Sonntag, 27. August 2017


Träume träumen, Träume leben



Dieser Briefumschlag hat tatsächlich noch eingravierte Träume. Aber warum nicht. Als ich ihn auf seine lange Reise schickte, fiel mir ein, Mensch, Herr Kid, Sie hatten doch auch mal Träume! Das ist aber lange her. Nun ist dieses Jahr eins der denkwürdigen Begebenheiten, und so kann man ja auch mal einen Koffer packen. Die Pferde satteln, wie es im Reitermund heißt, sich freundlich in die Sonne stellen, den großen Zeh ins Wasser halten und den Seeraubvögeln die Zunge raustrecken. Andere Leute machen das ja auf ihre sonderliche Weise ganz unbefangen auch.

Und wer nun zu Hause beiben muß? Der geht in Berlin schauen, wenn die wunderbare Frau Gaga vom 1. bis 3. September im ehemaligen Frauengefängnis ihr sentimentales Archiv öffnet. Das geht über drei Tage, Ausreden zählen also überhaupt nicht.

Meine Güte, ein Leben fast wie früher. Anschließend Getränk und Blogger-Party. Gelacht wird wohl auch.


 


Dienstag, 27. Juni 2017


Mal ganz unbefangen tun



Wenn man schon mal Kometenbahnen zieht, kann man auch in größere Radialsysteme eintauchen und der großen Nachbarstadt einen Blitzbesuch abstatten. So blitzig war es allerdings zunächst nicht, der Abendzug blieb erstmal über eine Stunde in Hamburg stehen, nicht aus Widerwillen, sondern weil tatsächlich ein Lokführer fehlte. Solche Geschichten gibt es also auch. Fachkräftemangel im laufenden Betrieb. Leider wurde unter den Fahrgästen nicht weiter nachgefragt, ich hätte vielleicht gesagt, komm, was soll's, mach ich. Ich immerhin wollte ja schließlich nach Berlin.

Letzte Gottesbeweise waren zu leisten. Und ich knicke hiermit nach Jahren des aus hinter die Fichte geführt seins trotzig genährten Leugnens ein und sage, ja, ist ja schon gut, Berlin hat tatsächlich ein Nachtleben. Meine Güte. Jetzt chillt mal, ihr Opfer. Ich habe es auch sozusagen fast alleine gefunden ("Da mußte da durch den dunklen Weg, an dem Haus vorbei die Treppen runter und dann unter dem S-Bahn-Bogen", so die auf der Straße aus jungen Leuten herausgequetschte Auskunft.). Drinnen Lärm, Trunk und nette Leute, einen Teil kannte ich schon, den anderen lernte ich dann kennen. Geht doch, Berlin, warum nicht gleich so.



Die Luft war ins Klatschnasse getränkt, aber wer gemeinsam schwitzt, kann auch gemeinsam Musik machen. Die vorhergehende Band war allerdings ein bißchen eng hintenrum mit ihren Instrumenten. Nachdem die Gitarre schon betrunken unbefangen gekapert war, war ich nämlich drauf und dran ebenfalls auf die Bühne zu steigen und das Drumkit zu entern, aber so sehr Berlin ist Berlin dann eben doch nicht. Oder andersherum, bleiben wir ehrlich, ich zudem weder als Lokführer denn als Little Drummerboy ausreichend in Form. Ihr wärt sonst bei einer Weltpremiere dabeigewesen. Also quasi. Pläne verschoben sind nicht aufgehoben.

Dann irgendwo was essen, irgendwo was frühstücken, irgendwo durchschauen, Galerienschlendern, dann Maladien auskurieren, so ganz beisammen bin ich dann doch nicht, insgesamt aber wieder über mich selbst erstaunt. Vielleicht lerne ich bald mit kleinen blauen Weltkugeln jonglieren. Ich habe eine lange Aufgabenliste bekommen.

Hat ja keiner mitbekommen, als ich zu Neujahr Warpaints New Song verlinkte. Man muß aufpassen, welches Motto man wählt. Es könnte wahr werden. Essen soll ich.


