Montag, 23. August 2021


Merz/Bow #68



Ich frage mich, wer diesen Infotext geschrieben hat. Was geht in diesem Menschen vor? Warum dieser Hass auf Sprache? Oder ist das ein Hilfeschrei, eine verschlüsselte Nachricht? Ein Wesen vielleicht aus einer anderen Dimension, ein Geist? Immerhin handelte es sich bei der "Disk" um eine aus der 2. Staffel Twin Peaks. Mysteriös, aber irgendw. auch brut., ein Umg. m. Sprach., d. an e. Psychofol. erinn. Vielleicht war es ursprünglich rückwärts formuliert.

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Widerstand ist möglich. Initiativen und Indie-Verleger wie Ugly Duckling Presse versuchen, Medienhäuser, Autoren, Käufer und Leser zu sensibilisieren für eine Welt jenseits von Amazon. Hyperallergic berichtete.

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Immer dieser spannende Moment, wenn es heißt "This Tumblr may contain sensitive media". Große Erwartungen, die sich nach dem beherzten Klick auf "View Tumblr" oft als übertrieben entpuppen.

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Wie zum Beipiel beim harmlosen Blog Moonhunter, das Fotos von Flor Garduño, Cartier-Bresson, Man Ray oder Edward Steichen sammelt. Die Tumblr-Zensurstelle wurde dennoch nervös. Kunst wirkt.

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Der nervigste Trend der letzten Jahre röchelt, ist aber immer noch nicht tot. Ich rede von "Lab", dieser unter Kulturinstitutionen oder Festivals weit verbreiteten Marotte, Webseiten als Design-Laboratorium zu gestalten, so daß andere Kulturinsider zwar juchzen, normal Interessierte und Besucher aber nur sehr mühsam zu relevanten Informationen wie Öffnungszeiten und -bedingungen, Eintrittspreise und Anfahrtswege pi&pa&po gelangen. Gerade frisch wieder bei der Phototriennale Hamburg, die statt einer übersichtlichen GUI allen Ernstes den Marquee-Befehl aus den 90er-Jahren reanimiert. Wie so was auch in spannend und übersichtlich geht, zeigen Leute, die auch was verkoofen wollen wie (wahlloses Beispiel) der durchentwickelte Komplex Industrycity in Brooklyn, N.Y.

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Man könnte eine Kulturfestival oder -institutionsseite ja mal so gestalten wie den Infotext meines BluRay-Players. Alles in so einer gewissen dadaistischen Radikalität getextet. Ich biete mich an.

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Die Kommentare auf Youtube sind zurecht verschrien. Manche aber haben eine ganz eigene Poesie. Das sind Menschen die technische Dokumentationen und Infoscreens betexten sollten.

The repetitive mixture of major and minor cords in this song just makes me feel cozy in a very melancholy way, like a long hug from a friend who makes you feel bad about yourself, and who you probably having feelings for you don't know what to do with, so you bottle them up. A quiet adolescent heartache. Safe and nostalgic and deeply, deeply pathetic, but most all just sorta painful in an oddly reassuring manner. (Q)

MerzBow | von kid37 um 11:52h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 23. Juni 2021


Merz/Bow #67



Kinder, wie die Zeit vergeht: 20 Jahre Antville. Blogger, die wo Abitur haben und vernünftigerweise "das Blog" sagen. Das waren die großen Cousins und Cousinen, die ein Blog bei Antville hatten, haben, wiederkehrten. Ein paar habe ich 2005 immerhin beim "Blogmich" in Berlin gesehen, gehört, gesprochen. Man ist sich so lange her. Ich hatte kein Blog bei Antville, wg. zu spät. (Bin ja sehr jung.) Halte mir als stille Reverenz aber eine Ameisenstraße auf der Tastatur.

Gesammelte Texte zum Jubiläum: 20 Jahre Antville

Ekkehard Knörer im Merkur (PDF)

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via Sakana übrg., einen der ersten Blogger, den ich in Hamburg kennenlernte. (Alles beschrieben im Roman Marktstube, früher.)

