Sonntag, 7. Februar 2016


Mal Licht im Keller!



Hier und da, das wird einige jetzt nicht sonderlich überraschen, bin ich ja so richtig doof. Also nicht, wenn es um Dinge wie kalte Fusion, dekompressive Kraniotomie oder anlaßlose Religionsstiftung geht. Soziale Problemstellungen aus dem zwischenmenschlichen Bereich aber, die über einfache Transaktionen an der Supermarktkasse hinausgehen (steuerlich betrachtet also eine simple Einnahmen/Ausgaben-Überschußrechnung, Anlage EAÜ), verstünde selbst ein Dr. Dr. Sheldon Cooper besser als ich.

Da ich selbst wiederum ein gutes und sogar immer mal wieder ungebrochenes Verhältnis zu mir selber habe, nenne ich es lieber nachsichtig naiv, so als könne man das Problem dadurch lösen, striche ich mir selbst liebevoll übers Haar und kniffe mir kurz in die Wange dabei. Die Tage, als ich den Haushalt mehr und mehr auf LED-Leuchten im "Glühbirnen"-Look (es gibt sogar nostalgische Edisonlampen in LED-Technik für die Industrial-chic-Fans unter uns) umstellte - eine banale Beschäftigung sicherlich in Zeiten, in denen Fußballvereine um ihre Klassenzugehörigkeit bangen müssen - ging mir ganz buchstäblich ein Licht auf, das mir die eigene Blödheit an die wenigen freien Wände hier im Haus projizierte. [Aufbl. schallendes Gelächter aus der Konserve] "Denn siehe: Erst bist du verblendet, dann blendet dich das Licht der Erkenntnis." [1. Vers, 17]

Die Ursache ist im Spiegel rasch erkannt. Vor einiger Zeit ging eines meiner geheimen Geheimexperimente fürchterlich schief, und ich habe seither den Eindruck als mieden mich die Menschen. Sie erfinden Ausreden, das spüre ich deutlich, ohne einen meiner Fühler genau in die Wunde legen zu können. Sie haben plötzlich Termine, beim Arzt, beim Steuerberater oder zur Ummeldung beim Ortsamt. Manchmal begreife ich es auch nicht gleich, sondern erst Monate später, wenn plötzlich wie aus den offenbar zeitelastischen Kalendern anderer Leute Erkenntnisse und Zusammenhänge schlüpfen, einem Insektenkokon gleich, aus dem dann doch kein Schmetterling wird. Das soll aber auch ein Fliegenhirn verstehen, denke ich. Das ist doch viel zu komplex, auf eine ungesunde, hirnzellenmarternde Weise. Wenn ich wenigstens Flügel hätte, aber nein, wie mit Honig verklebten Gliedern torkel ich mühsam durch endlose, leere Räume, durch die LED-weiß erleuchteten Gänge eines mitleidlosen Finanzamts und vorbei an wehenden Vorhängen. Ausgestoßen! Wie heißt es im Lied: "Ninety-six tears in ninety-six eyes." Ein Fiebertraum im Kabinett des Dr. Kid!

Jetzt also Warten auf den Aschermittwoch, danach Fastenzeit, bloß um später wie frisch entgiftet, schlackebefreit und auch endlich mal geduscht den Frühling zu neuen Experimenten im Geheimlabor unterm Maibaum zu begrüßen. Ach, nicht mehr Fliege - Dodo Vogel will ich sein!

>>> Geräusch des Tages: The Cramps, Human Fly


 


Samstag, 9. Januar 2016


Abgründe des Herzens



Ab und an, eine innere Stimme redet mir zu, ob gut oder böse gemeint, man weiß es ja nicht, versuche ich es mit Kontaktanbahnung auf einer näheren, durchaus auch persönlich gemeinten Ebene. Dabei habe ich allerdings immer wieder mal Körbe erhalten, die ich immerhin, das ist die andere Seite, denn jedes Phänomen hat bekanntlich zwei davon, ganz prima zur Aufbewahrung von Zwiebeln, Kartoffeln und Altpapier benutzen kann. Insofern ist nichts vergebens oder ohne Nutzen auf dieser Welt. Andererseits denke ich, ebenfalls ab und an, Single - das ist doch auch immer nur dasselbe Lied, so eine B-Seite, eine jedes Ding hat doch wohl zwei Seiten, wäre schön.

