Mittwoch, 5. März 2014


Den Wald vor lauter Wäldern nicht sehen

Man bedeutet mir ab und zu von mir gegenüber nachsichtig eingestellter Seite, nicht immer so grummelig zu sein. Sondern offen, beherzt und aufgeschlossen, mit empfangenden Armen für das, was es so Neues gibt. Neues. Na ja. Was passiert, wenn junge Leute statt von Frühstücksflocken sich von den 80er-Jahre-Schallplatten ihrer älterer Brüder Väter ernähren, also was da rauskommt, kann man hier besichtigen:



As if Noise Pop never happended. Bobby-Gillespie-Standschlagzeug, Jesus-and-Mary-Chain-Gedächtnisfrisur, ein bißchen Wedding Presents und Shop Assistants und schon steht man im Wald mit lauter britischen Undergroundbäumen der 80er-Jahre. Ich meine, die sind jung und riechen sicher gut. (Anders als manche dieser alten 80er-Jahre-Bäume, vermute ich.) Aber was ist daran so... jaja, ich bin ja schon ruhig. Sehr nett alles. Sehr nett. Könnten meine kleinen Cousins sein. Ganz nette Leute. Gut erzogen auch. Sehr Aschermittwoch.

Radau | von kid37 um 11:11h | 16 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 27. Februar 2014


In der Hoffnung auf eine Elefantenstampede

Oh wonderful one
Why are you like that?
Glow in the darkness,
That's how we do it.

(Warpaint, "Stars")




Die Vorband störte immerhin nicht großartig. All We Are aus Liverpool, was zu vorhersehbaren Bühnenkalauern ("We are All We Are") führte. Teilweise klangen die wie Anna Calvi im staubigen (Achtung,doppeldeutiges Wortspiel:) Weinkeller, also Gothic-Heulboje im Stimmwebengewand, teilweise völlig bizarr wie "Die Bee Gees bringen eine Neo-Gothic-Platte" raus. (Inklusive leichtem "funky" Daumengekloppe auf dem Bass.) Nette Leute aber, die sich freuten, als Band aus Liverpool in Hamburg zu spielen. Drohende Weltkarriere wie diese andere Kapelle usw. Hübsche Halbakustikgitarren auch.

Derweil liefen unbemerkt vom Publikum Emily Kokal und Stella Mozgawa an mir vorbei, ungefähr in dem Abstand von Nasenspitze zu Bildschirm, später noch Theresa Wayman, alle unprätentiös unauffällig in Hoodies oder usselige Jeansjacken gepackt. Aber mir entgeht ja nichts. Ich habe mich aber nicht zwecks Autogrammerschleichung in den Weg geworfen, das wäre in meinem Alter auch ein wenig zwielichtig. Gillian Anderson dürfte mir allerdings den Unterarm signieren. Den, den ich seit Jahren nicht gewaschen habe, weil dort mal Amanda Palmer ihren Schweiß abrieb. Dabei bin ich gar kein Fan von Amanda Palmer, aber es war immerhin ihr echt erarbeiteter Schweiß.

Zurück zu den Frauen von Warpaint. Die erwähnte Schlagzeugerin hatte Geburtstag, leider bogen die Jungs, äh Mädels es diplomatisch ab, daß ein Ständchen gesungen wurde, sozusagen ein "Song for Stella". Dabei wäre das sicher nett gewesen, spätestens aber beim Warten auf die Zugabe. Aber junge Leute: am Ende hat keiner mehr daran gedacht.



Im Publikum viele junge Mädchen, die immer wieder ihre mit Städtenamen ("Hamburg, New York, Konstanz") bedruckten Leinenbeutel auf die Schulter zupfen mußten. Dazwischen Altmänner, und man muß sagen: Schlimmer als angegraute Altpunkrocker sind nur angegraute, bärtige Altökos mit inneren Jesuslatschen. Das mußte die Band aber nicht stören, die plauderten freundlich und hielten sich unbeirrt an die Setliste.

Mit "Beetles", selbstgebauter Kalauer, hätten Warpaint selbst eine hübsche Hamburg-Anspielung inklusive drohender Weltkarriere im Songgepäck gehabt, gepielt haben sie stattdessen aber das tolle "Bees" und später noch "Undertow". Und viele Stücke vom neuen Album, die Single "Love Is To Die" natürlich, "Hi", "Biggy" oder "Keep It Healthy". Und ja, die eher ruhigen neuen Lieder wachsen mit dem Hören, live allerdings finde ich die dennoch nicht die erste Wahl.

