Dienstag, 3. Dezember 2013


Girls on Film

Ich bin ja ein großer Fan von diesen Fashion Filmen, die im Grunde nichts weiter sind als bewegte Modestrecken, produziert von Indie- aber auch großen Labels, oft recht frei in ihrer Gestaltung und teilweise sehr künstlerisch. Also artsy für uns Szenebengels.

Wie z.B. Holy, einen Fashion-Film, den ich vor einiger Zeit unter ganz anderen Namen mit Frau Gaga gedreht habe. Fingerübung. Die meisten Fashion Filme sind vollgelumpt mit Krempel aus dem Hipsterbedarf, altem Spielzeug, noch älteren Kameras, Schreibmaschinen, Kochrezepte. Zelebriert wird unsere Neoretro- und Retroneo-Faszination für das Handgemachte, diese Do-it-yourself-Etsy-und-Dawanda-Kultur, wo junge Sommerkleidchenmädchen Bands gründen und elfenkreativ sind, Künstlerinnen allesamt, die Jungs derweil feingerippt mit Straßensportarten beschäftigt, und sich das Leben insgesamt in federleichten Wolken abspielt. (Neu ist das natürlich nicht, erinnert sich noch jemand an diese uralten C&A-Werbespots?)

Die Sache mit den Fashion Filmen ist bereits so zum festfabulierten Genre geronnen, daß es bereits sehr, sehr hübsche Parodien darauf gibt. Die sich aber wiederum auch nur als der nächste Dreh in Sachen Imagefilm herausstellen: Fashion Film von Viva Vena!. Sehr amüsant. In allen Details.


 


Samstag, 17. August 2013


Zweithandreisen

Heute morgen den Kaffee aus der frisch aufgeschnittenen Verpackung nicht in die Vorratsdose, sondern beherzt und ausdauernd wie man es sonst nur in der Liebe halten sollte gleich in die Kanne. Alles rein. Na, halb. Das wäre ein Kaffee geworden, mit dem ich die zusammengekrümmten und irgendwie sehr trockenen großen Spinnen, die seit Tagen in kleinen Trupps in meine Zimmer spazieren, bald aber, der Hunger! der Hunger! tot auf dem Boden liegen, warte Wanderer, bald folgst auch du, zum Leben hätte erwecken können. So habe ich bloß blanke Drähte hineingesteckt, die Spinnen also, und muß auf das nächste Gewitter warten.

Heute wird folgen ein letztes Aufbäumen der Sonnenseuche, eine gute Gelegenheit, die Vorhänge zu schließen, sich ins dunkle Zimmer zu sperren, die dick gewebten Spinnennetze zu zerreißen und von Triers Melancholia zu schauen. Oder aber ohne weitere ultraviolette Gefährdung die Bilder anderer Leute zu betrachten, das Reisen aus zweiter Hand, wie Andrea Diener neulich in der FAZ beklagte.

Gestern, vom abendlichen Fenster gegenüber der Jagdschlößer an den Kanälen Hamburgs aus geworfen, einen Blick auf die Läden der Stadt Paris (das ist in Frankreich). So ist das dort in tout la cité, ungelogen, das macht die Stadt ja so attraktiv für Reisende. Hier gibt es mehr, mehr, mehr Reiseimpressionen aus diesem sehr hübschen Blog der Künstlerin Lisa Congdon.

Über den Reiseinformationsdienst Flickr, dessen neues Layout eine Katastrophe ist, kann man Lichtbilder zwischen hübsch und Kitsch aus der großen, buntdurchwürfelten Stadt Konstan Istanbul (das ist in der Türkei) bestaunen. Die Etappe, Paris - Istanbul nämlich, wäre eine schöne Reise mit dem Art-déco-verzierten Blogger-Express, wobei auf der Fahrt ein belgischer (nicht etwa Frankreich!) Detektiv mit Monokel ein paar grundsätzliche Dinge über die mitreisende Bagage aufklären könnte.