Nun sind meine Strategien einerseits sehr ausgefuchst. Da zeige ich meine tierliebe Seite (mehr. Bildbände ü. taxidermische Kunst vorh.) oder mein von unlauteren Trieben befreites viels. Interesse an geistigen Gesprächen (mehr. Bildbände ü. Sektionspräparate vorh.) - allein, gebracht hat es außer kritischer Aufmerksamkeit nichts. Manchmal auch einen Lacher, so als habe ich einen guten Witz gemacht.

Dann höre ich seit einiger Zeit konkrete Musik. Konkrete Musik ist sehr anspruchsvoll, auch wenn es sich mitunter anhört, als stimme dort jemand sein Kurzwellenradio ab oder säße im Inneren eines Staubsaugers. Das ist komplex und läßt mich ebenso erscheinen und - wie Polizist Dietmar Schäffer sagen würde - "Ist auch wichtig!" Ich sitze dann, höre also aufmerksam meine Schallplatte mit elektronischem Gefiepe oder dissonanten Maschinengeräuschen, lasse alsbald meine Augen durch die gute Stube wandern, entdecke vielleicht einen Spinnweb (wirklich nur einen) oder einen einsamen, vertrockneten Krümel auf dem Teppich und denke, ich weiß nicht, wie ich ausgerechnet in diesem Moment darauf komme, Staubsaugen könnte ich ja auch mal.

Dann sauge ich ein wenig Staub, auch richtig bis in die Ecken rein und nicht die Abkürzung in der Runde, stelle die Saugkraft auch gleich mal etwas höher denn da läuft ja noch diese konkrete Musik damit es auch richtig sauber wird. Und dann bin ich - dank der konkreten Musik - im Anschluß sehr glückl.: Ernsth. Kunstinteresse und auch tatkräft. im Haush. Ich möchte das empfehlen, einerseits.

Andererseits macht konkrete Musik nicht sexy. Es ist so: Alles, was ich über Menschen weiß, habe ich aus Westermanns Monatsheften, von denen ich ein nicht wirklich aktuelles, aber doch sicher zeitloses Exemplar auf dem Flohmarkt erstanden habe. "Möchtest du mitkommen, Staubsaugermusik hören?" ist kein Sager, der gut und vor allem aufrichtig verstanden werden würde. Menschen ziehen einzelne Augenbrauen hoch, schauen auf ihr elektronisches Mitnahmegerät, seien ja noch irgendwo zum "Coffee-to-go" verabredet, leider, leider... es ist nicht einfach. Manchmal, dank Westermanns Monatshefte weiß ich, wie man sich benimmt und Freunde gewinnt, überrasche ich Menschen mit einem Strauß Blumen und meinem tragbaren Phonokoffer, um mit ihnen konkrete Musik zu hören. Ich habe natürlich keinen Beweis, Menschen reden - anders als eine gewisse Musik - häufig so unkonkret. Aber es scheint als seien diese Menschen nicht nur froh über mein Kommen.

Am Ende bleibt das Inserat. Um nicht allein mit meinen verwitterten verwitweten Gedanken zu bleiben, formuliere ich schlichte Herzenswünsche, verweise auf meine Expertise als preisgekrönter Foto Photograph mitunter kurvenreicher Landschaften und appelliere an die herzensg. und haushaltsnahen Wünsche junggebliebener, unbemalter Nichtraucherinnen. Wie ein guter Geist könnte ich "Sie" nebengedankenfrei und modern mit meinem Staubsauger umwienern. Ganz konkret zu guter Musik. Ganz herzl.

>>> Geräusch des Tages: Rune Lindblad, Thermonuklearreaktion


 


Freitag, 1. Januar 2016


Fast Forward



Weiterhin gehe ich die Dinge ja strukturiert naiv an, nein, ich gebe es zu: unfreiwillig naiv. Das führte 2015 dazu, daß ich Antworten auf Fragen erhielt, die ich gar nicht gestellt hatte. Während andere Dinge, die im letzten Jahr zu klären ich mir vorgenommen hatte, immer noch im Unentschieden schweben. Kann ich machen, kann ich auch lassen, kann ich vielleicht anders machen, kann man mal sehen. Die unerwarteten Antworten andererseits erfüllten am Ende dann auch einen Zweck. Schaut man also ab und an über die Schulter, weiß man einfach mehr, auch wenn es nicht so angenehm ist.

