
Dienstag, 2. August 2005
"Wir haben nur unseren Job getan. Das werden Sie wohl nicht verstehen."
Nein, verstehen kann man es nicht. Aber das ist sechzig Jahre später natürlich leicht gesagt. Sechzig Jahre später noch den Geist von damals zu verströmen, ist mir hingegen wirklich völlig unverständlich:
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(Link von der Webseite von Brigade General Paul Warfield Tibbets, Jr., dem Piloten der Enola Gay.)


Nach Mitternacht legte sie ab. Während Sirenen heulten und am Nachthimmel Sterne explodierten. Ab und an darf man so etwas mal mitmachen.

Montag, 1. August 2005

Da ich selber nichts erlebe, träume ich mich manchmal für die ein oder andere fröhliche Minute in die Erlebnisse anderer Menschen hinein. Für das Gefühl der Teilhabe bin ich sehr dankbar.

Samstag, 30. Juli 2005
Sie sagt, dies ist eine Welt
voller Monster und böser Träume.
Und wenn die Sonne scheint,
glaubt sie, sie will sie nur blenden.
Seltsam, wie sie Tragödien anzieht...
(Die Braut haut ins Auge, "Ist sie ein Magnet?")

Als "Jahr der Orgien" geplant, habe ich wohl eher das "Jahr der Überstunden" erwischt. In der Fabrik sind nämlich seit einiger Zeit die Zwerge los. Vor ein paar Wochen wurde ein "Geheimprojekt" ausgeheckt und zum Vertikutieren und Durcheggen vor meine Abteilungstür gelegt, ehe sich die Führungsriege in den Surf-Urlaub zum Nachdenken verabschiedete. Seither komme ich kurz vor Mitternacht nach Hause und falle am Wochenende besinnungslos in die Ecke. Als gelernter Konsument würde ich mir nun von dem hart zusammengerechten Geld gern "was gönnen", um mit dem aus dem Einkaufserlebnis gewonnenen Wohlgefühl über den Sonntag zu kommen.
Freitag kam die zwar erwartete aber dennnoch saftige Steuernachforderung. Als ich heute die Überweisung ans Finanzamt ausfüllte, bemerkte ich jedoch, daß nicht jede Geldausgabe zu Wohlgefühl führt. Also bin ich in die Stadt. Weil ich immer noch ein 3210 als Mobiltelefon benutze und somit hoffnungslos hinter der Gadget-Avantgarde hinterherhinke, interssiere ich mich seit einiger Zeit für solcherart Geräte. In der Abteilung Frei & Vertragslos liebäugelte ich mit einem reduzierten, mattschwarzem Einzelstück modernerer Prägung, aber dann legte ich es kurz zum Überdenken zurück (Brigade Zögern & Zaudern) - und somit findet es sich nun in der Jackentasche irgendeines bösen schnell entschlossenen Menschen.
Geld hatte ich damit immer noch nicht ausgegeben, den Lottoschein ("Da haben Sie aber eine Zahl zuviel angekreuzt!" "O, Schummeln gilt nicht?") zähle ich nicht mit. Herr Kid braucht auch dringend einen neuen Computer, denn der Rechner hier ist sogar noch älter als ein 3210. Aber das ist nun wirklich keine Sache des Mal-eben-so, sondern eine Wissenschaft und muß in den nächsten Monaten Wochen Tagen gewissenhaft angegangen werden.
Wie ich also unschlüssig am Bahnhof rumstehe und auf meinen Pusher warte und überlege, welche Vergnügen so ein Wochenende sonst noch bringen könnte, kommt mir Udo Kier entgegen. Ich will schon rufen, Mensch Udo! aber da ist er bereits an mir vorbei und im Pissoir verschwunden. Und während ich noch denke, diese Schauspieler sind alle so klein, rauscht er auch schon wieder heraus und ist, ehe ich um Foto oder Autogramm bitten kann, mit seiner grünen Tüte im Gewühl verschwunden. Danke, das war Udo Kier! Rufen Sie mich bitte nicht mehr auf dem Handy an; Udo Kier has already left the building!
Daheim, und nun zu etwas nur scheinbar völlig anderem, lese ich dann einen interessanten Aufsatz in der Lettre International über Georges Bataille. Und höchstwahrscheinlich in einem entfesselnden Akt des Abschüttelns des ganzen Irrsinns und Vergeblichen und mit einer gewissen - ganz und gar nicht klandestinen - Gehässigkeit, die jetzt niemand verstehen muß, die ich aber freimütig einräume, weil sie auf einer alten persönlichen Geschichte beruht (oder meinetwegen ganz profan auf dem mir vor der Nase weggekauften Mobiltelefon) - mache ich also einmal, und zwar mit richtig befreiender, dreckiger Stimme, Muahahahaha:
Colette vergleicht Georges in seiner Praxis der Ausschweifung mit dem Spießer per se, Donald Duck oder dem "Milchhändler an der Ekke", der lieber stürbe, als nicht den Schein zu wahren. Die klandestine Lasterhaftigkeit, nicht Georges’ gewohnheitsmäßige Bordellbesuche als solche, empört sie, zumal sie weiß, wie heftig er gewisse Sade-Verehrer angreift, deren Leben in nichts mit dem Denken des Marquis korrespondiert.
Ist es nicht traurig? Überall nur Scheinheiligkeit! Liebe Damen, es ist Männerschlußverkauf, heute gibt es Nachlaß. Nur Udo Kier, der ist schon weg.
Ich trinke jetzt einen französischen Rotwein, Chateau du Charenton, der befreit, und plane meinen Urlaub. Auch eine Geldausgabe.