 


Freitag, 2. Juni 2017


Signalverstärker



Ich war nie auf dem Teufelsberg bei Berlin, dort, wo die Abhörstationen standen, die nach links lauschten und nach rechts sendeten. Soll interessant dort sein oder endgültig runtergekommen, je nach Perspektive. David Lynch war mal da, aber nicht wohlgelitten. Nun lungern dort Filmteams und Sprayer und Esoteriker herum. Ferne Signale aber sucht man dort vergebens. Da kann man auch gleich in sich selbst reinhören.

Nun kam es so: Letztes Jahr wohnte ich in Wien neben einem Hochzeitsorganisationsgeschäft und dachte, ach, das trifft sich ja zufällig gut, vielleicht bewirkt das was. Einfach mal im Leben etwas Neues ausprobieren! Ich lungerte also dort meine freie Zeit herum, steckte mir wohl auch ein rotes, aus einer Blumenbindefachzeitschrift geschnittenes, rotes Herz ans Revers, aber unter den jungen heiratsfähigen Wienerinnen wollte sich seriöserweise nichts ergeben.

Über eine ganze Stunde stand ich dort, wie ein Tor oder ein Schauspieler aus dem Volkstheater, der ein burleskes Stück aufführt. Na, schönen Dank und Servus. Nun aber erinnerte ich mich an die Horchstation, die in Wien mitten in einem sogenannten Vergnügungspark liegt. Unter einer verkleideten Halbkugel steht dort - nur wenige wissen darum - allerlei technisches Kontaktgerät herum, ein Sendemast daneben, um über den Äther Signale auszusenden.

Ich bin nämlich geprägt. Zwar erklärte mir mal jemand mit sehr gutem Abitur, daß es nicht möglich sei, als Kind von Erlebnissen oder Beziehungsmustern geprägt zu werden - aber ich als jemand mit bloß Na-ja-Abitur erlebe das anders.

Mir schenkte nämlich einst mein Lieblingsonkel in jungen Tick-Trick-und-Track-Jahren eine seiner alten Singles, von denen er sich damals trennen wollte und die er unter seinen Neffen und Nichten verteilte. Mein derart vorgezogenes Erbteil war eine Hitscheibe von den Travellers. Das war eine Combo dreier jazzvergnügter Herren, die unter anderem für Radio Berlin arbeiteten und mit harmlosen Stimmungsschlagern ein paar zweiMarkfuffzich verdienten in den Wirtschaftswunderzeiten. Warum die nun an mich ging, weiß nur Fox Mulder, auf der Single aber war ein fantastisches Lied, das mich durch meine Kindertage begleitete.

Die Braut vom Mars wurde gleich eines meiner Lieblingslieder, legte mich aber auch früh auf ein schicksalhaftes Fernbeziehungsmuster fest. Grüne Haut! Blaues Haar! Gekleidet in Marsarbeit! Wer hätte dieser Verheißung, die in späteren New-Wave-Tagen tatsächlich sogar nah schien, so nah!, widerstehen können? Aber ach, den im Lied geschilderten Haken an der Geschichte konnte ich als Kind natürlich nicht verstehen. So erlebte ich denn bei den ein oder zwei Marsfrauen, die mir im Leben begegneten, naturgemäß ein melancholisches Ende. So manch einer Rakete winkte ich nach, wenn sie für ihre millionenkilometerlangen Reise hinter den Wolken verschwand.

Wenn andere sagen, sie wünschen mich "auf den Mond", lache ich nur still. Wenn es nur dahin ginge, murmele ich dann. In dramatischer Wahrheit ist es doch alles viel, viel weiter. Im romantisch besoffenen Wien aber, da in dem Vergnügungspark, kann man über den Sendeturm Signale senden weit ins All. Zum fernen Mars. Da di da.

