Donnerstag, 5. Mai 2016


Paraphernalia



Ich bin jetzt in dem Alter, wo mich vorzugsweise junge weibliche Verkaufsangestellte ganz putzig finden. Ich stehe dann etwas tatterig vor denen, irgendwelche hochpreisigeren Tand- und Altmannbeschmückungsgegenstände oder Sammlerkram auf der Theke, wie diese sehr hübsch aufgemachte Box Die große Untergangsshow zum Festival der "Genialen Dilletanten" im Berliner Tempodrom 1981, krame umständlich nach so einer Elektrogeldkarte und warte dann lange auf die ersten Synapsenergebnisse meine Geheimzahl betreffend. Manchmal sehr lange. Früher®, doziere ich dann, wäre man ja mit dem Krempel unter dem Arm stilecht abgehauen, was ihr aber angesichts des Gesamtzustands® nur ein müdes, mit einem leisen Anflug von Nachsicht untermaltes Lächeln entlockt.

"Noch lachen Sie", lege ich freundlich nach und erkläre jovial und mit nicht nur einem Hauch von Grandezza widerlicher Großspurigkeit, daß im Alter immerhin das Konto gedeckt sei, während das Maschinchen freudig zu piepsen und kein bißchen rabattig zu rattern beginnt. "Am Monatsanfang vielleicht schon", gibt sie sich nicht geschlagen, und beide singen wir den Seufzergesang.

Früher haste organisisiert, heute wird nur musealisiert. Auch ein wenig zwiespältig, liegt darin auch immer eine Art Grablegung. Die kunsthistorische Festschreibung in einen Kanon, Schilder wie "Bitte nicht berühren", "Die Wiese nicht betreten", "Musik nach zehn bitte nicht so laut". Wobei ich letzteres sehr unterstütze, seit feierfreudige Nachbarn zu allen Uhrzeiten ihren mainstreamscheißgequirlten R&B-Mist vom Balkon rüberdudeln. Wird Zeit vielleicht für die Altmann-Resistance. Ein Panik-Orchester.

Radau | von kid37 um 17:20h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 16. April 2016


Hope Demolition



Wie ein fleißiger Imker gehe ich ja regelmäßig bei meinen Bienchen Honig melken, also zur Packstation. Tropffrisch und kaltgeschleudert konnte ich jetzt mein straßengesperrtes (Marathon) Wochenende retten. Unter anderem mit dem hübsch aufgemachten Digipack von Polly Jeans The Hope Six Demolition Project, das mit den Vorabsingles schon ein wenig für Aufregung sorgte. Kaputtbezirke in den USA fühlten sich nicht wertschätzend genug dargestellt mit Behauptungen über Drogen, Kriminalität und einer gewissen Hoffungsferne in der Luft. Tatsächlich sind Geschichte und Ergebnis wirklich aufregend: Ms. Harvey besuchte mit Seamus Murphy zwischen 2011 und 2014 Orte im Kosovo, in Afghanistan und in Washington, D.C. und veröffentlichte dazu den sehr empfehlenswerten Band The Hollow of the Hand (mit Gedichten von PJ Harvey und Fotos von Seamus Murphy). Im Anschluss entstand das Album (Trailer), bei dessen Aufnahmen im Londoner Somerset House kunstinteressierte Besucher halbstundenweise zuschauen durften (also wer, anders als ich, den Hintern entsprechend hochbekam). Das Ergebnis ist eine Weiterführung ihres sensationellen Albums Let England Shake, ein paar Ideen erkennt man wieder ("The Wheel"), anderes verweist auf frühere, auch rauhere Phasen zurück. Das Booklet zollt Freunden und Einflüssen Dank, wie es sich gehört: darunter sind neben ihrem musikalischem Langzeitpartner John Parish Linton Kwesi Johnson (kennt keiner mehr) oder Freundin Ann Demeulemeester. Schön, wenn Erwachsene Musik machen.

