Samstag, 20. März 2021


Betrachtungen am Swimming Pool. Ein Traum.



Letzte Woche saß ich allein am Pool, ein Urlaub im Sommer scheint weiter nur hohles Versprechen, betrachtete also den Wind auf den Wellen, das Strömen hierhin und das Strömen dorthin, tankte, nur in meine Winterbadehose gekleidet, Entspannung und blendete Gefahr, Ungemach und Zukunft aus. Unterdrückte Spannung bei flirrender Winterkälte, man hätte ein Pferd ins Wasser führen können oder einen großen Hund, wie ein Müßiggänger ein Getränk schlürfen oder sich schläfrig dem Nichts öffnen.

Die Tage tropfen herunter, gleichförmig, irgendwas ist manchmal, öfter aber gar nichts, im Fernseher schaue ich eine Reisedokumentation. Da wird gewinzt bei einem Winzer, geimkt bei einer Imkerin. Menschen tragen medizinische Masken, folkloristische Masken, rituelle Masken, verspeisen Früchte der Erde, preisen das Licht im Himmel, bezwingen die Weite der Meere. Ich ringe mit den Falten der Decke auf dem Sofa, stelle Berechnungen auf, messe Distanzen, plane eine Idee in der Vergangenheit.

Wir zählen die dritte und wissen, jede siebte Welle ist die größte. Wer bis dahin überlebt, kann einen rätselhaften Dialekt erlernen oder ein stärkendes Gericht. Einen Roman aus dem alten Prag lesen oder Filme schauen ohne Ton. Es ist alles eins, dieser Tag oder ein anderer. Dein Haar glänzt in der Sonne, aber auch das ist nur Erinnerung.


 


Dienstag, 12. Januar 2021


Ballade vom braven Mann

In meinem Debütpolitroman Die Ballade vom braven Mann erzähle ich die Geschichte eines älteren, alleinlebenden Mannes, den Nachbarn als "stets freundlich und unauffällig" beschrieben, der aber eines Tages beschloß, sich gegen das System aufzulehnen und sein Glück in eigene Hände zu nehmen. Auf den Tag folgte die Nacht, und in der brach er, nur mit einem Schraubenzieher, eisernem Willen und einem mathematischen Plan ausgerüstet, in eine Lottobude ein, fuhr den Rechner hoch und hackte sich in das Buchungssystem ein. Zunächst stellte er die Systemuhr auf eine normale Öffnungszeit um, dann buchte er in langer Vorbereitungszeit vorab ausgefüllte Lottoscheine mit variierender Superzahl ein. 14 Millionen Stück.


Symbolbild Strand

Erwartungsgemäß, ich will nicht zuviel verraten, war darunter ein sog. "Hauptgewinn" (und mehrere kleinere), die er ordnungsgemäß bei der Lottogesellschaft deklarierte, den Millionenbetrag nach ausführlicher Sicherheitsbelehrung und Ausgabe mehrerer Fondssparprospekte seiner Bank vom Konto abhob und mit einer prall gefüllten Reisetasche nach Wuppertal fuhr. Ich weiß, daß jetzt einige von der Handelskammer approbierte Witzbolde wie von einer Zwangskrankheit befallen auf Loriot verweisen werden. Jedoch hatte der Held des Romans, der durchaus autobiografische Züge trägt, Verwandtschaft in der kleinen Metropole des Bergischen Landes.

Er traf sich dort auch mit dem ein oder anderen Anhang in einem nicht besonders besonderem Café, erklärte stets freundlich und großzügig, "laß mal, ich zahl schon" und ging dann zurück zum fußgängerunfreundlichen Bahnhof, wuchtete die Tasche über Treppen und Treppen und dann weitere Treppen zum anderen Gleis, dachte jedoch nicht im Traum daran, Stadt oder Bahn ein paar Mark für eine Rolltreppe dazulassen. Briefkästen waren alle abgebaut. Statt in die große Stadt zurück fuhr der Zug, in den er stieg, direkt durch (ist ein fiktionaler Roman) in ein kleines Dorf an der südfranzösischen Küste, wo er in jungen Jahren mal eine ebenso junge Frau geküsst hatte, die Proust las, der er aber nicht intellektuell genug gewesen war.

