
Montag, 24. August 2026
Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“
(Matthäus 27,45)
Das schönste Bild von der Sonnenfinsternis in Hamburg
Helle Aufregung über Dunkelheit! Ich erinnere mich (ebenfalls dunkel) an die Sonnenfinsternis 1999, von der ich nicht viel sah. Vielleicht stimmte etwas mit dem Wetter nicht. Allerdings, man kann ja alles immer noch irgendwie gebrauchen, besaß ich außer nebulöser Erinnerung noch eine Schutzbrille von damals. So konnte ich dann nach Erledigung der häuslichen Pflicht um die achte Stunde auf die Straße gehen und von dort Richtung Westen die schmale Sichel der verfinsterten Sonne betrachten, Gedanken über Wesen und Bedeutung nachhängen und eines (inneres) Ah! Und Oh! Anschlagen. Alpha und Omega. Eine Okkultation, die Vögel verstummen und Menschen verwundern lässt.
Der Weg führte mich weiter aus der Dunkelheit heraus zu meiner Packstation, denn es ward ein Paket geliefert, darin mein neuer Computer, sorgsam vorgeschraubt und offenbar mit Bleigewichten gesichert. Denn als ich ihn aus dem oberen großen Fach wuchtete, entpuppte er sich nicht nur als 1 Meter x 1 Meter x 1 Meter großer Kubus (Science-Fiction-Filme fangen so an), sondern auch als einer mit ordentlich Gewicht. Mit rotem Stift waren 17,4 Kg auf dem Karton notiert, mir aber schienen es siebenunddreißig Wackersteine zu sein mit einem Gewicht von mindestens 25 Kg. Das sind ein halber Zentner oder – in der Alltagssprache gebräuchlicher – eine Viertelzehnteltonne.
Jedenfalls war meine praktische, aber nur für eine Einkaufstasche ausgelegte Transportkarre überfordert. Schwitzend zurrte ich das Paket mit Spanngurten auf das Gestell, aber die Räder drehten sich nur noch schlecht, so dass ich das Gespann nicht ziehen, sondern nur wie einen Schlitten von hinten anschieben konnte. Schwitzend und schlecht sehend (meine Brille hatte ich nach der Sonnenschutzbrille gar nicht erst wieder aufgesetzt) schob ich die Angelegenheit also voran, blieb auf einer sandigen Strecke gleich stecken, zerrte zurück, schlockerte über Wackersteine, machte mal Päuschen, überschlug (innerlich) die restliche Strecke, verfluchte (ebenfalls innerlich) den Tag und seine Finsternisse, schob weiter durch die immer noch unnatürliche Wärme, sah mich als Sisyphus bei seinem stoisch ertragenen Werk (demnächst verfilmt von Christopher Nolan, sollte er mich zufällig gesehen haben) und überlegte, einen Fahrradanhänger oder einen klassischen, aus der Führerscheinprüfung bekannten Handkarren zu bestellen und an meine Packstation liefern zu lassen und derweil auf dem davor befindlichen Parkplatz zu kampieren. (Sinnvollerweise die beste und praktikabelste Idee, wie mir schien.)
