Sonntag, 6. November 2016


Fabrique



Ich weiß nicht, wo ihr eure Surfbretter läßt, wenn ihr den VW Bus zum Überwintern in die Garage gefahren und mit der Segeltuchplane abgedeckt habt. Ich stelle die immer hinten in die freie Ecke neben den Metallspinden, und räume dann zwei, drei Medizinbälle (vintage) davor, weil ich gerne Struktur mag und der Themenbereich "Sport"zusammenbleiben soll.

Bei einer Tasse frisch gebrühten Exquisitkaffee mit handaufgeschäumter Milch verblättere ich dann so einen usseligen Sonntagnachmittag gern mit ein paar Kaffeetischbilderbüchern für Erwachsene, wie dieser recht hübsch zusammenkuratierten Sammlung von industriellem Einrichtungskrempel. Das weckt verloren geglaubte Energie oder besser profanen Besitzdrang, besonders nach dieser zauberhaften, beleuchteten Art-Deco-Tischlupe aus dem Hause Gruber ("Loupeclaire"). Wer so eine in Baumärkten angebotene "dritte Hand" mit Lupe und beweglichen Krokodilklemmen daheim hat, wird nun in stille Tränen ausbrechen, wenn er (oder sie) sieht, wie sowas auch in hübsch aussehen kann.

Sollte mal jemand einen solchen Begehrgegenstand in einem staubigen Karton heimatlos in der Ecke rumlungern sehen, denke er (oder sie) doch bitte an mich und sage Bescheid. Bis dahin muß eben dieser Bildband reichen.

(Misha de Protestad, Patrice Pascal. Vintage Industrial: Living with Machine Age Design. New York: Rizzoli, 2014.)


 


Freitag, 15. April 2016


Boxing/Unboxing: Works on Paper



Da ich mir von den Einnahmen aus meinem ersten Album im Stil der Hamburger Schule, Ein Pferd namens Brot, das von einer Reihe unabhängiger, also nicht von Goldman Sachs gesteuerter, Independent-Magazine freundlich besprochen wurde, die ein oder andere Mark zurückgelegt habe, erlaube ich mir ab und zu den Luxus, ein Kunstbuch zu kaufen, zumal, wenn es etwas günstiger als offiziell aufgerufen zu erwerben ist.

Jetzt habe ich also eine solche Gelegenheit ergriffen und mir Works on Paper von David Lynch zugelegt. "Unboxing"-Videos seien der letzte Schrei, ließ ich mir von jungen Leuten ausrichten, vor allem jene, bei denen mit dem Mobiltelefon das Auspacken eines anderen Mobiltelefons dokumentiert wird. Da der Herr Steidl vom gleichnamigen umtriebigen Verlag sich solche Mühe beim Verpacken des Buches gemacht hatte, wollte ich den Bonbonmoment des Auswickelns mit meinen Lesern teilen, denn mir war es eine große Freude, mit einer Rasierklinge feinsäuberlich Klebebänder aufzuschneiden, Schicht um Schicht Papp- und Pergaminpapier zu entfernen und den Torso wie in einer Autopsie freizulegen.

Dann kann man es vorsichtig aufklappen, darin blättern, Gekritzel und Elaboriertes anschauen, das für sich genommen oft unscheinbar wirkt, in der Menge aber erst seinen Sog entfaltet. Fast fühlt man sich verschl...

(David Lynch. Works on Paper. Göttingen: Steidl Verlag, 2011.)


 


Mittwoch, 10. Februar 2016


Strikt, aber limitiert



Weil Erinnerungen flüchtig sind, hält man sie gern fest. Also gern auch richtig fest. Zun den schönen Überlieferungen des Viktorianismus gehört der tief in den Alltag verankerte Reliquienkult: die Locke vom Liebsten, der erste Milchzahn und das Foto vom toten Verwandten. Mit dem Aufkommen der Fotografie im 19. Jahrhundert ergab sich eine nie gekannte Möglichkeit, die Verstorbenen zu bewahren - oder besser die Erinnerung an sie: im Abbild. In Festtagskleidung gewandet saßen sie im Stuhlkreis unter den noch lebenden Familienmitgliedern, die auf den Bildern meist gleichsam tot wirkten, waren doch die Belichtungszeiten in der damaligen Fotografie so lang, daß die Porträtierten unnatürlich lange starr verharren mußten. Im Zeitalter der hohen Kindersterblichkeit wurden so auch Frühstverstorbene abgelichtet - oder aber die lebenden Säuglinge im Schoß ihrer im Kindsbett gestorbenen Mütter.

