Sonntag, 21. August 2016


Dem Zug der Vögel... na ja, erstmal Planen



Das Ende des Sommers liegt unverkennbar in der Luft. Zeit also für die letzten Landpartien. Wie heißt es so berührend im Landwirtschaftsgedicht: "Die Äpfel hängen schwer am Baum/Ein Traum." Der Auftakt ist hakelig. Erste trockene Blätter, Kram von den Linden, haben sich unters Schutzblech verhakt, das Sischsischsisch während der Fahrt macht mich schnell irre. Gleich einem bockigen Pferd gilt es Zeug aus den Hufen Reifen, Speichen und Ritzen zu zippeln. Bei einem verbauten Hollandrad keine ganz einfach Aufgabe. Ich halte mehrfach an, bis ich kurzen Prozeß mache, das Rad kopfüber drehe und den letzten zischelnden Widerständler mit spitzen Fingern herauszupfe. Zehn Meter weiter wartet der nächste Blätterhaufen auf mich, ich gebe mich geschlagen.

Am Rand der Hafencity hat sich ein Zieselpark im Baugrund eingegraben. Sportlich finde ich die Preise, sonst könnte man das ja mal machen, so alle Mann und wie beim Autoscooter. Aber vielleicht ist man nach 15 Minuten auch froh, wenn es vorbei ist. So wie bei so vielen Dingen, die andere Menschen schön finden.

Ich fahr dann lieber über Land, 40 Kilometer sind es am Ende, ganz gut für einen mit Hamsterkäufen für alle Fälle vollgepackten Holländer. Ich finde das ja richtig, und bin daheim bis hin zur Alufolie für viele Katastrophenfälle gewappnet. Und das, wo ich noch nicht einmal Besuch empfange. Umgekehrt erstaunen mich immer wieder Menschen mit starker Neigung zur sozialen Nähe, deren Vorratskammern aus dem ReicheltPennyNetto nebenan bestehen.

Eine Jacke für das angekündigte Gewitter hatte ich dann aber doch nicht dabei. Doch schneller als schwarze Wolken radelte ich, husch-husch wie die dunkle Hexe im wizard of Oz, die auf ihrem Rad durch die Luft wirbelt. Bald bin ich durchnäßt, aber am Ende davongekommen. In Ochsenwerder war Schützenfest. Überall flattern betrunkene Fahnen im Wind. Im Graben romantische Hinweisschilder, man kann dort sich wohl zur Nottrauung treffen, ehe man aus einem katastrophalen Suff erwacht.

Die Gänse wittern auch schon Vorratsmangel oder andere Wetterwendungen. Am alten Holzhafen haben sie Pause eingelegt, nun schnattern immer wieder neue Geschwader dicht über meinen Kopf hinweg. Zeit auch für mich, in letzter Not einen Urlaub zu planen. Meine Erholungsvorräte sind alle. Mir fallen alle Blätter ab. Vielleicht als Kid Holgersson einfach hinterher.


 


Sonntag, 14. August 2016


Super Meta Maxi



Was ist das für 1 Leben? Da stehe ich zweimal kurz vor der Besichtigung der Tinguely-Ausstellung, und "ich, ich komme nicht rein", wie mal eine Düsseldorfer Punkband in einem ihrer frühen Hits skandierte. In meinem Fall waren es nicht die Türsteher Jürgen Englers, die mich hinderten. Es sind andere Grenzen, die mir aufgezeigt wurden. Einmal mußte ich kurz vor kurz die Fahrt absagen, beim zweiten Mal, dem letzten Tag der Ausstellung, war ich immerhin schon auf 400 Meter herangekommen. Man konnte quasi schon das Tingeling der Maschinen im Ehrenhof hören, überlagert aber von der Lautstärke anderer Störfrequenzen. Es ist also vieles möglich, aber wie bei einem Sturz kurz vor dem Zieleinlauf schaffte ich es nicht über die Linie. Medaillen wurden nicht verteilt. Alles für die Tonne.

Auch das ein weiterer Lernprozeß. Und natürlich muß ich sagen, daß schon die Strecke bis auf 400 Meter zum Ziel eine beachtliche Leistung ist. Was aber keiner versteht, denn meine, übrigens professionell vom Schuster frisch polierten Schuhe passen ja nur mir.

