Donnerstag, 3. Oktober 2019


Sonnenenergie



Es wird kühl, vielleicht hat jemand die Sonne gegessen. Als aber vor Monaten bereits eine kleine Tageszeitung eine Rezension des neuen Buches der von mir ja streng sachlich geschätzten Floria Sigismondi (Redemption) veröffentlichte, war ich innerlich wie erhitzt. Da sonst nirgendwo etwas darüber zu finden war - weder auf den Kanälen der Fotografin und nicht einmal im Verlagsprogramm - hakte ich bei der kleinen Zeitung mal nach, denn es wäre nicht das erste Mal, irgendwo irgendwelche Phantomprojekte angekündigt zu sehen, aus denen nichts oder nur mit großer Verzögerung was wird. Die Antwort war von selten pampiger Natur (sie kämpfen dort um jeden Leser!), so daß ich zu dem Schluß kam, es wie ein Journalist Blogger besser einfach selbst zu recherchieren.

Und siehe da, dem freundichen Verlag sei dank, gab es rasch die Bestätigung (und dank freundlichem Buchversender auch ein existierendes Exemplar): Floria Sigismondis Eat the Sun. Die Fotografin und Regisseurin (ihre Fassung von Henry James' "The Turn of the Screw" erscheint 2020) hat nach den stilprägenden Bänden Redemption und Immune (beide ebenfalls Gestalten Verlag) ihre Porträtarbeiten der letzten Jahre zusammengefaßt. Exzentrische Bilder exzentrischer Künstler wie David Bowie und Tilda Swinton, dazu eine ganze Riege junger Schauspieler und Musiker (Sigismondi hat vor ein paar Jahren mit "MAMAROMA" auch ein eigenes Label gegründet) in bühnenhaften, symbolbeladenen Sets, dazu gibt es Stills aus der kleinen Reihe mit Kurz-Horrorfilmen, die Sigismondi für die New York Times gedreht hat.

Den Band kann sich jeder kaufen, der reinen Herzens und verständnisvollem Portemonnaies ist. Es ziert das Heim und macht bessere Menschen aus euch. Muß man nicht pampig werden.

(Floria Sigismondi. Eat the Sun. Berlin: Gestalten Verlag, 2019.)


 


Sonntag, 18. August 2019


Technik und Gerede



Derzeit packe ich kleine Ideen vorsichtig mit der Pinzette am winzigen Fellkragen und sortiere sie in die freien Mulden von alten Eierkartons. So kommt nichts weg und auch nichts dran. Vielleicht, so lautet eine davon, mache ich ein Magazin. Das wird heißen Technik und Gerede. Vielleicht auch Kultur, Technik & Gerede oder Kulturtechnik und Gerede ("Hiermit beantrage ich Titelschutz in allen Schreibweisen und Variationen"). Man soll da nicht gleich zu Anfang schon alles im Detail zerreden.

Darin geht es zunächst einmal um eine Art Archäologie - "of a past that never was". Vielleicht ein kleiner Essay über Knackser auf Schellackplatten. Oder über die Entfesselung einer statisch gebundenen Performanz von Musik durch den Durchbruch des Grammophons. So wie man heute kein Kino braucht, um einen Film auf dem Mobiltelefon zu sehen. "Spiritismus als vormodernes Speed-Dating" lautet mein erster Beitrag (mit Ektoplasma-Centerfold!). Von der Tonalität her alles - bei aller Schwere der Gedanken - im munteren Plauderton, das Magazin soll schließlich viele Cold-Brew-Coffeetable erreichen und von Menschen gelesen (und gekauft) werden, die sich auch sonst für Hifi-Klumpert und technisches Lebenstilgedöns interessieren. Sich aber auch fragen, was das alles bedeutet für ihr Leben und das der anderen. Im Entertainment-Teil werden nur Stummfilme vorgestellt und Lyrik des Expressionismus, aktuelle Trends in der Plattenkamerafotografie und Stars des Vaudeville.

