
Montag, 15. August 2005
Im Super-U stehen, mit dem Mozarella jonglieren und die ganze Zeit dieses Lied nicht aus dem Kopf kriegen.
Danke, Frau Mue! Wäre nicht nötig gewesen.

Ich habe zu lange Schindluder
mit diesem Körper getrieben.
(Travis Bickle in Taxi Driver. 1976.)
Manchmal flattern mir wie in Wurfsendungen besinnungslose Platitüden, grenzgängerische Rohheit und weitere Beweise des Stumpfen entgegen. Gefangen in der Welt der Spiegel, hat sich da jemand bequem eingerichtet im warmen Schlick der Selbstgefälligkeit.
Dein Götzen ist die Achtlosigkeit und deshalb bleiben dir nur Hochmut und Verachtung. Aber auch das weht nur noch von fern, kein Grund für Wolfsgeheul.
Kein Grund auch für schallendes Gelächter. Wahrlich nicht.
Ich habe zu lange Schindluder mit diesem Körper getrieben. Aber nun geht es täglich besser mit dem Schulterzucken. Man muß im Training bleiben.

Freitag, 12. August 2005
Apropos grüne Fee und Gedankenschwere: Ein Tag in meinem Kopf. Schönes Schwarz und Weiß im groben Korn. Sehnsucht und Begehren, Melancholie und der Staub vergangener Tage.

O Rose, thou art sick!
(William Blake, "The Sick Rose". 1794.)
Zwischen Nacht und Bangen entwickeln sich ja oft die luzideren Momente im Leben.
So muß ich wohl neulich im Nachtbus, als ich in den barocken Versen von Martin Opitz las, einen wahrhaft prophetischen Moment erwischt haben, ohne daß ich es ahnte.
Heute morgen fragte ich mich beim Blick in den Spiegel, warum um alles in der Welt ich mir einen Tischtennisball in die Backentasche gestopft hatte. Call me Mumpsgesicht!, dachte ich, fand aber zugleich in dieser Elefantenmenschvisage den Beweis, daß die heftigen Zahnschmerzen, die mich die halbe Nacht wachgehalten hatten, keinem absinthgetränkten Delirium entstammten.
Kurz vor dem Wochenende habe ich solche Dinge ungerner im Haus als sonst schon und so fand ich mich kurz darauf nicht beim Zahnarzt meines Vertrauens, aber seiner Urlaubsvertretung wieder. Ich berichtete ihm vom Brodeln unter der Goldkrone auf 4-6, er wackelte pessimistisch mit dem Kopf und führte mich dann in sein kleines Fotostudio. Das schien mir so Küche, Lager und Röntgenraum in einem zu sein, er selbst ging auch nicht etwa hinter eine Schutztür, sondern trat nur drei Schritt zurück, um einen Schalter im Nachbarraum zu betätigen. Dann durfte ich ihm die Rolle Alufolie zurückgeben, mit der ich zuvor wesentlichere Teile meines Körpers bedeckt gehalten hatte.
Als das Röntgenbild fertig war, verstärkte sich sein pessimistisches Kopfwackeln, und er murmelte was "Wurzelspitzen", erweichten Knochen und "damit wären Sie nicht übers Wochenende gekommen". Das Wort "Abszeß" machte alsbald die Runde. So schlimm sei es aber noch nicht, vielmehr seien mein Zahn und ich Opfer einer "Infiltration".
So weit ist es also bereits wieder, dachte ich, während der Arzt nach einer Exzisionszange griff. Noch hegte er nämlich die Hoffnung, meine Goldkrone retten zu können, zwecks späterer Wiederverwendung. Er mühte sich dann auch eine Weile, flanschte, dengelte und bog in meinem Mund, bis er fluchte und schwitzte und schließlich den Löffel das Werkzeug hinwarf. So habe es keinen Zweck, grummelte er, während ich fasziniert, aber auch ein wenig ermattet in den Behandlungsstuhl sank. Dann enthüllte er mir seinen Plan B: Er werde, einem Kamin gleich, ein Loch von oben in den Zahn bohren, damit die Dinge in Fluß gerieten und die entzündeten Eiterherde mein Zahnfleisch nicht weiter ins Kugelige verformen können.
"Und da betäuben wir nicht"? fragte ich zaghaft, während er sich mit seinem Bohrgerät näherte. "Ach," antwortete er leutselig. "Lassen Sie es mich so ausdrücken: In der Pathologie betäubt man die Leichen auch nicht mehr, bevor man sie seziert." Da wo er bohre, er müsse es so sagen, sei alles tot.
"Schön," stöhnte ich. "In der Pathologie habe ich selbst zwei Jahre während des Studiums gearbeitet..." - "Dann kennen Sie das ja", unterband der Dentist meinen Anflug von Fachsimpelei. Das Bohren ging dann auch gleich in Gang, bis es plötzlich - und nun zurück zur Prophetie - gleich dem Zischen der Hydraulik in der Bustür tönte - und eine finstere Wolke putrider Gase meinem Mund entströmte. Die Assistentin zuckte unwillkürlich zurück, der Arzt dröhnte mit sichtlicher Freude: "Haben Sie das mitbekommen? Haha, ein schöner Eiterherd." Mir fielen die Verse Martin Opitz' ein:
Ein scheußlicher Gestanck
Wie sonst ein faules Aaß auch von sich pflegt zu geben
Roch aus dem Hals' herauß
Das war der Beweis. Der Kid ist böse durch und durch! Innerlich verrottet und stinkend wie eine lebende Leiche! Noch aber solle ich nicht alle Hoffnung fahren lassen, meinte der Dentist. "Wir wollen die Sache mal offen lassen, Sie nehmen Penicillin, und am Montag sehen wir weiter."
Mit zerstörter Krone und moralisch schwer angeschlagen wankte ich aus der Praxis. Auf dem Weg zur Apotheke, begegnete mir eine Frau mit Beinen bis zum Hals ungefähr drei Meter langen Beinen in Ringelstrümpfen. Das wäre normalerweise ein Ereignis gewesen, das mich über ein langes, einsames Wochenende getragen hätte. Aber heute verfluchte ich es als Hohn des Schicksals. Jeden Moment rechnete ich damit, daß ausgerechnet jetzt Liv Tyler oder Angelina Jolie ohnmächtig zu meinen Füßen zusammenbrechen und um Mund-zu-Mund-Beatmung röcheln würden. Einem achtzigjährigen Greis müßte ich den Vortritt lassen, nur weil mir der Rosenduft, der für gewöhnlich meinem Munde entströmt, abhanden gekommen ist. Vade retro! rufen die Weiber dieser Stadt, der Kidhaftige kommt! Vielleicht sollte ich mir einen Bocksfuß zulegen.

