Mittwoch, 12. Mai 2021


Polizeidienst ist Kunst

Heute wäre Joseph Beuys hundert Jahre alt geworden. Ich überlege, ob er wohl geimpft worden wäre oder ob er sich selbst mit seiner Honigpumpe und einer Mischung aus Fett und Filz geimpft hätte. Eine Frage des Narrativs. In Hamburg umfasst das Narrativ mittlerweile nicht mehr "vulnerable Gruppen", sondern "Urlaubs-Pieks" (Hetzblatt) oder "wir machen das Impfzentrum bald zu" (Sozialbehörde). Wer brav nach Plan gewartet hat, wird bald vom Ansturm aller aller untergepflügt, wie früher, als es noch echte Schlußverkäufe gab, auf dem Todesweg zum Grabbeltisch.

Vielleicht hätte Beuys sich auch mit einem Kojoten eingesperrt, so wie es mir auch schon geraten wurde. Einfach eine Schamanenmütze aus Filz über den Kopf ziehen, sich auf ewig selbst isolieren und mit den Kojoten reden, während unten Party ist. Als letzter Ungeimpfter wird man dann in einem Einbaum zum Impfzentrum gefahren, eine feierliche Zeremonie. So wie einst die berühmte "Heimholung" des Joseph Beuys, der als von der Akademie Verstoßener von seinen Jüngern über den Rhein im Triumph zurückgerudert wurde.

Hinter der Aktion stand Beuys' Schüler und langjähriger Weggefährte Anatol (eigentlich Anatol Herzfeld). Von ihm stammen die bekannten Wächterfiguren, rostige Gesellen aus Eisen auf der Museumsinsel Hombroich, wo er lange Jahre sein Atelier hatte. Wie so häufig fragt man sich ja bei Kojotenschnackern wie mir oder Anatol, "wovon leben Sie eigentlich?" Anatol hatte, im Gegensatz zu mir, einen ehrbaren Beruf. Er stand lange als "Schutzmann" im Dienste der Verkehrspolizei Düsseldorf. Polizeidienst ist Kunst, sagte er. Kunst ist Leben und immer noch die beste Infusion.

>>> Sehenswerte Doku über Joseph Beuys von Andres Veiel ("Blackbox BRD")


 


Sonntag, 9. Mai 2021


Beschäftigt bleiben

Seit ich wieder in die Stadt gehen kann,
ist das eine großes Erleichterung für mich.
Doch wie lange habe ich mein Zimmer nicht verlassen!
Es waren bitteren Monate und Jahre.

(Bruno Schulz, "Einsamkeit". 1937.)



Zu Hause sitzen, durchs gekippte Fenster atmen, den Impf-Dax beobachten und die Ausschläge der Termingeschäfte; Jubelschreie auf dem Parkett, wenn Vakzin-Entrepreneure was im Oberarm gelandet haben. Hier zirpen unterdessen die Grillen, rollt Tumbleweed über den Wohnzimmerteppich, starre ich auf Wände, und die Wände starren zurück. Ab und an foppt mich freundschaftlich die Hausspinne, um mich ein wenig aufzuheitern. Doch auch die Tiere sind unruhig.



Wer nicht wie andere Vergessene nach Jahren vor dem laufenden Fernseher bei blinkender Weihnachtsbeleuchtung aufgefunden werden will (kann heute wegen der geplanten Obsolenz nicht mehr passieren, die Geräte halten einfach nicht so lange), sucht sich am besten eine Beschäftigung. So wie meine Mutter, die hier in Sydney eine beeindruckende Sammlung wunderbarer medizinhistorischer Exponate betreut. Das nenne ich Interesse und Engagement und einen schönen Kampf gegen die eigene Obsoleszenz und das Vergessen. Mit herzlichem Charme führt die alte Dame durchs kleine Museum, begeistert Besucher und macht, was sonst nur Blogger ungefragt tun: Sie gibt ihr Wissen weiter.

Es ist natürlich nicht wirklich meine Mutter, bevor jetzt jemand petzt und protestiert. Die sitzt, seit letzter Woche auch endlich mal geimpft, brav daheim und wartet auf einen schönen Gruß zum Muttertag. Alles Gute, Mutti!


 


Donnerstag, 6. Mai 2021


Verschieden, aber alle schön


(c) Scott Sheffield

Derzeit ruhen die Abrissarbeiten am Freibad um die Ecke. Nur das Hämmern in der kleinen Blogschmiede stört die Stille im Viertel. Beim Freibad indes ist alles gepflügt, einzig das Becken steht noch, ungenutzt. Der Traum der Krokodile ging so: Alle ins Becken, nackt. Und kuscheln. Leider hat die Stadtverwaltung meine diesbezüglich vorgebrachte Idee abgeschmettert, obwohl ich wie ein professionell arbeitendes Architektur- und Planungsunternehmen eine Visualisierung beigelegt hatte.

Die stammt von Scott Sheffield. Der Fotograf (*1994) aus Wisconsin ist unterwegs im Niemandsland und wirft einen illusionslosen Blick auf das Zusammentreffen von Zivilisation und Natur. Merke: Nicht alle Baukunst ist wunderbar.