Es ist die Zeit der Teilerfolge. So wie bei meinem zurückgelassenen, buntgemischten Blumenstrauß, der mich bei meiner Rückkehr in meinen Schutz- und Trutzturm teils mit hängenden Köpfen, teils aber erstaunlich aufrecht empfing. Comme ci, comme ça also, mal so, mal so oder wie eine Hamburger Band zur selben Zeit dichtete "Ahoi, Ahoi, nicht traurig sein."

Auf der Hinfahrt mit der Deutschen Bummelbahn erstmals eine beständige Internetverbindung nebst Zugangsgerät vermißt. Man hätte lustige Beobachtungen twittern können, über die fidele Schülergruppe zum Beispiel, bei der Geschrei ausbrach, als die Lehrerin die einzige freie Steckdose belegte. Mit einem kleinen, weißen Ladekabel.

Ich sagte es doch bereits. Diese Dose definiert schon längst den gesellschaftlichen Raum, in dem wir uns bewegen.


 


Dienstag, 21. Juni 2016


Brutstätten der Maschinenwesen



Obwohl eine Märchenkaiserin darin wohnte, sieht Schloß Schönbrunn ja vergleichsweise fast bürgerlich frisiert aus. Die Größe der Anlage, der Park und die Brunnen, der Ausblick von der Gloriette auf die Stadt machen da viel wett. Aber ein Neuschwanstein ist es nicht. Wer auf Türme und Schnörkel steht, muß trotzdem nicht darben: Zwischen Schwechat und Wien liegt die große Kathedrale, eine Sagrada Família für Freunde imposanter Industriearchitektur. Rohre und Schornsteine, ewig brennende Fackeln machen die Raffinerie zum einem weithin sichtbaren Wahrzeichen der Stadt. Nachts eingetunkt in ein Lichtermeer, verzückt die Anlage wie eine Kultstätte die ankommenden Besucher oder erfüllt die Abreisenden mit Wehmut. "Die Raffinerie in Schwechat bei Wien zählt zu den größten und komplexesten Binnenraffinerien Europas", sagt die Webseite der Betreiberfirma. Sie hat, umgerechnet in aktuelle EM-Zahlen, eine Größe von 200 Fußballfeldern, das ist sehr groß.

Solche Sakralbauten sind denn auch zum Staunen gedacht. In meiner Heimatstadt irgendwo im Bergischen kann man mit der Schwebebahn durch eine der Betriebsstätten eines bekannten Chemie- und Pharmakonzerns fahren, über dampfende Ventile und glänzende Rohre hinweg, Betriebsfahrradwege und farbig lackierte Steigleitungen. Man kann das Ding riechen, den Geschmack von den Zähnen puhlen und sich überlegen wie es wäre, dort nachts von einem Alien gejagt zu werden. Einem dampfenden Maschinenwesen. Das ist die Ehrfurcht, das beklemmende Gefühl, hier nicht nur Idylle zu sehen, sondern Architektur, vor der man sehr, sehr klein wird.

Wenn also derzeit in Frankreich Sportler beim Ballspiel etwas verzagt wirken, sollten sie sich fragen, wie sie fühlten, wäre ihr Spielplatz 200 Fußballfelder groß. Ein Monster in meinem Wandschrank.


 


Samstag, 4. Juni 2016


Bist du Mann oder bist du Molluske?




Kein Wienbesuch ist komplett, ohne einen Spaziergang durch mein Lieblingsmuseum dort. Man sollte es aber nachts machen, wenn nicht Schulkklassen dort herumtollen, natürlich achtlos an der Venus vorbei, aber mit großen Aah! und Ooh! vor Mammuts und Dinosauriern Faxen machend. Das Gebäude selbst ist eine Pracht, die Schätze dort noch mehr. Wer will, trinkt eben einfach einen Kaffee dort.





Lauter tote Tiere, das Bambi aus den österreichischen Wäldern findet man hier, Fische und exotische Säuger, sogar echte Krokodile - wohl dem, der seinen Platz im Tierkreis schon gefunden hat. Irgendwo darunter auch mein Wappentier: der sympathische Dodo.





