Samstag, 31. Oktober 2020


Present Day



Neulich hatte Bill Gates (65) Geburtstag, am selben Tag aber auch Annette Humpe (70), und ich hätte mit einer gewissen Selbstsicherheit gewettet, daß deren Lebensalter genau umgekehrt zutreffen würden. So kann man sich täuschen. Bill Gates hat einiges erfunden, ideal ist da von wenig, aber seit Jahrzehnten Standard, Frau Humpe indes hat vor Jahrzehnten Ideal erfunden, sich dann aber klanglich neu orientiert.

Frau Patti Smith (73) hat sich klanglich auch neu orientiert und in den letzten Jahren gemeinsam mit dem Soundwalk Collective ein paar Alben aufgenommen. Heraus kamen meditative Klangteppiche aus Sufi-Orchester, Elektrobeats, Field-Recordings und Ambientklängen. Auf Killer Road, ein Tribut an Nico, wirkt Sohn John Paris Smith mit, bei Mummer Love ist es Philip Glass, auf Peradam ist Charlotte Gainsbourg zu hören. Musikalisch unterschiedlich, werden alle getragen durch die Smiths spoken words, lyrische Texte über (Seelen-)Landschaften, Rimbauds Urinal oder getötete Ratten. Zu loben ist die Aufmachung der Alben als Pappfolder mit kleinen Booklets mit Interviews und Grafiken. (Wenn doch alle CDs so wären!)




Ich mache auch Field-Recordings, mehr noch aber sammle ich gute Kunst zur gefälligen Betrachtung, aber auch emotionalen Anregung und inneren Bildung. Wie zum Beispiel vom Düsseldorfer Großkünstler Eric von Jordan, vielen hier noch durch sein Blog Prieditis bekannt. Oder aber von der Berliner Großkünstlerin Frau Gaga, ebenfalls vielen hier durch ihr Blog bekannt. Ich kenne einfach unglaublich viele bekannte Leute!




Kommen wir zum Herbst und zur Zukunft. Den wunderbaren Naturführer, den ich für meine Erforschung der inneren und äußeren Wälder brauche, schlug ich spontan auf der Seite mit meinem Lieblingspilz, dem Fliegenpilz (Amanita muscaria, aber das haben die Lateiner unter euch sich ja bereits gedacht) auf: "rot, knallrot, giftig, hochgiftig, wunderschön, halluzinogen, ungenießbar, gepunktet" stehen da als Stichworte über das Gewächs, von dem Biologen ja nicht wissen, ist es Mensch oder Tier oder doch eine Pflanze. "Hochgiftig und wunderschön" sind jedenfalls Attribute, die einem gut zu Gesicht stehen, nimmt man statt "gepunktet" noch "geringelt" dazu... man könnte Karriere im Esoterik-TV mit den ganz, ganz zauberhaften Tarotkarten von Edward Gorey machen. Jeder Anruf nur 50 Cts., und ich versuche mich in Sachen "Zukunft" und "hat das alles noch Sinn?"

Die Antwort lautet bekanntlich stets: In fünf, sechs Monaten, halten sie durch, alles Gute, vielen Dank. Bis dahin: immer weitermachen.

>>> Geräusch des Tages: Soundwalk Collective with Patti Smith, Peradam


 


Samstag, 3. Oktober 2020


Herbstlese



Auf der kleinen Radtour heute bei einheitlich angenehmen Wetter fuhr ich an einigen Abschlußgrillveranstaltungen vorbei, Duft in der Luft, es wurde noch mal auf Rasen getobt, über Wege spaziert, letzte Obstbeute gemacht. Für die herbstliche Jahreszeit habe ich mir unterdessen eine kleine Leselampe gebastelt, um darunter schwermütige Literatur oder aber fantastische Zeitschriften zu lesen. Denn bald heißt es, in Grobstrickware hinter Schmökern sitzen, dazu Knisterfeuer auf DVD und virtuelle Hirtenhunde zu den Füßen.

Ich könnte in meinem Debütroman Ein Bummelstudent der Liebe lesen. Dort schreibe ich mit heiterem Unterton über die Geschichte eines jungen Mannes, der irgendwann um die Jahrtausendwende in den Trümmern seines Lebens in einer fremden Wohnung sitzt, und im Radio läuft Bernadette Hengsts "Der beste Augenblick in deinem Leben" ("Ist gerade jetzt gewesen"). Und das ist erst der Grundakkord. Schon während der Lektüre verfärben sich die Blätter des Buches und fallen einem Kastanien auf den Kopf.



