
Donnerstag, 25. August 2005
A ringing bell
Behind my smile
It shakes my teeth
And all the while
As vampires feed
I bleed
(The Pixies, "I Bleed")
Sarah Lucas, neben ihrer engen Weggefährtin Tracey Emin, einer der herausragenden Vertreterinnen der mittlerweile fürs Feuilleton kanonisierten Brit-Art-Szene, macht sich derzeit einen Heiden-Spaß im wie so oft sehr engagierten Hamburger Kunstverein.
Die launige Retrospektive rund um ihren bissigen Kommentar auf die liebe Kollegenszene ("Complete Arsehole"), zeigt Porträts der notorisch breitbeinig sitzenden Bananenlutscherin und einen guten, morbid-lustvollen Schwung ihrer uber-sexualisierten Installationen.
Da wird allerlei Obst und andere Lebensmittel in pubertär-eindeutigen Posen drapiert, liegen tote Hühner in Bondage-Pose ("Spread Eagle") auf Bettgestellen, da penetrieren Leuchtstofflampen versiffte Matratzen und zerfließen Eier und Nylonstrumpfhosen in Badewannen mit phallischen Sanitärinstallationen, daß es eine Schweinerei Pracht ist. All überall: Zigaretten. Eine fröhliche, allesdurchdringende Assemblage aus Ei, Blut, Kakao, Schlafstätte und dekorierten Urinalen. Ein wenig monothematisch, möchte man vielleicht rufen. Aber natürlich nicht uninteressant. Meine Begleiterin scheut vor Ekel-Content nicht zurück. Anfassen sei kein Problem, meint sie und ich nicke zustimmend. Gemeinsam sinnieren wir über die Einsatzmöglichkeiten geschändeter Schweinehälften und -pfoten im sozialen Miteinander.
Was fehlt, ist ein Raucherzimmer, in dem man sich nackt in zerschlagenen Eiern wälzen kann, denke ich. Oder den Tisch besteigen, der als "Bitch" deklariert ist. Aber nun, wir sind in Hamburg, da lebt man - trotz angedeuteter Darkrooms auf der Ausstellung - gesittet. Die phallischen Objekte aus Beton ("Zum Glück ist es...") sind zum Spielen sicher auch zu schwer.
(Sarah Lucas. Hamburger Kunstverein, bis 9.10.2005)

Dienstag, 23. August 2005
Es scharret mit Hufen krumm,
Die Sterne erschraken so weiß.
Und der Mond wie ein Greis
Watschelt oben herum
Mit dem höckrigen Rücken.
(Georg Heym, "Halber Schlaf".)
Der Abend treibt langsam den Nebel über den Kanal. Ich genieße die Kühle, die durch das Fenster kriecht. Ein Nachbar schrie heute die nervöse Ente im Krick an. "Quack-quaak", nervte es den ganzen Tag.
"Halt die Schnauze", echote es über das Wasser. Beantwortet von einem zaghaft-fragenden "Qua?"
Man steht sich zu fern, um solche Fragen verstehen zu können. Man steht sich zu fern für irgendwelche Antworten. Das, was zu sagen war, wurde nie gesagt oder nie freiwillig. Nun spielt es keine Rolle mehr.
Es sind fremde Sprachen. Belassen wir es dabei. Als die Grenzen fielen, waren niemals diese gemeint.
"Crawl down the wall like no-one at all
Crawl down the track, find your way back."
(Editors, "Crawl Down The Wall".)

Sonntag, 21. August 2005
Es scheint die Art von Symbiose, die mir sehr ideal erscheint. Diese gegenseitig sich befruchtenden, engen, aber nicht konkurrierenden Künstlerbeziehungen, die über das Klischee von Maler/Modell oder allgemein Künstler/Muse hinausgehen.
Mïrka Lugosi ist die Lebensgefährtin meines Lieblingsfotografen (wenn man das in dieser Eindeutigkeit so sagen kann) Gilles Berquet. Die beiden leben zusammen in einer mittelgroßen Wohnung in Paris und machen gemeinsam ihre schmutzigen Sachen,
u. a. das kleinformatige und umso elegantere Fetischmagazin Maniac (bislang acht Ausgaben). Sie ist häufig Modell in Berquets Bildern, hat sich aber auch selbst als recht interessante Illustratorin und Malerin behauptet. Gemeinsam haben die beiden 2002 ein Buch veröffentlicht: Défence d'Ouvrier. Nun legt Mlle Lugosi nach mit ihrem schmalen Band Mademoiselle.
Hocherotische, pronografische Zeichnungen und frivole Illustrationen, übermalte Fotos (von Gilles Berquet) aus dem weitgesteckten Umfeld surrealer, morbider Gothic-, SM- und Fetish-Kultur - irgendwo zwischen Hans Bellmer,
Man Ray und, öh, Gilles Berquet. Anregend, humorvoll, morbide - ein echter Spaß für Auge und Hose.
Ach ja. Ich habe ein Foto von ihr in Ringelstrümpfen. Ein Grund mehr, Gilles Berquet zu beneiden bewundern.
(Mïrka Lugosi. Mademoiselle. Last Gasp, 2005.)
(Bei Last Gasp kann man fast blind kaufen: Für dieses Jahr sind dort noch angekündigt: Liz McGrath (endlich!) und Camille Rose Garcia. Falls jemand noch Weihnachtsgeschenke sucht.)

