Donnerstag, 26. Mai 2016


Theaterferien



Das war knapp. Nach einer Woche Theater und "No! No!"-Skandieren, kam ich am Sonntag quasi mit der letzten Maschine raus, ehe die Grenzen geschlossen wurden. Jedenfalls stand dies als Drohung im Raum, wenn man die Aussagen des potentiellen despotischen Potentaten nur eindeutig genug zwischen den Zeilen las.

Nach all diesem Geraune, den Duellen auf allen Ebenen waren die Menschen wirklich nur noch zittrige Häuflein. Im Flugzeug Schluchzen und Aufregung. Der Kapitän verkündete, das Boarding sei im Grunde complete, man warte noch auf die Startbahn, mehr aber noch auf Beendigung der Probleme um zwei Sitzplätze. Plötzlich stürmte ein asiatisches Pärchen nach vorne, die Kabinentür mußte extra wieder geöffnet werden, der Schlauch hing zum Glück noch dran, schon waren sie raus, Rollkoffer funkenstiebend hinterher. Die waren tatsächlich - Hamburg oder Mailand - Hauptsache Italien! - in der falschen Maschine. Keine Ahnung, wie das überhaupt gehen kann, aber bitte, ein bildhafteres Bild für die Lage von Nation und Europa hätte man auch nicht erfinden können. Aufgescheucht, mindestens zur Hälfte verwirrt, vielleicht wollten die beiden auch einfach nur schnell noch ins Wahllokal. Oder eben: raus, weiter, bloß weg.



Es ist sich knapp noch mal gut ausgegangen, aber bedenklich lange sah es gar nicht so aus. In Cafés aufgeregtes Zwitschern und Gewisper, begleitet vom nervösen Geklimper hektisch gerührter Kaffeelöffel. Ober malten sich probeweise Schmisse aus Schlagobers in die Gesichter, fremdländische Gäste klammerten sich verängstigt an ihre Personalausweise.



In den Nebenstraßen aber weiter alles urschön, selbst in die schiachen Ecken verlor sich zum Ende der Woche ein wenig Sonne. Zum Salat immer ein wenig Schnitzel, wegen der Gesundheit. Frisch geklopft und zurechtpaniert, man muß sich sein Leben schon selbst recht schön machen. Sonst wird das nix.


 


Dienstag, 10. Mai 2016


Spülklar




Die Menschen auf der Welt lassen sich bekanntlich in zwei Gruppen einteilen. Jene, die Weichspüler benutzen, und die, die von dieser penetrant stinkenden Pestsuppe tunlichst Finger und Wäsche lassen. Damit ich ganz schnell Ort und Stelle verlasse, reicht zuverlässig der Einsatz dieser Plörre obendrein fragwürdigen Nutzens, die unter Kriegsächtung zu stellen, der UN-Konvent bislang einfach nur vergessen hat. Dabei muß man meinetwegen gar nicht zu solch offenduftig völkerrechtswidrigen Vergräm-Mitteln greifen, wenn es doch auch einfach gut dosierte Unfreundlichkeit tut.

Sind im Soziallimbo die Schranken erst einmal nach unten durchbrochen, bleibt in aller Regel nur der unter Restwürde zu wahrende schnelle Schuh, das Putzen der Platte, das sich gnädigst kratzfüßig Empfehlen, ergebenster Diener usw., ehe man Rollen in Filmen übernehmen muß, an deren Drehbücher man nur als Stichwortgeber beteiligt war.

So geriet ich neulich etwas vor der Zeit in den Intercityzug Heile Haut, der aber überfüllt war mit Reisenden mit "Jetzt bloß raus!"-Ticket, so daß ein internetbekannter älterer Herr die Fahrt stehend bewältigen mußte. (Da könnt ihr mal 'nen Sozialplattformsturm der Empörung machen!) Organisationsmängel hasse ich ja ungefähr so sehr wie den Geruch und den flutschigen Griff von Weichspüler, nun aber fuhr mein selbstverständlich vorabreservierter Sitz auf einem anderen Zug, und mir blieb der letzte verbliebene Stehplatz direkt an der Türe zur Bordtoilette.

