Mittwoch, 8. Januar 2020


Die Tränkung


Die Kardinälin, 2020. Acryl, Rost auf Papier
und Schellack. 1000,- Mark.


Als Wuppertaler ist man ja Tränkung und Durchtränkung gewöhnt. Tage-, wenn nicht wochenlang, eingenieselt von mittelfeinem Landregen (Landregen in der Stadt!) spürt man erst noch den nixennassen Griff von hinten in den Kragen, bald gar nichts mehr, außer dem Gefühl einer klammen Pferdecke, die jemand fest um einen gewickelt hat. Dazu das schmatzende Geräusch schiefgelaufener Sohlen auf dem steigungsschrägen Asphalt. Laune entsprechend. Nun ist in meinem Bekanntenkreis die Frage, ob Kindheitserlebnisse prägender Natur sind, umstritten. Die besonnt Aufgewachsenen sagen nein, andere anders. Mich hat es zu einem neuen Werkzyklus inspiriert, bei dem ich an feinste flämische Malerei erinnernde Bilder in Schellack getränkt habe, um sie unempfindlich gegenüber Stadt-, Land- und Flußregen zu machen.


Die letzte Sonne, 2020. Acryl auf Papier und Schellack. 1000,- Mark.

Die Ergebnisse sind berückend (die Scans geben den Reichtum an Details und Farbe nur unzureichend wieder) und Ausdruck einer condition humaine zwischen ständiger Dekonstruktion und Niederschlag, in der weder das Verfinstern der Sonne noch goldener Glaube Hoffnung und Zuflucht bieten. Traurig eigentlich, aber so ist die Kunst. Mehr kann ich nicht erklären, sonst hätten die bei der Monopol ja nichts mehr zu schreiben über mich.

Pastoser Trübsinn im Atelier, während ich Ecken zurechtschmirgle und meine Zukunft grundiere. In der von Lösungsmitteln weichgedämpften Birne wandelte ich mich bereits vom Saulus zum Paulus und vom Kritiker des Projekts Elbphilharmonie zum Kartenkäufer. Aber nur wegen Meredith Monk, die im Februar vortragen wird. Vielleicht kann ich mit einem meiner Apparate eine Schellackaufnahme davon machen. Wasserfest.


 


Mittwoch, 1. Januar 2020


Bombette!

Als Semiotiker verbringe ich meine Neujahrsspaziergänge durchs Viertel ja mit Zeichenexegese. Dieses Jahr allerdings schlich ein zwielichtiger Mann mit so einer Pfandflaschengreifzange umher und beeilte sich, offenbar im Auftrag einer zwielichtigen Organisation, die kodiert ausgelegten Schrapnelle der Nacht (so der Titel meines Debütromans), die Spurenlage also, zu vernichten und die Beweismittel um Mülltonnen und Verteilerkästen aufzusortieren. Zwielichtig nenne ich das, und als er mich entdeckte, eilte er schnell in ein angrenzendes Neubauhauslabyrinth zurück. 2020 aber werde ich ganz neue bedeutsame Nachrichten lesen.



Dabei hätte es Hinweise, und das wird nun sehr viele interessieren, auf ein von alten Quellen so benanntes böllerozentrisches System gegeben, bei dem sich Erde, Mond und eine enthemmte Bevölkerung konzentrisch um eine Batterie von Knallkörpern drehen. Ich habe derzeit ein bißchen Zeit und werde dem in weiteren Studien nachgehen. 2020 aber werde ich ganz neue bedeutsame Systeme entdecken.



Meine Trash-Tanzkapelle für die soll "El Kid & The 37 Bombettes" heißen, mit der ich auf wilden Silvesterpartys in den Untergeschossen alter Abbruchhäuser sleazy Rock'n'Roll-Klassiker auf Spanisch vortragen werde (kann kein Spanisch). Alle angesagt mit dem Bombenspruch "One, two, three, four, seven!" (Hier ein leicht erkennbares Beispiel. Ich bin ganz links.) 2020 aber werde ich ganz neue bedeutsame Musik, Filme, Bücher und Kunst entdecken.