Diese Ermittlungsmethode habe ich gleich auf das Silvesterfeuerwerk angewandt. Nachts, die Katzen sind grau, die Lichter aber nicht, mag das ja recht hübsch und recht hübsch aufgespreizt dazu daherkommen. Bei Tag jedoch sind auch alle Feuerkörper grau. Vorläufiges Motto leitet sich daraus ab: Milde lächeln, den Reisenden viel Glück wünschen, sich selbst in sicheren Gewässern halten und einfach auch mal akzeptieren. Wat fott es, es fott, wie es so schön im Rheinischen Katechismus heißt. Jeder jetzt seine eigene Trümmerfrau und was Neues gebaut, etwas anderes. Es müssen nicht immer gleich Kathedralen in den Himmel ragen.

Gesund bleiben, höre ich, sei erstes Gebot. Ein Jahreshoroskop in diesem Internet gibt mir den Tipp: "Eine Kampfsportart wäre ideal für Sie." Ich bin nicht sicher, ob ich schon so entspannt bin. Rudern, ruhig auch gegen den Strom, scheint mir weiterhin angebracht.


 


Mittwoch, 23. Dezember 2015


Abplatzende Lackspuren



Neues aus der Eremitage. So langsam geht es zu Ende, dieses ramponierte Jahr. Allerlei Korbgeflechte habe ich gesammelt, Absagen, manche amüsant, manche nicht so. Differenzen der Meinungsbildung und -vermittlung an vielerlei, nun ja, ich möchte den Begriff "Fronten" benutzen, Wenn man aus seinen Niederlagen lernt, dann habe ich 2015 das ein oder andere Examen bestanden. Vielleicht habe ich auch einfach deutlich an Substanz zurückgewonnen und das nicht nur im sogenanten Wampenbereich.

"Mach die Ente, laß es abperlen", höre ich es aus der Ahnengalerie mahnen. Freunde reden plötzlich irritierend dünkelhaft über meinen Broterwerb, so wie mit spitzen Fingern angefaßt. Nun arbeite ich ja zum Glück nicht in einem Bereich, von dem jemand erwartet, daß ich ihm oder ihr dort Türen für eine Karriere öffnen könnte. Devotes Anbiedern ist also völlig überflüssig und gar nicht erwünscht. Für Freunde der erhabenen Kultur ist das nachvollziehbar alles nichts, wenn ich Tag für Tag meine Präparate von links nach rechts schiebe, ein wenig daran herummale, den Staub mit dem Pinsel entferne und in eine schöne neue Form gebe. Gebrauchsarbeiten sind das. 2016, so die vorweihnachtliche Überraschung, werden die Karten eh neu gemischt und es ist dann Zeit für den Honigschein, eine kleine Imkerei in den unerschlossenen Wäldern von - ja wo eigentlich? "Salzwiesen in Norddeutschland!" ruft ein Kollege, derzeit ebenfalls mit der B-Planung beschäftigt.

"Wenn ich mal in Hengasch bin" wird der Titel meines nächsten Punkrockalbums lauten, das ich mit Jens Rachut aufnehmen will, so die Überlegeung. Der alte Haudegen hat nämlich in einer Folge bei "Mord mit Aussicht" mitgespielt, was ich gerade am heimischen Filmabspielgerät rekapituliuere. Am 28.12. zeigt die ARD den Kinofilm, eine launige Anspielung auf den Klassiker Rashomon, wenn man so will, für Nichtkenner der Serie vielleicht nicht ganz die Offenbarung, aber wirklich sehenswert. Wenn ich dann also mal in Hengasch bin, werde ich eine Scheibe einschlagen (Punkrock!) und mich von Sophie Haas erst verhaften und dann die ganze Nacht befragen lassen. Das Punkrockalbum danach heißt es übrigens "Wenn Muschi kocht" und hat noch viel mehr Hits.

Sophie Haas hegt ja auch einen gewissen Dünkel, gestrandet in der Provinz aus der gewissen Metropole Köln. Wie ihre Lebensträume nach und nach abhanden kamen, hat sie gar nicht realisiert, die gewisse Traurigkeit, die die Erzählung dieser Serie grundiert, rührt aber daher. Die Zeit vergeht darüber, und es bleibt die Frage nach der Zugehörigkeit. Das mag viele von uns beschäftigen, andere haben es nur noch nicht gemerkt.