Er nahm sich eine kleine Wohnung mit Blick aufs Meer, grüßte stets freundlich die Nachbarn, sagte "Merci" und "Au revoir", kaufte am Nachmittag von der Mittagssonne bereits etwas welk gewordenes Gemüse und öffnete sich dazu abends eine Dose Sardinen, füllte einmal in der Woche einen Totoschein für die erste französische Liga aus und lebte ansonsten ein unauffälliges Leben ganz wie früher in seiner alten Heimat.


 


Freitag, 4. Dezember 2020


Vom Ende der Woche



Die Tage lag ich morgens noch wach in meinem kleinen Institut für höhere Relevanz und hing einem kleinen Traum nach, in dem es hoch herging, dann aber auch wieder runter. Es ist dies ja ein Sinnbild für allgemeine Abläufe im Leben. Der Paternoster des Alltags, könnte man sagen. Erst geht es hoch, dann aber auch wieder runter. Oder auch, für unterwegs: "mal so, mal so". Oben angekommen, muß man eigentlich nur darauf achten, wenigstens nicht kopfüber wieder runter zu fahren. Das passiert wohl immer wieder mal, weshalb die EU von Paternostern nicht so ganz begeistert ist.

Als ich ausgeträumt, aber verdammt guten Kaffee getrunken hatte, dachte ich wieder über meine derzeitige Lieblingsserie Murdoch Mysteries nach, die ja ebenfalls um die vorletzte Jahrhundertwende (die Älteren erinnern sich) spielt. In Staffel 12 haben Detektiv Murdoch und seine Frau, Rechtsmedizinerin Julia Ogden, endlich ihr erstes Haus in Toronto bezogen. Architekt war Frank Llyod Wright, der mit seiner Freundin, der berüchtigten Schriftstellerin Ayn Rand, in der Stadt weilt, ehe er nach Chicago weiterzieht. Ins hypermoderne Haus (wir schreiben ungefähr das Jahr 1910) hat der Tüftler Murdoch eine speisekammergroße "Mikrowelle" einbauen lassen, die er gerade erfunden hat. Der Krimigeschichte wegen platziert ein Mörder eine Leiche darin, schaltet das Gerät ein, und, nun ja, wer mal ein Ei in der Mikrowelle hatte, weiß, wie das endet. Für Frau Ogden wird es jedenfalls eine schwierige Spurensuche. Probleme, Probleme. Die Murdochs, die nun, wie es in der viktorianischen Nachbarschaft heißt, in dem "verrückten Haus" wohnen, weil die offene Architektur, die klaren Linien und die technisch sehr modernen Einbauten sehr ungewöhnlich sind für ihre Zeit, haben auch so ihre Auf und Abs. Ist halt eine Fernsehserie und nicht das echte Leben!

Ich würde mir in mein avantgarde-modernes, viktorianisches Haus ja einen magischen Orchideengarten einbauen lassen. Da säße ich dann in süßlich-schwüler Luft auf meinem Rattanliegestuhl und schrübe komplizierte Briefe nach Übersee oder dichtete an einem erotischen Schauerkurzroman. Oder an einem feurigen Pamphlet für gerechtere Zustände, jedenfalls so lange, bis mir ermattet der Stift aus der Hand gleitet. Und ich im Traum was erfinden würde. Sanften Schlaf zum Beispiel. Auf und ab.


 


Mittwoch, 12. Juni 2019


Rostmotte



Neulich fand ich auf meinen Wanderungen durch die zerlebte Stadt auf der Straße dieses Artefakt. Eine verrostete Motte, wie ich bald erkannte. Ab und an findet man noch solche zu Schlacke erstarrten Insekten aus der Zeit vor der großen Krise. Heute als totemistische Symbole verehrt, eine Erinnerung an von Arten belebtere Zeiten. Ich werde es als Reliquie für den Kult der großen Motte aufbewahren, einmal im Jahr wird sie aus ihrem Behältnis geholt und der Gemeinde gezeigt werden.

