Samstag, 10. November 2018


Wir Kassettenkinder



Derzeit bin ich in einer Phase, das eine Ding, was ich so rumstehen habe, einen Zentimeter nach links und ein anderes einen Zentimeter nach rechts zu rücken. Mal neue Perspektiven im engbegrenzten Raum des Leuchtturms schaffen. Das schafft schon Luft. Neulich aber drohte bot sich Aufräumagitatorin Frau Novemberregen an, bei mir mal auf Sortierstreife zu gehen. Da bekam ich Angst.

So habe ich heute ein wenig aufgeräumt, dabei Chemie aus meinem geheimen Forschungslabor Farben, Lacke, Fotofreunde e.V. für den Sondermüll zusammengeräumt, Grillanzünder wie Aal-Dieter, "komm hier, haste auch noch!" obendrauf, dann ging es ans Medienarchiv. Weil ich nicht gleich an die Wachswalzen aus der Frühzeit der Klangarchivierung wollte, beschloß ich, den Bestand an Magnetbandkassetten zu komprimieren. Also wegzuschmeißen. Fort. Raus. Jedoch: Herrliche Funde, allesamt! Den halben Meter Bootlegs, also Live-Mitschnitte aus der Zeit, als selbst ich noch ein Kid war, darunter einen viertel Meter von einer britschen Kombo namens The Cure, ließ ich erstmal als Memento mori zurück. Kann man ja mal eine Collage draus basteln oder in Gießharz einbetten. Auch seltene Exemplare aus der Kassettenszenen-Zeit erhalten ein Gnadenbrot. Sonst, weg.

Zum Glück war ich vor langem so schlau, mein Tapedeck aus Platzgründen in den Keller zu verfrachten. So gab es nun keine Versuchung, irgendwelche Hörproben und Rauschverkostungen anzufangen. Toll aber auch der Gang durch die Technikgeschichte. Obskure, aus Armut benutzte Markennamengratistapes ("Saba"!) und überspielte Hörspielkassetten, deren originaler Inhalt sicher interessanter wäre als das Debüt von Nichts beispielsweise ("Zehn Bier zuviel"). "Flug XS 2340 - Bitte melden!" - das will man doch jetzt wissen! In Stereo sogar, so habe ich das nie gehört (Armut).

Ein Teil dieser Kassetten fiel schon in den 80ern meiner Schönberg-Phase zum Opfer, als ich aus dem Tonkopf eines alten Walkman eine Art elektronische Geige bastelte, die man mit einem "Bogen" spielen konnte, der aus einem Holzstab bestand, auf den ein Stück Magnetband geklebt war. So konnte man dann Klänge verschiedener Höhen erzeugen, je nachdem, wie schnell man spielte und was vorher darauf aufgezeichnet war. Das versucht mal digital, Kinder. (Wo ist dieses tolle Gerät eigentlich hingekommen?!? Ich war immer so achtlos, was die Selbstmusealisierung anbelangt. Sonst, heute: Weltruhm!)

Nun aber hinweg, meine kleinen Kassettenfreunde. Oder... Moment... Weihnachten! Statt Lametta an den Baum hängen? Einen Kissenbezug für Musikfreunde draus weben und verschenken? Vielleicht sollte ich euch doch noch eine Weile aufbewahren...

Radau | von kid37 um 17:47h | 37 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 30. September 2018


HackeDePicciotto



Herr Hacke war ja schon immer da, Frau Picciotto lernte ich zunächst über ihre Malerei so um 2006 herum in Berlin kennen. Aus Wolfgang Müllers unverzichtbarem Almanach Subkultur Westberlin 1979-1989 aber lernen wir: "Zu Danielles Geburtstag wollte der total verliebte Dr. Motte ihr eine Art öffentliche Parade oder Aufzug schenken. Es wäre jedoch unbezahlbar gewesen, den ganzen Kurfürstendamm absperren zu lassen. Deshalb meldete Dr. Motte das Ganze als politische Demonstration an." (S. 235)

Und deshalb hieß das Love Parade. Alexander Hacke (aka von Borsig), einigen von den Einstürzenden Neubauten her bekannt, wußte also, worauf er sich einließ, als er de Picciotto 2006 heiratete. Seither nämlich ziehen die beiden umher, also reisen um die Welt, in *romantische Klaviermusik ertönt* Liebe vereint und musikalisch aufgeschlossen. Eine Art Love Parade eben. Dazu haben sie (angeblich) "alle ihre Sachen abgestoßen" (sprich: eingelagert, die werden ja nicht doof sein), der Freiheit wegen und des leichten Gepäcks.

