
Dienstag, 28. April 2009
Gemeinsam im Regen naß werden, gehörte - neben einigen wunderbaren Käsebroten in der alsternahen Mittagspause - zu meinen schönsten Erlebnissen des Sommers 2008. Dazu muß man nicht mal in die Ferne, so ein Island liegt auch in der unspektakulären Nachbarschaft. Sommerregen, Blues Explosion hören, wir werden alle Frisbee im Gegenlicht spielen. Auf der Straße trifft man Ehemalige, sie berichten vom Gefühl der Freiheit, der Leichte, die sich über Druck und Schwere hebt. Hartz-4-Bräune erklärt man lachend zum Inbegriff eines neuen Lebensgefühls, mit dem man die Balance nach dem professionalisierten Leben in der Lifestyle-Gemeinschaft sucht.
Sich ein Heim schaffen für das Innen und das Außen. Daneben das Essen nicht vergessen und auch nicht das Schauen: Beim Gruner & Jahr Photo Award möchte ich Philipp Dietrich und Matthias Keller loben. Ihre Serie, die man "Mit Energie leben" nennen könnte, zeigt in still inszenierten Bildern Tristesse und Sehnsucht in einer polnischen Grenzstadt, die von ihrem Kraftwerk lebt. Eindrucksvoll und vergnüglich auch die Porträts von Yasmin Janin Obst, die Menschen im Museum fotografierte, wie sie Kunst betrachten. Maren Janning führt mit ihrer Reihe Glücklich altern auf Wolke 9. Es gilt, sich anzufreunden mit der eigenen Zukunft - und so schön darf sie gerne kommen.
Mich haben nicht alle Preisträger überzeugt - aus manchen Gründen und auch anderen. Ich würde der Jury gerne mal über die Schulter schauen, um zu sehen, was der Fotografen-Nachwuchs denn so wirklich präsentiert.
(G & J Photo Award 2009. Gruner & Jahr Pressehaus, Hamburg. Noch bis zum 3. Mai.)

Sonntag, 26. April 2009

Es ist eine ausgesprochen milde Nacht im noch so frühen Jahr. In der Luft der Geruch vom kommenden Mai, eine Nacht voll Blütenpollen, würden Allergiker klagen, mir scheint, ich rieche noch etwas anderes; Zeit, Lichter zu gucken, an Touristen vorbei, den Koberern, durch die Nacht kreuzen. In der Hasenschaukel feiert das Komakino-Label, zwei kurze Sets von Eerie und Miss Alaska. Der Winter ist vorbei, denke ich, aber ich bringe ein bißchen Herbst mit.
Miss Alaska ist charmant, das Publikum weniger, viele junge Leute, die sich für ihr Leben nicht entscheiden können, ob sie lieber drinnen oder draußen sein wollen. Türen klappern, an Tischen wird gelacht, ein Mann will Rosen verkaufen. Miss Alaska bleibt tapfer, wechselt zwischen Laptop, Geige, Gitarre, Melodica und Klavier, man muß sich immer wundern, wie so kleine Frauen so viel Musik auf die Bühne bringen können.

Menschen lungern seitwärts in den Straßen. Betrunkene vorm Tingeltangel, Federboas kleben an feuchten Hälsen, Bierschweiß strömt aus dem Störtebeker, die Plätze, Stufen und Winkel sind bis zum Hafen runter eng besetzt. Es ist weit nach Mitternacht, doch ein Thermometer sagt 19 Grad. Man kann die ganze Nacht so am Wasser sitzen, ein Bier trinken, vielleicht zwei, den Sound der fernen Party-Barkassen hören, zwei, drei Gedanken fassen, ins Wasser spucken. An dich denken.
>>> Webseite von Komakino