Manchmal dann aber doch. Wenn ich in Hamburg eines vermisse, dann sind das andere Orte. Das Ruhrgebiet zum Beispiel. Hier ist Fotograf Wolfgang Froehling (*1952) unter ehemaligen Bergarbeiterhäuschen umherspaziert und und hat ungewöhnliche Fassadenmutationen festgehalten. Ein Lob der diversifizierten Doppelhaushälfte. Getreu dem Motto: Sind wir wirklich zu verschieden?

Hier haben Menschen einfach mal gemacht. Was aus sich und ihren Häusern. Vielleicht sollte auch nicht auf die Entscheidung der Stadt waerten, sondern mit meinen Traumkrokodilen einfach mal machen. Ab ins Becken, nackt und kuscheln.


 


Sonntag, 2. Mai 2021


Rostige Pferde



Kaum ist man mal zwei, drei Tage von Twitter weg, fühlt es sich an, als hätte man literweise Schafgarbentee getrunken. Alles entspannt, eine gewisse Ruhe schlenkert sich ums innere und äußere Haus. Gleichwohl griff ich heute vor der Radausfahrt zu einer kleinen Schock- und Konfrontationstherapie, als ich meinem Rücklicht nur scheinbar schelmisch drohte, demnächst gar nicht mehr zu Rade, sondern wie so manche neuerdings hoch zu Roß durch die Stadt zu reiten.

Mit Pferden kann ich nämlich gut, muß man wissen. Oder sagen wir: Ich hatte mal eine Bekannte, die besaß ein Pferd und das durfte ich mit Karotten füttern. Dem Pferd war ich, glaube ich, egal (der Bekannten, hoffe ich, nicht), aber es war sehr interessiert an meinen Jackentaschen. (Das war auch eine schöne Jacke, in die viele Karotten paßten.) Jedenfalls bin ich seither Trensenexperte und kann Pferde am Hufschlag erkennen. Drahtesel auch, und daher versuchte ich mich heute als Rücklichtflüsterer und eine Art Fahrrad-Tamme-Hanken: Ich klopfte die Leuchte vor Fahrtantritt vorsichtig, aber bestimmt an neuralgischen Stellen ab, und der Rest ist Ah! und Oh!

Läuft, wie man so sagt. Manche Dinge brauchen nur Ruhe oder ein wenig Eigen-Zeit, mal eine Weile "stille Treppe" oder einen kleinen, aber selbstverständlich liebevoll gemeinten, Klaps. Tipps und Tricks für die Fahrrrad-Hippotherapie lautet mein kleiner Ratgeber, der Roß und Reiter unverblümt beim Namen nennt. "Menschen rostig - Pferde rüstig" ist das leicht zu lernende Motto. Das bedeutet soviel wie: Wenn das Rücklicht heller leuchtet als man selber, muß man dringend was an wackligen Gelenken tun. Umgekehrt hilft manchmal einfach ein wenig Kontaktspray.


 


Samstag, 1. Mai 2021


Herausrollen zum 1. Mai



Bei meinen Nelken zum 1. Mai herrscht offenbar Ausgangssperre, vielleicht habe ich da im Vorfeld nicht genügend agitiert. Neulich habe ich Hyazinthen geschenkt bekommen, die halten sich etwas angeschlagen, aber wacker. Hoffentlich nehmen sich die Nelken daran ein Beispiel. Es heißt jetzt: Durchalten!

In diesem Jahr wurde Walpurgisnacht wohl digital gefeiert, das hätten sich die Hexen früher auch nicht vorstellen können. Eingerieben mit Quarantänesalbe und Abstandspilzen im Tee fliegt man dann mit dem Microsoft Flugsimulator auf dem Digibesen um den Brocken.

Ich bin stattdessen, den Zauberhut keck über dem Kopf, auf ZDFneo bei Derby Girl hängengeblieben und habe dann gleich alle zehn (kurzen) Folgen weggeguckt. [Trailer, alle zehn Folgen in der Mediathek] Es geht um eine junge Eiskunstlaufvizeweltmeisterin mit Aggressionsproblem in der französischen Provinz und eine Clique Roller Girls, deren talentloses Team nicht gegen den örtlichen Dauermeister anstinken kann, aber vom großen Derby in Paris träumt. Die Handlung ist wohlwollend vorhersehbar, aber ausgestopft mit vielen skurrilen Details, schwungvoller Regie, vielen Filmanspielungen, angenehmer Unbefangenheit und comichafter Überdrehtheit, liebevollen Charakteren und offenbar ein paar Cameos, die ich aber nicht auflösen konnte. Gern hätte ich ja meine eigenen Schuhe geschnallt. Aber nun ja, man muß wissen, wann die eigenen Grenzen erreicht ist. Selbstschutz ist das Motto dieser Tage.

