Samstag, 27. Februar 2021


Das Sanatorium der Quays



Wären die Brüder Quay, unsere aller Lieblingstrickfilmer aus der dunklen "Straße der Krokodile", ein wenig schneller, sie hätten mit ihrem neuen Filmprojekt eine Punktlandung in Pandemie- und Lockdownzeiten landen können. Seit Jahren (übliches Tempo bei den beiden) werkeln sie an ihrer Version von Bruno Schulz' Erzählung "Sanatorium zur Todesanzeige". Es wäre ihr dritter Langfilm. Da die Frage, wovon die US-amerikanischen Zwillingsbrüder eigentlich leben, auch im mittlerweile selbst schon ein paar Jahre alten Atelierbesuch (bei denen sieht es so aus wie bei mir) von Christopher Nolan nicht beantwortet wurde und den beiden sicher selbst ein ewiges Rätsel bleibt, muß man sich mit der Fertigstellung wohl gedulden.

Nun aber sind von der Weltöffentlichkeit und daher auch von mir weitgehend unbeachtet im letzten Sommer sechs Minuten Material vom Anfang der Erzählung aufgetaucht. Ein Lebenszeichen. Sieht bereits sehr stimmungsvoll aus, abgetragene schwarze Anzüge, ungeputzte Zugfenster (ich sagte ja, sieht aus wie bei mir), ominös dronender Sound. Wer nicht warten will, verliert sich bis dahin in der bravourös verzückenden polnischen (Sur-)Realverfilmung von Wojciech Has, die es seit ein paar Jahren auch in restaurierter, von Martin Scorsese angetriebener Fassung gibt.

Bis dahin, liebe Quays, immer weitermachen!

Super 8 | von kid37 um 00:37h | 6 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 21. Januar 2021


Where is the Boy?



An einem kalten Herbstag im Jahr 1959 kam der junge Tommy Slobonczyk vom Spielen nicht nach Hause. Zuletzt wurde er an der Hand seiner Nachbarin Sylvia Masciacz gesehen, seither sind beide verschwunden.

Es sind die Rätsel, die uns wachhalten. Schleier, hinter die man schauen will, Türen, die man mit gestohlenen Schlüsseln öffnet. Lichter am Himmel, Kreuze auf der Straße, vergessene Notizen in alten Büchern. Jemand hatte Kekse gebacken, jemand hatte ein Auto angelassen. Kleinigkeiten, Indizien. Hinter dem Bild im Rahmen steckt eine Notiz, der Gruß eines geheimen Liebhabers in krakeliger Schrift.

Da ich nicht so gut darin bin, einen verdammt guten Kuchen zu backen, habe ich mir dieses kleine bewegte Gemälde erlaubt zum 75. Geburtstag von David Lynch. Der hat gestern allen einen großartigen Tag gewünscht, feiern konnte er wohl ansonsten in Ruhe, alle Augen waren auf Washington gerichtet. Auch wenn der Twin Peaks-Schöpfer neulich in einem Interview erklärte, er hätte zwar ein voll ausgestattes Studio im Haus, aber kein Geld, einen Techniker zu bezahlen, wird es wohl zu einem kleinen Sekt gereicht haben, schätze ich. Denn allein der Stapel seiner Bücher ist in meiner nicht ganz so voll ausgestatteten Wohnung ungefähr so hoch, daß ein Kleinwüchsiger aus einem seiner Filmen gerade so eben darüberschauen könnte.

Als ich in den 90er-Jahren an Walton's Mountain studierte, gab es dort eine Gruppe sehr kluger Studentinnen, die eifrig die mysteriösen oder einfach auch nur überzuckerten Geschehnisse von Twin Peaks diskutierten und versuchten, den Mörder zu entlarven. Ab und an, wenn ich mit Stubenfegen durch war, warf auch ich mal eine Bemerkung ein oder lobte Kirschkuchen, was mich irgendwann einer schönen jungen Frau näherbrachte, mit der ich später auch eine andere mysteriöse TV-Serie nachspielte analysierte. Es gab auch mal gute Zeiten, falls jemand fragt. Das habe ich alles David Lynch zu verdanken! Andere danken auch. Die Norwegerin Ingvild Eiring hat zum Beispiel ein wundervolles und aufwendiges Diorama zum roten Zimmer in Twin Peaks geschaffen. Ich selbst, vermute ich, werde mit 75 längst nicht so einflußreich sein wie dieser Auteur, der seit längerem wieder regelmäßig den Wetterbericht auf Youtube verkündet und die Zahl des Tages auslost. Die 37 7 ist nie dabei, aber dabei könnte es sich um ein Geheimnis handeln.

