Die Straße heißt einfach "Schwarzbach" und war damals auch nicht bunt, sondern grau von Ruß und Straßendreck. Ein doppeltes Wiedersehen jetzt - mit dem Bild und der Erinnerung an diesen Ort. Faszinierend: Man legt nur die Hände in den Schoß und wird doch irgendwann Zeitzeuge.

Kakteen, so erfährt man in der Ausstellung, galten damals als Zeichen der Weltläufigkeit. Ich halte an meinem, oft zersägten und beharrlich weiterwachsenden Exemplar ebenso beharrlich fest. Wie oft wurde der angefeindet in meinem Leben - jetzt weiß ich: Weltläufigkeit! Max Radlers Radiohörer ist auch zu sehen. Zu dem heißt es, die Enge des Zimmers verdeutliche die Einsamkeit des Hörers, ein permanent resident, der durch die Technik aber doch mit der ganzen Welt verbunden ist. Daher verstand auch damals kaum einer die Warnung, Radiohören mache einsam, das wahre Leben fände draußen statt!

Man kennt das heute von diesen Podcastern und Twitterlesern. Ein Bild, das mich ebenfalls berührte, denn das könnte ja ich sein! Wie das bei mir abends aussieht, wenn ich zwanglos werde, hat Kurt Weinhold allerdings 1929 schon präziser gemalt.

Die drei Bienenvölker auf dem Dach der Nôtre Dame haben das Feuer überlebt, heißt es. Sie gelten als Zeichen der Auferstehung, weil Simson Bienen aus dem Kadaver eines Löwen geholt hat. Um diese Nachricht zu verstehen, braucht man kein Radio.


 


Mittwoch, 6. März 2019


leCogla



Das neue Jahr schreitet hurtig voran, schon März, im Grunde ist es bald wieder rum. All überall werden Fenster geputzt, Rasen gestutzt, unter alte Teppiche geschaut, ausgebessert, geschnitten, geraspelt, gekürzt und umgestellt. Die Zeit der Collage - bei Feinkunst Krüger ist gerade die Ausstellung dazu zu sehen.

The Art of Collage 2 präsentiert 33 internationale Künstler, Werner Büttner ist darunter und Nathalie Huth mit ihrem schönen Vintagestil. Und das sind nur zwei!

Die Eröffnung brummte vor lauter freudiger Begeisterung, und wer die schnittige Chose selbst noch sehen möchte, hat bis zum 23. März Gelegenheit dazu.

"The Art of Collage 2". Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis zum 23. März 2019.


 


Donnerstag, 13. Dezember 2018


Don't Wake Daddy XIII



Wenn sich das Jahr dem Ende neigt, ist Zeit, sich bei Feinkunst Krüger noch mal ordentlich zusammenzukuscheln. Die jährliche Lowbrow- und Popsurrealismus-Show Don't Wake Daddy (heuer die 13. Ausgabe!) macht wach und ein träumerisches Auge. Und öffnet Herzen und Geldbörsen, denn die Werke passen in jede heimische Petersburger Hängung.



Künstler wie Moki, Caitlin McCormack, Fred Stonehouse, Heiko Müller und Jason Limon sind darunter (insgesamt 31 Künstler), über 100 Werke sind zu sehen. Und das noch bis zum 22.12. Es ist also ein wenig Eile geboten, nicht, daß das neue Jahr mit Weinen und Bibbern und Protestpetitionen beginnen muß, nur weil man es selbst verbummelt hat. Kein Pardon!



