Donnerstag, 9. September 2021


Can't Get You Out of My Head


(Wegen der Altersbeschränkung derzeit nur direkt auf Youtube zu sehen)

Ein dringlicher Tipp aus Übersee brachte mich zur sechsteiligen Dokureihe Can't Get You Out of My Head. Der britische Dokumentarfilmer Adam Curtis (The Power of Nightmares) collagiert hier Szenen, popkulturelle und politische Ereignisse der letzten Jahrzehnte zu einer assoziativen Wanderung durch wiederkehrende Motive und Refrains, Attentate, Algorithmen und Agendas, Brüche und Überraschungen, eruptive Gewalt und gezielte Schmeichelei und schaut, wie sich unsere westliche Gesellschaft verändert hat. Und verändert wurde. Durch Informationen und Überzeugungen, geheime Operationen und offene Meinungspenetration, Verschwörungen und brachialen politischen und kulturellen Spins.

Das Ganze windet sich selbst wie ein Gedankenwurm ins Hirn, hinterläßt ein Gefühl von "unheimlich", weil man immer wieder nickt, manchmal lacht, oft aber erschrocken ist und am meisten über sich selbst. Eine schöne, beklemmende Scheiße, produziert von der BBC und in allen sechs Folgen auf Youtube zu finden. (Das "gelöscht"-und- "gefunden"-Spiel kann man als Teil des Informationskrieges sehen. Also, wer will.)

Tentakel | von kid37 um 00:23h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 27. August 2021


Akademia



Meine Erfahrung mit Hochschulen in der letzten Zeit hat mir gezeigt, daß es keinen Sinn macht, zu tief unten einzusteigen. Wer gleissen will, muß oben stehen. In meinen Alter kommt man ja auch in die Phase, wo man sein Wissen wie Nektar an begierig schlürfende (und nicht nur schlurfende) Studenten weitergeben will, der Gemeinschaft wegen und um den eigenen Ruhm zu mehren, wie ich hochbescheiden anmerken will.



Eine W3-Professur stünde mir folglich gut zu Gesicht und Bankkonto, man darf das Irdische nicht vergessen. Interessanterweise erfülle ich auch alle nachgefragten Qualifikationen. Mein ganzes Leben ist ja quasi ein Film, zudem betreibe ich einen hochinteressanten Kanal mit eigenen Werken auf Vimeo. Ich habe sogar schon Likes aus den USA bekommen, was die Frage nach "internationaler Reputation" wohl hinreichend beantwortet. An der Hamburger HfbK sind gleich mehrere Stellen zu besetzen, da fällt die Wahl schon wieder schwer. Film? Foto? Philosophie? Man spürt, die sprechen von mir. Morgens beim Zähneputzen übe ich bereits eine kleine Antrittsvorlesung, Gasthörer sind später selbstverständlich willkommen.

Tentakel | von kid37 um 16:07h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 30. Juli 2021


Kultursplitter

In meinem Berlin-Roman Die Oma hat mir nüscht vermacht erzähle ich vom kulturgemanageten Leben einer Brühwurst-im-Glas-Bohème (allesamt Abbrecher der Hamburger Schule) im zuzugigen Neukölln um die Jahrtausendwende. Mit "Witz und Verve" (Stadtmagazin) erzählt, entspinnt sich eine anekdotisch aufgehübschte Geschichte von großen Plänen und kleinen Erfolgen, Verliebtheiten und Entliebungen, verrauchten Bars und klebrigen Tresen, dem Ringen um Förderanträge und Stütze, Lebensweisheiten und allerlei Unsinn. LiloLotteLisa-Film hat bereits die Rechte angefragt für den TV-Freitagabend, dann ist hier endlich Schluß mit Dosenfisch und Brot aus Plastikbeuteln.


