One Hour Photo

Was für ein deprimierender, niederschmetternder Film.


Fotolaborant Sy (das reimt sich nicht von ungefähr auf "Eye" und "I") ist ein Einsamer wie Travis Bickle in Taxi Driver. Er ist ein Jedermann, ein Durchschnittstyp, für den selbst die Klamotten aus dem Walmart zu stylish wären. (So jedenfalls bezeichnete es die Kostümdesignerin des Films, Arianne Phillips.)

Seine Unfähigkeit, wirkliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen, bewirkt seine Flucht in ein perfektionistisches Streben. Seine sozialen Beziehungen holt er sich über Fotos von Fremden. Er eignet sich auf verschiedene Weise die Familienfotos anderer Leute an, um daraus eine eigene "Geschichte" zu schaffen. Er kopiert sich die Bilder einer fremden Familie, um sie ins eigene Wohnzimmer zu hängen. Der einzige Schmuck in seiner karg möbilierten Wohnung. Sy konstruiert seine Welt. Und wird eins mit der Illusion.

Als die Perfektion, die er sich erdacht hat, zu zerbrechen droht, bleiben ihm nur noch die Fotografie und die Gewalt als letzte Ausdrucksformen. He can simply not relate. Leider finde ich keine guten deutschen Worte dafür.

Sy ist der fleischgewordene, oftmals flüchtige Gedanke, den jeder ab und an hat. "Der Stein ist ein Stein; er ist nicht ich!" schrie angeblich die fünfjährige Sylvia Plath, als sie das erste Mal spürte, daß eben nicht alles eins ist. Daß alles getrennt von einander existiert. Wie du. Und wie ich.

(USA, 2002). Regie Mark Romanek, der auch das tolle Video zu "Hurt" von Johnny Cash gemacht hat. Der Fotograf gönnte sich übrigens einige Injokes als er für Nebenrollen Namen wie "Yoshi Araki", "Mrs. von Unwerth", "Mr. Siskind" und "Paul Outerbridge" wählte.

Super 8 | 17:44h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
lady.death1 - Freitag, 26. März 2004, 09:31
Ich fand den Film nicht berauschend.
Solche kranken Menschen gibts echt.
Das macht mir Angst....

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kid37 - Freitag, 26. März 2004, 20:58
Ich glaube, das wirklich Angstmachende ist die Erkenntnis, das ein wenig von diesem Sy in jedem von uns steckt. Das Gefühl, anderen Menschen nicht wirklich nahe kommen zu können, keine wirklichen Bindungen aufbauen zu können, nicht selbst geliebt zu werden. Kennen Sie nicht diesen Moment, unter ganz vielen Leuten, vielleicht auf einem rauschenden Fest, zu sein - und sich urplötzlich ganz alleine zu fühlen?

Nehmen Sie die Leute, die ihr Sozialleben in der "Lindenstraße" abhalten oder in anderen Soaps. Oder - mir kommt ein fürchterlicher Gedanke - in Weblogs!

Aber im sinnenfrohen Saarland haben Sie diese Probleme vielleicht auch gar nicht. ;-)

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lady.death1 - Samstag, 27. März 2004, 09:29
Um ehrlich zu antworten,
ich ersticke in Menschenmassen. Ich bekomme Platzangst.
Ich mag nicht inmitten von fremden hastenden Menschen stehen.
Ich liebe aber den Umgang mit Menschen.
Das ist auch das was ich am meisten vermisse seid ich meine Arbeit aufgegeben habe.
Den netten Plausch, ein bißchen Hilfe beim aussuchen.Menschliche Wärme.

Furchbar finde ich das vereinsamen.Nun, ich schäme mich meistens das ich nicht über Lindenstrasse&Co mitreden kann, aber so was hab und werde ich mir wohl nie anschauen.
In Blogs.. hm, ein Gedanke.
Ich habe das Bloggen damals aus Wut angefangen.
Ich hatte niemanden dem ich was erzählen konnte .
Im Blog hören dir Menschen zu, nehmen Anteil. Das tut gut, verdammt gut.
Wie wars bei Dir? Wie bist Du darauf gekommen?

Jaja.. das Saarland ..gäbs da nicht die Zugezogenen, wäre es ein nettes Plätzchen..
:O(

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yvonnesonne - Samstag, 27. März 2004, 12:31
mich mal dazwischendrängel..
...ich hab mit dem blog angefangen, weil ich so paranoia vor dem internet hatte (krankheitsbedingt) und ziemlich sehr einsam gewesen bin. und die gespräche hier haben mir geholfen, im realen leben wieder mutiger zu sein. durch den mut bin ich wieder auf alte und neue freunde zugegangen, die mich anscheinend immer gemocht hatten, nur mein mistrauen nicht verstehen konnten. ich bin mir sicherer geworden, irgendwo.

wieso schreit alle welt - dass das internet die menschen vereinsamt? ich glaube das überhaupt nicht. ich denke, eher im gegenteil, es ist ein ort zum üben. und zum kennenlernen, ich kann ja auch menschen sehr mögen, von denen ich nur das getippte wort kenne. wenn ich mich erkannt fühle und ernst genommen macht mich das gleich weniger einsam. wenn ich weiss, da draußen ist wer, dem geht es ähnlich wie mir. es ist wie mit einem guten buch. oder einem lied. wo man weiss - der mensch dahinter lebt und denkt und hat ein herz und würde man ihn/sie treffen, hätte man sich was zu sagen. sich gegenseitig eine schöne zeit machen. für einander da sein. auch wenns mal regnet. so seh ich das halt.

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traeumer - Montag, 29. März 2004, 13:30
Alles ist da möglich ...
in den Leben der Menschen, und so ist das halt auch im Netz. Mit der Netzkultur hat sich der Faktor erhöht, mit dem man das eigene Leben multiplizieren kann. Das Phänomen des Medialen - Mittel und ver-mittel-nd zwischen Menschen und bisweilen heilend für sie wirkend. Es gab ja die Angst (der Männer "in den Positionen"), dass besonders Frauen sich beim Lesen in Büchern verlieren könnten - eine Angst natürlich auch besonders vor den Geistesfähigkeiten der Menschen.

Man kann sich vielleicht fragen, wieviel Medien gut für den Menschen ist, angesichts des medialen Stroms, vor dem bald kein Entrinnen ist. Solange man aufrecht und selbstbestimmt dem entgegengeht, sehe ich kein Problem. Nur wird die Gefahr, da mitgerissen zu werden wohl leider immer größer, weil der Strom dauern anschwillt. Und letztendlich werden wir eine neue oder eben wieder die gute alte Aufklärung brauchen.

Und letztendlich also uns selbst (wobei die doppelte Deutung hier durchaus beabsichtigt ist).

(Das ist nur so hingeworfen, ich wollte keinen nerven damit).

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