Wenn sie Filme machen, kommt so was raus, wie Guy Maddins The Forbidden Room. Ich habe ihn noch nicht gesehen, bin aber voreingenommener Fan von Maddins Werk, und habe zufrieden viel Begeisterung gehört von Kollegen, die ihn auf der Berlinale sahen. Auf der offiziellen französischen Seite im Netz gibt es versteckte 25 kurze Schnipsel zum Gucken und Staunen, auf die Schnelle gibt der Trailer einen ersten Eindruck. Verstreut über Deutschland gibt es einige wenige Kinotermine, darunter sogar welche in Hamburg. (Ob dort wirklich eine Filmkopie oder auch nur die BluRay gezeigt wird, entzieht sich meiner Kenntnis.)

Eigentlich wollte ich nur sagen, ich bin beschäftigt.

>>> Geräusch des Tages: PJ Harvey, The Wheel

Radau | von kid37 um 16:14h | 26 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 11. März 2016


Obsolete O-Töne

So schnell noch in Hut und Mantel, etwas Musik zum Wochenende. Gemacht mit der craft, wie es neuerdings heißt. Da haben zum Beispiel irgendwelche Leute, ich muß noch herausfinden, wer mir da genau hineingepfuscht hat, meine Band gegründet, diese Orkestra Obsolete benannt und ganz herzallerliebst eine Version von New Orders "Blue Monday" aufgenommen. Und zwar so, wie das Stück in den 30ern Jahren hätte klingeln können. Ein wenig viel Ukulele, dem togerittensten Instrument der letzten Dekade. Aber sonst sehr hübsch. Die BBC hat den ganzen Schnack.

Abstrakter, aber mindestens so obsolet und vergessen diese Installation aus Gerätschaften, die heute auch keiner mehr kennt. Anders als MP3-Player klangen die aber noch selbst, nachzuhören bei diesem Orchster aus Kassettenrekordern. Klack, klack.

Auch in Schweden sind die Winter lang. Die Schweden aber jammern nicht und schnupfen, sie sitzen in ihren von Walfahrerlampen, die mit Lebertran betrieben werden, erhellten Bastelkellern und schnitzen Musikinstrumente. Oder gleich ganze Maschinen. War schon im Fernsehen zu sehehen, hier aber trotzdem noch mal: Eine Musikmaschine, die mit von mir nicht persönlich nachgezählten 2000 Murmeln Musik macht, wobei mir der elektronische Anteil einen Murmeltick zu groß ist. Als Idee aber sehr hübsch und was für lange Abende.

>>> Geräusch des Tages: Der Klang der Stempeluhr. Erstmal raus.

Radau | von kid37 um 17:32h | 2 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 1. Februar 2016


Endlich werden Raumschiffe gefordert

Ms Harvey reicht erste Zuckerstücke ihres neuen Albums The Hope Six Demolition Project, das im April erscheint. Ganz im Stil des Klassikers Let England Shake rumpelt The Wheel daher. Der Blues-Folk-Stomper, knapp zum Glück am Gummistiefeltanz vorbei, paßt sowohl zum nachhaltigen Fairtradekaffee als auch zur düsteren Nachdenkspelunke, in der man im gelblichen Licht einer LED-Filament-Retrofit-Leuchte über verkratzte Filmklassiker und Klassiker des Gefühlsleidens nachdenkt. Man ist ja sofort wieder bedingungslos in Polly Jean verliebt, möchte ihren Gitarrenkoffer tragen oder ihr nach Konzerten ein Käsebrot schmieren. Aber das soll jetzt nicht so Fanboy-haft klingen. Eher normal, freundlich, höflich beinahe.

