Mittwoch, 5. August 2020


Aus dem Familienalbum #4



Nennen wir ihn Ishmael. Mein Ur-Urgroßonkel väterlicherseits, der im 19. Jahrhundert nach Nantucket auswanderte und auf Walfängern anheuerte, um für hart verdiente Heuer auf den Meeren den begehrten Tran zu erbeuten. Er konnte wohl gut mit Fischen, die waren sozusagen sein Metier. Von ihm ist in unserer Familie der Spruch überliefert, von dem wir nicht so ganz wissen, was er eigentlich bedeutet: "Pack niemals einen Hai am Schwanz!"

Heute weiß man, Haie sind sensibler als gedacht, aber eins wußte er auch - und auch das ist ein Sinnspruch in unserer Familie - nicht jeder Fisch ist harmlos. Großonkel Ishmael, der Sturm getrotzt hatte und Kaventsmännern, hatte wohl Respekt gesammelt. Ein Mann einfacher Schulbildung, sicherlich kein Intellektueller, soll er auf See wohl ein Getriebener gewesen sein. Es hieß, ein großer Fisch habe ihn einst ernstlich verletzt, seither zog es ihn immer wieder hinaus aufs Meer, weil er an Land keinen Frieden finden konnte.

Der tapfere Onkel gilt als verschollen. Nach dem, was man weiß, ist sein letztes Schiff in schweren inneren und äußeren Stürmen irgendwo aufgelaufen, jedenfalls soll es zerborsten und gesunken sein. Angeblich soll er als Einziger überlebt und sich an einem obskuren Trümmerteil festgehalten haben, aber auch wenn der Untergang Wellen schlug bis in die Gazetten seiner Zeit, ist nichts Genaues bekannt. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo da draußen; sie liegt auf dem Grund des Meeres.


 


Montag, 3. August 2020


They were there to read all day



Hier kann man sich reinkukscheln. Das ist wie bei mir zu Hause: Da heißt es auch, daß diese Typen nicht nur komische Brillen trugen, sondern auch verärgert waren, wenn wirklich ein Kunde kam. Die waren selbst nur da, um zu lesen. Das verstehe ich gut. In meinen persönlichen, hermetischen New Yorker Buchladen lasse ich deshalb auch nur ungern jemanden herein, höchstens mal nachts, wenn ein Notfall vorliegt (drei Mal klingeln, besser vorher anrufen).

Die Doku habe ich selbst noch nicht sehen können, so viel sei eingeräumt. Aber das klingt natürlich ungeheuer charmant, diese New Yorker Literatiwelt, die Buchhandlungen und Antiquariate als Ruheoase für verschrobene Charaktere und Pyramidenkönigskammer für ungeheure Entdeckungen. Heute sagen einem junge Leute frech ins Gesicht, man könne sich ein elektronisches Lesegerät anschaffen, um all den "Kram" bei sich zu tragen. Die kennen das eben nicht, wenn man heimlich unterm Torbogen stand, um altes Papier zu schnüffeln und dann berauscht nach Hause wankte! Die haben alles flat und vorverdaut - Bücher, Filme und Musik.

Die Sammler sterben aus, heißt es. Buchhändler seien die ornamental hermits der Großstädte! Fatalgerede. Very irritating.

The Booksellers. Regie:D. W. Young. (USA, 2019)


 


Samstag, 1. August 2020


Setting free the fish



Weil ich ja von der launigen Seemannsgarnfilmreihe Sharknado recht angetan war, hatten mir die Kollegen zum Abschied einen kleinen Hai geschenkt. Der war zunächst ganz putzig, aber weil ich es einfach drauf habe unter guter Pflege und meinem freundlichen Wesen ist das Tier mittlerweile doch recht groß geworden. Zu groß jedenfalls für meine Badewanne.

Die Zeit ist also erreicht, wie es oft mit Fischen kommt. Die wollen auch mal Haken schlagen, auch wenn es einfach nur geradeaus geht, oder mal munter übers Wasser hüpfen und in anderen Schwärmen untertauchen. Ich werde ihn auswildern müssen (vermisse ihn jetzt schon schmerzlich). Nun habe ich ja kein Auto, und auf dem Radgepäckträger findet er unmöglich Platz. Auch ein Taxi scheint mir da keine Lösung, denn Zeugen kann ich für die Sache nicht gebrauchen. Ich könnte ihn mit der Bahn transportieren, denn er trägt keine Maske, und dann schauen die Fahrbegleiter offenbar nicht so genau hin. Ich denke, ich werde es mit einem Handkarren versuchen, den ich mit Wasser und Sel de Mer füllen werde.