"Im Rheinland lebt man erst, wenn es nebel und näßt", heißt es bei den Fehlfarben. Die wissen eben wie man Lebensfreude macht. Mein Lampenverkauf wird Licht in die Welt und Geld in meine Kasse bringen. Derweil habe ich einen Job als Parkplatzwächter angenommen. Viel frische Luft, interessante Gespräche, Leitungsfunktion ("Hier können Sie nicht stehenbleiben!"), ein bequemer Arbeitsplatz. Noch ohne Leselampe, aber man muß da immer nach vorne schauen.


 


Dienstag, 15. September 2020


Sei kein Bürohund, sei ein Pinguin!



Ich bin ja wie eine Zikade. Eine Bloggerzikade. 17 Jahre Sieben Tage lungere ich im Boden rum und entwickle und dann haue ich einen Blogbeitrag raus. Die letzten beiden Wochen jedoch waren so eine gemischte Tüte an Impressionen und Impressarios, daß ich erstmal in Ruhe meine Flügelchen putzte und die Brille geraderückte, um alles nach einem System in fest zugeordnete Behälter zu sortieren.

Hin und wieder sind ja Menschen an mir oder meiner Arbeitskraft interessiert oder behaupten dies. Bis ich dann frage, was denn mit meinem Büropinguin sei und ob ich den mitbringen dürfe. Man melde sich - je.des.mal. Dabei ist der freundlich, gut für die Stimmung und überhaupt nie nachlässig gekleidet.

Ich bin selten überrascht, ich wittere die Reaktion der Gegenseite wie einen fischparfümierten Pinguin gegen den Wind, gebe aber natürlich jedem seine Chance, sich charakterlich zu präsentieren.



Derzeit zieht ja der für Ahner und Astrologen bedeutsame Überraschungsplanet Uranus durch die Häuser. Bei mir ist es "Kontakt und Kommunikation", so daß mich am heißesten Tag des Spätsommers überraschend Skigebietstouristikpost aus Österreich ereilt. Eine Depeche mit dickvermummelten Leuten oben auf der Alm bei Serfaus-Fiss-Ladis aus Tirol. Eine willkommene Abkühlung hier unterm heißen Zinkdach des Leuchtturms. Gerade muß ich für die kommende Herbstsaison Regenhauben aus Fischleder probieren. Ein fantastisches Material, sehr beständig, elastisch und wasserabweisend. Aber selten und teuer. Meine Haube wurde aus Haileder gefertigt, denn der Hai ist mein neues Krafttier fürs Berufsleben. "Verhandeln wie Mackie Messer" habe ich jetzt als Fortbildungsseminar gebucht, nachdem ich für meine bisherige Taktik der soft persuasion ausgelacht wurde.

Auch ich werde trotz all meiner Forschungen in meinem geheimen Geheimlabor wissenschaftsadversiverweise nicht jünger und könnte so etwas wie eine Gleitsichtbrille verwenden. Brille runter, Brille rauf, dann fällt sie zu Boden, ich muß die Augen zukneifen - das ist alles nicht mehr kommod, wie man auf einer österreichischen Skipiste sagen würde. Mit Gleitsicht haben aber viele Probleme, ich werde daher jetzt dieses oben abgebildete Modell tragen, bei dem man je nach Bedarf die Gläser tauschen kann. Eine fantastische Erfindung. Genius. Habe mir bereits Röntgengläser bestellt, denn bei Vorträgen soll man sich sein Gegenüber ja immer nackt vorstellen, um sich nicht einschüchtern zu lassen. Die Technik ist mir grundsätzlich bekannt, habe die aber bislang immer nur selektiv angewendet. Die Röntgenbrille wird mir nun helfen, Personen ohne Ansehen der Person zu durchleuchten.


 


Freitag, 21. August 2020


Japsend vor Hitze


"Mond, der sich abends im Teich spiegelt". (Privatsammlung, 1000,- Mark)

Morgen noch, dann ist es wohl endlich, endlich, endlich mit dieser gehirnverflüssigenden Hitze vorbei. Ich kann dann mit einem in Tinte getränkten, angespitzten Bambusstäbchen an meinem niedrigen Tisch sitzen und einen Businessplan skizzieren. Demnach werde ich Japanograph und Fotos über ferne Länder und ihre Kultur machen. Es gibt immer wieder Leute, die reisen da hin, wo man selbst vielleicht gerne wäre, und jammern dann doch nur rum. Ich jammer da nicht, sondern reise gar nicht erst und werde als Karl May der Fotografie einfach meine Linse nach innen halten. Weil ich ein sehr, sehr guter Requisitenbauer bin, ein stabiles Genie des Kulissenbaus quasi, fällt das alles weiter nicht auf. Mein erstes Foto über Japanreisen um die Jahrhundertwende heißt Mond, der sich abends in einem Teich spiegelt. Den Teich muß ich noch basteln, ein limitierter Abzug ist für 1000,- Mark zu haben.