Klare Schnitte sind manchmal notwendig, selbst im Kleinen. 2015 habe ich mich detailliert mit Mikroverschönerung im Heimbereich beschäftigt. Nach dem hilfreichen Motto, "geht es auch mit mir bergab, sollen wenigstens die Vorhänge gut sitzen". Versteht natürlich keiner, wenn man plötzlich über Tischporzellan nachdenkt oder Orchideenzucht oder die richtige Wahl der Küchenmesser. Schöne Schuhe sind auch immer ein gewisses schönes Thema, machen einen schlanken Fuß und ein ebensolches Portemonnaie. Jedenfalls, Marottensammler aufgepaßt, mußte ich mich aus ebensolchen heimhygienischen Überlegungen von meiner Ausgabe der Kurzgeschichten Miranda Julys trennen, weil ich entdeckte, daß auf der hinteren Umschlagseite ein Zitat aus der Rezension eines Typen abgedruckt war, der mir, wenn auch nur privat, extrem zuwider ist. Dahinter steckt ein Zuviel an - ebenfalls privater - Information, und am Ende hat es mich, in einem gewissen Sinne natürlich nur, traurig gemacht. Also: Weg damit, neu, und sowieso lieber die Originalausgabe, die auch von der Aufmachung perfekt zu Miranda Julys Roman paßt. Wie heißt es so schön in meinem preisgekrönten Debütroman Auslösung der Höhenkontrolle? "Wie bei den Küchenmessern habe ich es gerne einheitlich, diese zusammengeclutterten Studententage sind nun wirklich vorbei."

Sollte jemand noch ein Weihnachtsgeschenk für mich suchen, ich hätte wirklich gerne diese Pilzlampen von Yukio Takano. Ich mag keine Pilze, die mir im Munde zerfallen wie modrige Wörter, aber diese Lampen berühren mein Herz.


 


Montag, 16. November 2015


Adrift



Es sind schon ein paar Minuten nach 12. Es bleiben einige wenige wertvolle Momente, Erinnerungen, kleine Dinge, die man festhält. Das Schweigen für wenigstens eine Minute. Die Traumpfade der eigenen Mythologie nachgehen, am Ende sagen, es ist schon gut, wie es ist. Jeder hält sich an sich selber fest.

In 20000 Days on Earth gibt es eine gruselige Szene, in der Nick Cave bei seinem Therapeuten erzählt, wie er als Kind gefährliche Abenteuer in Australien erlebt hat, vor dem heranrauschenden Zug von einer Brücke in den Fluß gesprungen sei. Und wie er es bedauere, daß seinen eigenen Kinder solche Abenteuer heutzutage verwehrt blieben. Und wie er an einer anderen Stelle erwähnt, daß sich Geschichten und das Leben nur im Nachhinein erschließen. So wie das schockierende Schicksal eines seiner Söhne, das er damals ja nicht erahnen konnte.

Was wir brauchen für das Ende der Welt ist ein Überlebenskit. Selbsterhaltende, autonome Systeme, das vorweggenommene Leben an einer Maschine.

Ende Oktober 2007, das ist meine allernächste Verbindung dazu, wollte ich ein Konzert besuchen im Pariser Bataclan. Es war aber schon ausverkauft und dann unternahm ich nicht einmal diese Reise, wie ich so vieles nicht unternommen hatte in diesem Jahr, weil mir einiges klar wurde, anderes aber ums Verrecken nicht. Wie man durch die eine Tür geht, nicht aber durch die andere und nie weiß, welche Bedeutung es hat.

So wie das Mädchen, das aus Paris erzählte, daß sie nur deshalb überlebte, weil sie sich gerade mit ihrem Freund zerstritten hatte und schon einmal hereingegangen war, um die Rechnung zu bezahlen, als draußen die Gäste beschossen wurden. So muß denn jeder Schritt, jede Entscheidung als richtig betrachtet werden.

Wenn sonst nichts weiter geschieht. Wenn man die Geschichte erzählen kann.


