Sonntag, 4. November 2018


Monatsreport

Eine Urlaubswoche rum, und was habe ich geschafft? Eine kleine Reise kurzfristig abgesagt, weil Berlin damit drohte, mir wie so oft kalten Regen ins Gesicht zu schlagen, und das kenne ich schon, das brauche ich nicht. Das wird so nichts, und ich habe da mittlerweile auch keine Geduld mehr für. Daheim allerdings läuft die Heizung auch nicht so, wie ich es kuschelig gewohnt bin. Ich fürchte, die Firma hat schon wieder gewechselt, und die neue kennt halt das diffizile, sensible, labyrinthisch gewachsene, mit zahlreichen unübersichtlichen warmen Armen durchs Gebäude mäandernde System nicht. DIE MASCHINE. Ich würde gern ein Sabbatical machen, etwas Heizungstechnik lernen und mich fortan nur noch dieser MASCHINE in einer symbiotischen Freundschaft widmen. Ich habe ein Faible für komplizierte Menschen Sachverhalte, das verleiht meinem eigenen schlichten Leben mehr Tiefe.



Wenig tiefenentspannt habe ich in meinem stattdessen angetretenen Kultururlaub die Memoiren von Cosey Fanni Tutti, bekannt von Throbbing Gristle, nach knapp einem Drittel zugeschlagen. Wenn man noch erfüllt ist von Viv Albertines großartigem Erinnerungsbuch (die Fortsetzung liegt hier noch), liegt die Latte natürlich auch hoch. Die Mitbegründerin der "Christel" hingegen, wie Industrielle zärtlich sagen, zeigt in Art Sex Music leider keinen rechten Zugriff auf ihren Stoff. Wo Albertine mit Witz und Reflektion spannende, berührende oder (selbst-)ironische Anekdoten einstreut, die sehr bildlich und immer wieder auch sehr grafisch sind und ein Verständnis verraten für das, was da gerade abgeht und welche Bedeutung es auf persönlicher und (musik-)historischer Ebene hat, leiert CFT in einem monotonen Listenton endlose Banalitäten herunter. Dann passierte dies, dann passierte das. Alles abstrakt, alles bloße Erwähnung, keine bildliche Beschreibung, kein foreshadowing, was das alles bedeuten oder andeuten könnte, keine Analyse auch, was ihr Selbstverständnis als Person und als Künstlerin eigentlich ist oder anfänglich eben noch nicht ist. Im Vergleich wirkt Viv Albertine wie eine brillant analysierende, reflektierte Karriereplanerin mit einem glasklaren Konzept über sich selbst und die Kunst, die sie machen will.

Als Forschungslektüre ist Art Sex Music leider auch wenig hilfreich, so fehlt dem Buch ein Personenregister. Kurz, ich bin von diesem Buch genervt. Manchen geht es ja mit der Musik von Throbbing Gristle so.

Positiv überrascht bin ich allerdings von We Are Gypsies Now. Danielle De Picciottos hübscher Bilderbuchbericht (ihre naiven, ornamentverzierten, zweidimensionalen Zeichnungen erinnern an Linolschnitte nd vor allem an die US-amerikanische Tradition der Legendenbilder) über Lebensentscheidungen, große und kleine Suchen und das Touren durch alle Welt ist kein happy-go-lucky-Hippie-Bericht, sondern eine teilweise erstaunlich offene und ehrliche Erlebniserzählung und Reflektion, die Erfahrungen von unterwegs immer wieder einzuordnen sucht. Stichwort: Künstlersozialkasse. Grundsympathisches Buch.

Sehr angetan bin ich seit einiger Zeit auch von der Arbeit Olga Neuwirths. Kennt ihr alle, ich weiß, aber ich habe eben lange unter einem Stein geschlafen. Die Grazer Komponistin hat sich regelmäßig mit dem Medium Film (u.a. mit David Lynchs Lost Highway) auseinandergesetzt, und ein Auszug ihrer Arbeiten gibt es in einer Doppel-DVD-Ausgabe. Die ersetzt natürlich nicht die teilweise für mehrere Monitore/Leinwände konzipierten Installationen/Screenings, aber je nun. Für trübe Tage, es regnet ja nicht mehr. Neben komplett eigenen Projekten oder solchen nach literarischen Texten (u.a. Leonora Carrington) gibt es auch Vertonungen von Stummfilmen oder Animationen der Brothers Quay zu sehen/zu hören. Reizvolle Klangexperimente für unbefangen naiv gebildete wie mich.