Mittwoch, 10. August 2005
Nach dem kleinen Bloggerbesäufnis Treffen mit netten Menschen, klettere ich viel-zu-spät-schon-wieder denkend in den Nachtbus und halte Fahrkarte, Lektüre und Musikberieselungsgerät bereit. Schaukelnd geht es durch das Dunkel, die engen Buchstaben verschwimmen, fahle Gestalten steigen zu. Ein hübsches, aber übermüdetes junges Mädchen sinkt auf den Platz neben mir. Bald nickt sie ein und preßt dabei ihr Bein an meines. Ich weiche dem Druck nicht aus und spüre, wie die Körperwärme langsam auf meinen Oberschenkel übergreift.
Wie damals, als Schüler, denke ich. Aber nur, weil ich gleichzeitig in meinem gelben Reclam-Heftchen lese. Martin Opitz, Gedichte.
Was muste der nun leyden
Der an der Kranckheit lag/eh' als kundte scheyden
Vnd ward deß Coerpers loß? das angesteckte Blut
Trat in den gantzen Kopff als ein heisse Glut
Vnd nahm die Augen ein/dievoller Fewers stunden.
Konnte das ein Zufall sein? Im Ohrhörer singen New Order von Temptation.
"So you've got blue eyes, so you've got green eyes, so you've got grey eyes..." Zufall sicherlich. Ich zögere und denke kurz daran, mit meiner Hand die ihre zu berühren. Aber es ist spät und ich beschließe, die Nacht lieber in meinem Bett zu verbringen als in dem feuchten Kellerverlies, in das man in Hamburg die Lustmolche wirft.
Der sprachen weg der Schlund war jaemmerlich gebunden
Die Lunge werthe sich/der gantze Leib lag kranck
Vnd ließ die Kraefften fort. Ein scheußlicher Gestanck
Wie sonst ein faules Aaß auch von sich pflegt zu geben
Roch aus dem Hals' herauß
Gleich dem Zischen der Hydraulik in der Bustür läßt Martin Opitz aus der romantischen Stimmung ganz schön die Lüffte raus. Ach, seufze ich nach innen. Was war das früher schön, als man noch trank, um anschließend dramatisch unglücklich zu sein. Nun stiehlt man sich ein wenig Wärme, fährt durch die Poetischen Wälder heim und spricht zufrieden sein Danckgebet, wie von langwiriger Pest genesen.

