Donnerstag, 6. Juni 2019


Merz/Bow #59

Weißblaue Geschichten. Kaum war ich raus aus dem Koffer, ging es wieder rein in den Koffer (kleineren diesmal), weil ich in Süddeutschland zu einem Fest geladen war. Frau und Herr Kaltmamsell feierten Rosentag. In meinem Debütroman Danach fütterten wir die Rehe wird später darüber zu lesen sein, wie auf dem Kurznachrichtendienst Twitter eine Sternfahrt von überall her Richtung München mitprotokolliert wurde. Ein Gesellschaftsereignis!

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Blumiges Andenken für die Gäste

Die lange Bahnfahrt war immer noch eine deutliche Herausforderung für mich, verlief aber erstaunlich angenehm. Die vielfach kritisierten Sitze im neuen ICE finde ich ganz bequem, es gibt deutliche Beinfreiheit, Wlan, vernünftige Gepäckablagen und in Wagen 6: KINDERBETREUUNG! Mit Bastelmöglichkeit (ab drei, leider nicht mehr über 37). Die ersten zwei Stunden habe ich einfach verschlafen, dann den Wandel der Landschaft (Hügel, Wälder, Solarpanele) betrachtet. Der Himmel sieht in Bayern tatsächlich anders aus, und die Strecke durch Fürth, Nürnberg, Ingolstadt ist auch eine Reise durch deutsche Technikgeschichte.

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München: Selbst die Aliens richteten begeistert ihre Antennen auf das Fest

Um nicht gleich überall erkannt zu werden, verzichtete auf ikonografische Ringel, ziehe eine Jacke mit Streifen an und stülpe mir eine Perücke mit grauen Haaren über. Man nennt mich: Toni Erdmann! Die Tarnung ist perfekt. Miss Caro spricht mich vertraulich an - hat mich aber gar nicht eingeordnet, die pure Höflichkeit war's. (Anschließend wird hinter meinem Rücken gelacht, habe ich alles notiert.) Ich probiere viele Gesichtsausdrücke, habe wohl auch mal gelacht und eifrig Konversation betrieben. Menschen tauchen auf, Menschen tauchen unter, Menschen tauchen auf: Frau Klugscheißer, Modeste mit ihrem feschen Sohn, La Gröner und viele, die ich nur von Twitter kenne, einige, die ich im Trubel verpaßt, vielleicht auch übersehen habe (Entschuldigung, bitte!). Am Ende habe ich aber immerhin noch einer Direktorin die Hand geschüttelt. Es war, übrigens, ein sehr großes Fest.

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Spektakulär war vor allem der Auftritt der Gastgeber, Frau Kaltmamsell machte im Frack eine atemberaubende, Herr Rau in Rot aber auch bella figura. Sie präsentierten ein ganz bezauberndes, amüsantes Video, das alle gerührt zurückließ (ich hatte ein Extrapaket Taschentücher eingesteckt!). Unsere Nachgeborenen werden noch darüber sprechen und in ihren Debütromanen davon schreiben. (Die Feste meiner Eltern) Ich habe mich angeregt und angenehm mit den, wie sagt man nach 25 Jahren Ehe eigentlich?, Brauteltern unterhalten, es gibt so ein paar grobe biografische Parallelen nämlich, die ich interessant finde.

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Hamburg: When the Party's over

