Samstag, 24. Juli 2021


Abende im Zwielicht



Wenn Schokolade ihren Aggregatzustand verliert, weiß man, daß die schlimme Zeit des Sommers beginnt. "Melt! My lover melt", sangen Siouxsie and the Banshees einst in einem schwülen, thanatos-erotischen Beerdigungslied. Zum Finger lecken. Neulich gab es sogar frische Erdbeeren zum dahinschmelzenden Vanilleeis. Das wird Menschen interessieren.

Besitze jetzt, das wird Menschen eher nicht so interessieren, die DVD-Sammlung mit allen (?) Folgen der legendären TV-Serie The Twilight Zone, die hier in HD restauriert vorliegt. Irrtümlicherwese dachte ich, daß eine Serie aus der Dinosaurierzeit des Fernsehens (1959 - 1965) nur noch eine verflimmerte, grau-pulpige Masse ist, also Sehen unter Schmerzen. Weit gefehlt, das Bild ist klar, scharf, kontrastreich und alles so aufwendig produziert, daß man meint, kleine Noir-B-Filme zu sehen. Das liegt natürlich am beteiligten Personal. Regisseure wie Jacques Tourneur ("Katzenmenschen"), Don Siegel oder Richard Donner ("Superman") liefern hier mehr als Fingerübungen ab, die Musik besorgten Größen wie Franz Waxman ("Boulevard der Dämmerung"), Bernhard Herrmann (Hitchcock) oder Jerry Goldsmith (u.a. "Chinatown"). Als Schauspieler sieht man den jungen Martin Landau ("Der unsichtbare Dritte"), Ida Lupino, Buster Keaton, Robert Redford, Jack Klugman ("Quincy") oder Peter "Columbo" Falk.

Eine tolle Schau, die hier in kurzgefaßten 20-Minütern zu betrachten ist. Die Geschichten, darunter viele vom Serien-Erfinder Don Serling (Skript zu "Planet der Affen") und Klassiker-Adaptionen, sind frei von Nebensträngen, in sich abgeschlossen und umwegslos zur Pointe hin erzählt. Manchmal bloß amüsant, dann wieder recht spooky, funktioniert die eine Geschichte besser für das knappe Format als andere. Immer wieder atmet Kalte-Kriegs-Paranoioa, die Furcht vor gesellschaftlichen Umbrüchen und seltener Spukgestalten-im-Wandschrank durch die Episoden.

Ein filmischer Brutschrank für spätere Serien wie Akte X, das in den 90ern einiges aus The Twilight Zone zitierte. Kalte Schauer in nächtlicher Sommerhitze, was könnte es besseres geben?

Super 8 | von kid37 um 20:12h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 21. Juli 2021


Detectorists, rev.



Endlich erreichte mich die Augustausgabe von Science and Invention, dem monatlichen Magazin für Forscher und Erfinder wie mich. Neulich stellte ich ja die ganz vorzügliche britische Serie Detectorists vor, nun rückt die Gelegenheit näher, selbst in die Fußstapfen großer Entdecker zu treten und einen Topf voll Gold irgendwo im Schutt der Geschichte zu finden. Ich bin schon ganz aufgeregt und hoffe, alle benötigten Teile im Haus zu haben, weil der Besuch von Baumärkten nach wie vor etwas umständlich ist.



Wäre es nicht fantastisch, fünde ich eine zweite Himmelsscheibe von Nebra (hier eine Abbildung)? Es wönke Ruhm und Ehre für mich und natürlich Finderlohn - ich künnte mir ein Wörterbuch der Konjunktive kaufen! Wer mich also demnächst mit kurzen Hosen und einem Kopfhörer auf den Ohren durch die Felder streifen sieht, darf ruhig mal winken - aber am besten nicht von hinten, außer man hat einen Arm aus Metall, dann kann ihn mein Detektor erspähen.