Montag, 8. August 2005
Sometimes it's hard to see the beauty of life in it's everyday form. If we could freeze little moments here and there that are normally very private, very intimate, very raw, and very real I think we'd learn to appreciate things with much more ease.
(Rebecca Tillett)
Rebecca Tillett hat wieder ordentlich an ihrer Seite im Netz herumgeschraubt.
Ihre Fotos, die Slut-Version von Cindy Shermans amerikanischer Entdeckungsfahrt von Gesellschaftsklischees und Geschlechterrollen, sind cross-entwickelte Bilder (weiblicher) Selbsterforschung. Identity! schreit es, und Kill Your Idols wohl auch. Das ist nicht unbedingt neu, und radikaler hat man das auch schon gesehen. Aber wenn die fragilen Momente genau richtig zusammenfallen, dann liebt man es, ist zärtlich berührt.
Da haucht es beim Stern "Autoaggression" hier und "SVV" da. So als hätte es in der Jugendkultur der letzten 30 Jahre irgendwann einen anderen Antrieb gegeben. Punk/Blog: Die fotografische Selbstentdeckung, das Schnappschußhaft-Inszenierte, der Trash-Faktor des Unfertigen, Dilettantischen: Menschen, die sich nicht entäußern wollen oder für Fotografie interessieren, kommen mir überhaupt nicht mehr ins Haus. Das Rauhe, Private und Intime - kleine Momente, die es zu fassen gilt.

Sonntag, 7. August 2005
Reine Autobiographien werden geschrieben: entweder von Nervenkranken,
die immer an ihr Ich gebannt sind, wohin Rousseau mitgehört;
oder von einer derben künstlerischen oder abenteuerlichen Eigenliebe,
wie die des Benvenuto Cellini; oder von gebornen Geschichtsschreibern,
die sich selbst nur Stoff historischer Kunst sind;
oder von Frauen, die auch mit der Nachwelt kokettieren;
oder von sorglichen Gemütern, die vor ihrem Tode
noch das kleinste Stäubchen in Ordnung bringen
möchten, und sich selbst nicht ohne Erläuterungen
aus der Welt gehen lassen können. (Schlegel, 1798.)
Was schreiben wir? Selbstentäußerung. Was suchen wir? Vergebung. Wen finden wir? Komplizen. Der Leser, nie besser oder schlechter als wir, sammelt die Fragmente: "Es steht bei ihm, diese Teile zu sammeln und das Wesen zu bestimmen, das aus ihnen besteht; das Ergebnis soll ein Werk sein; und wenn er sich irrt, so ist der Fehler seine Sache". (Foucault, Schriften zur Literatur, 1988.)
Gestaltete Wirklichkeit, Erdachtes, Erlogenes, heimlich Wahres. Wird Robert Smith eigentlich jeden Abend daheim gefragt: "Was hast du denn Schlimmes erlebt, sag. Du hast heut auf der Bühne so traurig geklungen"? Ich denke, nicht. Ich hoffe es, denn sonst wird Herr Smith wohl mit den Augen rollen und sagen, Schatz (oder was immer er zu Hause so sagt), Schatz, mach dir keine Gedanken, es war nur ein Lied.
Ein Lied, das von irgendwoher kam und keine Quelle mehr kennt und keine Wirklichkeit, sobald es gesungen ist. Nur die Wirklichkeit, den Ort des Vortrags und die Quelle, die Deutung, die andere ihm beimessen.
"In gewisser Weise handelt es sich um eine écriture, in der dem Autor die Aufgabe zufällt, einen vollständigen und wahrhaftigen Bericht seiner seelischen Zustände zu geben, und dem Leser, aus diesem Material das soi zu bestimmen. Diese Figur einer gleichsam arbeitsteilig hergestellten écriture de soi erinnert an die Geschichten, aus denen [...] Mediziner und Psychiater beginnen "Fälle" zu rekonstruieren. Der Patient gesteht, der Arzt diagnostiziert.
(Sabine Maasen, Genealogie der Unmoral, 1998.)
Man schreibt, erzählt, wählt aus, schleift, läßt aus und setzt hinzu. Kurz, man gestaltet. Der eine bewußter, der andere weniger so. Man spinnt fort, strickt einen Faden, läßt ihn fallen, nimmt ihn auf, zerrt ihn hinter sich her durch ein Labyrinth, dessen Ende oder Ausgang niemand kennt. Reden, schreiben, singen: Alles sagen oder alles Sagen?
Und wer dann doch den Ausgang findet? Gejagt vielleicht vom Minotaurus oder gelenkt von der eigenen Rettungsleine, dem Rückholfädchen der furchtlosen Helden? Sie können Ihren Computer jetzt ausschalten.
Dieser Ausgang ist nur der Eingang zu einem anderen Labyrinth.