Ein für heutige Verhältnisse merkwürdig und morbide scheinender Erinnerungskult, dabei ist das Festhaltenwollen und Besitzenwollen des Flüchtigen doch ein uralter menschlicher Impuls. Den Augenblick festhalten, das Vergängliche bannen: Goethe und Geburtstagvideos verdanken beide ihren Erfolg diesem Eifer.

Tessa Kuragi und Jon-Ross Le Haye, wir kommen in die Gegenwart, füllten ein altes verziertes Fotoalbum aus dem 19. Jahrhundert, ein Flohmarktfund, mit solch fragilen Bildern: Sie konservierten die blauen Flecken, die sie im Laufe ihrer sadomasochistischen Beziehung sammelten: verblassende Momente und Erinnerungen an ganz besondere Momente. Der Reprint dieses Bruise Book ist auf 50 Exemplare limitiert, meins trägt die Nummer 31, was fast aussieht, kommen wir zum Zahlenfetisch, wie eine 37. Knapp vorbei, oder Autsch! wie wir in bibliophilen Fachkreisen sagen.

Die französische Fotografin Féebrile lernte ich vor ein paar Jahren auf einem Konzert von Ödland kennen. Ihr kleiner liebevoll gestalteter Band Pola et les autres dokumentiert auf Polaroid besondere Inszenierungen, Momente und intensive Begegnungen. Sehr charmant. Mein Exemplar ist die Nummer 38 von 100, das ist schon provozierend nahe an der 37, aber nun muß man auch als Sammler mal Fünfe gerade sein lassen, um im Zahlenbild zu bleiben.

Ein schönes, recht ordentlich sortiertes Unterfangen also. Damit wir uns aber auf Buchmessen und Kunstauktionen nicht ins Gehege kommen, schlage ich vor, ihr sucht euch eine andere Zahl aus, der ihr hinterhersteigen wollt.

Tessa Kuragi, Jon-Ross Le Haye. Bruise Book. o.O., o.J. (2015)
Féebrile. Pola et les autres o.O., o.J. (2015)


 


Donnerstag, 31. Dezember 2015


Mirror, Black Mirror



Meine Liebe zu den Arbeiten Camille Rose Garcias ist ja internetbekannt. Nach längerem Hin und Her (die Editionsgeschichte ist vertrackt, verschleppt und auch wieder vergessen) habe ich mir als schönes Weihnachtsgeschenk ihren aktuellen Band Mirror, Black Mirror unter den Baum gelegt. Er gibt einen Ausstellungsüberblick der letzten Jahre, etwa ab 2008, nachdem Garcia stadtflüchtig wurde und mit Mann und Maus "in die Wälder" zog. Nicht mehr so bunt-brutal wie frühere Zyklen wie Ultraviolenceland, dafür detaillierter, subtiler, süßlich vergifteter und in feinere Abstufungen zerlegt. Wir finden immer noch die bösartigen, verschlagenen Disneyprinzessinnen aus dem Kanon der Südkalifornierin, die gekippten Sumpflandschaften und mörderischen, knallfarbenen Kinderüberraschungen mit ihren vitriolgetränkten Tenktakeln, Arsenbonbons und Wunderlandperversionen. Eher nichts für die Kinderzimmertapete, aber eine klebrige Venusfliegenfalle für ältere Liebhaber. Kunstliebhaber, meine ich.

Ein schauriger Leuchtraketenhimmel, ein schwarzer Spiegel, den ich gerne dem Jahr 2015 entgegenhalte. Nimm das, Zuckerstück. So siehst du in Wahrheit aus.

(Camille Rose Garcia. Mirror, Black Mirror. San Francisco: Last Gasp, 2015.)

>>> Beitrag mit Interview zu Mirror, Black Mirror auf KQED.


