Sonntag, 29. Mai 2016


Tage der Entbehrung

Natürlich muß man, will man nicht als Geschichtenerfinder und Rosarotmaler dastehen, auch von den traurigen Seiten einer solchen Reise schreiben. Da hatte ich mich doch vorab bei der Vermieterin versichert, daß es gemeingebräuchliches, fernempfangbares Internet in der Ferienwohnung gibt. Auch hielt sie mir beim Empfang freudestrahlend einen blauleuchtenden Zauberwürfel ("Hier ist das internet drinnen") unter die Nase. Doch die Tränen in meinen Augen sah sie nicht. Die sah sie nicht.

Gleichwohl strukturiert wie immer, aber durchaus auch ein wenig spontan war ich in der Früh nämlich aufgebrochen, ohne das Tablet einzustecken, das frischgeladen auf meinem karg dekorierten Nachttisch lag. Mit leichtem Gepäck, aber schwerem Herzen landete ich also in der schönen Stadt, einem modernen Hiob gleich schweren Entsagungsprüfungen unterworfen.



Was will man da noch machen in einer solchen Stadt, abgeschnitten von fernsprachlichen Kontakten, elektronisch übermittelten Bulletins und Telegrammen? Etwa Zeitungen beim Trafikanten kaufen? Na, man könnte um das Geld vielmehr zum Friseur gehen, sich eine Donauwelle legen lassen und anschließend ins Café, wo die gedruckten Journale ausliegen. Hier ist so ein Tag mit mürrischen Kellnern und schönen Damen im Gastraum angenehm verbracht.



Man kann darüber meditieren, in welchen dieser Weltkurturcafés die Melange mit einem Häubchen Schlagobers oder eben Milchschaum gereicht wird. Wie - außen hui, innen pfui - die Toiletten und Sozialräume im Vergleich zu den plüschigen oder abgeranzten Verzehrstuben gehalten sind, Elias Canettis Die Blendung mag einem einfallen, allein des Titels wegen und weil man in solchen Schänken gleich zum Literaten wird.



Oder, die angebrachte Notiz gab darüber Auskunft, zur frischgeputzten Würstlbude gehen, etws gut Durchgegrilltes mit allerlei Senf zur Stärkung holen und dabei, in einem imitierenden Dialekt und der leichten Muse ja nicht abgeneigt über beispielsweise den großen Wiener Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer sprechen, der ja nur zu bald seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte.



Gegen Ende der Woche konnte man sogar draußen sitzen, Schuhwerk und Kostüme, erste opulent geblümte Sommerfetzn und hochgesteckte Frisuren betrachten und überlegen, wo man sich heimlich in der Dämmerung in ein Internetcafé schleichen kann. Sonst hat der Entzug aber gut geklappt.


 


Donnerstag, 26. Mai 2016


Theaterferien



Das war knapp. Nach einer Woche Theater und "No! No!"-Skandieren, kam ich am Sonntag quasi mit der letzten Maschine raus, ehe die Grenzen geschlossen wurden. Jedenfalls stand dies als Drohung im Raum, wenn man die Aussagen des potentiellen despotischen Potentaten nur eindeutig genug zwischen den Zeilen las.

Nach all diesem Geraune, den Duellen auf allen Ebenen waren die Menschen wirklich nur noch zittrige Häuflein. Im Flugzeug Schluchzen und Aufregung. Der Kapitän verkündete, das Boarding sei im Grunde complete, man warte noch auf die Startbahn, mehr aber noch auf Beendigung der Probleme um zwei Sitzplätze. Plötzlich stürmte ein asiatisches Pärchen nach vorne, die Kabinentür mußte extra wieder geöffnet werden, der Schlauch hing zum Glück noch dran, schon waren sie raus, Rollkoffer funkenstiebend hinterher. Die waren tatsächlich - Hamburg oder Mailand - Hauptsache Italien! - in der falschen Maschine. Keine Ahnung, wie das überhaupt gehen kann, aber bitte, ein bildhafteres Bild für die Lage von Nation und Europa hätte man auch nicht erfinden können. Aufgescheucht, mindestens zur Hälfte verwirrt, vielleicht wollten die beiden auch einfach nur schnell noch ins Wahllokal. Oder eben: raus, weiter, bloß weg.