Situation! Wir haben eine Situation! Die olfaktorische Gesamtlage aus einem shitstormigen Toilettendisaster, Reisenden mit schlecht verarbeitenden Schweißstellen und Waggonkupplungsschmiere ließ mich noch mal frisch & neu über den Einsatz von Weichspüler nachdenken. Was, wenn man damit auch vergrimmte Menschen weicher spülen könnte? Flutschig und elastisch machen? Und auch noch ganze Züge und Toiletten beduften? Ach! Hier die Pest, dort die Cholera.

Ich hingegen mags ja verhältnisklar und rein und nehme lieber Essig.


 


Donnerstag, 5. Mai 2016


Paraphernalia



Ich bin jetzt in dem Alter, wo mich vorzugsweise junge weibliche Verkaufsangestellte ganz putzig finden. Ich stehe dann etwas tatterig vor denen, irgendwelche hochpreisigeren Tand- und Altmannbeschmückungsgegenstände oder Sammlerkram auf der Theke, wie diese sehr hübsch aufgemachte Box Die große Untergangsshow zum Festival der "Genialen Dilletanten" im Berliner Tempodrom 1981, krame umständlich nach so einer Elektrogeldkarte und warte dann lange auf die ersten Synapsenergebnisse meine Geheimzahl betreffend. Manchmal sehr lange. Früher®, doziere ich dann, wäre man ja mit dem Krempel unter dem Arm stilecht abgehauen, was ihr aber angesichts des Gesamtzustands® nur ein müdes, mit einem leisen Anflug von Nachsicht untermaltes Lächeln entlockt.

"Noch lachen Sie", lege ich freundlich nach und erkläre jovial und mit nicht nur einem Hauch von Grandezza widerlicher Großspurigkeit, daß im Alter immerhin das Konto gedeckt sei, während das Maschinchen freudig zu piepsen und kein bißchen rabattig zu rattern beginnt. "Am Monatsanfang vielleicht schon", gibt sie sich nicht geschlagen, und beide singen wir den Seufzergesang.

Früher haste organisisiert, heute wird nur musealisiert. Auch ein wenig zwiespältig, liegt darin auch immer eine Art Grablegung. Die kunsthistorische Festschreibung in einen Kanon, Schilder wie "Bitte nicht berühren", "Die Wiese nicht betreten", "Musik nach zehn bitte nicht so laut". Wobei ich letzteres sehr unterstütze, seit feierfreudige Nachbarn zu allen Uhrzeiten ihren mainstreamscheißgequirlten R&B-Mist vom Balkon rüberdudeln. Wird Zeit vielleicht für die Altmann-Resistance. Ein Panik-Orchester.

Radau | von kid37 um 17:20h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 30. April 2016


Atomtellheart



Durch @FrauDiener wurde ich ursprünglich auf diese hübsche Serie aufmerksam, dann konnte ich mich lange nicht für ein Motiv entscheiden, aber nun sieht man mich mit buchstäblich strahlendem Gesicht: Mein erster Atomteller!

"Denkmäler des Irrtums - Hoffnung von Gestern - Folklore von Morgen" heißt es auf der Webseite der Schöpfer. Immer wieder werde ich gescholten, die Vergangenheit zu sehr in den Vordergrund zu schieben, mich mit alten Dingen und noch älteren Emotionen zu umgeben. Nun aber zieht die Folklore von morgen in mein Haus, getreu dem alten Lied "Nostalgia For An Age Yet To Come". Idylllische Atomschleudern statt Delfter Windmühlen, lange wußte ich nicht, ob ich die drei hier aus dem Norden wegen der Nähe zu Hamburg nehmen sollte oder nach Motiv entscheiden - am Ende entschieden Heimatgefühle. Auch wenn der Forschungsreaktor in Jülich schöner gewesen wäre, habe ich diesen doch schließlich mal als Schüler besucht. Damals war dies nuklearer Bestandteil des Curriculums, bedauernswerte Physiker in Hawaiihemden zeigten uns die ausgebrannten Kugeln, mit denen man Boccia hätte spielen können, so die Versicherung. War ja alles ungefährlich!