Ich könnte mir aber auch vorstellen, ein Magazin zu machen, das hieße Affen & Elefanten. Vor ein paar Jahren sah ich auf einer Ausstellung ein brillantes Bild von Gabriel von Max, der vor hundert Jahren gutes Geld mit Gemälden heiliger Frauen, Märtyrerinnen und skeptischer Affen machte. Statt dieses Geld zu sparen, kaufte er, man muß sich die Gesichter vorstellen, obskures altes Zeugs, tote Tiere, Fossilien und Skelette und lebte voller Ekstase wie in einem Museum. Und anstatt mich als Erben einzusetzen, verfiel seine Villa am Starnberger See und soll abgerissen werden (dies ist vielleicht auch schon geschehen), die Sammlung blieb zum Glück erhalten. Von Max hätte ich jedenfalls gerne ein Titelbild für die erste Ausgabe.

Schön und detailreich ist auch der Elefant auf dem Cover (wunderbares Digipack zum Ausklappen, mit Fotos und Texten übrigens) des Albums "Kramuri" der Gebrüder Marx, die hier neulich so nett empfohlen wurden und - Zufall oder nicht - nur ein paar Buchstaben von Gabriel von Max verschoben sind. Die Lebensfreude in deren Texten ist angenehm reduziert ("Als ich das Licht der Welt erblickte/Verließen alle Engel Wien"), die Lieder beklagen den Verfall der Welt ("Mei Gschropp redt wie a Piefke/Und is in Wien geborn/Vü mehr kaunn gor net schiefgeh/I glaub i bin verlorn") und dissen wie in "Scheißnatur" die, äh, Natur ("Du bleda Paradeiser/Warum bist du nur rot?")

Es würde also mehr ein Naturmagazin über das Leben der Tiere und Gewächse, aber alles von unten betrachtet. Nächsten Monat dann Gründer-Gespräch, das muß man ja alles erstmal finanzieren. Mit ohne Geld.

>>> Geräusch des Tages: Gebrüder Marx, Scheissnatur


 


Donnerstag, 8. August 2019


Groszmannssucht in Arkadien



In meinem Erzählband Bei der letzten Zigarette begann es zu regnen habe ich eine handvoll Geschichten über melancholische Groszstadterinnerungen zusammengefaßt, junge Menschen, die nach vorne leben und alte, die das Leben dann von hinten erklären. So im Groszen und Ganzen.

Früher wurde ich von Malern ja so gemalt. Die abgerissenen Köpfe meiner Feinde in der Hand! Heute muß ich mich an Supermarktkassen wegschubsen lassen von jungem, groben Volk. Bald wird man mich auf eine Eisscholle setzen, damit ich ins arktische Meer treibe, denn die Gartenzwergfabrik wird entkernt, alle Menschen müssen raus.

Gut immerhin , daß ich keinen Hang zum Pathos habe, es wäre schlimm um uns alle bestellt. Vor ein paar Jahren hatte ich mal überlegt, nach Düsseldorf zu ziehen, auch eine interessante, mir teilweise merkwürdig sperrig daherkommende Stadt. Am Rhein. Aber dann war die Wetterlage dort leider nichts für mich, ich blieb also hier und dachte weiter grosz vor mich hin. Das Leben ist ja mal so, mal so. Ich sage nur: "First we take Manhattan, then we take Berlin."

Georg Grosz, der alte Groszmaler, hat das ähnlich gehandhabt, nur in umgekehrter Richtung. Das ist in sehr entzückenden, den Stil des Meisters hübsch nachempfundenen Bildern in dieser Comic-Biografie von Lars Fiske beschrieben. Fiske hat zuvor auch schon ein ähnliches Werk über Kurt Schwitters geschaffen (ebenfalls im groszartigen Avant-Verlag erschienen). Politisch scharf, ironisch in der Heldenbeschreibung und angemessen frivol, denn Grosz war da nicht scheu, und seine Modelle auch nicht. Und es waren ähnlich wild bewegte Zeiten.

Ich liege ein wenig in der Sommerhitze flach, fächel mir mit einem Monsterablatt Luft zu und und schüttel den Kopf über meinen Lebenslauf und die passenden Papiere dazu. Aber da gibt es nicht grosz was zu verstehen.

(Lars Fiske: Grosz. Berlin: Avant Verlag, 2019.)


 


Sonntag, 7. Juli 2019


Wilde Party

Queenie war blond, ohne Alter so eine:
Schmiß zweimal pro Tag beim Vaudeville die Beine.
Aschgrau die Augen,
Lippen feurige Brunst -
Ihr Gesicht kannte Höhen und Tiefen der Kunst.




