Donnerstag, 24. Februar 2011
Frost ist es. Kalt stehen sich die Menschen gegenüber. Hamburger Härte über Kopfsteinpflaster gestülpt, ein Mensch ruft, mach noch einen! und denkt darüber nach, sich einen Schnurrbart zu hegen. Auf den Straßen halten sich hartnäckige Eisflatschen, zementharte Wölbungen, die wie grauverschmierte Muttermale metertief in den Asphalt hinunterragen, sich ausdehnen wie ein Wurzelwerk, ausharren für einen ewigen Winter.
Die Hamburger stehen zusammen, Mantelkragen gegen die Mitternachtssonne nach oben gerichtet, man haucht in die Hände, kränkelnder Atem, führt faule Gespräche und denkt an die kommende Radfahrsaison. Ob man sich zum Tweed-Ride an der Elbe verabreden sollte? Was aber, zagen manche, wenn es regnet? Oder schlimmer, ein steter Wind von Südsüdoost mit klammen Fingern in die Speichen drückt?
Während man also noch denkt und wägt, ist man am Nordkap schon vorangeradelt. Die Finnen wischen die Angst vor der Kälte mit einer achtlosen Bewegung fort, knurren unter ihren Schnurrbärten hervor ein Grundlos! und packen die Sorge in die Tiefe einer mit Wodka gefüllten Thermoskanne. Mit Stil und Mut und Unerschrockenheit trotzen sie auf ihren Fahrrädern den schlechten Wirten der Natur.
>>> Fotos via Krista Keltanen

Mittwoch, 9. Februar 2011
Ich achte ja schon auf vieles, überall sind schießlich diese Ziffern. Aber ich schwöre, das 37-Getagge in Hamburg ist nicht von mir (auf zwei Häusern, in denen ich hier wohnte, wurde das schon geschmiert). Und so weit bin ich auch noch nicht: Er hier sieht sogar Multiples of 37.

Freitag, 4. Februar 2011
... sangen die Talking Heads einst. Ich habe es ja nicht so mit Autos, ich fahre auch lieber bei - vor allem, wenn Frauen am Steuer sitzen -, anstatt mich diesem verspannten Gehupe und Gedrängel auf bundesdeutschen Straßen auszusetzen. Allenfalls interessante Rostlauben können mich näher berühren, wie ja bekanntlich Narben überhaupt mehr vom vergangenen Glanz erzählen als kratzerloser, heißgewachster Schimmer.
Für dieses Mobil jedoch könnte ich eine Ausnahme machen. Rundum-Stoßstange, viel Übersicht und das (optische) Versprechen einer gewissen Rasanz, die nicht gleich ausgespielt werden muß - und hinten, wenn ich das richtig erkennen kann, ist auch ein Körbchen für die Einkäufe. Man muß sich allerdings anständig kleiden, ehe man in so ein Auto steigt.
Zudem muß ich vermuten, daß für dieses mir im Grunde aus natürlichem Recht zustehende Gefährt eine gewisse Summe Geldes aufgebracht werden müßte, die ich nicht so eine Weiteres zusammengeflattred bekäme. So bliebe es am Ende bei der nur leicht reduzierten Variante - man muß sich als herzender Betrachter den Rest halt dazufantasieren.
>>> Alle Bilder via Steampunk Vehicles
>>> Fascination

Donnerstag, 5. August 2010
Jetzt, da endlich der große Regen eingesetzt hat, jener von dieser Art Landregen, der über Stunden und Tage und Wochen, in manchen Ländern sieben oder sieben mal sieben Jahre anhält, in all diesem Geplästere also mag man den Wunsch empfinden, daheim unter einem schönen Dach sich aufzuhalten. Langeweile gibt es keine, wenn man sich jene alten Damen zum Vorbilde nimmt, die ohne größeren Kunstanspruch und formale Ausbildung dahergehen und über und über ihre Wände bemalen. An diesen Beispielen aus Finnland oder Sardinien kann man schauen, wie es übermorgen auch schon bei euch aussehen könnte. Unbefangenheit und ein innerer Drang nach Ausdruck vorausgesetzt.