Rustikale Taxidermie und Rekonstruktionen, empfindliche Nasspräparate und buntschillernde Insekten, ein kontemplativer Ort, an die Häupter seiner Liebsten, die Verflossennen und wie in verwaschenen Fotos noch Bewahrten zu denken. Unruhig wipfelnder Vogel - einst ruhest auch du! Als noch unverstandener, aber insgeheim begnadeter Tierporträtmaler halte ich alles in einem kleinen Skizzenbuch fest.





Wer schon öfter dort war, fndet auch einen Blick für Details abseits der holzgefaßten Schaukästen. Einfach mal hinsetzen, ein bißchen ausruhen. Auch die Bänke und Sitze und Hocker sind hier eine dekorative Wucht.




(Dienstags geschlossen - wo gibt es denn sowas?)


 


Sonntag, 29. Mai 2016


Tage der Entbehrung

Natürlich muß man, will man nicht als Geschichtenerfinder und Rosarotmaler dastehen, auch von den traurigen Seiten einer solchen Reise schreiben. Da hatte ich mich doch vorab bei der Vermieterin versichert, daß es gemeingebräuchliches, fernempfangbares Internet in der Ferienwohnung gibt. Auch hielt sie mir beim Empfang freudestrahlend einen blauleuchtenden Zauberwürfel ("Hier ist das internet drinnen") unter die Nase. Doch die Tränen in meinen Augen sah sie nicht. Die sah sie nicht.

Gleichwohl strukturiert wie immer, aber durchaus auch ein wenig spontan war ich in der Früh nämlich aufgebrochen, ohne das Tablet einzustecken, das frischgeladen auf meinem karg dekorierten Nachttisch lag. Mit leichtem Gepäck, aber schwerem Herzen landete ich also in der schönen Stadt, einem modernen Hiob gleich schweren Entsagungsprüfungen unterworfen.



Was will man da noch machen in einer solchen Stadt, abgeschnitten von fernsprachlichen Kontakten, elektronisch übermittelten Bulletins und Telegrammen? Etwa Zeitungen beim Trafikanten kaufen? Na, man könnte um das Geld vielmehr zum Friseur gehen, sich eine Donauwelle legen lassen und anschließend ins Café, wo die gedruckten Journale ausliegen. Hier ist so ein Tag mit mürrischen Kellnern und schönen Damen im Gastraum angenehm verbracht.



Man kann darüber meditieren, in welchen dieser Weltkurturcafés die Melange mit einem Häubchen Schlagobers oder eben Milchschaum gereicht wird. Wie - außen hui, innen pfui - die Toiletten und Sozialräume im Vergleich zu den plüschigen oder abgeranzten Verzehrstuben gehalten sind, Elias Canettis Die Blendung mag einem einfallen, allein des Titels wegen und weil man in solchen Schänken gleich zum Literaten wird.



Oder, die angebrachte Notiz gab darüber Auskunft, zur frischgeputzten Würstlbude gehen, etws gut Durchgegrilltes mit allerlei Senf zur Stärkung holen und dabei, in einem imitierenden Dialekt und der leichten Muse ja nicht abgeneigt über beispielsweise den großen Wiener Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer sprechen, der ja nur zu bald seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte.



Gegen Ende der Woche konnte man sogar draußen sitzen, Schuhwerk und Kostüme, erste opulent geblümte Sommerfetzn und hochgesteckte Frisuren betrachten und überlegen, wo man sich heimlich in der Dämmerung in ein Internetcafé schleichen kann. Sonst hat der Entzug aber gut geklappt.


 


Donnerstag, 26. Mai 2016


Theaterferien



Das war knapp. Nach einer Woche Theater und "No! No!"-Skandieren, kam ich am Sonntag quasi mit der letzten Maschine raus, ehe die Grenzen geschlossen wurden. Jedenfalls stand dies als Drohung im Raum, wenn man die Aussagen des potentiellen despotischen Potentaten nur eindeutig genug zwischen den Zeilen las.