Heute morgen, als ich engagiert (aber dummerweise ohne Schutzmaske) mit Wiener Kalk die Fliesenfugen im Bad schmirgelte, dachte ich über die wilden Feste, auf denen ich in letzter Zeit war, nach, pfoff einen beliebten Jazzschlager und sang zwischendrin mit affektiertem Akzent "Ist dir auch fad/schrubb einfach das Bad" usw. Festliche Einzelheiten liest man ja gerne in Ruhe nach, in einem Buch also, vor allem, wenn sie so eindrucksvoll bebildert sind wie in dieser Ausgabe mit den Illustrationen von Art Spiegelman.



Joseph Moncure March schrieb das wild gereimte Versepos 1928, eine poetisch-derbe Erzählung über ein paar angeschrabbte Leute aus der Bohème der großen Stadt, die sich in der billigen Bude der Tänzerin Queenie mit alten und neuen Liebhabern zu Trunk, Tanz und Fummelei treffen. Natürich gibt es auch Streit und Gelächter, Eifersucht und Schikane, dazwischen Unzitierbares und andere Glücksmomente. Die Rowohlt-Ausgabe von 1995 (gesetzt mit Quark Express, darauf wies man damals noch hin) ist mit der amüsanten editorischen Einleitung und den an Lynd Ward erinnernden Illustrationen ein echter Spaß - und antiquarisch gut erhältlich.

(Joseph Moncure March. Das wilde Fest. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995.)


 


Samstag, 9. Februar 2019


Frank & frei



Wir Nachbarn hier im Haus tauschen regelmäßig Plunder unten im Treppenhaus, machmal lege ich ein Magazin oder ein selbstgemaltes Bild dazu, und neulich stellte jemand zwei ungenutzte kleine Leinwände raus. Ich verstehe das als eine Anerkennung und Aufforderung. Die junge Dame im Erdgeschoß, so vermute ich, legte die Tage einen kleinen Stapel Illustrierte raus, so grüne bis gelbe Titel, aber darunter ein Magazin, das ich auf gut Glück herauszog, weil der Knabe auf dem Cover mir irgendwie ähnlich sieht.

Ihr glaubt natürlich an Zufälle, aber oben in meinem Leuchtturm stellte ich fest, daß es sich um eine Art Hipster-Magazin aus, ihr ahnt es, Australien handelt. Es gibt noch ein paar mehr, sogar richtige Pointen dabei, aber die gehören nicht hierhin. Jedenfalls, wenn ihr wie Kafkas Maus denkt, die Welt sei aber ganz schön groß, dann habt ihr im Grunde schon die Laufrichtung geändert, seid im Grunde in 20 Minuten am Flughafen und quasi schon um den halben Erdball, also seid ihr. Mit Magnet- oder besser: Lesegeschwindigkeit.

Denn gute Magazine sind Fenster zur Welt, in irgendwelche unbekannte Kulturen oder imposante Anblicke und extraordinäre Ansichten. Die bringen das alles lesestuhlnah. Kürzlich habe ich eins in Frankreich bestellt, das kam in seiner eigenen, bedruckten Stofftasche daher, comme ci, comme ça. Sehr hübsch. Auch innen. Normal, könnte an meinen, solche Mühe aber ist natürlich nicht überall. Dieses Jahr habe ich ein britisches Kunstmagazin abonniert, bei dem ich gespannt bin, mit welchen Anstrengungen es wohl nach dem Brexit zu mir findet.

Viele Magazine, die mich interessieren, gibt es hier nicht oder nur in versteckten Läden, dort dann wieder nicht immer, aber das ist anderen großen Städten auch nicht anders. Titel wie Cabinet oder Fleisch oder Beautiful Bizarre. Als gebe es ein bedingungsloses digitales Grundeinkommen, möchten ja viele gar keine Magazine mehr kaufen, sondern nur online lesen. Aber einmal sah ich eine junge Frau in der U-Bahn in der aktuellen Ausgabe des Hi-Fructose-Magazins blättern, wo ich dachte, es gibt sie noch, die ordentlichen jungen Menschen und sie fahren sogar durch meinen polyestergekleideten Stadtteil. Gut, vielleicht hatte sie es geklaut, sie sah aus wie eine arme Grafikerin.

Wenn ich die 49 Millionen aus dem Eurojackpot endlich kriege, kann ich mir jedes Magazin dieser Welt kaufen und muß natürlich ein Haus mit entsprechend großem Lesesaal drumherum bauen. Die Ausgelesenen lege ich dann immer vorne auf die Treppe. Frank und frei.