 


Sonntag, 18. Juli 2021


Der König lachte

Zur nächtlichen Stunde, ungefähr die Uhrzeit, wenn sich im beschaulichen schleswig-holsteinischen Örtchen Heide Jugendliche mit Textmarker* am Ortseingangsschild zu schaffen machen, sitze ich derzeit am Schreibtisch, um meinen ersten Abenteuerroman zu verfassen. Der Titel lautet Johnny Blade, der Weltraumpolizist, und es geht um einen jungen Mann namens Blade, der als Polizist im Weltraum arbeitet.

Bereits auf der ersten Seite geriet ich ins Stocken, weil in einer Szene bei einem intergalaktischen Halloween-Bäcker das Wort "Spinnennetzzuckerglasur" auftauchte. Dann mußte ich darüber nachdenken, daß "Spinnennetzzuckerglasur" das einzige Wort im Deutschen ist mit zwei Mal Doppel-n und je einmal Doppel-z und Doppel-k. Ich bin mir nicht sicher, ob es dazu schon einen Fachaufsatz gibt. (Es gibt welche über Rolle und Bedeutung von "es" in deutschen Satzkonstruktionen. Auch Johnny Blade fragt sich auf seinen Abenteuerreisen durch das All immer wieder: "Was ist es?")

"Was ist es, das Menschen über Katastrophen lachen läßt?" fragt sich Blade in der Story "Der König lachte". In dieser trifft er auf den irren König eines durch einen Meteoritenschlag zerstörten Kleinplaneten. Die Bevölkerung darbt, der gummibestiefelte kleine König hingegen kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus. Ich weiß, klingt ausgedacht, da muß ich noch mal rüber, um die Story etwas zu bearbeiten. Das Es indes, ein kleiner aliengrauer Impulszwangteufel im für die Stange geschneiderten Van-Laack-Hemd, zieht diabolisch an den Fäden, macht Dinge gegen die Erwartung und zeigt dadurch der Menschen wahres Gesicht.

Johnny Blade ist erschöpft, aber auch erleichtert. Ein weiteres Zehn-Cent-Geheimnis ist geklärt, der Morgen graut, die Nacht will weichen. "Blade", haucht Mizzie-Lu, atombusige Galaxis-Bardame. "Wenn du nicht wärst, Es wäre immer noch ein großes Rätsel." "Mizzie", knurrte Blade mit grimmigem Gesicht. "Es sind verdammt noch mal zu viele. Ein einzelner Mann wie ich wird nicht reichen." Er nahm einen tiefen Schluck von seinem Glas Sternenklar, dem Weltraumschnaps. "Von wegen Personalpronomen im Singular. Es ist längst Plural, ein tausendarmiges Monster. Es ist überall." Ihm entfuhr ein kurzes, heiseres Lachen, und Blade erschrak.


 


Sonntag, 11. Juli 2021


Brot. Lose. Kunst



Um meine finanzielle Lage zu verbessern, denke ich darüber nach, einen Laden zu eröffnen. Die Bedarfsanalyse für mein Viertel hat mir gezeigt, dass in diesem Quartier vor allem ein guter Bäcker und ein Lottoladen fehlen. Diese Lücke werde ich füllen und zudem dort eine kleine Galerie unterhalten, um meine fantastischen Bilder zu verkaufen. So liegt auch ein einprägsamer Name für das Geschäft auf der Hand: "Brot. Lose. Kunst". (Kommt alle zur Eröffnung! Es gibt Brot!)

Das sind Gedanken, wie sie mir abends einfallen, wenn ich am Fenster sitze und aufs Wasser schaue. Ich esse dazu gern ein Eis aus dem Tiefkühlfach (Bourbon-Vanille, natürlich ohne Bourbon und höchstwahrscheinlich auch ohne Vanille) und beobachte Heißluftballone, die kleinen Kajütboote auf dem Kanal, Stand-up-Paddler und Abendrundenschwimmer. Und heute tatsächlich auch den vor einiger Zeit schon aus der Nähe entdeckten Eisvogel, der grünblau-schimmernd dicht über das Wasser propellerte. Auch darüber könnte man nachdenken: unten ein bunter Eisvogel, oben ein Eis essender anderer bunter Vogel. Darin liegt bestimmt ein Sinnbild versteckt, das ein hermeneutisch geschulter Kunsterklärer deuten könnte. Mit einem Vortrag in meinem Laden Brot. Lose. Kunst. zum Beispiel.