Freitag, 26. Februar 2010
Machen wir doch einfach mal weiter mit den Glücksmaschinen. Es gibt ja Dinge, von denen hat man auch als Seemann bekanntlich nie zuviel im Haus. Die schönen, zum Beispiel. Der Brite Keith Newstead verbringt seine Zeit vorbildlich mit höchst nützlichem Tun und baut kleine kinetische Wunderwerke, simple, aber faszinierende Maschinen, deren Bewegungen man endlos verfolgen möchte. Es heißt ja bekanntlich, der Mensch könne nur zwei Dingen endlos zuschauen: den Wellen und wie andere Menschen arbeiten. Diese Maschinen sollten unbedingt dazugezählt werden.
Hier fliegt der elegante Catcopter und dort jagt ein Schmetterlingssammler seiner flüchtigen Beute hinterher durch die Lande. Am besinnlichsten und erbaulichsten aber ist diese kleine lehrreiche historische Inszenierung: Angesichts der wie ein Uhrwerk ablaufenden Exekution der Königin Maria möchte man begeistert rufen: "Noch mal! Noch mal! Noch mal!"
>>> Webseite von Keith Newstead

Donnerstag, 29. Oktober 2009

So, liebe Herbstromantiker, während die einen feiern und Gläser kreisen lassen, holen die anderen Pinsel und Farbe heraus und setzen signalbunte Zeichen. In Philadelphia Im Netz habe ich etwas entdeckt, da schmilzt jeder dahin, der sein Herz nicht im ***-Fach gelagert hat. Der Graffiti-Künstler Steve Powers malt entlang der Hochbahnlinie in Philadelphia 50 Liebesbriefe an die Wand, davon einer herziger als der andere. Die Idee ist so faszinierend, daß ich mich frage, wieso ich nicht selbst darauf gekommen bin.

Andere machen so etwas ja auch, dieser junge Poet allerdings ist offenbar nicht ganz fertig geworden mit dem Dichten. Fast schmerzhaft dieser Bruch, diese elliptische donnerhallaute Stille, bei der man gleich soufflieren möchte. Mhmhmh-ein möchte man summen, flüstern, rufen. Mhmhmh-ein, komm, den Satz, den bringst du noch raus.
Ich bin jetzt erstmal Farbe kaufen.
>>> Webseite A Love Letter For You mit allen Wandgemälden

Sonntag, 25. Oktober 2009

Wenn man so als Internaut ziellos durch die Wellen surft, begegnet man ja den unmöglichsten aller Dinge, den unbekannten auch oder denen der Vorstellung entzogenen. Bekanntlich hüten dabei gerade die japanischen Seiten oft Schätze von selten bizarrer Pikanterie. In meinen jahrelangen Reisen in diesen oft ausgefallen oder auch bloß wenig bekleideten Gestaden möchte ich sagen, ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. [...] All diese Momente werden verloren sein für die BKA-Server, so wie Tränen im Regen. [Q]
Die Zeit bleibt mir aber noch, das schönste, schmutzigste, berührendste und vollendetste Aktfoto der japanischen Fotografie zu präsentieren. Wenn Erotik das Verborgene ist, das, was man hinter dem Schleier vermutet, also eigentlich in der Absenz und in der Erwartung liegt, dann kann es kaum besser dargestellt werden als es hier gelang. Leider ist mir der Schöpfer dieses Fotos unbekannt. Ein Meister. Laßt uns staunen.