Das schmiere ich denen noch aufs Brot, wenn erst eins auf meinem Teller liegt.

>>> Geräusch des Tages: Buzzcocks, Nostalgia For An Age Yet To Come


 


Mittwoch, 27. April 2016


Urban/Spationierung



Mit meinem aktuellen Roman Fahren Sie raus? Ah, super! schließe ich nach den Vorläufern Alles muß raus! und Warten Sie, ich hab's passend meine 2008 begonnene Stadttrilogie ab. Großstadttrilogie, Entschuldigung, ist ja Hamburg hier.

Wie immer geht es um das Leben ohne Kundenkarte, dafür mit Prepaid-Gefühlen und alles rund um die notorisch erfolglose Punk-Band "Nieten am Rubbellostisch". Geradeaus erzählt ohne literarisches Tam-tam, aber immer mit einer gehörigen Portion Schmäh und dem nötigen Maß an Augenzwinkern und Platz für ernsthafte, durchaus auch mal traurige Zwischentöne.

Das aber nur nebenbei.

Derzeit arbeite ich an einem Projekt über die soziale Beziehung zu Außenterrasssenkultur. Sitzen lernen soll der nächste Band meines Autobiografie-Zyklus heißen. Die Kapitel "Im Kuchen stochern" und "Wer denkt, darf auch mal Pause machen" sind bereits fertig, so nach und nach sammelt sich weiteres Material. Von Übereifrigkeit befreite Yolo-Prinzessinnen, S-Bahnen, die wie schlafende Drachen irgendwo rumliegen und nicht fahren oder vielleicht später, nur nach einem komplizierten Ritual. Regenschirme, die von Touristen wie Excaliburs geschwungen werden - man ahnt es, ich orientiere mich zum Fantasy-Bereich. Darin liege viel Geld, sagt meine Agentin. Und manchmal auch Ruhm. Nun habe ich von letzterem ja die Taschen quasi voll und einiges noch unterm Kopfkissen. Geld aber ist mir ein wenig fremd, wir sehen uns nur selten, was ich bedaure, denn ich finde es voll schön.

Mit Geld könnte ich den Regen vertreiben und auf einer luftigen Terrasse sitzen, Kuchen mümmeln und Kaffee trinken. Mir einen Titel beim schönen Konsul kaufen und ein sausbraus zurechtgeföntes Leben leben. Denken würde ich natürlich auch an euch und in Fotoapparate winken. Eine eigene Briefmarke ließ ich mir widmen (37 Cts.), und mein Blog und meinen Regenschirm ließe ich mit Blattgold ausschlagen.

Mein Leben sieht anders aus. Regen immerhin tropft auf alle Häupter gleich. Die Terrassen aber liegen verlassen, Leute. Die Terrassen liegen verlassen.

>>> Geräusch des Tages: Heavy Rain and Wind Sounds For Sleeping / Relaxation


 