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Da ich gerade so ein bißchen Zeit am Tag habe, kam ich endlich dazu, noch einmal durch die auch schon lange Geschichten von Blonde Redhead zu gehen. Die in ihrer freigestimmten Frühphase ja an Sonic Youth erinnerten, einen Vergleich, den sie aber im Booklet zu Masculin / Feminin, der tollen Kompilation der ersten beiden Alben, beklagen. Andererseits hatte aber Steve Shelly von Sonic Youth die einst produziert und auf seinem Label herausgebracht. So hängt alles mit allem zusammen. (Foto zeigt die Band in der Canal Street in New York, was eine große Stadt in den USA ist.)

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Habe mir jetzt aus verschiedenen Gründen erstmals ein Auto gekauft, das aber noch nicht zugelassen ist. Natürlich ein Camper, wie es viele derzeit machen. Hervorragend geeignet für einen kleinen Ausflug (habe schon seit 1972 keine Ausflüge mehr gemacht), ausgebauter Dachraum für ein Nickerchen. Möchte damit aber ins Autokino, denn vom Aussichtssitz ist die Sicht hervorragend.

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Interessiere mich insgesamt sehr für Pilze, seit ich einen Bericht im Fernsehen gesehen habe, in dem zwei junge Damen aus dem Süddeutschen, glaube ich, proträtiert wurden, die in ihrem Altbaukeller Pilze züchten und an Restaurants verkaufen. Die Gewächse hängen in Plastiktüten (darin: Nährboden) im naturfeuchten Keller und werden, sobald sie weit genug aus kleinen Löchern herausgewachsen sind, einfach abgeschnitten.

MerzBow | von kid37 um 12:26h | 6 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 14. April 2021


Merz/Bow #65

Die letzten Tage habe ich mich sehr gut mit der BBC-Serie "Detectorists" unterhalten gefühlt. Zwei schnuffelige Verlierertypen in England suchen in ihrer freien Zeit mit Metallsonden bewaffnet nach Schätzen und finden zumeist Knöpfe und Dosenringe, philosophieren dabei über ihr leicht leerlaufendes Leben, falsche Entscheidungen, den Traum vom großen Schatzfund und erwehren sich ihrer Sondelclub-Kollegen freundlicher und feindlicher Natur. Arte, der Sender unseres Vertrauens, zeigte alle drei Staffeln (die Folgen sind möglicherweise noch in der Mediathek). Keine ganz große - Achtung! - Ausgrabung, man merkt wie das Skript in Staffel zwei ein wenig schwächelt, aber sehr charmant mit vielen skurrilen Nebenfiguren und unter anderem Tobey Jones besetzt. Den kennt man als Truman Capote in Infamous und vielleicht auch aus Berberian Sound Studio. Und natürlich einem Dutzend anderer Filme. Diana "Emma Peel" Rigg spielt dort eine ihrer letzten Rollen. So charmant ist das alles.

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Trailer

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Seither sind meine Suchergebnisse gepflastert mit der offenbar berühmten (ich kannte sie nicht) Ausgrabungsstätte Sutton Hoo in Suffolk. 1939 fand ein englischer Archäologe dort ein angelsächsisches Schiffsgrab, in Detectorists wird darauf angespielt. (Der Stoff wurde gerade mit Ralph Fiennes verfilmt.) Sondeln bringt also was, ist aber leider auch in Deutschland streng reglementiert. Sonst wäre es die perfekte Freizeitbeschäftigung in Pandemiezeiten. Allein im Wald mit ein paar Ersatzbatterien und einer Metallsonde, man kann verlorene Hufeisen finden oder eine verrostete Liebe, abgerissene Uniformknöpfe und verlorende Thermosflaschen. Aber eben auch historisch bedeutsame Schiffsgräber, weshalb die Reglementierung sinnvoll ist.

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In einer Stadt am Fluß oder an der Meeresküste kann man auch "Mudlarking" betreiben. Was bei anderen Leuten die Katzen ranschleppen, machen nämlich auch Ebbe und Flut. Zeug, Krempel, Knochen, Weltkriegsgranaten, fette Beute. Die Britin Nicola White ist Schlickforscherin an der Themse und zieht immer wieder hochinteressante Dinge aus dem Schlamm und zeigt sie auf Youtube. Goldgräberstimmung am Uferrandgebiet, aber bitte immer die Flut im Auge behalten.

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Hab in einem schönen Urlaub in der Bretagne, man darf ja mal nostalgisch werden, fast einen Schuh verloren, weil ich bummelig und barfuß auf einem großen Stein am Ufer saß und meine Schuhe auf einem kleineren daneben und die dann von einer Minute auf die andere an mir vorbeischwammen, weil hopplahopp die Flut auflief. Seither beziehe ich immer nur Wohnungen unterm Dach, denn zweimal passiert mir das nicht.

