
Eine kleine Homestory bei Michaël Borremans
Als ich jünger war - da ward ihr noch gar nicht wach – dachte ich, ich würde später mal abgeschieden in der Landschaft leben in einem Haus, bei dem man nicht wüsste, ob es vor oder nach mir zusammenfällt. Dort würde ich morgens, sagen wir vormittags, nach dem ersten Kaffee durch die Räume wandern, hier an einem Bild malen, dort an einem anderen, ein Buch lesen, entspannt gelaunt im Garten auf der Wiese liegen oder bei innerem Regen ein wenig verstimmt auf einem alten Klavier klimpern (wurde früher von angeblich verstimmten Klavieren weggejagt – dabei war es mein Spiel, das so klang). Solche Sachen.
Dazu hätte ich aber nach Belgien ziehen müssen und nicht ins fast schon quirlige Hamburg. Wie Michaël Borremans, dessen Bilder ich sehr mag. Der lebt in der Nähe von Ghent mit Hund und zerbeultem Jaguar (Auto), denn das braucht man da. Eine alte Gitarre, ein Plattenspieler, eine möglicherweise sehr gute Espressomaschine, gerne hätte ich seine Bibliothek gesehen. Apropos: Von Borremans gibt es derzeit leider keine erschwingliche Publikation und Werkschau, der Kunstbuchmarkt knüllt sich zusammen, die Jüngeren interessiert das nicht, und die älteren Sammler sterben weg. Jedenfalls wirkt diese provinzielle Einöde als verlockender locus amoenus für geplagte Städter, die neben dem eigenen vor allem den Lärm anderer Leute ertragen müssen. (So schon der Titel meines Debütromans Den Lärm anderer hören.) Alles toll, solange man nicht zum Arzt muss oder zur Packstation oder erstmal zu Penny.
Jedenfalls hat Michaël Borremans nicht nur ein Auto für all so was, sondern ein Werk von ganz unaufgeregt verspinsterten Bildern (hier zum Beispiel bei Zwirner), die neben Ruhe auch eine gewisse Unheimlichkeit ausstrahlen, gerade so, dass man denkt, da liegt nicht nur ein Apfel im Raum, sondern da ist gerade eine Geschichte passiert. Das liegt auch an den Fehlstellen. Personen sind in merkwürdige Kleidung gehüllt, aber herausgenommen aus jeglichem Kontext, sind mit irgendetwas beschäftigt oder wiederum bloß Teil einer Inszenierung. Der Schnappschuss einer Erzählung, wie das leere Fach im Kühlregal, wo das Eis stehen sollte, das man kaufen wollte.
Auch ein Schock, der sich am besten in Ruhe auf dem Land bewältigen lässt.