Mittwoch, 23. November 2022


Aus dem Familienalbum #5


Luisa-Edeltraut von Brockendorff mit Issus coleoptratus edeltrauta

Da ich bei der KI-Bildmaschine Stable Diffusion noch in den Anfängen, also bei der alten Glasplattenfotografie bin, dachte ich, ich könne da auch gleich noch einmal Seiten aus unserem alten Familienalbum zeigen. Wenige wissen um meine Urgroßtante Luisa-Edeltraut von Brockendorff, die ihr "von" durch eine Heirat mit einem gewissen Hugo von B. erwarb, der aber kurz nach der Hochzeit in einem Krieg blieb, wie es hieß. Als junge Witwe wandte sich Luisa-Edeltraut der Tierkunde zu und erwarb sich durch Eifer und Beharrlichkeit ein beeindruckendes Wissen aus dem Haus der Entomologie. Auch wenn der gut gepflegte Hochmut der akademischen Welt schon damals prägend und behindernd war, insbesondere Frauen oder Unstudierten gegenüber, so wurden im 19. Jahrhundert doch all überall beachtliche Forschungen und Entdeckungen von Amateuren geleistet. Gerade oft belächelte "Volks-Entomologen" mit ihrer eigenen, unbefangen Art der Wissenschaftsbetrachtung, konnten immer wieder beachtliche, wenngleich meist heiß disputierte Erkenntnisse beisteuern.


Luisa-Edeltraut von Brockendorff mit ihrer zahmen Mottus bathynomus giganteus

Luisa-Edeltraut arbeitete im Archiv des naturkundlichen Museums irgendeiner Stadt und wurde in Expertenkreisen bald für ihre ungewöhnlichen Funde von Insekten beachtlicher Größe bekannt. Diese brachte sie von geheimnisvollen Reisen mit, für die ihr eigentlich die Mittel fehlten (Hugo ließ nichts außer seinem Hochzeitsanzug zurück), von denen sie aber mit erstaunlichen Präparaten zurückkehrte, die die ehrenwerte Gesellschaft der Wissenschaft und Künste entzückten. Bald trug sie wohl, wie eine zittrige Bildunterschrift im Fotoalbum verrät, den Beinamen "Insektenfrau". Ein von ihr entdeckter und erstmals beschriebener Riesenkäfer wurde gar nach ihr benannt: Issus coleoptratus edeltrauta.


Luisa-Edeltraut von Brockendorff mit Callitropa mergeoptera (nicht ausgewachsen)

Anerkennung und Nachruhm allerdings blieben ihr versagt. Wie es der akademische Nachwuchs und Mittelbau auch heute noch kennt, wurden zahlreiche ihrer Entdeckungen sog. honorablen Herren zugeschrieben, ihr Beitrag zur zoologischen Wissenschaft durch auf hoher Nase getragenem Pince-nez übersehen. Sie mied wohl die Menschen und suchte die Nähe ihrer taxidermischen Präparate, verzeichnete akribisch Käferflügel und Fliegenbeine in staubigen Verzeichnissen und Journalen und starb am Ende einsam und verbittert. So jedenfalls geht die Saga, denn von einer neuen Liebe steht im Familienalbum nichts.


 


Donnerstag, 10. November 2022


Rock Lobster



Neulich gab es ein bißchen was zu feiern, wenn auch nicht zu wild, man muß sich das heutzutage auch bei milden Temperaturen gut einteilen. Denn nur Tage danach kroch gleich schon wieder nässende Herbstkälte durch die Ritzen, es wird ungemütlich unter den Dächern von Hamburg. Die Blume am Fenster nahm es gleich krumm, machte auf Jahresendzeit und rollte die Blätter ein. Ich selbst holte schweigend für die Abende die Wärmflasche aus ihrem Sommerquartier.



Muß jetzt leider ein Auto kaufen, um statt Wackeldackel meinen brandneuen Wackelhummer auf der Hutablage platzieren zu können. Ein Hummer für den Hummer vielleicht. Gleich fiel mir wieder die herzzerreißende Anekdote ein, wie ich eines Tages nach Hamburg zog mit einer Freundin, die einen riesigen Hummer besaß, der auf der Hutablage ihres nicht so riesigen Autos lag. Das fand ich damals toll - ein Auto mit Hummer, so als wäre es eine fahrende Reuse aus einem Staat in New England.