Angemessen leicht bepackt nahmen denn HackeDePicciotto am Samstag den Bus, um in Hamburg vor Publikum (53 Personen) aus den letzten Alben vorzutragen. Übrigens sehr ohrenfreundlich (geraucht wurde auch nicht, und angenehm kurz war's!), also leise. (Vor allem, wenn man die Einstürzenden Neubauten mal live gehört hat. Häh?!?) Hamburgs wichtigste Musiker (also ich und der andere) standen derweil ganz hinten (oder saßen, weil geschwächelt) im Westwerk, ganz entspannt eben.



Reduzierte Hausmusik neuerer Art hören wir da, düsterer angelegt als die Vorgänger, was vor allem an Herrn Hackes feedbackondulierter E-Gitarre liegt, mit der er (unterstützt von Loop-Effekten, was ihm Gelegenheit gibt, hier mal zu Trommeln oder dort eine kleine Reiseespressomaschine... na ja, das ist jetzt erfunden) quer zu Frau de Picciottos Geigen- und Drehleierspiel dazwischensägt. (Ich erinnere mich an einen Auftritt vor ziemlich genau zwanzig Jahren, wo er auf diese Weise die Singende Säge seiner damaligen Gattin Fr. Becker im Zaum hielt.) Das schwankt (die beiden sind für den Abend in Rot gekleidet, sie: Vintage, er: Stylists own) zwischen Baghwan-Pärchen in der Fußgängerzone (hier will wohl einer frech werden!) und angenehm schunkelndem Kaputt-Chanson Berliner Schule. Besser als erwartet, vor allem gegen Ende, als die Betriebstemperatur so ein bißchen angeschnuckelt war.

Draußen war es schon genauso dunkel wie die Musik, also angenehm. Singende Pärchen unter den Laternen.

>>> Geräusch des Tages: HackeDePicciotto, All Are Welcome

Radau | von kid37 um 17:19h | 22 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 2. Juni 2018


The American

Wie ich heute ein wenig durch die Weltgeschichte kabelte, Bulletins und Fürsprechungen durch Zeitzonen und Kontinente morsend, kam ich auf meinen Reisen durch Youtubeland. Zu einer Aufnahme der Simple Minds, und ich glaube, das war diese Tour, auf die ich die in den 80ern (noch in kurzen Hosen also) gesehen habe. The American nämlich, diese Milch-und-Honigsuche, die so viele von uns so verbissen umtreibt. Jim Kerr schwitzt so sehr wie ich sollte mein Debütroman damals heißen, ein Titel, den ich später leider verwarf.

Dabei stimmt das, gerade heute habe ich das in meiner kleinen Dach- und Denkstube gemerkt. Da kann ich mir noch so viele Kühlakkus unters Ringelhemd schieben, hier bin ich eine Art ausgeschnurrte Katze unterm heißen Blechdach. Die Andeutung eines Gewitters brachte (bislang) nicht viel Abkühlung, so könnte ich also wie Jim Kerr eine ganze Westfalenhalle vollschwitzen.

Jim Kerr, auch das ist interessant, geht mit Chrissie Hynde auf Tour. Die beiden waren ja mal verheiratet und feiern sozusagen 30 Jahre freundliche Scheidung. Dabei erinnere ich mich an Backstagefotos einer etwas derangiert angetrunkenen Mrs. Kerr in englischen Gazetten mit der launigen Unterschrift, daß Mr. Kerr doch mal dringend seine Frau anrufen solle. Also damals. Schön, wenn sich über die Jahre alles auswächst. Man sollte die Vergangenheit immer gut aufarbeiten.

"Jupiter will urge you to go to a faraway land that you’ve never seen but always wanted to go", heißt es derweil. Das war ja meine Hoffnung mit diesem angekündigten Gewitter, das dann doch ein wenig lasch dahertröpfelte. Eine Windhose packt mich unterm Hemd und wirbelt mich nach Oz. Ich könnte gelbe Wege anlegen oder sonst etwas Nützliches tun. Eine große Stadt bauen. Mit Kühlräumen für die Bevölkerung. Und guter Musik aus allen Lautsprechern.