>>> Geräusch des Tages: Die Travellers, "Die Braut vom Mars"


 


Samstag, 27. Mai 2017


Traumterrarien



In meinem Roman Eine sofortige Fahndung blieb ohne Erfolg geht es ja um einen durch Schicksal und Nachdenken früh ergrauten, im Grunde aber fast kindlich jungen Mann, der durch große Städte wandert, Straße rauf, Straße runter, auf der Suche nach Melodie, Zuspruch und Augenfälligkeiten. Manchmal denkt er darüber nach, sich einen Studenten zu kaufen mieten. Neun Euro kostet das in der schönen Stadt, so viel wie ein Pensionist. Er könnte den Studenten erstmal zum Rasieren schicken, denn oft haben die heutzutage so Fusselbärte. Das ist nicht schön und kostet fünf Euro, also das Rasieren. Umgekehrt könnte der unseren Helden zu einer Moderasur für sieben Euro überreden, er könnte eine "37" auf der Kopfseite tragen, so wie ein Fußballspieler, für die es hier aber keine weiteren Sonderrabatte gibt. Vielleicht ginge jemand mit für fünf Euro gezupften Augenbrauen auf die Flucht. Eine sofortige Fahndung aber bliebe ohne Erfolg.

Agent Dale Cooper derweil trägt geichzeitig zwei Frisuren, weil er einen Doppelgänger hat. Ich habe jetzt die ersten beiden Folgen der neuen Staffel Twin Peaks gesehen und weiß zwar nicht, was ich da gesehen habe, aber es hat mir gefallen. Nachts träume ich jetzt von einer Glasbox, die in meinem Zimmer stehen könnte, während ich auf dem Sofa sitze, von links und von rechts durch Lampen beleuchtet. Ich würde dann in diesen Trichter in der Glasbox starren und darauf warten, daß meine Träume sich von dort herausschälen, in diese Glasbox fallen, in dieses Traumterrarium. Und dann wäre was los, und ich stünde nur noch im Hemd da.

Ich bin mir noch nicht sicher, wie man 18 Folgen damit füllen kann, über das Wachstum eines Arms zu meditieren. Aber darum geht es wohl, wenn ich die Ansage im roten Zimmer richtig verstanden habe. Man sagt ja manchmal, da seien einem lange Zähne gewachsen, weil man Hunger, Jieper und Begehren nach etwas Bestimmten hatte. Oder da sind mir graue Haare gewachsen. Oder Schwimmhäute zwischen den Zehen, wenn es sehr lange und dann noch eine Weile geregnet hat. Über Arme habe ich in der klaren Hinsicht noch nie nachgedacht, so wie es dieser Lampenbaum tat. Es gibt einen Kurzfilm von David Lynch, in dem er auf seiner Terrasse aus einem Besenstil und Gipsbinden eine Lampe baut. Die sieht ein wenig aus wie dieses sprechende Totbaum-Gebilde in Twin Peaks. Wir werden noch viel davon hören.

Fast kommt Dale Cooper aus diesem roten Raum und diesem Traum nicht raus. So wie ich aus Wien. Der Eingang zu meinem Stiegenhaus führte durch ein Tor, das mit einem Eisengitter verperrt war. Man brauchte einen Schlüssel, um es zu öffnen. Auf dem Weg zum Flughafen aber hatte ich den, wie besprochen, auf den Küchentisch gelegt, die Tür zugezogen und stand nun vor dem verschlossenen Tor. Das war auf einmal ein schlimmer Traum, ich mußte wie in Zeitlupe zurück in das erste Stiegenhaus, und weil die Klingeln alle außen auf der Straße waren, mußte ich Klopfen. Wie der Sänger in Mendocino klopfte ich an jede Tür, arbeitete mich die Stockwerke hoch, aber niemand öffnete. So mußte ich über den Hof ins zweite Stiegenhaus, denn einen Studenten für neun Euro hatte ich mir nicht gemietet. Auch im zweiten Stiegenhaus klopfte ich mich von Tür zu Tür, die Etagen nach oben. Niemand öffnete. Es war zehn, und alle Wiener waren ausgeflogen, am Naschmarkt, am Spielplatz, auf der Donauinsel. So mußte ich über den Hof ins dritte Stiegenhaus. Erneut klopfte ich mich von Tür zu Tür die Etagen nach oben, bis ich weiter unten das traumsymbolklirrende Geräusch eines Schlüssels hörte. Ich eilte nach unten, eine verschlafene junge Frau stand in ihrer Tür und sah mich an als sei sie geradewegs aus ihrem Bett durch einen metallenen Trichter in eine gläserne Box gefallen. Mit rückwärts aufgenommenen, aber vorwärts abgespielten Sätzen erklärte ich ihr meine mißliche Lage. Wie Lucy am Tresen des Sheriffbüros brauchte sie zwei Minuten, ehe sie alles zusammenaddiert und begriffen hatte, bot dann aber an, sich anzuziehen und mir auf die Straße zu helfen. Ich ging mit erleichtertem Herzen, vom Klopfen aber wehen Armen und Händen voraus zum Tor, einem gebeutelten Pensionisten auf der Flucht gleich. Und merkwürdig, wie in einem Traum von David Lynch: Das Tor war offen.


