Donnerstag, 13. Dezember 2018


Don't Wake Daddy XIII



Wenn sich das Jahr dem Ende neigt, ist Zeit, sich bei Feinkunst Krüger noch mal ordentlich zusammenzukuscheln. Die jährliche Lowbrow- und Popsurrealismus-Show Don't Wake Daddy (heuer die 13. Ausgabe!) macht wach und ein träumerisches Auge. Und öffnet Herzen und Geldbörsen, denn die Werke passen in jede heimische Petersburger Hängung.



Künstler wie Moki, Caitlin McCormack, Fred Stonehouse, Heiko Müller und Jason Limon sind darunter (insgesamt 31 Künstler), über 100 Werke sind zu sehen. Und das noch bis zum 22.12. Es ist also ein wenig Eile geboten, nicht, daß das neue Jahr mit Weinen und Bibbern und Protestpetitionen beginnen muß, nur weil man es selbst verbummelt hat. Kein Pardon!



("Don't Wake Daddy XIII.". Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 22.12.2018)


 


Sonntag, 9. Dezember 2018


Nebelhafen



In für mich aller Frühe ein Labortermin, ein wenig gescherzt, Werte verglichen, die Praxis dort ist wirklich sehr entspannt. Die Ärztin hat ein Plektrum auf ihrem Tisch, ich betrachtete es fasziniert, berichte von einer gewissen Zufriedenheit, ziehe mein Jahresresümee, sie ist vergnügt. Sie will über New York reden, meine Erfahrungen hören. Wir sprechen über die 15 Sorten Milch dort, und wie lange es dauert, bis man eine normale gefunden hat. Wie ich das auf dem Flughafen gemanagt habe, die Hitze, die Wegstrecken. Und privat? will sie wissen, und beugt sich verschwörerisch vor.

Anschließend zur Fabrik, dabei über Glücksfragen meditieren, dazwischen Atemübungen für einen ausbalancierten Ruhepuls. Auf jedes Ein folgen zweimal Aus, im Nebel etwas vorsichtiger. Dieses Jahr haben einige schnell die Halle gefegt, sich selbst Absolution erteilt, auf nicht mal nonchalante Weise. Kein Aufwallen. Im Keller die Schränke und Regale neu sortiert. Graue Kleidung nur noch, nur noch Reduktion. Schmeiß das Letzte nüchtern über Bord.

Vor dem Tor aber stehen Rettungswagen. Irritierend bunte Lichter in der trüben Luft. Es gibt Gewisper, erste Namen. Die Kollegen tragen ein ernsthaftes Gesicht. Es sind keine guten Nachrichten. Der Notarzt gab irgendwann auf.


 


Samstag, 24. November 2018


Da muß Leben rein



Meine jahrelange Beschäftigung mit der Bienenkultur hat mich zum besorgten Wissenschaftler gemacht. In meinem geheimen Geheimlabor forsche ich derzeit an Wespen, die widerstandsfähiger zu sein scheinen. Denn niemand sprich von einem "Wespensterben", oder aber die Presse schweigt sich wieder einmal notorisch darüber aus. Dort wurde zuletzt die Züchtung einer genetisch veränderten und nunmehr selbstötenden Mücke gefeiert. Wovon Fische leben sollen, fragt dabei keiner. Die Wespe werde ich mit der Biene zu einer Bespe oder Wiene kreuzen. Widerstandsfähig gegen Varroa, und statt Glyphosat fressen die nur Pflaumenkuchen von weißen Tellern. Kultiviert und widerstandsfähig. Ich warte nur noch auf ein prometheanisches Gewitter, um genügend Elektrizität zu haben, mein Flügelwesen zum Leben zu erwecken.

Widerstand zeigte heute auch ein Mann vor mir im Supermarkt. Dort mußte ich nach Einbruch der Dunkelkälte noch hin, um für weitere fotochemische Experimente auf den letzten Drücker Gelantine zu besorgen. Der Typ stand vor mir an der Kasse und rührte sich auch nach dem Bezahlen und einem freundlich gehauchten "Verzeihung?!? nicht weiter, so daß meine Waren unerbittlich vom Transportband weitergefahren und vor seiner mit lebensermunternden Sprüchen bedruckten Einkauftasche in die Höhe gestapelt wurden. Dabei hatten mich einige zum sogenannten und frenetisch gefeierten "Black Friday" erhaltene eMails eindrücklich zum "Zuschlagen" aufgefordert. Das mache ich allerdgins nur nach Dienstschluß unten am Hafen (aber immer fair!), ungern aber im Supermarkt.