 


Donnerstag, 24. September 2015


Urlaub #I



Endlich Herbst! Dunkle Wolken senken den hochmütigen Menschen wieder das Haupt, Schwermut und Demut schlurfen wie graue Geschwister mit ihren Decken zum nunmehr verlassenen Freibad. Drücken zögernd die Klinke des verschlossenen Tores. Verhallt, verhallt die Schreie und Juchzer der Kinder, die bunten Bälle, alle verweht. Endlich Herbst, sage ich, die Mühsal der sommrigen Urlaubstage vergessend, durchatmen in schöneren Kleidern, kein Schweiß, kein Speiseeis klebt auf meiner Brust. Sommerfähnchen hängen längst in den Schränken, Wespen zucken klamm in dichter gewebten Netzen fetterer Spinnen.



Könnte ich wählen, ich wäre ein Urlaub in Deauville, trüge mit nach innen gekehrter freudiger Empfindsamkeit meinen neuen Strandanzug und genösse kühlere Gischt und die ehrliche Ruhe der Nachsaison. Die Fotografin Kourtney Roy hat das für mich als stilles Glück verfilmt, eine Stimmung zum Mitnehmen, eine Heimat für schön schwere Gedanken, fern von goldenem Flitter und verlogenen Versprechen. Die Hitze zu kosmischem Staub verfallen, wie eine Blase verschrumpelt, als Nachhall nur noch wie giftiger Auswurf einer fernen Explosion. Tiefer atmen jetzt mit volleren Nüstern: Auf Ernte folgt Moder, ein Ende. Wenigstens Wahrheit.


 


Donnerstag, 3. September 2015


Na also, so geht es doch auch



Das war heute nach einer Reihe sehr unschöner Tage (also mental, aber auch von der Laune her) eine freudige Überraschung im Briefkasten. Die junge, charmante Nachbarin von ganz unten sah wohl Grund für mittlere Zerknirschtheit, ich aber von ganz oben eigentlich keine Ursache. Gehört habe ich jedenfalls nichts. (Das ist im Leuchtturm gut verteilt, die jungen Leute könnten hier oben ja auch die Lichter und Linsensysteme zur Orientierung für die Motorboote gar nicht bedienen. Nicht, weil sie dafür mental oder vom Kopf her nicht geeignet wären, sondern weil es dafür keine App gibt. Das läuft alles mit Hebeln und Rädern und Zugseilen und natürlich einem schlichten Baumwolllappen, mit dem ich den Spiegel... jedenfalls bekomme ich hier oben schon einiges mit, aber doch nicht alles.)

Zuletzt aber gab es doch Grund zur Klage, ein munteres Kommen, Gehen und Benehmen jüngerer Leute, die den Stadtteil hier entdecken und noch keinen Einführungskurs bei mir belegt haben. Da wird Müll im Treppenhaus abgestellt, Mädchenbierflaschen (voll, aber geöffnet, am 21.8.2015), To-Go-Becher (leergetrunken, am 15.7.2015), sogar ein Monoblock-Stuhl (pottenhäßlich von Haus aus, dazu noch versifft, am 25.8.2015) und so weiter - nicht, daß es mich großartig oder näher interessieren würde.

Ist halt so, höre ich immer wieder. Auch diese nächtlichen Geräusche, schlimme Musik darunter oder Möbelrücken (als Kid "Sherlock" 37 identifizierte ich es schließlich als Modell "Beddinge Lövås" eines sehr, sehr großen schwedischen, aber ansonsten ungenannt bleiben sollenden Möbelanbieters) müsse man ja auch mal tolerieren können. So jedenfalls schalt mich eine junge Dame, die selbst in einer sehr, sehr großen, hier aber ansonsten ungenannt bleiben sollenden Stadt in Deutschland lebt. "Toleranz!" sei das Zauberwort und Erinnerung an die eigene Jugend, während ich erneut diese nun objektiv wirklich schlimme und zudem wochenendferne Musikdarbietung zu mitternächtlichen Stunde beklagte und über den Begriff "Rücksichtnahme" sinnierte. Da war ich aber bereits wie von der Spitze meines Leuchtturms gefallen, also quasi unten durch. "Ick mach jetze ooch Musike und zwar laut!" grimmte es mir - glücklicherweise nur telefonisch - aus der hier anonym bleiben sollenden Stadt entgegen, und ich dachte, bißchen kindisch jetze gut, dann wird es wohl an mir liegen (gelernt ist gelernt).

