Sofareisen



Wenn mir noch einmal jemand naseweis erzählt, man solle Salz erst ins Nudelwasser kippen, wenn es bereits kocht, weil Süßwasser ja schneller heiß werde als Salzwasser UND DAS SEI PHYSIK, kriege ich Aortaklopfen. Denn das ist natürlich erstmal nur brav nachgeplappert (liebevoll gemeint). Natürlich ist das "Physik", so wie unter dem Einfluß der Gravitationskräfte auch Lichtstrahlen verbiegen. Ist auch "Physik". Aber welche Bedeutung hat dies denn für das reale Alltagsleben? Die unterschiedliche Erwärmung von Salzwasser und Süßwasser ist relevant für große Gewässer, bei einem gebräuchlichen Topf mit einem Liter Wasser kann man das vernachlässigen. Der Unterschied, Christian Stöcker hat dies mal in seiner langjährigen Kolumne "Stimmt's?" für Die Zeit im Labor nachmessen lassen, beträgt nicht einmal eine Sekunde. Warum man es trotzdem macht? Weil Salz im kalten Wasser zu Boden sinkt und dort mit dem Metall eine Reaktion eingehen kann. Der berüchtigte Mikrofraß, den niemand in seinen schönen Töpfen haben möchte. Im heißen Wasser hingegen löst sich das Salz sofort auf und wird verdünnt. Gute Chemie halt, so wie sie auch unter Menschen herrschen sollte. (Ich komme ja zum Glück mit allen gut aus.)



Solche Unterschiede zwischen gelahrter Theorie aus dem Lexikon der populären Irrtümer und anderer Party-Pooper und praktischer Alltagsrelevanz lernt man am Besten durch persönliche Nahbetrachtung. Forschungsreisen in die Moselei, Sterngucken durchs selbstgebastelte Teleskop, Käferbetrachtung in schattigen Wäldern, Ausgrabungen in Nachbars Garten... man muß einfach nur raus, und Augen und Ohren offenhalten. Ralph Waldo Emerson hat dazu alles gesagt, der denkende Mensch muss raus in die Natur, der Bücherwurm bleibt daheim.



Aber auch Emerson sah ein, daß es "idle times" gebe, oder wie wir heute sagen: Lockdown, in denen das vorgekaute Wissen aus Büchern doch interessant sein kann. Sofa statt Pendeln und dann in einer Art innerer Forschungsreise gemütlich schauen, welche Expeditionen es früher so gab. Für kleines Geld gibt es dafür den hübschen Bildband Kosmos großer Entdecker: Leben, Skizzen und Notizen, darin kurzgefaßt die Biografien und Reisen bekannter Forscher und Entdecker wie von Humboldt, Linné, Livingstone, Amundsen, Bruce Chatwin, Howard Carter, aber auch einiger Frauen wie Amelia Edwards, Vivian Fuchs, Marianne North, die - im 19. Jahrhundert zumeist - ferne Länder, steile Berge und weite Meere erkundeten, dabei auch mal das ein oder andere fein gesalzene Süppchen am Lagerfeuer oder im Iglu warm machten und mit Glück statt Besserwisserei oft faszinierende Erkenntnisse nach Hause brachten.



Hauptaugenmerk liegt dabei wie im Untertitel vermerkt auf den Skizzen und Notizen. Wir sehen Fotos der originalen, meist im Feldeinsatz und nicht im Caféhaus abgewetzten Journale und Notizbücher, Abbildungen von oft liebevoll kolorierten Skizzen und Karikaturen über aufregende Nilreisen, exotische Tier- und Pflanzenwelten und beeindruckende Landschaften. Manche eher ungelenk (so wie sie bei mir wären), viele aber doch sehr ansehnlich. Tolle Schmökerei für Sofawintertage und Ansporn für die Zeit nach der Pandemie.

(Huw Lewis-Jones, Kari Herbert. Kosmos grosser Entdecker: Leben, Skizzen und Notizen. München: Sieveking Verlag, 2016.)

Ex Libris | 14:37h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
frau eff - Freitag, 8. Januar 2021, 17:18
Ach, ach, man sollte Ihnen zwei Paar dicke Wollsocken stricken, den Rucksack voller Käsebrote packen und Ihnen einen Forschungsauftrag geben. In the real world. Wir würden so gerne Ihre Berichte lesen, mit Zeichnungen. Und zuhause würden Sie dann diesen Käfer entdecken, der sich im Ihrem Füllfederhalter versteckt hat. Der wäre für die Wissenschaft völlig unbekannt und könnte daher nach Ihnen benannt werden.

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kid37 - Freitag, 8. Januar 2021, 17:21
Ich bräuchte aber auch einen treuen Hund, der den Eingang zum Iglu bewacht, während ich darauf warte, daß mein Nudelwasser heiß genug ist, damit ich Salz reinstreuen kann.

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frau eff - Freitag, 8. Januar 2021, 19:32
Salz in Nudelwasser ist völlig überschätzt. Ich koche immer ohne. Hunde hingegen kann man nicht genug haben.

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herzbruch - Freitag, 8. Januar 2021, 19:57
Puh, Nudeln ohne Salzwasser. Schwierig. Hund und selbstgestrickte Ringelsocken kann ich Ihnen leihen, und für die schönsten Orte an der Mosel bin ich eine Art offizielle Quelle.