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte da völlig unvermutet eine wie aus einem brennenden Dornbusch gesprungene junge Frau, die auf mich zukam. „Im Grunde genommen, ja“, antwortete ich und nutzte die Gelegenheit für eine weitere unauffällige Pause, stellte die Karre ab und ließ den Blick in die Ferne bis zum Horizont schweifen. Man bot mir an, mir tragen zu helfen, was ich ablehnen musste, weil es ja noch zwei Straßen waren, wie ich mit einer Handgeste Richtung erwähnten Horizonts bekräftigte. „Ja, oder soll ich Sie mit meinem Auto fahren?“ fragte die Frau, ebenfalls mit einer Handgeste unterlegt, die in Richtung ihres gerade geparkten Kleinwagens wies (war gar kein Dornbusch). Ich fügte computerschnell ein, zwei Gedankengänge und Abwägungen zusammen (innerlich) und sagte mit einer mir unbekannten Spontaneität, „Wissen Sie was? Das wäre supernett.“
Im Wagen zum Glück kein Wunderbaum vom Typ Waldmeister, sondern eine Aura von Positivität. Ich erzählte, dass sich in dem Karton ein Computer befände, damit sich nicht denkt, es handele sich vielleicht um Druckplatten für die neuen Euroscheine und sie werde gerade in eine Straftat verwickelt. Daraufhin kein Augenrollen oder offene Nörgelei, sondern ein „Herzlichen Glückwunsch zum neuen Computer!“. Und auf meine Klage über ins Absurde gestiegene Ram-Preise usw. kam zur Beruhigung „Ärgern Sie sich nicht. Nächstes Jahr wäre der ja noch teurer!“
Soviel Ermunterung bin ich ja gar nicht gewöhnt, so fielen gleich rostige Krusten von meinem Herzen. So kann es also auch sein! Dachte ich (innerlich), und dann waren wir auch schon vor der Türe. Sie bot sich an, mir noch beim Tragen durch den Hinterhof bis zur Tür meines Leuchtturms zu helfen, aber genug ist genug, sonst wird man ja bei so viel Hilfsbereitschaft zu emotionalem Himbeerpudding, und mein innerer Raimund Harmstorf wollte ja auch kraftmenschlich was hermachen. Also danke, danke und noch einmal danke!, über den Hof wanken mit meinem Elefantenbaby im Arm, die vier Etagen in den Himmel hoch (dreimal absetzen), dann Körper und Auge trocknen.
(Hinterher gedacht (innerlich): Ich wüsste gerade mal die Farbe des Autos, nicht aber Marke oder Kennzeichen, so wie man es beim Trampen gelernt hat. Wenn ich jetzt entführt worden wäre! Hab’s aber schnell abgestreift. The kindness of strangers.)
>>> Geräusch des Tages: Hubert Kah, Wenn der Mond die Sonne berührt

Sonntag, 2. August 2026
Finde gut, wenn junge Leute Musik haben. Die muss (und sollte!) nicht meine sein, muss da auch nicht als ("jung gebliebener"!) alter Sack auf Konzerte und Festivals stürmen. Die sollen das unter sich ausmachen, ich muss nicht einmal vor der Location draußen auf der Straße rumlungern, um Töchter und Söhne nach Hause zu fahren. (Obwohl ich das natürlich machen würde.) Ich höre mir gern Wetleg an oder auch Frau Ikkimel (aber nur kurz), versuche den bei jungen Bands verbreiteten Die Antwoord Discounter-Modestil zu begreifen oder die BPM-Zahl zu erraten, hole Atem bei Gruppen wie Acht Eimer Hühnerherzen und mache mir danach weiter um junge Leute keine Sorgen. (Das war eine zeitlang anders.)
Die letzten Tage habe ich mich ein wenig mit den Kummer-Sisters beschäftigt, so nenne ich sie. Das sind die beiden Schwester von den beiden Brüdern (Kraftklub) und allesamt die Kinder von dem Mann von AG Geige. So hängt alles mit allem zusammen.
Deren Band Blond jongliert einen ganz munteren Rockpop mit leichtem Asi-Flirt und angenehm unverstellt, locker vulgär gerappten Songs über Themen, die bei jungen Leuten heute auf der Straße liegen. Die bangen dann charmant rotzig ihre Banger auf Festivals von der Bühne für ein exaltiertes Publikum, das wie bei dem obigen "SB-Kassen Lover" die Texte mitsingen kann und dabei eine gut durchgeschwitzte Freude auf den Platz bringt. Man muss das berühmte Plakat von John Heartfield auch mal abwandeln, und schon heißt es „5 Langfinger hat die Hand!“ Auf Instagram ist das noch mal extra lustig, weil dort zum Uhr-nach-Stellen irgendwelche Kommentardudes aufschlagen, die gewissenhaft erklären, dass REWE keine AG ist. Tja, liebe Blond. Da müsst ihr eure Karriere wohl noch mal ganz von vorne anfangen.
