Montag, 10. Juni 2019


Du und Prinzhorn



Wer es noch nicht entdeckt hat, kann gezielt danach suchen: Die aktuelle Ausgabe des Magazins Du bietet einen hübschen Überblick über die sogenannte Outsider Art, hauptsächlich aus der berühmten Sammlung Prinzhorn in Heidelberg. Die Sammlung (und neuerdings das Museum) wird seit 17 Jahren vom Hamburger Thomas Rösner geleitet, der hier auch mit zwei Artikeln vertreten ist. Dazu wunderbare Reproduktionen (das Layout ist sowieso zu loben, aufgeräumt, übersichtlich, und alle Bilder mit bibliographischen Angaben) gut ausgewählter Beispiele. Wir lesen etwas darüber, wie sich die Surrealisten bei den "Irren" bedienten, zum Teil in rotzfrecher Kopie. Wieviele der Kunstwerke verloren gingen, weil man ihnen in ihrer Zeit keine Bedeutung beimaß. Wie die Werke von den Nazis mißbraucht wurden, um ihre Thesen von "entarteter Kunst" zu stützen. Vorzüglich angelegte 15 Euro.

>>> Sammlung Prinzhorn


 


Dienstag, 12. Februar 2019


Sonntagsmalerei



Da ich zu viel zu tun hatte, unter anderem mußte ich den Zählerstand der Wasseruhr ablesen, um die Werte ans Wasserwerk zu übermitteln, und dann wie vom Thema Wasser gerufen auch noch Regen einsetzte, schwänzte ich am Wochenende den jährlichen Kontrollgang Rundgang der Kunstakademie. So konnte ich also nicht hochkreativ Blumen und Getränkeflaschen in Atelierwaschbecken fotografieren, was sehr schade ist, denn irgendwo muß die Kreativität ja hin, und das Kochen überlasse ich lieber anderen.

Zum Glück bin ich ein, wenn auch talentfreier, so aber doch engagierter Sonntagsmaler. Meine großen Rückstände in der Exaktmalerei übertünche ich dadurch, daß ich meine Modelle so male als seien sie in Lappleinen und Mullbinde eingewickelt. Die Mumie lebt auf meiner Leinwand! Ansonsten aber ganz entspannt, wie ein Bob Ross des Bloggens: "Just some happy little Mullbinden!"

Während Farbe trocknet, kann man auch prima Pause machen, mit Snacks und einem großen ungehemmten Glas Apfelessig (mit Wasser gestreckt) - wie so ein Künstler! Auf Erfolge darf man ruhig anstoßen: Das Bild ist nämlich ein Auftragswerk. Für die Pharmaindustrie natürlich, es soll später mal in einem Wartezimmer hängen und Patienten beruhigend auf ärztliches Wirken vorbereiten.

"Halb so schlimm" ist der augenzwinkernd schelmische Titel, und es wäre schön, wenn dies für das ganze Leben gelten würde.


 


Montag, 12. November 2018


Candice Angélini

Neulich hatte ich ein paar Tage frei und wollte eigentlich nach Berlin an die herbstliche Küste, um einfach ein wenig in der Nachsaison rumzustehen. Etwa auf die Art, wie das Künstlerpaar Mothmeister es dann für dieses bezaubernde kleine Reisevideo gefilmt hat. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie zufällig eine solche Gestalt dort am Strand stehen sehen. Ich bin's!

Was man für einen solchen eindrucksvollen Auftritt braucht? Nun, eine Maske von Candice Angélini ist hier der Schlüssel zum Publikumserfolg. Die Französin ist mittlerweile eine Großmeisterin geworden, wenn es um in liebevoller Kleinarbeit hergestellte Ungeheuerlichkeiten wie obskuren Schmuck, obskurere Hüte oder noch obskurere Kopfverdeckungen geht. Keine Angst, kann im Grunde jeder tragen!

