Montag, 17. September 2018


Merz/Bow #56



Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub, und wer hier beim Lesen meines zehnteiligen Diaabends (oder auch längsten Besprechung von PJ Harveys Stories of the City, Stories of the Sea) schon ermüdet war, kann meine eigene Erschöpfung vielleicht nachvollziehen. Und meinen Wunsch, mich von psychischen, physischen und emotionalen Anstrengungen einfach nur in Rückenlage zu erholen - oder schnell noch eine andere Stadt zu besuchen.

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Doch von wegen, "first we take Manhattan, then we take Berlin". Da wurde wohl nichts draus. Erst konnte ich kein Bett nach meinem Geschmack finden, dann vergaß die Bahn, mir rechtzeitig eine neue Bahncard zu schicken. Und dann war das Wetter so merkürdig... wechselhaft. Hü, hott, wie ein unentschlossenes Pferd. Da soll man noch mitkommen. Vielleicht kann man eben auch nur so und so viele große Städte im Jahr sehen. Ich teile es mir ein, geduldig.

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Stattdessen habe ich neue Bücher erworben, etwas über Dead Girls gelesen, die Miniserie Mildred Pierce mit Kate Winslet mit wirklich nur ein paar unerheblichen Jahren Verspätung nachgeholt und mich mit den zauberhaft illustrierten Werken The Sick Rose und Crucial Interventions akribisch so weit medizinhistorisch fortgebildet, daß ich einfach mal mein frischgeschnittenes Herz in die Hand genommen und mich - denn just gelernt, ist alles gewußt - gleich um einen Job beworben habe. Immer weitermachen! Be of use!

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Das belgische Pärchen, das unter dem Namen Mothmeister firmiert, geistert schon länger durch Modestrecken, Magazine und Marginalien. Die Farben sind mir zwar meist zu weit aufgedreht, das Buch aber besser als erwartet. Begleitet werden die Fotos von blogtextartigen Erläuterungen, Notizen und Tagebucheinträgen, die angenehm zu lesen sind und nicht so akademisch steif daherkommen wie in vielen solcher Publikationen. Spannend sind Mothmeister ja besonders dann, wenn sie mit anderen Künstlern zusammenarbeiten, die ihnen obskure Masken, taxidermische Präparate oder herzige Tierpuppen zur Verfügung stellen. Vor allem die von mir sehr geschätzte Annie Montgomery.

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Zurück zur Musik. Max Sharam hat das Thema Mermaids, das hier offenbar in der Luft liegt und von Martin Badway sehr entspannt besungen wird, ebenfalls aufgegriffen und fürs Video ganz berückend animiert. Das berührt den inneren Oktopus in mir.

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Apropos Musikerinnen. Nachdem die in meiner Küche ab und an Süppchen kochen (also einmal), möchte ich diese bezaubernde Idee zu einem regelmäßigen Konzept für Funk und Fernsehen ausarbeiten. Unbedingt auf der Liste steht die Australierin Stella Mozgawa, die Schlagzeugerin von Warpaint, deren Geburtstagskonzert ich mal gesehen habe. Ich wette zwei Paar Drumsticks, daß die super Suppe kann. Und dann wirklich gerne Viv Albertine, die, jetzt schauen wir uns aber mit erstaunten Augen an, bekanntlich ebenfalls ursprünglich aus Australien stammt. Wer Spuren lesen kann, wird einen Traumpfad darin erkennen. Wer einen Löffel hat, wird satt.

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Ganz schön frauenlastig dieses Mal. Nicht, daß ich noch zum Bewunderer werde und mich hinter einer Plane verstecken muß.

MerzBow | von kid37 um 18:37h | 23 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 12. September 2018


NYC #10 - Kamikaze

How could that happen?
How could that happen again?
Where the fuck was I looking
When all his horses came in?

(P. J. Harvey, "Kamikaze")




Was man manchmal braucht, wenn man meint, keine zehn Pferde brächten einen irgendwohin? Weil es nicht geht, weil man es nicht sieht, weil man sich nicht so fühlt? Na, jemanden, der mit elf Pferden zieht! Nach zwei Wochen im Strangeland sind meine Backen zwar nicht mehr ganz so aufgeblasen, ich insgesamt aber wieder ausbalanciert. Zeit, zum Abschluß mal unter die Teppichkanten zu schauen und die Wollmäuse der Stadt zu untersuchen.