>>> Geräusch des Tages: David Lynch, Good Day

Super 8 | von kid37 um 19:49h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 9. September 2020


Tied to the Tracks

"Emma Peel kann Karate" war in meiner Kindheit ein offenbar bedeutsamer, obgleich für mich etwas unverständlicher Spruch. Zwar hatte ich auch gelegentlich, erlaubt oder auch nicht, Folgen von "Mit Schirm, Charme und Melone" gesehen. Da kämpften und kombinierten zwei Agenten, paritätisch ein Mann und eine Frau, durchs schwarzweiße Kaltkriegsengland und jagten geheimnisvolle Schurken. So weit, so klar. Aber wenn Onkel und Tanten bei Tisch saßen und beim Sebstgebrannten angelangt waren, hieß es mitunter "Emma Peel kann Karate" - und dann wurde gelacht. das fand ich verwirrend, aber Onkel und Tanten taten zufrieden.

Nun führten Hamburger Nieselregen (innerlich und äußerlich) dazu, aus meinem erratisch geführten DVD-Archiv ein paar Folgen The Avengers, so der Originaltitel, mit Diana Rigg als Emma Peel zu schauen. Hier ihr erster Auftritt, bei dem man sieht, daß Ms Rigg eine zumindest rudimentäre Fechtausbildung genossen hatte. Bei Patrick Macnee bin ich mir da nicht so sicher, aber er wehrt sich so gut er kann. Ich wehre mich auch immer, so gut ich kann, deshalb habe ich eine gewisse Verbindung zur Serie aufbauen können.

In der Folge "The Cybernauts" geht es um böse Roboter, die mit Lochkarten programmiert und von künstlicher Intelligenz gesteuert, als Todesmaschinen durchs Land ziehen. Sehr vorausschauend, wirkt wie heute. Ganz im Gegensatz zu einer leicht verhascht wirkenden Folge aus dem an den Skurrilitäten nicht armen ländlichen Britannien. In einem Krankenhaus für Eisenbahner werden von einer fremden Macht heimlich Störsender gebaut, während auf dem Landsitz nebenan der spinnerte Earl of Soundso einen Eisenbahnthemenpark im Wohnzimmer unterhält und ansonsten mit einem Minizug (ähnlich der im Prater) übers weitläufige Gelände tuckert. Dabei werden schöne Kinoverweise präsentiert. Man sieht wie eine künstliche Landschaft am Zugfenster im Wohnzimmer vorbeigezogen wird, um den Eindruck von Bewegung zu erzeugen (ein Grammophon liefert dazu die Geräusche, und ein Blasebalg bläst Rauch vorbei), während der Hausdiener außen am Waggon wackelt. Der Earl ist zufrieden.

Auf der Strecke aber wartet unterdessen die arme Ms Peel mit bebendem Busen auf ihren Retter. Ganz Damsel in Distress wurde sie in ihrem wirklich sehr engen Lederoutfit von Schurken geknebelt und an die Gleise gefesselt. Die bösen Buben haben die Garteneisenbahn in Bewegung gesetzt und rasen auf die Arme zu. Zum Glück eilt Kollege Steed herbei, und es entwickelt sich, unterlegt mit wilder Klaviermusik und in hackeligem Tempo gefilmt eine Zugkeilerei in bester Stummfilmmanier. Die Dame wird in letzter Sekunde gerettet. Kid37 ist zufrieden.

Alles gar nicht so dumm, und man sieht auch, daß Emma Peel wirklich Karate kann. (Im Tweedkostüm sogar.)

