
Sonntag, 17. Juli 2005
Ich liebe diesen kühlen Nachtwind, der gerade zum Fenster hereinweht. Das Rauschen der Bäume am Ufer des Kanals. Schlaflos, verärgert, war ich gestern. Heute sinkt langsam die Müdigkeit, eine Gelassenheit über mich. Gut, vielleicht ist es auch nur die Flasche Rotwein, die ich bald geschafft habe. Oder, simpler noch, die Übernächtigung.
Auf dem Flohmarkt begegnete mir heute eine hübsche Boudoir-Szene. Ein Genrebild, das sich gut über meiner Chaiselongue machen würde. Ich läge dann dort und lauschte den Odalisken beim sanften Musizieren. Ärger fiele von mir, sanfte Erheiterung machte sich breit. Und Schlaf, süßer Schlaf.

Samstag, 16. Juli 2005
Wenn ich so nachts durch die Blogs wandere, hier das Licht lösche oder dort eine Türe schließe, fällt mir auf, daß ich wohl der einzige Blogger ohne Haustier bin.
Heute habe ich mir gedacht, eine Schildkröte, das wäre genau das richtige Tier für mich. So eine Schildkröte ist wie ich: verspielt, verschmust und anhänglich. Anders als ich, denn sie bloggte nicht, wäre eine Schildkröte sogar verschwiegen. (Den Katzen sagt man ja nach, sie seien unglaubliche Petzen!)

Bizarr ist auch die Neigung moderner Menschen, eine Beziehung zu dritt oder viert oder fünft führen zu wollen. Wo die sogenannten besten Freunde immer mit unter dem Bett liegen oder am Küchentisch sitzen und zu allem bedächtig mit dem Kopf nicken oder Kommentare abgeben.
So in etwa als sei eine Beziehung ein öffentliches Blog.

Hier, sagte sie. Ich schenke dir etwas.
Was denn, beschwerte sie sich. Du hast es angenommen.

Wie alle schlauen Menchen haben sie es immer schon gewußt. Wie alle guten Menschen berauschen sie sich selbst an ihrem Edelmut.
Um das Gruppengefüge zu stabilisieren, muß ein Außenstehender geopfert werden. H. Slominski
File under Femegericht

Freitag, 15. Juli 2005
Kollege K. trägt heute das schickere Hemd. Erwäge kurz, mich mit einem klebrigen Getränk neben ihn zu stellen. Ungeschickt zu sein.
Verwerfe diesen Gedanken aber als niederträchtig.

Mittwoch, 13. Juli 2005
Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen. Die Betonung liegt auf "stehen". Beim Aussteigen aus der U-Bahn, auf Rolltreppen, die Menschen haben viel Zeit.
In der Fabrik geht es zu wie in einem Zombiefilm. Erst wollen sie einen Arm. Dann auch noch ein Bein. Jetzt wollen sie meinen Urlaub.
Heute morgen ein interessantes Gruppenexperiment gesehen. Eine Horde Kindergartenkinder. Alle mit orangefarbenen Mützen und blauen Leibchen bekleidet. Staksig auf streichholzdünnen Beinchen. Dann mußten sie sich in einer Reihe aufstellen und an einem langen blauen Seil festhalten, ehe sie losmarschierten zu Planten und Blomen.
Idee für ein interessantes Gruppenexperiment bekommen. Alle Blogger mit orangefarbenen Mützen ausstatten, in einen Raum sperren und mit einem blauen CAT-5-Kabel verlanen. Dann den Kontakt zur Außenwelt kappen.
Abwarten a) wann sie es merken. Abwarten b) was passiert.
Das neue Tank hat wieder schöne Strecken. Leider teuer. Dafür an einer weiblichen Person ein durchscheinendes schwarzes Tank-Top gesehen, mit blauem BH darunter. Bin unentschieden.
Blau gemacht: Supersnazz verpaßt. Großen Ärger verspürt. Werde jetzt die Luft anhalten, bis ich blau anlaufe.
Nachtrag: Die Hitze unterm Dach treibt meinen Rechner immer häufiger zu Bluescreens. Das ist doch alles kein Zufall.

Dienstag, 12. Juli 2005
Die letzten Sargnägel schlagen die guten Freunde ein.