Derweil brodeln über den Globus verteilt neu entdeckte Vulkane und stoßen heiße Funken aus. Ich habe da kein gutes Gefühl, zumal ein über die Jahre auf dem Syfy-Channel ausgestrahlter dokumentarischer Film über einen Ex-Navy-SEAL und eine knapp bekleidete Vulkanologin ganz ähnliches berichtete. 2020 aber werde ich in meinem geheimen Geheimlabor eine bedeutsame Weltformel entdecken, die uns allen Frieden, mildes Klima und gute Schokolade bescheren wird.

So weit die Vorsätze. Ich will nicht klein anfangen, denn ich brauche ein Haus in den Hamptons für meinen inneren Weltfrieden oder wenigstens einen Gnadenhof für Bienen in Mecklenburg, die dort tanzen und schwarzen Honig für Gothics produzieren sollen.


 


Dienstag, 31. Dezember 2019


Auf nach 2020!



Über die Weihnachtstage habe ich zwei Versionen von "In 80 Tagen um die Welt gesehen", einmal eine TV-Variante mit Pierce Brosnan und dann natürlich die "klassische" mit David Niven. Beide sind nicht wirklich gut gealtert, eine machte aus dem Ballon ein Luftschiff, dazu allerhand Langatmigkeiten und Stereotypen - und am Ende dachte ich, es ist wie so oft im Leben: Am besten, man macht es selbst.

2019 sägte man gleich den ganzen Baum ab, auf dem ich saß, bedachte aber nicht, daß ich mein Seil doch lieber selber kappe. So blieb ich vor dem Fall zu Boden einfach in der Luft hängen. Ab und an reitet ein Bote heran mit Schreiben höherer Wesen, um mich zum Runterkommen zu bewegen. Das letzte erreichte mich sogar noch knapp am 30.12. Aber ich halte aus, ich habe Vorräte, und so bleibt mir ein bißchen Zeit, weiter an meinen Projekten zu basteln, den Ballon zu provisionieren, um dann 2020 vielleicht nicht raketengleich, aber mit hoffentlich guter Thermik Fahrt aufzunehmen. Mal schauen, wohin der Wind so weht, ich habe Karten aller Länder an Bord.

Allen einen guten Rutsch in ein hübsch grau gestreiftes neues Jahr - und achtet auf den Nachthimmel. Vielleicht seht ihr mich, wie ich zwischen all den Raketen durch die Wolken gleite.


 


Mittwoch, 25. Dezember 2019


Aus der inneren Berghütte gesendet


Herr Kid hat den Baum schön

Erstmals in all den Jahren hatte ich freie Hand und Muße, einen eigenen Weihnachtsbaum in meinen Leuchtturm am Ende der Wasserstraße aufzustellen. So wird Weihnachten doch gleich gemütlicher! Eigentlich war dann der Plan, rund um den Baum ein paar neckische Fotos nachzustellen, aber ich konnte meine roten Strumpfhosen nicht finden.


Für die jüngeren Leser, die das nicht kennen: Das ist die Form einer Schneeflocke

Am Morgen dess ersten Weihnachtstags, wenn die Eltern noch schlafen, kann man immer schön mit den Geschenken spielen und Reste trinken. Ich bin ja jetzt in dem Alter, wo man sich "nichts mehr schenkt", also das Haus schnell voll mit "Kleinigkeiten" hat. Aber die besonderen sind dann eben doch besonders. Wie diese handgeschöpfte Seife einer Kollegin aus der Ukraine. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mir damit etwas sagen will außer, "Schau mal, hab' ich dir mitgebracht". Das Leben ist bekanntlich voll mit verschlüsselten Botschaften und komplex verschachtelten Zeichensystemen.


