Dienstag, 2. März 2021


Very Bad Photoshop



Da ich derzeit schaue, wo für mich noch irgendwelche Brotkörbe hängen (It's the economy, Baby!), habe ich nun wie viele Enterpreneure einen eigenen Youtube-Kanal erstellt, ach was, erschaffen. Weil mich der Bildungssektor sehr interessiert und ich nicht immer nur hier in meinem Blog dozieren möchte, zeige ich dort Tutorials für dieses und jenes. Zum Beispiel für das extrem populäre Thema "Bad Photoshop", was ich natürlich zu "Very Bad Photoshop" umgemünzt habe. Dozent bin ja schließlich ich.

Schaut einfach mal rein und hinterlasst gerne Kommis und Anmerkungen.


 


Samstag, 27. Februar 2021


Das Sanatorium der Quays



Wären die Brüder Quay, unsere aller Lieblingstrickfilmer aus der dunklen "Straße der Krokodile", ein wenig schneller, sie hätten mit ihrem neuen Filmprojekt eine Punktlandung in Pandemie- und Lockdownzeiten landen können. Seit Jahren (übliches Tempo bei den beiden) werkeln sie an ihrer Version von Bruno Schulz' Erzählung "Sanatorium zur Todesanzeige". Es wäre ihr dritter Langfilm. Da die Frage, wovon die US-amerikanischen Zwillingsbrüder eigentlich leben, auch im mittlerweile selbst schon ein paar Jahre alten Atelierbesuch (bei denen sieht es so aus wie bei mir) von Christopher Nolan nicht beantwortet wurde und den beiden sicher selbst ein ewiges Rätsel bleibt, muß man sich mit der Fertigstellung wohl gedulden.

Nun aber sind von der Weltöffentlichkeit und daher auch von mir weitgehend unbeachtet im letzten Sommer sechs Minuten Material vom Anfang der Erzählung aufgetaucht. Ein Lebenszeichen. Sieht bereits sehr stimmungsvoll aus, abgetragene schwarze Anzüge, ungeputzte Zugfenster (ich sagte ja, sieht aus wie bei mir), ominös dronender Sound. Wer nicht warten will, verliert sich bis dahin in der bravourös verzückenden polnischen (Sur-)Realverfilmung von Wojciech Has, die es seit ein paar Jahren auch in restaurierter, von Martin Scorsese angetriebener Fassung gibt.

Bis dahin, liebe Quays, immer weitermachen!

Super 8 | von kid37 um 00:37h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 24. Februar 2021


Rimbaud with Guitar

Autoluminescent auf Vimeo.


Wie so ein junger Mensch habe ich neulich tatsächlich erstmals einen Film auf Vimeo gekauft und runtergeladen. Man muß ja langsam akzeptieren, daß es nicht mehr alles auf DVD gibt (und noch viel mehr sowieso nie gab). Die Dokumentation AUTOLUMINESCENT über den australischen Gitarristen und Sänger Rowland S. Howard ist jedenfalls jeden Euro wert. Als Gründungsmitglied der Birthday Party kam er an der Seite von Nick Cave (und Mick Harvey) zwar viel rum, aber nie zu Ruhm. Irgendwann hatte er von seinem Nebenmann, man kann es verstehen, auch die Faxen dicke und ging dann zunächst mit Bands wie Crime and the City Solution und später These Immortal Souls eigene Wege. Da ich mich nie sonderlich für Nick Cave interessiert hatte, lernte ich Rowland S. Howard durch seine Zusammenarbeit mit Lydia Lunch, für die ich in meiner Jugend ein gewisses hormonelles Interesse hatte, kennen.