Es ist sich knapp noch mal gut ausgegangen, aber bedenklich lange sah es gar nicht so aus. In Cafés aufgeregtes Zwitschern und Gewisper, begleitet vom nervösen Geklimper hektisch gerührter Kaffeelöffel. Ober malten sich probeweise Schmisse aus Schlagobers in die Gesichter, fremdländische Gäste klammerten sich verängstigt an ihre Personalausweise.



In den Nebenstraßen aber weiter alles urschön, selbst in die schiachen Ecken verlor sich zum Ende der Woche ein wenig Sonne. Zum Salat immer ein wenig Schnitzel, wegen der Gesundheit. Frisch geklopft und zurechtpaniert, man muß sich sein Leben schon selbst recht schön machen. Sonst wird das nix.


 


Dienstag, 10. Mai 2016


Spülklar




Die Menschen auf der Welt lassen sich bekanntlich in zwei Gruppen einteilen. Jene, die Weichspüler benutzen, und die, die von dieser penetrant stinkenden Pestsuppe tunlichst Finger und Wäsche lassen. Damit ich ganz schnell Ort und Stelle verlasse, reicht zuverlässig der Einsatz dieser Plörre obendrein fragwürdigen Nutzens, die unter Kriegsächtung zu stellen, der UN-Konvent bislang einfach nur vergessen hat. Dabei muß man meinetwegen gar nicht zu solch offenduftig völkerrechtswidrigen Vergräm-Mitteln greifen, wenn es doch auch einfach gut dosierte Unfreundlichkeit tut.

Sind im Soziallimbo die Schranken erst einmal nach unten durchbrochen, bleibt in aller Regel nur der unter Restwürde zu wahrende schnelle Schuh, das Putzen der Platte, das sich gnädigst kratzfüßig Empfehlen, ergebenster Diener usw., ehe man Rollen in Filmen übernehmen muß, an deren Drehbücher man nur als Stichwortgeber beteiligt war.

So geriet ich neulich etwas vor der Zeit in den Intercityzug Heile Haut, der aber überfüllt war mit Reisenden mit "Jetzt bloß raus!"-Ticket, so daß ein internetbekannter älterer Herr die Fahrt stehend bewältigen mußte. (Da könnt ihr mal 'nen Sozialplattformsturm der Empörung machen!) Organisationsmängel hasse ich ja ungefähr so sehr wie den Geruch und den flutschigen Griff von Weichspüler, nun aber fuhr mein selbstverständlich vorabreservierter Sitz auf einem anderen Zug, und mir blieb der letzte verbliebene Stehplatz direkt an der Türe zur Bordtoilette.

Situation! Wir haben eine Situation! Die olfaktorische Gesamtlage aus einem shitstormigen Toilettendisaster, Reisenden mit schlecht verarbeitenden Schweißstellen und Waggonkupplungsschmiere ließ mich noch mal frisch & neu über den Einsatz von Weichspüler nachdenken. Was, wenn man damit auch vergrimmte Menschen weicher spülen könnte? Flutschig und elastisch machen? Und auch noch ganze Züge und Toiletten beduften? Ach! Hier die Pest, dort die Cholera.

Ich hingegen mags ja verhältnisklar und rein und nehme lieber Essig.


 


Montag, 4. April 2016


Klosterrundgang



Ostern dann zum Klosterbesuch. Ich gehe den schön gestalteten, preisgekrönten Kreuzweg aus Bronzeplatten, die fast mit dem Gemäuer des Klostergartens verschmelzen, ab. Drinnen schlägt einer die Orgel. Auf dem angrenzenden Friedhof sind kleine quadratische Gedenktafeln für die verstorbenen Missionsarbeiter angebracht. Frankreich, die USA, viele afrikanische Länder lese ich als Sterbeorte. Das Licht strahlt aus in alle Richtung.