Manhattan ist so das eine, aber ich nehme wohl mehr aus den anderen Stadtteilen mit. Auf dem Weg nach Dumbo an schmucken Brownstones vorbei kann man durch die Willowstreet, wo Truman Capote sein Frühstück bei Tiffany geschrieben hat. Auch er hat Manhattan von Brooklyn aus betrachtet - und diese Perspektive liegt mir gerade ebenfalls mehr. Der Flohmarkt unter Brooklyn Bridge ist tatsächlich ganz nett, Taliah Lempert bietet hier ihre Bicycle Paintings an. Ein kleiner Vogel, so viel Zutraulichkeit ist dann doch, bietet mir bei Tisch seine Freundschaft an, als ich mittags vor einem Mexikaner beim Bohnengericht sitze.



In einer anderen Ecke wird malocht. Zementfabriken, Schrottplätze, derangierte Hallen. Ein Kanal schillert in den trüben Regenbogenfarben von vielfältigen Industrieabwässern, ein Entenpaar, das sich die Innenstadt nicht leisten konnte, zieht hier seine klebrigen Kreise. Touristen sieht man hier nicht, nur müde Gesichter aus einem anderen Alltag. Kein Schnickschnack, bis dann am Straßenrand wieder die ersten Hipsterkaffeeröster auftauchen.



Irgendwo an einem Zaun hat jemand ein Batsignal rausgehängt. Ich habe mein Cape nicht dabei, bin ja quasi nackt im fremden Land, verstehe nun aber, warum die New Yorker berühmt sind für nie versiegende Hofffnung und ihr Durchhaltevermögen.



Mit der U-Bahn rattere ich weiter nach Williamsburg, was sich sicherlich entwickelt hat, aber so schrecklich durchgentrifiziert nun auch nicht daherkommt. Ein hochgejazztes häßliches Entlein, aber was weiß ich schon. Fahndungsplakate, Angebote für Schlagzeugstunden hängen an Metallpfosten, zerbeulte Autos am Straßenrand, Filmkulissen sind das nicht. Hier gibt es ein öffentliches Klo, das ich nicht empfehlen möchte. Geht einfach nicht rein, bewahrt euch den Glauben, die nie versiegende Hofffnung und euer Durchhaltevermögen.



Sollte die Show irgendwann doch nicht weitergehen, ist auch hier für alles gesorgt. Abends kommt hier sogar Leben in die Bude, ringsherum gehen Lichter an, werden Restaurants und Bars geöffnet und verrauchte Klamotten gelüftet. An einem Abend spielt hier Lee Ranaldo, aber da bin ich müde und vom Tag erschlagen.



Unten am Wasser wartet eine schöne Überraschung auf den Unvorbereiteten. "Brooklyn's sweet ruin" wird sie genannt, die alte Domino Zuckerraffinerie. Entwickler haben schon ihre Glasaufbauträume eingezeichnet, zuvor würde ich dort gerne noch als Kid Murnau einen Film drehen. Von einem Vampir, der mit einem Flugzeug über den Atlantik reist, um in New York eine Freundin zu besuchen, die eine Wohnung voller Musikinstrumente hat. Gibt es bestimmt noch nicht, und die alte heruntergekommene Fabrik wäre ein prima Schauplatz.



Abends, es ist immer noch unglaublich warm, versammeln sich Brautpaare, Touristen, Einheimische entspannt am Wasser, sitzen an den Brücken, warten auf den Sonnenuntergang und schauen hinüber. Auf die Skyline, die gezackte, totfotografierte New-York-Visage, die erst überstrahlt, bald als schwarze, später dann hell illuminierte Silhouette gegenüberliegt. Ich bin erschlagen, erschöpft, aber doch zufrieden und irgendwie stolz. Wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht?



