Piggy in the Middle

Letzte Woche hatte ich zu tun, da mußte ich die Aggro-Fun-Punk-Band Jenser und die Masken der Behinderten gründen (Album Der dünne Firniß erscheint im September). Nun sind minderwertige Masken für Behinderte natürlich Scherz, Satire, aber ohne höhere Bedeutung. Der Jenser aber schwört darauf. Manchmal, so kichert es, stehe er sogar nachts auf und hole sich eine. Alles andere wird derzeit wissenschaftlich geprüft, um für die Zukunft vorzubeugen.

Im letzten Jahr habe ich meine wissenschaftliche Zukunft hingegen zur Vergangenheit erklärt und mich von weiteren Teilen meiner umfangreichen akademischen Forschungsunterlagen getrennt. Stapel von Seminararbeiten, einst für interessierte Enkel bereitgehalten, landeten im Müll. Oder wie es im berühmten Schlußmonolog von Android Roy im Blade Runner heißt: "All those moments will be lost in time". "Lost for mankind. Forever", sprach ich durch eine ordentlich zertifizierte FFP2-Maske meinem eigenen, leicht ergreifenden Monolog vor dem Altpapiercontainer. Nun hatte die akademische Welt ja - von ihr selber weitgehend unbemerkt - mit mir bereits seit langer Zeit abgeschlossen. Dabei war meine damals am Institut verfasste Arbeit "Longevity through solid German Käsebrot and its implications on the Gamma-Nuclein-Channel of brain expanding Protein Cells" nicht einmal ausreichend gewürdigt worden. (Habe den Ansatz aber in einer umfassenden Privatstudie weiter verfolgt.)

Das Hauen und Stechen ist los. Den Leuten entgleitet mehr und mehr, Gesichtszüge, Haltung, Maßstäbe. Alle sind mit dünnem Faden genäht, die Knöpfe und Köpfe nach dem Kauf schon lose. Ich halte die Türen besser verrammelt und lese lieber gleich unbedacht brutale und aus dem Kanon gestrichene Märchen der Brüder Grimm. Etwa Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben.

Die unschuldigen Spiele der Kindheit.

Ex Libris | 13:12h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
nnier - Mittwoch, 9. Juni 2021, 16:50
Danke für den Tipp; ich lese ja meinen Kindern abends immer Der Untergang des Hauses Usher vor, und erst neulich haben sie gefragt, ob es nicht auch noch andere Geschichten gibt. Mit Mitte 20 kann man denen auch nicht mehr so viel vormachen. Tatsächlich bin ich vor Jahren einmal über die groben und kantigen Urfassungen von Grimms Märchen gestoßen, eine absolut lohnende Lektüre, die mit der gewohnten Es-war-einmal-Schablone überraschend wenig gemein hat. Gleich heute abend hole ich das Buch aus dem Giftschrank!

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kid37 - Mittwoch, 9. Juni 2021, 18:20
Lektionen fürs Leben braucht es. Ich denke, das House of Usher als Symbol der lebenstüchtigen Kernfamilie hält die wichtigen Maßstäbe bereit. Die apokryphen Texte der Grimms gehören der Vergessenheit entrissen! Diese rundgelutschten, soften Versionen vom glücklichen Ende bis in alle Ewigkeit hat Generationen von Kindern verdorben. Fangen Sie mit "Das Mädchen ohne Hände" an, da bleibt kein Auge trocken.

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