Sonntag, 12. Februar 2012


Zwischendurch Kulturbetrachtungen

Ach, die seligen 80er. Die ersten Jahre waren nur Graubrotgraubärgrauzeit, dann schien penetrant die Sonne, selbst in den Videoclips von Siouxsie and the Banshees. Parallel gab es diese merkwürdige Wendung, als nämlich diese drei Mädels von Bananananamramanamana aus der Punk- und später Fun Boy Three-Ecke in die Plastikschmiede von Stock-Aitken-Waterman gerieten, deren kaugummiklebenden Kirmesmusik ab der Mitte dieses schulterverstärkten Jahrzehnts keiner mehr entkommen konnte. Schönes Beispiel hier. Die fröhlichen Drei scheren sich nicht um Playback, auch die Choreographie sitzt nicht bei allen richtig. Dabei ist die prinzipiell Verkehrspolizisten-easy: bei "heard" faßt man sich an die Ohren, bei "heart" legt man die Hände auf die Brust. Zwischendrin, ich bin in Tanzbegriffen nicht so sattelfest, gibt es den Hampelmann, die holländische Poldermühle, den händeflatternden Schwalbenschwarm und die Cowboypistolen - und dann zum Schluß den Kopf zurück, einen Griff in die Big hair-Frisur und dabei einen dieser neonbunten 80er-Jahre-Cocktails gurgeln. Aber so waren die Zeiten, selbst ich trug damals noch kurze Hosen. Man hatte ja alles noch vor sich, zum Beispiel die Mädels von Banananamaramanamarama.

Zwischen den Wellen (wir sind jetzt in der Jetzt-Zeit), in denen ich allerlei fehlgeleiteten, wie elektrischen Strom durch meinen Körper rauschenden Nervenimpulsen nachlausche, mache ich sogenannte physiotherapeutische Übungen. Da dachte ich, schau doch mal, was die Damen von Bananamarnamanranamana heute so machen, ich bin ja der Bill Murray der internationalen Karaokebühnen, ich mache denen das einfach nach. Das sah hier zuerst auch ganz leicht aus, Arme nach links, Arme nach rechts, wedel, wedel, Schwalbenschwarm. Aber irgendwie, ich muß das zerknirscht zugeben, sind die immer schon gerüchteweise (Rumour!) als extrem trinkfest geltenden Fräuleins mir voraus, dabei sind die keinen Tag älter als ich.

Falls ich doch noch meine große Jubiläumsparty mache in 13 Jahren, lade ich die ein, mit Sonic Youth wird es eh sicher schwierig werden. Dann aber Polonaise und alle zusammen.

Radau | von kid37 um 02:12h | 14 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 30. Januar 2012


Ödland

Derzeit bin ich innerlich und äußerlich ein wenig zu gehandicapt für Testosteronrock- und unterrockunternehmungen, ich brauche schon meine ganze Energie, mit der Fingerspitze punktgenau den richtigen Buchstaben auf der Tastatur zu treffen, damit sich alles noch entzifferbar zum neuen Ich zusammenfügt und nicht die falsche Welt beschreibt. Den Rest der Zeit liege ich meditierend auf dem kuriosen Sofa im Wintergarten (Ostflügel), von dampfenden Weihrauchschwenkern und angestaubten grünen Blättern wie von jugendlich verschnörkelten Rahmen eingefaßt und lese die gesammelten Zeitungsausschnitte und Artikel vom letzten Jahr und natürlich die Jahreshoroskope. ("Das Motiv unserer Ouvertüre hat Uranus vorgegeben, der 2012 durchs neunte Haus zieht und Ihnen nahelegt, auf ihre Gesundheit zu achten." Vogue, Dezember 2011.)

Dazu klimpert kunstvoll komplizierte Musik. Man muß wissen, daß dieses Blog, ehe es "Das hermetische Café" hieß, fünf Minuten lang "Ödland" heißen sollte, was aber, wie wir alle wissen, nicht geschah. So war der hübsche Name frei für eine französische Truppe aus Lyon, die gemeinsam Musik und versponnene Videos machen. Ödland bestehen aus Lorenzo Papace, den türkischen Schwestern Alizée und Léa Bingöllü und Isabelle Royet-Journoud, die auf allerlei Spielzeuginstrumenten, Klavier, Geige und singender Säge vom 19. Jahrhundert inspirierte Kammermusik und eine Art Alice-im-Wunderland-Chansons kreieren, die auf bislang zwei ganz bezaubernd gestalteten Alben erschienen sind.



Für ihr zweites Album Santa Lucia reiste die Gruppe quer durch Europa, Italien, Griechenland, Ungarn, Polen und drehte für die einzelnen Songs nostalgisch verwischte Sommerfilme. Ein hübsches Projekt, und in Wien waren sie auch.

Radau | von kid37 um 22:37h | 16 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 4. Dezember 2011


Das weitere Leben der alten Männer

Aus einer trüben Pfütze tat sich heute quietschend ein rostiges Tor zur Hoffnung auf. Weil Frau Schneckle die Monsters verlinkt hatte, kreuzte ich ein halbes Dutzend weitere Links später den Weg des Reverend. Dessen Wandlung könnte mir ein Wegweiser sein. Mit der Bibel in der einen Hand, die Knarre Gitarre in der anderen, heißt es, den Teufel aus den Schlammlöchern treiben.