Ha, gute Nachricht. Schon vom Juni, aber nun auch bis hier durchgesickert. Die offizielle
Kid's Bride Corpse Bride-Seite im Netz ist ein wenig ausgeweitet worden mit neuen Fotos und Informationen.
via The Tim Burton Collective

Freitag, 29. Juli 2005
Tränen, Träume und ein warmer Sommerwind: ein Sixties-Blog mit viel Musik von Hardy über Brel bis Faithfull:
BlowUp Doll

Donnerstag, 28. Juli 2005
Früh aufgestanden.
Nach dem Abwasch versucht,
mich mit einem Hausschuh zu erschlagen.
Sehr getrunken.
(Eugen Egner. Aus dem Tagebuch eines Trinkers. 1991.)
Das sind Sätze, die perlen wie lakonische Eintragungen eines lesenswerten Blogs.
"Den ganzen Tag geweint, abends dann kräftig auf die Pauke gehauen". Das Tagebuch eines Trinkers ("Das letzte Jahr") von Eugen Egner ist ein schmales Bändchen voller süffisanter Feststellungen in kargen Sätzen. Mich wundert es ja nicht, daß der Autor ein berühmter, vielleicht sogar berüchtigter Wuppertaler ist. In der oft verkannten Stadt grassiert nämlich ein skurriler Humor, der außerhalb des Bergischen Landes zu unrecht auf Unverständnis stößt. Eine Stadt, die ihren Schabernack darin betreibt, Straßenbahnen durch den Himmel schweben zu lassen und Elefanten aus ihnen hinauszustoßen, gilt dem Rest der Republik als finsterer Hort groben Surrealismus'. In der Tat aber liegt ein kunstgeschichtliches Dreieck aus Expressionismus (Lasker-Schüler), Fluxus (Paik, Brock, Vostell) und deutschem New Wave (DAF, Plan, Fehlfarben) wie ein Grauschleier über der Stadt.
Egner, von dem es in den 80ern in der Stadt gerüchteweise hieß, "großartiger Typ, halbes Jahr in der Psychiatrie, halbes Jahr nur malen", gehört mit zum Dunstkreis um R. M. E. Streuf, Künstler, Musiker, Caféhaus-Pächter, ein Vorbild vielleicht. Ende der 70er-Jahre oszillierten Gestalten wie diese um Musikgruppen wie Armutszeugnis und Fehlfarben. "Ich muß mir einen kleinen Propeller vorn an die Schlafanzughose nähen und dann im Bad tänzeln", heißt es im "Trinker-Tagebuch". Wem wären solche Gedanken nicht schon mal hier und da gekommen, nach zwei oder drei Glas Grappa zuviel?
Wie aus dem hermetischen Café, einem der bekannteren Jammerblogs, entführt, klingt folgender Eintrag: "Unbekannte Frau in der Fußgängerzone* verbot mir, in ihren Armen zu sterben. Wenig schöne Szene. Danach Glühwein und rücksichtslose Kirchenkritik auf dem Weihnachtsmarkt. Schürfwunden."
Ein großartiges Buch, dessen Ende andere verraten mögen. Wir möchten nur warnen vor folgenden Nebenwirkungen vehementen Trinkertums: "Geträumt: Nach 37 Jahren erstmals wieder aus dem Fenster geschaut. Die Landschaft hat sich stark verändert, der Fluß trug sogar Koteletten."
Eugen Egner. Aus dem Tagebuch eines Trinkers. Zürich: Haffmanns, 1991.
(* Wuppertal hat übrigens, um Besucher vollends zu verwirren, gleich zwei Rathäuser und zwei Fußgängerzonen.)

Das ist nun sehr schade.
Vielleicht wäre ein ausgiebiger S0mmerurlaub besser gewesen, hm?

Donnerstag, 28. Juli 2005
Toll besetzt (u. a. mit Richy Müller), nah dran, suggestiv, vielleicht eher zu zahm, um "authentisch" zu sein, dafür aber wirkliches Kino: Allein, von Thomas Durchschlag meidet einen allzu spekulativen Bezug zur Borderline-Thematik, hält sich fern von allzu platten Deutungsversuchen. Ein "offenes" Psychogramm, was seine Hauptfigur angeht. Eine echte Entdeckung, was den Film betrifft.
(Allein, D 2005. Regie: Thomas Durchschlag.)

"Die perfekte Melodie ist genauso schwer zu realisieren wie der perfekte Mord."
(Bjoern Ulvaeus in der Süddeutschen Zeitung, 23.7.2005)

Mittwoch, 27. Juli 2005
When I was 16 in the mid-80's, I absorbed every word of Depeche Mode's songs as pure gospel, and often wrote out and studied the lyrics on the pages of my "Mead" notebooks. Those words guided and shaped my life philosophy and my identity as I grew into an adult.
Now I'm a middle-aged man working in the "Hallmark" store in the mall.
via Group Hug US
Bei der Spreepiratin wird gerade gebeichtet oder besser gesagt, auf die wirklich tolle Seite Post Secret hingewiesen, aus der ja demnächst ein Buch entstehen soll.
Weil ich ein Mann extrem reinen Herzens bin, darf ich jetzt ehrenamtlich immer sonntags die Beichte abnehmen. Was ich da höre, macht mich oft schaudern. Aber ich kann zum Glück sehr leicht verzeihen und trage nichts nach. Und mit zehn Peitschenhieben ist vieles schnell vergessen.