Samstag, 6. August 2005
Water, water, everywhere,
but not a drop to drink.
(Samuel Taylor Coleridge,
"The Rime of the Ancient Mariner". 1797.)
Nie brechen nur einzelne Dinge auf einmal. Wenn etwas zerbricht, dann ahnen auch die anderen Dinge ihre Gelegenheit. Ich habe in solchen Situationen - wenn alles zerbricht (und die abgemeldeten 80 GB an Daten auf meinem Rechner gehören zu den geringfügigeren Sorgen derzeit) - immer mit Wasser zu tun. Rohrbrüche, defekte Duschen, Klempner, die unvermutet den Haupthahn absperren - das ist das Schreiben, mit dem das Schicksal mir "Hallo" sagen will.
Diesmal kommt es von oben. Letzte Woche entdeckte ich einen Wasserfleck an meiner Decke. Eine kurze Inspektion des Speichers bestätigte meinen Anfangsverdacht: Sturm und Sturzregen hatte einen neuen Ausguck geschaffen und eine Dachpfanne entfernt. Die wurde auch am nächsten Tag ersetzt. Heute aber, eine gute Woche später, hatten mehrere Hektoliter ein guter Eimer voll Wasser sein Weg durch die offenbar völlig durchnäßten Bahnen Steinwolle, die Plastikversiegelung und die Zwischendecke gefunden. Ein munteres Tropfen begrüßte mich folglich bei der Heimkehr.
Mittlerweile habe ich oben ca. zwei Quadratmeter pitschnasse Steinwolle entfernt, die Plastikhaut aufgerissen und einen weiteren guten Putzeimer voll Wasser darunter aufgewischt. Von unten stieß ich beherzt mit einem Schraubendreher in der Mitte eines weiteren Wasserflecks durch die Rigipsdecke - nur um "O'zapft is" zu rufen und einen munteren Strahl Wasser in einer Schüssel aufzufangen.
Zum Glück sind weder Bücher, Kleidung oder Foto-Equipment zu Schaden gekommen. Bislang. (Klopf auf feuchtes Holz.) Ich werde auch nur ein paar Gramm Mikrofasern eingeatmet haben, was mir mit einiger Wahrscheinlichkeit das Nachdenken über die Rentenfrage ersparen wird.
Ansonsten sind das Dinge, die halt passieren und eigentlich keinen Blogeintrag wert. Auch nicht am Ende einer eher bescheidenen Woche. Hier wird eben auch nur mit Wasser gekocht.

Freitag, 5. August 2005
Ach, die Zeit, die Zeit, wo ist sie geblieben. Derzeit heißt das Motto, ihr macht am Brunnen so lange Überstunden, bis ihr brecht.
Dann schleiche ich heim, esse Schokolade und schaue, ob es Neues gibt beim Mindspine Network. Schöne Dinge oder schräge oder gar bizarre. Irgendein Augentrost für leergesaugte Seelen. Zum Beispiel die Fotografien von Keith Carter.
Und dann ein Hoffen, ein Hoffen auf das Wochenende.

"Und wie er, EJ, immer sagte, man müsse gerade jene Menschen die einen ins Herz geschlossen haben immer wieder verletzen indem man sich zurückzieht um an der eigenen Arbeit bleiben zu können, also ihre Briefe unbeantwortet lassen, ihrer Bitte um eine Begegnung nicht nachkommen, und einen Zipfel herausziehen ganz fremd, herausziehen und sein Eigenes daraus machen, nämlich Spielart Spektakel des Veilchens, sage ich zu EJ"
(Friederike Mayröcker, Lebensgefährtin von Ernst Jandl, der am 1. August 80 Jahre alt geworden wäre. FAZ, 1.8.2005)