Der könnte auch beim nächsten Rock & Wrestling einpeitschen, schließlich sieht der auch keinen Tag jünger als ich aus. Ein Licht soll es sein. Immer weitermachen.



Auch ein Gebet: I've Got the Devil Inside

Radau | von kid37 um 23:28h | 5 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 3. November 2011


Warpaint

Sie klingen wie eine Mischung aus The Slits, die gerade ihre Psychedelicphase haben, und vielleicht, na sagen wir mal Cat Power. Grobe Landmarkierung. Die Instrumente stolpern manchmal ein wenig unsicher, aber dafür umweht die Band auch nicht so der große Hype wie bei diesen unerträglichen AnnaEsbenCalviWitches und wie die diese ganzen 80er-Neo-Goth-Bands heißen, denen die (meist männliche) Großkritik Einflüsse von PJ Harvey (höh?) bis, Himmel, Patti Smith (höh?) nachsagt, statt einfach mal bei den offensichtlicheren Siouxsie and the Banshees nachzuschlagen.

Warpaint tragen trotz des kriegerischen Namens nicht so dick auf, versinken bei allen mellow-Klängen nicht in dieser quarkigdampfenden Gotikpaste, aus denen die Calvis dieser Welt mit lachhafter Ernsthaftigkeit mit Hexenarmen winken. Huhuhu. Auf mich wirkt diese Band angenehm ironisch, verspielt, unbefangen. Die nehmen sich Nirvanas "Come As You Are", den Flanger-Bass von The Cure und spielen dazu mit gepflegter Dissonanz wie die Cocteau Twins in der Kinderhüpfburg. Bei Youtube tauchen schon die ersten Coverversionen aus anderen Jugendzimmern auf, das finde ich großartig.

>>> Geräuch des Tages: Warpaint, Elephants

Radau | von kid37 um 12:12h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 31. Juli 2011


Grinding Halt



Wenn man die Gelegenheit hat, die feingeistig durchinszenierten Dagegen-Lieder von Happy Grindcore live zu hören, sollte niemand dagegen sein. Im Beiprogramm spielten die Gießener Boxhamsters vor exaltiertem Haus. Ausklang einer trubeligen Woche, Blut, Schweiß und Atomkraftwerke oben auf der Bühne, Happy Grindcore predigen Demut, die Boxhamsters goldene Herzen, wir träumen im Stehen, ein junger Mann immerhin, ungefähr in dem Alter, in dem man sein Leben noch unredigiert führt, spricht mich auf meine Schuhe an. Guter Mann.

Wie überhaupt die Jugend nicht nur verloren ist.

Radau | von kid37 um 23:13h | 14 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 27. Juli 2011


Roooooock! (aber auch Wrestling)

Mach den scheiß Atom kaputt!
(Anfeuerungsruf)




Rückblickend betrachtet war die große Kiezkampfsause am Freitag im Hafenklang deutlich die friedlichste Veranstaltung dieses kruden Wochenendes. Gut, einem Kraken (Dr. Tentakel, sprechen wir es aus, man darf die Namen der Ringer ja nennen, wenn man sie weiß) wurde ganz gemein das Hirn rausgezogen (vom scheiß Kommander Kernschmelze nämlich, sprechen wir es ruhig aus). Kampfroboter Bio Bento das ökologisch nachhaltige Karottenherz (vom scheiß Kommander Kernschmelze, sprechen wir es ruhig aus). Aber dafür wurde auch ein Windpark eingeweiht. Und ein ganz besonders schöner! Grüne Wiesen und bunte Windräder. Und das Atom wurde glücklicherweise besiegt (von Bento III nämlich, sprechen wir es ruhig aus!) .

Capitan St. Pauli, Stern Sanchez und altbekannte Steher wie Captain Penis, sprechen wir es aus, kochten die Menge hoch, Iron Mädel zeigte, wo die Damen den Most im Ring holen (unterlag zuerst, wurde am Ende aber doch Rock&Wrestling-Champion 2011!), aber da war das Publikum schon völlig verzückt, weil eine stille, zagende Hoffnung tatsächlich wahr wurde: Hamburgs härtestes Nummerngirl Dolly Duschenka trat vom Rücktritt zurück und tütete am Ende noch (physisch und psychisch schon deutlich angeschlagen, sprechen wir es ruhig aus) den teuflischen "Louis Cyphre" ein - der den Angel Heart-Sümpfen Louisianas frisch entstiegen schien, um in einem Hamburger Ring unschuldige Geschöpfe zu drangsalieren. Da verschlägt es einem die Sprache, sprechen wir es ruhig aus.