Nun gibt es sie aber noch, die guten Dinge. Erst sprachen mich junge Nachbarn an, ob ich auch diesen Lärm in letzter Zeit mitbekommen hätte, worauf ich schallend lachen mußte und sagte, bitte nicht falsch verstehen, aber das freue mich sehr, daß sie so genervt seien. Denn wie meistens im Leben geht es doch nur darum, verstanden zu werden. Ich hingegen, schob ich ausgebufft und quasi großstädtisch hinterher, hätte selbstverständlich das Motto: "Leben und leben lassen!" (Da schauten die aber!)

Und nun diese rührende, buchstäblich herzige Geste der Entschuldigung, Einsicht, Rücksichtnahme und - jawohl! - Toleranz. Man möchte gleich eine knallelaute Party mit dieser Nachbarin all den Nachbarn machen. Mit Musik sogar! Ich such' aus! Nächste Woche übe ich mit den jungen Leuten "Mülltrennung" - es wird der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.


 


Sonntag, 3. Mai 2015


Mairegen



Was waren das Zeiten, als man mit Walpurgis und ihren sechs Schwestern auf dem Blocksberg getanzt hat. Heutzutage, da im ganzen fruchtbaren Elbenland kaum noch Jungfern zu finden sind, bleibt so mancher stolze Maibaum unumwunden, flattern keine Kleidchen und bunte Bänder mehr im milden Wind des Frühjahrs. Zudem komme ich jetzt in das Alter, wo das Schleppen oder Stehlen strammer Maibäume ein wenig anstrengend geworden ist, so von der Kraft her und vom Rücken. Da begnüge ich grau gewordener alter Pan mich doch damit, heimlich durchs Laub zu lüschern und den jungen Hexen bei ihrem frivolen Hexenwerk mit gleichzeitig friedlichem und erinnerungsgetränkten Lächeln zuzuschauen. Rik Garett hat's fotografiert und im Buch Earth Magic für alle Daheimgebliebenen dokumentiert. So war es, und ich schwöre das.

Daheim dann Hausschäden, beim Versuch, alles neu zu machen wie so ein Mai. Emailleplatzer, eine kaputte Werkzeugkiste, verschwundenes Reperaturzubehör für meine Fahrradgriffe, eine der Kameras hat einen leichten Defekt. Kommt eins zum anderen. Bei meinem neuen Indie-Kinohit An Ant Walks Home Alone at Daylight habe ich - wie so'n Anfänger! - vergessen, die Schärfe nachzuziehen. Auslandsoscar ade! Erst das mit der Fußballkarriere, dann kein Rockstar geworden, jetzt die Filmkarriere im Eimer. Na ja, bleiben mir immer noch meine unterirdischen Kockkünste. Da könnte ich endlich Wirt werden und ein Restaurant eröffnen: Zum zähen Schnitzl. Jetzt schon Kult. Abends spiele ich für die Gäste auf dem Akkordeon. Kann ich nämlich auch nicht.


 


Mittwoch, 22. April 2015


Folge leisten



Höflichkeit und Sozialverhalten hätten nachgelassen, lese ich in einer Umfrage, und dem stimmten sogar ein gutes Drittel junger Leute unter 30 zu. Nicht, daß jemand auch nur ansatzweise meint, nur alte Grantler ergingen sich in die ewig wiederkehrende Klage vom Verfall der guten Sitten bei der Jugend. Ich nun wieder, als langjähriger erfolgreicher Leistungsträger im internationalen Sportgranteln (mehrere Abzeichen und Medaillen), beobachte diese Zustände quer durch alle Altersgruppen, klage aber nicht, weil Menschen, die wohl selbst im Sittenbinnenland der Bionadetrinker wohnen, mir bedeuten, so schlimm sei das alles nicht.

Umfragen jedoch können nicht lügen und haben Falschfrisierte, Füßeaufdensitzsteller und Garderobierenanweisungsmißachter präzise entlarvt.

Mit Schuhen, die von mir gestaltet geputzt wurden, wandere ich in fremden Straßen herum, fesch frisiert wie ein Marabu und offen für meinetwegen auch unfrisierte Momente und denke mir dabei die ein oder andere Locke auf dem Kopf. Seit einem unkomplizierten Schadensfall mit meinem alten Fön nämlich besitze ich ein neues Haartrocknungsgerät, das Ionisieren kann. Man merkt das nicht sofort, erst wenn die Haare abstehen wie bei einer Comicfigur. Oder wie bei Bob, allerdings ohne diesen Cabriodach-Effekt. Mal schauen. Da war Zubehör dabei, das mir nichts sagt, und vielleicht auch ganz anders eingesetzt wird. So wie früher diese Massagestäbe im Versandhauskatalog, die gerüchteweise nicht wirklich zum Ionisieren an die Wange gehalten werden wie auf den Fotos, sondern sozusagen zum recht eigentlichen, Achtung schlecht zurechtfrisiertes Wortspiel, Yonisieren. Das aber nur dazu und als Test, ob bis hierhin noch jemand mitgelesen hat.