Samstag, 25. April 2009



Der Marathon ist zwar erst morgen, aber ich kann sagen, ich war heute bereits im Ziel. Auch ein Umstand, den man zur Metapher umschmieden und anschließend zu Tode reiten könnte. Frühstart, frühvollendet, vor der Zeit oder right time, right place wie unsere Freunde aus der anglistischen Fraktion mit ihren Benjamin-Franklin-Truisms sagen würden. Sicherlich bin ich nicht schneller als andere, soviel ist schon mal sicher. Ein gutes Gefühl aber, mit leichtem, federnden Schritt auf der noch jungfräulichen Ziellinie zu stehen, ein wenig den Moment zu kosten und das Gefühl angekommen zu sein. Schließlich ist das Leben nicht nur Wettbewerb, der Schmerz nicht und auch die Liebe nicht, und so gilt es, die kleinen Augenblicke zu würdigen, sich an ihnen zu erfreuen, sie als Geschenk sehen, nicht als allzu leicht errungenen Sieg. Natürlich wäre es schön gewesen, hätte dort jemand gestanden, der mir Essig Wasser gereicht hätte, ich meine, 42, 195 stand dort, die "magische Zahl", wie eine Langstreckenkollegin andächtig flüsterte, die gleich mir auf dem Gelände umherschlich. Aber zäh wie ich dann doch bin, auch eine Form von Belastbarkeit, schaffe ich es auch im Ziel eines Marathons, mir noch selbst die silberne Aluflasche aus der Tasche zu holen, den Verschluß aufzudrehen und einen kräftigen Schluck zu nehmen. Im letzten Augenblick hielt ich mich aber selbst zurück und vermied es, mir im jubelnden Überschwang den Rest über den Kopf zu gießen. Es hätte ja auch keiner gesehen.

Ein anderes Geschenk stammte heute vom Flohmarkt. Ein schönes Wörterbuch, für das ich nicht einmal etwas zahlen mußte. Es ist von 1956, dem Jahr, in dem Alain Mimoun den olympischen Marathon in Melbourne gewann. Der Weg zum Hirnchirurgen ist dennoch weiter als 42,195 Km. Und abkürzen gilt nicht.

Freitag, 24. April 2009
Eine ambitionierte Grundschullehrerin dürfte das auch nicht sehen, ohne die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, aber hier kann ich es ja zeigen. Jedenfalls so halb. Es ist alles nicht spektakulär geworden, macht aber Spaß, das kann ich mir jetzt zehn Mal an die Tafel schreiben. Streng genommen macht es sogar so viel Spaß, daß ich überlege, die Dunkelkammer rauszureißen und in die winzige Ecke eine Druckerpresse zu installieren. Irgendwer wird ja auch - wenn die Revolution beginnt - klandestine Plakate drucken müssen und T-Shirts und Versammlungsaufrufe. Ihr Narren denkt natürlich, ihr könnt die Postscript-Files mal eben per Mail oder USB-Stick zum Copy-Shop transferieren. Hahaha! Sicherheitsorgangesichert geht das nur mit dem fälschungsfreien Linoldruck aus der Shitty Press, läuft - garantiert Adobe-frei - auf jedem Wohnzimmertisch, der eine Glasplatte und eine Gummiwalze tragen kann.
Aber das nur nebenb3i. Irgendwo lief gerade so eine tolle Blog-Aktion mit Herzen und Steht-mit-einer Faust, bei der man Blogs verlinken sollte (ich habe es leider geschwänzt) und ein paar haben dabei auch mich verlinkt und nette Sachen dazu geschrieben - dafür vielen Dank! Ich schneide das ebenso kleinteilig wie unleserlich in Linoleum oder Holz (ist ja jetzt alles möglich, auch Horst Janssen hat mal klein und trunken angefangen!) und drucke es aus. Prima.
Am Ende eines derart leichtwindumwehten Tages darf man getrost mit einem Glas billigen Rotweinfusels am Fenster stehen, Miles Davis spielt dazu was von "There's No You" und "My Funny Valentine", und ich denke großspurig berauscht, kann ich auch, bei eBay gibt es schließlich nicht nur Linolschnittmesser, sondern auch Trompeten, habe ich gesehen! also wartet nur ein Weilchen, dann spiele ich euch "Fahrstuhl zum Hamburger Schafott" in Aquatinta mit Strubbelhaaren im Revoluzzer-T-Shirt (Bürzel dabei aber wie ein guter Donaldist immer bedeckt halten, mahnte mich Frau Gaga einst), während in meiner kleinen Kunstkasinoküche (die 3 K der Hermetischen Akademie) Scampi und Gedöns und Paprika in der Pfanne bruzzeln (Revolutionsküchenessen an Gartentischen und Thonet-Stühlen, anschließend Diskussion mit Käsebrot, Thema: Farbe und Dings nicht so dick auftragen, nur im Pathosgewerbe ist mehr mehr!) und ich auch mal zufrieden bin (aber unrasiert).
Da staunt ihr, aber wartet nur, bis euch alte Männer küssen wollen, denn das passiert dann auch, kunst- und künstlergeplagte Musen wissen das.