Nach all diesem Geraune, den Duellen auf allen Ebenen waren die Menschen wirklich nur noch zittrige Häuflein. Im Flugzeug Schluchzen und Aufregung. Der Kapitän verkündete, das Boarding sei im Grunde complete, man warte noch auf die Startbahn, mehr aber noch auf Beendigung der Probleme um zwei Sitzplätze. Plötzlich stürmte ein asiatisches Pärchen nach vorne, die Kabinentür mußte extra wieder geöffnet werden, der Schlauch hing zum Glück noch dran, schon waren sie raus, Rollkoffer funkenstiebend hinterher. Die waren tatsächlich - Hamburg oder Mailand - Hauptsache Italien! - in der falschen Maschine. Keine Ahnung, wie das überhaupt gehen kann, aber bitte, ein bildhafteres Bild für die Lage von Nation und Europa hätte man auch nicht erfinden können. Aufgescheucht, mindestens zur Hälfte verwirrt, vielleicht wollten die beiden auch einfach nur schnell noch ins Wahllokal. Oder eben: raus, weiter, bloß weg.



Es ist sich knapp noch mal gut ausgegangen, aber bedenklich lange sah es gar nicht so aus. In Cafés aufgeregtes Zwitschern und Gewisper, begleitet vom nervösen Geklimper hektisch gerührter Kaffeelöffel. Ober malten sich probeweise Schmisse aus Schlagobers in die Gesichter, fremdländische Gäste klammerten sich verängstigt an ihre Personalausweise.



In den Nebenstraßen aber weiter alles urschön, selbst in die schiachen Ecken verlor sich zum Ende der Woche ein wenig Sonne. Zum Salat immer ein wenig Schnitzel, wegen der Gesundheit. Frisch geklopft und zurechtpaniert, man muß sich sein Leben schon selbst recht schön machen. Sonst wird das nix.


 


Dienstag, 10. Mai 2016


Spülklar




Die Menschen auf der Welt lassen sich bekanntlich in zwei Gruppen einteilen. Jene, die Weichspüler benutzen, und die, die von dieser penetrant stinkenden Pestsuppe tunlichst Finger und Wäsche lassen. Damit ich ganz schnell Ort und Stelle verlasse, reicht zuverlässig der Einsatz dieser Plörre obendrein fragwürdigen Nutzens, die unter Kriegsächtung zu stellen, der UN-Konvent bislang einfach nur vergessen hat. Dabei muß man meinetwegen gar nicht zu solch offenduftig völkerrechtswidrigen Vergräm-Mitteln greifen, wenn es doch auch einfach gut dosierte Unfreundlichkeit tut.

Sind im Soziallimbo die Schranken erst einmal nach unten durchbrochen, bleibt in aller Regel nur der unter Restwürde zu wahrende schnelle Schuh, das Putzen der Platte, das sich gnädigst kratzfüßig Empfehlen, ergebenster Diener usw., ehe man Rollen in Filmen übernehmen muß, an deren Drehbücher man nur als Stichwortgeber beteiligt war.

So geriet ich neulich etwas vor der Zeit in den Intercityzug Heile Haut, der aber überfüllt war mit Reisenden mit "Jetzt bloß raus!"-Ticket, so daß ein internetbekannter älterer Herr die Fahrt stehend bewältigen mußte. (Da könnt ihr mal 'nen Sozialplattformsturm der Empörung machen!) Organisationsmängel hasse ich ja ungefähr so sehr wie den Geruch und den flutschigen Griff von Weichspüler, nun aber fuhr mein selbstverständlich vorabreservierter Sitz auf einem anderen Zug, und mir blieb der letzte verbliebene Stehplatz direkt an der Türe zur Bordtoilette.

Situation! Wir haben eine Situation! Die olfaktorische Gesamtlage aus einem shitstormigen Toilettendisaster, Reisenden mit schlecht verarbeitenden Schweißstellen und Waggonkupplungsschmiere ließ mich noch mal frisch & neu über den Einsatz von Weichspüler nachdenken. Was, wenn man damit auch vergrimmte Menschen weicher spülen könnte? Flutschig und elastisch machen? Und auch noch ganze Züge und Toiletten beduften? Ach! Hier die Pest, dort die Cholera.

Ich hingegen mags ja verhältnisklar und rein und nehme lieber Essig.


 


Montag, 4. April 2016


Klosterrundgang



Ostern dann zum Klosterbesuch. Ich gehe den schön gestalteten, preisgekrönten Kreuzweg aus Bronzeplatten, die fast mit dem Gemäuer des Klostergartens verschmelzen, ab. Drinnen schlägt einer die Orgel. Auf dem angrenzenden Friedhof sind kleine quadratische Gedenktafeln für die verstorbenen Missionsarbeiter angebracht. Frankreich, die USA, viele afrikanische Länder lese ich als Sterbeorte. Das Licht strahlt aus in alle Richtung.



