Der Pianist

Die Geschichte des jüdischen Klaviervirtuosen Wladyslaw Szpilman (Adrien Brody), der nur durch unwahrscheinliches Glück das Warschauer Ghetto überlebt.

Kritiker warfen Regisseur Roman Polanski, selbst Überlebender des Holocaust, vor, den Film merkwürdig distanziert inszeniert zu haben.
Dabei ist gerade dies seine Stärke. Kaum vorzustellen, dies wäre eine Hollywoodproduktion gewesen. So schwebt über den grauenvollen Ereignissen eine gewisse Lakonie, einem chronologischen Bericht näher als eine rührselige Verdichtung.

Die historischen Fakten sind bekannt. Meint man. Und erkennt erst als zur Stille verdammter Beobachter eines Einzelschicksals die wahren Dimensionen der Ereignisse zwischen 1939 und 1945. Die beinahe beiläufige, völlig willkürliche Gewalt der SS, die auch den Zuschauer ganz unvermittelt trifft. Interessant das Sound-Design. Während die Waffen in Hollywoodfilmen in jaulenden Querschlägern pfeifen, in Subwoofer-forderndem Krachen explodieren oder als sanftes, schallgedämpfes Ploppen ejakulieren, bellen die Pistolen der Waffen-SS wie nervöse deutsche Schäferhunde kurz vor dem Kollaps. Ein unangenehmer, beißender Klang, der beunruhigend echt wirkt.

Die Atmosphäre brutaler Abgestumpftheit, der nahezu unbeteiligt wirkenden kaltblütigen Morde, wird selten durchbrochen. Fast wirken die Auspeitschungen des Aufsehers wie ein merkwürdig verschobenes comic-relief Element, so deplaziert mutet die Szene in ihrer Groteskheit an. Thomas Kretschmann als musisch interessierter Wehrmachtsoffizier - ein deus ex machina. Aber die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Möglicherweise auch die irritierende, allegorische St.-Martin-Episode am Ende. Völlig deprimierend aber schleicht sich die Hoffnung ein: Szpilman, nach Jahren im Versteck krank, erschöpft und halb verhungert, bekommt zu hören: "Sie müssen nur noch ein paar Wochen durchhalten."
Keine Minute länger, möchte man rufen. Aber man ist - zum Glück - nur Zuschauer.

Großes Kino.

Der Pianist. (GB/F/D/Pol./NL 2000). R: Roman Polanski.

Super 8 | 22:34h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
yvonnesonne - Mittwoch, 5. Mai 2004, 23:12
oh danke für die empfehlung. aber das ist bestimmt wieder mal ein film, den es in meiner videothek nicht gibt. die haben nur terminator und matrix. buhuhu.

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kid37 - Donnerstag, 6. Mai 2004, 01:10
Aha? Der hat drei Oscars bekommen, was ist denn das für eine Videothek. (Da fällt mir völlig zusammenhangslos ein, ich habe einen Bekannten, der arbeitet in einer Wiener Videothek. Komisch, habe ich gar nicht mehr dran gedacht.)

Ist wirklich sehr empfehlenswert. Mich hat lange kein Film mehr so beeindruckt.

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Lu - Donnerstag, 6. Mai 2004, 12:01
der steht bei mir ganz oben auf der liste ... seit dem er im kino lief. immer wieder habe ich mich gedrückt, weil ich weiß, wie bedrückend er sein soll. mir fehlte bislang der passende moment, mich ein stück tiefer schubsen zu lassen, auch wenn ich jetzt schon weiß, wie gut ich den film finden werde. manchmal weiß man das einfach vorher. ambivalentes weib ich.

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lady.death1 - Donnerstag, 6. Mai 2004, 14:44
Ich finde "Das Leben ist schön"
gehört auch zu diesen Filmen,
die man gesehen haben sollte ....

Aber ehrlich, es gibt sooooooviele tolle Filme ..
Nur in der letzten Zeit,
greife ich immer wieder daneben...
*lach*
z.B. Derrick... *stöhn*

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