Donnerstag, 23. April 2009

Es war wohl der Wetterwechsel, empfindlich wie ein alter Kriegsveteran mit silberner Schädeldecke witterte ich den Regen in der Luft. Nichts persönliches also. Lieber daheim arbeiten, die ganz scharfen Messer hervorkramen, einen Linolschnitt anfangen und wieder einmal bedauernd feststellen, daß ich nicht übermäßig naturbegabt für solch eine simple Sekundarstufe-I-Sache bin. Da hilft nur Üben und Unverdrossenheit, bevor man sich an die Muster auf dem Unterarm wagt.
Wie mit dem sehr scharfen Messer geschnitten, spazieren auch diese Gestalten hier aus den Büchern heraus. Mein Gott, wenn die traurigen Figuren meiner noch traurigeren Bücher hier Kreise über dem flauschflorigen Teppich ziehen würden. Mit keuchendem Atem womöglich und einem nicht-mitanzusehenden Mangel an Körperspannung.
This Is Where We Live.
Wenn man einen großen Bogen schlagen möchte, den Glauben nicht verloren hat und jedem neuen Tag seine Chance geben möchte, paßt dazu dieses Video, das ein Lied der großartigen Nina Simone in Typographie verwandelt.

Mittwoch, 22. April 2009
Without these open arms.
Hold on tight.
(Yeah Yeah Yeahs, "Runaway".)

Abendschau, gemeinsam Orte entdecken, sich etwas zeigen, die Lieblingsbars, die Lieblingskinos, die Lieblingsplätze. Sich mitteilen, die wichtigen Tage, die verbürgten Tage, die bedeutsamen Erlebnisse. Die Sonne wird dadurch schließlich nicht weniger. Manche Gleichung jedoch harrt weiter ihrer Lösung, die fehlenden Antworten, die schäbigen Ausflüchte - wie eine rostige Kette, die immer und immer wieder über die Welle schlurft. Aber wie müde es macht, die schmutzigen Tiere weiter durchs Gebüsch zu treiben. Nachts dann am Fenster stehen mit einer Tasse warmen Kaffee, der Kanal unter mir, das Wasser schwarz, die Luft ist schwer und feucht und kühl, es riecht nach altem Holz, und selbst die Enten geben, für einen Augenblick wenigstens, Ruhe. Das gleichbleibend schöne Wetter am Tage indes mutet seltsam melancholisch an. Die Freundlichkeit, die Wärme, die nach noch mehr Offenheit verlangt und die kühle Stelle zurückläßt, irgendwo dahinten, am Rücken, zwischen den Schultern, wo man sich selbst nicht mehr mit Armen fassen kann.

Dienstag, 21. April 2009
...führte mich gestern bereits bis zum Tierheim, vor dem sehr ernsthaft schauende Kinder mit Pappkartons standen, wohl, um die zu Ostern geschenkten Kaninchen zurückzugeben. Sie standen dort, schauten abwechselnd auf die Kartons in ihren Händen, auf die glänzenden Autos, an denen ihre Väter oder Mütter irgendetwas in den Kofferräumen richten mußten, und auf die Tür, an der Bitte klingeln stand, als wäre das pochende Geräusch in den Ohren nicht bereits laut genug.