Für einen Karton Tütenramensuppe war ich heute im Supermarkt, da lief erst eine junge Dame, anders als ihr breitschultriger Begleiter, nasenfrei herum. Als nächstes kreuzte ein Hipsterbengel mit Dutt an mir vorbei, der nur einen Bartschutz trug. Hier war dann mal eine Gelegenheit zur sanften Ermahnung. Ich mache mir dafür ja die von Max Sharam entwickelte "kill them with kindness"-Methode zu nutze. In diesem Kurzvideo zeigt sie, wie sie das in New York (das ist eine große Stadt in den USA) mit Autofahrern macht, die ihren Motor grundlos laufen lassen. Drei kleine Gesten, ein Aha!-Erlebnis - "and they'll love you for it!"

Diese so genial durchdachte, wie achtsam durchgeführte Übung habe ich für Maskenmuffel adaptiert. Ich errege ihre Aufmerksamkeit, deute auf die Maske, tippe mir an die Nase und mache dann mit Daumen und Zeigefinger eine hochziehende Bewegung. Manchmal braucht es eine Wiederholung, weil sie es beim ersten Mal nicht verstanden haben (wäre diese Leute schlau, würden sie die Maske ja von vorneherein richtig tragen). Aber dann geht ihnen ein Licht auf, und was soll ich sagen: They love me for it!, weil ich ihnen geholfen habe, sich so viel besser und nice zu fühlen.

Jetzt hat sich der Abend hereingesenkt. Ich warte auf ein wenig kühlen Wind, der durch meine Zedernwohnung streicht und studiere die Reflektionen auf dem Wasser, um einen sehr schönen Teich zu bauen.


 


Montag, 17. August 2020


I Squid You Not



"I squid you not" ist der Arbeitstitel für einen Podcast, über dessen Konzept ich gerade, sehr ergebnisoffen allerdings, nachdenke. Ich mag überhaupt keine "Podcasts", ich höre aber gerne Wortbeiträge im Radio. Hörspiele, Klangkunst, Features, Reiseberichte. Das heißt heute aber, wo ja bald auch UKW abgeschafft wird, das Ende des Radios also eingeläutet wird, nicht zuletzt von den Sendern selbst, die das Ende von FM ganz berauschend finden, weil sie glauben, daß sich dann alle digitale Radios für ein digitales Sonderformat kaufen, während ich schätze, daß sich die Leute dann, wenn sie sich schon was Neues kaufen, dann gleich Webradios nehmen, um auch 5 Millionen weitere "Sender" hören zu können. Oder Podcasts.

Nun haben alle um mich herum (also die zwei Menschen, die ich kenne) ihre eigenen Podcasts, da möchte ich nicht völlig den Anschluß verlieren. Meiner soll ein "Oddcast" sein. Über Kraken und Oktopusse, Menschen mit Bettlaken über dem Kopf, Menschen ohne Laken und nix, Maschinen ohne Sinn, mysteriöse Himmels- oder Kellererscheinungen, Geräusche und Klingelzeichen mitten in der Nacht und generell Seltenes. Das Ganze wird auf einem Edison-Wachszylinder aufgenommen und ist auch nur von einem Phonographen abspielbar. Ein fixer Themenpunkt der Episoden soll "Bildbeschreibung" sein, wo berühmte Gäste oder einfach nur ich (was ja dasselbe ist) ein ebenso berühmtes Gemälde beschreiben müssen. Oder Wolkenformationen. Zum Schluß mache ich dann ein akustisches Zeichen, so wie Bob Ross mit den Fingern seiner Hand und murmle so etwas wie "God bless!"

Also in dem Fall: "I squid you not!"


 


Mittwoch, 12. August 2020


.insekten.

Und wir leckten
an Insekten,
denn der Hunger war sehr groß

(Kid Käfer, "Heimchen am Herd")



Insekten/Einsichten, wir lesen vom Hunger. Und Fisch. Arbeiten geht derzeit eigentlich nur spät abends, wenn die Temperaturen leicht sinken und etwas Wind aufkommt. Einkaufen geht auch nicht, also ist nichts im Haus. nur Gräten. Das kam so, weil ich dachte, es wäre doch eine gute Idee, das alte Familienfoto meines Ururgroßonkels nachzustellen. Als Hommage und kleines Dankeschön. So wie es Frau Gaga derzeit in ihrem Blog mit Postkarten macht. (Ruhig mal zurückblättern, da ist schon einiges zusammengekommen.)