Samstag, 20. August 2005
Geschicktes Plazieren Glückliche Umstände führten heute dazu, daß ich an die Kasse meiner sexy Lieblingskassiererin gelenkt wurde. Wie ich mit meinem Stapel Pixies-CDs in der Warteschlange stand, fiel mir auch wieder ein, warum ich sie mag: Wir tragen eine sehr ähnliche Brille. Mit anderen Worten, die Frau hat Geschmack (und eine Stimme wie Kim Deal). Leider war sie mir gegenüber bislang mehr so butter wouldn't melt in her mouth. Aber heute nervte glücklicherweise der Kunde vor mir, weil er in aller Seelenruhe langsam und aufreizend umständlich seine eine CD an der Kasse eintütete und den ganzen Verkehr aufhielt.
Ich flötete irgendeine abschätzige Bemerkung, sobald er außer Reichweite war, und wurde mit einem entzückend-entnervten Augenrollen belohnt.
Oh! Stimmenversag. "Tschüß"-Piepsen!
Wahnsinnige Geschichte. Finde ich auch. Aber ehrlich gesagt, sollte dieses banale Geplapper jetzt nur darauf vorbereiten, mal einen Blick auf die wirklich hübsche Galerie von Simon Larbalestier zu werfen. Das ist der Fotograf, der in den 80er Jahren viele Fotos für die Pixies und andere 4AD-Bands gemacht hat. Schönes Schwarzweiß, viele Lith-Prints und Ansichten aus aller Welt.

Freitag, 19. August 2005
Florentino Ariza blieb den größten Teil der Nacht wach,
er glaubte Fermina Dazas Stimme in der frischen Flußbrise zu hören,
nährte seine Einsamkeit mit der Erinnerung an sie, hörte ihr Singen
im Atem des Dampfers, der sich wie Großwild durch die Finsternis vorpirschte,
bis am Horizont die ersten rosigen Streifen auftauchten...
(Gabriel García Márquez, Die Liebe in den Zeiten der Cholera. 1985.)
Wie sich das für Tage mit Vollmond cum Hitze cum Handwerker gehört, ist Schlaf kurz, unruhig und unerfrischend. Nun aber heißt es: Das Dach ist isoliert. Nehmen wir das symbolisch, schließlich ließen sich hier zuletzt einige Zustände geistiger Verwirrtheit nicht von der Hand weisen.
Alles normal also, mag man meinen (Welttag der Alliteration !). Aber dann liebsame Überraschungen im Briefkasten, Schecks trudeln, Lesestoff und Selbstgebranntes. Ich bin angenehm berührt, beschämt ein wenig sogar.
Da hat jemand kurz vor dem eigenen Urlaub nett an mich gedacht. Merci.
Im Supermarkt Super-U (Ich bleibe jetzt dabei), habe ich mich dann dabei ertappt, im Stillen mitzuzählen, als ein irgendwie verschroben wirkender Mann aus einem riesigen Müllsack endlos PET-Leergut klaubte. Bei "37" erwachte ich aus meiner Zähl-Trance, rief innerlich, "He, wer bin ich denn?", und mahnte mich zur Ordnung. (Ich glaube, es ging bis 51.) Schnell wird eine unausrottbare Zwangsneigung aus solcherart besinnungsloser Lässigkeit.
Nun aber wieder ausgeglichener. Mein famoser Tomaten-Mozarella-Salat (cum extra grano salo salis wegen der Hitze plus ordentlich Knoblauch) ist meine Trikoloreantwort auf molligwarme Dachwohnungen.
Gleich ist 19.00 Uhr, dann kann ich eine Flasche Wein entkorken.
Große Zufriedenheit zum Wochenausklang. Ich zähle schon die Minuten.