"Dots'n'Rust" - Hommage an Yayoi Kusama. Metall, Rost, Löcher. 2022. 1000,- Mark

Lange habe ich für ein Unternehmen gearbeitet, das sich "Digitale Transformation" auf die Fahne geschrieben hatte, morgens dröhnte statt der Fabriksirene David Bowies "Ch-ch-changes" aus dem Mitteilungslautsprecher und dann wurde nach und nach alles auf den Kopf gestellt, Tisch auf Stuhl, altes Denken, neues Denken usw. oder auch vorwärts gehen, rückwärts sprechen wie bei David Lynch. Interessant wird es jetzt, wenn man dieselben Prozesse nun an Behörden und öffentlichen Einrichtungen erlebt, weil man dabei hautnah miterleben kann, daß nicht alle Rezeptmischungen beliebig in jeden Topf gerührt werden können, wenn ich dieses schiefe Bild gebrauchen darf. Auch ist der Wissensstand sehr unterschiedlich. Irgendwo erwähnte ich beiläufig das Thema Datenschutz, da wurde sehr gelacht und jovial "och jo" gesagt - und das zurecht! Man brauchte meinen Rat gar nicht, denn es dauerte tatsächlich nur ein Jahr, da war auch hier der Newsletter DSGVO-konform. Muß ja keine Eile sein.

Julian Nida-Rümelin, die Älteren kennen ihn noch als Kulturstaatsminister, sagte ebenfalls zurecht zum Thema Kultur im Lockdown, es bringe nichts, das "Haus" (er meinte ein Museum) einfach 1:1 ins Internet zu spiegeln. Man kennt das ja vom Film (habe ich jetzt gesagt): Gute Trailer - schlechte Trailer. Die einen wecken die Neugier, reißen was an, machen Lust aufs Kino, die anderen erählen brav den Inhalt nach, so daß man gleich zuhause bleiben kann. Selbst die Koberer auf der Hamburger Reeperbahn merken, daß man mit dem alten "Komm'se ran, komm'se rein, das erste Bier kost' nix" kaum noch jemanden locken kann. Neue Medien brauchen neue Konzepte.

Andererseits fühlte ich mich jüngst ausstellungshalber nach Berlin gelockt, stieß dann aber auf die neuen Konzepte "Zeitfenster-Tickets" und, schlimmer noch, "ausverkauft". Da muß man dann zuhause bleiben. (Ich bin ja sehr gut im Retrospektive-verpassen, schmerzlich fällt mir da immer die große Tinguely-Ausstellung vor ein paar Jahren in Düsseldorf ein.) Kein Bällebad mit Yayoi Kusama also, ich könnte aber bei mir daheim alles mit bunten Klebepunkten vollstickern, für den klebrigen Tresen und vor allem fürs Gefühl. Das ist digital noch nicht erfaßt. Wird noch transfomiert.

Tentakel | von kid37 um 12:03h | 3 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 21. Juni 2021


37



Eine freundliche Leserin spielte mir diese interessante Zahlenaufstellung zu. Wo ein Fox Mulder jetzt sagen würde, "Aha, aha, aha!", antwortete eine (studierte Spaßbremse) Dana Scully sicherlich, "Mulder, Sie lassen sich zu leicht beeindrucken, das sind nur Iterationen ein und derselben Rechnung, das kann man bis ins Unendliche durchspielen". Aber: 37! Das kann kein Zufall sein.

Zuerst dachte ich ja, eine Grundschullehrerin hätte die "37" jeweils rot angestrichen, weil man in der zweiten Klasse so nicht rechnen darf. Wo kämen wir hin, wenn junge Leute am Curriculum vorbei mit Bruchrechnung, Punkt, Punkt, Komma, Strich und anderen unterhaltsamen Dingen der Mathematik jonglieren würden. All das aber findet man auf der Seite Abakcus, wo mathematische Aufgaben auch aus Radfahrersicht sehr detektivisch gelöst werden.

Tentakel | von kid37 um 11:11h | 6 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 24. Dezember 2020


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Weihnachtsbaum Modell "Mutter Maria" mit Doppelspitze,
verstecktem Seegurkententakelwesen und Krippe
mit Christkid und Fuchs


17 Jahre Das hermetische Café sind es heute, 20 fehlen also noch. Vieles gibt es zu sagen über dieses verrückte Jahr, das mir menschlich und beruflich (und beruflich-menschlich) einiges gezeigt hat und insgesamt allen ein Lehrstück über Zusammenhalt und Rücksichtnahme, aber auch über den Mangel war. Klopapier und eben auch Zusammenhalt und Rücksichtnahme. Ein Sorgenkind unter den Jahren, ich hoffe, 2021 strengt sich da ordentlich an.