Sonntag, 10. Juli 2005
Heute war letzter Tag der Jahresschau der HFBK in Hamburg. Früher habe ich ja gegenüber gewohnt und ging schon mal mittags zum Essen in die Mensa.
(Das sage ich jetzt jedes Jahr). In den letzten Jahren schaute ich nur ab und an mal vorbei; aber den Akademierundgang lasse ich mir nicht entgehen.
Fast könnte man meinen, da feiert sich die Künstlerszene von morgen selbst. So aufgeregt und engagiert und bionade- flaschenübersät präsentieren sich die Werkstätten und Klassenräume und deren Bewohner. Aber ich diskutiere da nicht lange in Grundsatzfragen herum, sondern lasse einen paternalistisch gutmütigen Blick über die Exponate schweifen, murmele hier und da Sachen wie "hübsch pastoser Farbauftrag", fasele von "quasi haptischen Erlebnissen", tadele hier und da die Linienführung, um die jungen Menschen aufs Leben vorzubereiten und lasse ungefragt durchblicken, daß ich sozusagen in einer artverwandten Branche tätig bin.
Das kommt beim elternentrückten Nachwuchs immer gut an, denke ich. Und ob Kunst oder Gartenzwerge, seien wir ehrlich, wer will das schon immer so genau entscheiden?
Wenn man regelmäßig dorthingeht, kennt man seine Pappenheimer. Ich weiß, daß es kurz vor der Bildhauerklasse die besten Waffeln gibt, und ganz oben, bei der "Freien Kunst" die entzückendsten Ergebnisse. Wie jedes Jahr, kaufe ich eifrig Künstlerbücher, man weiß ja nie, vielleicht ist der nächste Immendorf dabei.
Nachdem man letztes Jahr deutlich die Sparmaßnahmen an der HFBK (Danke, Senat!) merken konnte, hat man sich dieses Jahr daran gewöhnt. Alles kleiner und kurzgeschorener. Inhaltlich zeigt sich mehr und mehr eine merkwürdige Versachlichung. Genitalbilder, vor ein paar Jahren noch das sine qua non der künstlerischen Selbstexploration, sind bis auf auffällige Ausnahmen kaum noch zu sehen. Die klassische Menstruationsblutmalerei scheint ebenfalls auf dem Rückzug. Man wagt nicht, man spielt Schach. (Das riesige Schachspiel war aber wirklich beeindruckend.) Man pinselt aber auch nicht mehr so viel im eigenen Bauchnabel herum (Vielleicht haben die jetzt auch alle Blogs!). Wie immer: Tasten, testen, tremolieren. Ich liebe das.
Musikalisch gab es viel Robocop Krauss und Interpol und Techno; aber an drei Örtlichkeiten habe ich eine akustische Gitarre, vulgo "Klampfe" gesichtet. Hark!
Bilder gibt es in den Kommentaren.

Die polnischen Künstler Jaroslaw Kubicki und Bartosz Hervy präsentieren eine morbide Geschichte voll rostzerfressener Engel. Wie häufig bei solchen surrealen, industrial-erotischen Gespinsten aus der Gothic-Szene hier und da ein wenig geschmäcklerisch - was auch für die Musk gilt - aber die ganze Präsentation ist schon ein optischer Genuß.
Über das polnische Web-Zine Web-Esteem (die meisten Beiträge sind ins Englische übersetzt) gelangt man unter anderem zu Zbigniew Reszka. Der polnische Fotograf erinnert mit seinen zerkratzten Negativen und braungetonten Barytprints von Ferne an Gilles Berquet oder Emil Schildt. Pierre Molinier könnte einem noch einfallen, aber der fällt einem ja immer ein, wenn schwarze Strümpfe durch eine fotografische Retro-Ästhetik wehen.
Streckenweise recht "in da face", also nicht safe for work.
Sollte es heute noch regnen, drinnen oder draußen, gibt es auf Web-Esteem viel zu entdecken (z.B. Ken Merfeld). Für die sonnigeren Gemüter empfiehlt sich das weitaus konsensfähigere Photoblog von Philippe Hirou. Muß ja nicht immer alles düster und kaputt sein (a.k.a. "Lügt euch doch was zurecht"). Treiben lassen.

Samstag, 9. Juli 2005
It was not a fear or dread. It was a nothing that he knew too well. It was all a nothing and a man was a nothing too. It was only that and light was all it needed and a certain cleanness and order. Some lived in it and never felt it but he knew it all was nada y pues nada y nada y pues nada. Our nada who art in nada, nada be thy name thy kingdom nada thy will be nada in nada as it is in nada. Give us this nada our daily nada and nada us our nada as we nada our nadas and nada us not into nada but deliver us from nada; pues nada. Hail nothing full of nothing, nothing is with thee. (Ernest Hemingway, "A clean well-lighted place". 1934.)

Das Organische im Anorganischen, gewunden wie Gedankenknäuel oder die Tentakelarme eines fortpflanzungsverzückten Oktopus'. Die Anordnung der Dinge findet im Zufälligen seine Form. Mehr gibt es auch zu Blogs nicht zu sagen. Links führen in die Tiefen einer absichtslosen Welt. Wie Perlboote umhergleiten, tasten, existieren, vergehen. Stelle einer seine Forderungen an einen Tintenfisch.
"Gesellschaftlich gesehen ist die bildende Kunst ein wichtiger, inhaltlich aber unterschätzter Teil unserer Kultur. Die Gesellschaft ist sich der daraus resultierenden Verantwortung immer weniger bewußt..."
(Interview in der Photonews 7/05 mit Vladimir Spacek, Professor für Fotografie an der Akademie für Bildende Künste, Mainz)
Alles soll verwertbar sein, höheren Zwecken dienen. Doch: Die Reste des toten Vogels waren heute wieder aus meiner Regenrinne verschwunden. Flüchtige Zeichen. Hier gibt es keine Erwartungen, keine Antworten. Nicht mal einen Keks. Der Sinn ist: es gibt keinen. Und jeden. Einatmen. Ausatmen. Vielleicht ist es nur eine Polymelie. Der Wurmfortsatz irgendeiner Ästhetik. Und wenn schon.
(File under Kryptozoologischer Brückenbeitrag)