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Ich habe selbst viele falsche Entscheidungen getroffen. Aber eben auch ein paar richtige.

MerzBow | von kid37 um 01:20h | 2 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 18. März 2021


Merz/Bow #64

Happy surf sound will tear us apart: Messer Chups spielen Joy Division. Die russische Surf-Rockabilly-Band hätte ich auch gern mal live gesehen, ist sicher immer mächtig was los. Wenn ich meinen Führerschein richtig verstehe (ist aus dem letzten Jahrhundert und schon ganz abgewetzt), darf ich sogar einen kleinen Roller fahren. So käme ich auch mal raus. Ist sicher ein Mordsspaß.


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Sah neulich in einer Krimiepisode eine viktorianisch gekleidete Frau, die ich ganz faszinierend fand. Wäre ich ein halbes Jahr jünger, würde ich gerne mit ihr durchbrennen, dachte ich zunächst. Aber dann entpuppte sich die Frau als Mörderin, was ja nicht so von gutem Charakter spricht. Und mit dem Durchbrennen wäre es auch schwierig geworden, denn man hat sie 1849 gehenkt. Story of my life.

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Derzeit nämlich schaue ich Murder Maps, eine historische True-Crime-Doku über spektakuläre Fälle zwischen 1850 und 1950, meist aber aus dem viktorianischen London. Jack the Ripper und Dr. Crippen sind erwartungsgemäß dabei und ein paar, von denen ich noch nie gehört habe - und ich höre in der Hinsicht ja Zylinderhüte auf Gras fallen. Läuft auf ZDFinfo oder hier auf Youtube. Die Reihe ist gut recherchiert, liebevoll ausgestattet (ganz wunderbare File cabinets) und nicht so sensationsheischend wie die meisten Pendants, die so auf den privaten Kanälen laufen.

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Aus dem Umfeld entstand auch ein gleichnamiges Buch (Thames & Hudson), das ich mir letztes Jahr kaufte. Gefüllt mit Illustrationen, Photos und historischen Straßenkarten werden hier Mordfälle aus halb Europa und den USA (als Schmankerl auch Australien) kurz und übersichtlich wie in einem Lexikon präsentiert und dabei auch die jeweiligen Entwicklungen in der Forensik vorgestellt. Ein toller Schmöker für zwischendurch, schon weil die meisten Einträge mit einer Doppelseite auskommen.

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Das Schwimmbad ist nun auch fast totgemordet. Gerodet, gepflügt, der Schutt grob geschreddert. Immerhin kann man nun im Pool spazieren gehen oder ein kleines Picknick oder auch Verhör mit einer Mörderin veranstalten. Verstehe nicht, wieso man diese Idee nicht generell für die Wintermonate etabliert. Tische und Bänke rein, Winterbiergarten fertig. Jetzt in Pandemiezeiten ist natürlich nur ein Tisch vorhanden, damit Forensiker später ein leichtes Spiel haben. Und Bedienung gibt es auch nicht. Aber das wird ja vielleicht nicht ewig so sein, auch wenn sich leitende Politiker gerade alle Mühe geben, uns alle umzubringen.

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Mein Debütroman wird heißen Ich folgte einer Mörderin und handelt von einem arbeitslosen Detektiven, der von seinem treuen Labrador begleitet, eine Mörderin jagt, die ihren Ehemann in einem leeren Schwimmbad ertränkt hat. Was zunächst wie ein Unfall aussah, ist aber eine kaltblütige Tat, denn im Becken war zu dem Zeitpunkt gar kein Wasser, wie der gewitzte Detektiv noch vor der Polizei herausfindet. Kein Wunder, sitzt er doch selbst auf dem Trockenen!

MerzBow | von kid37 um 02:37h | 6 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 10. November 2020


Merz/Bow #63

2020. Dieses passiert. Und jenes auch. In den USA (das ist ein großes Staatengebilde in Nordamerika) läuft zur Zeit ein Extremzählwettbewerb (das ist wie Spelling Bee mit Zahlen), der uns, oder jedenfalls die Interessierten unter uns, möglicherweise noch nächstes Jahr beschäftigen wird. Bei 70 Millionen ist man schon, das ist eine 70 mit 000000. So viel hat der eine, den das interessiert. Der andere aber auch und ein paar mehr dazu. Und so vergleicht man dann.