In knapp zwei Wochen ist Sonnenwende, dann werden die Tage wieder kürzer. Können sich die Regierungen im verdorrten Europa auch nicht auf eine Zeitumstellung einigen, so tickt sie doch bereits wieder schneller. Ich esse verstärkt Frühlingszwiebeln, um das Altern abzubremsen. Karotten und Sesam. Frühlingszwiebeln, Karotten und Sesam sollen mich mottenstark machen, dazu Eisenpräparate, damit ich ein Nachleben als Rostartefakt haben kann. Heimlich halte ich die Rostmotte fest in der Hand, meine, eine Krafte in ihr zu spüren und denke, schön, wenn etwas Bestand hat.

>>> Geräusch des Tages: The Sound, I Can't Escape Myself


 


Mittwoch, 27. März 2019


Humpback Hocker

"Ich bin ein verwunschener Buckelwal", sprach er. Ich runzelte die Stirn und sah meinen drehbaren Hocker mißbilligend an. "Man soll nicht fantasieren", mahnte ich. "Und auch nicht aufschneiden!"

Zu viele prahlen und gleißen, dann setzt man sich drauf, und es ist nur billiges Gewackel. Ein Ikeahocker eben, dachte ich. Aber neugierig war ich doch und drehte - und wie überrascht war ich! Der Gesang eines Wales! Mein Hocker kann unter Wasser singen? Ich habe es jedenfalls, so der Beweis, aufgezeichnet. Ein Hockerwalgesang.

Wie schön das wäre. In unruhiger Nacht, wenn um drei die dunklen Wahrheiten wachen, drehte ich schnell eine Runde auf dem Stuhl, um mich - und die Nachbarn vielleicht auch, die sich über das unbestimmte Quietschen aus dem Finstern ihrer eigenen Nacht wundern würden - zurück in den Schlaf zu singen. Oder wie mit einer Lockpfeife herangerufen, einen Leviathan zu wecken, der mich aus tiefer See betrachtet.

Unter meinen Händen soll alles Klang werden, rief ich entzückt, drehte den Hocker herauf und herunter, entlockte ihm, so als würde ich ein Lenkrad halten, Töne, Seufzer und Gesang - eine Symphonie wurde in meiner Diele geboren. Ideen blitzten auf: Ich würde weitere Hocker besorgen und mit einem Quartett in der Elbphilharmonie auftreten. Von den Gagen könnte ich mir die Stradivari der Hocker kaufen, um diesem noch präziser noch feiner klingende Gesänge abzuringen.

Zu lange herumgehockt, ich gehe jetzt durchs Haus lauschen. Hör den Gesang der Wasserleitung, das Trommeln der Waschmaschine. Die Geräusche entlang der geheimen Traumpfade.


 


Sonntag, 10. März 2019


Bomberjackenmädchen



Auf dem Debütalbum meiner Punkband Die verranzten Rentner befand sich damals das Lied "Bomberjackenmädchen", das europaweit, vor allem aber in Japan, ein kleiner Hit war.

Du- wolltest immer was wagen
Dir - kann keiner was sagen
Bomberjackenmädchen!
Bomberjackenmädchen!


So was kommt an. Pogo im Publikum (Albumtitel). Ein wenig so wie meine Fotoreihe "Kaffeetrinken mit Frauen". Das ist ein faszinierendes, vergleichsweise aber stilles Projekt, bei dem es um Abstraktion geht - oder besser gesagt Substraktion. Denn die Frauen oder der Kaffee sind gar nicht im Bild. Aber das sieht man ja.

So ist es oft im Leben. Etwas ist da und gleichzeitig nicht da. Die stille Präsenz der Abwesenheit. Alle kennen das durch das von Freud beschriebene "Fort-da"-Prinzip, woran ich immer denken muß, wenn ich den Kaffee dann auf einmal auf habe. Alle, leer, weg. Von wegen, die "Permanenz der Dinge". Schaut man nicht hin, gibt es die auch nicht. Wie Staub im Haus zum Beispiel. Oder Streifen auf frisch geputzten Fenstern.