Der Auftritt also fein gefaltet souverän, alles sehr auf Kante, aber auch frei von gelösten Schnürsenkeln oder anderen Überraschungen. Erst am Ende, als sie die Elefanten von der Bühne rollen ließen, gab es noch mittelausuferndes Gejamme. Allerdings wirken selbst diese "freien" Passagen mittlerweile enttäuschend routiniert und eingespielt. Ein wenig Rotz, ein wenig Geburtstagsekstase wäre kein Schaden gewesen. Irgendetwas besonderes, so am Abend vor Weiberfastnacht. Leute, schafft Erinnerungen!

Ich dann schnell in den Mantel, am Gitarrenladen vorbei, in dessen Schaufenster das "Jaguar"-Modell von Emily Kokal hängt. Ein bißchen S-Bahn-Dösen, seit langer Zeit verrauchte Kleider am Körper, träge Erinnerungen wie die eines freigelassenen Elefanten. Kriegsbemalung runter, dann Bett.

>>> Warpaint live at Noisemakers, wo Stella Mozgawa zeigt, was Arbeit heißt.

Radau | von kid37 um 22:27h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 15. Februar 2014


Warpaint

It’s not necessary/
To be so dark

(Warpaint, "Love Is To Die")


Der bemerkenswert selbstbewußte Mix von aus Post-Punk-Soundlandschaften destilliertem Flangerschwirren der frühen Cure, den schräg dazu gesetzten Popmelodien aus der Echokammer der Cocteau Twins, durcheinandergeschüttelt von diesen hübsch vertrackten Versatzstücken, Brüchen und Brücken von einer Phrase zur nächsten und in Schleifen wieder zurück - das war für mich eine der hübscheren musikalischen Überraschungen der letzten Jahre.



Ich hätte aber nicht gedacht, daß der Zauber der ersten anderthalb Alben noch ein weiteres Mal funktionieren könnte. Aber wo mich die One-Hit-Indiewunder der letzten langen Jahre - angefangen von diesen prätentiösen Interpol-Bubis über deren biedere Cousins, den Editors, - mich alle mal ungefähr fünf Minuten begeistern konnten, gar nicht zu reden von den ganzen Siouxsie-Kopfkissen-Beschlummerinnen, die vor drei, vier Jahren plötzlich aus der Neo-Gothic-Höhle im Retrowäldchen sturzgeboren wurden, ist das nun einfach Warpaint betitelte zweite richtige Album eine überraschend angenehme, entspannt klingende Fortsetzung.

Mir gefällt immernoch, daß die so hörbar Bock haben zu spielen. Das sind Musikarbeiterinnen ohne Gepose, die sich selbstvergessen in endlosen Jam-Session-Schleifen verlieren (am schönsten vielleicht auf diesem wie von einem Adrien-Sherwood-Gerätepark unterlegten "Hi"), die neuerdings mit dem Einsatz von Elektronik experimentieren wie im schwelgerischen "Biggy" oder lässig die treibenden Stücke vom Erstling zitieren. Ein gutes zweites Album, sehr bei sich, ein Schritt zur Seite, keine vom eigenen Erfolg verängstigte Fanwunscherfüllung.

Die Älteren unter uns könnten natürlich nörgeln. Man höre sich nur mal das Intro mit der Basslinie und dem Sound der Gitarre und der Melodie von Siouxsies Cascade an und schalte dann 20 Jahre weiter zur Warpaint-Single Love Is To Die. (Bin gerade zu faul zum Nachsehen, aber könnten tatsächlich beide von Flood produziert sein.) Verblüffend, aber will man da kleinlich werden, wenn das so schön gesponnene Spinnweben sind?

Möglicherweise schaffe ich es mal zum Konzert. Von den Live-Qualitäten hört man sehr unterschiedliches, von "stark" bis "langweilig" und "verkifft" ist alles dabei. Auf Youtube gibt es ein paar Mitschnitte aus den letzten Monaten, bei denen die neuen Stücke noch nicht sonderlich gut sitzen, wie ich finde. Die schließen dort aber keinen bei sich ein, man kann jederzeit gehen. Hoffe ich.

>>> Warpaint rocken Elephants bei Jools Holland. (Offene Münder im Publikum.)