Kommen wir doch mal zu den Männern, die machen ja auch Kunst. L'Imbalsamatore (zum Glück mit englischen Untertiteln) vom Gomorrha- und Dogman-Regisseur Matteo Garrone ist ein hübsch fotografiertes Noir-Dreiecksdrama um einen kleinwüchsigen Tierpräparator mit Mafiaverbindungen und seiner unerfüllten Liebe zu seinem neuen schönen Assistenten, der sich wiederum in eine ebenso schöne Autowerkstattangestellte verknallt. Aufgestaute Leidenschaften, Eifersucht und ein grau-tristes Italien wie aus dem Vorstadtbilderbuch. Manchmal skurril, nicht ohne Humor, meist aber einfach nur traurig, vor allem, wenn man an die von Blödheit gekennzeichneten Lebensentscheidungen dieses bello ragazzo denkt. Super zum Sonntagskaffeeundkuchen.

Ansonsten habe ich für die Recherche zu meinem demnächst erscheinenden Debütroman Vom Schlafen in gepflegten Kleidern ein paar lose Knöpfe angenäht, viel geschlafen, um korrumpierende Erwerbsarbeit zu vergessen und rhythmische Haushaltsgymnastik (Wäsche, Böden, Fensterdichtung) betrieben, um in wohl präparierter Form zu bleiben. Nach dem Motto: Erst war dies, dann war das.


 


Sonntag, 7. Oktober 2018


Fotografia della Motte



Sonntags sitze ich nach einer kleinen Runde zum Elektroschrottcontainer (anders als früher werfe ich da jetzt Zeug rein und hole nicht einfach nur was da raus, was man sicher noch gut verwenden könnte, wenn man es einfach nur ein wenig reparieren (ist sicher nicht viel dran) und in meiner kleinen Werkstatt modifizieren würde) im Easy chair, wie es weltmännisch heißt, und blättere durch die Wochenlektüre.

Etwas Neues, etwas Altes, etwas Blaues... Ich achte mit einer gewissen Akribie auf die richtigen Zusammenstellung dabei, denn Gestaltung macht auch vor den profansten Dingen im Alltag nicht Halt. Dahinter steckt die noch diffuse Idee, mich irgendwann einmal selbst recht kreativ auszudrücken zu wollen und einen Verlag für außergewöhnliche Fotobücher zu gründen. (Später, bitte keine Anfragen.)

In dieser Edition, so der Plan, werde ich vier Fotobücher (I - IV) veröffentlichen, mit exquisit ausgewählter, schwer verständlicher und noch schwerer aufzufindender Fetischfotografie, die ich - streng limitiert auf 237 Exemplare - an sehr alte, dafür aber sehr reiche Tokioter Fischgroßhändler verkaufen werde für 1500 2500 Euro das Stück. Die Aufmachung ist delikat: Einband aus gegerbten Mottenflügeln, die beim ersten Öffnen zerfallen - als Symbol für nachtbeflügelte Dekadenz und dem Ende von Allem. Wer sich jetzt noch fragte, wozu die Mottenexperimente in meinem geheimen Geheimlabor, der ahnt es jetzt und schweigt für immer.