Weiter mit Kitsch: Ich habe ja kein Händchen für Urlaubsfahrten und lade lieber in den eigenen Hinterhof. Ich selbst bleibe schüchtern im kühlen Treppenhaus, sollen andere herumtollen, meinetwegen Dinge machen und Kastanien essen oder Wein trinken oder Musik dazu hören - diese Frivolitäten muß man der Jugend überlassen.

Ich bleibe im Boudoir, oder besser im (Achtung, Kinder jetzt mal weggucken) Boudoir Boudoir, einem meiner Lieblings-Tumblr-Blogs mit gegen den Strich kuratierter Entblößungsfotografie im weiteren Sinn und einem elastischem Begriff von Körperlichkeit und deren Präsenz in Raum, Betrachtung und Bewertung. Nicht alles ist im herkömmlichen Sinne "schön", aber dann eben doch. Ich selbst ziehe mich ja nicht aus, mir fehlt der Vergleich.

Ärger auf der Arbeitsstelle. Ich stellte aber in vorgesetzte Richtung gewandt fest, ihr, so sagte ich, ihr müßt hier durch. Ich, also ich kann immerhin noch Malerfürst werden. Zum Beispiel mit Entblößungskunst. Da wußte er dann auch nichts mehr zu sagen.


 


Samstag, 3. August 2013


Überstanden

Der Sommer scheint zum Glück überstanden. Gestern ein letztes Aufbäumen, nun sinken die Temperaturen den bald folgenden welken Blättern gleich hinab. Juchhu! mag man rufen. Nun kommt sie, die schöne Zeit, der Schrecken, wie die meisten Schrecken, geht vorbei. Juchhu! rufe ich also den jungen Menschen auf der anderen Straßenseite zu, die auf dem Weg zum Freibad sind. Es ist ein Herbst in der Luft, zaghaft kämpft er an gegen letzte fiebrige Schwaden aus Einweggrills und Sonnenmilch. Er lauert aber da, unverkennbar, unverstellt und einem sanften, nachsichtigen Lächeln, weht mit milder Luft über strandsandige Haut. Juchu! also, ihr Toren. Zum Ende geht, was enden muß.

Gestern einen Anflug von Kraft dazu genutzt, der Ankunft der Herbstmode in den Geschäften zu applaudieren. Über dicke wollene Woolrich-Jacken zu streichen, über schwere dunkle Stoffe doppellagiger Mäntel, in Gedanken die guten Menschen einkleidend. So seht ihr dann aus in meinen schwelgenden Träumen und auf dem Weg zum Herbstpicknick.

>>> Geräusch des Tages: Warpaint, Stars


 


Donnerstag, 25. Juli 2013


Bike like a Commie


Endlich! Jetzt, da die Tage bereits wieder kürzer werden, kommt die Zeit, wo man sich ganz unschuldig herbstliche Gedanken machen kann. Abfahrt Damals zum Beispiel mit Tweedstoffen: Das sind die Veranstaltungen bei denen junge Gecken modisch vergangenheitsorientierte Menschen einem fröhlichen Eskapismus auf zwei Rädern nachgehen. Oder andererseits vielleicht einfach "nachhaltig" leben, wie es heute so gern heißt. Oder Späße machen. Daß es in jedem Sinne eine Second-hand-Kultur ist, muß ja nichts Falsches sein, solange das Augenzwinkern nicht fehlt.

Interessant dabei zu sehen, wie sich diese Idee langsam über den Erdball ausbreitet, dabei Länder und Regionen erreicht, über deren Sub- und Pop-Kultur ich dann doch nur wenig weiß.