Die Videos (und die Produktion) ist vielleicht einen Tick zu „slick“, wie wir alten bleichhäutigen Musikdudes aus dem Proberaumsessel sagen (siehe „Männer“). Die haben halt gute Leute an Bord, und das gehört eben auch dazu. Ich denke, wenn ich nicht schon 37 wäre, könnte ich denen auch den ein oder andern ungefragten Tipp… Na ja, oder auch nicht.
»»» Geräusch des Tages: Blond, Männer

Dienstag, 14. Juli 2026

Nun begab es sich, dass ich am Ufer des Kanals einen großen Fisch fand, der – von den böse brennenden Strahlen der Sonne bereits arg zugerichtet und völlig zerschuppt – nach Luft schnappte und seine Kiemen bleckte, Zunge noch dazu. Ich packte den trockenen Burschen und hob ihn vorsichtig zurück ins Wasser, wo er erstmal einen tiefen Tauchgang nahm, um sein Fischleder an allen, auch den empfindlichen, Stellen zu glätten und alle Flossen zu strecken.
Alsbald tauchte er wieder auf und sprach zu mir, der ich am Ufer mit hoffnungsvoller Sorge wartete, ob die Rettung auch erfolgreich sein würde. Da sprach der Fisch zu mir und sagte, sein Name sei Tim und er sei in Wahrheit ein verzauberter Prinz, der mir einen Wunsch erfüllen könne. Ich überlegte und wollte fast schon sagen, ach, dafür nich, wie man das hier im Norden tut. Dann fiel mir das geflügelte Wort ein vom „den Butt beim Schopfe packen“ und kam zum Schluss, dass doch auch ich im Leben endlich mal Glück haben müsse. So wünschte ich mir einen Fisch, der ein ewig perlensprudelnder Brunnen sein sollte. Denn fehlt mir doch in meiner Küche ein Wasserspender, der mir milde mit Kohlensäure versetztes Wasser liefern würde und dabei zugleich ein gewisses interessantes und ungewöhnliches Design zum Darübersprechen hätte, sollte ich mal Besuch bekommen. Vielleicht eine Frau, der es nach Wasser dürstete und dann in meiner Küche stünde und sprechen würde: „Wie ungewöhnlich - ein Fischbrunnen! Das ist amüsant.“ Was natürlich auch mir als Besitzer eines solchen amüsanten Gegenstandes einen gewissen angenehmen Glanz verleihen würde, so wie ein frisch ins Wasser zurückgesprungener Fisch, um im Bild zu bleiben.
Das sei ein banniger Wunsch, japste der Fisch. Aber ich solle mal nach Hause gehen und schauen, was da nun auf mich warten würde. „Tränen des Glücks!“, murmelte er. „Tränen des Glücks!“ Dann spuckte er einen Strahl Wasser aus seinem Maul und flukte zuletzt mit einem eleganten Schwung von dannen. Sehr denkwürdig, dachte ich bei mir und drehte mich nur wenig weniger elegant zur Straße und eilte nach Hause.
Wie groß aber war meine Überraschung, als ich die Stube meiner kleinen windschiefen Behausung betrat. Ein großer ausgestopfter Fischkopf glotzte mich an mit stummen Blick. Aus seinem Maule aber tropften unablässig Perlen herab wie an einer Schnur aufgereiht. Oh, dachte ich. Was mache ich nun? Ein Perlenbrunnen ist es fürwahr, aber was, wenn einer Besucherin nach Sprudelwasser dürstete? Verächtlich würde sich mich anschauen und rufen „Das hat heute jeder, warum du nicht?!“ Und wenn ich ihr die Geschichte vom Fisch erzählte, würde sie vielleicht rufen, was ich doch für ein dummer Junge sei. Ich hätte mir doch eine lebenslange kostenlose Lieferung von Wasser aus der Bismarckquelle wünschen können! Und ob ich den Fisch nicht noch mal rufen könne.
Ich würde vielleicht „Manntje, Mantje Timmy Te“ verzagt am Ufer rufen, aber dann sehen, wie am Himmel langsam Sturm aufzieht.