Nun werden also endlich Raumschiffe gefordert. Ich könnte eines besteigen und mit Scully Polly Jean Scully Polly Jean und Scully als drei Musketiere von der Erde in das Weltall fliegen. Richtig ins Blaue hinein, eine Bordtoilette wird es ja wohl geben, einen Stapel Stullen dabei und besagten Gitarrenkoffer. Niemand wird uns angreifen, während wir durch den unendlichen Raum fliegen, keine blauköpfigen Menschen vom Mars und auch keine heißglühenden Grünlinge von der Venus. Wir sängen Lieder über die Liebe, auch wenn die im All keiner hören könnte. Andere Waffen brauchen wir nicht.

Das läuft doch schon mal besser als das vergangene Jahr, dieses absagenverstolperte, aufkündigende 2015. Freundschaften, Arbeitsverhältnisse, man kam ja am Beistelltisch einer bodenverkrumten Weinschabracke mit dem Buchhalten gar nicht mehr nach, was sich links und rechts wie Beschädigungswaffen neben mir in den Boden bohrte. Ich jedoch bin einfach ruhig geblieben, im kindlichen Vertrauen auf ein vollverspiegeltes Raumschiff, das mich schon holen würde.

>>> Geräusch des Tages: Josh Homme & PJ Harvey, I Wanna Make It Wit Chu

Radau | von kid37 um 22:22h | 12 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 20. Januar 2016


Leben ist Leben




Wie schön, wenn man nach so viel zwangsharmonischer Heißverklebung der letzten Zeit auch mal politisch unkorrekt die Lautstärkeregler voll auf die Zwölf drehen kann, wenn die nationenweit bekannte Unterhaltungskapelle Laibach in einem Hamburger Kuschelclub aufspielt. Gerade noch in Pjöngjang, nun schon wieder in der Hansestadt. "Resistance Is Futile" heißt die Botschaft, und schon knattert Blitzkrieg mit einem brachialem Tieffrequenzgewitter von der Bühne, daß einem die Hosenbeine und Hemdknöpfe schlottern. Umsichtig habe ich eine Auswahl Schmutzwäsche mitgebracht, aus der derart schallbehandelt der Staub nur so schleudert und die im Anschluß (!) blitzsauber und bügelfertig in den Schrank gelegt werden kann. Die Lunge vibriert, jede Körperzelle tanzt, wie es in einem bekannten Lied heißt, und wer an "Detoxing" glaubt, spürt hier förmlich die böse Schlacke von den Zellwänden platzen.

Es folgt ein kurzes, knarzendes Militaria-Set, unterlegt mit Projektionen von Marschstiefeln, pornografischen Sequenzen und später auch wie mit der Konditorenspritze hingemalten kawai-Zuckergußbildchen von My little Ponys, Propagandasequenzen mit asiatischen Schuluniformmädchen, allerlei Blumen und Gezitter und Laufschriften mit allerletzten Todeswarnungen. Hoho! sagt man auf dem Total-Theater, die ironische Brechung immer gleich mitgesprochen. Laibach sind vielleicht so eine Art Krampusfest, handfester Schabernack und Austreibung von allerlei Bösem.



Nach einer Pause folgen im zweiten Teil des Abends hymnische Pop-Lieder wie Edelweiß, verhältnismäßig gefällig wird es dabei schon, ein bißchen beliebig vielleicht, der Witz ist schnell genossen. Etwas von The Human League würde jetzt nicht wundern, Singesingesing, es ist der "Kumbaja"-Moment des Abends. Fehlte noch, irgendeine blutjunge, schwarzuniformierte Industrial-Gestalt aus dem Publikum hakte sich zum Schunkeln bei mir unter.