München hat mich wirklich sehr freundlich empfangen. Irgendwann spät nachts stehe ich in high spirits, aber verträumt auf dem kurzen Weg zu meinem Hotel an menschenleerer Straße an einer roten Ampel. (Im Ausland bin ich beim jay-walking zunächst lieber vorsichtig, die bayerischen Polizeigesetze sollen hart sein.) Aus der Ferne höre ich ein Klingeln. Eine Radlerin nähert sich, sie winkt und ruft laut "Haaaallo!" Ich bin erstaunt, für so freundlich hätte ich die Münchner zunächst nicht gehalten. Da sieht man, wie wenig ich weiß von unserer Welt. Eine junge Frau auf einem Hollandrad rückt in den Fokusbereich meiner Brille, "Hallooo!" rufe ich völkerverständigend und jovial hanseatisch zurück. Ob ich vielleicht noch auf ein Bier geladen werden? Ist in solch magischen Nächten nicht alles möglich? Wer kennt die Bräuche in diesem Land schon so genau? "Sie stehen auf dem Radweeeg!" schallt es im Vorbeifahren zu mir. Ach so. Ja gut. Aber nett war's fei scho.

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Wir waren auf einem tollen Fest, Leute.

Tentakel | von kid37 um 22:12h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 3. Mai 2018


Schau, die Tiere



Manchmal, wenn ich mit meinem alten Fotoapparat in den Zoo gehe, um den Film, der dort seit 50 Jahren einliegt, vollzuknipsen, lasse ich mich von den Tieren inspirieren, um gedankenschwer über philosophische Alltagsphänomene zu meditieren. Wie über Aufplusterung, den anscheinend unglaublich reifen Gedanken, auf Straßen tanzend lauter bunte Sterne zu gebären oder Dinge wie Herdenbildung, Banalapplaus und Spontangegacker.

Wie sehr doch der Mensch zu loben ist, den hier abgebildeten, mit rosafarbenem Kostüm verkleideten Fasanen überlegen zu sein. Also menschlich. Und natürlich sitze ich in erster Linie auf der Bank, weil ich müde bin und nicht etwa mißmutig. Einfach mal ausruhen, weghören, mal wieder mehr richtige Bücher lesen und weniger halbe Gedanken. So wie ich neulich einen japanischen Film gesehen habe, in dem viele Menschen unter auffälligen Umständen (selbst für japanische Verhältnisse) ums Leben kamen, es eigentlich aber um Mesmerismus ging. Darüber könnte man mal einen elektronisch fernsteuernden Vortrag halten. Mesmerismus.

So eine Art Massenbühnenhypnose, während ich dazu muntere Klänge auf meinem Theremin spiele und am Ende alle tanzen, während sie nackt unter ihrem rosafarbenem Federkostüm sind und in Fett gebackene Zuckergußsterne in den Händen halten.

Ich reiche das mal als Vorschlag ein.


 


Freitag, 7. November 2014


Streik-Susis



Aufgehetzt durch eine merkwürdig schräglagige Medienlandschaft keift Deutschland sich durch verkehrsstillgelegte Tage. Während die notorischen Kommentarspaltennörgler gerne von "Entschleunigung" reden, war dann gleich soviel davon auch wieder nicht recht. Der Bahnstreik setze nicht etwa ein Zeichen gegen Neoliberalisierung und für Arbeitnehmerrechte, sondern gefährde "meine Fernbeziehung" ist zu lesen oder "die Reisefreiheit am 9. November", denn den Knüppel für eigene billige Anliegen wie "Paaaaaarty in Bääääärlin" kann man ja nicht groß genug wählen.

Was fällt dieser Kleingewerkschaft auch ein? Kann die nicht gefälligst eine e-Petition starten für ihr Anliegen, so wie das normale Menschen heutzutage tun? Vorneweg diejenigen, die sich rühmen, in Jugendjahren jeden Morgen sechs Kilometer zur Schule GELAUFEN zu sein, barfuß, durch den Schnee. Man entsolidarisiert sich weiter, eine ehemalige arbeiternahe Volkspartei will das Streikrecht nun neu gesetzlich regeln. Beifall von denen, die noch Arbeit haben und nicht bis Morgen denken.