Radau | von kid37 um 00:37h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 23. November 2013


Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld

Wo meine Wunden waren/
spüre ich das Wetter

(Kreisky, "Halleluja")



Selten, daß es schon zu Augenrollen kommt, noch ehe ich einen Beitrag geschrieben habe, aber tatsächlich ist es so: der Champion, der hot woas gschofft, aber natürlich nicht nur Fans. Austrofred jedenfalls, der in seinem Heimatland als einzig legitimer Nachfolger Freddie Mercurys gilt, hat zwei wegweisende Bücher geschrieben, die jedem aspirierenden (und, um in der Stimmlage zu bleiben, wie es bei uns Künstlern heißt, auch transpirierenden) Blogger mit Unterhaltungs- und Aufstiegsambitionen auf den Nachttisch empfohlen seien.

Vor allem Alpenkönig und Menschenfreund schildert auf großzügige und beinahe übermenschlich philantrophische, gleichzeitig aber bescheidene Art, wie man das eigentlich macht: ganz nach oben kommen, ehrliche Konzerte geben und angemessen mit der Wärme und Aufmerksamkeit der Fans (was dann zwangsläufig kommt) umgehen. Tips also zur Vorbereitung, zum Outfit, zur Show und zur Aftershow, für den steinigen Weg bis zum "Gipfel" - aber auch ganz aufrichtige und selbst im Innern berührende Bekenntnisse wie in dem Kapitel "Ich war als Kind viel traurig..."

Der Champion, wie er zurecht genannt wird, hat sein Publikum gezähmt, ist Profi durch und durch, zugleich aber hochsensibel geblieben: Weu du stoiz bist, wenn du wanst, und di trotzdem zuwelanst, drum wü i di... heißt es in einem seiner Liebeslieder. Da bleibt kein Auge trocken. Ich rechne noch in Schilling sagt es, wie es, äh, ist.



Jetzt aber Schmäh beiseite, was mich wirklich am durchgeschwitzten Hemdkragen gepackt hat, war die Entdeckung der anderen Seite meines verlorenen Zwillings vom Austrofred. Mir hat natürlich wieder keiner was gesagt, dabei gibt es die Band schon seit Jahren. Kreisky nämlich. Und für jemanden, der die diversen, teils sogar in Berlin lebenden Ableger der Hamburger Schule nur noch so lala findet, ist das die große Offenbarung einer angenehm mißmutigen Mission. Alben wie das hier titelgebende Mein Schuld, meine Schuld, meine große Schuld nehmen an der Stelle, an der in den 90ern Bands wie Blumfeld die Abzweigung zur Autobahn Großschlager genommen haben, die rumpelnde Landstraße mit Pathos, Dreck und Wiesenblumen am Straßenrand. Neigungsgruppe Musik mit jeder Menge schlechter Laune. ("Schlechte Laune vom Feinsten", wie man heute wieder öfter liest.) Texte, bei denen jede Zeile ein Zitat ist. Wo man denkt, hallo, wie kann das angehen, daß da jemand meine Band gründet? Nur weil ich jahrelang hier herumgegondelt bin statt auf verschmuddelten Bühnen? Macht aber nichts, denn es gibt diese Gruppierung nun immerhin, und mein Asthma ist jetzt praktisch weg.

"Brüssel" ("Du hast jetzt neue Sichtweisen") könnte man für mich auch durch den Namen anderer Städte ersetzen, Berlin käme da in den Sinn, kommt alles aufs selbe raus. "Reggae-Platten und Zimmerpflanzen/Schade um das Geld" heißt es dort über das desillusionierte Ende übertriebener Romantik. Man muß das eben alles ganz nüchtern sehen. Wir reden hier über Restwürde. Im Januar erscheint das vierte Album Blick auf die Alpen. Hört sich an wie ein Jahresmotto.

Wo wir dabei sind: Franz Adrian Wenzl, um den handelt es sich, hat mit Fotografin Conny Habbl das ganz wunderbare Buch Herzbrech Hotel herausgebracht. Eine fotografisches Roadmovie durch Hotels und Pensionen mit Namen wie "Angst" oder "Zorn" oder "Zweifel". Für die, die noch ein Geschenk suchen. (Ich hab's aber schon.)

>>> Kreisky, Die Menschen sind schlecht (live)

Radau | von kid37 um 20:23h | 22 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 30. Juli 2013


Es liegt ein Schweißschleier über der Stadt

Rock and Wrestling
Rock and Wrestling
Rock and Wrestling
ist jetzt wieder da.

(Nik Neandertal,
"Die Hymne".
Nochmal?)