>>> Geräusch des Tages: Simple Minds, Theme For Big Cities

Radau | von kid37 um 01:18h | 12 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 14. März 2018


Viv-a!

Da wir gerade so schön unter uns sind und ich so langsam umstehenden Menschen ein wenig auf die Nerven gehe mit meiner neuentdeckten Begeisterung für Viv Albertine die Slits. Aber dahinter stecken natürlich wie so oft frühkindliche Prägungen, denn meine "Freundin Viv" (wie ich nun regelmäßig aufgezogen werde) hätte damals ja so etwas wie eine große Schwester sein können.

Warum auch nicht? Was spätere Biografen sicher lange schon geahnen haben werden, wäre das ein Riesenspaß gewesen. Das kann man, kommen wir zur Botschaft, in diesem kleinen und raren Filmdokument sehen, wo ich ab Minute drei wie Zelig in einem meiner ebenso kleinen und raren Auftritte kurz zu sehen bin, wie ich mit meiner Wasserpistole für Schrecken in der rechtschaffenen Bevölkerung sorge. (Die Slits machen das dann auf ihre Weise so gegen 7:20'. Da durfte ich aber nicht mitmachen, wegen dem Jugendschutz. Hübsch albern amüsant aber, wie Sängerin Ari-Up, beim Versuch, in der Wechselstube die Strumpfhosen zu wechseln, meint, das ginge jetzt nicht so schnell - "I'm not a fucking genius". Als ginge es im Kulturleben sonst stets um seelenschwere Erkenntnisse! Die Klamotten sind übrigens auch super, da könnte ich mal was in meinem FAZ-Fashionblog zu schreiben. Wenn ich das kriege.)



So war das eben damals, Ende der 70er. Ich war eben doch mal jung.

Radau | von kid37 um 20:00h | 2 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 10. Februar 2018


An Acre Of Land



PJ Harvey hat ein neues Lied draußen. Eine gemeinsam mit dem Filmkomponisten Harry Escott für Dark River aufbereitete Version des Folksongs "An Acre Of Land". Schlicht, ohne Pathos, mit wehmütig umkleideter Nüchternheit, wie sie die Songs von Harvey in den letzten Jahren regelmäßig einkleidete. Hier kann man das hören.

Man muß den stillen Fleiß loben. Das Innehalten, Beharren. Die einfachen Dinge. Anders als diese Filmgeschichte: Da versuchen zwei Menschen, die tausende Kilometer von einander entfernt leben, weitere tausende Kilometer zu reisen, um sich zu treffen. Vielleicht möchte man da lieber gemeinsam mit Polly Jean einen englischen Acker mit dem Fingerhut umgraben. Ich atme mehrfach tief durch und bekomme die Anweisung, besser nur innerlich zu schwitzen. Oder noch besser gar nicht. Das sei alles kein Stress.

Zur Meditation mache ich jetzt in der Mittagspause am Hafen immer ein wenig Fieldrecording mit so einem kleinen Sonyding namens "Diane", schicke die Schnipsel linksrum und rechtsrum oder kopfübergestülpt durch den Computer, um damit später einmal - so der Plan - meine ebenso entstandenen Filmschnipsel zu unterlegen. Anders als Blätter und rostige Nägel, die ich sonst so gesammelt hätte, nehmen diese Klänge wenig Platz weg und kosten nur Zeit.

Die ist leider endlich. Der Filmkomponist Jóhann Jóhannson ist in Berlin gestorben, mit 48 Jahren. Das braucht man alles nicht.

Radau | von kid37 um 21:57h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 3. Februar 2018


Dansen & Jansen



Oft werde ich nach dem Geheimnis meiner beachtlichen und bis ins hohe Alter bewahrten Fitness und Beweglichkeit gefragt. Nun, sage ich. Die Antwort ist ganz einfach: Tanzen hält jung! Morgens noch vor dem Wachwerden springe ich wie ein junges, leichtbekleidetes Reh zu Charles Mingus durch meine weitläufigen Räumlichkeiten (meist durch die lange Eingangshalle und den Spiegelsaal bis hinunter zum kleinen Jazzkeller, den ich mir unter Treppe eingerichtet habe), was ungefähr so aussieht wie in diesem kurzen Mitschnitt.