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2018 bereits, ich bin ja Avant-Berater im Außendienst, habe ich in New York (das ist eine große Stadt in den USA) bei einem Wettbewerb in Extremmißmuting an einem interessanten Platz mitgemacht. Es waren 34 Grad im Schatten, dazu 500 Prozent Luftfeuchtigkeit, was die Angelegenheit in Sachen Mißmut für mich sehr vereinfachte. Ich erhielt 70 Stimmen, jemand anderes aber auch und ein paar mehr, so daß ich (ebenfalls mißmutig) einräumte, ok, hast gewonnen, ich gebe auf. So macht man das dann.

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Jetzt aber, hausgefangen im Hamburger Lockdown, habe ich aus lauter Langeweile den Expressionismus erfunden. Das ist wie mißmutig, aber als Kunstform. Mein erstes Gemälde heißt Lepscher Kapriolen und zeigt innere (aber auch äußere) Aufwühlung auf den Straßen einer Stadt. Ein Kritiker urteilte: "Das nackte Grauen", und das finde ich schön umschrieben.

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Vor ein paar Jahren, wir blättern zurück in die Vergangenheit, wies mich eine Leserin auf den Laden Song in Wien hin. Dort verkauft die Inhaberin ausgefallene Mode zu einfallsreichen Preisen und ist damit zu einer Kleidungsinstitution in der schönen Stadt geworden. Ich war ja dieses Jahr leider gar nicht Wien, nur einmal in der Modestadt Düsseldorf (ein "Hosen"-Zitat), aber nun hat Frau Song einen Bildband über ihr Archiv (sprich: der erweiterte Kleiderschrank) veröffentlicht und dazu dem Standard ein Interview gegeben.

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Das könnte ich auch mal machen. Ringel im Wandel der Zeit.

MerzBow | von kid37 um 18:37h | 11 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 22. Oktober 2020


Merz/Bow #62

The possibilities are endless. Es schmerzt, wenn man sieht, wie Chancen und Möglichkeiten vergeudet werden. Vor einiger Zeit habe ich mich für ein Projekt beworben, das mich wirklich interessierte. Ach was, elektrisierte, man muß sich dazu das Summen großer Überlandleitungen vorstellen, die schwingende Wellen über feuchte, kühle Wiesen in Nordeutschland ausgießen. Es gab dann auch eine unerwartete 50-hertzliche Resonanz, und man zeigte sich wie statisch aufgeladen über meine Zusage. Dann aber ging irgendwie der Saft aus, die Verbindung unterbrach sich ins Unhörbare und verschwand im weißen Rauschen der allgemeinen Situation™. Schade, aber kann man nichts machen. Wenn ich jetzt aber sehe, wie das Projekt weitergesteuert wird, bin ich als Handwerker ein bißchen konsterniert. DA HÄTTE MAN TOLLE SACHEN MACHEN KÖNNEN!

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Zum Glück halte ich mich mit so etwas nicht lange auf, wünsche wie immer fair alles Gute und beharke meinen eigenen Acker. In meinem Debütroman Die weißen Kacheln färben sich rot geht es derweil um einen alternden, schwarzgerußten Mann in der herzenskalten Großstadt, dessen Schultern vom vielen Computersitzen von vielen Ungerechtigkeiten des Alltags gebeugt wurden.

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Er ist ungefähr so heruntergewirtschaftet wie die Hauptstraßen der britischen Provinz. Ein "Leon" hat über Jahre Ansichten von Ladenfronten gesammelt, ein Album des Verfalls, bei man denkt, ach je, die weißen Kacheln färben sich rot.

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2021 wird indes besser. Es startet gleich mit der Veröffentlichung des neuen Albums Atlantis der Wiener Kreisky. Hier kann man das hinreißend genervte Lied "ADHS" vorhören.

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Mir schwebt nun ein Leben wie Mr. Finch vor. Der britische Textilkünstler (Instagram) sitzt den ganzen Tag in seiner Werkstatt in Leeds bei guter Musik und Bücherstapeln und bastelt still vor sich hin an zauberhaften Insekten, Pilzen und Wald- und Wiesentieren. Hier seine Webseite. Es wird viele lange Winterabende in Quarantäne geben, erinnert euch dann daran.