 


Montag, 22. Mai 2017


Do the Bambi



Ein berühmter Philosoph hat gesagt: "Wenn du nur lange genug in das Maul eines Krokodil starrst, starrst du irgendwann aus ihm zurück." So halte ich mich dann lieber an kleine Kitze, die ich gerne und herzlich betrachte. Kein Wunder also, daß ich nach geraumer Zeit des Rehleinstarrens selbst wie ein verlorenes Bambi durch Wien stolpere. Zum Glück erweist sich der gemeine Wiener als überaus freundlich und geduldig, auch Esther, die wiederum ja eine beträchtliche Zeit damit verbringt, auf Wölfe zu starren, jetzt aber friedlich einen Kaffee mit mir trinkt.

Überhaupt lungere ich nur viel gemütlich rum. Ich sitze auf einer Bank, von denen Wien beachtlich viele hat, so viele, daß man ein paar mitnehmen möchte in das in dieser Hinsicht höchst ungastliche Hamburg. Hier aber kann man sitzen, den anderen verirrten Rehen beim Flanieren zuschauen, den Hirschen natürlich auch, das Auf und Ab gekleideter Menschen. Auch das nämlich fällt auf. Säße man in Hamburg unter lauter Wolfshaut in Einheitsfunktionsgraubraun, tragen die Menschen hier Mäntel aus richtigen Stoffen in richtigen Farben und mit so etwas wie einem Schnitt. Die Männer gerne anmediterranisiert, "Junge Römer" allesamt, so mit Haar und offenem Hemd. Ich dann als bleiche Krake graues Bambi dazwischengestellt, eine grimmig blickende Ermahnung an die Zeiger der Uhr.

Mit einer berühmten Twitterin esse im Steman, damit ich auch mal eine Tischdecke kennenlerne. Achtsam versuche ich, Messer und Gabel richtig zu halten. Beim Vietnamesen bei mir um die Ecke hingegen Stäbchen. Hier sitzt, mittlerweile bin ich sicher, eines abends ein berühmter Autor, auch so ein Wolf, der aber versunken ist in seine Lektüre und mich Bambi nicht erkennt. Leutselig hätte ich sagen können, "Mensch, Wolf, Sie auch hier", da kenne ich nichts. Ich habe gehört, nach dem Essen können die ganz gesellig sein.

Wien ist hochkulturell, an jeder Ecke eine Komödie um Hausverstand und Klimpergeld, auch mich lacht man manchmal aus mit meiner komplizierten Art. Aber freundlich dabei. Ganz charmant.


 