Ebenso akribisch sortiert sind die Siebensachen, die von fleißigen Frauenhänden für den Basar in den alten Remisen zusammengesucht wurden. Da stehen in einem Regal nur die blauen Glaswaren, Vasen, Trinkgläser und kleine Schalen. Auf einem anderen Brett sind die Dekofiguren aus Steingut und Porzellan nach Tierarten sortiert: oben die Gänse, die blaue Tücher um den Hals tragen, darunter die Bären in allen Größen mit rotkarierten Schals oder Lätzchen. Ordnungssysteme als eine strenge Liturgie des Alltags, der Versuch, Struktur in das Chaos zu wie einen Säulengang einzuziehen.



Der Himmel wie an der See, eine rasche Folge von Wolken und immer weiteren Wolken, bis ein Sonnenstrahl hindurchbricht. Fingerzeige. Ich vergesse, eine Kerze zu spenden. So als ob es keine Wünsche mehr gebe. Gibt's doch gar nicht.


 


Samstag, 2. April 2016


Angkor Wat



Das ist mein Angkor Wat, sage ich und hole in einer zeigenden Bewegung weit mit den Armen aus. Eine Tempelanlage des industrialisierten Menschen, von Zeit und Patina angegriffen und überwuchert. Tiere und staunende Menschen wandern zwischen den Gebäuden umher, ratlos oft, wofür das eine oder andere Behausung und ganz pragmatischer Zweck war. Man wandert über touristisch erschlossene Wege, dringt tiefer vor ins stählerne Gewirr, weg von der Belustigungsbühne des lokalen Senders, dorthin, wo es stiller und rostiger und weniger zurechtgeputzt ist.




Das ist mein Angkor Wat, wiederhole ich, wie so häufig, wenn ich denn mal einen bildgewagten Vergleich gefunden habe. Grünliche Rostschlieren, wie Dschungelmoos, aus der sauren Luft genährte Algen, die über die einzelnen Stahlsegmente wuchern, eine andächtige Atmosphäre angesichts von Höhen und Dimensionen liegt über dem Ort. Vor dem inneren Auge tauchen umfangreiche Umbaumaßnahmen in meinem Zuhause auf. Förderbänder zwischen Ostflügel und Westflügel schweben mir vor, mein Bad einer Waschkaue nachempfunden, mit Seilzugsystem und Körben für die Leibwäsche und Becken aus Zement auf dem Boden für Füße und Stiefel und den Rest. Bergmannsruh im Bloggertagebau.



Man könnte auch sagen, ein Prater, denn es findet sich bei der Kokerei ein Hochrad mit altertümlichen verglasten Gondeln, gleich neben dem Schwimmbad und der Eislaufbahn. Auch hier spüre ich ein großes Begehren, mein Dach zu entfernen und dieses Riesenrad auf mein Haus zu flanschen, damit ich abends, lange nachdem die Fabriksirene verklungen ist, noch eine mild erleuchtete Runde drehen kann, vielleicht nehme ich jemanden von euch mit oder lasse es bleiben. In einer Gondel ist eine Zapfanlage, in einer anderen eine Eisbar.



Eine ist sicher voll mit Kuchen, denn was wäre ein Ausflug ohne gemütliche Pause. Getrunken wird ein Pott Kaffee aus schwarzer Kohle, frisch von einem rußverschmierten Barista mit Helmlampe gepresst. Ergriffen malen wir uns ein Aschekreuz auf eine nachdenkliche Stirn, buchstabieren "Industriekultur" und schütteln den Kopf über Menschen, die solches nicht schätzen. In Hamburg, sage ich, hätte man einfach alles abgerissen. Auf dem Gelände hätte schließlich auch ein Musical gepaßt.

>>> Zollverein


 


Montag, 21. März 2016


Dorfbesuche




Es ist anderen schwer verständlich zu machen. Aber vier Stunden mit dem Zug, das ist für mich tatsächlich ein kleiner Meilenstein in Sachen Mobilität und Radiuserweiterung. Stand ich doch in den letzten Jahren bei solchen Dingen eher wie ein Kindergartenkind mit umgehängter Brotbeuteltasche, auf der vorne ein lustiger Elefant aufgestickt ist, in Türkis aber, an einer geräuschvoll befahrenen Straßenkreuzung. Im kleinen Kopf und mit engerem Herzen und gut gefüllter Buxe durchrechnend, ob ich die Überquerung durch reißende Automobilstromschnellen wagen solle oder nicht.