 


Sonntag, 27. Januar 2019


Sonntag in der Zisterne



Ich lese gerade Ally Kleins Carter, weit bin ich noch nicht, aber ich mag den Flow, den Sound, wie man früher sagte. Manche sind davon ja genervt, aber sie bietet auch immer Stille an, als Kontrapunkt zum Gequatsche, mit dem wiederum viele nur wenig Probleme haben, in das man oft unwillkürlich (und leider nicht: stillschweigend!) verfällt. Das bietet sie an, wie damals in diesem Präsentationsvideo für Klagenfurt.

Ich also mag den Flow, den Sound, die Sprache also von Carter, die kahlen Fensterscheiben in frisch bezogenen Wohnungen in abweisenden Städten, das sich Zurechtfinden und Zurechttasten und Einformen. Es ist also auch das Buch einer Stadteroberung, einer Welteroberung einer Ich-Eroberung, aber das ist nur Behauptung, denn ich bin wirklich noch nicht weit gekommen.

Ich hätte einen anderen Namen gewählt, das schon. Um in Klagenfurt etwas zu werden, hätte es ein osteuropäischer, ein russischer Name sein müssen. Oder Klotz. Mein Debütroman wird ja einfach Klotz heißen. Aber was weiß ich schon, ich bin noch am Anfang und vielleicht klärt sich vieles auf. Ich mochte Ally Kleins Blog, als sie noch eins hatte. Vielleicht hat sie noch eins, was weiß ich schon. Irgendwoanders halt, das ist ja alles auch schon Jahre her. Viele haben ihre Blogs woanders, und ein paar wenige führen gar keine Blogs mehr.

Ich war mal auf einer Lesung von ihr, das ist auch wieder Jahre her, 2006 war das, so habe ich es gerade nachgelesen. Muß man sich mal vorstellen, da gab es schon Internet. Jedenfalls hatte sie da schon diesen Flow, diesen Sound, wie man früher sagte, und ich fand das gut.

Eher nebenbei wiederum höre ich ein Album des Bassisten Jherek Bischoff. Cistern, das ich der Einfachkeit halber auch Klotz genannt hätte, wurde tatsächlich teilweise in einer stillgelegten Zisterne aufgenommen. Dort gibt es einen sehr außergewöhnlichen Halleffekt, der die Klänge, den Sound, wie man früher sagte, auftürmt und ineinanderballt, also -hallt. Dort ist aber auch die Luft zum Atmen knapp, weshalb Bischoff dort nicht mit orchestraler Besetzung aufnehmen konnte und den Rest im Studio dazumischte. Mir ist ein wenig zu viel Phillip Glass hineingeraten, "sirupartig" stand in einer Kritik und eine gewisse Gefälligkeit in einzelnen Motiven hört man deutlich. Hier gibt es Video. Auf dem hingegen wirklich sehr schön gestalteten Klappcover befindet sich eine lange Dankesliste (das Ganze war ursprünglich ein Kickstarterprojekt), was mich immer sehr rührt. Wie oft werden Leute bei solchen Projekten einfach vergessen. Stillschweigend. So daß man am Ende nur eine Halluzination ist, ein Wesen. Wie Carter vielleicht.

(Ally Klein. Carter. Graz/Wien: Literaturverlag Droschl, 2018.)


 


Donnerstag, 20. Dezember 2018


Mean Girls



Während die Tage wie so eine keuchende Dampflok auf schlüpfrigen Steigungen durchschnauft werden wollen (heute Arbeit am heiligen Vormittag diskutiert als wären wir Last-Minute-SOS-Geschenkverkäufer), sitze ich abends im dehydrierten Dämmerzustand vor Sendungen wie "So schmücken WDR-Redakteure ihre Weihnachtsbäume oder reinigen nach dem Gänsebraten ihren Backofen" (Tamina Kallert: "Das macht mein Mann.") und blättere mich durch Kindheitserinnerungen.



Wenn ich in den Spiegel sehe, weiß ich nämlich, daß ich irgendwie auch keine 37 mehr bin. Dabei sah die Zukunft früher so... futuristisch aus. Auch gefährlich, natürlich. Atomangst, Monsterangst, Kommunistenangst, Extraterristenangst. Und offenbar auch Frauenangst, wenn man das wirklich ganz großartige Buch von Ryan Heshka durchblättert.