Take one for the team. Wir möchten auch mal auf dem Sofa sitzen und Schmökern mit Anspruch.

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manhartsberg - Freitag, 8. Januar 2021, 20:07
Denkt denn wieder niemand an die Zweitverwertung! Brigitte weiß mehr: "Manche Menschen schwören zum Beispiel auf ein Fußbad im warmen Nudelwasser. Die angenehme Wärme sorgt in Kombination mit den im Wasser enthaltenen Mineralien für zarte, geschmeidige Füße. Nach einem langen Tag in High Heels und Co. lindert das Nudelwasser die Schmerzen und lässt geschwollene Füße abschwellen."

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kid37 - Freitag, 8. Januar 2021, 20:46
Früher streute ich Salz nur in Wunden, jetzt auch ins Wasser. Und ja, ich hoffe, das einst gescheiterte "Moselprojekt" eines Tages nachholen zu können. Auch wenn das inhaltlich mittlerweile von der Zeit überholt ist. Dann halt aus Trotz ;-) Mein kleines Museum ist ja schmökerfest. Von jungen Leuten höre ich abwechselnd, es gebe viel zu entdecken oder es gebe viel zu entdecken, ich könne das doch alles verkaufen. Man muß halt treppenfest sein. 4. Stock über den Wolken.

@manhartsberg: Ich trage den ganzen Tag Plateauschuhe, damit ich - unsichtbar für andere - etwas größer wirke. Das könnte sich also als guter Tipp erweisen. Spätestens, wenn ich in meinem Iglu die Schneeschuhe abspanne.

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herzbruch - Freitag, 8. Januar 2021, 20:55
Meine Topfserie hatte ja einen Zettel beiliegen, wo die richtige Reihenfolge (erst kochen, dann Salz) erklärt wird. Hab ich mir über die Jahre gemerkt, halte mich aber nicht immer dran. Wenn jeder so einen Beipackzettel hätte, gäb es weniger Salzfraß, so viel ist klar.

Und als regelnäßige Moseltouristin kann ich Ihnen sagen: Im Grunde sind Sie noch zu jung. Das läuft nicht weg. Ihr großer Moment wird kommen. So viel ist klar.

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kid37 - Samstag, 9. Januar 2021, 00:34
Ein Beipackzettel, damit man nachher nicht beim - Achtung! - Salzamt Klage führen muß. Sehr klug. Von Ihnen natürlich wieder ein bißchen renitent, aber gut, sind moderne Zeiten. Das Moselprojekt war tatsächlich zeitgebunden. Nur zwei, drei Jahre später hatte jede dritte Fotodiplomarbeit diese Idee beackert. Lag halt in der Luft. Die Kollegin wollte damals leider nicht mitmachen, und allein konnte ich es nicht umsetzen. Jetzt haben wir einen anderen Zeitgeist, aber wer weiß, vielleicht mach ich im Alter was über Rollatorentouren an der Mosel.

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herzbruch - Samstag, 9. Januar 2021, 01:00
Ups, jetzt haben Sie renitent und resilient verwechselt.

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kid37 - Samstag, 9. Januar 2021, 01:47
Ich kann das nicht so intellektuell ausdrücken, aber Sie verwechseln "Schlaf vor Mitternacht" mit "Schlaf nach Mitternacht".

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herzbruch - Samstag, 9. Januar 2021, 02:36
Chapeau.

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kid37 - Samstag, 9. Januar 2021, 02:39
2:36h! TiktokTiktok! Bettzeit, sonst kommt der Salzmann statt Sandmann.

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herzbruch - Samstag, 9. Januar 2021, 10:34
Sie müssen immer das letzte Wort haben.

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fidibus - Freitag, 8. Januar 2021, 20:30
Da bleibt mir wohl nix anderes übrig, als das Buch zu kaufen. ;-)
(Kochexperimente mache ich aber keine; der Rauchmelder und ich sind spinnefeind.)

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kid37 - Freitag, 8. Januar 2021, 20:42
Gibt es derzeit um 10.- Euro. Sehr gut angelegtes Geld. Abrauchen sollte das Nudelwasser natürlich nicht, vorher rasch Salz rein!

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fritz_ - Freitag, 8. Januar 2021, 20:39
Herr kid, wenn man drauf erpicht wäre, dass Nudeln schneller heiß werden, müssten Naturwissenschaftler wie alle hier sich ihre Vorliebe bewusst machen, ob es schneller heiß werden oder schneller kochen (sprudeln) soll. Das Auge kocht ja mit.

Man könnte von der Wasserkante aus mit Brockenbahn und eigener Kochplatte auf den Blocksberg fahren. Dort kocht es angenommen bei 97 Grad ohne Salz und bei 98 Grad mit Salz. Bewaffnet mit ner Stoppuhr, al-dente-Messgerät und Energieerhaltungssatz. Schließlich geht es am Ende immer um das wohl der Nudel!

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kid37 - Freitag, 8. Januar 2021, 20:49
Das wäre eine vortreffliche Expedition. Mit blubberndem Kochtopf am Hexentanzplatz, wo three witches die Nudeln bemurmeln. Leider gibt es die entsprechende Kolumne von Herrn Stöcker nicht mehr im Netz. Er ist damals extra ins Labor, um den Zeitunterschied messen zu lassen. Ich glaube, irgendwas um 0,7 Sekunden. Aber die halbwissenhafte Legende hält sich hartnäckig.

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