Der schließt. Zuviele Kassenblockierer, zu wenig Umsatz. Zu selten die Frische vorgezogen, zu lieblos Angebot und Präsentation. Ich hätte die Belegschaft ja mit Bienen gekreuzt, um sie immenemsig durch die Regalreihen schwirren zu lassen, Ablaufdaten kontrollieren, Schilder hübsch nach vorne drehen und Schlurfer und Blockierer ordentlich anstacheln. Oder mit Elektrizität, gewonnen aus Gewitterblitzen, aus dem Laden zu treiben.


 


Montag, 12. November 2018


Candice Angélini

Neulich hatte ich ein paar Tage frei und wollte eigentlich nach Berlin an die herbstliche Küste, um einfach ein wenig in der Nachsaison rumzustehen. Etwa auf die Art, wie das Künstlerpaar Mothmeister es dann für dieses bezaubernde kleine Reisevideo gefilmt hat. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie zufällig eine solche Gestalt dort am Strand stehen sehen. Ich bin's!

Was man für einen solchen eindrucksvollen Auftritt braucht? Nun, eine Maske von Candice Angélini ist hier der Schlüssel zum Publikumserfolg. Die Französin ist mittlerweile eine Großmeisterin geworden, wenn es um in liebevoller Kleinarbeit hergestellte Ungeheuerlichkeiten wie obskuren Schmuck, obskurere Hüte oder noch obskurere Kopfverdeckungen geht. Keine Angst, kann im Grunde jeder tragen!

Hier ein kleines Filmporträt über die Künstlerin. Ich bin ganz angetan und stehe schon mal einfach so mit einer Angélini-Maske im dunklen Treppenhaus herum. Oder unten an der Ampel. Nur Mut, sage ich. Ein jeder sieht gut aus damit.

>>> Webseite Candice Angélini


 


Samstag, 10. November 2018


Wir Kassettenkinder



Derzeit bin ich in einer Phase, das eine Ding, was ich so rumstehen habe, einen Zentimeter nach links und ein anderes einen Zentimeter nach rechts zu rücken. Mal neue Perspektiven im engbegrenzten Raum des Leuchtturms schaffen. Das schafft schon Luft. Neulich aber drohte bot sich Aufräumagitatorin Frau Novemberregen an, bei mir mal auf Sortierstreife zu gehen. Da bekam ich Angst.

So habe ich heute ein wenig aufgeräumt, dabei Chemie aus meinem geheimen Forschungslabor Farben, Lacke, Fotofreunde e.V. für den Sondermüll zusammengeräumt, Grillanzünder wie Aal-Dieter, "komm hier, haste auch noch!" obendrauf, dann ging es ans Medienarchiv. Weil ich nicht gleich an die Wachswalzen aus der Frühzeit der Klangarchivierung wollte, beschloß ich, den Bestand an Magnetbandkassetten zu komprimieren. Also wegzuschmeißen. Fort. Raus. Jedoch: Herrliche Funde, allesamt! Den halben Meter Bootlegs, also Live-Mitschnitte aus der Zeit, als selbst ich noch ein Kid war, darunter einen viertel Meter von einer britschen Kombo namens The Cure, ließ ich erstmal als Memento mori zurück. Kann man ja mal eine Collage draus basteln oder in Gießharz einbetten. Auch seltene Exemplare aus der Kassettenszenen-Zeit erhalten ein Gnadenbrot. Sonst, weg.

Zum Glück war ich vor langem so schlau, mein Tapedeck aus Platzgründen in den Keller zu verfrachten. So gab es nun keine Versuchung, irgendwelche Hörproben und Rauschverkostungen anzufangen. Toll aber auch der Gang durch die Technikgeschichte. Obskure, aus Armut benutzte Markennamengratistapes ("Saba"!) und überspielte Hörspielkassetten, deren originaler Inhalt sicher interessanter wäre als das Debüt von Nichts beispielsweise ("Zehn Bier zuviel"). "Flug XS 2340 - Bitte melden!" - das will man doch jetzt wissen! In Stereo sogar, so habe ich das nie gehört (Armut).

Ein Teil dieser Kassetten fiel schon in den 80ern meiner Schönberg-Phase zum Opfer, als ich aus dem Tonkopf eines alten Walkman eine Art elektronische Geige bastelte, die man mit einem "Bogen" spielen konnte, der aus einem Holzstab bestand, auf den ein Stück Magnetband geklebt war. So konnte man dann Klänge verschiedener Höhen erzeugen, je nachdem, wie schnell man spielte und was vorher darauf aufgezeichnet war. Das versucht mal digital, Kinder. (Wo ist dieses tolle Gerät eigentlich hingekommen?!? Ich war immer so achtlos, was die Selbstmusealisierung anbelangt. Sonst, heute: Weltruhm!)