Super 8 | von kid37 um 17:59h | 18 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 26. Juni 2020


Arcadia




Mittsommer und Ofenhitze, nachts höre ich, wie sich das vom Tage ausgeglühte Metalldach meines Leuchtturms mit Plop und Ploing wieder zurückformt. Aber auch Gezischel und Getuschel im benachbarten Grün, ein Rauschen und Knacken, Frauen in Weiß huschen an den Anlegern umher. Ein wenig unheimlich und beklemmend. Ganz wie der britische Collagenfilm Arcadia von Paul Wright. Komponiert mit Material aus dem BBC-Archiv, meist Dokumentationen neben ein paar Spielfilmen (aber keine thematisch allzu offensichtlichen wie zum Beispiel The Wicker Man) verwandelt er das problematische Verhältnis von Mensch und Natur in einen rauschhaften Bilderstrom. Der dunkel gefärbte Soundtrack dazu stammt von Adrian Utley (Portishead) und Will Gregory (Goldfrapp).

Aufgeteilt in mehrere Kapitel sehen wir den Wandel der britischen Landschaft, ihre Unterwerfung durch den Menschen, die Verstädterung und die Industrialisierung. Und dann die Versuche der Rückeroberung, die Suche nach Arkadien. Freikörperkultur der letzten Jahrhundertwende und allerlei undurchsichtige paganistische Rituale suchen die verlorene Einheit mit Natur und ihren Kräften. Volkstänze und unverständliche Feierlicheiten bis hin zur Ravekultur der 90er-Jahre zeigen die eine Seite. Immer gespiegelt mit der bösen: Landnahme, Raubbau, immer wieder die Jagd, Kriege, monströs industrialisierte Landwirtschaft.

Am Ende bleibt man erschöpft und etwas verschwitzt nach diesem düsteren Folk-Horrortrip zurück. Will sich die Kleider vom Leibe reißen, auf nassen Wiesen und durch Büsche herumspringen oder einfach nur gesittet und matt mit Kuchen und Tee am Flußufer sitzen.

Super 8 | von kid37 um 15:06h | 5 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 24. Mai 2020


Das kurze Kino



Krise frißt Kultur: Leider mußte das von mir ausgedachte und praktischerweise auch gleich kuratierte David-Lynch-Talentfestival wegen Corona abgesagt werden. So wurde auch mein munter-dilettantischer Auftaktbeitrag über einen merkwürdigen Waldausflug nicht richtig fertig. Wie überall derzeit: Kaum hebt man die Stimme, wird man ausgebremst. Ausweichen ist die neue Lebenskunst. Zum Beispiel, anstatt Escape-Room-Rätsel lösen, einfach mal die Tarifpläne von Deutscher Bahn, HVV und Niedersachsen durchdringen, ohne Kompaß, ohne Führer. Und ohne Machete natürlich. Es ist ein Dschungel dort draußen.

Mit flackerndem Rotlicht, aber in Schwarzweiß, kommt überraschend David Lynch persönlich angefahren und sorgt für filmische Entschädigung. Der Youtube-Kanal David Lynch Theatre wird zum Autokino für daheim (Zeit, die Kekskrümel vom Rücksitzsofa zu kehren) und präsentiert den kuschelig animierten Kurzfilm Fire (Pozar). Marek Zebrowski (mit dem Lynch schon bei "Polish Night Music" zusammenarbeitete) spielte die Musik mit dem Penderecki String Quartet ein - ganz apart.

Wer es bunter mag, findet hier hingegen ein Vorstadtleben wie gemalt: Angenehm sorglos gezeichnet und unaufgeregt animiert, jongliert der so bezaubernde wie leise verstörende, mehrfach ausgezeichnete Kurzfilm The Noise of Licking von Nadja Andrasev mit vielen Themen, die mich interessieren. Pflanzen zum Beispiel. Neben den Pflanzen gibt es eine blumenliebende Frau, eine voyeuristische Katze und einen seltsamen Besucher. Dressed in Black.

Super 8 | von kid37 um 12:43h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 10. November 2019


Tiers in the Rain



Weil die große Frage im Film die nach der Zeit ist, die uns bleibt, ist es kein Zufall, daß der Blade Runner im totenfeiertagsreichen November spielt. Und zwar exakt in diesem November nämlich, 2019. Vieles aus diesem Film, so zeigt ein Rundblick in die Gegenwart, ist ja tatsächlich eingetreten. LED-Werbedisplays überall in der Stadt, die in U-Bahnstationen "wahre Früchte" bewerben oder Hamburger Leichtbier. Autonom agierende Staubsauger, schwirrende Drohnen, bald auch "Flugtaxis" - zumindestens aber allseits verfluchte Roller - und Menschen, die nicht mehr wissen, ob ihre Erinnerungen die eigenen sind oder bloß von ihrem Instagramaccount suggeriert wurden.