Donnerstag, 25. Juni 2026
Eine kleine Homestory bei Michaël Borremans
Als ich jünger war - da ward ihr noch gar nicht wach – dachte ich, ich würde später mal abgeschieden in der Landschaft leben in einem Haus, bei dem man nicht wüsste, ob es vor oder nach mir zusammenfällt. Dort würde ich morgens, sagen wir vormittags, nach dem ersten Kaffee durch die Räume wandern, hier an einem Bild malen, dort an einem anderen, ein Buch lesen, entspannt gelaunt im Garten auf der Wiese liegen oder bei innerem Regen ein wenig verstimmt auf einem alten Klavier klimpern (wurde früher von angeblich verstimmten Klavieren weggejagt – dabei war es mein Spiel, das so klang). Solche Sachen.
Dazu hätte ich aber nach Belgien ziehen müssen und nicht ins fast schon quirlige Hamburg. Wie Michaël Borremans, dessen Bilder ich sehr mag. Der lebt in der Nähe von Ghent mit Hund und zerbeultem Jaguar (Auto), denn das braucht man da. Eine alte Gitarre, ein Plattenspieler, eine möglicherweise sehr gute Espressomaschine, gerne hätte ich seine Bibliothek gesehen. Apropos: Von Borremans gibt es derzeit leider keine erschwingliche Publikation und Werkschau, der Kunstbuchmarkt knüllt sich zusammen, die Jüngeren interessiert das nicht, und die älteren Sammler sterben weg. Jedenfalls wirkt diese provinzielle Einöde als verlockender locus amoenus für geplagte Städter, die neben dem eigenen vor allem den Lärm anderer Leute ertragen müssen. (So schon der Titel meines Debütromans Den Lärm anderer hören.) Alles toll, solange man nicht zum Arzt muss oder zur Packstation oder erstmal zu Penny.
Jedenfalls hat Michaël Borremans nicht nur ein Auto für all so was, sondern ein Werk von ganz unaufgeregt verspinsterten Bildern (hier zum Beispiel bei Zwirner), die neben Ruhe auch eine gewisse Unheimlichkeit ausstrahlen, gerade so, dass man denkt, da liegt nicht nur ein Apfel im Raum, sondern da ist gerade eine Geschichte passiert. Das liegt auch an den Fehlstellen. Personen sind in merkwürdige Kleidung gehüllt, aber herausgenommen aus jeglichem Kontext, sind mit irgendetwas beschäftigt oder wiederum bloß Teil einer Inszenierung. Der Schnappschuss einer Erzählung, wie das leere Fach im Kühlregal, wo das Eis stehen sollte, das man kaufen wollte.
Auch ein Schock, der sich am besten in Ruhe auf dem Land bewältigen lässt.

Freitag, 19. Juni 2026

Entwurf für ein Brautkleid im Blaublumenmuster (div. Stoffe, 1000,- Mark)
War ins Sprachlose gedrängt und musste ein wenig Pausieren. Versuchte in der Zeit aber fleißig und unermüdlich, ein neues Berufsfeld einzuschlagen und bewarb mich mit einer eigenen Linie als Modedesigner für einen bekannten deutschen Porzellanhersteller. Ein „Zwiebellook“ sozusagen, aber ironisch. Am Ende abgelehnt, aber das kennen ich und meine guten Ideen gut.
In meiner demnächst hingegen vielbeachteten wissenschaftlichen Arbeit Die Mauer muss weg: Analyse der „Durchreiche“ als kulturhistorisches Phänomen und architektonische Besonderheit im bundesrepublikanischen Eigenheim der 1970er-Jahre [Diss. Hamburg, 2027.] untersuche ich die eigenheimmodische Eigenheit der Summer-of-Wohlstandjahre in der BRD, als man die Wand zwischen Küche und Essraum wie in einem Landgasthof durchbrach, um Speisen ohne Umwege über die braungeflieste Diele vom Herd zum Tisch zu bringen. Wurde natürlich nur einmal benutzt, weil viel zu hampelig, und außerdem standen in der kleinen mit einem Fensterladen verschließbaren Nische bald Blumen (Usambaraveilchen) und anderer Nippes.