Die Nachtfalterliteratur liegt eh im Argen. Bücher über Schmetterlinge gibt es in allen Farben des Regenbogens, aber über die in 50 unterschiedlichen Grautönen gefärbten (mein erster Verlegerwitz!) Kameraden der Nacht schweigt sich die Fotografie irgendwie aus. Bis es so weit ist, Dummys müssen gebaut, Gelder lukratiert werden, bleibe ich auf Käuferseite und unterstütze als Crowdfunder die Projekte anderer. Wie das neue Buch von Gilles Berquet Le Fétiche est une Grammaire, das ein bißchen Retrospektive bietet und einen Überblick über neuere Arbeiten, aber ganz wie Nachtfalter natürlich nicht jedermanns Sache ist. Die antiquarische, nicht übermäßig spektakulär aufgemachte Anthologie mit Zeichnungen von Franz von Bayros ist ein hübscher Rückgriff auf längst Vergangenes. Der Mann ist ja in Wien verstorben, wie überall nachzulesen ist, was ich irgendwie sehr angemessen finde in dieser Verbindung von Erotik und Tod und zwischendrin ein paar Girlanden. (Er selbst nannte es wohl, so entnehme ich der Wikipedia, "seine Verbannung". Oida. Aber offenbar war er eh ein bißchen weggetreten, mit Ansichten, mit denen man heute bei mir auch nicht punkten könnte.)

Dazu Kekse und Kaffee, etwas Herbstsonne und gepflegte Müdigkeit. Patti Smith zeigt heute bei Instagram ihre kleine Butze am Rockaway Beach. (Dazu gibt es hier ein hübsches Interview in der New York Times, das zeigt, daß ihr Artaud-Buch schon seit 2015 dort herumliegt. Ein wenig beruhigt mich das, setzt mich dieser Umstand doch in sehr gute Gesellschaft.)


 


Mittwoch, 26. September 2018


Sweet Ruin



Große Ereignisse brauchen ja meist eine bestimmte Zeit, ehe sie verarbeitet sind, sich ins Unbewußte eingenistet haben und als Erinnerungssplitter und Resonanzböden zur Verfügung stehen. Beim wöchentlichen Milchpackungs-Yenga in der Fabrikkantine rutschen mir mittlerweile Skulpturen wie diese Milchskyline heraus, die eine fast fotografische Ähnlichkeit zu der einer gewissen großen Stadt in den USA aufweist. Sogar in 3D. Da habe ich mich selbst ertappt!



Die Domino-Zuckerfabrik in Williamsburg hatte es mir ja besonders angetan. Bis 2004 galt sie als größte der Welt (Make Sugar great again!), seither stand sie so rum und verfiel zu einer Filmkulisse. Zu schade, daß sie nun "entwickelt" wird, man ahnt schon das Ergebnis. Da sich die Fassade der alten Fabrik nicht so leicht mit Milchtüten nachbilden läßt, habe ich mir nun ein Fotobuch gekauft.

Fotograf Paul Raphaelson hat das gemacht und für sein Kickstarter-Projekt dazu einen kleinen Film. Man sieht schöne Bildstrecken von den alten Innenräumen, Schaltern und Kontrollräumen, Silos und Förderanlagen - und alles, das ist das zuckergestärkte Sahnehäubchen, ganz ohne übertrieben kitschige HDR-Effekte. (Hier ein Artikel aus dem Brooklyn Daily Eagle.)

Manchmal wenn ich traurig bin, weil ich keinen candy-bar abbekommen habe, schaue ich mir die Bilder der Zuckerfabrik an, Heimat vielleicht eines schaurigen Willy Wonka, der mich mit grellbuntgefärbten Bonbons in den Wahnsinn treiben will.

(Paul Raphaelson: Brooklyn's Sweet Ruin. New York: Schiffer Publishing, 2014.)


 


Montag, 2. April 2018


Sonne ohne Gück

Ich komme jetzt in das Alter für Fußbäder und Apfelessig. Und Nachdenklichkeit. Gerne auch in Kombination. Nachdem ich mich neulich unter dem Gelächter der Kollegen geoutet habe, gelegentlich Gegenstände bei Manufactum zu kaufen, kann ich über derlei Angelegenheiten nun ebenfalls ganz freimütig sprechen. Das Alter führt eben zu innerer Bordüre und Fußermüdung. Dabei ist sozusagen Apfelessig mein Sundowner, den trinke ich dann, die Füße im Wasser, und schaue in den Untergang.

That was when I was twenty, half my life ago, and a boy my age made the most politey democratic proposition I ever received: would I like to make a movie with him in the ruined hospital near my San Francisco home? I would, we did, and we spent the next six years together in amazing tranquility...