Völlig an mir vorbeigegangen war, daß Laibach eines meiner liebsten Lieder von Bob Dylan gecovert haben. Die durch Pennebakers Filmclip zu "Subterranean Homesick Blues" ikonografisch gewordenen Cue-Cards wie hingespuckte Milch auf den Hintergrund projiziert, haben Laibach den Klassiker Ballad Of A Thin Man völlig dekonstruiert, zersägt und neu zusammengeklebt. In Hamburg als schönes Brett serviert, mein persönlicher Höhepunkt des Abends. Nur so kann man das covern, das gitarrenschrammelige Lagerfeuer austreiben, das Brennholz noch mal kleinerbrechen, Fackeln binden und ausgebrannte, trostlose Kellerlabyrinthe damit erhellen. Wo eben was Seltsames passiert, nackte Gestalten herumliegen und Unverständliches brabbeln. Man weiß eben verfickt nochmal nicht, was da geschieht. Oder weißt du es, Mr. Jones?

>>> Geräusch des Tages: Laibach, Ballad Of A Thin Man

Radau | von kid37 um 10:00h | 23 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 15. Oktober 2015


Lowlands



Herbst wird der Herbst erst, wenn Low ein neues Album herausbringen und mit einem Konzert ihre berührend einfach gestrickte, melancholische Decke über deine Stadt legen. Die Vorgruppe, anstrengend dahergeklampfte, von sich selbst ergriffene Küchentischmoritaten (irgendwas um C-Dur und G und D), wird freundlich verabschiedet, ("In Hamburg sagt man Tschüß!"), dann elektrisches Knistern (als wären die nicht geerdet, pah), eine sehr tiefe Bodenfrequenz übers Effektgerät hineinoszilliert und Low schaben los, sanft schwingend, extrem kontrolliert bis in die gelegentlichen Feedback-Ausbrüche hinein.

Das Trio aus Minnesota, quasi das Norddeutschland der USA (in einer kurzen Unterbrechung werden wir über die Wetterlage aufgeklärt), ist nicht da, viele Worte zu machen, sondern die frohe Botschaft zu verkünden. Im Publikum halten einige Herren, die sogar älter sind als ich, vielleicht wollten sie zum Downtown Blues Club oder Landhof Walter, auch hier im Knust tapfer durch. Sie hören Lieder über den sterbenden Affen, Abneigungen und Lügen, wie es ist, sich auf die Zehen zu pissen, allesamt stoisch vorangetrieben vom Standschlagzeug, unaufgeregt zersägt von rostigem Gitarrenkreischen. Wie das so ist, wenn die Dinge kaputtgehen. "Lovers sleep alone".

So ein Regenspaziergang im eisigen Hafenwind wäscht einen schön durch, klappt einem den inneren Mantelkragen hoch, wappnet gegen Erinnerungen und blümchenduftvernebelte Illusionen. Danach dann dämmrig mit der U-Bahn heimrumpeln, vorbei an zittrigen Lichtern. In klamme Laken schlüpfen.

Setlist Hamburg

>>> Geräusch des Tages: Low, Pissing

Radau | von kid37 um 11:37h | 15 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 26. September 2015


It's me!



Das Schöne am Reeperbahn-Festival ist ja, daß man da nicht darauf achten muß, ob man das coolste T-Shirt anhat oder die Schuhe spitz genug sind. Einfach alte Akkreditierungskarten und Backstage-Pässe herausgekramt, alles umgehängt wie winters einem Weihnachtsbaum, und schon erreichen einen auch als älteren Herren eine Menge großäugiges Geklimper und freundliches Geschau. Man ist eben parkettsicher hier in Hamburg, und wenn irgendwo eine Rock'n'Roll-Veranstaltung mit jungen Leuten ist, dann füge ich mich ein, passe ich mich an, ganz als gehörte ich dazu. (Auch bekannt als "Schulze-und-Schultze-Methode" und für exotische Reiseorte sehr empfehlenswert.)