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Apropos "zauberhaft". in einem dieser algorithmengetriebenen Wörterbucher im Netz steht dazu: "Wie wird das Wort zauberhaft verwendet? Das Wort zauberhaft wird normalerweise in der Mitte eines Satzes verwendet und wird so ausgesprochen, wie es klingt." Wie schön unsere Zeit ist! Alles Wissen geht automatisch. Alles wird ausgesprochen, wie es klingt. Zauberhaft.

MerzBow | von kid37 um 19:09h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 22. Juli 2020


Merz/Bow #61



Es muß Geld ins Haus. Deshalb schreibe ich jetzt romantische Unterhaltungsromane wie Am See der Liebe. Da geht es, so viel sei verraten, um eine Familienreise an einen See, um eine alte Jugendliebe, um Komplikationen und ein Ende, dessen Ende ich hier nicht verraten will. Ich bin da sehr fleißig und habe schon zehn oder elf Zeilen geschrieben. Das ist ganz gut. Ian McKeown zum Beispiel schreibt 600 Wörter am Tag, aber der hat viel Routine.

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Zur lautmalerischen Unterhaltung meines Schreibmaschinengeklappers höre ich ein altes Album von Rowland S. Howard, Teenage Snuff Film mit dem Kracher Sleep Alone. Ein uplifting Soundtrack für die Fahrt mit der Rolltreppe abwärts an den See. Mit dabei sind auch Mick Harvey und Howlands langjährige Weggefährtin und Partnerin Genevieve McGuckin. Nach seinem frühen Tod, eine berührende Anekdote, wurde Howland übrigens eine Straße in Melbourne gewidmet. (Mir, auch berührend, wurde als Autor des erwarteten Erfolgs Am See der Liebe bereits eine in New York (das ist eine große Stadt in den USA) gewidmet, die 37th Street.)

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In der Schreib- und Bildschirmarbeitsplatzpause schaue ich mir an, wie meine Visitenkarte als Autor leichtfüßig-eleganter Unterhaltungsromane vielleicht ausschauen könnte. Anregungen bieten mir die Bilder von Alex Gross. Der hat alte Aufwartungskarten, sogenannte Cabinet Cards, mit Pinsel und Anspielungen auf die aktuelle Popkultur übermalt und so ihre Retro-Atmosphäre aufgehübscht. Ich bin sehr entzückt.

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Menschen stehen vorwärts in den Straßen und schauen den Kometen. Irgendwo unterm Großen Wagen im Nebelwald aus Wolken und städtischer Lichtverschmutzung wird er vermutet, bislang bin ich bei der Suche am Fenster aber immer rasch eingeschlafen. (Als Autor eleganter Unterhaltungsromane gehe ich ja früh zu Bett, ich heiße ja nicht Rowland S. Howard.) Ich bin mir aber insgeheim sicher, daß der Himmelsreisende am See der Liebe viel heller strahlt.

>>> Webseite von Alex Gross

MerzBow | von kid37 um 15:46h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 31. März 2020


Merz/Bow #60

Vor ein paar Jahren hatte ich einen zarten Flirt mit einem Pferd, das einer Bekannten gehörte. Seither erst weiß ich, daß Pferde für den Auslauf auf gut ausgestatteten Reiterhöfen in so Karussells gepackt werden, wo sie - hübsch getrennt in einzelnen Kammern - eine halbe Stunde im Kreis laufen und Strecke machen können gegen die Langeweile. Na ja, ihr kennt das ja sicher gut von euren eigenen Hamsterrädern.

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Als gesetzter Herr von roundabout 37 Jahren kann ich natürlich rund um meinen kleinen Leuchtturm nicht mehr so Rumhüpfen, aber der Kontakt zur Außenwelt soll ja nicht völlig abreißen. Ich habe daher umständlich ein modernes Bildübertragungssystem installiert, um vor interessiertem Publikum regelmäßige Quarantäneansprachen zu halten und besonders Vertraute zum Greifen nah zu haben. Was es alles gibt fürs Heimkontor.