Frau Harvey hat den Film schön

Rechtzeitig vor dem Fest erreichte mich aus dem bald sehr fernen England die DVD zu A Dog called Money, die Dokumentation, die Musikerin Polly Jean Harvey gemeinsam mit dem Fotografen und Filmemacher Seamus Murphy gemacht hat. Damit ich was habe, falls "nix im Fernsehen" ist. Ich bin sehr gespannt, teile mir wie immer im Leben die Dinge aber ein. Oben auf der Liste stehen ja noch die Weihnachtsspecials der Murdoch Mysteries, worin, wenn ich es richtig vorausgelesen habe, Constable Crabtree die "Picture Novel" erfindet - bebilderte Abenteuer um einen Superhelden, für das schnelle Lesen zwischendruch. Bin sehr gespannt, was das sein soll.

Während ihr also das Geheimnis der Gans lüftet, werde ich ein paar Dinge und Objekte erfinden, von denen das ein oder andere möglicherweise irgendwann einmal den Lauf der Welt verändern wird. Bis dahin: Frohe Weihnachten!


 


Montag, 23. Dezember 2019


Driving home for Dings

"Daheim ist es doch am schönsten", heißt es im Film. Und doch verlangt es alte Sitte, Weihnachten in vollen Zügen zu genießen.



Die Hinfahrt im Fahrradabteil, die Rückfahrt mit Verspätungen und Unterbrechungen. Das Thema "Deutsche Bahn" bleibt schwierig. Die freundliche Bedienstete im Mitternachtsauffangdienst am Hauptbahnhof Hannover meint nur, es sei eigentlich ruhig, die größere Unruhe erwarte man erst um Heiligabend. Ich bin ein bißchen genervt, beschließe aber trotz gefühltem inneren Lärm, den Ablauf nun auch nicht weiter stören zu wollen.



Die Heimatstadt zeigt sich graugeschleiert. Zurückhaltende Opulenz mit einem leisen Hauch von erzitterndem Verfall. Lückenhaft schindelverkleidetete Häuser mit bloßgelegtem Holz, wie die Zahnhälse durchgeregneter Nörgelrentner. Als Visitenkarte steht die Hauptschwebebahnstation verlassen und verlottert, auch der Aufzug zur Plattform ruht still wie der weihnachtliche See.



Ja, wo sind wir denn hier? Die Geräte sind längst leer, alle Bildnisse und Gleichnisse auf ein anderes Gerät übertragen, von dort aus vielleicht auch schon weiter. Ein Glöcklein klingelt in der Kirche, Geheimnis der Weihnacht. Gerätschaften sind die neuen Mysterienbehälter. Alexa strömt Weihrauch aus, im Gehäuse der Googlebox liegen die Gebeine der heiligen Siri. Um Mitglied der Gemeinde zu bleiben, buche ich im Haus meiner Mutter einen Tagespass für einen Internet-Hotspot im liturgischen Magentagewand. Halleluja!



Ein Fenster zur Welt. Ich schlafe schlecht, halte die Augen halb geschlossen und entwickle Ideen fürs Stadtmarketing. Hier eine Zwischenlösung, dort was Radikales. Die Stadt indes hat die Neunziger Jahre entdeckt, die Radwege im Zentrum vergessen und plant dafür ein Outlet-Center.



Dafür wäre hier viel Potential, allein aufgrund der Topografie, die keine Mittelwege zuläßt, einmal schräg zu denken. Kopfstand auf der steilen Treppe, Wind durchjagen, den inneren Dauerregen vertreiben. Die Schuttberge hinter staubigen Fenstern verräumen. Man muß dazu offen sein.



Vieles rührt in einer Unbeholfenheit. Anderes sperrt sich starr entgegen. Soll man Ruten verteilen oder lieber Lebkuchen? Ich bleibe Gast auf der Sofakante, ansprechbar von vier bis zehn. "...eine seltsame Stadt, schwarz vor Romantik und Geschehnissen und Umhertreibern aller Art", schrieb die Lasker-Schüler. Vielleicht sollte mal einer den Finger zwischen die lockeren Schieferplatten schieben, den Schmodder herausprokeln, die Verklebungen freispülen. Die Stadt der Chöre zum Singen bringen.