Todesverachtend, mit sanfter Gewalt gezwungen, acht Meilen hoch über der Erde, dann aber auch Augen auf und viel zu Fuß erlaufen, krachend gegen eine Mauer gelaufen, aber Freunde gewonnen. Ach ja, und Twitter als Reisebegleiter war übrigens super.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey, Kamikaze


 


Montag, 3. September 2018


NYC #9 - Horses In My Dreams

Horses in my dreams
Like waves, like the sea
On the tracks of a train
Set myself free again

(P. J. Harvey, "Horses in My Dreams")




Menschen tauchen auf, Menschen tauchen unter. Manchmal soll man eben nur den Pferden trauen. Frei dem eigenen Treiben nachgehen. Ebbe und Flut. Vor ein paar Jahren habe ich wohlgemut und einer erkundenden Wissenschaft verpflichtet das Morbid Anatomy Museum unterstützt und auch das Buch von Joanna Ebenstein, einer der Gründerinnen. Kollegen dort vorbeigeschickt, wenn sie in der Nähe waren. Leider mußte das Museum als feststehendes Gebäude schließen. Dinge tauchen auf, Dinge tauchen unter. Und ploppen dann unvermutet just in diesen Wochen wieder auf als Pop-up-Museum auf dem Green Wood Cemetery in Brooklyn.



Als Hamburger ist man mit dem als ausufernde Parkanlage ausgemalten Ohlsdorfer Friedhof recht verwöhnt, aber der Green Wood hat ganz eigene Reize. Einen großen Stilmischmasch zum Beispiel. Von Freimaurerpyramiden über Katakomben bis hin zu der mit Ledersesseln im modernen Lounge-Stil gehaltenen Trauerhalle der italienischen Community (Sterben mit Stil) finden sich Grabstellen vieler Art. Dafür fehlen die in Europa so beliebten Engelfiguren, halbbedeckten Trauerdamen und kindlichen Grabkranzhalter.



So wie ich die Mermaid Parade auf dem Hinweg verpaßt habe, nicht aber die Mermaids, so verpasse ich die Gartenparty zum Abschluß der Sommerexkursion, nicht aber eine handvoll hitzegeplagter, schwarzgekleideter Vampirbräute und -schwestern. Denn immerhin schaffe ich es noch zu einem melancholischen Sommerwochenende, an dem man sich dort in flüsternder Runde Tarotkarten legen lassen konnte, in der im alten Torhaus aufgebauten Bibliothek (anything death) stöbern und Exponate und das akribisch nachgestaltete Modell bewundern, das in allen Details (bis hin zu den Toiletten) das alte Gebäude abbildet.



Leider habe ich meine Wasserflasche vergessen, was sich nach einigen Stunden bei fast 30 Grad bemerkbar macht. Ich esse einen letzten Apfel auf ein paar steinernen Stufen und rufe, so wie ihr es auch getan hättet, mir die die tröstenden Zeilen aus Wordsworths "Lines Composed a Few Miles above Tintern Abbey" ins Gedächtnis, die da sagen: "The mountain, and the deep and gloomy wood/Their colours and their forms, were then to me/An appetite". Oder ein Durst. Vielleicht, so denke ich naturverloren, kann ich hier auch übernachten, im kühlen Schatten eines der zahlreichen schmucken Letztzeitgebäude, und den ersten Tau lecken, der von Zedern fallen wird.



So poetisch kann man als frivoler junger - oder auch vertrockenter älterer - Mann auf Friedhöfen werden! Antennen recken ihre Spitzen in höhere Dimensionen, Obelisken empfangen Botschaften, ich kritzle obskure Zeichen in mein Notizbuch und überlege, während ich eine Silberkugel lutsche, wo auf dem Hinweg zuletzt ein Büdchen stand. Führt geweihtes Wasser mit euch, wenn ihr an Grüften und Katakomben entlangspaziert! Nun weiß ich auch, warum dieser Rat im Reiseführer aus dem Van-Helsing-Verlag stand.