Das nächste Mal nehme ich vielleicht einen abgewetzten Gitarrenkoffer mit, auch um meine Schätzchen von der Flatstock-Poster-Convention, die zeitgleich zum Festival stattfindet, nach Hause zu tragen. Dieses Jahr hatte ich Geld vergessen und wollte mir mit den mitgeführten 25 Euro gleich ein Limit setzen. Das reichte für einen hübschen Druck für Sleater Kinney. Erst ein Kollege mußte ich darauf aufmerksam machen, daß in einer schummrigen Ecke ein Plakat mit hohem Schwarzwertanteil hing. "Mulder, it's me" rief es mir entgegen, als ich erstmal die Brille geputzt hatte. Fast verpaßt, denn wahrlich lange ist es her, daß mir eine schöne Rothaarige hinterhergerufen hat! Alles nur, weil ich so mit VIP-Karten dekoriert war wie ein Weihnachtsbaum!

Derart auf der Reeperbahn willenlos gemacht kam es, daß ich erstmals in meiner Zeit in Hamburg diesen berühmten Geldautomaten an der "sündigen Meile" benutzen mußte, um nachzutanken. (Ich schätze, morgen ist das Online-Konto leergeräumt, an diesem Ort muß man ja mit allem rechnen.) Aber wenn man den Hals voll Backstagepässen gehängt hat wie ein Weihnachtsbaum, kann man schon mal coole Sachen machen. Um ein paar Maak bestückter, konnte ich dann die Nummer 6 von 8-und-unleserlich erwerben. (Wäre es eine "37" gewesen, ich hätte nicht überlebt.) Ich hoffe, ich kann recht bald in ein schönes Schloß umziehen, mir fehlen daheim wirklich die Wände.

Radau | von kid37 um 18:10h | 2 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 29. August 2015


Pendeln



Heute morgen, ich trug Kopfhörer und hörte gerade auf meinem MP3-Player die schönsten Walgesänge der 80er, 90er und die Besten von heute, kam die Durchsage Weichenstörungfeuerwehreinsatz oder auch gar keine, wie das bei der Bahn so ist, mal so, mal so. Jedenfalls fuhr die S-Bahn mal so wieder nicht. Nun sagen mir ja Menschen, die morgens eigentlich gar nicht die öffentlichen Nahverkehrsmittel für den Weg zur Arbeit nutzen, sondern die zehn Minuten mit dem ToGo-Becher unterm Arm lässig zu Fuß gehen, mit der linken Hand den persönlichen Feinkostmann grüßend, mit der rechten frisch gepflückte und von sauber gekämmten, in ökologische Wolle vom korrekten Naturschaf hineingestrickte Kinder gereichte Blümchen sammelnd, ich sollemichmalnichtsohaben, das bißchen quergestellte Nahverkehrerlebnisse immer, schlecht beduftete Menschen, verstockte Züge, exkrementierte Sitzplätze. So schlimm könne das gar nicht sein und mit ein wenig Tole...

Tollerei! Denke ich, aber nur sehr still bei mir. Ich schluckte daher, solcherart ja quasi sanft ermahnt, drei, vier an mich selbst und ein paar imaginierte Zuhörer gerichtete Kommentare herunter, öffnete meinen Strukturnotfallkoffer und zog spontan wie ich bin einen alternativen Reiseplan in Betracht. Wenn in Hamburg, so das S-prichwort, mach es wie die Hamburger. Fahr mit dem Schiff zur Arbeitstelle! Kann man machen, weil ich auch dort nah am Wasser gebaut habe, im Grunde genommen könnte ich sogar gleich von meinem Heim aus in zehn Minuten, ohne daß ich noch einchecken müßte, über ein, zwei Kanäle und zwei, drei Schleusen, also in zehn Minuten quasi, mit dem eigenen Boot - und wäre schon beim Einsteigen irgendwie in London Calling - I live by the River!

So also lautet nämlich das Hafenstadtschicksal, das es matrosenhaft zu ertragen gilt. Mit dem Schiff zur Arbeit fahren! Man trifft auf dem Sonnendeck nun immerhin gut belüftete Menschen, hält ein Schwätzchen, erklärt die Szenerie, wenigstens gut ausgedacht mit ökologisch korrektem, selbstgesponnenem Garn. Manchmal stehe ich sogar vorne am Bug und tanze zur milden Gaudi der Touristen und noch nachsichtigeren Verwunderung der hüfts-teifen Hamburger zur extra laut gedrehten Musik. Warum? Na, weil ich es kann. "What's for you, will not pass you by."