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David Lynch wurde für Mulholland Drive 2001 zwar mit Preisen überhäuft, fand in Hollywood aber kaum noch Geldgeber, drehte (digital) 2006 noch Inland Empire, ansonsten aber vor allem (groteske) Kurzdokus oder Werbefilme. Zwischendurch stand er in den Nullerjahren meist im Atelier, baute Skulpturen aus Holz und Gips, malte und druckte und sichtete sein Werk. So wie seine Präsenz auf Kinoleinwänden ab 2000 abnahm, stieg sie in Galerien und Museen. Von den zahlreichen Werkschauen und Sonderausstellungen sind mittlerweile einige Kataloge erschienen. Zuletzt nun bei Prestel der Band Someone is in my House. Darin sind viele bekannte, gut kanonisierte Gemälde und Zeichnungen, aber auch einige recht aktuelle, dazu Verweise auf Twin Peaks: The Return. Wer also sowieso alles haben will oder überhaupt noch keinen Bildband zu Lynchs malerischem Werk besitzt, findet hier einen guten Einblick.

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Aus Übersee wurde ich unterdessen auf den wunderbaren Film Hotel Splendide aufmerksam gemacht, der hierzulande nie richtig erschienen ist, obwohl er mit Toni Collette und Daniel Craig recht prominent besetzt ist. Immerhin gibt es eine DVD-Ausgabe (OmU), für Leute, die so was noch kennen. Visuell rückenmarkgespeist von den Filmen Jean-Pierre Jeunets und Marc Caros (vor allem natürlich Delicatessen und Die Stadt der verlorenen Kinder), dazu versetzt mit britischem Sarkasmus, verzerrt die muntere Groteske das titelgebende Hotel zur Psychocouch: Eine verkracht-verbogene Familie hält auf einsamer Insel den Betrieb aufrecht, während das viktorianische Gebäude immer mehr zum "House of Usher" verschrägt. Gestörte Mutterbeziehungen, Eifersucht und Neurosen sorgen für nach Leib und Leben trachtenden Exzessen und tragischen Liebschaften, während unten, tief im Unterbewußtsein Keller eine rumpelnde, nur von Eingeweihten zu bedienende Maschine durch wie Eingeweide mäandernde Rohrsysteme die Heizung befeuert - angetrieben von den Exkrementen der Hotelbewohner (da nutzt auch kein Papier). Das ist teilweise derbe, oft munter, manchmal romantisch, toll gespielt und stets wunderbar ausgestattet - wenn auch nicht so über-originell, wie man wünschen könnte. Schönes Abbild des ein oder anderen Quarantänekollers in splendid isolation aber.

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Ich selbst räume ja gerade ein wenig im Keller auf, sortiere eingetrocknete Wandfarbe von der letzten Renovierung 1910 beiseite, entdecke Gegenstände, deren Bedeutung mir nicht ganz klar ist, dabei immer bedroht vom auf halb acht hängenden, mir gefährlich zugeneigten Regal, das aber nächste Woche schon endgültig rausgeflext werden soll. Es ist eine Zeit der Prüfungen und des Aufräumens und des Neuanfangs. Zähne, Toilettenpapier und Nahrungsmittel zusammen-, alles andere bitte auf Abstand halten. Bleiben Sie gesund!

MerzBow | von kid37 um 22:22h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 28. November 2019


Merz/Bow #59



Heute eine kleine Expeditionsfahrt, ganz modern und erstmals mit Handyticket, die Zugbegleiter kennen das zum Gück und halten einfach wortlos ihre Leselasergeräte dran. Wortlos dann auch durch den Regen, der das platte Land hier tränkt. Ich spare mir das Reden für meinen kleinen Vortrag auf, den ich später halten werde.

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Eingenässt, aber weihnachtlich geschmückt, zeigt sich die Stadt ganz charmant, Menschen geben freundlich Auskunft, setzen das Wetter nachsichtig in Bezug zu Trockenheit und Klima, ein Taxifahrer erklärt mir die weiteren Orientierungspunkte. Der auf dem Rückweg fährt allerdings einen Bogen.

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Nach Jahren mal wieder diese Atmosphäre eifriger Betriebsamkeit jenseits von Verwertungszwang und Nützlichkeitsanalysen einatmen. Experimentierlabore, guter Kaffee, gute Leute - als ich gerade warmlaufe, ist die Zeit schon wieder rum. Der Horizont ist hier ein gutes Stück weiter und darum auch Beweglichkeit gefragt.

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Nicht verwandt, nicht verschwägert: Woanders soll es auch guten Kaffee geben. Ich werde das in den nächsten Tagen überprüfen, die Koinzidenz hat mich aber doch überrascht. Der Betreiber schmunzelt selbst erstaunt und wird wohl nicht Bloggen, solange ich kein echtes Café eröffne. It's a deal. Dieser zumindest.