Mittwoch, 12. August 2009

Auf dem Monitor meiner Werkbank in der Fabrik habe ich einige dunkel gestaltete Bilder als Screensaver laufen, die den sensibleren Gemütern unter den Kollegen ab und an ein wenig befremdlich erscheinen. Daher habe ich neuerdings Fotos von Cate Blanchett oder Gwyneth Paltrow daruntergemischt - ich kann die beiden Schauspielerinnen oft nicht auseinanderhalten, außer wenn sie sich Kate Winslet nennen. Cate Blanchett (oder Gwyneth Paltrow), die in Historienfilmen auch schon mal Tilda Swinton spielt, trat ja auch in dem beeindruckend designten Retro-Sci-Fi-Abenteuerfilm Sky Captain and the World of Tomorrow auf, der quasi ganz auf einem Heimcomputer produziert wurde. Na ja, jedenfalls fast. Ein wenig.
Wer den Film kennt, wird in diesen Fotos so etwas wie Vorläufer sehen. Ein wie surreal inszeniert erscheinendes Kinderspiel, man möchte an ein Theater denken, so grausam und unbedacht, reflektierend - nicht reflektiert - wie solche Spiele eben sind. Der Franzose Leon Gimpel, ein Pionier der Farbfotografie, stieß 1915 in Paris auf eine Gruppe Kinder, die in ihrer Straße den Krieg wie gemalt nachspielten. Ein skurriles Grand Guignol mit Fantasieuniformen, aus allerlei Materialien zusammengebasteltem Kriegsgerät, den "Boches" als klar definierte Feinde - es war die Zeit vor den blutigen Cowboy-und-Indianer-Schlachten, die spätere Kindergenerationen nach dem alltäglichen Schulschluß erbittert beschäftigten. Erst hielt ich es für Szenen aus einem neuen Film von Jean-Pierre Jeunet. Dann fragte ich mich, wo sind diese Spiele eigentlich heute? Werden Pfeil und Bogen noch aus mühsam errungenen Zweigen geschnitzt? Oder wird die Bundesrepublik im Hinterhofhindukusch verteidigt, und wer das kürzere Hölzchen gezogen hat, spielt diesen Nachmittag die Taliban? Sitzen die wirklich alle vor dem Computer oder im Uni-Vorbereitungskurs für hochbegabte Grundschüler? Verdächtig wenig Kreidezeichnungen zieren die Straßen und Bürgersteige in meinem Viertel. Vielleicht sind aber auch die bereits institutionalisiert und in museale Bahnen gelenkt.
Mehr Bilder der "Grenata-Armee" von der Ausstellung im australischen Campbell.
via WurzlTumblr

Mittwoch, 27. Mai 2009
Vernachlässigung her. Ungeeignete Nahrung
bewirkt manchmal, daß Bekehrte
in ihrer geistlichen Kindheitszeit in
Zaghaftigkeit und Verzweiflung geraten...
(C. H. Spurgeon, Morgenandacht zum 27. Mai)
"Du darfst nicht vergessen - zu essen."
(Die Sterne)
Herr Brunzema erzählte neulich eine hübsche Anekdote über akribisch gesammelte Spam-Mails. Das erinnerte mich an das schöne Buch Cry for Help, in dem Henning Wagenbreth Klassiker des elektrifizierten Betrugspostwesens zusammengetragen und mit Illustrationen versehen hat. Eine verngügliche Lektüre für die bißfeste Mittagspause zum Beispiel, informativ und bildend auch und zugleich ein Beweis, daß sich eben alles als Gegenstand der Kunst eignet, sofern der Müll das Material nur strukturiert genug daherkommt. Man kann selbstverständlich auch behaupten, alles bloß Scam. Man kann auch sagen, hätte ich auch machen können, soviel Spam, wie hier eintrudelt.
Habt ihr aber nicht.
Nachtrag:
>>> Passend dazu auch das Projekt des Designers Elliott Burford, der die Betreffzeilen von Spam-Mails illustriert.
>>> ...and art. (A Softer World)

Donnerstag, 29. Januar 2009

via ffffound