Dämmerung setzt nämlich ein. Der Friedhof wird bald schließen, noch aber liegen einige gewundene Wege vor mir, die weder der nicht nach Norden ausgerichtete Faltplan noch mein mobiles Telekommunikationsgerät verlaufsfrei abbilden. Eine zeitlang sah ich in wechselweiter Nähe oder Ferne eine junge Frau mit Kamera herumstrolchen. Die ist nun weg, und auch sonst niemand mehr zu sehen. Die Sonne senkt sich. Viele der hier Begrabenen, so lese ich auf den Grabsteinen, sind Holländer. Venlo? Venlo? rufe ich leise, so wie früher, wenn man über die Grenze fuhr.



Wind zischelt durch die Zweige. Blätter rauschen, die Vögel sind längst schon still. Meine Zunge ist am Gaumen festgeklebt. Ich weiß aber, und das ist meine letzte Hoffnung, daß ich nur mein vollgeschwitztes Hemd in der hohlen Hand auswringen müßte für eine letzte Notration. Denn wo so viel Tod ist, möchte ich heute nicht sterben, nicht auf fremder Erde, Mama.



Im Delir wanke ich dem Ausgang zu. Hier gibt es Wasser. Junge Paare, die auf Wiesen sitzen und mich anstarren, wie eine Erscheinung. Wie einen Ghoul! einen Wermann! einen Zombie! Ich saufe eine Pferdetränke leer, dort, wo die schwarzen Kutschen schon im Halbdunkel auf mich warten.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey, Horses In My Dreams


 


Samstag, 25. August 2018


NYC #8 - Whores Hustle And The Hustlers Whore

Little people at the amusement park
City people in the dark
Speak to us, send us a sign
Tell us something to keep us trying

(P. J. Harvey,
"Whores Hustle And The Hustlers Whore")





Der Sommer war groß - und auch in New York unerbittlich. Da heißt es, Sonnenbrille aufsetzen, Strandtasche packen und an die Küste zu fahren. Es ist ein weiterer heißer Tag, vielleicht noch heißer als die davor. In Coney Island verbrennt die Sonne die Menschen und die Mermaids, die versuchen, über den glühendheißen Sand ans Wasser zu kommen. Ich lasse das mal. Goths on the beach ist zwar ein Trend, ich selbst aber befürchte sofortiges Verdampfen.



Menschen tauchen auf, Menschen tauchen wieder unter - die Wellen an Stränden sind so, und so ist auch das Großstadtleben. In Coney Island gibt es Seenotbesteck und Hilfe für alle Arten von Verletzung - Sonnenbrand und Seeigelstachel, Skorpionstiche und eingetretene Glasscherben, verdorbene Sandwiches und anderes Gemach und Ungemach. Ich habe die Holzkeulen für die Lichtgymnastik vergessen und schaue derweil den ledernen Körpern alternder Männer und attraktiven Bikinimädchen vor den überdimenionierten Kameralinsen großer Jungs zu. Alle gehen hier ihren Gewerken nach, die einen stiller, die anderen laurter. Allen kullert Schweiß von der Stirne, wie einem ehrlichen Arbeiter. Mir auch.



Im Dokumentarfilm Sleepless in New York verliebt sich eine Meerjungfrau auf der Coney Island-Parade. Sie küssen sich vor dem Aquarium mit den Haien, und erst später wird er sie verlassen. Das sind die Geschichten, bei denen Mascara nicht nur von der Sonne verschwimmt. Man kann auch diesen Spuren nachgehen, ich komme hundert Jahre zu spät für die großen Vergnügen entlang der Promenade, aber auf dem Spaziergang von Brighton Beach kann man das ein oder andere noch nachfühlen.



Vor dem Wonder Wheel ein Selfie. "Glauben Sie an Wunder?" Dieser schattenlose Platz bietet keinen Raum für Ausflüchte. Vielleicht ist alles, wie es ist, ganz gut. Das Rad dreht sich weiter, heißt es. Das Rad hat sich weitergedreht. "Too many people out of love", heißt es im Lied, das Leben wie so ein Thunderbolt-Vergnügungsfahrgeschäft. Und, hui, wird das schnell.