Als mein zerbeulter Koffer gepackt, der Wintermantel mit dem großen Loch in der linken Tasche bereit war und die Reise in den Norden beginnen sollte, schlug mir ein Geständnis fast den filzigen Hut vom Kopf: Der Hummer sei verschenkt worden, er brauche viel Platz und das Leben beginne nun neu. Ich spare die Geschichte von heimlich vergossenen Tränen und vielen stummen Warum?s und kann nun sagen, Zeiten und Dinge ändern sich. Ich bin nun älter, der Hummer ist kleiner, aber manches kommt eben wieder, Kummer und Hummer schwimmen oben, manche Lücke wird gefüllt und mancher Schmerz gestillt.

Manch Multimilliardär aus dem Silicon Valley hätte es da prinzipiell leichter. Er (oder sie) könnte sich eine Hummerfarm kaufen, durch einen kommunikativen Fehler (so meine Vermutung, die meisten Missverständnisse und auch Blutfehden beginnen so) wurde es jüngst aber für einen dieser Multitechnmogule ein Vogelkäfig, in den für 44 Milliarden US-Dollar ein Waschbecken eingebaut wurde. Auch das hätte ich günstiger gemacht und sicher auch schöner, denn wenn ich eines kann im Leben, dann ist es eine Silikonfuge mit dem Spüli-Finger glatt abzuziehen.

Zur Freude des neuen Besitzers hätte ich noch einen Wackelhummer auf der Mischbatterie platziert. Einen Lobster namens Elon.

>>> Geräusch des Tages: The B-52's, Rock Lobster


 


Sonntag, 11. September 2022


Dance This Mess Around



In meiner weiteren Nähe steht einer dieser Hochbunker, von denen es in der Stadt so einige gibt und in denen meist Übungsräume für Musiker untergebracht sind. Davor gibt es eine Sitzgelegenheit, und manchmal mache ich dort Pause nach einer kleinen Wanderung oder einfach nur so, um den Verkehr der Ausfallstraße zu beobachten, Temposünder zu notieren und Atmosphäre aufzusaugen. Musik hört man dabei nicht, obwohl mein Rücken an den Bunker gedrückt ist. Aber da sind noch zwei, drei Meter Betonmauer zu den Proberäumen dazwischen. Manchmal kommen junge Leute mit zusammengemümmelten Zigaretten und billigen Gitarrenkoffern vorbeigeschlurft, fragen, ob ich etwa reinwolle, und ich sage, danke, nein, ich warte auf einen Kumpel, der hat den Schlüssel. Was natürlich gelogen ist. Ich will da nur sitzen und Atmo rauchen. Musik, das ist ja schon lange her.

An der Ecke sendet mir eine digitale Werbetafel ein sicher nicht zufälliges Signal. Man soll wieder in eine große Stadt in den USA reisen. Es sei Zeit dafür. Sie mache einen brandneu. Vorausgesetzt, sie schafft einen nicht. Das wird schwer, denn so gut wie zum Beispiel Jimi Hendrix spiele ich ja gar nicht Gitarre. Deshalb sitze ich auch vor den Proberäumen und nicht in einem drin. Jimi Hendrix aber zum Beispiel, so lernte ich in einer kürzlich auf Arte gezeigten Dokumentation, sei abseits der Bühne sehr schüchtern gewesen Das wiederum habe ich mit ihm gemein, das kann ein Anfang sein. Man darf sich schließlich nicht selbst klein machen, dafür sind doch andere da. Ein aufmunternder Lockruf hingegen erreicht mich fast zeitgleich aus Manhattan: "Hamburg is too small for you!" Das mag sein oder auch nicht, aber es ist ein Anstoß, überhaupt mal nachzudenken. Nicht, wo der nächste Hut liegt oder die nächste Heizung vielleicht. Sondern nach 500 Jahren Krisen und Pandemie nicht stillstehen, sitzen oder gar liegen. Sondern mal weitergehen. Immer weitermachen.

>>> Geräusch des Tages: Jay-Z feat. Alicia Keys, Empire State Of Mind


 


Donnerstag, 1. September 2022


Der letzte Tag des Sommers



September. Jetzt kommt die Zeit, wo jeder Tag der letzte Tag des Sommers ist. Zeit, die leichten Herbstuniformen herauszusuchen nach einer Ewigkeit endloser Hitze, stechender Sonne und aller anderen Unannehmlichkeiten, die unsere schlimmste Jahreszeit, der Sommer also, hervor- und mit sich bringt.

Warpaint knicken noch mal die Hüften, drehen die Kontraste raus, gehen ein letztes Mal ins kühlere Wasser, singen Jajaja und Lalala (aber mit spitz gefeilten Nägeln). Bus und Bahn sind nun befreit von schwitzigen Neun-Euro-Horden, die Boote drehen kürzere Runden, Wespen holen aus zur letzten Agonie.