Nun hat ja alles eine Sprache und ein System und hier lag natürlich der kompensatorisch ausgeführte Wunsch vor, eine solche Durchreiche auch in der anderen großen Mauer, die Deutschland von Küche oder Essplatz trennte, rauszustemmen. Der kleine Durchbruch, wenn die Mauer schon nicht fällt, Willy Brandts Ostpolitik und beginnende Reiseerleichterungen spiegelten sich so am heimischen Käseigelbuffet.
Heute spiegeln Wohnungen ja nichts, weil die Visionen fehlen. Und so sind sie meist leer, skandinavisch karg bis auf irgendwas mit Stahlrohr, einem Bild, das mal ein Freund oder eine Freundin gemalt hat, und ein kleiner Korb aus Filz, in dem zwei Äpfel liegen und eine Fernbedienung. Außer man lebt wie ich in den Außenstellen vom Naturhistorischen Museum Wien und Harrys Hafenbasar und kann sich in der eigenen Wohnung jeden Tag aufs neue erstaunen lassen.
Generell reicht man oft auch nicht mehr durch. Der eine passt nicht ins akkurat und unnachgiebig geplante Programm, die andere nicht in den entspannten Sonnenuntergang. Im Alter wichtig: Auch mal alle 37 artifiziell erzeugten Ausstülpungen gerade sein lassen. Großzügigkeit, Toleranz und Achtsamkeit nicht nur Matcha gegenüber.
Die Hitze aber brüllt die Menschen an. Draußen auf der Straße wird man wie eine menschliche Cyanotypie – ein altes fotografisches Verfahren, bei dem Objekte durch Sonnenbestrahlung auf lichtempfindliches Papier belichtet werden - auf den Asphalt gebrannt. In den Dachkammern tropfen Schweiß und Kondensat von der Decke auf gelbgeränderte Zimmerpflanzen, Geckos huschen über die Wände, aus einem alten britzelnden Lautsprecher tropfen Dschungelklänge. Oder aber das letzte Album von Reiko Kudo, eine japanische LoFi-Indiemusikerin, die Anfang der 80er ihre Karriere begann. Rice Field Silently Ripening In The Night [Bandcamp] ist es ganz poetisch benannt, und ebenso leise, unprätentiös und nachtverloren kommt auch die Musik daher, Misstöne und Gestaltlosigkeit, einzelne Trompetentöne aus dem Nachbarzimmer inklusive. Hört sich am besten, wenn man leise schwitzend auf dem Rücken liegt und träge der Wanderung einer Fliege auf dem nackten Unterarm folgt, die ein kompliziertes Muster in die Härchen schlägt.
Ich baue mir jetzt ein Kopfkissen aus einem Stapel Kühlakkus, hülle mich in ein Fächerkleid und mache regelmäßig Trinkpause („hydration breaks“), dem mot de saison.
>>> Geräusch des Tages: Reiko Kudo, Lily

Dienstag, 24. März 2026

Als Kind hatte ich mal einen Magneten verschluckt, und das war zwar Physik, aber gleichzeitig eine unschöne Sache. Ich durfte nicht mehr in die Küche, weil dann die Besteckschublade aufsprang und mir Messer und Gabel und auch die kleinen Löffel, die man für den Nachtisch benutzt, entgegenflogen. Ich durfte zudem auch nicht Fernsehen, weil die Magnetwellen das Fernsehbild verzerrten, und zwar so, dass mein Vater Angst hatte, dass das Bild so bliebe (wie beim mutwilligen Schielen), bis man die Bildröhre wieder mit einer Spule entmagnetisiert habe. Einen Vorgang, den man nicht beliebig oft wiederholen konnte (austherapiert). Der hinzugezogene Arzt, ein älterer, unangenehmer Mann mit möglicherweise finsterer Vergangenheit, gesichert aber kühlhausempathischer Wesensart, meinte, nachdem er mir einen hölzernen Spatel tief in den Mund gerammt hatte (immerhin keinen aus Metall), „was reinkommt, kommt auch wieder raus“ (magisches System).