Hier ein kleines Filmporträt über die Künstlerin. Ich bin ganz angetan und stehe schon mal einfach so mit einer Angélini-Maske im dunklen Treppenhaus herum. Oder unten an der Ampel. Nur Mut, sage ich. Ein jeder sieht gut aus damit.

>>> Webseite Candice Angélini


 


Donnerstag, 11. Oktober 2018


Das Leben, die Kunst



Eine Visite heute im Aktenkeller brachte mir den Namen zurück ins Gedächtnis. Eine Exfreundin von mir hatte nämlich nach dem Ende unserer Bekanntschaft eine Affäre mit einem berühmten Musiker aus Düsseldorf. Musikalisch natürlich ein Abstieg, menschlich vielleicht nicht. Fairerweise muß ich aber einräumen, daß ich musikalisch letztlich wirklich nicht viel erreicht habe, auch wenn ich in meinem Leben immerhin ein, zwei Dinge ganz gut vergeigt habe.

Bekanntlich bin ich daher lieber ein berühmter Maler geworden, und natürlich applaudierter Chansonliterat, auch wenn ich die Entbehrungen eines Lebens als Künstler nur zu gut erfahren habe. Zuletzt habe ich daher das Sammeln von Kunst begonnen, damit es, wenn man nach meinem Tod diese Wohnung aufbricht, ein großes Hallo und raunendes Fragezeichen geben wird in den Feuilletons dieser Welt, in die ich es sonst bloß in haarfeinen Bemerkungen geschafft habe.

Mit großer Begeisterung fand ich daher heute zwei limitierte Drucke von Julia Soboleva in der Post. Frau Soboleva (über)malt ein wenig mysteriös und zeigt ihre Grotesken auf Instagram. Die (auch haptische) Qualität der Gicléedrucke und des Papiers ist beeindruckend, dazu ein nettes Kärtchen, alles toll und akkurat verpackt - da könnte sich manch Händler mal ein Beispiel nehmen.

Jetzt gehe ich nur noch sauber gekämmt in den grünen Salon, in den ich die Bilder vorerst gehängt habe. Man sollte nicht weniger erhaben wirken als die Kunst, die man besitzt.

> Webseite von Julia Soboleva


 


Samstag, 5. Mai 2018


Scannogram



Die Fotografie mit Scannern ist natürlich nicht neu oder originell. Ganze Weihnachtsfeiergeschichten ranken sich um nackte Hintern und bloßgelegte Brüste, von Händen, Gesichtern und anderen Dingen gar nicht erst zu reden, die auf Betriebsfotokopierern verewigt wurden. Wären Scanner für den Heimgebrauch stabiler gebaut... nicht auszudenken.

Aber der gesammelte Krempel aus meinem Schauraumzimmer läßt sich auch auf filigraneren Geräten gut verarbeiten. Leider habe ich oben im Bild aus lauter Nachlässigkeit für ein Stilleben nicht die richtige Anzahl Gegenstände verwendet, so daß man hier mal fünfe gerade sein lassen muß. Daher stammt ja auch der Ausdruck. Wenn der Maler mal nicht drei oder fünf oder sieben (oder siebenundreißig) Dinge auf dem Tisch plazierte. Dann mußte man es halt mal gerade sein lassen.



Ein bißchen ist das so wie Foodfotografie auf Instagram. Nur, daß ich das Essen nicht von oben, sondern von unten fotografiere. Wartet, bis ich Radieschen habe, dann wird das Konzept klarer. Einfach mal sich selbst und alles auf den Kopf stellen. Still atmen. Alles mal gerade sein lassen.


 


Samstag, 7. April 2018


Wochenendrekreation



Bei aller Offenheit: Nur wenige wissen, daß man mich mit einem gewissen Recht auch den Bob Ross der Käfermalerei nennt. Mit dieser verblüffend akribischen, aber sympathisch lässigen Sonntagsmalerei von happy little bugs will ich zugleich auf das Insektensterben aufmerksam machen, denn heutzutage kann man ja nicht einmal mehr unschuldig am Urinal stehen, ohne bedeutungsvoll zu Pinkeln.