Jedenfalls ist das gar nicht so einfach, und mein Respekt für die Leistung der Altvorderen, auch an der Kamera, ist sehr gestiegen. Zunächst einmal hatte ich keinen Hai, und es besteht auch keine Aussicht, hier einen aus dem Kanal zu ziehen. (Anders als z.B. unheimliche riesige Tentakelwesen, deren schmatzende Saugnäpfe nachts an meinen Fenstern kleben.) Also habe ich am Hamburger Fischmarkt nach Resten gefragt, "möglichst groß" - und konnte da tatsächlich was nach Hause bringen. (Ging gerade so in die U-Bahn, fragt nicht.)

Fürs Foto mußte ich mich beeilen, denn in der Hitze unterm Dach entwickelte mein toller Fisch doch gewisse unangenehme Eigenheiten. Ich nehme an, die Nachbarn verdächtigen mich selbst, die ahnen ja nichts von Kunst und Kultur und meinem Fotoprojekt. Da muß ich jetzt durch. Fischkunst. Aus Hamburg. Man kann mich als Aktionskünstler mitsamt Fisch buchen. Für eine Buchneuausgabe von berühmten Romanen. Oder für Rock'n'Wrestling zum Beispiel. Oder als Schreck und Scheuche vor Veranstaltungsorten, die sich irgendwie ominös "gewarnt" fühlen. Dann kommt die Fischsecurity und sagt: Verduftet!


 


Mittwoch, 5. August 2020


Aus dem Familienalbum #4



Nennen wir ihn Ishmael. Mein Ur-Urgroßonkel väterlicherseits, der im 19. Jahrhundert nach Nantucket auswanderte und auf Walfängern anheuerte, um für hart verdiente Heuer auf den Meeren den begehrten Tran zu erbeuten. Er konnte wohl gut mit Fischen, die waren sozusagen sein Metier. Von ihm ist in unserer Familie der Spruch überliefert, von dem wir nicht so ganz wissen, was er eigentlich bedeutet: "Pack niemals einen Hai am Schwanz!"

Heute weiß man, Haie sind sensibler als gedacht, aber eins wußte er auch - und auch das ist ein Sinnspruch in unserer Familie - nicht jeder Fisch ist harmlos. Großonkel Ishmael, der Sturm getrotzt hatte und Kaventsmännern, hatte wohl Respekt gesammelt. Ein Mann einfacher Schulbildung, sicherlich kein Intellektueller, soll er auf See wohl ein Getriebener gewesen sein. Es hieß, ein großer Fisch habe ihn einst ernstlich verletzt, seither zog es ihn immer wieder hinaus aufs Meer, weil er an Land keinen Frieden finden konnte.

Der tapfere Onkel gilt als verschollen. Nach dem, was man weiß, ist sein letztes Schiff in schweren inneren und äußeren Stürmen irgendwo aufgelaufen, jedenfalls soll es zerborsten und gesunken sein. Angeblich soll er als Einziger überlebt und sich an einem obskuren Trümmerteil festgehalten haben, aber auch wenn der Untergang Wellen schlug bis in die Gazetten seiner Zeit, ist nichts Genaues bekannt. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo da draußen; sie liegt auf dem Grund des Meeres.


 


Samstag, 1. August 2020


Setting free the fish



Weil ich ja von der launigen Seemannsgarnfilmreihe Sharknado recht angetan war, hatten mir die Kollegen zum Abschied einen kleinen Hai geschenkt. Der war zunächst ganz putzig, aber weil ich es einfach drauf habe unter guter Pflege und meinem freundlichen Wesen ist das Tier mittlerweile doch recht groß geworden. Zu groß jedenfalls für meine Badewanne.

Die Zeit ist also erreicht, wie es oft mit Fischen kommt. Die wollen auch mal Haken schlagen, auch wenn es einfach nur geradeaus geht, oder mal munter übers Wasser hüpfen und in anderen Schwärmen untertauchen. Ich werde ihn auswildern müssen (vermisse ihn jetzt schon schmerzlich). Nun habe ich ja kein Auto, und auf dem Radgepäckträger findet er unmöglich Platz. Auch ein Taxi scheint mir da keine Lösung, denn Zeugen kann ich für die Sache nicht gebrauchen. Ich könnte ihn mit der Bahn transportieren, denn er trägt keine Maske, und dann schauen die Fahrbegleiter offenbar nicht so genau hin. Ich denke, ich werde es mit einem Handkarren versuchen, den ich mit Wasser und Sel de Mer füllen werde.