Einmal im Jahr können in Hamburg Gebrechliche wieder Gehen, Träumer die Muskeln anspannen und Flüsterkneipenbesucher wilde Juchzer hören. Da gehört plötzlich Rock zu Wrestling wie sonst nur Tom zu Jerry, Ping zu Pong, Kid zu Siebenundreißig oder der Papst zur Messe.

Zum Ereignis gehört eine feste Liturgie. Die heißt nicht "Mal sehen", sondern "Ganz genau!" und das bedeutet: pünktlich da sein, entschlossen anstehen, und wissen, was und wo der Ring ist. Auf der Ersatzbank durch zahlreiche Ausfälle geschwächt, hatte ich noch Karten zu verkaufen, mußte daher Kontakt zu jungen Menschen aufnehmen. Ich sach mal so: Loide. So nicht. Während früher, wenn man schon keine Karte hatte, weil man, so was kommt vor, auch wenn es dafür keine Entschuldigung gibt, irgendwie mit dem Terminkalender durcheinandergekommen ist, dann ging man trotzdem hin (Barfuß! Im Bußgang!) in der zarten Hoffnung, daß irgendeiner sozusagen auf dem Weg schwer verstorben ist und durch diese Umstände (und wirklich nur so!) eine wirklich allerletzte Karte doch noch frei geworden ist. Und dann: Dankbarkeit! Tränen in den Augen! "Ich werde den Enkeln davon erzählen!", "Dankbarkeit bis ins letzte Glied" usw.

Nicht aber: Smartphone zücken, Ey, du, warte mal, ich ruf da gleich mal die NastiNadineNicole oder TimTomKlaus an, ach nee, melden sich nicht, sind wohl auf 'ner anderen Party (eine ANDERE Party?!?), dann schnell, wischwisch, die Facebook-Gruppe "Ey Mann, wo geht's denn hier zur Party?" getopcheckt... Also bitte, Freunde. Ja oder Ja. Glaubt mir, es wird kein gutes Ende nehmen mit dieser Generation Vielleicht oder Morgen.




Drinnen dann zum Glück gleich DingDong, wir sind jetzt da, wo die Herzen pochen, die Stimmung Schwellkörpern gleich zum Platzen gespannt ist, schön alles festhalten, die Geräte dabei ausschalten, auf Blutspritzer achten (das Management übernimmt keine Gewährleistung), die Kämpfer anfeuern - und, ganz wichtig: nicht selbst Teil der Show werden wollen. Wir machen das! heizen Testsieger den Laden gleich noch ein paar Grad höher. Ich denke, sehe ich auch so, das werden wir ja wohl schaffen. (Ich kämpfe ja nur noch gegen mich selber.)

Hamburgs weltbestes Nummerngörl Dolly Duschenka macht den Ring klar für die ersten Kämpfe, der 37-fach ungeschlagene One and Only Baster holt ordentlich einen aus der Lampe, seinen bezaubernden Dschinn Jeannie nämlich und dann wird diesem Grünen Bastard der Hosenboden strammgezogen. Zack, voll auf die Zehn, als könne man drei und sieben zusammenzählen.

Für die Ladies Damen schmilzt Nik Neandertal mit ein, zwei Darbietungen der offiziellen Hymne (können auch drei oder vier Mal gewesen sein, wer zählt am Ende noch nach?) ein paar Herzen - wobei er bei dieser Hitze leichtes Spiel hatte. Schmachtende Blicke, frenetischer Jubel! Der Neandertal-Mann verausgabt, atmet nur noch aus dem Hemd.




Klitschnasse Leiber im Ring und vor dem Ring, wir wogen zu The Cheating Hearts, die kompromißlos über Belange des angestrengten Schulterschwung-Artistenlebens singen. Das Team St. Pauli aufs Mauli haut die Esso-Häuser raus und träumende Investorensäcke platt. Großer Sieg für den Stadtfrieden, alle Daumen gehen hoch. Eddie, der Eismann wirft Gefrorenes ins Publikum, enthemmte Mädchen fangen die Eistüten mit ihren Dekolletés, wo sie sofort zu Wasserdampf zerkochen. Ekstase, dabei stehen die großen Kämpfe noch an.

Wir warten auf Loony Lobster, den hartgepanzerten Kämpfer aus den Meeren mit dem festen Klammergriff (hier ein seltenes Foto, das Loony Lobster als kleinen Jungen zeigt). Auf Bento Love, den Kampfroboter der Herzen, Dr. Tentakel und den Danger Pilz. Aber auch auf echte Schurken wie Kommander Kernschmelze, den hipstrigen Schanzenschnösel und den bösen Manager Don Shrimp, der seine Kämpfer mit miesen Tricks zur Macht führen will.