 


Donnerstag, 5. Dezember 2019


K/Rippenspiele



Vielleicht muß ich mein Geld bald mit Weihnachtsmotiven verdienen. Also habe ich schnell ein wenig Schnee und einen Verheißungsstern in die Landschaft gemalt, sieht täuschend echt aus, und könnte daraus nun eine Ansichtskarte machen. Für den Nikolaus, der hier sicher nachher von mir noch abgefangen werden wird, wenn er sich an meinem Stiefel zu schaffen macht. Drück ich ihm in die Hand und sage, hier, sollst auch mal was haben. Ich könnte die Karte auch in der Mitte zerreissen und teilen und mich dann als besonders sozial feiern lassen. Vielleicht wird ein Gedenktag mit Laternenumzügen nach mir benannt.

Ostern bereits könnte ich die Krippe wieder bunter dekorieren, gerade habe ich die Keramikskulpturen von Michel Gouéry kennengelernt (kleine Übersicht auf Google), die eine gewisse farbenreiche Vitalität versprühen. Dem muß ich noch nachgehen. Bis dahin aber: Regen, Nebel und andere Niederschläge.

Einatmen, ausatmen, dann wieder einatmen, bis man die Rippen zählen kann. Gerade bastel ich an einem Ballonprojekt, ganz klassisch mit Weidenkorb, den ich neulich nachts auf dem Nachhauseweg gefunden habe, und Schleppanker. Da aber kommt Amazon daher und verfilmt eine berühmte wahre Geschichte. Wobei der wahre Held einfach rausgeschrieben und durch eine Frau ersetzt wurde, anstatt gleich eine der vielen tatsächlichen weiblichen Forscherinnenbiografien des 19. Jahrhunderts zu verfilmen. Alles nur Material, alles nur Rippe wie Krippe.

Ich hätte gerne mal ein Zehntel des Budgets. Nur, um die Schmetterlinge durch Fledermäuse ersetzen zu können, wenn mein Ballon im 19. Jahrhundert durch unerforschte Höhlensysteme gleitet, in denen zurechtgetropfte Kalksteinstalagtiten aussehen wie Skulpturen von Michel Gouéry.


 


Donnerstag, 28. November 2019


Merz/Bow #59



Heute eine kleine Expeditionsfahrt, ganz modern und erstmals mit Handyticket, die Zugbegleiter kennen das zum Gück und halten einfach wortlos ihre Leselasergeräte dran. Wortlos dann auch durch den Regen, der das platte Land hier tränkt. Ich spare mir das Reden für meinen kleinen Vortrag auf, den ich später halten werde.

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Eingenässt, aber weihnachtlich geschmückt, zeigt sich die Stadt ganz charmant, Menschen geben freundlich Auskunft, setzen das Wetter nachsichtig in Bezug zu Trockenheit und Klima, ein Taxifahrer erklärt mir die weiteren Orientierungspunkte. Der auf dem Rückweg fährt allerdings einen Bogen.

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Nach Jahren mal wieder diese Atmosphäre eifriger Betriebsamkeit jenseits von Verwertungszwang und Nützlichkeitsanalysen einatmen. Experimentierlabore, guter Kaffee, gute Leute - als ich gerade warmlaufe, ist die Zeit schon wieder rum. Der Horizont ist hier ein gutes Stück weiter und darum auch Beweglichkeit gefragt.

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Nicht verwandt, nicht verschwägert: Woanders soll es auch guten Kaffee geben. Ich werde das in den nächsten Tagen überprüfen, die Koinzidenz hat mich aber doch überrascht. Der Betreiber schmunzelt selbst erstaunt und wird wohl nicht Bloggen, solange ich kein echtes Café eröffne. It's a deal. Dieser zumindest.

MerzBow | von kid37 um 20:23h | 11 mal Zuspruch | Kondolieren | Link