Und tatsächlich, der Magnet zerbrach wohl in viele kleinste Teile; so gingen wohl nach und nach und das auch völlig unbemerkt alle Partikel „ab“, wie man in Fachkreisen sagt, und glücklicherweise, man muss auch solche Details festhalten, hatten wir keine Toilettenschüssel aus Metall.
Magnetisch bin ich seither nur noch für eines: Pech aller Art. Erst passiert dies, und dann kommt auch noch das dazu. „Beim Versuch, sich mit dem Rücken an einer Wand abzufangen, rutschte die Person mutmaßlich unglücklich seitlich zu Boden, so dass in der Folge eine Verdrehung des rechten Knies“ eintrat (Polizeibericht). Seither bin ich beim Ballett (Timothée Ch. spitzt gerade die Ohren) nur noch als Kapitän Ahab besetzbar. An meinem Auftritt dabei muss ich allerdings noch arbeiten. Schmerz (Knie) und Schschsch (zusammengebissene Zähne) sind nun meine treuen Begleiter, ich würde sagen, wir sind per Du und vielleicht sogar Freunde. Glücklich, wer so etwas hat in diesen auch menschlich verhärteten Zeiten. Ich humple derweil pechverfolgt herum, verwünsche Wale und starken Seegang, verschiebe vage angedachte Termine in eine noch vagere Zukunft, kühle, salbe und lege das Bein hoch vor dem (entmagnetisierten) Fernsehgerät.
Gerne sehe ich ja, manche erinnern sich, die Sendung „Wunderschön“ mit Reisejournalistin Tamina Kallert. Sonntagabends führt sie Zuschauer an interessante Ferienziele, macht allerlei wagemutige und manchmal auch gewagte (Sauna in Norwegen) Sachen, Paragliding, Turmspringen usw. und ist insgesamt so freundlich, begeisterungsfähig und interessiert, dass es mir beim Zusehen eine Freude ist. Ich bin sicher, die würde mir nicht sagen, dass ich und mein kaputtes Knie ihr nur ein Klotz am Bein seien. Im Gegenteil, sie wäre optimistisch und einladend: ach was, das machen wir schon, das kriegen wir hin, Knie hin oder her, wir machen eine tolle Reise und erleben gemeinsam was. Sollte sie mich mal einladen. Sie hat den Dreh auch selber raus: Denn jetzt am Sonntag war sie auf Zeeland und musste sich bei sportlichen Aktivitäten und Turmtreppensteigen zurückhalten, weil haltet euch fest wie sie an ihrer Orthese – sie hat wie ich ihr Knie verdreht!
Mir schossen die Tränen ein vor so viel unvermuteter Gemeinsamkeit. Ich bin nicht allein. Ich habe Compañeros, Menschen, die mich VERSTEHEN. Nimm mich mit, Tamina!, rufe ich. Und ich bin überzeugt, am Ende der Sendung zwinkerte sie mir heimlich zu.
>>> Geräusch des Tages: Die Braut haut ins Auge, Ist sie ein Magnet?

Montag, 9. März 2026
Manchmal denke ich, morgendlich erwacht: Was, wenn der Himmel Haare hätte wie eine ungekämmte Männerbrust?
Wie eine Tageslosung knete ich diesen Gedanken durch die folgenden Stunden, versuche, die Welt ganz neu zu denken, haariger, brustiger, suche Muster und Analogien und Beweise für einen Riss in der Realität, der solche Bilder überhaupt erst zulässt.
Romantisch an einem Gestade auf dem Rücken liegen, Sätze wie "Sieh die schönen Wolken am Himmel!" kommentieren mit "Ja, wie eine haarige Männerbrust" als unwillkommenen, mindergeschätzten Gesprächseinstieg aus Unterbrechungen und Zurückweisungen empörter Art.
Das ist natürlich nur eine Metapher für etwas Verhangenes, das noch mal anders formuliert sein will. In Wahrheit sind ganz andere Sachen passiert. Doch dazu mehr an einem anderen Tag.