Bill Morrisons Film über die britischen Minenarbeiter und ihre Gewerkschaften zeigt ein vergessenes Kapitel Industriegeschichte. Ein nostalgischer, sepiagetränkter Rücklick auf die später von Thatcher zerknüppelte Gewerkschaftsbewegung und die zahlreichen ("Brassed Off!") Blaskapellen im englischen Norden (hier ersetzt durch den wunderbaren Soundtrack von Jóhann Jóhannsson), die Traditionen und das, was wir belustigt Solidarität nennen. Was bitter fehlt, heute, wo wir alle die Helden unserer eigenen Geschichte sind, unsere eigenen Autoren, Vorgesetzten und Selbstversicherer, -optimierer und -manager.

Da ist etwas abhanden gekommen.

("The Miner's Hymns". Regie: Bill Morrison. GB 2010.)


 


Samstag, 5. Juli 2014


Kann ich auch!



Heute in der international akklamierten Reihe Blogger imitieren Blogger:

Herr Schneck.


 


Mittwoch, 2. Juli 2014


Aktuell

Blogger.de braucht noch Hilfe, wie hier nachzulesen ist. Wer etwas beitragen möchte, kann dies gerne tun, auch ungerade Summen sind willkommen. Geht ganz alte Schule über eine Bankverbindung.

Tentakel | von kid37 um 18:54h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 11. Mai 2014


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Tentakel | von kid37 um 12:04h | 3 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 13. Februar 2014


Singing the Tweet Life, the Body Electric

Ich lerne ja gerade Schwimmen in einem bestimmten populären Kurznachrichtennetzwerk. Geschult an einer gewissen US-amerikanischen Regierungsverschwörungsagentenromcom, fallen mir dabei ein ums andere Mal merkwürdige Zusammenhänge auf. Offenbar gibt es auffällige Synchronizitäten im Alltagsleben verschiedener Menschen, durch winzige, aber auffällige Details unterschieden. Vielleicht sind wir alle Figuren in einem riesigen Computerspiel, dessen Zufallsgenerator Szenarien auswirft, die nicht endlos variabel sind. Hier eine solche Ereignisschleife vom 11. Februar:





Innerhalb von vielleicht 45 Minuten lieferte die Matrix also obskure Kofferraumgeschichten, wobei unklar ist, ob die transportierten Schweine oder verlustig gegangenen Gepäckstücke im Leichenwagen oder ganz woanders wieder auftauchten. (Etwa im Stream eines anderen Nutzers.) Für die Schweine spräche das ungelenke Wendemanöver - wer geräte nicht ins Schwitzen, randalierten einem plötzlich panisch gewordene Nutztiere hinten im Kombi.

Möglicherweise wollte man mir damit auch eine Botschaft übermitteln, so wie es die Beatles einst mit dem Weißen Album machten, auf dem bekanntlich (wenn man es unter Kopfhörern bei langsamer Geschwindigkeit hört) die Botschaft "Charlie, ruf uns ins London an!" versteckt ist. Wie jedenfalls der nicht bei diesem Kurznachrichtendienst aktive Herr Manson (der andere also, der erste) 1969 behauptete.

Die Botschaft, soll noch mal jemand sagen, ich dächte mir das alles nur aus, lautet offenbar: Vorsicht im Straßenverkehr!

Tentakel | von kid37 um 21:37h | 2 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 9. Januar 2014


Nachrichten aus der Sonderzone



On 9 September 2010, Burley interrupted Labour MP Chris Bryant during an interview regarding developments in the News of the World phone hacking affair with the words, "No, no, no, you can't say that, sir... No, no, no, no, I have to interrupt you, do you have evidence for that?... Pretty strong claim if you don't!" When Bryant responded that the evidence for his statement was clearly included in the parliamentary debate that Burley was actually covering in that section of the programme, she replied, "So you are in a position to have listened to the debate and read the report and as a result you are content to say that on telly.?" Bryant responded, "I have just said that. You seem to be a bit dim, if you don't mind me saying so." [Q]

Soll keiner sagen, so eine kleine Auseinandersetzung wie zwischen Gabka und Slomriel (oder war es umgekehrt?) gebe es nur in unseren Nachrichtensendungen. "You seem to be a bit dim, if you don't mind me saying so", ist schon jetzt ein Satz fürs nächste Reiseportfolio. Ich fürchte, man findet die ein oder andere Gelegenheit für eine nonchalante Anwendung. "Es macht Ihnen doch sicher nichts aus, wenn ich das Quatsch nenne", klingt gleich ganz anders und mundgerechter als ein gepoltertes Basta!