Auf und ab also, wie die Geschichte dieses Vergnügungsparks. Weil die Leute einfach nicht stillsitzen können. Es wird gekreischt, angeblich aus Vergnügen, ein Eingreifen ist nicht nötig. Zögernd nehme ich die Hand vom Nothalt. Man will ja nur helfen, soll sich aber nicht einmischen, ja, bitte, danke, dann also nicht. Die Regeln sind ganz schön kompliziert da draußen. Menschen.



Hundert Jahre zu spät, so der Titel meines Debütromans, bedeutet auch, die obskuren Schauen zu verpassen, die heute trotz Rufen nach Diversität gar nicht mehr gezeigt werden dürften. Vorsichtig verstecke ich meinen dritten Arm unter der Jacke. Im kleinen Shop des kleinen Museums zur Geschichte der Side Shows in Coney Island treffe ich ein deutsches Pärchen, das entzückt feststellt, daß man die Germanz immer bei den Freaks antreffen würde. Ich wollte nur helfen, wie gesagt.




Ich kaufe ein kleines Buch über die Geschichte des Örtchens und des Luna Parks, wische weiter Schweiß ab, schaue mir die vergessenen Plakate für die Mermaid-Parade an. Nächstes Jahr will ich dabei sein und Bildungsurlaub beantragen. Hier auf der Schule kann man einiges lernen. Neun-Zoll-Nägel in die Nase schieben. Schwerter schlucken, Hypnose und Menschenbeeinflussung üben und Feuer ausspucken. Alles Dinge, die man auf meiner Arbeitstelle gut brauchen kann.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey, Whores Hustle And The Hustlers Whore


 


Freitag, 17. August 2018


NYC #7 - A Place Called Home

Walk tight, one line
You're wanted this time
There's no one to blame
Just hold on to me

(P. J. Harvey, "A Place Called Home")




Nachdem ich nach einigen Tag nur noch Tourist bin, will ich zumindestens ein paar Eckpunkte abklappern, es soll ja dieses und jenes dort zu sehen sein, was immer das dann jeweils bedeutet. Es sind Häuser zumeist, vor denen viele Menschen in luftigen Kleidern stehen, Mobiltelefone gezückt, und für Instagram Erinnerungsbilder knipsen. Jemand spricht mich auf irgendeiner mit irgendeiner Nummer benannten Avenue auf meine Kamera an und outet mich nach einem Satz meiner Antwort bereits als Deutscher. Nur, weil ich so einen schneidigen Akzent habe! Zo much watch!



"Wir sind hier nicht in Seattle, Kid", denke ich für mich und suche ein paar musikalische Punkte auf. Im CBGB, dem Bethlehem des Punk Rock, ist ja seit einigen Jahren eine Filiale von John Varvatos, der sich mit seiner Mode an finanzkräftigere Rockertypen wendet. In der Filiale lungert denn auch so einer rum, der aussieht, wie der Cousin von Slash, Hemd bis dahin geöffnet, Bändchen hier, Tätto da und einen speckigen Zylinder auf wallende Mähne gepresst. Vielleicht war es auch Slash. Ich unterhalte mich ein wenig mit dem Sicherheitsmann, wir reden über Fußball, er outet sich als Fan der deutschen Fußballnationalmannschaft, und ich sage, die kommen dieses Mal nicht weit. Entschuldigt also. Es lag nicht an diesem oder jenem Spieler. Ich habe geunkt.



Ringsherum Wahrzeichen und kulturgeschichtsträchtige Straßen. Das Chelsea Hotel ist eingerüstet und wenig fotogen, Bowery, Bleecker Street, auch so eine Musikstraße, wo Alicia Keys lebt oder lebte, die mal mit diesem Rapper dieses New York-Lied gemacht hat. East Village, Greenwich, Gramercy, Noho, Soho, Nolita, Tribeca - die Distrikte und Bezirke werden immer kleinteiliger, überall steht irgendwas herum, das man aus einem Film oder von einem Foto oder aus der verschwommenen Erinnerung kennt. Oder eben aus der Nacht, wenn die Lichter blinken, Sirenen heulen, bis nach Mitternacht auch Manhattan in einen unruhigen Schlaf fällt. Bei Evolution kann man tote Tiere kaufen. Man kommt ja selbst auch ganz außer Atem.