 


Samstag, 7. November 2015


Maskierte Misantrophen



Ich bin ja ein alter Mann mit tagträumenden Vorstellungen. Aber da wir ja alle unseren Haushalt machen müssen und die Wäsche und dann auch noch allein, hat ja kaum noch jemand Zeit für die sinnlos schönen Dinge des Lebens. Man müßte so eine Art Manufactum-Boudoir als Club eröffnen, wo man abends im Hasenkostüm einen komplizierten Tee mit gesundheitsfördernder Wirkung schlappt genießt, dabei ein wenig durch die Feuilletons der gesammelten Tagespresse blättert, sich schön anschweigt und vor der letzten Bahn nach Hause fährt, sich in frisch gestärkte (aber von wem?) Linnen fallen zu lassen.



Nun haben die meisten von euch Mikrofaserbettwäsche daheim, und da wundert ihr euch, ich aber nicht. Dafür wunderte ich mich am sogenannten Halloween, weil ich hier in meiner selbstgebastelten und adrett gebügelten Maskierung im Lehnstuhl ausharrte, von den Dreikäsehoch-Horrorknirpsen aber keiner klingeln wollte. Vielleicht war es ihnen zu gruselig hatte ich doch mein Gewand nach den wunderbaren Fotografien gestaltet, die Ossian Brown gesammelt hat. Der war früher in der kleinen Gebrauchsmusiktruppe Coil und hat nun aus den USA der letzten Jahrhundertwende Amateurfografien über Halloween gesammelt und als Bildband herausgebracht.

Wer den hübsch gestalteten Band mit einem Vorwort von und Danksagung an David Lynch nicht wie ich daheim hat, mag sich ein paar der Bilder von der großen Suchmaschine auswerfen lassen. Die Beispiele sind wirklich fröstelnd beeindruckend durch ihre liebevoll unbeholfene Heimbastelgestaltung. Ein amerikanischer Umhänge-Quilt irgendwo zwischen Outsider Art, dem Texas Chainsaw Massacre und gruselig überspitztem Frühjahrsputz-Hausfrauenkittellook. Nächstes Jahr seid ihr dabei.

BoingBoing hatte es auch mal erwähnt.

(Ossian Brown. Haunted Air. London: Jonathan Cape, 2010.)


 


Samstag, 28. März 2015


Gordon July



Das Wochenende ist jetzt erst einmal gerettet. Kaum kommt die verderbliche Sonne mit unverfinstertem Licht heraus, habe ich meinen Bücherstapel mit den ungelesenen Büchern hinter weiteren Bücherstapeln entdeckt. Das Fahrrad wäre auch endlich mal zu bewegen, dreams are ten a penny. Vielleicht steht es überwintert in einem Stapel im Fahrradkeller. Hinter weiteren Rädern.

Miranda Julys The First Bad Man habt ihr sicher alle schon erworben, bei Kim Gordons Biografie Girl in a Band bin ich mir nicht sicher. Ich könnte es wahrscheinlich herausfinden, wenn ich mit der bei mir aktuellen Ausgabe meines Lieblingsmagazins Cabinet durch bin, das eine wunderbar inspirierende Ausgabe über "Forensics" gemacht hat.

Der Zeit und den Umständen angemessen, wie ich finde. Zumal ich meine eingerosteten Werkzeuge als Profiler schärfen muß, wenn es denn bald wieder heißt Fü füfü füfü füüü. Sechs neue Folgen wird es geben. Zeit also auch, die alten Anzüge herauszukramen und schauen, ob alles noch bügelfaltenfein sitzt. Zeit auch hier, meine Erinnerung aufzufrischen, denn ein erster, mir zugespielter Wissenstest brachte noch Lücken und insgesamt noch selbstoptimierbare Ergebnisse zu Tage.

Ich werde also, wenn ich mich demnächst fleißig erneut durch diese Ach-so-90er-Serie ("Eine Regierungsverschwörung gegen die eigene Bevölkerung? Wer denkt sich so was aus?") arbeite, etwas touchy sein, wie wir hier auf dem Heiligen Berg der Eingeschnappten Hypersensiblen sagen.

Warum auch nicht? Sei wie ein Weidenkätzchen, heißt die Devise 2015. Zäh und flexibel, mit schneidigem Pfiff und puschelig zugleich. Kauft euch schöne Kleider.