Irgendwo ist Krieg, irgendwo sind leere Regale. Irgendwo erntet man ab, irgendwo hängen schwer die Früchte. Irgendwo baut man schnell ein Haus und wartet lange auf die Dächer.

Auf der Straße auch Ernte. Kleine Funde. Irgendwo wurden Bilderahmen zum Selberpflücken rausgestellt. Mittagspause im Innenhof des kleinen Klinikums. Aus den Türen stürmen Pflegerinnen und auch Pfleger, reißen sich mit einer Hand die Maske ab und zünden mit der anderen eine Zichte. Schnelle Züge in Sonne, Knicken in der Hüfte, bis eine nach der anderen zurück muß auf Station.


 


Sonntag, 28. August 2022


Köpfe streichen



Hab' jetzt wo 12 Euro Schulden und mußte folglich einen neuen Job annehmen. Zum Glück hat sich mein grafisches Können herumgesprochen, und so bekam ich spontan einen bei der Polizei als Phantomzeichner. Jetzt können Ermittler von Haus zu Haus ziehen und fragen "Kennen Sie diesen Mann?" In der oberen Reihe, der dritte von links kommt mir persönlich ja ein wenig verdächtig vor. Aber wir wollen niemanden vorverurteilen, es gilt die Unschuldsvermutung, und das bloße Ansehen einer Person, also das Aussehen, besagt noch gar nichts. (Außerdem weiß ich als Polizeizeichner meist selbst gar nicht genau, was den Beschuldigten zur Last gelegt wird. Datenschutz.)

Jedensfalls ist man sehr zufrieden mit mir und meiner Arbeit, und das hört man ja zur Abwechslung auch ganz gern. Gerade von Experten. Ich arbeite nämlich nicht nur verblüffend präzise, sondern auch schnell, was man bei der Detailverliebtheit der Bilder nicht glauben möchte. Wie anders war das doch, als ich mein Können als Porträtist in der Fußgängerzone anbot mit meiner Staffelei gleich neben den Streetbuskern und menschlichen Statuen aus Silberfarbe. Oft rief ein vorwitziges Kind oder ein sturer Bock älterer Herr "Der kann ja gar nicht malen!" oder "Das sieht aber gar nicht ähnlich aus", dabei kosteten meine Bilder nur zwei Euro. Dafür kann man am Hauptbahnhof gerade mal aufs Klo. Das muß man ja auch in Relation sehen. Aber die Leute nörgeln gern, statt an kleinen Dingen Freude zu haben. Selten ist nur irgendwas gut genug.


 


Donnerstag, 25. August 2022


Heiß wie Marmelade



Es war natürlich eine dumme Entscheidung, keine Entscheidung zu treffen und der Dinge harren zu wollen unterm eintopfblubberheißem Blechdach des kleinen Leuchtturms am Rande der Stadt mit ihren kochplattenheißen Steinwüsten und Betonbauten. Die Entscheiduntg hätte lauten müssen: Kleinkoffer packen, eine Woche Hiddensee oder Vorpolarkreis oder irgendwo nach Landschaftshausen. Will aber nicht Nichturlaubsjammern, andere müssen womöglich an der Teermaschine arbeiten, während ich hier nur die kleine Wetterstation beobachten, Sportboote vor Gegenverkehr warnen und Möwen zählen muss.



Immerhin halte ich mich auch nach mehreren gefühlten Monaten gefühlter Durchscnittstemperatur von 35plus ganz wacker, andere sind da schon länger durchgedreht und verkloppen die Leute mit toten Möwen und das noch nackt. Hamburg in einer Inszenierung des berühmten Liedes "They're coming to take you away, haha". einziger Trost am dampfenden Werktisch The Lake Radio, das nicht nur ein kalmierendes Foto von einem ruhigen See zeigt, sondern vor allem vormittags ein hübsch kuratiertes Programm von Diffusklängen, musikalischen Schrägstellungen und Lautmalereien spielt. (Leider am Wochenende immer öfter in Richtung gefällige Weltmusik driftend.)

Rausgehen unter Qualen. Dann aber nachbarschaftlich. Bernd Begemann spielt in der Nähe, man sitzt auf Gras, viele Blogger haben sich ebenfalls rausgetraut, man grüßt hierhin und dorthin. Herr Begemann schleudert seinen großen Hit gleich zu Anfang raus, was gewitzt ist, dann sind die Leute schon mal beruhigt und außerdem hat er ja noch viele mehr. Große Schiffe gehen schlafen, und ich dann irgendwann auch. Weil ich kühler bin als alle anderen, kondensiert auf mir der ganze Schweiß.