Da gab es das Knalleralbum Honeymoon in Red und ein paar Jahre später den Nachfolger Shotgun Wedding. 1991 sah ich die Tour dazu im vollgepackten, verrauchten, engen und schwitzigen Kölner Rose Club. Aus hormonellen Gründen stand ich ganz vorne an der Bühne und wollte mich eigentlich in Ruhe auf Ms Lunch konzentrieren, aber es war der Gitarrist, der mich packte. Eine hagere, gebeugte Vampirgestalt, Kippe im Mund, Last der Welt auf den Schultern, puhlte der aus seiner Fender Mustang einen sirrenden Krach, wunderbaren Lärm, das mir die Luft weg blieb. Das ging einigen so, denn weiter hinten im sauerstoffentleerten Club klappte zu der Zeit meine Freundin zusammen und wurde dankenswerterweise von ein paar freundlichen Leuten nach draußen geschleppt. Die haben allerdings alle was verpaßt: ein grandioses, dreckstrotzendes, sumpflandblusiges Konzert mit einer auch für Köln ungewöhnlichen Truppe, einer wohl aufgelegten, gewohnt sarkastisch-schnippigen Lydia Lunch und eben Rowland S. Howard.

Meine Freundin hat mich irgendwann später verlassen (weiß nicht, warum), ich habe sie lange nicht vergessen. Aber auch nicht Rowland S. Howard. "Rimbaud with guitar", sagt ein gut gelaunter Henri Rollins über den Schmerzensmann aus Melbourne in der Doku. Ein dunkler Poet sei er gewesen, ein bißchen zu sehr vielleicht. Eine Handvoll ikonische Songs hat er hinterlassen, ein paar zu wenige vielleicht. Nach vielen Jahren zwischen Hunger und Heroin zog er sich um die Jahrtausendwende lange zurück, machte auf Familie. 2009 erschien sein Comeback-Album Pop Crimes, von vielen neugierig erwartet. Da hatte seine Leber schon aufgegeben, eine ausgedehnte Tour fand nicht mehr statt. Howard starb mit gerade mal 50 Jahren Ende 2009.

Die Doku gräbt viele Details und Interviews zur australischen Musikszene Ende der 70er-Jahre raus und lässt viele Zeitzeugen zu Wort kommen, von denen leider nicht alle ausreichend vorgestellt werden und einige, wie Bobbie Gillespie, etwas reingeworfen wirken. Aber Weggefährten Mick Harvey, auch Nick Cave, nie um ein Wort oder auch zwei oder drei verlegen, seine langjährige Lebensgefährtin und Partner-in-crime Genevieve McGuckin, Howards Bruder Harry (Bassist bei These Immortal Souls), Lydia Lunch, Wim Wenders (in dessen Himmel über Berlin Howard auftrat) und weitere musikalische Begleiter und Freundinnen. Einzig Anita Lane, mit der Rowland Howard in jungen Jahren eine Affäre hatte, fehlt. Aber in einer Doku über mich würden auch nicht alle Ex-Freundinnen freundlich bürgen wollen. Life's what you make it.

>>> Geräusch des Tages: Rowland S. Howard, Sleep Alone

Radau | von kid37 um 17:37h | 6 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 20. Februar 2021


Shake Dog Shake



Auf meine alten Tage plane ich ja, nun endgültig Privatier zu werden, ich meine, was soll der Mist, tagein, tagaus usw. Dann gleich ein Leben zwischen Sardinen und Brot und einer aus Pappkarton gemalten schwarzweißen Katze, die neben meinem Sofa hockt und mit einem ebenfalls aus einem Pappkarton geschnittenen Fisch an der Angel bespielt wird. Der Freude und stillen Einkehr wegen.

Manchmal aber packt mich noch das innerlich erloschene Feuer, und ich schwinge mich in grünes Jägerloden und derbe Hosen, um einen Leihhund auf die Freilaufwiese zu führen. Rebellen ohne Steuermarke! gröle ich, der Hund juchzt infantil Ball! Ball! Ball! und wirft mir 40 Kilo durchtrainierte Muskelmasse entgegen, ich schwanke nur wenig, denn ich bringe doppelt so viel nur geringfügig weniger trainierte Masse auf die Waage. Wir fletschen Zahn an Zahn, entdecken das innere Ungetüm in uns, Höllenfeuer, ich bin Wolf und du bist Wolf, und hey, das ist ok so.