 


Samstag, 28. Februar 2015


Hinter dem schwarzen Schleier



Während also im Zimmer das Kilimanjaro Darkjazz Ensemble vor sich hindrohnt, wie honigverklebte Schmetterlinge, die über einen blütenverzierten Teppich kriechen, schlürfe ich verhalten an einer Tasse Ersatzkaffee (das Leben als Ersatzhandlung) und blättere im neuesten Band aus dem Last Gasp-Verlag. Der hätte vor nicht allzulanger Zeit beinahe selbst den letzten Atemzug getan, obwohl er mit seinem Programm zu den zehn besten Verlagen der Welt gehört. So ungerecht geht es zu in dieser Unordnung, in der wir uns alle befinden. Nun läßt sich heute glücklicherweise Geld sammeln für allerlei Projekte, übers Internet, und so kam 2014 Beyond the Dark Veil heraus.



Viktorianische Fotografien aus dem Thanatos Archiv, aus einer Zeit also, die uns mit einem bizarren Toten- und Gedächtniskult erstaunt. Vom Liebsten die Locken, die ersten verlorenen Milchzähne, solcherart Alltagsreliquien bewahren viele auch heute noch auf. Tote werden nur noch selten aufgebahrt (hierzulande sowieso nicht offen) und selten fotografiert. In verschiedene Kapitel aufgeteilt (Totenbett, Kinder und Familie, Verbrechen und Unglücke, Haustiere), reihen sich in Beyond the Dark Veil leere Gesichter oder solche wie schlafend aneinander, ernste Verwandte, erstarrte Mütter mit ihren toten Kindern, ertrunkene Matrosen, verlorene Zwillinge, Abschied um Abschied um Erinnerung. Manche Bilder wie ein Schnappschuß, andere mit einer - durch die langen Belichtungszeiten bedingten - Strenge inszeniert, die an unterkühlte Modestrecken erinnern.

Eine sorgsam aufbereitete Bildergalerie. Mit Goldschnitt und einer nachgeahmten Lederprägung, für Nachmittage, wenn eine schrägstehende Sonne den Staub im Zimmer tanzen läßt.

Beyond the Dark Veil: Post Mortem & Mourning Photography. San Francisco: The Last Gasp, 2014.

>>> Geräusch des Tages: The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble, The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble


 


Montag, 16. Februar 2015


Ey, Kosmos!

Valentine's Day, February 14,
has the potential
to be as breathtakingly romantic
as you could ever want.
(Q)



Das üben wir aber noch einmal, ihr Sterne. Selten lag Ms. Miller so daneben, möchte ich sagen - denn wie sonst nur Landtierarzt James Herriot mit dem Arm in einer Kuh wühlte ich mit der Hand im Briefkasten, tauchte tiefer und tiefer, kein Herz jedoch brachte ich hervor. Das war also mehr ein Charlie-Brown-Valentinstag, glücksmißraten entgegen jeglicher astrologischer Versprechen. Oder eben exakt so romantisch as I could ever want, berücksichtigt man mein bevorzugtes regenschirmloses Gemüt im Dauerniederschlagsgebiet. Am heutigen Rosenmontag (Rosen? Verhohnepipelung!) kann man da bilanzierend nur sagen, Mahatma Glück, Mahatma Pech, Mahatma Gandhi.

Das fürs Protokoll, ansonsten habe ich auch überhaupt keine Zeit für sowas. Haushalt, Schuhe putzen und sortieren, Bildbände aufstapeln und wieder herunter, Bücher sortieren wie etwa Miranda Julys Roman The First Bad Man, mit dem ich aber noch nicht angefangen habe. Ich stecke noch in Katherine Dunns Geek Love fest, einer wilden Familiengeschichte über ein Sideshow-Artistenpaar - Achtung, werdende Mütter lesen jetzt mal kurz nicht mit! - , die in moralverdrehter Absicht während der Schwangerschaft der Mutter mit Drogen, Giften und Radioaktivität experimentierten, um mit den in Folge mißgestalteten Kindern eine eigene Schaubude betreiben zu können. So liest es sich auch, also die Geschichte aus Sicht der Albino-Mutter, die ihre Tochter weggeben mußte, weil die nämlich einfach zu hübsch geraten war - wenn auch nicht ganz -, folglich fürs Geschäft nicht zu gebrauchen und nun als "Stripperin mit einer kleinen Überraschung" in einem exotischen Varieté arbeitet. Alles gar nicht so lustig, falls das wer meint.