Im Freundeskreis faltet die ein oder andere Origami, papierne Tiere, die sich im Regen rasch auflösen. Als Android der 37. Generation bin ich kaum von einem Menschen zu unterscheiden, denke ich, auch wenn da draußen bei der einen oder dem anderen sicher - im EEG aber kaum zu dokumentierende - Zweifel bestehen.

Was ich sah, wird allerdings nicht wie Tiers im Regen verloren gehen, sondern nur, wenn die Blog-Server von einem elektromagnetischem Sturm zerstört werden. Oder einer mächtig dazwischenhauenden Androidenfaust. Oder einem böswillig vom Kurs gehackten Flugtaxi.

Super 8 | von kid37 um 01:37h | 2 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 13. Oktober 2019


Tagfalten


(Bild: Noah Doely)

Manchmal, wenn ich abends noch ein wenig gedankenverhangen in meinem Labor sitze, umgeben von den Träumen und Schöpfungen des Tages, ist mir ganz flattrig zumute. Man ist ja keine 37 mehr, ein Alter, in der Zukunft an jeder Ecke liegt und aus jeder halbgeöffnete Schublade drängt. Jetzt muß ich tatsächlich auch hier und da mal Pause machen. Und solange es ungewiß bleibt, ob ich ins neurowissenschaftliche Institut wechseln kann, wo man meinen Forschungen über Schmetterlinge im Bauch skeptisch gegenübersteht, wird die Pause vielleicht auch eine längere. Aber auch ich könnte mich noch in einen Schmetterling im Ringelhemd verwandeln!

Ich könnte endlich Autor meiner eigenen Geschichte werden, mich an Apfelessig beschwipsen und auf exotischen Wüstenplaneten traumversponnene Abenteuer erleben - das aber gibt es schon als brandneuen, knapp 20-minütigen Kurzfilm von Bertrand Mandico (dessen The Wild Boys diese Tage auf DVD und BR erscheint). In angemessen bekloppte 70er-Jahre-Ästehtik gehüllt, erzählt er in Extazus eine dunstig herbeihalluzinierte, pulpige Geschichte von wilden, queeren Kriegerinnen in schwülen Glitzerwelten. Wer sich das anschauen möchte, das Video liegt hier.

Zeitgleich läuft (u.a. auf der Viennale) seine ebenfalls ultrafrischer mittellanger Film Ultra Pulpe an, faul ist der Mann also nicht. Mir soll es ein Beispiel sein. Immer weitermachen!

Super 8 | von kid37 um 22:57h | 12 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 27. August 2019


Die Sommerschul-Files



Unterm Dach unerbittliche 30 Grad, ohne Schwanken, ohne Wanken. Es ist so heiß, daß sich selbst die Libellen, die zu Besuch kommen, auf den Rücken legen und das Salz von meinen Lautsprechern lecken. Eigentlich habe ich Urlaub, aber zu viel zu tun, um verreisen zu können. Dazu ist mir bei der Hitze nicht nach Hin und Her, Termine, die sich nicht koordinieren lassen, andere, die unbestimmt bleiben. Ich muß Gutachten besorgen und Unterlagen beibringen, dazu Ideen jonglieren und beruflich Bilanz ziehen.

Weiterbildung ist ein Thema, weshalb ich lieber in der Sommerschule wäre. Entspannt und konzentriert zugleich, tagsüber das Wesentliche zusammenmalen, abends Protestlieder am Lagerfeuer singen.

Lotto war auch nicht, 90 Millionen lagen im Jackpot, bei solchen Summen ist die Währung fast egal. Von dem Geld würde ich ganz viele Rentenpunkte nachkaufen, damit ich später als Lottomillionär nicht zum Amt muß. Dort würde man mich womöglich zwingen, meine Wohnung in New York (die ich mir von den Lottomillionen als Alterssicherung kaufen würde) zu veräußern. Und dann wäre ich im Grunde keinen Schritt weiter als jetzt, wo ich auch keine Wohnung in New York habe.