"You peed on me but it's OK!" Die wohl romantischste Silvestergeschichte trudelte via einem populären Kurznachrichtendienst bei mir ein. Skurril, aber natürlich auch ein bißchen traurig. Menschlich war, glaube ich, das Wort. Dinge passieren immer so plötzlich. Ungewollte Abgänge zum Beispiel, um ein wenig im Bild zu bleiben. Man dreht sich um, zack, ist das Gegenüber verschwunden. Die Frau, die einem eben noch Ehe und Hof versprochen hat, sagt "Lassen Sie uns mal diesen Quatsch beenden" und liegt in den Armen eines anderen, der gute Freund, der später mal die Maschinen abschalten sollte, meint, wer will, kann es auch alleine!

Dann steht man da, allein in der feuchten Nacht, eine Zigarette in der Hand, und fühlt sich, genau: angepißt. In der bürgerrechtsfreien Sonderzone ist das derzeit praktischer. Da ruft man, wenn einer stiften geht, halten Sie den oder die mal auf! Und schon stürzen sich geübte Quarzsandhände auf den Flüchtigen, ziehen Öhrchen und stellen ihn als handliches Paket in der Packstation zu. Man fühlt sich und seine zarten Gefühle beschützt. Dennoch bleibt die Hoffnung, der kleine Brechmittelkönig, der die Stadt regiert, würde sagen: "Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden." Meinetwegen soßenverfeinert mit einem kleinen Nachschlag: "Wenn es Ihnen nichts ausmacht".


 


Freitag, 22. November 2013


November, 22.



Ich habe den Fernseher rausgestellt für Coma White, denn heute jährt sich eine berühmte Autofahrt zum 50. Mal. Ein Lied für troubled teenagers, wie aus der selbstgestörten Zeit gefallen. Ich werde es eines Tages für meine Senioren-Goth-Band covern. Wenn uns Pfleger die gebrechlichen Arme halten, damit die Alten sich ritzen können. Vor Kummer und die zugigen Ecken in den Unterbringungsstätten. Die Beautiful People werden sich draußen die silberverkleideten Nasen an den Scheiben plattdrücken. Im wohligen gezapruderten Schauder. Geht aus der Schußlinie, junge Leute. Ein oder zwei von euch müssen die Magic Bullet überleben, um davon zu künden.

Ja, auch hier darf es mal nicht ganz so lebensbejahend sein. Wie heißt es im Lied? "Auch ein Surfer-Boy darf einmal weinen". Die Verschwörungstheorien übrigens wurden in einer bekannten US-amerikanischen TV-Serie (ich komme später noch darauf zurück) alle aufgeklärt. Die Wahrheit da draußen unter den Menschen kann so simpel und erschreckend sein, da braucht es keine Außerirdischen.

Tentakel | von kid37 um 21:22h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 23. Oktober 2013


Kurze Werbeunterbrechung



Jetzt heißt es schnell wieder die dunkelbelaubten Herbstmäntelchen aus den mottenkugelbefüllten Kästen und Schränken zu holen. Noch kurz vor der Zeitumstellung geht es am Donnerstag in der Kaschemme auf St. Pauli ins tiefe, aber kuschelige Tränental. Wer also noch mal richtig schön Nein sagen möchte oder sich gegenseitig anschniefen, ist dabei. Frau Beck, Frau Schwarzenberg und Frau Köhler lesen ohne Quotenmann. Stattdessen gibt es aber Musik! Und Getränke! Und Essen! Und lieb sein!