Angeblich beginnt nun aber wirklich das Wassermann-Zeitalter mit verschrobenen ungewöhnlichen Ideen, sozialem Engagement und fluffigen Abwechslungen. Vielleicht tanzen wir alle nackt (ich dann nicht, ich schaue nur zu).

Frohe Weihnachten allen. Haltet Abstand.


 


Donnerstag, 27. August 2020


Sexgier, Angst und mollige Mädchen

Eine Bloggerin erzählte, sie sei über Google mit den Suchbegriffen "Sexgier, Angst und mollige Mädchen" verknüpft. Das hat mich natürlich sofort fasziniert, denn das klingt wie einer dieser Autokinofilme, die ich gerne sehen würde: Sexgier! Angst! Mollige Mädchen! Bei weitem nicht so langweilig, wie die Titel meiner Debütromane von Am See der Liebe bis zu Männer, die auf Tastaturen starren.

Wo andere bei Google also was erleben, muß ich denen auch noch die Schlüsselbegriffe klauen, um selbst Leser in solche Beiträge zu locken - und Sie glauben nicht, was dann geschah! Coronaviren hassen diesen Trick, denn Home-Googling is killing Zufallsinfektion bei fremden Leuten. Auch ich mache ja seit einiger Zeit Heimbüro-around-the-clock, freilich trage ich dabei Maske und halte Handdesinfektionsmittel bereit. Das (oder der Hersteller) heißt wie im Märchen Grimm, was das Schlüsselwort für mich war, um mich zum Kauf zu verleiten. SEO am Drogerieregal.

Ich hänge meinem grimmen, weil wenig gewinnbringenden Dienstplan freilich einen Tag hinterher. Gestern wollte ich große Pappen kaufen, fürchtete aber eine für die Gewichtsreduktion schädliche Katastrophe, weil es langanhaltende, schwere Regenfälle und dazu steife Windböen gab, die meine gutgeformten, aber nicht länger harten, weil nicht faszientrainierten Pappen erst naß und übergewichtig und dann zu Segeln gemacht hätten - und wie will man bitt'schön da seine Pappen halten? Oida.

Mehr ist nicht passiert, wollte das aber der Journalpflicht wegen nicht verheimlichen. Wenn Sie das interessierte, interessieren Sie sich vielleicht auch für das schockierende Thema Adbusting im öffentlichen Raum.


 


Montag, 25. Mai 2020


Die Speisung der 6000



Wer immer weitermacht und die Flinte nicht voreilig ins Blogfeld wirft, erreicht auch runde Sachen. 6000 Tage Das hermetische Café, das sind umgerechnet ungefähr 237 Jahre Bloggen! Wer hätte das gedacht, damals als man Blogtexte noch mit der Pferdekutsche zum Briefkasten bringen mußte, damit der Herr Olbertz die auf seiner Plattform einstellen kann.

Dem Kontaktverbot ist geschuldet, daß es keine große Party gibt. Soviele Mitglieder hat ein Haushalt nicht. Andererseits auch schade, denn ich war am Wochenende fleißig und habe extra eine Hypnotisiermaschine gebaut. Die hätte ich gleich ausprobieren und die Trägen munter, die Rastlosen ruhig und die Erzürnten sanft machen können. Ein diplomatisches zirkuliertes "Ruhe im Karton!" hat schließlich oft schon Wunder gewirkt.

Auch hier hoffe ich, den Betrieb wieder ein bißchen anzukurbeln und regelmäßiger zu schreiben. Aber von Ankündigungen ist noch keiner satt geworden. Ich bin also selbst am meisten gespannt.