Rebecca Solnit ("Coming of age in the heydey of punk, it was clear we were living at the end of something") schreibt in ihrem formidablen A Field Guide to Getting Lost über Aneignung verlassener Plätze, ehe dies wie heutzutage eine beinahe zu ubiquitäre Subkultur der "Lost Places"-Aufsucher geworden ist. (Früher hatte man als junger Mensch einen eigenen Detektivclub, heute sind es "Urban Explorers".) Solnits Buch enthält eine Menge kluger Beobachtungen, vor allem über notwendige Perspektivwechsel. Wann ist man also "verloren"? Häufig doch eher für die anderen, deren Blick und Einfluß man entwichen ist. Doch ist man nicht hier, ist man vielleicht woanders, aber nicht verloren. "Verloren sind übrigens immer nur die anderen" könnte man Duchamp oft verballhornten Spruch über den Tod abwandeln.

Sich über die Kunst kennenlernen, kommen wir zurück zu Solnit, ist vielleicht das Schönste. Oder sagen wir: Zusammenarbeit. In "amazing tranquility". Welch ein Glück. Wie so ein Schloß mit Vögeln drumrum.

(Rebecca Solnit. A Field Guide to Getting Lost. London: Penguin, 2006.)


 


Sonntag, 11. März 2018


Meet the Family



Ich lade ja hie und da zum Kaffee ein, unbefangen und kuchenhungrig wie ich bin, aber die ungezählten Stufen hinauf zum Leuchtturm schrecken Ungeübte ab. Wie gut indes, wenn man eine bucklige Familie hat, mit all ihren obskuranten Eigenheiten und wenn auch kurzatmige, so doch durch kein noch so festgezurrtes Fischgrätkorsett zu bremsende Montanttalente. Colin Batty hat die Rasselbande bildhübsch porträtiert. In all ihrer Besonderheit, denn was Strahlung durch oberirdische Atomtests, verbotene Pestizide und Dosenobst anrichten können, hat man früher jahrzehntelang gesehen. Wenigstens wußte man noch, daß Diesel dreckig war.

Batty, jetzt heißt es aufgepaßt, macht seine Bilder nicht wie wir auf dem Computer, sondern für die heutige Zeit fast schon verhaltensauffällig mit einer starken Lupe und einem Pinsel, so fein, die Wimper eines Babys wäre ein Straßenbesen dagegen. Damit malt er entzückende Porträts, unter anderem auch von mir, wie ich meine neuen und beeindruckend kleidsamen, wie ich in aller Bescheidenheit anmerken möchte, Wintersachen anprobierte. (Gegen scharfen Küstenwind hilft diese Kappe ganz vorzüglich.)

Tante Lucia mit dem elektrischen Kopf ist darunter, der schöne Werner mit dem Fleischwolf auf der Stirn, die Zyklopen-Cousins aus der Nachbarschaft und Mizzie und Sprudel, die Angeheirateten, die immer wuschelige Mützen aus Echthaar trugen. Schöne Erinnerungen allesamt, denn so jung kommt man bekanntlich zu Kaffee und Kuchen nicht mehr zusammen.

(Colin Batty. Meet the Family. Portland: Freakybuttrue, 2014.)

Ex Libris | von kid37 um 15:33h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 15. Februar 2018


Schatten der Vergangenheit



Letztes Wochenende war das Wetter plötzlich so usselig, daß ich den Akademierundgang an der HfbK geschwänzt habe. So weiß ich nicht, was die Damen und Herren Studenten derzeit so treiben von meinen teuren Steuergeldern. Ganz väterlich wagte ich stattdessen einfach das Prinzip "lange Leine" und "Vertrauen", denn junge Menschen müssen ja auch flügge werden, und der ein oder andere Nasenstupser gehört dabei dazu.