Dann bin ich matt. Zur Entpulsung höre ich dann elektronische Teppichklänge wie die beiden Alben von Steve Jansen, der mit seinem berühmteren Bruder früher mal in der Band Japan spielte. Japan gefielen mir nie richtig, Stichwort "prätentiös", aber diese Soloprojekte sind ganz interessant. Auf "Slope" gibt es sogar unerwartete Ausflüge in Sumpfbluesregionen, dazu eine Sammlung hübscher Papiermodelle alter analoger Synthesizer auf dem Klappcover. Also Kunst. "The Extinct Suite" wiederum hat Anklänge an Nils Pettar Molvaers "Khmer", und ich hoffe, für den Vergleich springt mir jetzt keiner ins Genick. Nur, um mal eine grobe Spur auszulegen.

Vom Titelstück gibt es auch ein atmosphärisches Video mit Animationen der Künstlerin Anna Malina, die überhaupt ganz bezauberndes Zeug aus Filmschnipseln und Dunkelkammerarbeiten macht und, wenn ich es richtig sehe, aus Wuppertal stammt. Das Video zum dronigen "The Extinct Suite" gibt es hier. Aber erst Hausarbeit erledigen, danach ist man zu tiefenentspannt und aller Schweiß getrocknet. (Tränen auch.)

Radau | von kid37 um 17:44h | 15 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 21. Januar 2018


Monstermusik


In meinem Debütroman Bring' Ziesen mit! (Hamburg: Faust & Auge Verlag, 2018) geht es bekanntlich um einen jungen, desorientierten Mann, der, um soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, Montag für Montag und nur zum Schein interessiert in eine Diskussionsgruppe mit dem Thema "Yucca oder Monstera?" geht.

Sich im Nebel da draußen nicht verirren, ist die quälende Aufgabe nun. Es sei der dunkelste Winter seit Zeiten, heißt es. Wer Heizung hat, bleibt zuhaus und gießt die Pflanzen. Ich sortiere die Schallplattenneueingänge der letzten Zeit (also: CD) und höre Charles Mingus, denn der beschwingt, wenn man die Wohnung z'samm räumen will. Heimlich zupfe ich Kontrabaß am Besenstil. 2017 machte ja vieles neu und weckte auch mein Interesse an Musik wieder. Noch mehr Jazz, dann Ligeti, Penderecki (ausgelöst durch Twin Peaks: The Return, Caspar Brötzmann, viel Gedrohne wie Bérangère Maximin (die bald im Bunker spielt), Ben Frost, Varèse, das großartige Ensemble Iris Electrum natürlich, das für mich alle Risse in Wien versöhnlich kittete, und die ganz interessante Calypso Valois mit ihrem noch interessanteren Video (Schauspiel 1.01, aber immerhin).

Immerhin nach sieben Jahren schon Anika gehört, mit dieser Mischung aus Joy Division, Nico und Portishead (hier live, und ja, man könnte über "Präsenz" reden). Vielleicht hätte es mir damals gar nicht gefallen.

Ich lese immer noch nicht wieder viel, aber schon viel mehr. Das Buch des Jahres (ebenfalls mit Verspätung) ist aber so oder so Viv Albertines fantastisches Clothes, Clothes, Clothes, Music, Music, Music, Boys, Boys, Boys. Lebenserinnerungen, die sie hier ganz nett zusammenfaßt. Ich habe viel gelacht, und manchmal auch ein bißchen geweint (self-pity!), denn ich habe mich in vielen Episoden wiedererkannt, und ich bin für viele Stellen sehr dankbar, weil sie sehr aufrichtig - oder wie der Klappentext sagt - oder auch "brutal ehrlich" geschildert sind, ohne Sensationsgeheische, immer mit Selbstironie, aber auch ohne falsche Scham. Schonungslos, heißt das, glaube ich.

