Schließ nicht die letzte Tür

Unsere Zweifel sind Verräter.
Wir verlieren durch sie oft Gutes,
das wir gewinnen könnten,
wenn sie uns nicht Angst machten,
den Versuch zu wagen.

(William Shakespeare)

Zweifel scheinen eine Saat, die langsam aufgeht und alles Jäten übersteht. Der fall from grace, der Verlust der Unschuld, lehrt (dem einen früher, anderen halt später): Ich bin nicht perfekt. Oder: Geduld ist endlich. Unbegrenzt fließen nur Gedanken und die Kunst. Hoffentlich. Mancher Morgen aber zeigt (im spiegelnden Bild des ersten Kaffees) am weißen Hemde plötzlich Blut. Ach, die frühe Milch des schwarzen Tages. Die Locke deines Haars... Ich kehre aus, und so nie wieder. Den Rücken gefüllt mit Zweifel, der Tag um Tag sich schwerer frißt.

Zaun um Zaun. Eingeschnürt zur Weide bis in die Eingeweide. Ich habe dir nie einen Rosenquarz versprochen, heißt es. Alle sieben Jahre, so sagt man, öffnet sich die Tür. Mit geschlossenen Augen oder offenen. Danach gilt das Geschenk nicht mehr, danach nur noch Bedingungen. Danach folgt nichts mehr.

Heute, ein Tag, an dem Postkarten und Blumensträuße regnen, aus Briefkästen quellen, bis sie wie eine eruptive zähe Masse die Bürgersteige überschwemmen, soll alles sein voll Glück und Dings. Ich geh' mit meinem Hammer raus auf den Kanal und zertrümmere das Eis. Denn das ist so meine Art.

Und dann pack ich diesen fetten Mond. Zerre ihn am Schopf, drücke sein käsiges Haupt unter das schwarze Wasser, dort, wo letzte Woche die Kinder spielten. Eine Ruhe ist!, schrei ich ihn an in meinem nachgeäfften Dorfakzent. Was wolltest du, du vollgefress'ner Sack voll Zweifel? Ich lass' ihn gurgeln und seine Grübelmasse spei'n. Bis er ermattet wie ein schrumpelnder Ballon zum brackigen Grunde treibt.

Violently happy. Ach. Und ach. 'Cos I love you. Ach. Und ach. But you're not here.

The Mercy Seat | 12:41h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fragmente - Dienstag, 14. Februar 2006, 14:04
Man wünscht Ihnen ein Happy End, wenn man das so liest. Aber mit dem Glück ist es ja schwierig, das kommt und geht, wie es ihm beliebt. Zu raten, die Tür immer einen Spalt offen zu lassen, wäre wohl ein wenig platt.

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kid37 - Dienstag, 14. Februar 2006, 14:25
Der Vollmond lacht heute nicht mehr, so viel ist gewiß. Und für die Gothic-Momente im Leben tröste ich mich zum Valentin auf dieser Seite.

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novesia - Dienstag, 14. Februar 2006, 19:59
Ich würde Ihnen die gyfu-Rune schenken wollen, damit Sie sie immer wieder ziehen.
Wunderbare Worte.

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kid37 - Dienstag, 14. Februar 2006, 21:25
Geben. Nehmen. Erhalten. Ein Leitspruch bei blogger.de. Ich selbst verschenke mich hin und wieder gern, sehe mit rotem Schleifchen drumrum aber albern aus.

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modeste - Dienstag, 14. Februar 2006, 20:03
Was wäre das Glück ohne den Zweifel, ob es morgen auch noch am Tisch sitzen mag.

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schluesselkind - Dienstag, 14. Februar 2006, 21:03
Einfach seufz. Abgrundtief.

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kid37 - Dienstag, 14. Februar 2006, 21:29
Frau Modeste: Solch ein Glück wäre natürlich vollkommen. Ein Glück, das zu faul und träge gefressen wäre, den Tisch nicht mehr wechseln zu können - nun, das wäre ein anderes Thema.

Schlüsselkind: Seufzen Sie nicht zu tief. Am Grunde dümpelt der Mond, den ich gestern niedergerungen habe.

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schluesselkind - Dienstag, 14. Februar 2006, 22:06
Ach nein, Herr Kid, ich seufzte voll bitterzartem Wohlbehagen, weil es ein wirklich schöner Text ist. Abgerundet durch die klugen Worte von Frau Modeste. Lassen Sie mich also noch ein bißchen seufzen.

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melville - Mittwoch, 15. Februar 2006, 12:36
Jetzt weiss ich auch, warum ich gestern den Mond vergeblich gesucht habe. Der war bei Ihnen unterm schwarzen Wasser.

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kid37 - Mittwoch, 15. Februar 2006, 21:56
Er hat sich noch ein wenig gewehrt. Aber ich habe große Hände.

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rationalstuermer - Mittwoch, 15. Februar 2006, 19:44
"... und jedem Zweifler eine Ohrfeige" schrieb mir an diesem Tag im letzten Jahr jemand, als die Zweifel noch nicht einmal wagten, die Köpfe zu heben. Geschweige denn, dass von Ihnen die Rede war. Und hat die letzte Tür zugeschlagen, kein Jahr später. Postkarten und Blumensträuße in den mannshoch stehenden schwarzen Wassern des Zweifels ersoffen, ihre lächerlichen Farben längst ausgewaschen, aufgelöst und vermischt mit dieser nach verwesenden Erinnerungen stinkenden Kloake. They´re not here.

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kid37 - Mittwoch, 15. Februar 2006, 21:56
Oh. Die verwesende Erinnerung, ein übles Thema. Hier wurden vor Zeiten schon mal Verbrennungsrituale vorgeschlagen, die hinterlassen auch nur hygienisch unbedenkliche Asche. Eine zeitlang bewahrte ich immer einen Schlüssel unter der Fußmatte auf, aber nur für den Fall, daß mir mal jemand während meiner Abwesenheit eine Rickenbacker (schwarzweiß/ 6-saitig/ Halbresonanz) ins Zimmer stellen wollte.

Steht der Zweifel bockig im Treppenhaus, bleiben die Türen zu und die Nachschlüssel ungenutzt.

So oder so, ver/zweifeln Sie nicht. Halten Sie das Kinn hoch.

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ladys smock - Donnerstag, 16. Februar 2006, 10:00
die Unschuld verloren
Wörter, die an sonst vertrauten Wänden abprallen, liegenbleiben, werden
Berge, über die man nicht mehr kommt.

Ein weites wüstes Feld, das vor einem liegt.
Unbegehbar.
Unbedenkbar.

Vollmond. Nicht ertränkt.
Kalt. Starr. Düster weit entfernt grenzt er im Dunkel scharfkantig ab.

Die Zuversicht der Jahre weggeglitten in das Salz der Wüste.
Eingetrocknet und erstarrt
in Furchen, tiefen Gräben, abgegrenzt.

Keine Bewegung.
Bis auch der Körper erstarrt.
Wie die sonst fröhliche Gelassenheit.

Das war die Unschuld.

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