Meine Würfe - knapp über Kugelstoßweite, dann erstmal warm geworden ein paar Zentimeter weiter - treiben einen Zerberus über das Gelände, den Ball mit schweigendem Ernst mit einem Kopf fangend, mit den beiden anderen links und rechts andere Hunde abwehrend. Ich dabei mit Seemannspfeife ein Orchester aus zähnefletschenden, fährtensicheren Stöberern dirigierend, ein Muskelballett zur Meutenmusik. Erich von Strohheims Reitgerte stünde mir gut und ein Monokel, vielleicht ein Megaphon.

Ordentlich eingesaut nach naturnaher Arbeit, Erde mannshoch, besabberte Hände vom Ball und zähem Ringen mit Knüppeln und Beute, habe ich Schamanenkontakt zum besten Totemtier des Menschen. Ich möchte mir die Fellkleidung vom Leibe reißen und mich überall mit Blut und Matsch einreiben, behalte aber hanseatische Restwürde und lasse mir nichts anmerken. War ok, sage ich also, lasse den Hund aus meiner Wasserflasche trinken (Tiere zuerst!), schüttel mir Zeug aus dem Haar und trotte zurück zum Haus. Geht doch.


 


Sonntag, 7. Februar 2021


Lockmittel: Toter Fisch

Früher™ schaute ich regelmäßig Aspekte, das beschloß den offiziellen Freitagabend, ehe man dann aufbrach, um in eine sogenannte "Discothek" zu gehen. Oder grübelnd ins Bett. Seit Aspekte mal so, mal so läuft, vor irgendwas, nach irgendwas, fluide Sendezeiten im Aufmerksamkeitslaboratorium Linear-TV, verpasse ich regelmäßig den ungeregelten wöchentlichen Kulturbeitrag.


2 Ameisen II (2015)

Jetzt aber stieß ich beim Herumstrolchen durch 52 inhaltslose Kanäle auf einen Beitrag bei Aspekte über Maximilian Prüfer, der fantastische Sachen im Zwischenfeld aus Biologie und Kunst macht. Es sind grundeigentliche Naturbeobachtungen, Aufzeichnungen von Insektenspuren zumeist, die als abstrakte Strukturen auf präparierte Malgründe erscheinen. Angezogen durch tote Tiere ("Lockmittel: Toter Fisch") ziehen allerlei Verwesungskäfer (oder ihre Larven) ihre Laufwege über den Grund, hinterlassen Bienen, Schnecken und Ameisen ihre verrätselten Spuren oder werden als Skulpturen neu geordnet. Der kurze Beitrag vom BR erläutert ein wenig seine Arbeits- und Denkweise. Man mag an Jean-Henri Fabre denken, dessen Naturbebachtungen und Insektenforschungen Ansatzpunkt für philosophische Betrachtungen und Vergleiche mit der menschlichen Natur wurden. Rausgehen, aufmerksam sein, eine schöne Tradition.

>>> Webseite von Maximilian Prüfer


 


Mittwoch, 3. Februar 2021


Mein kleiner grüner Lockdown



Mein Auskommen fand ich ja lange Jahre als berühmter Gummibaummaler. Beinahe jede Amtsstube, aber auch viele Privatleute drängten mich um ein Porträt ihres grünen Stubengenossen, meist als Aquarell, weil die Materialbeschaffung nichts allzu Extravagantes genehmigen wollte. Manchmal auch in Öl, wenn es sich um reiche Fabrikanten, Import-Export-Kaufleute oder auch betuchte Pflanzenfreunde handelte.

Die Krise begann, als der florale Freund außer Mode geriet, ein Schicksal, das ihn nur menschlicher machte. "Gestern warst du noch wer, heute bist du nichts", wer kennt das nicht. Einmal den falschen Ton getroffen, den Elfer verschossen, die Pflanzen fremder Menschen gepflückt, schon heißt es, wheee (Comicgeräusch) Rolltreppe abwärts.

Meine ausgewiesene Expertise als renommierter, extrem akkurater und detailverliebter Gummibaummaler ist heute nicht mehr viel wert, ich sitze also weitgehend nutzlos meditierend hier in meinem Bachelor pad unter einer gut gepflegten Zimmerpflanze, drinke Blumenwasser, damit nichts austrocknet und höre etwas japanischen Freejazz zum schwarzen Jacket. Es ist ein ewiger Lockdown. Monat für Monat verlängerter Hausarrest, der Ausblick so wie in der Fotoserie der britischen Fotografin Julia Fullerton-Batten. Erwartung im getrübten Licht.