("Don't Wake Daddy XIII.". Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 22.12.2018)


 


Samstag, 25. August 2018


NYC #8 - Whores Hustle And The Hustlers Whore

Little people at the amusement park
City people in the dark
Speak to us, send us a sign
Tell us something to keep us trying

(P. J. Harvey,
"Whores Hustle And The Hustlers Whore")





Der Sommer war groß - und auch in New York unerbittlich. Da heißt es, Sonnenbrille aufsetzen, Strandtasche packen und an die Küste zu fahren. Es ist ein weiterer heißer Tag, vielleicht noch heißer als die davor. In Coney Island verbrennt die Sonne die Menschen und die Mermaids, die versuchen, über den glühendheißen Sand ans Wasser zu kommen. Ich lasse das mal. Goths on the beach ist zwar ein Trend, ich selbst aber befürchte sofortiges Verdampfen.



Menschen tauchen auf, Menschen tauchen wieder unter - die Wellen an Stränden sind so, und so ist auch das Großstadtleben. In Coney Island gibt es Seenotbesteck und Hilfe für alle Arten von Verletzung - Sonnenbrand und Seeigelstachel, Skorpionstiche und eingetretene Glasscherben, verdorbene Sandwiches und anderes Gemach und Ungemach. Ich habe die Holzkeulen für die Lichtgymnastik vergessen und schaue derweil den ledernen Körpern alternder Männer und attraktiven Bikinimädchen vor den überdimenionierten Kameralinsen großer Jungs zu. Alle gehen hier ihren Gewerken nach, die einen stiller, die anderen laurter. Allen kullert Schweiß von der Stirne, wie einem ehrlichen Arbeiter. Mir auch.



Im Dokumentarfilm Sleepless in New York verliebt sich eine Meerjungfrau auf der Coney Island-Parade. Sie küssen sich vor dem Aquarium mit den Haien, und erst später wird er sie verlassen. Das sind die Geschichten, bei denen Mascara nicht nur von der Sonne verschwimmt. Man kann auch diesen Spuren nachgehen, ich komme hundert Jahre zu spät für die großen Vergnügen entlang der Promenade, aber auf dem Spaziergang von Brighton Beach kann man das ein oder andere noch nachfühlen.



Vor dem Wonder Wheel ein Selfie. "Glauben Sie an Wunder?" Dieser schattenlose Platz bietet keinen Raum für Ausflüchte. Vielleicht ist alles, wie es ist, ganz gut. Das Rad dreht sich weiter, heißt es. Das Rad hat sich weitergedreht. "Too many people out of love", heißt es im Lied, das Leben wie so ein Thunderbolt-Vergnügungsfahrgeschäft. Und, hui, wird das schnell.



Auf und ab also, wie die Geschichte dieses Vergnügungsparks. Weil die Leute einfach nicht stillsitzen können. Es wird gekreischt, angeblich aus Vergnügen, ein Eingreifen ist nicht nötig. Zögernd nehme ich die Hand vom Nothalt. Man will ja nur helfen, soll sich aber nicht einmischen, ja, bitte, danke, dann also nicht. Die Regeln sind ganz schön kompliziert da draußen. Menschen.



Hundert Jahre zu spät, so der Titel meines Debütromans, bedeutet auch, die obskuren Schauen zu verpassen, die heute trotz Rufen nach Diversität gar nicht mehr gezeigt werden dürften. Vorsichtig verstecke ich meinen dritten Arm unter der Jacke. Im kleinen Shop des kleinen Museums zur Geschichte der Side Shows in Coney Island treffe ich ein deutsches Pärchen, das entzückt feststellt, daß man die Germanz immer bei den Freaks antreffen würde. Ich wollte nur helfen, wie gesagt.




Ich kaufe ein kleines Buch über die Geschichte des Örtchens und des Luna Parks, wische weiter Schweiß ab, schaue mir die vergessenen Plakate für die Mermaid-Parade an. Nächstes Jahr will ich dabei sein und Bildungsurlaub beantragen. Hier auf der Schule kann man einiges lernen. Neun-Zoll-Nägel in die Nase schieben. Schwerter schlucken, Hypnose und Menschenbeeinflussung üben und Feuer ausspucken. Alles Dinge, die man auf meiner Arbeitstelle gut brauchen kann.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey, Whores Hustle And The Hustlers Whore


 