Mittwoch, 17. Mai 2017


Prost Maizeit



Wenn man so ein bißchen verpeilt verträumt ist wie ich, sind gewisse Strukturen hilfreich. Auf diese Weise kann ich mir gut merken, welche Dinge im Mai zu leisten sind. Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, beginne ich traditionell wie die meisten Menschen mit der Steuererklärung. Und im selben Monat schon steuere ich nach Wien. Zum Ausgleich. Die Stadt bleibt mir ein entspannender und faszinierender Ort, wie ich gleich in meiner Wohnung im hinteren Stiegenhaus merke. Auch wenn die Zeit, wie mein Reisefoto beweist, dort in manchen Dingen stehengeblieben zu sein scheint, ist Wien zugleich unglaublich modern. Die Kabelbox in meiner Wohnung dort hat nämlich über 200 Fernsehprogramme, so daß ich eigentlich gar nicht nach draußen müßte, um etwas über die Stadt zu erfahren. Im Lokalsender sehe ich Dokumentationen über die umfangreichen, labyrinthischen Keller, die sich quer durch die gesamte Stadt ziehen, einige davon reichen bis zu vier Etagen hinab. Es waren Schutzräume und Lagerräume, Vieh wurde darin gehalten und Belagerungen mit ihrer Hilfe standgehalten. Von einem Nonnenkloster führten Gänge zur Burschenschaft der Universität. Das Kloster wurde vom empörten Bischof aufgelassen und die Nonnen schwer ins Gebet genommen.

Man ahnt, woher die innige Beziehung der Wiener zu den vielfältigen Verschachtelungen des Unterbewußten stammt. Oder besser: worin sie auch Ausdruck finden. Nunmehr wissend zwinkere ich den Wienern, nachdem ich doch einmal die Wohnung verlassen habe, leutselig zu. Sie halten mich für freundlich, nicken artig, sagen "sehr wohl" oder plaudern mit mir an der Supermarktkassa. Wollten sie mich doch in den Narrenturm sperren, so lassen sie sich nur wenig anmerken. Vielleicht, weil sie wissen, daß ich ja doch wieder heimfahren werde.

Ich mag das Konzept "Ferienwohnung". Nach zwei, drei Tagen habe ich meist wirklich den Eindruck, am anderen Ort nicht nur Tourist, sondern tatsächlich ein Einwohner zu sein. Ich grüße im Hausflur die anderen Mieter nachsichtig, weil ich weiß, welche Fernsehprogramme sie abends schauen, schaue nach der Post, trage wie andere Menschen selbstverständlich den Müll herunter, füttere die fette Katze der Concierge und schnappe mir schließlich den Straßenbesen, fege pfeifend wie ein lässiger Viertelbewohner den Gehsteig und scheuche fluchend und schimpfend Unbefugte und Rabauken fort.

Kurz bevor ich anfange, ein Nachbarschaftsfest zu organisieren, muß ich meist schon wieder heimfahren, aber bis dahin war ich ein vorbildlicher Bürger der Stadt. Gerne biete ich auch ganz Österreich, in der letzten Zeit in politische und organisatorische Turbulenzen geraten, unverbindlich meinen Rat an.


 


Sonntag, 2. April 2017


Anradeln



Es ist ja nicht gut für den Teint, soll aber ansonsten "ganz gut tun", wie man allerseiten hört. Schon April nämlich, also höchste Eisenbahn, einen vorsichtigen Blick in den Radkeller zu werfen. Sieh da, alles noch da, bis auf den Luftdruck, der ist entwichen. Es heißt also Pumpen wie bei so einem Fitneßmenschen, mal mit dem feuchten Lappen überall den Staub weggewischen, alles kurz mal durchgeschütteln und die beweglichen Teile bewegen.

So eine kurze Inspektionstour für Mensch, Gerät und Landschaft ist dann auch mal Ablenkung vom in sich gekehrten Herumlungern in der Ein-Mann-Debattierstube daheim. Das Rad schnurrt erstaunlich ruhig, die Landschaft ist dieses Jahr ganz schön abgeholzt. Tarkowski-Gedächtnisfelder, brackige Schuttzonen, untem am Hochwasserbecken wurden die Schuppen und Lager plattgemacht, einzig der blaue Kran steht noch am Mini-UrbEx-Gelände. Die lecken hier noch die finsterteste Achselhöhle aus, diese Hamburger. Nichts kann mal in Ruhe vor sich Hinvergammeln.

An den Deichtorhallen steht eine Radermahnung gleich neben meinem und erinnert mich daran, vielleicht endlich mal weiße Reifen aufziehen zu lassen. Sähe doch gleich viel besser aus. Neulich hatte ich ein, zwei Tage frei, habe aber nicht die Hälfte von dem geschafft, was auf dem Zettel stand. Darunter ein Besuch beim Fahrradschrauber, alles mal abklopfen und schön machen lassen. Am Kurbelbefestigungsgewinde entdecke ich ein wenig Rost, weil da die kleine Abdeckplatte verloren gegangen ist. Nachher heißt es wieder, "hätten Sie mal rechtzeitig!" wie sonst nur beim Arzt, beim Standesamt, bei der Kinderkrippe.