Streifen auf frisch geputzten Fenstern wäre auch ein schöner Titel für meinen Debütfilm, sollte ich mein künstlerisches Portfolio dereinst erweitern wollen. Klingt einerseits haushaltsbekannt und ist damit instantly relatable, wie das Prinzip von Hollywoodfreuds beschrieben wurde. Gleichzeitig hat es aber einen geheimnisvollen Klang. Das ist wichtig, falls mein Film (da geht es um ein Bomberjackenmädchen, das immer viel Kaffee trinkt und in einer Schlüsselszene die Fenster nachlässig putzt) einemal im Deutschunterricht interpretiert werden soll. "Mangelnde Durchsicht" steht dann in Königs Erläuterungen und gibt bei Nennung schon mal drei Punkte.

Es ist Sonntag. Da fasse ich für die Nachgeborenen das Leben gerne kurz zusammen.


 


Samstag, 23. Februar 2019


Miti Miti



Mal angenommen: Wenn ich wie ein Astronaut im All schweben würde, was passierte mit dem Blumenstrauß in meiner Hand? Solche Fragen kann wieder niemand beantworten. Es bräuchte ein wissenschaftliches Notfalltelefon, wo man spätabends noch anrufen könnte, um Antworten auf derartige Fragen zu bekommen.

Alles muß man selber denken, sitzt dabei zwischen Baum und Borke, im Comme ci, comme ça, mal hier, mal dort, und am Ende teilt man fifty-fifty.

Im Telefongespräch mit meinem Vater rechneten wir gestern durch, wie man einen höheren Lottogewinn möglichst effizient aufteilt. So wie früher in der Schule bei den Textaufgaben, wo man drei Stück Lakritz gerecht an sieben Personen am Tisch aufteilen soll. Daraus habe ich vor allem eins gelernt: Laß niemanden in die Bude, die wollen dein Lakritz!

Oft wollen die nur was wissen, die Nase in die Luft halten, wie wir unter Jägern sagen. Vielleicht eine meiner neuen Erfindungen oder Theorien abgreifen oder etwas Aufmerksamkeit. Während ich mich auf die Blumen konzentriere und mich frage, wie sie auf einem Tisch im Weltraum wirken würden.

Ich würde gerne mal so mit drei Frauen am Tisch sitzen, dabei Kaffee und Kuchen einnehmen, kein weiteres Wort sprechen. Denn wenn ich mit Menschen zu Tisch sitze, hört sich das oft nicht anders an. Gerne würde ich auf der Arbeit mal eine Woche nur in Meredith-Monk-Fantasiesprache reden. Oder das Notfalltelefon anrufen. Um Gewohnheiten zu brechen, zu schauen, wie weit man sich nach links oder rechts neigen kann (im Weltraum: auch nach oben oder unten!), hin- und herschaukeln mit immer neuen Blick auf die Blumen auf dem Tisch.

Ich habe heute nach langer Zeit Hiroshima, mon amour von Aain Resnais wieder gesehen. Darin treffen sich zwei schöne Menschen aus weit entfernten Städten (eben Hiroshima und Nevers in Frankreich), entkommen aber nicht ihrer jeweils etwas bedrückenden Vergangenheit. Ich sag mal so: Es geht nicht erfreulich aus. (Wobei "gehen" ein übertriebenes Verb für diese Art Film ist.)

Interessant ist die repetitive Sprache (Skript: Marguerite Duras), in der Worte in verschiedenen Stellungen im Satz wiederholt werden, Ketten mit weiteren Sätzen bilden und einen musikalischen Rhythmus. Niemand spricht (mehr) so, auch nicht in Filmen. Es klingt ein wenig wie die mechanischen Variationen eines Steve Reich oder die PIN, die ich heute für die Packstation bekam: 2568. Wo jeder gleich denkt, da fehlt in der Kette von Fünf, Sechs und Acht doch eine Sieben. Dabei, so erklärte mir das wissenschaftliche Notfalltelefon, ist die vorhanden - man muß nur die anführende Zwei und die Fünf addieren. Habe ich mir nicht ausgedacht: 2568.