So weitgreifend und selbstbeleuchtend analysiere ich die Lage und entspanne mich zur Guten Nacht mit den Fällen von Murdoch Mysteries. Die kanadische Serie geht im Heimatland schon in die 13. Staffel (dazu gibt es ein paar "Christmas-Specials" und frühere, zum Teil anders besetzte TV-Filme). "Sleuthing in the Age of Invention" heißt die Tag-Line, die Serie spielt im Toronto von 1899 und ist durchsetzt mit gesellschaftlichen, emanzipatorischen Umbrüchen wie Frauenbewegung, Arbeiterbewegung, Royalismus und Anarchismus, einer Vielzahl weiterer neuer Denkweisen wie Spiritismus, aber auch (anachronistischer) moderner Malerei wie den Kubismus, und eben den vielen technischen Erfindungen der viktorianischen Zeit. Da fährt ein frühes Elektrofahrzeug ein Rennen gegen einen Wagen von Henry Ford, gibt es den Phonographen zur Stimmaufzeichnung, das Telefon, den Kampf zwischen Tesla und dem finsteren Edison und dem zwischen dem Pferd und dem Fahrrad.

Detective Murdoch fährt Fahrrad und ist auf seiner Dienststelle (Obacht!) schräg angesehen, weil er seine Zeit damit "vertrödelt", Bluttest einzuführen, Fingerabdrücke zu sammeln, UV-Leuchten (um Blutspuren sichtbar zu machen) und Photoapparate zur Beweissicherung einzusetzen - als ginge klassische Polizeiarbeit nicht auch ohne dieses ganze obskure Zeugs (so sein Chef).

An seiner Seite (herzseitig links) arbeitet eine fesche, sehr emanzipierte (Obacht!) brünette Gerichtsmedizinerin (gespielt von einer australischen Schauspielerin), die Kugeln in Leichen sucht und Organe wiegt und dabei in ihrer Pathologie Schellackplatten mit klassischer Musik auf dem Grammophon spielt. Trotz "big love in the air" kommen die beiden (Obacht!) nicht recht zusammen, auch wenn alle anderen in der Umgebung darüber mit den Augen rollen.

Ab der zweiten Staffel, wenn sich Team und Macher und Schauspieler freigespielt haben, wird es richtig munter, auch wenn es eine B-Serie bleibt, hübsches TV-Niveau halt, nicht so ambitioniert wie Ripper Street oder Coppers. Aber eben vollgepackt mit Anspielungen auf Filme, Romane und populären Mythen (etwa, wenn Murdoch in Klondyke einem Mann namens Jack London den Begriff "call of the wild" vermittelt) und witzigem foreshadowing technologischer Entwicklungen wie etwa der "iMail". In einer frühen, sehr amüsanten Folge wird ein ermordeter Hobbyastroom entdeckt, dessen Studierzimmer voller mysteriöser Zeichnungen von Planetenbahnen und Marsoberflächen ist. Als Murdoch und sein Constable Crabtree nachts die Umgebung untersuchen (ein Bauer hat nämlich Kornkreise auf einen Feldern entdeckt!), gleiten plötzlich (Obacht!) unerklärliche Lichter über den Himmel. Während Crabtree vermutet, es seien (Obacht!) Aliens gelandet, folgt Murdoch der Spur zu einer Scheune und (Achtung, Spoiler!) und entdeckt Männer, die an einem russischen Zeppelin werkeln. Die Emittler werden dabei entdeckt und betäubt - und als sie am nächsten Morgen erwachen, sind (Obacht!) in der Scheune keinerlei Spuren mehr zu entdecken, und ihre Geschichte wird von niemandem geglaubt.

Ich vermute hier eine Anspielung auf eine bekannte US-amerikanische (die aber in Kanada gedreht wurde) TV-Serie, die manche für "soooo 90er" halten. Ich möchte daher ergänzen: "Soooo 1890er!"