Heute Abend gibt es auch Kunst: Schauspielteam 1 spielt gegen Schauspielteam 2 um die Europameisterschaft im Bodenrollen. O, Mamma mia! gegen Fly like a Butterfly. Mein persönliches Bayreuth, für das ich beste Plätze auf dem Sofa habe. Am Ende werde ich mit ledrigem Gesicht wie eine Eiskunstlaufmutti Schilder hoch halten mit "4" und "5" und dem Ganzen ein Kunsturteil geben.


 


Donnerstag, 8. Juli 2021


Landungsbrücken raus



Was das Thema Verreisen angeht, bin ich ja ähnlich unbeholfen wie eine Fußballmannschaft, die - immerhin! - im Achtelfinale ausscheidet. Die Fehlpässe und verlorenen Zweikämpfe, die ich in vielen, vielen Jahren in dieser Hinsicht ausgetragen habe, lassen sich in kaum einer Datenbank erfassen. "Daheimreisender" könnte auf meiner Visitenkarte stehen. Jetzt aber hatte ich zufällig eine Tageskarte für den Nahverkehr, wollte mal was anderes sehen und sogenannte "Eindrücke" sammeln und landete so und über Umwege neben Hamburgs traurigstem Kinderkarussell. Keine Fahrgäste (fuhren vielleicht alle daheim Karussell) und dazu endloses Schlagergedudel mit nur mir als einzigem Zuhörer. Wie weit kann es nach unten gehen, frage ich. Die Schlager waren offenbar B-Seiten-Titel bekannter Interpreten wie Peter Alexander, Roy Black und Marianne Rosenberg, nicht die Hits. Schräge Texte mit Zeilen wie "Dir fällt nicht auf, daß ich dich nicht mehr brauche" (aus dem Gedächtnis zitiert). Vielleicht zeitgemäß, denn es gibt so vieles, was man echt nicht mehr gebrauchen kann.

Ich saß also auf einer Treppe in der Sonne (Bänke gibt es dort nicht, denn sitzen soll nur, wer auch konsumiert) neben meiner in Kolumbien genähten Ledertasche, darin mein Weltmeisterbrot aus dem Lockangebot für nur 2,49 Euro, und sah mir die promenierenden Leute aus Holland und Wanne-Eickel an. Fährt man nicht in die Welt, kommt die Welt zu einem! Einfach am großen Fluß sitzen bleiben, es treiben am Ende alle vorbei. So wie dieser Aal, der einen Kugelfisch schlucken wollte. Witzigerweise gilt der Kugelfisch als recht aufgeblasener Geselle, hier aber verhalf es uns zu einem anschaulichen Bild über Gier und mangelnde Demut. Den Hals nicht vollkriegen können, ein Rendite-Aal, der sich an einer aufgepufferten Blase verschluckt. Wohl dem, der Strandspaziergänge machen und derart Gott und seine Botschaften aus der Natur lesen kann!

Ich könnte als "Mann von der Ebe" weiter so in salbungsvollen Gleichnissen reden und mir das gut bezahlen lassen. Auftritte als #EwaldLienenUltra bei Lanz und den norddeutschen Regionalprogrammen, kleines Büchlein dabei und ein Coaching-Angebot, bei dessen Ende ich sagen kann, seht ihr, ihr braucht mich gar nicht!


 


Donnerstag, 1. Juli 2021


Windowshopping



In den Läden liegt die Ware vom Vorjahr, mancherorts auch von den Vorjahrzehnten. Überall ein Gefühl von Vorvergangenheit. Ich lese gerade Marc Fishers interessante Abhandlung The Weird and the Eerie, eine Sammlung von Überlegungen zum Unheimlichen und Verstörenden in Literatur und Film. Fisher ("k-punk") klopft verschiedene Büsche von Lovecrafts Erzählungen und den Romanen H.G. Wells bis zu den Filmen von Kubrick und David Lynch ("Mulholland Drive") ab, schüttelt die verstörenden Elemente dort heraus und wie sie in uns selbst ein Echo finden. Unterhaltsam, nie doof und in hypnotischen Zirkeln erzählt, springt bald die ein oder andere unheimliche Erinnerung aus der eigenen Behaglichkeit wie ein Kleinwüchsiger aus einem David-Lynch-Film.