Zuletzt habe ich ihr Soloalbum "Vermillion Border" gekauft. Sehr hübsch, sehr witzig, und es bringt das Kunststück fertig, auf einem Stück Jack Bruce gemeinsam mit Mick Jones ("The Clash") spielen zu lassen. "The Cut", das erste Album der Slits, war das zweite Punkalbum, das ich gekauft habe (das erste war "The Scream" von den Banshees), und viel habe ich ja nicht gekauft, wg. Geld. Ich bin also schon sehr lange Fan, länger als ihr ausrechnen könnt - und ich mag Ms Albertine jetzt sogar mehr als damals.
Mich übrigens auch.

>>> Geräusch des Tages: Viv Albertine, Live, 2011

Radau | von kid37 um 21:37h | 15 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 30. Juli 2017


15 Jahre, meine Fresse



Es hat auch Vorteile, alleine zu leben. Ich möchte unter anderen Umständen nicht erklären müssen, warum ich freitags nachts sehr spät nach Hause komme, über und über mit Muttermilch bespritzt. Selbstverständlich gibt es dafür wie für die meisten Dinge im Leben eine simple Erklärung, die da lautet: Es ist nicht das, wonach es aussieht. Auf St. Pauli heißt das auch noch einfacher: Es ist Rock'n'Wrestling!



Zum mittlerweile 15. Jubiläum (!) wurden erneut zwei Termine hintereinander angesetzt, ich gebe aber gleich zu: Zwei solcher Abende verkrafte selbst ich nicht mehr, und ich lag im Leben oft schon quasi vor Madagaskar. Auf unnachahmliche- unnachahmmilche Art von der schnellschwangeren Traumbeherrscherrin so manches Hamburger Jung Dolly Duschenka angenummert, zeigte Großmeister Baster, seit 15 Jahren unglaublich unbesiegt und das zurecht, wo im Hafenklang der Hammer hängt. Tschüß, Sailor Boy, du kannst nach Hause segeln.




Der Woodsman hat dummerweise Eddie, den Eismann gehäckselt, das war ein brutaler Kampf, bei dem kein Auge und auch das ein oder andere T-Shirt nicht trocken blieb. Verdammte Schweinerei. Dabei hatte Eddies special move, dem Gegner hinterrücks ein Eis am Stil in die Arschritze zu schieben, den Woodsman fast richtig ausgeknockt. Aber... zu früh gefreut, der Kerl hat sich mit einer Pulle Selbstgebrannten zurück ins Spiel gebracht. Guter Hoffung hingegen Dolly, deren Bauchumfang von Kampf zu Kampf zunahm.




Von Höhepunkt zu Höhepunkt. Kampfroboter Bento V machte die blödsinnigen Gentrifizierungsbauten Tanzende Türme von der Reeperbahn unter dem Gejohle des Publikums fertig - fand dann aber ausgerechnet im Trump Tower einen Meister. Leider keine Fake News. Bento war erstmal hin! Worauf aber ist Verlaß? Auf Pinkzilla ist Verlaß! Der Lieblingsdinosaurier von St. Pauli kickte dem blöden Tower ordentlich by the pussy und hat Bento gerade so gerettet. So geht Freundschaft, Leute!



Und die Hymne? Natürlich gab Nik Neandertal die von Jung und Alt aus nah und fern frenetisch gefeierte Hymne, so ungefähr 15 mal, dem Jubiläum entsprechend. Dazu gab es die Piñata de la Muerte, mit der St. Pauli vom bösen Geist befreit werden sollte. Geschmückt mit den Konterfeis zweier Rädelsführer aus Politik und Exekutive während des G20 und gefüllt mit Lutschern vom Budni, wurde das Böse buchstäblich aus dem Stadtteil gedroschen. Ich möchte es so formulieren: Gewalt im Ring hat es nicht gegeben, und Flora bleibt. Zwischendrin droschen die beiden Bands Cheating Hearts und Juliette and the Beasts rotzige Moritaten von fehlgeleiteter Liebe gen Publikum. Ich bin da im Moment außen vor, sollte ich diese Strecke noch mal fahren, steige ich aber gerne wieder in diesen Zug.