Seine "Mean Girls" zeigen eine B-Filmwelt aus bösen Banditinnen ("Red Beaver Bandit"), ambitionierten Heimfilmern mit fischigen Angeboten, handfest ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten am Sonderangebotsstand und dazu Roboter, Flugmaschinen und schnittige Acht-Zylinder-Autos.



Der Künstler stammt aus Manitoba und Winnipeg, hat als besondere Auszeichnung schon mehrfach bei Feinkunst Krüger in Hamburg ausgestellt und macht unter anderem auch hübsche (und leider schwer erhältliche) Kinderbücher. Seine Fatales sind ein schöner Überblick übers - fatalistische, aber bonbonbunte - Werk.



Ich habe gestern gelesen, Reportagen sind immer dann am besten, wenn in ihnen Musik erwähnt wird. Ich denke, zu Ryan Heshka läuft im Hintergrund entweder droniger Twin-Peaks-Jazz oder aber The Cramps. Dazu haut man sich einen beim Tanztee erbeuteten Stiletto auf den Kopf und trinkt ein toxikologisch schrillfarbenes Getränk.



David Lynch sagt: "I absolutely love your work" (er meint Heshka), Guy Maddin: "It's a great book!" Kid37 meint: "Stunning!"

>>> Webseite von Ryan Heshka

(Ryan Heshka. Fatales - The Art of Ryan Heshka. Paris: Cernunnos, 2017.)


 


Sonntag, 4. November 2018


Monatsreport

Eine Urlaubswoche rum, und was habe ich geschafft? Eine kleine Reise kurzfristig abgesagt, weil Berlin damit drohte, mir wie so oft kalten Regen ins Gesicht zu schlagen, und das kenne ich schon, das brauche ich nicht. Das wird so nichts, und ich habe da mittlerweile auch keine Geduld mehr für. Daheim allerdings läuft die Heizung auch nicht so, wie ich es kuschelig gewohnt bin. Ich fürchte, die Firma hat schon wieder gewechselt, und die neue kennt halt das diffizile, sensible, labyrinthisch gewachsene, mit zahlreichen unübersichtlichen warmen Armen durchs Gebäude mäandernde System nicht. DIE MASCHINE. Ich würde gern ein Sabbatical machen, etwas Heizungstechnik lernen und mich fortan nur noch dieser MASCHINE in einer symbiotischen Freundschaft widmen. Ich habe ein Faible für komplizierte Menschen Sachverhalte, das verleiht meinem eigenen schlichten Leben mehr Tiefe.



Wenig tiefenentspannt habe ich in meinem stattdessen angetretenen Kultururlaub die Memoiren von Cosey Fanni Tutti, bekannt von Throbbing Gristle, nach knapp einem Drittel zugeschlagen. Wenn man noch erfüllt ist von Viv Albertines großartigem Erinnerungsbuch (die Fortsetzung liegt hier noch), liegt die Latte natürlich auch hoch. Die Mitbegründerin der "Christel" hingegen, wie Industrielle zärtlich sagen, zeigt in Art Sex Music leider keinen rechten Zugriff auf ihren Stoff. Wo Albertine mit Witz und Reflektion spannende, berührende oder (selbst-)ironische Anekdoten einstreut, die sehr bildlich und immer wieder auch sehr grafisch sind und ein Verständnis verraten für das, was da gerade abgeht und welche Bedeutung es auf persönlicher und (musik-)historischer Ebene hat, leiert CFT in einem monotonen Listenton endlose Banalitäten herunter. Dann passierte dies, dann passierte das. Alles abstrakt, alles bloße Erwähnung, keine bildliche Beschreibung, kein foreshadowing, was das alles bedeuten oder andeuten könnte, keine Analyse auch, was ihr Selbstverständnis als Person und als Künstlerin eigentlich ist oder anfänglich eben noch nicht ist. Im Vergleich wirkt Viv Albertine wie eine brillant analysierende, reflektierte Karriereplanerin mit einem glasklaren Konzept über sich selbst und die Kunst, die sie machen will.

Als Forschungslektüre ist Art Sex Music leider auch wenig hilfreich, so fehlt dem Buch ein Personenregister. Kurz, ich bin von diesem Buch genervt. Manchen geht es ja mit der Musik von Throbbing Gristle so.