Daher auch entdeckte ich mit gerade einmal nur knapp zehn Jahren Verspätung die fröhlichen Jungs von Working For A Nuclear Free City. Deren Album "Businessmen & Ghosts" läuft nun bei mir auf dem Traumschiff über die Bordanlage, darunter Gute-Morgen-Lieder wie das begnadet betitelte Get A Fucking Haircut oder auch das eher zwiespältig betitelte Eighty Eight. Wer noch Auto fährt, hat da auch gleich prima Untermalung für über die Autobahn bei Nacht, es ist sogar so, daß man, um diese Musik zu hören, tatsächlich extra nachts über die Autobahn fahren möchte, wäre das nicht aus allerlei, auch ökologischen, Gründen quasi von Innen, vom inneren Naturschaf her verboten.

So hatte ich also recht seemännisch der S-Bahn ein Weichenstörungfeuerwehreinsatz-Schnippchen geschlagen. Ich stand an der Reeling, nicht mehr tanzend, dachte an diese Schauspielerin, was ich immer noch tue. Manchmal. Ist aber alles schon lange her.

Radau | von kid37 um 02:37h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 26. Juli 2015


Nix mit Rummachen und Anfassen und so


Das ist 2015 offenbar nicht so mein Jahr, da half auch gutes Zureden vom Chef persönlich nicht. "Och", dachte ich so. Meine Bezugsgesellschaftsgruppe weilt gerade im frostigen Ausland auf so einer Insel, im Ring war ich ja letztes Jahr schon, wenn auch unfreiwillig, und als Rentner am Seil fühl' ich mich gerade und irgendwie zwickt's und dann schon wieder fremde Menschen anfassen...

Papperlapapp: Ich habe geschwächelt und gebe es zu. Jetzt ist es raus. Hallo, ich bin Kid37 und ich habe dieses Jahr die Veranstaltung aller Veranstaltungen geschwänzt und war nicht bei Rock'n'Wrestling. Dafür, das soll jetzt tatsächlich eine Entschuldigung sein, habe ich meine Ankündigung wahrgemacht und das Video von 2014 fertiggestellt - schon allein, weil Baster mich provozieren wollte und behauptete, daraus würde ja eh nie was. Ha.

Dieses Jahr wurde Bento Sieger der Publikumsabstimmung, und das ist ja nun mal wirklich auch gerecht. Jede Wette, daß es ein toller Abend war - während ich daheim am Filmprojektor nur mit dem Rendern rang und mit Codecs rummachte. Ich hoffe, das ist nur eine Phase. Ausreden für 2016 habe ich dann keine mehr.

Radau | von kid37 um 16:33h | 15 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 11. Juli 2015


Nachtlärmen




Wer wie ich nicht auf ominöse Anspielungen und rückgratschwache "andere Leute sagen doch auch"-Verbalmarshmallows steht, der gehe zu Lydia Lunch. "Stick the needle in the eye", ruft sie ins Mikro, und schon donnert ihre Band los wie eine Bisonstampede. Schamanistische Ejakulationsmusik, dargeboten von Mama und ihren drei Lustsklaven, mit sprotzenden Gitarren und rollenden Drums herausgeschnitzt aus Lärmgewittern. Der Gitarrist (Weasel Walter von den Flying Luttenbachers) strahlt respektverlangende Gefahr aus, auf so eine gesunde, durchtrainierte Weise, so als wolle er sich nachher noch in einer dunklen Gasse prügeln. Nicht aus Aggression oder niederen Vorbehalten, sondern weil er diese überschüssige Energie loswerden muß. Eine pervers gesunde Kraft, anders als bei Rowland S. Howard früher, bei dem man nicht sicher war, ob nicht irgendwo noch eine Nadel aus dem klapperdürren Gestell seines schmächtigen Klappmesserkörpers herausbaumelte.