In Sommern, wie sie früher einmal waren, war es üblich, seine Haustiere im Baggersee auszusetzen, damit sie es in die Zeitung schaffen. Mein Hai will natürlich ins Meer und muss daher in die Elbe. Wenn die Luft rein ist, schleiche ich mich zum Kreuzfahrtterminal und wünsche ihm, Entschuldigung, mein Herz bricht, gute Reise.

>>> Geräusch des Tages: Queen Adreena, Cold Fish


 


Mittwoch, 29. Juli 2020


Ein Leben auf dem Lande



Von der Stimmung her, also atmosphärisch, fühle ich mich in letzter Zeit ein wenig wie in der Welt von Eddy Stevens. Der belgische Maler zeigt häufig ernsthaft bemühte Menschen, die von mysteriösen Objekten umgeben sind oder irgendwas auf dem Kopf balancieren, vielleicht auch konfrontiert werden oder gestört, vielleicht ist das ein oder andere auch ein Kompaß, der eine Richtung anzeigt, die sich nicht einordnen läßt.

Mir ist ja gerade nach austarierter Neuorientierung, ich bin so in dem Alter, wo man den Weinberg verteilt und selbst noch mal Segel in ganz andere Lebensrichtungen setzt. In so einer Lage zum Beispiel tiriliert einem aber rasch dieser ins Ohr und jener ins andere. Hier heißt es, schollenverbunden bleiben, sonst findet man sich plötzlich wieder und hat ein Strandcafé auf Teneriffa eröffnet.



Abtauchen und mit den Fischen reden klingt sehnsuchtsvoll verlockend, aber in Stevens Werk, wie in der Reihe Human Behaviour, gibt es auch viele Vögel, Pferde oder Füchse, da muß man sein Leittier weise wählen. Er selbst lebt mit seiner Frau Sophie auf dem Land, irgendwo in der Nähe von Antwerpen und hat wahrscheinlich viele Tiere zu Besuch. Ich selbst würde gern ein Kammerorchester aus jungen Oktopussen dirigieren, aber wir leben in den Zeiten der Seuche und dürfen nicht auftreten. Bei Stevens gibt es diese Störungen auch: Chemieunfälle, Schlachter, Jäger und Soldaten bedrohen seine irgendwie vergangene, irgendwie moderne Welt. Eulen sind nicht das, was sie scheinen. Paß auf, paß auf, paß auf.

>>> Eddy Stevens Webseite
>>> Eddy Stevens auf Instagram


 


Mittwoch, 22. Juli 2020


Merz/Bow #61



Es muß Geld ins Haus. Deshalb schreibe ich jetzt romantische Unterhaltungsromane wie Am See der Liebe. Da geht es, so viel sei verraten, um eine Familienreise an einen See, um eine alte Jugendliebe, um Komplikationen und ein Ende, dessen Ende ich hier nicht verraten will. Ich bin da sehr fleißig und habe schon zehn oder elf Zeilen geschrieben. Das ist ganz gut. Ian McKeown zum Beispiel schreibt 600 Wörter am Tag, aber der hat viel Routine.

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Zur lautmalerischen Unterhaltung meines Schreibmaschinengeklappers höre ich ein altes Album von Rowland S. Howard, Teenage Snuff Film mit dem Kracher Sleep Alone. Ein uplifting Soundtrack für die Fahrt mit der Rolltreppe abwärts an den See. Mit dabei sind auch Mick Harvey und Howlands langjährige Weggefährtin und Partnerin Genevieve McGuckin. Nach seinem frühen Tod, eine berührende Anekdote, wurde Howland übrigens eine Straße in Melbourne gewidmet. (Mir, auch berührend, wurde als Autor des erwarteten Erfolgs Am See der Liebe bereits eine in New York (das ist eine große Stadt in den USA) gewidmet, die 37th Street.)

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In der Schreib- und Bildschirmarbeitsplatzpause schaue ich mir an, wie meine Visitenkarte als Autor leichtfüßig-eleganter Unterhaltungsromane vielleicht ausschauen könnte. Anregungen bieten mir die Bilder von Alex Gross. Der hat alte Aufwartungskarten, sogenannte Cabinet Cards, mit Pinsel und Anspielungen auf die aktuelle Popkultur übermalt und so ihre Retro-Atmosphäre aufgehübscht. Ich bin sehr entzückt.