Donnerstag, 18. August 2005
Frau Gaga hat es mir ja schon angedroht. Die ominösen Zu- und Überraschungsfälle mit Wasser reißen nicht ab. Beim Weg aus dem Haus war der Hinweiszettel der Hamburger Wasserwerke, daß man in den nächsten Tagen meine Wasseruhr zu überprüfen gedenke, nur ein Menetekel für weitere Widrigkeiten: Mit dem Auto unterwegs, blieb ich nach schneckenschleichendem Stop-and-Go und stechender Sonne kurz vor Buxtehude mit kochendem Kühler stehen. Kein Wasser mehr!
In diesen Fällen heißt es nicht nur Heizung an!, sondern vor allem Opfer bringen - und so füllte ich den Kühlflüssigkeitsbehälter mit dem geweihten Wasser aus Lourdes nach, das ich immer zum Trinken bei mir führe. Durstig, aber gekühlt schlich ich wieder heim. (Das Eis in Harburg war aber lecker.)

Mit Tieren hat man ja oft den größten Spaß. Regelmäßige Leser werden sich noch an den berühmten Rosettenbock erinnern, andere an den Wettbewerb im Ia-Rufen. Doch Meerschwein hin, Esel her - dem gemeinen Stallhasen gebührt der größte Dank für Allotria und Neckereien. Als ich nämlich heute auf meinem Ausflug durch die versiegelte Welt der Subkulturen diesen Anschlag las, war ich gleich verzückt.
Rammlerball! Welche Lockungen und Versprechungen gehen doch von diesem Wort aus. Ich vermute, da werden die am Tage ausgestellten Hasen und Häsinnen besoffen gemacht und mit Musik zum Schwofen bedröhnt. Und dann:
Kanin Hop WettKAMPF. Sogleich hatte ich Bilder von Känguruhs im Boxring vor Augen. Würden da puschelige Widderkaninchen mit kleinen, possierlichen Boxhandschuhen auf einander eindreschen? Die albinoroten Augen von Tribal-Make-up wild umrändert? Und was käme als nächstes? Boxhamster? (Oh, dafür bekomme ich bestimmt persönlich eins mit dem Handschuh, in dem womöglich ein Hufeisen verborgen ist.)
Aber dann maßregelte ich mich selbst. Beim Kanin-Hop werden die munteren Nager sicher nur zum aufpeitschenden Klang von Aggro-Reimen durch brennende Reifen springen, während die kleinen Gartenfreunde - als Indianer verkleidet - mit Pfeil und Bogen auf die Rammler anlegen. Und für den Besitzer des Verlierers heißt es dann: Mensch ärgere dich nicht. Ich bin dabei.

Dienstag, 16. August 2005
Polly Becker
heirate ich auch macht sehr erbauliche Illustrationen aus Schrott, alten Puppen, Krempel und Müll.
Ich liebe so etwas und werde in einem späteren Leben als Animationsfilmer wiedergeboren. Dann ziehe ich mit meiner Geliebten über die Müllhalden, draußen vor den brennenden Städten und... ich schweife ab.
Scott Irvine macht die Art von Schwarzweißfotografie, wie ich sie mag. Schönes Spiel mit Schärfe/Unschärfe (das meiste sieht aus wie mit der Holga fotografiert), assoziationsreich, geheimnisvoll und morbide. Seine Serie aus dem Mütter-Museum in Philadelphia ist ganz exquisit (Freunde der Fotografie von Floria Sigismondi werden einige Objekte wiedererkennen). Wer keine Holga hat, kann auch Tesafilm über die Linse kleben, aber das nur nebenbei.
Erneut merke ich: Ich glotz' zuviel bei anderen Leuten und mache zu wenig selber. Carpe diem (oder noctem, je nachdem).

"Hab ich aus 'nem Container gezogen. Da wurde so eine Druckerei aufgelöst." Sie selbst hat sich einen umfangreichen Satz Stempellettern an Land gezogen. "Für T-Shirts. Punk-Style. Leider habe ich nicht alle Buchstaben." Also echter Punk-Style.
Ich bin nun im Besitz eines ECM-280 von Sony. Schönes altes Elektro- kondensatormikrophon in der Version aus den 70ern. Windschutz aus Metall, liegt schön schwer in der Hand, alles mit Originalpapieren, Kabel, Tischstativ usw. Natürlich kein Shure, AKG, Sennheiser oder Neumann. Kein vernünftiges dynamisches Mikro. Aber zum Rumspielen oder fürs Blogread reicht es allemal. Ich wundere mich immer wieder, was andere Leute so wegwerfen.
(Ich finde, dazu gehört jetzt ein Uher Report.)