Jetzt stelle man sich vor, nur damit das jetzt alles einen Sinn ergibt, man hätte 2568 Blumen, legte die in eine Packstation und schickte die ins All. Und dann hieße es, so jedenfalls in dem Film, den ich darüber drehen würde (Skript: Meredith Monk), hier ist die PIN-Nummer, öffnen Sie eine Klappe und schauen Sie, was mit den Blumen passiert ist. Und dann sieht einer die Blume an und sagt: "Du bist Hiroshima."

So war mein Tag bislang. Mal so, mal so. Das Geld vom Lotto würde ich übrigens in Immobilien anlegen. Eine Wohnung in New York, eine London, in Paris und Melbourne. So daß man wie ein Raumfahrer immer um den Erdball kreisen kann, entweder Blumen oder ein Putztuch in der Hand. Denn meine nächste Frage ans wissenschaftliche Notfalltelefon wäre: Wie halte ich die Buden sauber?

Muß los.


 


Freitag, 1. Februar 2019


Elektrogesundheit

Heute ist ja Tag der Elektrogesundheit, da gibt es, wie man auf den Bildern erkennen kann, allerlei Möglichkeiten, Verspanntes mit der korrekten Spannung zu korrigieren, Tiefgestimmtes mit Hochfrequenz anzukurbeln und (zu) Kurzgeschlossenes in weite Kreise zu schalten.

Als geübter Elektrostatiker ziehe mich mir dann im abgedunkelten Dachzimmer einen Acrylpullover über den Kopf (zehn Wiederholungen) und lausche dem Knistern und Britzeln, schaue halluzinogiert den Blitzen hinterher, spüre wie im Nachhall das Verschwinden von Nackenschmerz und Schwachstromstimmung. Es erheitert mich, wie die umgebundene Krawatte darauf wie ein am Mast festgefrorener Seemann stocksteif in die Höhe steht. (Passiert bei Eismeerfahrten ständig.) "Flaggensignale der Gesundheit!" rufe ich in die Dunkelheit hinein. "Hart backbord! Und keine Pest an Bord!"

Auf diese aufregende, wahre Begebenheit auf hoher See gönne ich mir einen Schluck Eisenwasser, selbst angesetzt. Wozu teuer im Metallschnapsladen kaufen. Eisen steigert die innere Leitfähigkeit, wer in Physik der Mittelstufe aufgepaßt hat, dem leuchtet das ein wie ein energiedurchflossener Wolframdraht. Wer mag, kann es sich auch in einer Eisenwasser-Challenge über den Kopf gießen, das Ganze beim Lichtblitz eines Acrylpullovers fotografieren und beim Sozialen Netzwerk einstellen. Derart befähigt könnte ich auch als Experte für Energiewirtschaft ins Fernsehen gehen, meinen kleinen Elektrostatiktrick auf einem Panel von anders gesinnten Redner zum Besten geben und einen Vorschlag machen. Ich habe da nämlich eine Theørie entwickelt. Trügen Radfahrer in der Stadt statt gelber Warnwesten nämlich welche aus Acryl oder Katzenfell, könnten sich viel zu eng überholende Autos durch Reibung daran elektrisch aufladen! Geht der Akku zu neige, einfach einen Radfahrer im Acrylanzug ausgucken, anreiben, zack - schon kann man zehn oder gar 20 Kilometer weiterfahren. Da ist natürlich jeder erstmal baff, wenn er das hört, das überrascht mich nicht. Geniale Ideen sind oft so einfach, fallen einem wie überreife Äpfel auf den Kopf, wenn man gerade schön unterm Baum träumt, oder schwappen beim Einsteigen wie Wasser über den Rand der Badewanne. (Die übrigens ganz ohne Expertendiskussion fern jeglicher Elektrizität und Acrylpullover zu halten ist.)