Aber durchaus romantisch. Es muß nicht immer alles normal sein. Nur mutig.

>>> Katherine Dunn, Geek Love. New York, 1989.


 


Sonntag, 10. August 2014


Oh, die Heiterkeit!

Es war vor zwei Jahren das erste Projekt auf Kickstarter, das ich unterstützt habe. Dann hat es noch ziemlich lange gedauert, das Buch fertigzustellen, dann ging es wegen postalischer Mißverständnisse zweimal über den Atlantik hin und her. Diese Probleme aber erwisen sich gar nicht als tödlich,sondern ließen sich über den dadurch entstehenden sehr netten und effizienten Mailkontakt mit Joanna Ebenstein, der Gründerin des Morbid-Anatomy-Blogs, rasch aus dem Weg räumen. Und nun ist sie vor ein paar Wochen endlich bei mir eingetrudelt, die Morbid Anatomy Anthology.

Vollgestopft mit hübsch illustrierten Beiträgen (u. a. von Mel Gordon, Kate Forde) rund ums Thema Tod, Trauer, Kultur- und Medizingeschichte, ist das knapp 500-Seiten-starke Werk sehr apart aufgemacht und nicht nur ein praktisches Handbuch für die Hausbibliothek, sondern dem ernsthaften Adepten auch auf Reisen ein (wenn auch gewichtiger) Begleiter. Hier gibt es eine ausführliche Vorschau. Bei Vollmond besonders gut zu lesen, hoffe ich, und ansonsten sicherlich perfekt für den nun beginnenden Herbst.

Joanna Ebenstein, Colin Dickey (Hrsg.). The Morbid Anatomy Anthology. New York: The Morbid Anatomy Press, 2013.

>>> Morbid Anatomy


 


Freitag, 25. Juli 2014


Mütter aller Dinge




Während man hinter meinem Rücken mit plumpen Knüppeln hantiert, greife ich lieber zur feinen Klinge und öffne die dem deutschen Zoll aus den Händen gerungenen Pakete. Erbauungslektüre für die nun nach dem Ende des Sommers bald anstehenden trüben, regnerischen Abende. Das Mütter-Museum in Philadelphia hat einen hübschen Bildband mit medizinhistorischen Fotos herausgebracht, ein Stimmungsaufheller für die intimere Runde, wenn man mit Ah und Oh den nur geflüsterten Dingen auf den Grund gehen will, für die es keine Wörter gibt. Erstaunliche Krankheiten, noch erstaunlichere Deformationen in liebevoll restaurierten Bildern, die einen Eindruck geben von den Wehen und Mühen früherer Zeiten und den heutigen, die wir nur einfach nicht wahrhaben wollen.

Auf zehn Bände angelegt ist die Werkausgabe der Erinnerungen Jean-Henri Fabres, die 2015 fertig sein soll, also schneller als ich es lesen kann. Was für ein Leben. Mit der Familie in Südfrankreich wohnen, steinalt werden und den ganzen Tag Käfer und Grabwespen beobachten. Zwischendurch ein wenig dichten, nach dem Tod der Frau die Haushälterin ehelichen und immer guten Kuchen und schweigsame Tiere im Haus haben. Die Kerbtierwelt mit feinsinnigen, poetischen Beobachtungen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntmachen und abends auf dem Harmonium frivole Lieder und lustige Weisen zur Unterhaltung der Gäste anschlagen. Hier ein paar Links zu Hörbüchern (auf Englisch) und Fotos, auf denen man sieht, daß der gute Jean-Henri stets adrett gekleidet seinen Sechsbeinerstudien nachging, und nicht wie ihr schlunzig im Büro rumsaß.

Der Link stammt aus dem Blog Splendour Awaits von Adrian Thysse, der mit einer Menge bunter Makrofotografien von Insekten auftrumpft.

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Laura Lindgren (Hrsg.) Mütter Museum: Historic Medical Photographs: The College of Physicians of Philadelphia. Blast Books: New York, 2007.

Jean-Henri Fabre. Erinnerungen eines Insektenforschers, Bd. 1. Berlin: Matthes & Seitz, 2010.