Mittwoch, 23. Mai 2018


Monsters of Drawing




Wer es vor lauter Sonnenimbezilität noch nicht geschafft hat oder vor lauter Hitze geich zerflossen ist, hat auch nur noch diese Woche Zeit. Monsters of Drawing, die wunderbare Gruppenausstellung bei Feinkunst Krüger, versammelt über 40 Künstler (von Femke Hiemstra und Paul Smith bis zu Derek Hess, Nathalie Huth und Heiko Müller). Wie ein Traum auch der Besuch dort: Man reibt sich die Augen - und sieht lauter rote Punkte!

Großartige Sachen sind dort zu sehen, wie dieses Gesummse im Honigtopfaschenbecher von Olrik Kohlhoff. Und eben eine wunderbare Anordnung von Heiko Müller (siehe oben), die ich gerne gekauft hätte, hätte ich nur in die königliche Familie eingeheiratet. Versteht jeder sofort, der es bis zum Wochenende schafft. An der Ecke gibt es auch Eis.

("Monsters of Drawing". Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 26. Mai 2018.)


 


Freitag, 8. Dezember 2017


Don't Wake Daddy XII




Zum Jahresende wird in Krügers Galerie noch mal kräftig heimgeleuchtet - und wehe, man geht nicht hin. Dann droht Knecht Ruprecht mit der Rute und läßt einen das ganze folgende Jahr schlecht schlafen. Die Lese zeigt wieder ganz entzückende Ergebnisse. Moki hat vier ganz ungewöhnliche Stücke eingereicht, Heiko Müller eine ganze Traube toller Bilder, und ein weiterer Höhepunkt sind die beiden Grafiken von Ray Caesar. Mir gefällt der tote Keramikvogel, der Tintenfisch... aber, wo man das Geld hätte, fehlt der Platz und wo Platz ist, oft das Geld.




Und wie bei einem Waldspaziergang kann man auch nicht jeden Baum nach Hause holen. Oder war das bei einem Spaziergang im Zoo? Man steht also da, plauscht ein wenig über gute Kunst und auch die schlechte, begutachtet die Erwerbungen und läßt das Jahr Revue passieren. Ich habe heuer besonders viel zu erzählen, da könnte man mal ein fein ziseliertes, pop-surrealistisches Bild von malen. Einen gelben Vogel fangen, das war so ungefähr mein Job. Wie so ein oller Silvester mit seinem Tweetie. Ist noch nicht entschieden, der Vogel ist schlau.



("Don't Wake Daddy XII". Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 23.12.2017)


 


Freitag, 28. April 2017


Who you gonna call?



Wer was sehen will vom Leben, der muß auch hingehen: Diese Woche endet die Ausstellung Something Strange In The Neighbourhood (Finissage am Samstag). Roman Klonek, Gary Taxali, Atak, Amandine Urruty, Marco Wagner und Heiko Müller zeigen Bilder mit Borsten und Widerhaken bei Feinkunst Krüger, und wer jetzt noch nicht da war, sollte sich sputen. Lehrreiches von Atak über Martha, die letzte Wandertaube (sein lehrreiches Kinderbuch über diese traurige, aber leider wahre Geschichte über die Ausbeutung der scheinbar unerschöpflichen Natur ist in der Galerie erhältlich), unheimliche Waldbegegnungen von Heiko Müller (auch von ihm zwei ganz, ganz tolle Bücher!) und allerlei obskure Gestalten auf den anderen Wänden - die einzelnen Positionen ergänzen und kontrastieren sich wirklich sehr hübsch.

Hier noch Bilder der Ausstellung. Danach ist man belehrt und begeistert, unterhalten und nützlich erregt. Eine perfekte Vorbereitung für das Maiwochenende.

"Something Strange In The Neighbourhood". Feinkunst Krüger, Hamburg. bis 29. April.