Super 8 | von kid37 um 16:37h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 28. April 2021


Merz/Bow #66

Ich bitte um Rücklicht. Supermond im Skorpion, da werde ich manchmal etwas mellow. Das ist bei anderen vielleicht anders, aber ich habe ja manchmal sogenannte Emotionen, und wenn der Mond so voll ins Fenster knallt, dann wird sumpfige Suppe aus dem Bilgeraum des Emo-Kellers schmatzend hochgepumpt und wie aus einer dreckigen Emailleschüssel über mir ausgeschüttet. Ich stehe dann, nur in Gummistiefeln und einem alten Regenmntel bekleidet, auf einem feuchten, grauen Acker, und bin mellow. Mellow Moon müßte das also heißen, nicht Pink oder Punk. Oder Blut.

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Dabei gäbe es ja Grund zur Zufriedenheit, denn mein Gedöns mit dem Rücklicht ist geklärt. Es leuchtet wieder. Lange Geschichte mit der Verkabelung, die immer obskurer und nerviger wurde, je länger ich mich mit der Materie beschäftigte. Nabendynamo, Wechselstrom, Pluskabel an Masse, aber offenbar nicht egal, Hollandrad eben, am Ende war das alte wohl schlicht gegrillt worden. Nun nach langem Geseufze eine neue Platine rein und, siehe da, es läuft, obwohl das gar nicht möglich sein durfte, weil ich das dritte Kabel nicht angeschlossen hatte. Aber gut, wie oft höre ich, daß man auch mal Fakten akzeptieren solle, wenn sie auf dem Tisch liegen. Oder wie in diesem Fall wie ein roter Blutmond vom hinteren Schutzblech strahlen.

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Mittlerweile sind bald alle geimpft. Ich werde wohl erst im nächsten Jahr geimpft, weil ich mit 37, topfit und schuppenfreiem Haar, in keine priorisierte Gruppe passe. Zum Glück natürlich, zum Glück. Ich habe offenbar aber auch weiche Ellenbogen, wenn ich im Gegenzug das trickreiche Gedrängel bei dem ein oder anderen miterlebe. Jedenfalls freue ich mich ganz ohne #Impfneid für jeden, der und die dran ist. Aber der #Impfjubel könnte langsam auch etwas leiser abgefeiert werden. Ist ja wie als kinderlos Gebliebener auf der Frischlingsstation. Irgendwann kommt der Applaus zwar wie immer fair, aber nicht mehr ganz so euphorisch daher.

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Heute ist Anita Lane gestorben, das ist auch nicht schön. Noch vor Kurzem wunderte ich mich, daß sie als einzige Ex-Freundin und Ex-Kollegin nicht in AUTOLUMINESCENT war, der Doku über Rowland S. Howard. Ich bin mir sicher, daß in einer Doku über mich alle meine Exfreundinnen und Exkolleginnen ein paar Worte über mich in die Kamera sagen würden. Selbstverständlich nur gute. Nun weiß ich noch nichts über die nähere Umstände des Todes der Musikerin aus dem australisch-berlinischen Umfeld von The Birthday Party und Einstürzende Neubauten. Aber möglicherweise liegen hier die Gründe. Man soll nie vorschnell urteilen.

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Das sind jetzt so die Einschläge, die einen wieder mellow werden lassen. Anita Lane hat geraucht, aber auch viele coole Sachen mit coolen Kollegen gemacht, unter anderem dieses düstere Sister-Sledge-Cover aus dem Bilgeraum des australisch-berlinischen Undergrounds. Das Mute-Label wollte dieses Jahr ihre alten Alben neu herausgeben, das hat nun ein bizarres, bißchen tragisches Timing.

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Zur Ablenkung bin ich heute eine kleine Runde mit dem Rad durch die Kleingartenanlage gefahren. Dort fasziniert registriert, daß es tatsächlich eine Option ist, seine Parzelle von Mietgärtnern bewirtschaften zu lassen. An einem insgesamt recht posh wirkenden Grundstück war das Schild eines entsprechenden Dienstleisters zu sehen. Spontan wirkt das erstmal wie ein Widerspruch zur eigentlichen Idee eines solchen Gartens, aber nun gut. Wir leben in widersprüchlichen Zeiten. Eigentlich auch praktisch. Dann geht man in seinen Garten, und alles ist topfit und akkurat wie ich.

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Das Rücklicht ist schon wieder kaputt.

MerzBow | von kid37 um 16:22h | 21 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 26. April 2021


Scheiße Schauspieler



Die Jugend ist stabil, kein "Untertan", trägt Ringelhemd und sieht aus wie der Sohn, den ich nie hatte. (Hab' auch mal Bass gespielt.) Das kleine, zarte Satirelied über tütenatmende Quertatortschwurbler gibt es übrigens hier auf Bandcamp zum Download. Wird jetzt mein neuer Klingelton, falls Jan mal anruft.

Wem das zu wenig feuilletonisch ist, mag vielleicht lieber den Klassiker von Kreisky: Scheiße Schauspieler. Darin ein kleines, schmunzelndes Wiedersehen mit einem der 53 Komplettdichten. Und achten Sie auf die 37!

Radau | von kid37 um 20:57h | 15 mal Zuspruch | Kondolieren | Link