Leider sind wieder Menschen unterwegs, das kriegt man denen auch nicht abgewöhnt. Aufpassen, lenken, bremsen. Zeitgleich mit dem bimmelnden Eismann kurve ich ins Kleingartengelände und schaffe es noch vor einer Bande heranstürmender Fünfjähriger ans erste Eis des Jahres.


 


Sonntag, 21. August 2016


Dem Zug der Vögel... na ja, erstmal Planen



Das Ende des Sommers liegt unverkennbar in der Luft. Zeit also für die letzten Landpartien. Wie heißt es so berührend im Landwirtschaftsgedicht: "Die Äpfel hängen schwer am Baum/Ein Traum." Der Auftakt ist hakelig. Erste trockene Blätter, Kram von den Linden, haben sich unters Schutzblech verhakt, das Sischsischsisch während der Fahrt macht mich schnell irre. Gleich einem bockigen Pferd gilt es Zeug aus den Hufen Reifen, Speichen und Ritzen zu zippeln. Bei einem verbauten Hollandrad keine ganz einfach Aufgabe. Ich halte mehrfach an, bis ich kurzen Prozeß mache, das Rad kopfüber drehe und den letzten zischelnden Widerständler mit spitzen Fingern herauszupfe. Zehn Meter weiter wartet der nächste Blätterhaufen auf mich, ich gebe mich geschlagen.

Am Rand der Hafencity hat sich ein Zieselpark im Baugrund eingegraben. Sportlich finde ich die Preise, sonst könnte man das ja mal machen, so alle Mann und wie beim Autoscooter. Aber vielleicht ist man nach 15 Minuten auch froh, wenn es vorbei ist. So wie bei so vielen Dingen, die andere Menschen schön finden.

Ich fahr dann lieber über Land, 40 Kilometer sind es am Ende, ganz gut für einen mit Hamsterkäufen für alle Fälle vollgepackten Holländer. Ich finde das ja richtig, und bin daheim bis hin zur Alufolie für viele Katastrophenfälle gewappnet. Und das, wo ich noch nicht einmal Besuch empfange. Umgekehrt erstaunen mich immer wieder Menschen mit starker Neigung zur sozialen Nähe, deren Vorratskammern aus dem ReicheltPennyNetto nebenan bestehen.

Eine Jacke für das angekündigte Gewitter hatte ich dann aber doch nicht dabei. Doch schneller als schwarze Wolken radelte ich, husch-husch wie die dunkle Hexe im wizard of Oz, die auf ihrem Rad durch die Luft wirbelt. Bald bin ich durchnäßt, aber am Ende davongekommen. In Ochsenwerder war Schützenfest. Überall flattern betrunkene Fahnen im Wind. Im Graben romantische Hinweisschilder, man kann dort sich wohl zur Nottrauung treffen, ehe man aus einem katastrophalen Suff erwacht.

Die Gänse wittern auch schon Vorratsmangel oder andere Wetterwendungen. Am alten Holzhafen haben sie Pause eingelegt, nun schnattern immer wieder neue Geschwader dicht über meinen Kopf hinweg. Zeit auch für mich, in letzter Not einen Urlaub zu planen. Meine Erholungsvorräte sind alle. Mir fallen alle Blätter ab. Vielleicht als Kid Holgersson einfach hinterher.