Oh, und sinkt auch die Moral, die High Line wartet. Jeder geht über die High Line nach Ironwoodland. Gleich ganz vielen anderen Leuten wandere ich die ab, das geht ganz gut, weil überall Bänke sind, auf denen man mit unschuldigem Blick Pause machen, aufs Mobiltelefon starren und sich rostige Fragen stellen kann. Ich fotografiere eine eiserne Feuertreppe und Fassaden, Texturen von alten Backsteinwänden, die ganz nahe an die ehemalige Bahntrasse heranreichen. Na ja. So was gibt es ja in Wuppertal auch. Und Heimat ist eh da, wo das Herz rumlungert.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey A Place Called Home


 


Donnerstag, 9. August 2018


NYC #6 - Big Exit

Sometimes it rains so hard
And I feel the hurt
In my heart
Feels like the end of the world

(P. J. Harvey, "Big Exit")




Als ich aber so da lag mit meinem vor Hitze wie ein angegorenes Zerealienfrühstück weichgepampten Hirn, dachte ich zähflüssig vor mich hin, daß ich ja in der Heimatstadt der Rap-Musik bin und mich folglich mal berappeln sollte. Zum Glück hatte ich für meine 14 Tage außer meinen Ambitionen im Showgeschäft keine besonderen Pläne, denn Druck und Stress könnte ich auch zu Hause spüren. Und auch wenn gerade alles sehr durcheinander und wie meine Freundin Polly Jean sagt, "crazy" war, so half nur eins: kalt abduschen und dem inneren Ende der Welt trotzig entgegenschauen. Aufbruch, Baby.



Immerhin eine Challenge aber hatte ich mir gestellt, das war die Überquerung der Brooklyn Bridge. Vorab befragte Quellen machten aus der Konstruktion eine Art Ziehharmonika, jeder sprach von unterschiedlichen Längen und Dimensionen und der Art der Anstrengung, die es kosten würde. Am Ende sind es halt knapp zwei Kilometer, die man bequem bewältigen kann. Weshalb es auch jeder macht und dabei irgendwie im Weg rumsteht, um ein Selfie zu machen. Habe ich dann auch gemacht und stand im Weg rum. Weiter draußen kann man dabei der Freiheitsstatue zuwinken, sich ausgefranst und verloren und dann aber herzlich empfangen fühlen.



Romantiker unternehmen diesen Spaziergang spätabends und gehen gemächlich, Hand in Hand mit ihrem eigenen Freiheitsversprechen vielleicht und mit viel "Ah!" und "Oh!" auf die Lichter der Skyline zu. Ich bin bekanntlich sehr empfindlich sachlich orientiert und spare mir das. Die Mittagssonne hat ihre eigene protestantische Klarheit, kein schwummriges Gemunkel, aber man stolpert auch nicht so leicht.



Eins muß man anerkennen: Amerika, du hast es besser! So wird dort dieser elenden Liebesschloß-Plage, diesem Verschandelungsgraffiti des kleinen Mannes, rigoros ein Riegel vorgeschoben. Oder dem sinnlosen Pluckernlassen großer Reisebusmotoren. Das möchte man auch der Weltstadt Hamburg anempfehlen. Nur das mit dem "No kidding" habe ich irgendwie persönlich genommen. Vielleicht sollte ich mir eine Eiskrem gönnen. Alles wird gut.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey, Big Exit


 


Freitag, 3. August 2018


NYC #5 - One Line

All through the rising sun
All through the circling years
You were the only one
Who could have brought me here

(P.J. Harvey, "One Line")




Nach vier Tagen aber mal innehalten. Nach dem vorerst gescheitertem Showprogramm muß ich Durchschnaufen und Wunden lecken. Man lernt ja beim Reisen immer viel, vor allem über sich selbst, aber man darf sich schließlich auch als Rider nicht aus dem Emo-Blogger-Sattel werfen lassen. Mal bist du beim Rodeo oben, mal bist du unten, immer weitermachen usw. Aus der Heimat erreichen mich hilfreiche Einschätzungen, aus dem Fridge hole ich mir Kühlakkus für Kopf und Herz, und obendrein habe ich Glück: BBC-Amerika veranstaltet einen Akte-X-Marathon, darunter ist meine Lieblingsfolge. Also bleibe ich - ungnädig mit mir selbst und der Welt - luftig bekleidet wie P. J. Harvey einen Tag schwitzend auf dem Sofa liegen und schaue, wie Mulder und Scully zu einem Song von Cher tanzen. Ja. Dafür fliege ich nach New York. Genau dafür.