Aber nachdem ich letztes Jahr ein paar mal die Reise in die große Stadt nebenan geschafft hatte, aus wohlmeinenden Gründen meist, Neugier oder zum Geburtstagsuntertauchen, wollte ich 2016 auch einfach mal ins entferntere Dorf. Da steht mittlerweile viel rum, einiges ist auch weg, aber der Rhein ist - neuer Ofen, gleiche Pizza - immer noch da. Schön, wenn sich nicht immer alles ändert.



Düsseldorf kommt ziemlich sauber daher. Es gibt in den inneren Zonen auffällig wenig Getagge und Geschmiere. Auf den Straßen muß man Hundekot schon suchen. Vielleicht stammt aus Düsseldorf die Wendung, man trete "ins Glück", stapft man plump in Hundedreck. Gleich einem vierblättrigen Kleeblatt muß man wirklich suchen. Auch sonst liegt kaum was rum, und wenn sind es Kamellen. Olle Kamellen auch, um diesen Kalauer nicht unerwähnt zu lassen. Hallo Kalauer, willkommen in meinem kleinen Blog. Tritt ein, bring Glück herein! Jedenfalls mag auch Schlagerbarde Gus Backus einst sein Herz in Heidelberg verloren haben, in Düsseldorf geht das offenbar genau so gut.



Modestadt Düsseldorf, für die Dame wie für den Herrn. Wir kommen zu den Textilmitteilungen: Auf der Königsallee blitzen Prada-High-Heels in BVB-Farben, am Büdchen ("Trinkhalle") beugt sich ein in rosa Tüll gehülltes Funkemariesche weit nach vorn. Das Dorf holt den vom Wind verwehten Rosenmontagszug nach, Motto "You say Alaaf, I say Helau!". Schon morgens schieben sich die dekorierten Laster mit Brüllmusik an Bord zu ihrem Sammelplatz durch sonntagsmüde Straßen. Insgesamt wird sich deutlich gekleidet, Düsseldorf reiht auch Friseurgeschäft an Frisörgeschäft. Das kennt Hamburg nicht, würde hier ja auch jede künstlich zurechtgezupfte Frisur sogleich von s-teifen Brisen in Nord-Nord-Oost-Richutng onduliert werden.



Anders als in Hamburg, gibt es in Düsseldorf viel Kunst. K-hier, K-da, Kunstsammlung NRW, Forum Soundso, Kunstakademie, Kunst im Tunnel, Kunst am Trapez und Tingeltangel im Apollo. Im Ständehaus zeigt Alberto Burri flambierte Abstraktionen aus verschmurgeltem Plastikfolien, blutroten Stoffetzen und aufgeplatzten Asphalthäuten. Noch schöner aber die naturnahe Installation von Tomás Saraceno. Bei ihm bauen Kolonien von Opuntienspinnen ihre Terrassennetze. Die üben enge und wohl friedliche Nachbarschaft und schachteln ihre Netze wie in einer Reihenhaussiedlung versetzt übereinander. Nach und nach sind die Gewebe aus ihrem Kasten herausgewachsen, der aber - ja, spinn' ich denn? - gar kein Kasten ist. Unbedarft und atemlos vor Kunstberauschung wie ich manchmal bin, stehe ich nämlich dicht vor der Schauvitrine und habe schwupps die Kunst eingeatmet! Eine uniformierte Aufsichtsdame rauscht tarantelhaft augestachelt heran und erklärt mir was von "Keine Scheibe!" und "Abstand halten". (Die berühmte Armlänge!) Hicks.

Am Trinkertreff gegenüber von Walter Koenigs Buchgeschäft kann man gut ruhen. Wie ein vergessener Karnevalsprinz sitze ich in der Sonne, krame eine Stulle aus meiner Brotbeuteltasche mit dem aufgestickten Elefanten hervor und warte darauf, daß vorm Füchschen die Stühle rausgestellt werden.