Die Lunch derweil hat nach zehn Minuten bereits Tonmischer, ihre Band und das Publikum zusammengeschissen. 100 Jahre schlechte Laune im Gepäck, eine freispielende No-nonsense-Politik, herübergerettet aus verschimmelten New Yorker Clubkellern der 80er-Jahre. "This Gun is Loaded" hieß nicht umsonst eines ihrer Werke, warum auch Drumrumreden und Herumeiern. Der polternde Lärm öffnet bald ein großes schwarzes Loch, in das Lydia ihr Publikum auf einen Ritt durch eine vermüllte Hölle mitnimmt - "Burning Skull", "Slow Burning", "Run Through The Jungle" sind die Stücke aus mehreren Jahrzehnten finsteren No-Wave, die munter dazu angeschlagen werden. Am Schlagzeug sitzt Bob Bert, einst bei Sonic Youth angestellt und nun als lärmgestählter Felsen in die hochprozentige Geräuschbrandung betoniert.



Eigentlicher Höhepunkt des Abends aber war zuvor John Parish, den großen Mann des britischen Musikgewerbes, den Meisten als musikalischer Partner von P. J. Harvey bekannt. Der macht seit Jahren auch Filmmusik, L'Enfant d'en Haut ist darunter vielleicht der bekannteste Streifen, und stellte nun ein Best-of vor. Das großartige Album heißt passenderweise Screenplay und läßt sich hier anhören. Live mit toller Band angenehm differenziert und ohne Mätzchen zu allerlei Projektionen vorgetragen, Gelegenheit für die ein oder andere Entdeckung - mir jedenfalls waren die Filme von Patrice Toye ("Rosie", "Little Black Spiders") bislang unbekannt. Es macht Spaß, solch entspannten, gänzlich unprätentiösen Musikern zuzuhören, fern davon, technische Defizite durch Lautstärke kompensieren zu müssen.

Von der Vorband würde ich das nicht uneingeschränkt behaupten wollen, die nervte mich bereits nach fünf Minuten, gleichwohl ihrem Kopf der Verdienst gebührte, diesen Abend überhaupt veranstaltet zu haben. Mir war es entschieden zu selbstverliebt, zu egozentrisch, zu aufdringlich. Immerhin: Am Schlagzeug, ich sag noch den halben Set hindurch, den kenne ich doch, saß tatsächlich Budgie, dessen Arbeit ich nach dem Ende der Banshees und der Creatures völlig aus den Augen verloren habe. Nie sah ich ihn vor so einem minimalistischen Drumkit, mit dem er dankenswerterweise immer wieder spielfreudig in das ausufernde Ansagegefasel seines Frontmanns hineingrätschte. Schön, daß es ihm offenbar besser geht.

(Der Abend war zudem eine Gelegenheit, die Fuji für die Konzertfotografie zu testen. Mittlerweile ist mir aus verschiedenen Gründen die Nikon zu schwer geworden, und als Reisekamera hat sich die wesentlich leichtere X-Pro sehr bewährt. Bei schwierigen Lichtsituationen in dunklen Konzerthallen allerdings stößt das System, vor allem mit dem 55-200, an (Geschwindigkeits-)Grenzen. Spaß macht sie trotzdem.)

Irgendwann dann durch die Nacht laufen zu irgendeiner Bushaltestelle, nicht irgendwohin, sondern heim. Gesumme im Ohr, alle Nerven durchgespült und neu elektrisiert. Letzte Fotos machen, ein paar Lichter. Run Through The Jungle. Jedermann sein eigenes Rettungsboot.

>>> Lydia Lunch Still Burning (live in Dortmund)

Radau | von kid37 um 23:23h | 19 mal Zuspruch | Kondolieren | Link