Kuschelige Zeit also, mich angesichts des nebligen Wetters am imaginären Kamin meinen nebligen Forschungen hinzugeben und ein wenig in den Bücherstapeln zu blättern. Da ist dieses vergnügliche Buch von Stefan Bechtel und Laurence Roy Stains: Through A Glass Darkly. Da geht es um eine exzentrische pasttime von Sherlock-Holmes-Erfinder Sir Arthur Conan Doyle, der modern genug war, für die aktuelle Mode der Viktorianer, dem Spiritualismus, den oberen Hemdknopf zu lösen und sich mit detektivischem Interesse allerlei Spökenkiekerei und technisch getriebenen Scharlatanerien de jour hinzugeben. Elfenfotografie (klassisch mit "ph") und eben allerlei Gedöns mit Seancen und Ektoplasma-Erbrechen. Die wabernden Geister, die sich bei der Lektüre über meinem graubehaarten Schädel herausbilden, kichern sich eins und wackeln begeistert mit ihren dürren Fingern. Ältere Menschen erinnern sich noch an dieses japanische "Akte X" aus den 70er-Jahren - S.R.I.. Da gab es eine Folge mit grünem Ektoplasma, das bedrohlich durch Türritzen kroch und blutjunge Zuschauer derart traumatisierte, daß aus ihnen später Blogger wurden.

Ähnlich vernüglich ist Rebecca Solnits A Field Guide to Getting Lost. Solnit ist gerade mit Büchern über "Mansplaining" in vieler Munde, hier spaziert sie in kunstgeschichtlicher und auch biografischer Weltgeschichte herum, erklärt das Prinzip der Perspektive in der Malerei und das Sehnsuchtsblau und ist dann bald wieder bei persönlichen Erinnerungen. Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung, worum es in dem Buch wirklich geht, ich bin da ein wenig "lost" könnte man sagen. Ältere werden sich an H. D. Thoreau und seinen Essay übers Spazierengehen erinnern, nach dem einige Leser einst sogleich zum Zigarettenholen aufgebrochen und nie wieder aus dem Automaten zurückgekehrt sind. Ein Fall für das S.R.I. wohl. Solnit hat einige interessante Überlegungen an Bord, warum man beispielsweise in unbekannter Natur nicht immer gleich auch "verloren" ist, und wann und jenseits welchen Kartenrahmens dann eben doch.

Ein Herr Bateman hat über solche meine Forschungen einen hübschen Satz Kabinettkarten erstellt. Ältere erkennen das Studio "Reuter und Pokorny" aus der Wollzeile 34. Da haben wir uns früher alle photographieren lassen - für unsere Blogs - oder schnell noch im Ornat vor dem Opernball.

Ex Libris | von kid37 um 21:15h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 3. Januar 2018


The Kid-Files



"Denkt denn niemand an die Kinder?" heißt es ja oft. Kim Smith hat es getan. Rechtzeitig zum heutigen Start der 11. Staffel der von zwei, drei Leuten gemochten US-amerikanischen Mystery-RomCom "Akte X", zeigt uns Earth Children Are Weird ein Abenteuer aus der Kindheit vom (Alb-)Traumpaar Mulder und Scully (Teaser).

Beim wagemutigen Campingtrip in den eigenen Hinterhof begegnet Mulder mysteriösen Schatten, die die besserwisserische Little-Miss-Know-it-all und spätere Einser-Abiturientin Scully gleich meint, ERKLÄREN zu können... man rollt mit den Augen, denn manche Dinge ändern sich halt nicht - auch wenn sie soooo 90er sind, wie manche mit abgespreizten kleinen Finger meinen.

Zum Glück gibt es so charmant illustrierte kleine Bücher wie dieses, die schon die Kleinsten subversiv darauf aufmerksam machen, daß alles immer auch immer ganz anders sein könnte. Oder doch nicht?

Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen, also im eigenen Hinterhof vielleicht. Such da, wo du mit dem Besen kehrst, heißt es. Zurecht.

(Kim Smith (Illus.). The X-Files: Earth Children Are Weird. New York, London: Penguin Random House, 2017.)


 


Samstag, 16. Dezember 2017


Ich wage mich in die Stadt, esse keinen Kuchen, nehme später aber ein Buch zur Hand

Für einen armen Mann jedoch,
dem es daheim nicht gefällt,
gibt es ein ansprechenderes,
reicheres, strahlender beleuchtetes
und immer gastliches Haus: das Café.

(Albert Camus, Der glückliche Tod.)