MerzBow | von kid37 um 20:23h | 11 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 27. Februar 2019


Merz/Bow #58


Trotz antiquarischem Muffgeruch (schon vieles probiert) lese ich gerade ein wenig in Sidney Petersons Roman A Fly in the Pigment. Peterson ist einer der frühen Vertreter des US-amerikanischen Avantgarde- und Experimentalfilms. The Cage von 1947 ist einer seiner bekanntesten, mit Einflüssen von Buñuel, Man Ray und Maya Deren. Interessanter Typ, sein satirischer Roman geht um eine Fliege, die plötzlich aus einem Renaissancegemälde im Museum verschwunden ist und deren Sichtweise wir bald erfahren. Vielleicht nicht übermäßig elegant geklöppelt, amüsant sicherlich. Ich bin aber auch noch nicht sehr weit gekommen. Es riecht wirklich modrig.

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Am 25. Februar hat Dana Scully Geburtstag, Special Agent beim FBI für mysteriöse und ungeklärte paranormale Fälle. Ausgerechnet an diesem Tag starb nun ihre deutsche Synchronstimme Franziska Pigulla mit nur 54 Jahren. Jetzt sind die 90er-Jahre aber wirklich vorbei.

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Auch bestimmt "sooo Neunziger", wie es von Superschlauen ja gern herablassend betont wird, ist ja Twin Peaks. Die dritte Staffel war ein großes Fest mit einigen umwerfenden Folgen, einigen Erklärungen der Geschehnisse aus den ersten beiden Staffeln, noch mehr Mysteriösem, viel Kunst, einem großartigen Sounddesign (ebenfalls David Lynch), exquisiter Musik und tollen Auftritten von z.B. Naomi Watts.

Gerade arbeite ich mich durch das dokumentarische Bonusmaterial in der Bluray-Ausgabe. Man sieht bei Proben zu, Vorbereitungen und Setbesichtigungen, erlebt hier und da auch mal einen etwas unwirschen Regisseur (ich hätte gar nicht die Ruhe für so was) und bleibt verschont von Talking Heads, die von "it was a magic moment" und "he's a pure genius" faseln. Es sind wirklich Werkstattberichte, und das einzige, was ein bißchen stört, ist der etwas prätentiös gesprochene Begleittext vom teils deutschen Team, die auch hinter der Doku The Art Life standen. So hat denn auch der Sprecher einen Akzent, der heftiger ist als meiner. (Auf den mich übrigens in New York als einziger ausgerechnet ein Deutscher ansprach. Imagine!)

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Zur Probe rahme ich ein paar Bilder aus meiner "Die Bienen sind tot"-Serie. Ich habe jetzt fünf 50x70-cm und eine handvoll kleinere Formate. Ich nehme das vor allem als Beweis für den Anstieg meines Aktivitätsgrads nach diesem längerem Glassargschlaf die letzten Jahre. Ein motivierendes, interessiertes Umfeld hilft da sehr. Überhaupt sollte man sich frei machen von Unfreundlichkeit und Nörgelei im eigenen Nahfeld. Diese Kritikhanselei, auf die man bei Menschen ab und an trifft, ist kein Zeugnis von Souveränität, sondern letztlich schlecht kanalisierte Geltungssucht. Könnt ihr so aufschreiben. Ihr müßt Blumen sein, nicht Moder.

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An einer Stelle erklärt David Lynch Laura Dern, warum die Uhr an der Wand ausgerechnet 2:53 Uhr anzeigt. Sie sagt, sie ahne es schon, sie arbeite ja schließlich mit David Lynch. Er sagt 2+5+3 ergibt 10, für ihn die perfekte Zahl. Und 3+7? Na? Rechnet es selber aus.

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Wer die Antwort hat, sollte unten auf der Straße übrigens mal nach seinem Kabelmast schauen. Unheimlich.

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This is the water, and this is the well. Kurzzeitig hatte eine Hochschule in Berlin überlegt, dieses Gedicht auf eine Hauswand zu malen. Aber das war, würde Mr. Lynch sagen, nur ein Traum in einem Traum.

MerzBow | von kid37 um 22:35h | 16 mal Zuspruch | Kondolieren | Link