Flanieren | von kid37 um 18:35h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 2. Februar 2017


Weltausstellung 2017

Altlasten sie schieben über den Schnee/
Sie sagen: Ach weh! Ach weh! Ach weh!

(Pieter Bruegel der Ältere:
"Die Jäger im Schnee". 1565)



Liebe ist, so ein altes chinesisches Sprichwort, wie Luftpolsterfolie. Stellst du Altlasten drauf, macht es "plopp", "plopp" und "plopp". Bis die Luft raus ist. Moderne Museumsbewohner wie ich wissen, bei Altlasten machst du innere Transformation, machst du voodoomagnetisch aufgeladene Fetische, einen inneren Flohmarkt - und dann ausgekehrt das Zeug in die herzhygienische Kunstanstalt.



Unser aller Lieblingsgalerie Feinkunst Krüger verwandelten im Januar die Rasselbande Nills Knott, Martin Nill, Gideon Pirx, Patrick Sellmann und Daniel van Eendenburg in die titelgebende Weltausstellung für all jene die 1889 die in Paris verpaßt haben.

Dorstselbst eine Pyramide voller Geheimnisse, eine Wohnzimmerkollektion voller magischer Ritualgegenstände, Skulpturen aus Erinnerung, Dioramen voller Ungeheuerlichkeiten. Bilder mit Fernblick, Tableaus mit Weitsicht, emotionsgeladene Objekte, greifbar und unbegreiflich. Unglaubliche Funde von finsteren Reisen, Vergangenheitsklumpert, neu zusammengefügte Fragmente für einen Fernglasblick in die Zukunft. Einen besseren Start ins neue Jahr hätte man nicht erfinden können. Und hier war alles wahr, und nur dort mußte man gewesen sein. Denn was man im Zeitalter des endlos reproduzierenden Internets nicht spüren kann, ist die Aura der Artefakte.

Weltausstellung. Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 28.1.2017


 


Dienstag, 17. Januar 2017


Daddy-o

Manchmal denke ich, mein Bart ist mein einziger Freund. Das ist natürlich Quatsch. Die Kunst ist mein einziger Freund und wurde sträflich vernachlässigt. So habe ich überhaupt noch gar nicht verinnerlicht, daß dieses Jahr wieder eine documenta ist. Die letzte mußte ich ja als einziger hier im Geläuf verpassen, denn da hatte ich ein Theaterengagement als ungnädiger Kranker. Aber nun habe ich mir ein Ziel gesetzt.



Auch im letzten Jahr habe ich einiges an Kunst verpaßt. So ärgere ich mich, daß ich in Wien nicht zu Berlinde de Bruyckere gegangen bin. Da habe ich mich selbst verzaudert. Dabei hat es hier so ein berührendes, sanftes Video dazu gegeben. Ich finde diese Frau jedenfalls sehr beeindruckend, sie hat eine angenehm ruhige Art. Später habe ich in Düsseldorf die sicherlich ebenfalls sehr beeindruckende Jean-Tinguely-Ausstellung mit den großen Maschinen verpaßt. Aber da hatte ich immerhin zum tröstenden Ausgleich und kleine Entschuldigung eine Lebensmittelvergiftung. So einen großen Wurf hat man ja auch nicht jeden Tag. Und im Grunde will so eine peristaltische Entäußerung ja mit einem performativen künstlerischen Akt verglichen sein. Ich denke, Marina Abramović hat bei ihren Aktionen auch nie mehr gelitten.



Versöhnlicher wurde es zum Jahresausklang. Nachdem ich die Eröffnung - um in der quasi erfolgserprobten Serie zu bleiben - ebenfalls verpaßt hatte, habe ich dann immerhin noch die Finissage von der von Herrn Krüger und Heiko Müller wieder ganz wunderbar gestalteten Jahresshow Don't Wake Daddy sehen können. Zwar gab es schon einige Leerstellen an der Wand, bei denen meine überschwengliche Imagination die Lücken füllen mußte. Aber schließlich sollte die Kunst auch hier und da unterm Weihnachtsbaum liegen, da habe ich Verständis. Bei der letztjährigen Ausgabe, der elften bereits, zeigten unter anderem wieder Veteranen wie Ryan Heshka (von dem ich jetzt ein kleines Comic-Abum besitze), Alex Diamond, Femke Hiemstra und Fred Stonehouse, Moki und natürlich Heiko Müller (meist) neue Werke. Ein großer Spaß, und mit großer gesundheitlicher Wirkung: Mir ging es gleich viel besser.