Samstag, 16. April 2016


Hope Demolition



Wie ein fleißiger Imker gehe ich ja regelmäßig bei meinen Bienchen Honig melken, also zur Packstation. Tropffrisch und kaltgeschleudert konnte ich jetzt mein straßengesperrtes (Marathon) Wochenende retten. Unter anderem mit dem hübsch aufgemachten Digipack von Polly Jeans The Hope Six Demolition Project, das mit den Vorabsingles schon ein wenig für Aufregung sorgte. Kaputtbezirke in den USA fühlten sich nicht wertschätzend genug dargestellt mit Behauptungen über Drogen, Kriminalität und einer gewissen Hoffungsferne in der Luft. Tatsächlich sind Geschichte und Ergebnis wirklich aufregend: Ms. Harvey besuchte mit Seamus Murphy zwischen 2011 und 2014 Orte im Kosovo, in Afghanistan und in Washington, D.C. und veröffentlichte dazu den sehr empfehlenswerten Band The Hollow of the Hand (mit Gedichten von PJ Harvey und Fotos von Seamus Murphy). Im Anschluss entstand das Album (Trailer), bei dessen Aufnahmen im Londoner Somerset House kunstinteressierte Besucher halbstundenweise zuschauen durften (also wer, anders als ich, den Hintern entsprechend hochbekam). Das Ergebnis ist eine Weiterführung ihres sensationellen Albums Let England Shake, ein paar Ideen erkennt man wieder ("The Wheel"), anderes verweist auf frühere, auch rauhere Phasen zurück. Das Booklet zollt Freunden und Einflüssen Dank, wie es sich gehört: darunter sind neben ihrem musikalischem Langzeitpartner John Parish Linton Kwesi Johnson (kennt keiner mehr) oder Freundin Ann Demeulemeester. Schön, wenn Erwachsene Musik machen.

Wenn sie Filme machen, kommt so was raus, wie Guy Maddins The Forbidden Room. Ich habe ihn noch nicht gesehen, bin aber voreingenommener Fan von Maddins Werk, und habe zufrieden viel Begeisterung gehört von Kollegen, die ihn auf der Berlinale sahen. Auf der offiziellen französischen Seite im Netz gibt es versteckte 25 kurze Schnipsel zum Gucken und Staunen, auf die Schnelle gibt der Trailer einen ersten Eindruck. Verstreut über Deutschland gibt es einige wenige Kinotermine, darunter sogar welche in Hamburg. (Ob dort wirklich eine Filmkopie oder auch nur die BluRay gezeigt wird, entzieht sich meiner Kenntnis.)

Eigentlich wollte ich nur sagen, ich bin beschäftigt.

>>> Geräusch des Tages: PJ Harvey, The Wheel

Radau | von kid37 um 16:14h | 26 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 15. April 2016


Boxing/Unboxing: Works on Paper



Da ich mir von den Einnahmen aus meinem ersten Album im Stil der Hamburger Schule, Ein Pferd namens Brot, das von einer Reihe unabhängiger, also nicht von Goldman Sachs gesteuerter, Independent-Magazine freundlich besprochen wurde, die ein oder andere Mark zurückgelegt habe, erlaube ich mir ab und zu den Luxus, ein Kunstbuch zu kaufen, zumal, wenn es etwas günstiger als offiziell aufgerufen zu erwerben ist.

Jetzt habe ich also eine solche Gelegenheit ergriffen und mir Works on Paper von David Lynch zugelegt. "Unboxing"-Videos seien der letzte Schrei, ließ ich mir von jungen Leuten ausrichten, vor allem jene, bei denen mit dem Mobiltelefon das Auspacken eines anderen Mobiltelefons dokumentiert wird. Da der Herr Steidl vom gleichnamigen umtriebigen Verlag sich solche Mühe beim Verpacken des Buches gemacht hatte, wollte ich den Bonbonmoment des Auswickelns mit meinen Lesern teilen, denn mir war es eine große Freude, mit einer Rasierklinge feinsäuberlich Klebebänder aufzuschneiden, Schicht um Schicht Papp- und Pergaminpapier zu entfernen und den Torso wie in einer Autopsie freizulegen.

Dann kann man es vorsichtig aufklappen, darin blättern, Gekritzel und Elaboriertes anschauen, das für sich genommen oft unscheinbar wirkt, in der Menge aber erst seinen Sog entfaltet. Fast fühlt man sich verschl...

(David Lynch. Works on Paper. Göttingen: Steidl Verlag, 2011.)