 


Sonntag, 14. August 2022


Schwitzige Nachtgesichte



Habe jetzt eine Wildtierkamera vor dem Haus installiert, dort wo eine langgezogene Straße entlangführt. Nachts dringen von dort immer wieder merkwürdige Geräusche herein, ein Summen und dumpfes Tappen. Lange rührte sich nichts, jetzt aber löste der Bewegungssensor aus und aktivierte die Nachtsichtfunktion. Erstaunlich - auf der Straße hockt ein großes Tier. Ein sechsbeiniger Hund? Ein Nachtmahr? Ein xenomorphes Gebilde? Gibt es derart große Insekten oder hat sich etwa einer der verrückten Wissenschaftler hier auf der Forschungsinsel durch ein fehlgeleitetes Experiment in eine Fliege verwandelt?

Wo Quecksilber durch Flüsse treibt und alles abtötet, wo Atomkraftwerke von Raketen beschossen werden, darf man sich über Veränderungen in der Natur nicht wundern. Ladies and Gentemen, es folgen die Mutantenjahre. Man geht dann nachts nicht mehr raus, um Waschbären zu vertreiben, sondern tausendfüssige Riesenasseln und fußballgroße Schaben. Nachtspaziergänge bis zum Elbufer, am Wasserfilterwerk vorbei nur noch mit Riesenkescher und Elektroschockgerät. Oder mit dem fliegenartigen Hund an der Leine, der mit dumpfen Tapsen über die Straße geht.

Bei der Hitze kleben neuerdings Geckos an meinen Fensterscheiben zum Wasser hin. Exotische Pflanzen ranken sich am Haus hinauf, ein Leben wie in einer vergessenen Orangerie, verwehte Musik, eine müde Katze, und dann gar nichts mehr, nur noch in eine neue Aggregatform schmelzen.

>>> Geräusch des Tages: The Cramps, Human Fly


 


Samstag, 28. Mai 2022


Ersatzvorschlag



Wir tanzen auf dem Vulkan, heißt es angesichts der Endzeitstimmung in Supermarkt und Gesellschaft und in Erinnerung an die 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Jetzt ist auch noch der Kaffee teurer geworden, von 6,99 Euro auf zunächst 7,79 Euro und nun 8,49 Euro. Bald wird man das Komma in der Zahl weglassen können und dann heißt es, Eicheln im Wald sammeln und sich selbst was brühen. Es wird einen Schwarzmarkt geben für Kaffee, Nylons, vegane Schweineschwarte und natürlich Zigaretten. Der Ede um die Ecke hat mir hier einen Trick verraten, mit dem man gute Geschäfte machen kann, vorausgesetzt, man kann auch schnell laufen. Mein Bünabe hat mir einst mal "kriminelle Energie" vorgehalten, nachdem ich ihm eines Tages aus einer schmucken Laune heraus Vorschläge unterbreitete, was man mit Falschparkern in der Feuerwehreinfahrt machen könnte, also will ich die auch nutzen, um im Schatten meiner eigenen Existenz für den Überlebenskampf zwischen Tafel und Essenmarke gerüstet zu sein.



Ich betreibe nun eine kleine 1920er-Zigarettenmanufaktur, in der ich in mühevoller Handarbeit Räucherzeugs herstelle, während im Hintergrund eine Jazz-Schallplatte läuft. Aus exakt geschnittenen und liebevoll bemalten Pappstreifen sind im Nu (Talent und Können vorausgesetzt) täuschend echte Glimmstengel (wie wir im Milieu sagen) entstanden, die sich gut und gerne im Schatten warnplakatierter Mauern für 20,- Euro/Stk. verkaufen lassen. Ja nun, man muss auch leben. Sie schmecken etwas pappig vielleicht, aber in der Not raucht der Teufel Fliegen, wie man so sagt.

Natürlich sind das nur sog. Proofs of Concept, wie man in der Ideenarbeitswelt wiederum so sagt. Wer würde so was "in echt" tun? Eben. Aber nachdem ich nun auf dem Kurznachrichtenportal Twitter mehrfach ungehört nach einem "Kaffeerabatt" rief analog zum "Tankrabatt", muß man weitgefasster denken. Idee Kaffee mal nicht als Marke, sondern als kreative Methode gedacht.