Wer nur lange genug in diese Vitrine hineinstarrt, findet heraus, daß die Preisschilder rückwärts geschrieben sind. Das Foto stammt von einem Ausflug, aus einer Zeit, als ich noch Ausflüge machte. Jetzt ist es nur eine Erinnerung, also rückwärtsgewandt, so wie die Träume vom alten Normalen, die überall wie verstrahlte Wolken herumhängen. Vielleicht auch ein Zeichen aus einer bedrohlichen Zukunft, in der Menschen mit Strickjacken und Pullundern uns mit Wörtern wie "Progressionsvorbehalt" verstören wollen. Wenn man lange genug davor sitzt, verwandelt sich die Schrift in "in vitro", einem Experiment im Laborglas also. Man kann den Jacken beim Wachsen zusehen, vielleicht sind sie auch autolumineszent und leuchten im Dunkeln mit einem geheimnisvollen Pulsieren. "Ich bin's, dein Wirtschaftswunder!" haucht es mit schelmischer Heinz-Erhardt-Stimme.

Vielleicht dauerte der Lockdown auch nicht 15 Monate, sondern 55 Jahre, wer hat es schon genau mitgezählt, niemand nämlich. Vielleicht sind wir uns darüber selbst so unheimlich geworden, daß wir uns aus den Bezügen genommen haben, den Relationen und Verbindungen. Vielleicht stecken wir hinter der Scheibe, Exponate einer anderen Zeit.


 


Freitag, 25. Juni 2021


Das Boot


"Mythos U-Boot". Aquarell, 2021. 1000,- Mark.

Nur wenige wissen, daß ich früher manche Mark mit sogenannter U-Boot-Malerei verdient habe. So habe ich durch Vermittlung der Künstlerabteilung des Arbeitsamtes Hamburg für das Offiziers-Casino am U-Boot-Stützpunkt Eckernförde Bilder von berühmten U-Booten gemalt. Eine hübsche Galerie in dem Stil, der mich später berühmt machen sollte: präzise realistisch, aber mit Herz und Ausdruck.

Bei der U-Boot-Malerei sind einige künstlerische Probleme zu bewältigen, von denen normale Menschen gar nicht wissen, daß sie überhaupt existieren. Im Vergleich zur Blumenmalerei sind zum Beispiel einige Herausforderungen dimensionaler Natur zu überwinden. In der Regel ist es aussichtslos, ein U-Boot 1:1 auf Papier bringen zu wollen. Mit Blumen eher kein Problem. Man muß also von der inneren Position her kleiner malen als es eigentlich ist, die sogenannte Demutsmalerei. Anders auch als die von mir ebenfalls sehr engagiert betriebene Pferdemalerei hat man nicht mehr die Wahl zwischen Querformat (Pferd auf der Weide) und Hochformat (Pferdekopf isoliert als Porträt). Das U-Boot will und fordert das Querformat!

Hat man sein Subjekt also erst einmal derart künstlerisch erschlossen, sind zahlreiche aufwendige Vorstudien und Skizzen erforderlich, um überhaupt ein Gefühl für Wucht, statische Bindung, stählernes Gefüge, admiralische Materialität, technische Details, Details, Details und schließlich inhaltliche, fast soldatisch zu nennende Haltung zwischen respektvoll, gerührt, hab Acht und schließlich pinselgeführten Angriff zu finden. Nur schlechte Maler lassen sich von ihrem Subjekt überwältigen und blasen zum Rückzug in Gischt und Pathos! Man merkt schon aus diesen kurzen Ausführungen, so ein U-Boot-Bild ist nicht einfach schnell dahingemalt! Es ist ein schmaler Grad zwischen technischer Skizze und verklärter Überhöhung, aber hier ist das Meisterwerk gelungen.