Während innen als einem der letzten gerechten Orte Hamburgs meist das Gute siegt, draußen ein unbeachteter Moment. Der Hitze wegen hat sich der Backstage-Bereich auf die Treppe vorm Haus verlagert. Im Zwielicht der Straßenlaterne ein Grüppchen Wrestler, wie konzentrierte Stierkämpfer auf ihren Einsatz wartend. Halb sind sie im Kostüm, Masken und Pappmachéeköpfe liegen auf den Stufen, leichter Schweißfilm liegt auf der Haut, eine intensiv gespannte Atmosphäre in der Luft. Das Foto, das ich nicht machte.

Tiefe Nacht, tiefes Ausatmen. Tagessieger dann: Nik Neandertal. Zeit für die Hymne. Danke an alle.

Radau | von kid37 um 22:02h | 23 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 27. Juli 2013


Jetzt die Elektrolyte, bitte



Auf dem Heimweg begannen Ziegen, mir das Salz von der Haut zu lecken. So, als läge bei diesem Wetter nicht genug Gezicke in der Luft. Jetzt erstmal Schweiß und Ziegensabber abduschen, dann auf die Entgiftungsstation, morgen vorsichtig schauen, ob die Welt diesen Rumble überstanden hat.

Vielleicht vorher noch mal die Hymne hören.

Radau | von kid37 um 02:52h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 7. Juli 2013


The Future is Now

Should I pursue a path so twisted?
Should I crawl defeated and gifted?
Should I go the length of a river?
Oh, I'm pissing in a river.

(Patti Smith, "Pissing In A River")


Auf diesem Bild hat Herr Kid einen Arzt versteckt. Könnt ihr ihn finden?

Am Samstag mal Anflug von Sommer in der Stadt, eine schnelle, schwitzige Runde auf dem Rad, dann aber los zum Familienausflug in den Stadtpark. Die "Großmutter des Punk", wie sie mittlerweile genannt wird in einer leicht frechen Verschiebung von Godmother zu Grandmother, spielt dort. Und zwar pünktlich. Ich bin leicht spät dran, weil ich vorher noch schnell wohin mußte und dabei - irgendwie verfolgt mich das gerade - von einem jungen Mann, zurecht aber diesmal, ermahnt wurde. Wißt ihr das auch, too much information, ich weiß.

Frau Smith spielte bereits "Ask The Angels", bemerkte aber kurz darauf zwischen zwei Liedern, daß sie Adleraugen besäße und alle genau erkennen könne, auch wenn einer grad "taking a piss" wär. Na toll, das hat gesessen, und ich will auch gar keine höheren Umstände anmelden. Könnte ich aber!

Wie um mich zu foppen, gab es später eine ganz großartige Version von Pissing In A River, einer von Smiths schönsten Songs. Man ist ja schon ergriffen, wenn die Anfangsakkorde auf dem Klavier durch das Stadtparkrund klingen, sich durch die Hecken und Bäume winden und alles einweben, dieses so ganz geradeaus gewundene Liebeslied, die unverhohlene und eindeutige Hingabe. Um beim Thema zu bleiben: Piss Factory hat sie aber nicht gespielt und nun ist auch schon gut damit. Meine Güte.


You bore me already, Baby. - No, no - just joking. You are one of the most exciting persons I've met in my life.

Erst dachte ich, Mensch, die spielt ja schon am Anfang alle Hits. Bis mir einfiel, daß sie ja auch kaum andere Stücke hat. 35 Jahre Hochkraftrock, auch die Stücke vom letzten Album fügen sich ein mit Feedback und Energie. Bei Patti Smith herrscht immer auch eine gesellige Familienparty. Sie wandert herum, spricht mit dem Publikum, nutzt eine Verschnaufpause, als die Band um Lenny Kaye alte Rock'n'Roll-Kracher zu einem Medley mischt, und läuft raus zu den Leuten weit links und rechts der Bühne. Mich würde auch nicht wundern, wenn sie zwischendurch belegte Stullen und Würstchen vom Grill reichen würde. Ein vorlauter Schreihals wird von ihr lachend aufgezogen, das ist alles ein friedlicher "Ghost Dance" hier. Ein in Hamburg weltberühmter Regisseur macht eifrig Fotos, ein bekannter Punkrockschlagzeuger bewegt im Takt den Kopf, während die Smith in "Banga" (liturgisches Beispiel) die Hunde beschwört. Whoo-hoo.