Positiv überrascht bin ich allerdings von We Are Gypsies Now. Danielle De Picciottos hübscher Bilderbuchbericht (ihre naiven, ornamentverzierten, zweidimensionalen Zeichnungen erinnern an Linolschnitte nd vor allem an die US-amerikanische Tradition der Legendenbilder) über Lebensentscheidungen, große und kleine Suchen und das Touren durch alle Welt ist kein happy-go-lucky-Hippie-Bericht, sondern eine teilweise erstaunlich offene und ehrliche Erlebniserzählung und Reflektion, die Erfahrungen von unterwegs immer wieder einzuordnen sucht. Stichwort: Künstlersozialkasse. Grundsympathisches Buch.

Sehr angetan bin ich seit einiger Zeit auch von der Arbeit Olga Neuwirths. Kennt ihr alle, ich weiß, aber ich habe eben lange unter einem Stein geschlafen. Die Grazer Komponistin hat sich regelmäßig mit dem Medium Film (u.a. mit David Lynchs Lost Highway) auseinandergesetzt, und ein Auszug ihrer Arbeiten gibt es in einer Doppel-DVD-Ausgabe. Die ersetzt natürlich nicht die teilweise für mehrere Monitore/Leinwände konzipierten Installationen/Screenings, aber je nun. Für trübe Tage, es regnet ja nicht mehr. Neben komplett eigenen Projekten oder solchen nach literarischen Texten (u.a. Leonora Carrington) gibt es auch Vertonungen von Stummfilmen oder Animationen der Brothers Quay zu sehen/zu hören. Reizvolle Klangexperimente für unbefangen naiv gebildete wie mich.

Kommen wir doch mal zu den Männern, die machen ja auch Kunst. L'Imbalsamatore (zum Glück mit englischen Untertiteln) vom Gomorrha- und Dogman-Regisseur Matteo Garrone ist ein hübsch fotografiertes Noir-Dreiecksdrama um einen kleinwüchsigen Tierpräparator mit Mafiaverbindungen und seiner unerfüllten Liebe zu seinem neuen schönen Assistenten, der sich wiederum in eine ebenso schöne Autowerkstattangestellte verknallt. Aufgestaute Leidenschaften, Eifersucht und ein grau-tristes Italien wie aus dem Vorstadtbilderbuch. Manchmal skurril, nicht ohne Humor, meist aber einfach nur traurig, vor allem, wenn man an die von Blödheit gekennzeichneten Lebensentscheidungen dieses bello ragazzo denkt. Super zum Sonntagskaffeeundkuchen.

Ansonsten habe ich für die Recherche zu meinem demnächst erscheinenden Debütroman Vom Schlafen in gepflegten Kleidern ein paar lose Knöpfe angenäht, viel geschlafen, um korrumpierende Erwerbsarbeit zu vergessen und rhythmische Haushaltsgymnastik (Wäsche, Böden, Fensterdichtung) betrieben, um in wohl präparierter Form zu bleiben. Nach dem Motto: Erst war dies, dann war das.


 


Sonntag, 7. Oktober 2018


Fotografia della Motte



Sonntags sitze ich nach einer kleinen Runde zum Elektroschrottcontainer (anders als früher werfe ich da jetzt Zeug rein und hole nicht einfach nur was da raus, was man sicher noch gut verwenden könnte, wenn man es einfach nur ein wenig reparieren (ist sicher nicht viel dran) und in meiner kleinen Werkstatt modifizieren würde) im Easy chair, wie es weltmännisch heißt, und blättere durch die Wochenlektüre.

Etwas Neues, etwas Altes, etwas Blaues... Ich achte mit einer gewissen Akribie auf die richtigen Zusammenstellung dabei, denn Gestaltung macht auch vor den profansten Dingen im Alltag nicht Halt. Dahinter steckt die noch diffuse Idee, mich irgendwann einmal selbst recht kreativ auszudrücken zu wollen und einen Verlag für außergewöhnliche Fotobücher zu gründen. (Später, bitte keine Anfragen.)