 


Donnerstag, 6. Juni 2019


Merz/Bow #59

Weißblaue Geschichten. Kaum war ich raus aus dem Koffer, ging es wieder rein in den Koffer (kleineren diesmal), weil ich in Süddeutschland zu einem Fest geladen war. Frau und Herr Kaltmamsell feierten Rosentag. In meinem Debütroman Danach fütterten wir die Rehe wird später darüber zu lesen sein, wie auf dem Kurznachrichtendienst Twitter eine Sternfahrt von überall her Richtung München mitprotokolliert wurde. Ein Gesellschaftsereignis!

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Blumiges Andenken für die Gäste

Die lange Bahnfahrt war immer noch eine deutliche Herausforderung für mich, verlief aber erstaunlich angenehm. Die vielfach kritisierten Sitze im neuen ICE finde ich ganz bequem, es gibt deutliche Beinfreiheit, Wlan, vernünftige Gepäckablagen und in Wagen 6: KINDERBETREUUNG! Mit Bastelmöglichkeit (ab drei, leider nicht mehr über 37). Die ersten zwei Stunden habe ich einfach verschlafen, dann den Wandel der Landschaft (Hügel, Wälder, Solarpanele) betrachtet. Der Himmel sieht in Bayern tatsächlich anders aus, und die Strecke durch Fürth, Nürnberg, Ingolstadt ist auch eine Reise durch deutsche Technikgeschichte.

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München: Selbst die Aliens richteten begeistert ihre Antennen auf das Fest

Um nicht gleich überall erkannt zu werden, verzichtete auf ikonografische Ringel, ziehe eine Jacke mit Streifen an und stülpe mir eine Perücke mit grauen Haaren über. Man nennt mich: Toni Erdmann! Die Tarnung ist perfekt. Miss Caro spricht mich vertraulich an - hat mich aber gar nicht eingeordnet, die pure Höflichkeit war's. (Anschließend wird hinter meinem Rücken gelacht, habe ich alles notiert.) Ich probiere viele Gesichtsausdrücke, habe wohl auch mal gelacht und eifrig Konversation betrieben. Menschen tauchen auf, Menschen tauchen unter, Menschen tauchen auf: Frau Klugscheißer, Modeste mit ihrem feschen Sohn, La Gröner und viele, die ich nur von Twitter kenne, einige, die ich im Trubel verpaßt, vielleicht auch übersehen habe (Entschuldigung, bitte!). Am Ende habe ich aber immerhin noch einer Direktorin die Hand geschüttelt. Es war, übrigens, ein sehr großes Fest.

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Spektakulär war vor allem der Auftritt der Gastgeber, Frau Kaltmamsell machte im Frack eine atemberaubende, Herr Rau in Rot aber auch bella figura. Sie präsentierten ein ganz bezauberndes, amüsantes Video, das alle gerührt zurückließ (ich hatte ein Extrapaket Taschentücher eingesteckt!). Unsere Nachgeborenen werden noch darüber sprechen und in ihren Debütromanen davon schreiben. (Die Feste meiner Eltern) Ich habe mich angeregt und angenehm mit den, wie sagt man nach 25 Jahren Ehe eigentlich?, Brauteltern unterhalten, es gibt so ein paar grobe biografische Parallelen nämlich, die ich interessant finde.

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Hamburg: When the Party's over

München hat mich wirklich sehr freundlich empfangen. Irgendwann spät nachts stehe ich in high spirits, aber verträumt auf dem kurzen Weg zu meinem Hotel an menschenleerer Straße an einer roten Ampel. (Im Ausland bin ich beim jay-walking zunächst lieber vorsichtig, die bayerischen Polizeigesetze sollen hart sein.) Aus der Ferne höre ich ein Klingeln. Eine Radlerin nähert sich, sie winkt und ruft laut "Haaaallo!" Ich bin erstaunt, für so freundlich hätte ich die Münchner zunächst nicht gehalten. Da sieht man, wie wenig ich weiß von unserer Welt. Eine junge Frau auf einem Hollandrad rückt in den Fokusbereich meiner Brille, "Hallooo!" rufe ich völkerverständigend und jovial hanseatisch zurück. Ob ich vielleicht noch auf ein Bier geladen werden? Ist in solch magischen Nächten nicht alles möglich? Wer kennt die Bräuche in diesem Land schon so genau? "Sie stehen auf dem Radweeeg!" schallt es im Vorbeifahren zu mir. Ach so. Ja gut. Aber nett war's fei scho.