Dann geht es zurück zu den ernsten Dingen. Smith mahnt den Abrißwahn an, so als wüßte sie um die Hamburger Gentrifizierungs- und Verwüstungstendenzen. Man solle darauf achten, die Welt und die Städte nicht eine einzige große "Tourist trap" zu verwandeln, sondern auch die abgeranzten Ecken erhalten. (Heute abend trinkt sie noch einen im Gängeviertel, schätze ich). Ein Neil-Young-Cover, eine gesungene Protestnote für Edward Snowden. "Thank you for giving the secrets of my country - to me", ruft sie unter Applaus, viele sind jetzt einer Meinung und zwar der richtigen. G-L-O-R-I-A.

Und das muß man ja mal sagen: Es gibt nicht viele Künstler, die bei ihren Konzerten deutlich machen, wie sehr sie mit ihrer Musik in der Zeit stehen. Nicht eine gut marinierte Vergangenheit beschwören, die Musical-Version ihrer Karriere und größten Erfolge spielen. Die rotzige Haltung, das dezidiert Politische bei der Smith: Da ist überhaupt kein Nachlassen von Energie oder Konzentriertheit zu spüren. Da tanzt eine kleine alte Frau über die Bühne mit einer Stimme, die ein erstaunliches Volumen besitzt und das Rund füllt, dabei gurgelt und röchelt, ächzt und stöhnt, und sich eher gewaltiger anhört als vor 30 Jahren. Wie ein Ozean.

Ein bißchen beschämend auch, wenn man selbst so vergeht. Die Botschaft aber bleibt: "People Have The Power", und die Zukunft ist jetzt.

Genau so nämlich sieht es aus.

>>> Rock'n'Roll Nigger, Hamburg

Radau | von kid37 um 22:00h | 29 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 4. Juni 2013


Like A Giant

Ain't singing for Pepsi/
Ain't singing for Coke/
I don't sing for nobody/
Makes me look like a joke

(Neil Young, "This Note Is For You")

Ist natürlich schon mehrere Leben her. Aber manchmal muß ich ja immer noch lachen wegen diesem empört hervorgestossenem "Ich bin hier der Klaus Kinski!", wo ich so dachte, wenn du der Klaus Kinski bist, dann bin ich aber Neil Young, und hier, This Note Is For You. Hier verlaufen unsere kulturellen Demarkationslinien. Das ist wirklich schon lange her (mein Elefantengedächtnis aber!) und die Grenzen natürlich neu gezogen. Längst. Seither hat auch der Herr Young, unbeeindruckt von Wind, Wellen und Publikumswünschen wie es scheint, eine Menge musikalisches Geröll bewegt. Vielleicht der letzte große Blogger Stoiker, der ja von sich auch behauptet, Alben in erster Linie für sich zu machen. Ratet, aber ich finde das gut.



Jetzt hatte er also seinen Landpflug in den Bühnenboden einer Hamburger Halle geschlagen, ein alter Mann, mehrfach schwer erkrankt, aber immer noch aufrechter Baum mit ordentlich Rinde. Und wenn der das auf der Bühne kann, kann ich es wenigstens von der Seitenlinie aus, dachte ich mit meiner schüchternen Rinde und fand das auch gut. Nach dem Intro mit "A Day In The Life" spielte er die Nationalhymne vom Band. Und zwar die deutsche, Helm Hut ab, Hand aufs goldene Herz und Pfiffe überstanden.

Dann aber ran an die die landwirtschaftlichen Maschinen, mit "Love And Only Love" rumpelt das berühmte rollende Grummeln von Crazy Horse aus der riesigen Lautsprecherkulisse. Der Band wirft man vor, auch nicht mehr zu können, als stur geradeauszufahren, alten Dampflokomotiven gleich. Aber das ist ja auch schon eine Leistung. Es folgen Klassiker und neue Hits, "Powderfinger", Heart Of Gold, dazwischen das phantastische, trotzig-melancholische "Walk Like A Giant" in einer Langversion, die in eine zehnminütige Feedback-Attacke mündet. Zeit für einen Austritt des kleinen Herrn Kid, der sich dazu in seiner Sitzreihe leider an einem etwas verkrampften Jünger des Herrn (Young-Jünger!) vorbeischieben muß. Das wird unwirsch kommentiert, weil doch der Neil grad die frequenzzerstäubende Messe liest. Ich les' dir auch gleich die Messe, aber in deinen Schoß Ich denke mir was, verschwinde kurz und kann berichten: Vom Klo der 02-World hört sich das Rückkopplungsgegrunze von Crazy Horse beinahe an wie der Maschinensturm der Einstürzenden Neubauten. Gigantisch.