>>> Julia Fullerton-Bartens Webseite


 


Mittwoch, 27. Januar 2021


Kettensägenmassaker (nicht Texas)


Über den Onkel wurde in der Familie
nach diesem Vorfall nicht mehr gesprochen


Hamburg wird seit ungefähr 400 Jahren von der SPD regiert. Aus dieser langen goldenen Zeit haben sich zwei informelle Gesetze herauskristallisiert. Zum einen muß der jeweilige Erste Bürgermeister, sollte er Kanzler werden, zum wolkigen Gruß an die hier ansässigen Tabakkonzerne das Rauchen anfangen. Helmut Schmidt zum Beispiel, eigentlich strikter Nichtraucher, wurde so zum umwölkten Großpolitiker. Zum anderen dürfen SPD-geführte Bezirke auch ohne Bebauungsplan und ansonsten zwingender öffentlicher Anhörung Bauvorhaben beginnen. So wie hier im Fall des Freibads.



Das Freibad hier ist neben dem Park die einzige Attraktion im Viertel, wo es ansonsten noch nicht einmal einen vernünftigen Bäcker gibt. Da wollen im Sommer halt viele lieber ein Capri- oder Schöller-Eis am Büdchen kaufen. Dazu gibt es 50-Meter-Bahnen, eine endlose Wasserrutsche, Liegewiesen und etwas in die Jahre gekommene Einrichtungen. Makel machen die Bademeister weg, die ganz so als lebten wir in unbeschwerten Zeiten, über die Sprechanlage mit Animationsgerufe ("Döp! Döp! Döp!"), Sicherheitshinweisen ("Ich sag's nur noch einmal: Nicht vom Beckenrand!") und Verabschiedungen ("So liebe Leute, es ist 18.45 Uhr, gleich ist Schluß für heutäääää!") sich selbst, die Besucher und auch die Anwohner bei Laune halten. In lauen Sommernächten ging der Betrieb oft gegen Mitternacht weiter. Jugendliche Juchzer, Wasserplatschen und Rufe wie "Wo sind meine Sachen?!" verrieten lebenslustige Zaunübersteiger, irgendwas mit Vitalität und Nervenkitzel, Oben ohne und Anbahnungsschwimmen.

Die jungen Leute werden sich etwas anderes suchen müssen, denn ein Investorenprojekt in weiterer Nähe braucht Platz. Jetzt müssen Liegewiesen Sportplätzen weichen, es kommt Kunstrasen statt feuchtigkeitsspeichernder Wiese und als Ersatz ein kleines Hallenbad dorthin. 25-Meter-Bahnen, bei denen geübte Schwimmer schon nach fünf Zügen die Wende erreichen, und zu allem Überfluß nur für Schulen und Vereine benutzbar. Bis auf das Wochenende. Da steht das Bad auch für die Öffentlichkeit zur Verfügung. Ein Bebauungsplan existiert noch immer nicht, eine öffentliche Anhörung gab es auch nicht, das ist Hamburger Gutsherrenart seit 400 SPD-Jahren. Immerhin gilt auch im Hallenbad nun sogar ein Rauchverbot.

Seit einem ominösen Vorfall um meinen Urgroßonkel Sobieslaw, der es einst sogar in die Gazetten schaffte, wird in meiner Familie weder über den Onkel noch über Hallenbäder gerne gesprochen. Der Onkel beschwor, von Chlordämpfen benebelt gewesen zu sein, diese Warnung läßt mich bis heute zurückschrecken vor diesen feuchtwarmen Pilzinkubatoren. Sie erzeugen bei mir Atemnot. Genau so wie das Kettensägenmassaker an den vielen kleinen und vor allem großen Bäumen, die bislang auf dem Gelände standen. Auch die waren gut fürs Mikroklima. Aber der nächste heiße Sommer ist ja noch ein paar Wochen hin, und in einer Pandemie sollen Menschen eh zu Hause bleiben.

>>> Bericht in der Taz