
Sonntag, 24. Juli 2005
Diese Typologie stammt zwar schon vom letzten Jahr, aber hat durchaus noch Gültigkeit, wie ich heute bei einem launigen Spaziergang quer durchs Karo- und Schanzenviertel bemerken mußte durfte. Ich bin natürlich der unentdeckte Experimentalfilmer.
(Aber "MMM"? Hieß das in der DDR nicht "Messe der Meister von Morgen?" Aber das paßt ja wieder zum Status des Unentdeckten.)
Liebe Claudine und die anderen von Kitten Kitten, macht mal wieder was!

Der nächste Morgen
sie ist noch da
jeder kann seh'n
sie hat ... im Haar.
(Fehlfarben, "Was der Himmel verbietet")
So. Zartbesaitete lesen jetzt bitte mal kurz woanders. Was haben wir denn hier? Eine gesunde junge Frau, was sage ich, ein Mädel vom Land™, mit apfelroten Haaren vor grünem Hintergrund. Knackig, appetitlich, zum Pferdestehlen.
Aber da, dieser Klecks. Den ganzen Tag schon rattert die Assoziationsmaschine. Was ist das, bitteschön? Quark im Haar? Ein Sahnespritzer? Etwa... nein, wohl eher nicht in einer Werbeanzeige. Oder geht es hier am Ende gar nicht um Haarpflegeprodukte, sondern um ein Bukkake-Video?
Ich wette, das beworbene Mittel steckt in einer ergonomisch geformten Shampoo-Flasche mit eher unsubtilem Symbolcharakter.

Samstag, 23. Juli 2005
Wenn du gehst,
werde ich nie mehr nach Hause gehen,
denn der Wind von Hamburg
wird mich weit weg wehen, wenn du gehst.
(Die Braut haut ins Auge, "Wenn du gehst")
Man müßte sprechen können oder schreiben wie eine Basslinie von New Order. Treibend, melancholisch, melodiös, Stimmungen erzeugend, die über die Banalität der Worte hinwegschweben. So, wie kaum jemand auf die Worte von New-Order-Songs achtet, die limitierte Schlager sind samt und sonders. Man müßte singen können wie Bernadette Hengst, einfache Worte gebrauchen, Worte wie "Herz" oder "Laub" oder "Gott". Und mit einer Stimme rühren, mit schlichten Wahrheiten und einer lakonischen Bemerkung.
Als ich früher Musik gemacht habe, suchte ich oft einen ganzen bestimmten Ton. Einen Akkord, einen Klang, etwas Reduziertes, Schlichtes. Ein so bestimmter Ton, universell, den jeder verstehen würde. Sofort und eindringlich und in aller Tiefe. Und ich hätte nur auf die Bühne gehen müssen, die Gitarre in den Verstärker stecken, diesen Ton spielen und alle zu Herzen rühren können.
Ein Mantra, ein kabbalistisches Wort, ein ultimativer Klang.

Freitag, 22. Juli 2005
Within a stone's throw was another retreat,
enlivened by children's pleasant voices too...
(Charles Dickens, Nicholas Nickleby. 1839.)
Modelleisenbahn. Metallbaukasten. Lederfußball. Glück.

Donnerstag, 21. Juli 2005
Mütter, tröstet Eure Töchter. Herr Kid hat sich verlobt. Ich weiß, einige Herren - und auch manche Frauen - werden jetzt lange Gesichter machen, war hier doch eher selten der Ort fürs Margeritenblüten-Zupfen und dafür mehr der Platz fürs "keine Zeit für solche Dinge".
Nachdem nun aber weder Thora Birch noch Amanda Peet Gelegenheit für eine herzwärmende Antwort fanden (sie werden wissen, warum), war das Gebot der Stunde, die Flucht nach vorne anzutreten. Denn als ich neulich Bilder fand, die den Kid an alter Wirkungsstätte zeigen, wurde mir klar, nur zielgerichtet und entschlossen geht es weiter. Zauderer können Frauen nicht gebrauchen.
Auf jeden Fall bitte ich Ruhe zu bewahren, denn meine Braut weiß noch nichts davon. Dafür weiß ich es umso besser. Rote Haare, interessante Interessen - das kann doch kein Irrtum sein. Und praktische Dinge fürs Haus kann sie auch basteln. Eine patente Dame, keine Frage. Ich habe das Eichhörnchen, sie die Ideen - ich werde gleich mal ein Briefchen aufsetzen.