Leider gab es auch im Wind verwehte Lagerfeuerlieder und Kitschattacken mit Abschlussklassen-Schulaufführung (junge Dame schleppt einsam nachdenklich Gitarrenkoffer über die Bühne, dazu "Singer Without A Song". Wir denken: Neil Young - das Musical). Falls jemand das nächste Konzert besuchen möchte und die erste Toilettenpause verpaßt hat, wäre das eine Gelegenheit. Neil Youngs Blase aber hält, der hat Kürbisfelder hinterm Haus. Unverdrossen ochst er sich durchs Programm, jetzt selbst so groß wie die Lautsprechertürme: "Cinnamon Girl", "Fucking Up" und schließlich "Hey Hey, My My". Anders als in Berlin spielte er zur Zugabe aber nur zwei Kommt-gut-nach-Hause-Stücke, was imerhin den Kalauer ermöglichte, "He, der hat gar nicht "Rock Me Like A Hurricane" gespielt".

Raus in die Nacht, milde Luft und feuchte Hände. Draußen spielt einer "Rocking In The Free World". Immer geht irgendwas zu Ende. "And every morning comes the sun".

>>> Geräusch des Tages: Neil Young, Walk Like A Giant

Radau | von kid37 um 16:37h | 21 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 17. Mai 2013


Fragt ruhig, es gibt Die Antwoord

Der Name geisterte ja schon ein zeitlang herum, ich aber hatte das Phänomen aus dem Augenwinkel heraus voreilig als eine bloß weitere lustige Schenkelklopfer-Gaudi aus dem Internet eingeschätzt. Ihr wißt schon, wo Menschen wie Ponys tanzen. Und als Herr Vert letztes Jahr in Sachen Die Antwoord ausführlicher wurde, war ich gerade nicht so in der Lage, diesen Dingen mental zu folgen.

Nun aber erfuhr ich vor wenigen Wochen erst, daß Fotograf Roger Ballen, über den ich hier einmal geschrieben habe und der zuletzt im April in Wien gezeigt wurde, mit Die Antwoord zusammenarbeitet. Sie haben zwei, drei Videos gedreht, die die quietschbunte Albinowelt des südafrikanischen White-Trash-Dubstep-HipHop-Paares mit den teils beklemmenden Studien Ballens über die weiße Unterschicht des ehemaligen Apartheid-Staates zusammenbringt: I Fink U Freeky. (But I like you a lot.)

Die stolze Umwertung dieser niveaufernen Bodensatzwelt einer vergessenen Schicht ist natürlich über den bloßen Schock-Moment hinaus ziemlich sophisticated. Der Afrikaans-Künstlerkosmos aus dem Platteland erinnert damit ein wenig an HGich.T, den kunstanarchischen Technorabauken aus dem norddeutschen Flachland. Betrachte ich das Zusammenspiel aus Musik und Stümmel-Sprach-Parolen, aber auch Film, Mode und Kunst, begreife ich erstmals, welche Faszination und Definitionskraft von dieser Uffta-uffta-Plastikkultur ausgeht. Wie sich eine verachtete Welt an sozialem Dünkel und Kultursnobismus vorbei unbekümmert zu einer Szene erhebt, neue Codes schafft und ein Selbstbewußtsein. Gefährlich ist und voll böser Selbstironie und Spielerei mit Trashkultur-Klischees: Baby's On Fire. Gegenkultur ist tot? He, pikierte Bio-Banausen, hier kommen die Kik-Kombatanten. Yo-Landi von Die Antwoord beschreibt den Zef-Stil so: "It's associated with people who soup their cars up and rock gold and shit. Zef is, you're poor but you're fancy. You're poor but you're sexy, you've got style." (Wikipedia)

Ein verblüffender Trip ist auch der Kurzfilm Umshini Wam ("which is a popular Zulu struggle song meaning 'bring me my machine gun'", Wikipedia) von Harmony Korine. Das ist der US-Regisseur, der den unverstellt schrägen Gummo machte, der Film mit dem kleinen Jungen mit den Hasenohren. Und noch ein paar andere, noch konsequentere Sachen. Oder zuletzt Spring Breakers. Ihr kennt den alle auch als Drehbuchautoren von Kids und Ken Park. Harmony Korine. Genau. Umshini Wam jedenfalls kommt mit dem Refrain "I'm old enough to bleed, I'm old enough to breed, old enough to crack a brick into your teeth while you sleep" daher, ein Schlummersong an den Lagerfeuern der Wohnsilo-Vorstädte. Ein aggressiv-komisches Inbred Fokfest.