Nun aber hinweg, meine kleinen Kassettenfreunde. Oder... Moment... Weihnachten! Statt Lametta an den Baum hängen? Einen Kissenbezug für Musikfreunde draus weben und verschenken? Vielleicht sollte ich euch doch noch eine Weile aufbewahren...

Radau | von kid37 um 17:47h | 37 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 4. November 2018


Monatsreport

Eine Urlaubswoche rum, und was habe ich geschafft? Eine kleine Reise kurzfristig abgesagt, weil Berlin damit drohte, mir wie so oft kalten Regen ins Gesicht zu schlagen, und das kenne ich schon, das brauche ich nicht. Das wird so nichts, und ich habe da mittlerweile auch keine Geduld mehr für. Daheim allerdings läuft die Heizung auch nicht so, wie ich es kuschelig gewohnt bin. Ich fürchte, die Firma hat schon wieder gewechselt, und die neue kennt halt das diffizile, sensible, labyrinthisch gewachsene, mit zahlreichen unübersichtlichen warmen Armen durchs Gebäude mäandernde System nicht. DIE MASCHINE. Ich würde gern ein Sabbatical machen, etwas Heizungstechnik lernen und mich fortan nur noch dieser MASCHINE in einer symbiotischen Freundschaft widmen. Ich habe ein Faible für komplizierte Menschen Sachverhalte, das verleiht meinem eigenen schlichten Leben mehr Tiefe.



Wenig tiefenentspannt habe ich in meinem stattdessen angetretenen Kultururlaub die Memoiren von Cosey Fanni Tutti, bekannt von Throbbing Gristle, nach knapp einem Drittel zugeschlagen. Wenn man noch erfüllt ist von Viv Albertines großartigem Erinnerungsbuch (die Fortsetzung liegt hier noch), liegt die Latte natürlich auch hoch. Die Mitbegründerin der "Christel" hingegen, wie Industrielle zärtlich sagen, zeigt in Art Sex Music leider keinen rechten Zugriff auf ihren Stoff. Wo Albertine mit Witz und Reflektion spannende, berührende oder (selbst-)ironische Anekdoten einstreut, die sehr bildlich und immer wieder auch sehr grafisch sind und ein Verständnis verraten für das, was da gerade abgeht und welche Bedeutung es auf persönlicher und (musik-)historischer Ebene hat, leiert CFT in einem monotonen Listenton endlose Banalitäten herunter. Dann passierte dies, dann passierte das. Alles abstrakt, alles bloße Erwähnung, keine bildliche Beschreibung, kein foreshadowing, was das alles bedeuten oder andeuten könnte, keine Analyse auch, was ihr Selbstverständnis als Person und als Künstlerin eigentlich ist oder anfänglich eben noch nicht ist. Im Vergleich wirkt Viv Albertine wie eine brillant analysierende, reflektierte Karriereplanerin mit einem glasklaren Konzept über sich selbst und die Kunst, die sie machen will.

Als Forschungslektüre ist Art Sex Music leider auch wenig hilfreich, so fehlt dem Buch ein Personenregister. Kurz, ich bin von diesem Buch genervt. Manchen geht es ja mit der Musik von Throbbing Gristle so.

Positiv überrascht bin ich allerdings von We Are Gypsies Now. Danielle De Picciottos hübscher Bilderbuchbericht (ihre naiven, ornamentverzierten, zweidimensionalen Zeichnungen erinnern an Linolschnitte nd vor allem an die US-amerikanische Tradition der Legendenbilder) über Lebensentscheidungen, große und kleine Suchen und das Touren durch alle Welt ist kein happy-go-lucky-Hippie-Bericht, sondern eine teilweise erstaunlich offene und ehrliche Erlebniserzählung und Reflektion, die Erfahrungen von unterwegs immer wieder einzuordnen sucht. Stichwort: Künstlersozialkasse. Grundsympathisches Buch.

Sehr angetan bin ich seit einiger Zeit auch von der Arbeit Olga Neuwirths. Kennt ihr alle, ich weiß, aber ich habe eben lange unter einem Stein geschlafen. Die Grazer Komponistin hat sich regelmäßig mit dem Medium Film (u.a. mit David Lynchs Lost Highway) auseinandergesetzt, und ein Auszug ihrer Arbeiten gibt es in einer Doppel-DVD-Ausgabe. Die ersetzt natürlich nicht die teilweise für mehrere Monitore/Leinwände konzipierten Installationen/Screenings, aber je nun. Für trübe Tage, es regnet ja nicht mehr. Neben komplett eigenen Projekten oder solchen nach literarischen Texten (u.a. Leonora Carrington) gibt es auch Vertonungen von Stummfilmen oder Animationen der Brothers Quay zu sehen/zu hören. Reizvolle Klangexperimente für unbefangen naiv gebildete wie mich.