 


Mittwoch, 18. Mai 2022


Frauen, Posaunen, noch keine Geigen


Bitte beachten Sie die Zahl auf der linken Seite des Covers!

Tagebuch eines Werktätigen. Bin jetzt ein paar Tage bei 1 sog. "Agentur". Die haben dort 1 Kaffeeautomat (sehr gut), nicht aber 1 Eiscremeautomat (sehr schlecht). Was sind das für Verhältnisse? Das sind die Verhältnisse des Werktätigen, aus dem Elend der Massen am Kragen gezupft und selbst wie ein Sträfling im Streifenhemd an Automaten gekettet.

Mit weißem, zerzausten Haar und ganz altersgerecht bin ich dabei so etwas wie ein ringelhemdiger Catweazle unter jungen Leuten und staune über allerlei Wunderlichkeiten und Elektrik-Tricks. Man kann eine Tür drahtlos öffnen mit so einem winzigen Zauberknopf! Aus kabellosen Ohrmuscheln sprechen Stimmen! Man sitzt einfach irgendwo, wo Platz ist und nimmt sich mittags eine halbe Stunde frei!

Bin nun offenbar umfeldbedingt zu etwas wie ein Influencer geworden. Meine jahrelang offensiv präsentierte Ringelhemdkollektion hat sich in die Mind-Maps junger Kreativer einggegraben und wirkt als Branding bereits über Kontinente hinweg. Jedenfalls wurde mir aus New York (das ist eine große Stadt in den USA) wie ein Signal mit der Posaune der Link zur Geschichte des bretonischen Ringelhemdes zugeschickt. Das muß man festhalten: Wenn man es in New York schafft, dann auch an der bretonischen Steilküste, und ich warte nun auf ein Angebot als Repräsentant und Testimonial für Armor Lux.

Im Versuch, meine Jugend zu rekonstruieren, habe ich vom ersten kargen Lohn Alben der französischen Musikcombo Les Rita Mitsouko nachgekauft. Mitsouko-Mann Fred Chichin hat(te) ja Ringelhemdfaktor 10, aber die Zahl auf dem Cover von "Die Frau mit der Posaune" habe ich nun erst entdeckt. Ich mach einfach immer weiter.


 


Montag, 9. Mai 2022


Spinnweberzählungen



Eigentlich wollte ich heute Hey! zu Low sagen, die mit fast neuem Album auf nachgeholter Tour in Hamburg Station machen. Aber: die Umstände. Corona-Gedrängel vor Konzertbühnen usw. Innerlich also gelähmt wie ein eingewickeltes Insekt in einem Spinnennetz kokonisiere ich stattdessen in der Abendsonne (auch gut!), sinniere ich über Ephemera am Straßenrand (Spidey-PEZ), führe also geradezu ein nebensächliches, aber von glücklichen Funden erfülltes Leben.

Derzeit tagsüber Großerkenntnis, abends Schwundstufe. Dazwischen mit dem Rad raus, in Parks rumlungern oder einfach nur am Fenster über dem Kanal (Fensterbank ohne Deko). In den Kräuselwellen versplitterte Erinnerungen, die sich wie Minzstücke aus einem PEZ-Spender schieben. In den 90ern war ich auf einem Konzert (weil: kein Corona) von Les Rita Mitsouko, aber leider nicht bei diesem. In den 90ern zog ich mit einer Freundin nach Hamburg, weil die einen falschen Hummer hatte (nicht Fensterbank, aber Hutablage), den ich in meinen Besitz bringen wollte. Aber erst Hummer, dann Kummer: Vor dem Umzug aber hatte sie ihn (ohne Konsultation!) aussortiert, solche Dinge geschehen ohne Triggerwarnung, nix is mit Mock-Hummer-Suppe, dabei hätte ich den zähmen können, an einer Leine hinter mir herziehen, Schmusen wäre möglich gewesen, Clammern auch, gemeinsam hätten wir alte Hummer-Chansons (Hammer!) singen können auf Französisch und uns am Hafen dabei malen lassen. Gemeinsam Geschichte schreiben, wie in diesem Bild von Aleksandra Waliszewska, die seit ein paar Jahren mit ihrer kruden Groteskmalerei für Furore sorgt. Mais non, aber nein.

Der Volksmund sagt, man soll nicht um einen falschen Hummer weinen, wenn die Welt voll echter Spinnenspender ist ("Nein Kind, weinen sollst du nicht."), an denen man sich die Finger kneifen lassen kann. Einfach immer weitermachen.