Dabei hab' ich gar nix gemacht. Ich schwör! Monatelang Lange Zeit hing mein Theraband ganz unschuldig über der Türklinke (also ungefähr so, wie andere Leute dort zur Raumverschönerung Bortebänder oder Beutelchen mit Lavendel hängen haben). Jetzt war mir kurz nach Sport, fasse es nur einmal an - und gerissen war's. Wie so ein in der Küchenschublade vergessener, völlig verschrumpelter Gummiring. So viel Kraft habe ich schon, nur vom Schauen. Theraband.

Also dachte ich, mach doch einfach einen Stadtbummel zu deiner Kraftübung. Ein neues kaufen. Natürlich habe ich vergessen, daß da jetzt diese Buden sind. Es blinkt und dudelt und steht vor allem im Weg wie sonst nur die mobilen Betonklötze (saisonalbedingt rot-weiß eingehüllt), die entfesselte LKW im bösen Fall des Falles aufhalten sollen. Normal. Es sind Menschen in der Stadt, nicht alle freundlich, manche aber schon. Die Apothekerin lobt meine Brille, und schon sind wir in einem Gespräch - von Brillenträgerin zu Brillenträger - über Gleitsicht und Weitsicht und immer wieder über ihre Ansicht bezüglich meines Exemplars. Wie nett.

Im Café dann großes Gewühle und zu wenig Stühle: kein Platz zu bekommen. Eine kuchenlose Zeit! Und das vor Weihnachten. Enttäuscht kaufe ich ein Theraband.



Zuhause möchte ich weiterlesen in Viv Albertines Memoiren, die ich völlig vergessen habe vorzustellen. Genauso wie die CD von Bruit, auf die ich durch Herrn Fabe aufmerksam wurde. Die hört sich sehr schön an. Also wie ein röchelnder Elefant vielleicht mit Schnupfen oder ein Staubsauger, der gerade das untere Ende des Vorhangs erwischt hat, der vor der Sammlung mit den Boudoirgemälden oder den Fetischstiefeln hängt. Der Musiker ist Saxofonist und macht Geräusche. Auf Anhieb meine zweitliebste Platte dieses Jahr.

Viv Albertine ist eigentlich keine Musikerin, also im klassischen Sinn, hat ihr Leben lang aber viel schräges Zeug gemacht, nachdem sie nach dem Besuch eines Sex-Pistols-Konzerts beschlossen hatte, eben doch eine Musikerin zu sein, gemeinsam mit ihrem damaligem Freund Mick Jones, der gerade The Clash gegründet hatte, eine Gitarre kaufte, eine E-Gitarre, das ist nicht ganz unwichtig, und ohne so recht spielen zu können (als käme es darauf an, ihr Hippies!) bei den famosen Slits landete, deren Single Typical Girls (hier mit Budgie an den Drums) für die deutsche Ausgabe ihres Buches herangezogen wurde. "A Typical Girl", typisch deutscher Begriff. Das Lied meint das natürlich satirisch, und der Text hat - leider - nicht gelitten.

Viv Albertine, die ursprünglich, wie bemerkenswert viele coole Musikerinnen und Künstlerinnen ursprünglich aus Australien stammt, summt ihre Erinnerungen angenehm witzig, lakonisch, tongue-in-cheek und nie eitel daher. Dabei hat man schnell den Mund offen, mit wem die beispielsweise alles zur Schule gegangen ist, damals in den Prä-Punk-Jahren, oder sonst oder später kannte. Oder die alle sie.

Es gibt eine hübsche Folge der britischen TV-Reihe Carpool mit ihr, ich gucke das immer zur Entspannung. Ich glaube, die kann mit einer Hand ein Pferd halten und mit der anderen einen Kuchen backen. Aber die macht ja Musik, oder filmt (sie hat die Hauptrolle als Performancekünstlerin im großartigen "An Exhibition") oder macht Kunst. Und Kuchen, da habe ich einen ganz starken Verdacht und eines Tages, glaubt es mir, werde ich das herausfinden. Alles angenehm bodenständig. So wie ihr Musikunterricht.

Das Buch ist eine schöne Emanzipationsgeschichte, as it is, also auch so zu lesen, nicht nur als Erinnerungsmaschine an die Punk-Ära. Wie man aus einfachsten Verhältnissen kommt, suggeriert bekommt, daß man angeblich nichts könne und dann eben doch ganz schön viel kann. Weihnachtslieder macht sie auch.