 


Sonntag, 14. August 2016


Super Meta Maxi



Was ist das für 1 Leben? Da stehe ich zweimal kurz vor der Besichtigung der Tinguely-Ausstellung, und "ich, ich komme nicht rein", wie mal eine Düsseldorfer Punkband in einem ihrer frühen Hits skandierte. In meinem Fall waren es nicht die Türsteher Jürgen Englers, die mich hinderten. Es sind andere Grenzen, die mir aufgezeigt wurden. Einmal mußte ich kurz vor kurz die Fahrt absagen, beim zweiten Mal, dem letzten Tag der Ausstellung, war ich immerhin schon auf 400 Meter herangekommen. Man konnte quasi schon das Tingeling der Maschinen im Ehrenhof hören, überlagert aber von der Lautstärke anderer Störfrequenzen. Es ist also vieles möglich, aber wie bei einem Sturz kurz vor dem Zieleinlauf schaffte ich es nicht über die Linie. Medaillen wurden nicht verteilt. Alles für die Tonne.

Auch das ein weiterer Lernprozeß. Und natürlich muß ich sagen, daß schon die Strecke bis auf 400 Meter zum Ziel eine beachtliche Leistung ist. Was aber keiner versteht, denn meine, übrigens professionell vom Schuster frisch polierten Schuhe passen ja nur mir.

Es ist die Zeit der Teilerfolge. So wie bei meinem zurückgelassenen, buntgemischten Blumenstrauß, der mich bei meiner Rückkehr in meinen Schutz- und Trutzturm teils mit hängenden Köpfen, teils aber erstaunlich aufrecht empfing. Comme ci, comme ça also, mal so, mal so oder wie eine Hamburger Band zur selben Zeit dichtete "Ahoi, Ahoi, nicht traurig sein."

Auf der Hinfahrt mit der Deutschen Bummelbahn erstmals eine beständige Internetverbindung nebst Zugangsgerät vermißt. Man hätte lustige Beobachtungen twittern können, über die fidele Schülergruppe zum Beispiel, bei der Geschrei ausbrach, als die Lehrerin die einzige freie Steckdose belegte. Mit einem kleinen, weißen Ladekabel.

Ich sagte es doch bereits. Diese Dose definiert schon längst den gesellschaftlichen Raum, in dem wir uns bewegen.


 


Dienstag, 21. Juni 2016


Brutstätten der Maschinenwesen



Obwohl eine Märchenkaiserin darin wohnte, sieht Schloß Schönbrunn ja vergleichsweise fast bürgerlich frisiert aus. Die Größe der Anlage, der Park und die Brunnen, der Ausblick von der Gloriette auf die Stadt machen da viel wett. Aber ein Neuschwanstein ist es nicht. Wer auf Türme und Schnörkel steht, muß trotzdem nicht darben: Zwischen Schwechat und Wien liegt die große Kathedrale, eine Sagrada Família für Freunde imposanter Industriearchitektur. Rohre und Schornsteine, ewig brennende Fackeln machen die Raffinerie zum einem weithin sichtbaren Wahrzeichen der Stadt. Nachts eingetunkt in ein Lichtermeer, verzückt die Anlage wie eine Kultstätte die ankommenden Besucher oder erfüllt die Abreisenden mit Wehmut. "Die Raffinerie in Schwechat bei Wien zählt zu den größten und komplexesten Binnenraffinerien Europas", sagt die Webseite der Betreiberfirma. Sie hat, umgerechnet in aktuelle EM-Zahlen, eine Größe von 200 Fußballfeldern, das ist sehr groß.

Solche Sakralbauten sind denn auch zum Staunen gedacht. In meiner Heimatstadt irgendwo im Bergischen kann man mit der Schwebebahn durch eine der Betriebsstätten eines bekannten Chemie- und Pharmakonzerns fahren, über dampfende Ventile und glänzende Rohre hinweg, Betriebsfahrradwege und farbig lackierte Steigleitungen. Man kann das Ding riechen, den Geschmack von den Zähnen puhlen und sich überlegen wie es wäre, dort nachts von einem Alien gejagt zu werden. Einem dampfenden Maschinenwesen. Das ist die Ehrfurcht, das beklemmende Gefühl, hier nicht nur Idylle zu sehen, sondern Architektur, vor der man sehr, sehr klein wird.

Wenn also derzeit in Frankreich Sportler beim Ballspiel etwas verzagt wirken, sollten sie sich fragen, wie sie fühlten, wäre ihr Spielplatz 200 Fußballfelder groß. Ein Monster in meinem Wandschrank.