Dann aber: Sturzgeburt! Dolly, tapfer bis zuletzt im buchhalteeeehrischen Einsatz, brauchte die Nummerntafel jetzt zum Wehen zählen, dann brach sich schon ihre Brut die Bahn. Wer sich bislang insgeheim oder auch lauter ein Kind von Dolly gewünscht hatte, konnte dies nun einmal sachlich überdenken. Gegen den folgenden Kampf nämlich war alles vorhergehende nur Eislecken, nicht einmal die Hand konnten wir Dolly dabei halten, aber die hätte sie uns eh nur gebrochen. Schon aber tobte die Rotzgöre vom ohnmächtigen Lebenszorn gepackt durch den Ring, die meisten hätten dabei wohl etwas hilflos reagiert, sieht der kleine Teufel doch zugleich so zerbrechlich aus. Als aber Exkremente geworfen wurden, faßte Mutter Dolly sich ein resolutes Herz.




An der Nabelschnur wurde das Biest unerschrocken eingefangen, mit Dollys special move, einem Riesenschnuller, still gestellt und an wild wedelnden Händen und Füßen vorbei in eine Windel gepackt. Alles gut? Nein, ein letztes Toben, Dolly war schon in erschöpft die Ecke gedrängt, als letztes Mittel half nur... Muttermilch! Die spritzte wild durch den Ring und ins Publikum, dann aber: Baby satt, Umstehende glücklich. Endlich mal ein realistischer Kampf, dem Leben sozusagen abgemolken.



Wie heißt es am Ende der Schulstunde so schön? Das hat den Zuschauer zum Nachdenken angeregt. Belehrt und besudelt hieß es den Heimweg antreten, Adrenalin abbauen, erste Sofortberichte in die Welt kabeln, Klamotten zum Verbrennen auf einen Haufen stapeln, seinem Gott fürs Durchhalten danken. Über fünf Stunden auf den Beinen, das schafft selbst ihr nicht mehr.

Radau | von kid37 um 14:28h | 11 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 28. Juli 2017


Alle wegpusten



Jetzt noch mal schnell durchatmen. "Breathe in - breathe out", wird mir in letzter Zeit öfter geraten, wenn ich wegen diesem oder jenem oder auch wegen was Emotionalem hyperventiliere. Jetzt noch mal Sauerstoff auftanken, an Idylle und Frühlingswiesen denken, denn heute Abend heißt es auf St. Pauli wieder Mensch gegen Monster und Blut, Schweiß und Bier. Herr AxelK war gestern auf der Pressekonferenz.

Gern wüßte ich, wie man das in anderen Ländern regeln würde. Greifen wir mal wahllos eins raus, sagen wir... Australien. Die wissen doch, wie man boxende Känguruhs niederringt! Das wäre doch ein Dream-Team im Ring.

Radau | von kid37 um 11:11h | 3 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 29. Juni 2017


Kid Rock, the Fruiscante years



Es ist vielleicht nicht die cleverste Idee, nach gefühlt 20 Jahren auf Stahlsaiten neu anzufangen. Aber no pain, no gain, und letztlich ist es erstmal auch nur ein Experiment, ob ich überhaupt noch etwas hinbekomme. Derweil geht es um Feinmotorik üben und das Gehirn trainieren. Musik ist dafür genau richtig, und unterstützt von diesem kleinen röhrenmodulierten Vox-Dings klappt das schon ganz aufmunternd. Einfach ein bißchen Krawall reindrehen, schon sind die gröbsten Fehler und Unsauberkeiten verziehen und gehen notfalls in einem Wall of Sound unter. Meine Lieblingseinstellung ist die Young'sche Rust never Sleeps-Phase - gespielt allerdings mit den eher gichtigen Fingern des Herrn Bob. Ich bleibe da jetzt mal dran, jeden Tag eine halbe Stunde, und wenn es losgeht mit dem "heute mal nicht", kann man immer noch prima Wäsche zum Trocknen dranhängen.

Meine Aufgabenliste ist sehr umfangreich und detailliert, die Ziele hochgesteckt. Neil Young ist in der Hinsicht ja ein Vorbild. Gut, der Mann hat, wie nennt man das, ab und an schon mal "Ansichten". Aber allein, wenn man sich mal die Liste seiner Krankheiten und Operationen anschaut, fällt es schwer, sich selbst mit windigen Ausflüchten vor der Kulturarbeit zu drücken. Immer weitermachen, meine Güte.

>>> Geräusch des Tages: Neil Young, Hey Hey, My My

Radau | von kid37 um 08:37h | 31 mal Zuspruch | Kondolieren | Link