Aber eben nicht ohne politisches Bewußtsein. Bei aller Provokation dezidiert anti-rassistisch, anti-homophob und abseits nickelbrillenhafter Gedanken- und Sprachkontrolle, anti-anti vielleicht, geht es Die Antwoord auch darum, Südafrika "auf die Karte zu bringen". (In einem Video heißt es: The History of South Africa is: 1. Nelson Mandela 2. District 9 3. Die Antwoord). Dazu paßt, sich rotzfrech über "kulturimperialistische" Konstrukte wie Lady Gaga, die Black Eyed Peas oder Kirsten Stewart lustig zu machen. This Is Why I'm Hot.

Gut, der Beitrag kommt ein gutes Jahr zu spät. Dauert manchmal lange, bis der Groschen fällt hier im platten Land.

Radau | von kid37 um 11:37h | 10 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 28. September 2012


"Kein Meer ist so wild wie die Liebe"

Wenn ein Traum, irgendein Traum sich nicht erfüllt,
wenn die Liebe zu Ende geht,
wenn selbst die Hoffnung nicht mehr besteht,
nur Einsamkeit

(Udo Jürgens, "Immer wieder geht die Sonne auf")



Where were you in '77?

Das kann gerne unter uns bleiben, aber ich habe ja eine gewisse weiche Stelle für, Achtung, Udo "Ich war noch niemals in New York" Jürgens. Großer Entertainer Blogger, hochprofessionell, auch wenn man seine Kunst nicht mögen muß. Jemand, der leichte Sachen machen kann und vor allem unterhalten, was ja doch das Schwere ist und in diesem vernörgelten Land nicht gern gesehen. Für die Nachgeborenen, die das jetzt alles nicht verstehen, ist vielleicht dieses lange TV-Gespräch (ZDF-Mediathek, 75 Min.) interessant, das er leider mit einem wenig adäquaten Partner geführt hat.

Dort erzählt er, wie er einst zum Bloggen fand, spricht über die ersten Jahre, die Hits, den Erfolg im Internet und die großen Auftritte. Läßt auch die Schwächen nicht aus, Schlaflosigkeit, die Sucht nach Ruhm, Aufmerksamkeit und Alkohol. Die Versuchungen, die Eitelkeit, natürlich, die vielen Menschen und Fans nach den Blog-Lesungen, ja, auch Frauen. Am Ende, wenn das Gespräch über das Ende geht, dann auch wieder angemessen ernst (und spätestens da hätte man ihm einen wirklichen Gesprächspartner gewünscht). Wenn das Vorne, nach dem man immer schaut ("und nicht zurück"), immer weniger wird.

"Früher hat man noch hundert Hände geschüttelt, heute riegelt die Security die Bühne ab", so sinngemäß der Altstar über die Einsamkeit nach Lesungen. Wie ich das kenne!. Wie man nachts aus irgendwelchen Kaschemmen torkelt, in wenigem nur noch gewiß. Immer aufs Neue so manchen Abschied meistern muß, von Menschen, von Phasen im Leben, von Sehnsüchten und Plänen. Und trotzdem das große Dennoch: "Immer wieder geht die Sonne auf", heißt es in seiner bühnenpräsenten Abwandlung des bitteren Hemingway-Romans The Sun Also Rises, ein Lehrstück über das Zusammenreißen und Immer-weitermachen.

Viele, so höre ich immer wieder, mögen ihn und seine Art zu Bloggen nicht. Zu seicht, zu anspruchslos, zu yesteryear. Mag alles sein. Aber den ganzen sich mit Zitaten aus Philosophie und Hochliteratur umplusternden A-List-Blogs sei gesagt, was Udo über Karriere sagt: "Du darfst kein Arschloch werden". Am Sonntag wird er 37 78 und ist immer noch auf seiner "never ending"-Tour.

Radau | von kid37 um 18:37h | 46 mal Zuspruch | Kondolieren | Link