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Menschen stehen vorwärts in den Straßen und schauen den Kometen. Irgendwo unterm Großen Wagen im Nebelwald aus Wolken und städtischer Lichtverschmutzung wird er vermutet, bislang bin ich bei der Suche am Fenster aber immer rasch eingeschlafen. (Als Autor eleganter Unterhaltungsromane gehe ich ja früh zu Bett, ich heiße ja nicht Rowland S. Howard.) Ich bin mir aber insgeheim sicher, daß der Himmelsreisende am See der Liebe viel heller strahlt.

>>> Webseite von Alex Gross

MerzBow | von kid37 um 15:46h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 15. Juli 2020


Provisorisch



Eine Bekannte von mir mokierte sich früher (stets liebevoll!) ab und an über meine "Provisorien", wie sie einen Gutteil meiner charmant kreativen Lösungen für allerlei Alltagsherausforderungen bezeichnete. Das empfindet der sensible Heimwerker natürlich rasch als Kastrationsgefühl, ähnlich dem, wenn Frauen nicht verstehen, warum man als Mann einen Stapel Holz in der Garage liegen hat. Selbstverständlich, weil man daraus wunderbare, vielleicht sogar völlig nutzlose Dinge basteln kann. Vorausgesetzt, der richtige Zeitpunkt ist gekommen - und das richtige Werkzeug liegt zur Hand.

Nachdem man also die erste Lebenshälfte damit verbringt, sich verletzen zu lassen (oder sich beim Heimwerken selbst zu verletzen), besteht ja die zweite Lebenhälfte aus Genugtuung. Wenn man ein Schloß und einen Weinberg, etwas Zeit (und Werkzeug) besitzt, und vor allem eine gewisse Ruhe. Dann fühlt man sich plötzlich bestätigt von David Lynch, der als eine Art "Bob Ross der Heimwerker" auf Youtube kleine Projekte vorstellt. Lynch weiß natürlich, was man im Laden kaufen kann, perfekte Dinge. Aber er bastelt die Dinge eben gerne selber.

Zwischen uns paßt in der Hinsicht wenig überraschend kein Stück Schleifpapier. Da gibt es kaum etwas, was ich nicht mit einem alten Flaschenkorken, etwas Leim und Bindfaden richten kann. Gebrochene Vasen, gebrochene Herzen, abgefallene Griffe, zersprungene Träume, abgefallene Knöpfe, aus dem Leim gegangene Hoffnungen. Zumindest provisorisch hält's.


 


Freitag, 10. Juli 2020


Traumwebereien



Neulich träumte ich von Fischen. Ich komme mit Fischen an und für sich gut klar, auch wenn ihr immer wieder unvermitteltes Abtauchen befremden kann. Schön, wenn dann auch mal wieder einer aus den Tiefen auftaucht. So wie der von Fred Stonehouse. Ein guter Fang.



Der stellt gerade mit den Kollegen Heiko Müller, Femke Hiemstra, Ryan Heshka und El Gato Chimney bei Feinkunst Krüger in Hamburg aus. Ein pop-surrealistisches Dreamteam, das versponnene Welten und Landschaften zeigt, merkwürdige Tiere, unerklärliche Situationen und hier und da einen Auszug aus euren eigenen Träumen. Nur wußtet ihr das bislang noch nicht.



Es ist ein interessantes Gefühl, den Bildern maskiert zu begegnen. So als wäre man selbst als andere Persona unterwegs - aus einem Bild gestiegen, aus dem Traum eines anderen, aus einer U-Bahn mit lauter Maskierten. Ein bißchen zu spät, gehetzt wie ein kunstliebender Hase oder einfach mit noch schärferem Auge, wenn die anderen Sinne schon blockiert sind. Wem die Welt gerade merkwürdig scheint, kann hier noch ganz andere entdecken, und wer diese entrückten Geschichten sieht, findet unsere Welt vielleicht doch wieder ganz normal. Man sollte sich hier erleuchten lassen.

>>> Ansicht der Ausstellung

"Dream Weavers - Neo Fabulist II". Bis 25.7.2020. Feinkunst Krüger, Hamburg.

Flanieren | von kid37 um 23:35h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link