Moskau zum Beispiel. Fuhren die da bis eben nicht sowieso derart gekleidet rum? Oder mit Pelzmützen? Auch hier aber Brooks-Sättel und Pashley-Räder. Immerhin hört man von dort immer mal wieder von unterschiedlich strömenden Jugendkulturen, überrascht bin ich also nicht. Etwas befremdlich hingegen finde ich den Tweed-Ride in Peking, der dort irritierenderweise auch "Mao-Ride" heißt. Chinesische Ironie ist mir fremd, aber vielleicht ist es auch keine. Über China weiß ich im Grunde nichts. Im Fernsehen oder auf Fotos sieht man häufig Glitzer-Blinker-Porträts von Megacitys oder Arbeitermenschenmassen in Fabrikuniformen. Manchmal fröhlich winkende Menschen, Mädchen mit Mobiltelefonen. Einmal habe ich einen Popliteratur-Roman aus China gelesen, der hieß Shanghai Girl oder so ähnlich. Da ging es um Partys und Sex. Oder Sex und Partys. Oder beides. Aber, was machen diese jungen Leute wirklich? Außer nostalgisch Radfahren natürlich: Bejing-Vintage-Bike-Ride.

Herbstliche Fragen. Woher kommen wir, wohin gehen wir? Wieviel Zeit wird uns bleiben? Und: Ist das noch Punkrock?


 


Freitag, 2. November 2012


Heiligenbildchen


Foto von Frank Egel

Und jetzt alle mal so: Ooooh! ♥♥Dolly Duschenka♥♥ für den Nachttisch. Dürft ihr mal schauen, aber nicht alles weggucken. Und nicht anfassen! So was bekommt man zum Geburtstag, wenn man das ganze Jahr brav war - und Freunde hat! Jetzt kann ich zur Nachtzeit jeden überstandenen Kampf Tag dem hl. Nummerngirl beichten, ein Fürbittgebet abringen, anschließend beseelt die Äuglein schließen und einem ruhigen Schlaf entgegendämmern.

Ausklang der Ruhewoche, die Nachrichtenlage gemischt, man hält den Kopf besser unten, steckt die Nase ins Buch. Ohne Karte langsam nach vorne tasten. Wer weiß, wo man rauskommt.


 


Mittwoch, 11. Juli 2012


Älter werden

Schönheit liegt manchmal im Beklagenswertem. Auf einer Welle eines diffusen emotionalen Gleichklangs empfinde ich gerade eine gewisse Verbundenheit mit diesem Gnadenhof. Die US-amerikanische Fotografin Isa Leshko hat für ein Fotoprojekt alte Tiere porträtiert. Tiere, wie wir sie normalerweise nicht sehen, weil sie als Nutztier unbrauchbar oder als Heimtier zu kränkelnd und zu leidend scheinen. Häufig aber, so vermitteln ihre ganz behutsamen Bilder, sind eben auch Tiere einfach nur alt, eine Betrachtung, die uns jungen, urbanen Fitness-Gestalten fremd oder sogar befremdlich erscheint. Auch so eine Studie in Würde und Durchhaltevermögen.



>>> Webseite von Isa Leshko.


 


Mittwoch, 18. April 2012


Verbrecher wie wir



Müde Gestalten, verrumpelte Schurken und Abgebranntexistenzen. Gauner und Gestrauchelte blicken uns entgegen in merkwürdig durchgestalteten Porträts der australischen Polizei. Kein Vergleich zu den lieblos draufgeknipsten Mug Shots, wie man sie sonst aus Polizeiregistern und Paßämtern kennt. Eindringliche Gesichter zwischen Vorwitz und Trauer erzählen Geschichten. Von krummen Verläufen, falschen Abzweigungen, einer Route namens "Gernegroß". Von den ewig Kleinen, Verlorenen, Vergessenen. Erst jetzt schauen wir sie an, blicken zurück, auf nostalgisch überzogene Fotos, versuchen, die Reste ihrer Geschichten zu erraten.

Mehr hier bei Monoscope.