In dieser Edition, so der Plan, werde ich vier Fotobücher (I - IV) veröffentlichen, mit exquisit ausgewählter, schwer verständlicher und noch schwerer aufzufindender Fetischfotografie, die ich - streng limitiert auf 237 Exemplare - an sehr alte, dafür aber sehr reiche Tokioter Fischgroßhändler verkaufen werde für 1500 2500 Euro das Stück. Die Aufmachung ist delikat: Einband aus gegerbten Mottenflügeln, die beim ersten Öffnen zerfallen - als Symbol für nachtbeflügelte Dekadenz und dem Ende von Allem. Wer sich jetzt noch fragte, wozu die Mottenexperimente in meinem geheimen Geheimlabor, der ahnt es jetzt und schweigt für immer.

Die Nachtfalterliteratur liegt eh im Argen. Bücher über Schmetterlinge gibt es in allen Farben des Regenbogens, aber über die in 50 unterschiedlichen Grautönen gefärbten (mein erster Verlegerwitz!) Kameraden der Nacht schweigt sich die Fotografie irgendwie aus. Bis es so weit ist, Dummys müssen gebaut, Gelder lukratiert werden, bleibe ich auf Käuferseite und unterstütze als Crowdfunder die Projekte anderer. Wie das neue Buch von Gilles Berquet Le Fétiche est une Grammaire, das ein bißchen Retrospektive bietet und einen Überblick über neuere Arbeiten, aber ganz wie Nachtfalter natürlich nicht jedermanns Sache ist. Die antiquarische, nicht übermäßig spektakulär aufgemachte Anthologie mit Zeichnungen von Franz von Bayros ist ein hübscher Rückgriff auf längst Vergangenes. Der Mann ist ja in Wien verstorben, wie überall nachzulesen ist, was ich irgendwie sehr angemessen finde in dieser Verbindung von Erotik und Tod und zwischendrin ein paar Girlanden. (Er selbst nannte es wohl, so entnehme ich der Wikipedia, "seine Verbannung". Oida. Aber offenbar war er eh ein bißchen weggetreten, mit Ansichten, mit denen man heute bei mir auch nicht punkten könnte.)

Dazu Kekse und Kaffee, etwas Herbstsonne und gepflegte Müdigkeit. Patti Smith zeigt heute bei Instagram ihre kleine Butze am Rockaway Beach. (Dazu gibt es hier ein hübsches Interview in der New York Times, das zeigt, daß ihr Artaud-Buch schon seit 2015 dort herumliegt. Ein wenig beruhigt mich das, setzt mich dieser Umstand doch in sehr gute Gesellschaft.)


 


Mittwoch, 26. September 2018


Sweet Ruin



Große Ereignisse brauchen ja meist eine bestimmte Zeit, ehe sie verarbeitet sind, sich ins Unbewußte eingenistet haben und als Erinnerungssplitter und Resonanzböden zur Verfügung stehen. Beim wöchentlichen Milchpackungs-Yenga in der Fabrikkantine rutschen mir mittlerweile Skulpturen wie diese Milchskyline heraus, die eine fast fotografische Ähnlichkeit zu der einer gewissen großen Stadt in den USA aufweist. Sogar in 3D. Da habe ich mich selbst ertappt!



Die Domino-Zuckerfabrik in Williamsburg hatte es mir ja besonders angetan. Bis 2004 galt sie als größte der Welt (Make Sugar great again!), seither stand sie so rum und verfiel zu einer Filmkulisse. Zu schade, daß sie nun "entwickelt" wird, man ahnt schon das Ergebnis. Da sich die Fassade der alten Fabrik nicht so leicht mit Milchtüten nachbilden läßt, habe ich mir nun ein Fotobuch gekauft.

Fotograf Paul Raphaelson hat das gemacht und für sein Kickstarter-Projekt dazu einen kleinen Film. Man sieht schöne Bildstrecken von den alten Innenräumen, Schaltern und Kontrollräumen, Silos und Förderanlagen - und alles, das ist das zuckergestärkte Sahnehäubchen, ganz ohne übertrieben kitschige HDR-Effekte. (Hier ein Artikel aus dem Brooklyn Daily Eagle.)

Manchmal wenn ich traurig bin, weil ich keinen candy-bar abbekommen habe, schaue ich mir die Bilder der Zuckerfabrik an, Heimat vielleicht eines schaurigen Willy Wonka, der mich mit grellbuntgefärbten Bonbons in den Wahnsinn treiben will.

(Paul Raphaelson: Brooklyn's Sweet Ruin. New York: Schiffer Publishing, 2014.)