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Wir waren auf einem tollen Fest, Leute.

Tentakel | von kid37 um 22:12h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 3. Mai 2018


Schau, die Tiere



Manchmal, wenn ich mit meinem alten Fotoapparat in den Zoo gehe, um den Film, der dort seit 50 Jahren einliegt, vollzuknipsen, lasse ich mich von den Tieren inspirieren, um gedankenschwer über philosophische Alltagsphänomene zu meditieren. Wie über Aufplusterung, den anscheinend unglaublich reifen Gedanken, auf Straßen tanzend lauter bunte Sterne zu gebären oder Dinge wie Herdenbildung, Banalapplaus und Spontangegacker.

Wie sehr doch der Mensch zu loben ist, den hier abgebildeten, mit rosafarbenem Kostüm verkleideten Fasanen überlegen zu sein. Also menschlich. Und natürlich sitze ich in erster Linie auf der Bank, weil ich müde bin und nicht etwa mißmutig. Einfach mal ausruhen, weghören, mal wieder mehr richtige Bücher lesen und weniger halbe Gedanken. So wie ich neulich einen japanischen Film gesehen habe, in dem viele Menschen unter auffälligen Umständen (selbst für japanische Verhältnisse) ums Leben kamen, es eigentlich aber um Mesmerismus ging. Darüber könnte man mal einen elektronisch fernsteuernden Vortrag halten. Mesmerismus.

So eine Art Massenbühnenhypnose, während ich dazu muntere Klänge auf meinem Theremin spiele und am Ende alle tanzen, während sie nackt unter ihrem rosafarbenem Federkostüm sind und in Fett gebackene Zuckergußsterne in den Händen halten.

Ich reiche das mal als Vorschlag ein.


 


Freitag, 7. November 2014


Streik-Susis



Aufgehetzt durch eine merkwürdig schräglagige Medienlandschaft keift Deutschland sich durch verkehrsstillgelegte Tage. Während die notorischen Kommentarspaltennörgler gerne von "Entschleunigung" reden, war dann gleich soviel davon auch wieder nicht recht. Der Bahnstreik setze nicht etwa ein Zeichen gegen Neoliberalisierung und für Arbeitnehmerrechte, sondern gefährde "meine Fernbeziehung" ist zu lesen oder "die Reisefreiheit am 9. November", denn den Knüppel für eigene billige Anliegen wie "Paaaaaarty in Bääääärlin" kann man ja nicht groß genug wählen.

Was fällt dieser Kleingewerkschaft auch ein? Kann die nicht gefälligst eine e-Petition starten für ihr Anliegen, so wie das normale Menschen heutzutage tun? Vorneweg diejenigen, die sich rühmen, in Jugendjahren jeden Morgen sechs Kilometer zur Schule GELAUFEN zu sein, barfuß, durch den Schnee. Man entsolidarisiert sich weiter, eine ehemalige arbeiternahe Volkspartei will das Streikrecht nun neu gesetzlich regeln. Beifall von denen, die noch Arbeit haben und nicht bis Morgen denken.

Bill Morrisons Film über die britischen Minenarbeiter und ihre Gewerkschaften zeigt ein vergessenes Kapitel Industriegeschichte. Ein nostalgischer, sepiagetränkter Rücklick auf die später von Thatcher zerknüppelte Gewerkschaftsbewegung und die zahlreichen ("Brassed Off!") Blaskapellen im englischen Norden (hier ersetzt durch den wunderbaren Soundtrack von Jóhann Jóhannsson), die Traditionen und das, was wir belustigt Solidarität nennen. Was bitter fehlt, heute, wo wir alle die Helden unserer eigenen Geschichte sind, unsere eigenen Autoren, Vorgesetzten und Selbstversicherer, -optimierer und -manager.

Da ist etwas abhanden gekommen.

("The Miner's Hymns". Regie: Bill Morrison. GB 2010.)