Als Reiselektüre habe ich The Lonely City dabei, ein Buch, das außer mir offenbar alle kennen. Eine Engländerin zieht nach New York, fühlt sich unter anderem wegen sprachlicher Unterschiede (!) fremd und untersucht das Phänomen Einsamkeit, die teils unwirschen und wohl auch angstvollen Reaktionen der Umwelt darauf und analysiert dazu das Werk einschlägiger Künstler. Darunter Edward Hopper, von dem ich erfahre, daß er privat wohl nicht so sympathisch war, der alte Kotzbrocken.



Um mich selbst zu finden, gehe ich in den nahegelegenen Supermarkt, eine Empfehlung, die ich auch anderen Reisenden aussprechen möchte. The Germanz learn Zen. And der Kasse stehe ich nämlich unversehens hinter der COUPON-Lady. Eine ältere Schwarze im ausgeputzten Kleid und auffälligem Hütchen, bei der ich zu spät begreife, was der Stapel Rabattgutscheine in ihrer Hand bedeuten wird. Indigniert schauen sie, aber auch die Kassiererin, mich an, als ich anfange, meine Sachen schon einmal effizient hinter den Warentrenner aufs Band zu packen. Demonstrativ schiebt sie alles auseinander, um mehr Distanz zu schaffen. Dann soll sie bezahlen. Erst aber möchte sie nun wissen, für welchen Artikel genau ein bestimmter Rabattbon verrechnet wurde. Und sie hätte ja auch eine Kundenkarte. Nein, dann möchte sie diesen anderen Artikel wieder ausbongen lassen, weil der unbedingt mit einer anderen Rabattaktion bezahlt werden solle. Ob sie ihre Liste noch einmal groß sehen könne? Sicher, sagt die Kassiererin, drückt eine Taste und die Liste erscheint auf einem großen Monitor vorne an der Kasse. Ob man mal hochscrollen könne, nein wieder runter, ah da, nein diesen bestimmten Artikel wolle sie dann lieber doch nicht und hält eine Dose mit irgendwas hoch. Oder, ach was, da müsse der Code mit der Kundenkarte drauf. Ich denke, na ja, gleich wird die Kassiererin die Dame ermahnen. Aber nein. Sie erklärt, als wäre das alles noch normal, sie müsse dazu "another person" holen. Ja, bitte. Nein, doch nicht. Die COUPON-Lady holt ein weiteres Bündel Rabattgutscheine aus der putzigen kleinen, aber offenbar unergründlichen Handtasche. Jetzt möchte sie einen Teil der anderen Scheine zurück und bietet dafür neue an. Die Eintipp-Prozedur beginnt von neuem. Ich verstehe, daß dies hier bloß eine weitere Lektion ist, die ich lernen muß. Irgendwas mit Geduld, verdammte Scheiße, und Toleranz vielleicht auch. Eine Linie ziehen, demütig sein, sich selbst nicht so wichtig nehmen, wasweißichdenn. Am verwickelten, minutenlang hinausgezögerten Ende nimmt die COUPON-Lady doch alle in mittlerweile vier großen Tüten verpackten Artikel und läßt den Rabatt abziehen - von der Endsumme. Die Kassiererin behandelt mich anschließend etwas frostig distanziert.

Möglicherweise muß sich etwas auf meinem Gesicht abgespielt haben. Die Welt ist komisch geworden. "Watch the stars now moving". Es ist immer noch sehr heiß draußen, die Straßen langsam leer. The lonely city.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey, One Line