Nach einer kurzen Werbepause, in der ich mir folgerichtig den Mund mit Seife ausgewaschen habe, zurück zum Text. Ich selbst kreide mir Albrigkeiten jeglicher Art am unnachgiebigsten an, man muß sich das als irrlichternden Erschöpfungszustand vorstellen, bei dem man schlußendlich auf andere Menschen hören und Folge leisten sollte. Ich merke nämlich, daß ich mich fühle wie ein von der Achterbahn geschleuderter Hirnforscher, über den der Hamburger Till Nowak diese wirklich ganz wunderbare und verblüffende Wissenschaftsdoku gedreht hat. Sechseinhalb Minuten, die euch zeigen, daß ihr von Achterbahnen im Leben aber nur wenig wißt.

Ging mir früher auch so, weil alles so unaufgeräumt zentrifugiert war und nicht so hübsch übersichtlich arrangiert wie jetzt.


 


Donnerstag, 16. April 2015


Do not ouch!



Vielleicht hätte ich mir mal ein paar Beiträge auf Vorrat speichern sollen, für zehn Wochen wenigstens. Dann hielte hier mein unauffindbares Selbst nicht so lange Schweigepausen wider die Natur. Denn privat, die zwei Menschen, die mich kennen, werden das leider bestätigen müssen, bin ich ja ein perlender Quell banalster Geschichten. Weshalb ich die besser wieder hier hineinschreibe. Sonst wackelt dann und wann ein grüner Hase mißbilligend mit den Ohren.

Mein Fahrrad bewegt sich auch schon wieder, wenn auch nicht von selbst. Änderungen entlang der Fahrtstrecke sind zu verzeichnen: Baugruben, Verkäufe kleiner Häuser, für die ich mich auch schon mal interessiert hatte, ehe ich mich dauerhaft in meinen wohltemperierten Leuchtturm sperrte. Dort stapeln sich die letzten Neuerwerbungen obskurer Bildbände zuletzt so hoch, daß dann und wann ein grüner Hase mißbilligend mit den Ohren wackelt.

Bei so einem Leben geht man besser nur auf Socken weiter. Die gute Frau Sorge, spricht mir aufs Telefon, Befunde in der Hand, und wackelt gleich mit dem ganzen Kopf. Immerhin nicht mißbilligend. Derweil weitere disseminierende Anwürfe verbockter Menschen aus Lautwerder, die in meinem Leben herumstehen. Keine Zeit für Gerede, zumal dem anderer Leute. Über dich redet man auch, denke ich. Interessiert mich auch nicht. Da wackelt höchstens dann und wann ein grüner Hase mit den Ohren.

Mittags bei den netten Bäckereifachverkäuferinnen derweil ganz andere Ver- und Zerstreuungen. Streuselschnecken, Streuselkuchen, Straußwirtschaft lautet die Steigerungsform pausenbrotlicher Vergnügungen. Ein kleiner Schwatz, der Rest "wie immer", der kleine grüne Hase wartet währenddessen draußen am Kai, ißt eine Banane und läßt dann und wann die Ohren im Wind wackeln.

Man kann aber auch bei bester Vorbereitung nicht jedes Mißgeschick verhindern. Das Leben bleibt ein Niagarafall: In 2003, Kirk Jones, a forty-year-old unemployed man from Michigan, became the first person to survive going over the Falls without any safety device at all, effectively ending the era of barrel riding. [...] Jones steeled himself with two liters of vodka and orange and floated towards the crest of the Falls on his back. He had, according to one witness, a smile on his face, and went over the roaring cascade headfirst. His brother was with him and was supposed to videotape it, but the battery died. [Christopher Turner, "Extraordinary Voyages". In: Cabinet, Nr. 19: Chance. New York, 2005. S. 36.]

Da wackelt so ein grüner Hase dann und wann mißbilligend mit den Ohren.