 


Sonntag, 1. April 2012


Rauhes Haus

Aus einer gewissen Unruhe heraus schaue ich ja links und rechts nach einem neuen Wohnsitz. Man muß weiträumig denken, denke ich mit aufgeräumter Geste. Horizontaler denken, nicht nur vertikal. Mein Leuchtturm ist in dieser Hinsicht zu eindimensional. Nun scheint es, als hätte ich mein mögliches Haus gefunden. Müßte mal gestrichen werden, oder auch nicht, ich bin da nicht kleinlich oder gehöre zu den ewig unzufriedenen Leuten, die in ihren Wohnungen immer umräumen und werkeln müssen und von links nach rechts schieben. Ich nehme das Erdgeschoß, der Tisch ist dort schon gedeckt. Die fehlenden Gäste denke ich mir aus.


 


Mittwoch, 22. Februar 2012


Die Borken der Erinnerung

Manchmal, beim frei-flottierenden Rumdenken, wenn einem die Gedanken wie vom Leinenzwang befreite junge Hunde durch die Büsche springen, fallen einen querasssoziierte Synapsenfunken an ("Die wollen nur spielen!") und lenken den Blick auf die Vergangenheit. Was macht eigentlich... leitet sich dann oft eine suchende Erinnerung wie die an verflossene Liebschaften ein. Die Mary, die Susi, die Jane, man denkt sich Och oder Hoffentlich ruft die nie mehr an oder denkt ans Rechnungsbuch und erinnert die offenen Posten.

Ähnlich räumt man auch anderen Vergangenen nach. Ich meine, wo wir schon über Verflossene reden, was macht eigentlich der Borkenkäfer? Einst präsent wie sonst nur eine stürmische Liebschaft, hört man vom ihm genau wie von seinem älteren Bruder Das Waldsterben eigentlich nichts mehr. Hinweggewaschen wie ein Grauschleier, von Mutti vielleicht oder vom sauren Regen, auch so ein vergessenes Phänomen, das schlaflose Nächte uns zu bereiten in den 80ern auf jedes Jugendzimmerdach tröpfelte.

Was bleibt, ist meist nur Rost, malerisch verrotteter Rest. Eine Transformation wie sonst nur im Tierreich, die im Verlassen des Raupenstadiums alte Blechbüchsen in bunte Schmetterlinge verwandeln kann. David Maisel fotografiert so was, es sind Metalldosen, in denen die kremierten Überreste verstorbener Patienten einer psychiatrischen Anstalt aufbewahrt werden. Jahre in der feuchten, sogenannten "Bibliothek" haben den Gefäßen zugesetzt. Häßlicher sind sie nicht geworden.

via ICP Library


 


Donnerstag, 24. Februar 2011


Finnentweed

Frost ist es. Kalt stehen sich die Menschen gegenüber. Hamburger Härte über Kopfsteinpflaster gestülpt, ein Mensch ruft, mach noch einen! und denkt darüber nach, sich einen Schnurrbart zu hegen. Auf den Straßen halten sich hartnäckige Eisflatschen, zementharte Wölbungen, die wie grauverschmierte Muttermale metertief in den Asphalt hinunterragen, sich ausdehnen wie ein Wurzelwerk, ausharren für einen ewigen Winter.

Die Hamburger stehen zusammen, Mantelkragen gegen die Mitternachtssonne nach oben gerichtet, man haucht in die Hände, kränkelnder Atem, führt faule Gespräche und denkt an die kommende Radfahrsaison. Ob man sich zum Tweed-Ride an der Elbe verabreden sollte? Was aber, zagen manche, wenn es regnet? Oder schlimmer, ein steter Wind von Südsüdoost mit klammen Fingern in die Speichen drückt?

Während man also noch denkt und wägt, ist man am Nordkap schon vorangeradelt. Die Finnen wischen die Angst vor der Kälte mit einer achtlosen Bewegung fort, knurren unter ihren Schnurrbärten hervor ein Grundlos! und packen die Sorge in die Tiefe einer mit Wodka gefüllten Thermoskanne. Mit Stil und Mut und Unerschrockenheit trotzen sie auf ihren Fahrrädern den schlechten Wirten der Natur.

>>> Fotos via Krista Keltanen