Ich werde mir jetzt einen Anzug aus Katzenfell zusammennähen, einen Prototyp wie ein Buffalo Bill der Stromerzeugung. Nur eben mit Cat und Kid. Das sind so Gedanken einer Freitagnacht.


 


Freitag, 5. Oktober 2018


When Mama Was Moth

When mama was moth,
I took bulb form
My body electric will writhe in vain

(Cocteau Twins, "When Mama Was Moth")




Manchmal, wenn ich abends in meinem Geheimlabor sitze und obskure Experimente an armen Seelen durchführe, hoffe ich, Antworten finden zu können. Warum Leute immer so weltumgreifend tolerant sein können, solange sie es nicht selbst betrifft. Warum Menschen nur das Beste wollen, solange sie es nur selbst betrifft. Warum Menschen manchmal nicht hinhören, finden, daß immer nur die anderen zu viel reden, warum immer nur eigene Probleme zählen, man für die anderen nicht verantwortlich ist.

Man kann den Untersuchungsobjekten allerdings mit den gewagtesten Instrumenten zu Leibe rücken, peinliche Befragungen durchführen, die Stimme erheben. Wie tot, schweigen sie still. Sie schweigen still, wie tot. Wenn einer sagt, "Mach mal Herbst!" welke ich ein, wie ein abgefallenes Blatt, stelle mich starr, so daß man meine Knochen knacken hört, will einer mich bewegen.

Mutter schickt ein Paket mit Schokolade. Tiere kauern wie leblos in den Wäldern. Pilze zittern, in den Körben der Jäger liegt kein Kuchen und kein Wein. So sieht es aus, und alles aus den Fugen.

>>> Geräusch des Tages: Cocteau Twins, When Mama Was Moth


 


Freitag, 11. August 2017


When Doves Cry

Stay still, be still
No wonder you are always lost
As a messenger you must be known
With messages you must return

(Blonde Redhead, "The Messenger")




"Get fit or I'll kneecap you!" Na, toll. Jetzt werde ich auch noch bedroht. So bin ich nun schon aus Selbstschutz gezwungen, fluchend Liegestütze zu machen, während im Fernsehen Leichtathletik läuft, noch mehr Gemüse in mein Essen zu schnibbeln und trübe Gedanken wegzumeditieren. Nutzt ja nichts. Unangestrengt achtsam heißt das statt Schulterzucken, Aggression oder Rauswinden, wo gibt es denn so was noch.

Verbindungen knüpfen, ein delikates Geschäft. Strippen ziehen, den Staub aus den Jacken klopfen. Schweißtreibend altes Laub und Geäst wegräumen, den Acker umpflügen wie so ein Gartenbesitzer. "No sour meadows", richtig ausgependelt, den Stand des Mondes beachtet. Über Kreise reden, Zirkel, die sich schließen und weiterschrauben. Das Unwahrscheinliche in einer schnell gezimmerten Echokammer ausfüttern mit dem Auflisten von Zufällen. Daß ich genau dieses Buch habe. Daß sich Sequenzen bilden und Oktaven. Daß ich bis drei zählen kann. Daß man gleichzeitig Zeitzonen nachschlägt.

Pattern recognition als weithin phasengerechte Beschäftigung. Das Summen der Leitungen hören, irgendeinen Windhauch. Störungen. Gespür haben. Manchmal auch kein Gespür haben. Oder Worte haben. Oder wieder ganz viele haben. Das ist schon sehr unwirklich, und man denkt an die Zeit, als man Brieftauben schicken mußte und hoffen, daß kein Fuchs die fängt, oder die sich nicht verirrt. Mein Vater rät zu einem Reisepaß.

Immerhin. Andere gehen Tauben füttern im Park. Andere gehen Tauben vergiften im Park. Andere stellen sich taub.

>>> Geräusch des Tages: Blonde Redhead, The Messenger