Kommen wir doch mal zu den Männern, die machen ja auch Kunst. L'Imbalsamatore (zum Glück mit englischen Untertiteln) vom Gomorrha- und Dogman-Regisseur Matteo Garrone ist ein hübsch fotografiertes Noir-Dreiecksdrama um einen kleinwüchsigen Tierpräparator mit Mafiaverbindungen und seiner unerfüllten Liebe zu seinem neuen schönen Assistenten, der sich wiederum in eine ebenso schöne Autowerkstattangestellte verknallt. Aufgestaute Leidenschaften, Eifersucht und ein grau-tristes Italien wie aus dem Vorstadtbilderbuch. Manchmal skurril, nicht ohne Humor, meist aber einfach nur traurig, vor allem, wenn man an die von Blödheit gekennzeichneten Lebensentscheidungen dieses bello ragazzo denkt. Super zum Sonntagskaffeeundkuchen.

Ansonsten habe ich für die Recherche zu meinem demnächst erscheinenden Debütroman Vom Schlafen in gepflegten Kleidern ein paar lose Knöpfe angenäht, viel geschlafen, um korrumpierende Erwerbsarbeit zu vergessen und rhythmische Haushaltsgymnastik (Wäsche, Böden, Fensterdichtung) betrieben, um in wohl präparierter Form zu bleiben. Nach dem Motto: Erst war dies, dann war das.


 


Montag, 29. Oktober 2018


Happy Cakes



Ich bin immer ganz beschämt, wenn sich jemand so viel Mühe macht - ein Kuchen! Mit Verzierung, auch wenn die auf dem Weg ein klein wenig gelitten hat. Aber was sage ich, angemackt wie der Jubilar! Bin eben kein Kid mehr. Also passgenau und überaus lecker. Weil ich keine Kerze hatte, habe ich einen Schirm spendiert, darunter soll niemand weinen. Apropos, Kuchen. Christine McConnell, mit der ich gerne verheiratet wäre, weil es dann JEDEN TAG Kuchen gäbe, hat jetzt ihre eigene Gruselgebäck-Serie bei einem bekannten Streaminganbieter. Ich habe keinen Streaminganbieter und keine gebügelten Tischsets, aber einen wunderbaren Kuchen.



Wenn das Jahr rund wird, kommt man auch ins Besinnen. Vor allem, wenn man dazu wegen der Zeitumstellung auch noch 25 Stunden Zeit hat, das ist ja schon mal das erste Geschenk. Jetzt hieß es aus Übersee, ich solle aber nicht gleich wieder losheulen (oder so ähnlich, ich hatte das Wörterbuch nicht am Mann), folglich dachte ich an muntere Momente. So hatte ich als junger T-Shirt-Träger zeitweise ein Faible für die Arbeiten von Adrien Sherwood. Bei dessen Projekt New Age Steppers waren bekanntlich auch Leute von The Slits dabei, deren Doku ich zuletzt mitproduziert gecrowdfunded habe. (Kommt auch ins Kino!) So hängt alles mit allem zusammen!



Als Kind aus der Krachmacherstraße wäre ich wirklich gerne runter ins Studio37 gegangen, dort wo dieses Dub- and Dancehall-Projekt aufnimmt, hätte einfach eine Gitarre vor die voll aufgedrehte Lautprecherbox gestellt - und wäre schnell weggelaufen. Tür zu! Das tolle Feedback hätte dann Adrien Sherwood aufnehmen können. Jetzt macht man heute fast alles am Computer, nur mit dem Feedback ist das schwierig. Nun habe ich mir also so ein Effektgerät zugelegt, das Rückkoppelungsgejaule wie von digitaler Zauberhand erzeugt, so daß ich auch spät abends noch unter Kopfhörer Krach machen kann, ohne daß ein SEK mit der Kündigung kommt. Eine große Freude! Ich habe mit meiner kleinen Taschenreggaeband kurz ansimuliert, wie das klingen könnte. Leute mit Ohren am Kopf werden zurecht die Nachlässigkeiten im Mix bemängeln, betrachten wir es also als Skizze und danken wir alle Gott, daß ich nicht das Karaokegerät gekauft habe. Wirklich.



Ich habe auf der Ausstellung ein Bild von Moki gekauft. Über ein anderes denke ich noch nach. Denn wie ich heute las: "Wer alles verjubelt vor seinem End, der macht das beste Testament." Jetzt einen Kaffee vom Balkan und weiter nachgedacht und Krach gemacht.

>>> Geräusch des Tages: Kid Sherwood, Studio37 #1