So soll und muß und kann es nicht anders weitergehen dieses Jahr. Ich darf mich nicht selbst beirren. Und schon gar nicht beirren lassen. Es fährt ein Zug zur Wilhelmshöhe.

Don't Wake Daddy XI. Feinkunst Krüger, Hamburg. 6. bis 23.12.2016


 


Freitag, 15. Juli 2016


Blumen & Waschbecken

Für die Arbeit an meinem Fotoband Blumen & Waschbecken war ich letztes Wochenende in der Kunstakademie. Dort gab es die jährliche Absolventenausstellung, ein in der Regel munteres Positionenhüpfen der verschiedenen Klassen. Also Büttner hier, Jutta Koether dort, Demand dazwischen und die anderen auch. Wie immer ist der größte Spaß eigentlich das Entdecken im labyrinthisch verschachtelten treppauf, treppab des Gebäudes, Stiegentürme hinauf und hinunter, lange Gänge entlang, den ausliegenden Faltplan lange schon ignorierend, ist doch wirklich mal der Weg das Ziel.



Weil es frisch noch am Samstag ist, also avant-la-fête, sind die Waschbecken noch nicht gefüllt mit Flaschen und Erinnerungslücken. Frisch wirken Ateliers und Künstler, der Jahrgang schaut hoffnungsfroh. Die Blumen haben Wasser.



Die Qualität der Arbeiten ist erstaunlich unterschiedlich. Ein Raum wagt Kirmeskunst weit unterhalb platter Gebrauchsgrafik, daß man sich fragt, wie hier jemals die Mappenprüfung bestanden wurde. Man nimmt es so hin, nickt mit dem Kopf und meint eigentlich ein Schütteln. Mit allem Respekt.



Schön sind ja die Möglichkeiten des totalen Raums. Einfach mal ein Atelier bespielen mit einer buchstäblich ausgewalzten Idee. Im Styroporkugelzimmer wühlen sich verzückte Kinder durch elektrostatischen Mulch, mit dem der Boden zentimeterhoch ausgelegt ist. Gebilde aus zartem Plastik schweben an der Decke, auf den Tischen eine Laborlandschaft. Präparate, Objekte, in jeder Hinsicht künstliche Artefakte. Sehr hübsch und anhänglich, kleben die kleinen weißen Kugeln noch tagelang an einem. Wie mit einem Haftbefehl.

Verzückend auch das kleine Wunderkammer-Kabinett, in dem in kleinen Einmachgläsern selbstgemachte Schneekugeln wie Säulen übereinandergestapelt sind. Gerade mal zu zweit, aber das reicht ja für vieles im Leben, quetscht man sich hinein in den dunklen Raum, eine von der Künstlerin (deren Namen ich mir leider und schwer verzeihicherweise nicht gemerkt habe) Taschenlampe hilft beim Entdecken von Schnecken und Wesen, die in den Gläsern Unfug treiben. Das Wichtige im Kleinen entdecken, ein meditativer und lehrreicher Exkurs. Und witzig.



Dringend zu erwähnen sind die Gemälde von Inga Kählke. Verschwommene Bilder wie "Pferdeliebhaberin" und sehr pastos aufgetragene Texturen sind auch in der Gesamtschau der Hängung emotional, verstörend und dann doch wieder heiter. Für mich der Höhepunkt dieses Jahrgangs.

Wobei ich wieder nicht alles gesehen habe.