Kleiner Wermutstropfen im wabernden Fusions-Rauch aus Höllenschwaden und Ringerschweiß: möglicherweise substanzbeschleunigte Selbsterregte, die latent aggressiv auf der falschen Seite des Seils am Ring rumtobten. Irgendwann wurden sie sogar vom Ringrichter zur Zurückhaltung ermahnt, ein eher selten geübter ordnender Eingriff für diese Art von Veranstaltung. Als auch in Hamburg und der Welt beliebte Blogger zur Diskussionseröffnung luden, ging zum Glück Lady Grey als eine Art Super-Nanny für Revierkampf-Geweihvorzeiger resolut dazwischen, ich hätt' die sonst platt, und es konnte für den Rest des Abends im Ring weitergekämpft werden. Sprechen wir es ruhig aus: toller Abend, tolle Stimmung, grandiose Kämpfe ohne Kompromisse, aber - wie heißt es so schön? - immer fair!

Am Ende aller Sprache und Special Moves summten wir zum Dank an die Crew alle glücklich und schweißüberströmt die Hymne, die uns Nik Neandertal mit auf den Weg gab: "Rock&Wrestling ist stets wu-hunderbar!" Jajaja-jaa.

Radau | von kid37 um 12:00h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 25. Juli 2011


Boom!



Dolly Duschenka ist zurück.

Radau | von kid37 um 23:11h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 22. Juli 2011


Lucha libre!



So, einmal im Jahr kommt die Zeit, die zarten Lyrikbändchen zur Seite zu schieben, den parfümierten Kragen abzulegen und ein paar Dehnungsübungen zu machen. Wenn man in den nächsten Tagen nichts von mir hören wird, bin ich bandagiert zur Kur. Auslüften, Einrenken, Elektrolyte nachfüllen. Bis dahin bitte einfach die offizielle Hymne einüben und mir die Daumen drücken.

Radau | von kid37 um 12:03h | 14 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 11. Juli 2011


The Wee . end



Auf leergelaufenen Batterien wie ein Schoner in der Flaute mit der Flut hinaus ins Wochenende. Menschen stehen wie in Erntestapeln gepackt und machen Rumble, machen Bewegung zum durch Reklame verdorbenen "I'm Coming Home", kleben nasse Leibchen dicht an dicht, hauchen in mein Bier, reflektieren glitzernde Lichter aus der Tiefe ihres Augenhintergrundes. Im Kleinstlokal hat eine Band gespielt, hochwertige Gitarren werden über den Köpfen der wogenden Menge hin- und hergeschwenkt. Im Tingeltangel um die nassgewischte Kopfsteinpflasterecke rum läuft als erstes eine Vorführung, die ich so schlecht auch noch nicht gesehen habe. Zu 80er-Jahre-Nervös-Disco eine Mischung aus Flashdance (inklusive Wassereimer überm Kopp) und Trashdance (Cobra Killer irgendwer?), alles ennervierend over-performed und letztlich überbekleidet. Das Ergebnis für Bühne und Publikum hieß Verheerung. Später in der Nacht wird man aber mit einer der besten Auftritte dort entschädigt, gut getimte Choreografie zu akzentuiert swingender Musik, viel Augenzwinkern, sehr sexy. Lauter kleine Gesten und ein großer Hafenspaß.

Es liegt zu wenig Schlaf in all den Tagen, den sonntags einzuholen keine wirklich hübsche Idee ist. Schlafen und Wachen schließen sich aus, nur das Wetter ist so voller Gleichzeitigkeit: Regen im prallen Sonnenschein. Das hat es doch als Kind zuletzt gegeben.

Radau | von kid37 um 10:12h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 23. Juni 2011


Keine weißen Socken, bitte

Antmusic for Sexpeople.
Sexmusic for Antpeople.

(Adam and the Ants,
"Don't Be Square")


Glaubt ja auch keiner. Er galt ja mehr als Karnevalspunk mit seinen Piratenkostümen und dem Bierfaßgitarristen und der polternden Glam-Rock-Musick. Aber Adam Ant war eben doch einer von den Wilden Kerlen, wie er so durch die Kinderzimmer der frühen 80er rollte und dabei jede Menge Gefangene machte. Die Briten haben ja immer eine Nische für ihre Exzentriker, und so nimmt man sich dann vielleicht bei aller gesunden innewohnenden Selbstironie irgendwann doch selbst zu ernst - als Blogger kennt man das ja - jedenfalls kämpfte Adam Ant, also Stuart Leslie Goddard, erst mit mäßigen Filmrollen, später dann mit verschiedenen Erkrankungen des Körpers, der Seele und der Gewohnheitenkontrolle. Aber, et hätt noch immer jot jejange: Seit einiger Zeit tritt er wieder live in England auf, und wie es sich dieser Tage für zünftige und leicht gealterte Piraten gehört, ähnelt er dabei Johnny Depp - oder verhält es sich einfach anders herum? Ameisenmann - nimm brav deine Medikamente und schau doch auch mal hier vorbei!

>>> Geräusch des Tages: Don't Be Square (Dirk Wears White Socks). Das ist die spätere Mainstream-Version, die ursprüngliche Punk-Version spielt eigentlich worauf an? Dirk Bogarde im Nachtportier? Rätsel über Rätsel.

Radau | von kid37 um 23:59h | 6 mal Zuspruch | Kondolieren | Link