>>> Geräusch des Tages: Bruit, Botanik


 


Sonntag, 26. November 2017


The Ghosts of My Friends

Während man schon Termine für das nächste Jahr™ machen muß, so weit ist es also schon wieder gekommen, lohnt ja auch mancher Blick zurück. Ich weiß das, denn wenn es einen fast schon über-passionierten Zurückblicker gibt, dann bin ich das. 1909 also saß man hier und da noch zusammen mit seinen Internetbekanntschaften und ließ sie Papiere unterschreiben. Bücher entlang einer gedachten Linie, dann klappte man das Blatt zusammen und hatte bald eine mysteriöse Autographen-Sammlung zusammen.

Die Idee ist natürlich deshalb so hübsch und bestechend, weil sie so einfach ist. Also, wenn man Freunde hat oder andere naive Menschen kennt, die einfach so ein Blankoblatt Papier unterschreiben. Ich sage dann ja für gewöhnlich, melden Sie sich doch zu diesem Behufe bitte bei meiner Sekretärin, die macht einen Termin aus. Oder ich täusche einen Krampf in der linken Hand vor. Kann leider nicht schreiben, Sie sehen ja selbst... wie eine Piratenklaue! Eine schnell ausgedachte glaubwürdige Geschichte ("Da war nichts!") hat schließlich schon manchen gerettet.

Die anderen geistern noch hundert Jahre später als Rorschachtest durch alte Folianten. Eure Poesiealben mit Pferdebildern und Einhörnern stellt da mal schön hinten an.


 


Dienstag, 18. April 2017


Wie ausgeschnitten

Meine Idee vom Leben als Brautkleiddesigner auf Home-Shopping-TV schlug fehl, meine Entwürfe stießen auf wenig Gegenliebe, wurden verlacht oder bestenfalls ignoriert, was mir leichte Grauschleier aufs innere weiße Fest warf.

So machten ein guter Freund und ich also wohltemperiertes Geld mit einer kleinen Möbelmanufaktur, in der wir Kommoden mit raffinierten Oberflächen wie Farben aus echtem Perlmutt und Rochenhaut versahen. Die sahen ein wenig so aus als hätte Francis Bacon Möbel entworfen, war aber alles solide verarbeitet mit Schwalbenschwanzverbindungen und Farbholzschnittintarsien. Die puristischen, schwarz-weißen 80er waren gerade vorbei, man entdeckte wieder ein Gefühl für Stil und komponierte Wohnwelten. Unser Motto lautete, jedem Projekt eine passende, individuelle Geschichte einzuhauchen nach dem an der Hochschule für Visuelle Kommunikation gelehrtem Prinzip "Eine rote Säule belebt jede Inszenierung". Manchmal nahmen wir die rauhen Betonwände eines Duschraums, um sie dunkel zu pigmentieren und auf Hochglanz zu polieren. Dann blieb nur noch die Frage, wie man eine balinesische Trommel als Kosmetikablage in den Raum stellt und daneben einen Vintage-Stuhl aus grünem Samt unter ein marrokanisches Posament rückt. Wir wollten uns mit unseren Konzepten abheben von der altmeisterlichen Opulenz eines Länderpavillons. Mit Kreativität und gutem Willem. Wir schlossen den Laden, als eine italienische Designerin, die exklusive Art-déco-Stücke sammelte, eine Rattan-Chaiselounge für ihren einjährigen Sohn anfragte und ihr die Pirogue von Eileen Gray, die wir gerade als Daybed für gehobene Einrichtungen in der Werkstatt hatten, nicht zusagte. Nach einem bühnenreifen Auftritt meines Freundes ("Wir mögen die Spannung zwischen Messing und Beton!") konnten wir unsere unterschiedlichen Positionen am Markt nicht mehr als spirituelle Souvenirs ausgeben und bedeuteten ihr, sich einen schlichten Steckstuhl... na ja.

(Cut-ups aus: "Places of Spirit - Home, Style, Art". Ausgabe August/September 2016.)