Der Erhalt seltener und wenig bekannter Arten (wir sehen hier ein prachtvolles männliches Exemplar des Bogus Ocolus) ist mir dabei ein besonderes Anliegen. Wer mich also im Hamburger Raum mit Strohhut, meiner Garderobe von John Skelton und Fieldkit auf der Frühlingswiese sitzen sieht, den Skizzenblock vor mir ausgebreitet, nicke mir ruhig freundlich nachsichtig anerkennend zu. Es geht um die gute Sache. Und ich möchte wie nebenbei ermuntern, mir nachzutun. Denn auch wenn es verständlicherweise zunächst so nicht aussieht - es kann im Grunde jeder!

Man kann sich allerdings auch das frei erhältliche Bee Keepers Guidebook auf sein elektrisches Lesegerät herunterladen und bedrohten Insekten ganz tatkräftig und zugleich scheinheilig helfen, was diese spätestens dann merken, wenn man ihnen im Herbst an den Honig will. Menschlich eben.


 


Sonntag, 18. Februar 2018


Gesammeltes

Vor einiger Zeit war ich mal in einem Haushalt, in dem ich vor langer Zeit öfter verkehrte. Tatsächlich aber war das, was von mir dort noch zu finden war, ein verwaister, einsamer Kaffeelöffel eines kompletten Bestecks, das ich dort einmal angeschafft hatte. So schwindet alles. Stück für Stück.



Gefunden, verloren, wiedergefunden. Alte Dinge, alte Rollen, alte Bühnenstücke. Besser man hebt es auf und ordnet alles frisch an. Karten auf den Tisch, Hose runter, Butter bei die Fische. (Wohl dem, der dazu noch das Besteck hat.)

Das eine weg, dafür findet sich neues. Man stelle sich vor, daß sich das Geheimnis um meinen verschollenen älteren Bruder gelöst hat. Es gibt keinen Zweifel, es ist wie mit nach der Geburt voneinander getrennt aufgewachsenen Zwillingen, die sich nach 30 Jahren wiedertreffen und feststellen, daß ihre Frauen beide Maria heißen, sie beide ein Pferd besitzen und sogar exakt den gleichen Oldtimer. Oder wie in diesem Fall exakt das gleiche Brillengestell. Exakt.

Auch sonst, ist die genealogische Herkunft unverkennbar. Mark Dion ist, sagen wir mal, Sammler. Und Künstler. Aber eben als Sammler. O Bruder, mein Bruder! Hebt alles auf. Ich vermute, bei ihm befindet sich das restliche Besteck.

Am Wochenende zeigt sich plötzlich Sonne, und alle Menschen stellen ihre Sammlungen oder Gedanken ins Licht. Auch manch Halbschattiges kommt dabei hervor. Das sehe ich auch beim Spaziergang durch Hamburgs berüchtigte Billstraße. Dort, wo man sein Fahrrad finden kann im Fall der Fälle. Und andere Sammlungen sieht: Der eine dort stapelt Kühlschränke, der andere Waschmaschinen. Dazwischen sitzt einer, der bietet Trimmräder an. Ich versuche es auch mit Fitness und schaue einfach, wie weit ich komme. Anderthalb Stunden dauert die Runde, danach fallen die Stufen schon schwer. Das war schon mal besser, aber jetzt im Winter will ich nachsichtig mit mir sein. Ich muß mich vielleicht auch erstmal sammeln.


 


Mittwoch, 2. November 2016


Wie ein Käfer erstarren

Ich konnte am Wochenende leider nicht raus, einen kleinen Herbstspaziergang um mein bescheidenes Wasserschloß zu machen, derweil ich mein Einstecktuch nicht finden konnte. So setzte ich dann eine Maschine Wäsche an, aß etwas Kuchen, setzte die Schachfiguren meines Lebens ein paar Felder weiter, und überlegte, nachdem ich die Böden gewischt hatte, ob ich nicht an meinem Auto schrauben sollte, besäße ich es nur.