Mittwoch, 20. Juli 2005
Now who's to blame
You used to be the same
Now you won't let me speak your name
What a shame
(Low, "Monkey")
Wo hatte ich in den letzten zehn Jahren eigentlich meine Ohren?
Herr Axel K., Sie hatten so recht.
Low. Monkey. Bitte in die Endlosschleife.
Morgen dann bitte alle Alben in fünffacher Ausfertigung kaufen.

Mittwoch, 20. Juli 2005
Wenn es jetzt alle machen, will ich mich auch ins Halbdunkel vortasten. In nächster Zeit werde ich meine Wohnung bei Tageslicht eh kaum noch sehen.
Und ihr sowieso nicht.

Die Ärztin fühlt meinen Puls.
"Was haben Sie denn da für Narben am Handgelenk?" fragt sie und schaut mich forschend an.
"Fremdeinwirkung. Eine ehemalige Freundin wollte mich am Verlassen der Wohnung hindern."
"Macht man das neuerdings so?"
"Ihr Freundeskreis hielt das, glaube ich, für normal. Möglich ist das also schon."
"Was sind denn das für Leute?"
"Sie glauben an die Philosophie des Freien Willens. Allerdings meinen sie damit offenbar nur ihren eigenen. "
"Ja, die eigene Freiheit legt andere in Ketten." Sie lächelt mich an.
"Ich denke, es sind auch nur Getriebene. Von eigenen Verletzungen verstört. Insofern handeln sie ja gar nicht frei."
"Und", meint Sie, läßt meinen Arm los und macht sich Notizen. "Was machen die Narben in Ihnen drin?"
"Ach", sage ich. "Wissen Sie, da schaue ich gar nicht mehr hin."

Montag, 18. Juli 2005
Sie sind jetzt in Kontrolle Ihres Soziallebens! Fangen Sie gleich an, neue und faszinierende Mitglieder zu treffen. Loggen Sie sich mit Ihrem Benutzernamen und Passwort ein und legen richtig los.
Meine Fresse. Wo bin ich denn da gelandet. Hülfe. Verbuchen Sie das bitte unter "Folgen eines unerschrockenen Selbstversuchs".
Auf der ein oder anderen Entspannungsseite ploppen nämlich neuerdings freundliche Fenster auf, die mir mitteilen, daß irgendeine junge Dame ganz in meiner Nähe mich gerne kennenlernen würde. Da stehen dann immer Hamburger Stadtteile, die selbst mir was sagen - und ich denke, höflich wie ich manchmal bin, och, das ist ja nett. Schaust du doch mal vorbei. Und wundere mich ein wenig, denke dann aber, na ja, vielleicht kennt die dein Blog oder so. Oder so.
Außerdem meinte neulich jemand frech zu mir, warum ich nicht 500 Bekannte hätte oder wenigstens 50, also dachte ich, da werde ich doch mein Sozialleben mal so richtig aufpimpenpumpensteilen. Jedenfalls habe ich da hingeklickt zu dieser Janine oder Jasmin oder Ilse69, ich weiß es nicht mehr. Und nun bekomme ich ständig "neue Freunde", zumeist junge Frauen, die mir recht kleine, aber eindeutige Bilder ihrer primären Geschlechtsorgane schicken. Alle aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft! Diese Stadt ist völlig verlottert. Oder so.
Wenn ich nun die Bilder anklicke, (die sind schließlich recht klein und wer will schon die Pussy also Katze im Sack kaufen?) soll ich aber 29 Euro zahlen. Da ist doch bestimmt ein Haken dabei. Oder so.
Jetzt könnte ich also die volle Kontrolle über mein Sozialleben ausüben - für nur 29 Euro im Monat. Oder ich kaufe mir auch so eine Harley - denn wie ich heute am Heiligengeistfeld in St. Pauli bemerken konnte, steilt so ein Gerät das Sozialleben auch prima auf. Die ein oder andere sah übrigens so aus, wie eine meiner neuen Freundinnen aus dem eMail-Postfach. Aber wo diese aufgepumpten Herren danebenstanden, wollte ich nicht hingehen und fragen, sag mal, bist du die Janine69 aus Hohenfelde? Oder SexyTanja aus Eilbek? Und für 29 Euro kaufe ich mir sowieso lieber einen Axolotl. Oder so.
(Ich hoffe, ich komme aus diesem Selbstversuch wieder raus. Schwitz.)