>>> Murdoch Mysteries, Trailer

Super 8 | von kid37 um 22:28h | 11 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 22. Mai 2019


Die wilden Jungs



Zur Überbrückung kurz ein Hinweis. Seit ein paar Jahren bin ich ja Fan der Arbeiten des frivol-französischen Filmfantasten Bertrand Mandico. Er selbst sieht sich beeinflußt von David Lynch und Fellini, in seinen frühen Animationsfilmen schubbert unverkennbar auch der tchechische Altmeister Jan Svankmajer durch. Sein größter Einfluß aber ist der polnisch-französische Filmautor Walerian "Boro" Borowczyk, der in den 60er- und 70er-Jahren mit surreal angehauchten, erotischen Werken wie Goto, Insel der Liebe, Origin of Sin und La Bête bekannt wurde. (Viele seiner Filme sind in restaurierter Fassung auf BluRay in Großbritannien erhältlich). Ihm widmete Mandico mit Boro in the Box (Trailer) eine ebenso surreal angehauchte, kurzweilige Hommage in schönstem Schwarzweiß und schräggestellter innerer und äußerer Haltung. Dem folgten eine Reihe von Kurzfilmen, oft mit der wunderbaren Elina Löwensohn (mir einst durch den von David Lynch co-produzierten Fisher-Price-Spielzeugkamera-Vampirfilm "Nadja" bekannt geworden, später spielte sie im laschen Die Weisheit der Krokodile. Zuletzt sah man sie in Guy Maddins Meisterwerk The Forbidden Room und unter der Regie der vor einiger Zeit heiß gehandelten, letztlich aber eher kunsthandwerklich interessanten Italofilm-Eulologen Hélène Cattet und Bruno Forzani.)

Mandico plant, jedes Jahr einen Film mit Löwensohn zu drehen, um in zwanzig Jahren mal zu schauen, wie sich Land, Leute und Leinwand verändert haben. Das sieht dann assoziativ komisch-lüstern wie in Prehistoric Cabaret aus oder düster-dramatisch (aber auch auf makabre art hoffnungsvoll) wie in Living Still Life. Ein tolles Projekt, das - es handelt sich ja zumeist um Kurzfilme - sich ja wohl verwirklichen lassen sollte.



Mit Löwensohn drehte er nun auch sein Langfilmdebüt The Wild Boys, der nun eine kleine Kinoauswertung erhält. Dem Filmgott sei Dank. Die wilde Läuterungsfahrt einer kultisch-esoterischen Gruppe Internatsjungs (alle gespielt von Frauen), die ein brutales Verbrechen begingen und nun von einem alten hölländischen Kapitän zu einer exotischen Insel geschippert werden, ist eine schwül-fiebrige Geschichte (in Schwarzweiß mit kurzen Farbsequenzen) über Initiation, Gender, Lust, Gewalt und Leben. Die Insel ist voller phallischer, verlockender Pflanzen (die Jungs wollen fruchtberauscht gar nicht mehr weg), Piraten und der Löwensohn als philosophierende Therapeutin mit bizarren Methoden. Wer das lose von Burroughs inspirierte Werk auf der Leinwand sehen kann (im Juli z.B. in Berlin), sollte das nicht verpassen, denn solche frei schwingenden, in traumverklärte Tableaux vivants dahingereihte Filme sind selten.

>>> Bericht über Mandico (leider hat Arte die deutsche Fassung runtergenommen)
>>> Interview zu The Wild Boys im Extra Extra Magazine
>>> Artikel auf Mubi
>>> Webseite von Bertrand Mandico

Super 8 | von kid37 um 23:51h | 10 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 18. März 2019


An Apple a Day



Aus Mangel an toten Fasanen muss man städtische Stilleben heutzutage ja oft aus anderen Symboltieren zusammenstellen. Wie hier mit dem Glow-in-the-dark-Wurm.
O, Vergänglichkeit der Zeit.

Lange Zeit, da beißt ein Wurm keinen Faden ab, glüht man immer mal wieder für dieses oder jenes vor, brennt wohl eine Weile, und dann ist irgendwann aber auch mal ausgeglüht. Dann kommen die Würmer, zack, usw.

Ißt man nicht täglich seinen Apfel, könnte man also melancholisch werden und im trüben Wetter die Handyfilme von Filmemacher Scott Barley anschauen. Da passiert nicht viel, das aber eindringlich. So wie in The Etheral Melancholy of Seeing Horses in the Cold. Da ist es feucht, da ist es kalt, da ist es neblig, da stehen Pferde rum, die man betrachtet. Ist so.

Pferde essen auch Äpfel. Einen am Tag, manchmal auch mehr. Mehr von Scott Barley gibt es bei Vimeo.

Super 8 | von kid37 um 21:00h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link