Quelle: Internet

Ich habe selten Autowünsche, aber bei solch interessanten Exemplaren drückte ich ein Auge vor mir selber und meinen Anwandlungen zu. Das Auto, wohl ein Horch, ist längst Seite an Seite neben dem Insekt ausgestorben, das hier wohl Pate stand. Ein Käfer der langgezogenen Art. Aber so was wird ja alles nicht mehr gebaut. Früher hatte das jeder!

Mit solch einem Auto könnte ich auch die Schneewittchensargfahrer ausstechen, denen meist viel Volvollen entgegenschlägt in der autointeressierten Umwelt. Bei Damen zum Beispiel. Aber dann komme ich mit meinem Horchkäfer! Parkte den auf einer Wiese und schlüge ein Campingquartier. Wie eine winterschlaffe Made könnte ich mich hinten in die gläserne Chitinhülle legen, ausgiebig erholsame Winterruhe halten und auf die Metamorphose warten. Den Traum träumen wie so viele Gliederfüßer - daß aus mir noch etwas werden könne!


 


Samstag, 30. April 2016


Atomtellheart



Durch @FrauDiener wurde ich ursprünglich auf diese hübsche Serie aufmerksam, dann konnte ich mich lange nicht für ein Motiv entscheiden, aber nun sieht man mich mit buchstäblich strahlendem Gesicht: Mein erster Atomteller!

"Denkmäler des Irrtums - Hoffnung von Gestern - Folklore von Morgen" heißt es auf der Webseite der Schöpfer. Immer wieder werde ich gescholten, die Vergangenheit zu sehr in den Vordergrund zu schieben, mich mit alten Dingen und noch älteren Emotionen zu umgeben. Nun aber zieht die Folklore von morgen in mein Haus, getreu dem alten Lied "Nostalgia For An Age Yet To Come". Idylllische Atomschleudern statt Delfter Windmühlen, lange wußte ich nicht, ob ich die drei hier aus dem Norden wegen der Nähe zu Hamburg nehmen sollte oder nach Motiv entscheiden - am Ende entschieden Heimatgefühle. Auch wenn der Forschungsreaktor in Jülich schöner gewesen wäre, habe ich diesen doch schließlich mal als Schüler besucht. Damals war dies nuklearer Bestandteil des Curriculums, bedauernswerte Physiker in Hawaiihemden zeigten uns die ausgebrannten Kugeln, mit denen man Boccia hätte spielen können, so die Versicherung. War ja alles ungefährlich!

Das schmiere ich denen noch aufs Brot, wenn erst eins auf meinem Teller liegt.

>>> Geräusch des Tages: Buzzcocks, Nostalgia For An Age Yet To Come


 


Samstag, 21. November 2015


Jetzt bist du klein, jetzt bist du groß



Mein neues Thema ist ja die Bienenfotografie. Es handelt sich bei diesen Wesen zumeist um bedrohte Völker, es liegt also schon auch ein Stück Sozialarbeit darin. Fotografie soll ja die Geister bannen, aber auch neue Erinnerungen schaffen. So sitze ich also an meinem kleinen Arbeitstisch, korrigiere hier was am Stativ, dort was am Balgengerät (kauft euch ein vernünftiges, meins ist echt kein Meisterwerk an Feinmechanik), genehmige mir ab und an einen Kaffee oder ein Glas Wasser, und stelle mir Fragen über das Leben an sich.



So lautet eine Frage, warum die einen Honig ernten, und mir nur tote Bienen bleiben. Ist das gerecht? War mein Einsatz zu gering? Daß es auch lebendiger geht, beweisen andere Leute mir zum Vorbild. Titeldesigner Gregory Herman etwa. Insektenfilme, das große Ding mit kleinen. Wenn ich mal Zeit habe, stelle ich Shakespearedramen mit denen nach. Oder adaptiere Bücher von Ian McEwan. Warum nicht? Andere machen das mit Lego, ich dann mit sechs Beinen.