In Sommern, wie sie früher einmal waren, war es üblich, seine Haustiere im Baggersee auszusetzen, damit sie es in die Zeitung schaffen. Mein Hai will natürlich ins Meer und muss daher in die Elbe. Wenn die Luft rein ist, schleiche ich mich zum Kreuzfahrtterminal und wünsche ihm, Entschuldigung, mein Herz bricht, gute Reise.

>>> Geräusch des Tages: Queen Adreena, Cold Fish


 


Mittwoch, 15. Juli 2020


Provisorisch



Eine Bekannte von mir mokierte sich früher (stets liebevoll!) ab und an über meine "Provisorien", wie sie einen Gutteil meiner charmant kreativen Lösungen für allerlei Alltagsherausforderungen bezeichnete. Das empfindet der sensible Heimwerker natürlich rasch als Kastrationsgefühl, ähnlich dem, wenn Frauen nicht verstehen, warum man als Mann einen Stapel Holz in der Garage liegen hat. Selbstverständlich, weil man daraus wunderbare, vielleicht sogar völlig nutzlose Dinge basteln kann. Vorausgesetzt, der richtige Zeitpunkt ist gekommen - und das richtige Werkzeug liegt zur Hand.

Nachdem man also die erste Lebenshälfte damit verbringt, sich verletzen zu lassen (oder sich beim Heimwerken selbst zu verletzen), besteht ja die zweite Lebenhälfte aus Genugtuung. Wenn man ein Schloß und einen Weinberg, etwas Zeit (und Werkzeug) besitzt, und vor allem eine gewisse Ruhe. Dann fühlt man sich plötzlich bestätigt von David Lynch, der als eine Art "Bob Ross der Heimwerker" auf Youtube kleine Projekte vorstellt. Lynch weiß natürlich, was man im Laden kaufen kann, perfekte Dinge. Aber er bastelt die Dinge eben gerne selber.

Zwischen uns paßt in der Hinsicht wenig überraschend kein Stück Schleifpapier. Da gibt es kaum etwas, was ich nicht mit einem alten Flaschenkorken, etwas Leim und Bindfaden richten kann. Gebrochene Vasen, gebrochene Herzen, abgefallene Griffe, zersprungene Träume, abgefallene Knöpfe, aus dem Leim gegangene Hoffnungen. Zumindest provisorisch hält's.


 


Dienstag, 7. Juli 2020


Fernrohr geradeaus

So you turned
your days into night-time/
Didn't you know, you can't make it
without ever even trying?

(Karen Dalton, "Something On your Mind")



Mit Sucherblick auf alte Backsteinfenster, rückwärts Geschichte, vorwärts bloß Skizzen, heißt es jetzt wieder, volle Muckikraft an festgefranzte Hebel setzen. Weichen stellen. Sprache finden. Und eine Sprachregelung, alles aber deutlich loud and clear durch eine Maske gesprochen. Von Selbstabsolution Besoffene von den Schulterstücken bürsten, happy bouncing mit Partybrille. Bücher zusammenschnüren, Leitsätze notieren, einen karierten Picknickdeckenblick für verregnete Sommertage üben.

Bin bereit für Mondbäder, die letzten Wolken vom Himmel kratzen, mit dem Wassersprenger alle nass machen und sich selbst. Weggefährten aufreihen, nachts eine Allee pflanzen, die großen Bäume hier, die Fähnchen dort, tumbleweed verwehen lassen. Schleppwaltzing am Ufer entlang wie Ringos* Schlagzeugspiel, während der Sommer Tag für Tag verkommt. Aus dem Nachbarhaus klingt Fleetwood Mac, in welchem Dachterrassenpartyjahrzehnt leben wir denn hier? Ich warte auf "thunder only happens when it's raining" aus diesem Lied, das nur scheinbar wie der Wetterbericht klingt.

Empire State of Mind mit Brettern vernagelt, befremdliche Bilder, verschobene Pläne, Knistern in der Leitung. Man muß eben lauter singen, mit dem Finger über Straßenkarten malen, sein eigenes Theaterstück schreiben oder überhaupt und endlich mal auch sonstwas tun.

>>> Geräusch des Tages: Karen Dalton, Something On Your Mind