Ebenso akribisch sortiert sind die Siebensachen, die von fleißigen Frauenhänden für den Basar in den alten Remisen zusammengesucht wurden. Da stehen in einem Regal nur die blauen Glaswaren, Vasen, Trinkgläser und kleine Schalen. Auf einem anderen Brett sind die Dekofiguren aus Steingut und Porzellan nach Tierarten sortiert: oben die Gänse, die blaue Tücher um den Hals tragen, darunter die Bären in allen Größen mit rotkarierten Schals oder Lätzchen. Ordnungssysteme als eine strenge Liturgie des Alltags, der Versuch, Struktur in das Chaos zu wie einen Säulengang einzuziehen.



Der Himmel wie an der See, eine rasche Folge von Wolken und immer weiteren Wolken, bis ein Sonnenstrahl hindurchbricht. Fingerzeige. Ich vergesse, eine Kerze zu spenden. So als ob es keine Wünsche mehr gebe. Gibt's doch gar nicht.


 


Samstag, 2. April 2016


Angkor Wat



Das ist mein Angkor Wat, sage ich und hole in einer zeigenden Bewegung weit mit den Armen aus. Eine Tempelanlage des industrialisierten Menschen, von Zeit und Patina angegriffen und überwuchert. Tiere und staunende Menschen wandern zwischen den Gebäuden umher, ratlos oft, wofür das eine oder andere Behausung und ganz pragmatischer Zweck war. Man wandert über touristisch erschlossene Wege, dringt tiefer vor ins stählerne Gewirr, weg von der Belustigungsbühne des lokalen Senders, dorthin, wo es stiller und rostiger und weniger zurechtgeputzt ist.




Das ist mein Angkor Wat, wiederhole ich, wie so häufig, wenn ich denn mal einen bildgewagten Vergleich gefunden habe. Grünliche Rostschlieren, wie Dschungelmoos, aus der sauren Luft genährte Algen, die über die einzelnen Stahlsegmente wuchern, eine andächtige Atmosphäre angesichts von Höhen und Dimensionen liegt über dem Ort. Vor dem inneren Auge tauchen umfangreiche Umbaumaßnahmen in meinem Zuhause auf. Förderbänder zwischen Ostflügel und Westflügel schweben mir vor, mein Bad einer Waschkaue nachempfunden, mit Seilzugsystem und Körben für die Leibwäsche und Becken aus Zement auf dem Boden für Füße und Stiefel und den Rest. Bergmannsruh im Bloggertagebau.



Man könnte auch sagen, ein Prater, denn es findet sich bei der Kokerei ein Hochrad mit altertümlichen verglasten Gondeln, gleich neben dem Schwimmbad und der Eislaufbahn. Auch hier spüre ich ein großes Begehren, mein Dach zu entfernen und dieses Riesenrad auf mein Haus zu flanschen, damit ich abends, lange nachdem die Fabriksirene verklungen ist, noch eine mild erleuchtete Runde drehen kann, vielleicht nehme ich jemanden von euch mit oder lasse es bleiben. In einer Gondel ist eine Zapfanlage, in einer anderen eine Eisbar.



Eine ist sicher voll mit Kuchen, denn was wäre ein Ausflug ohne gemütliche Pause. Getrunken wird ein Pott Kaffee aus schwarzer Kohle, frisch von einem rußverschmierten Barista mit Helmlampe gepresst. Ergriffen malen wir uns ein Aschekreuz auf eine nachdenkliche Stirn, buchstabieren "Industriekultur" und schütteln den Kopf über Menschen, die solches nicht schätzen. In Hamburg, sage ich, hätte man einfach alles abgerissen. Auf dem Gelände hätte schließlich auch ein Musical gepaßt.

>>> Zollverein


 


Montag, 21. März 2016


Dorfbesuche




Es ist anderen schwer verständlich zu machen. Aber vier Stunden mit dem Zug, das ist für mich tatsächlich ein kleiner Meilenstein in Sachen Mobilität und Radiuserweiterung. Stand ich doch in den letzten Jahren bei solchen Dingen eher wie ein Kindergartenkind mit umgehängter Brotbeuteltasche, auf der vorne ein lustiger Elefant aufgestickt ist, in Türkis aber, an einer geräuschvoll befahrenen Straßenkreuzung. Im kleinen Kopf und mit engerem Herzen und gut gefüllter Buxe durchrechnend, ob ich die Überquerung durch reißende Automobilstromschnellen wagen solle oder nicht.



Aber nachdem ich letztes Jahr ein paar mal die Reise in die große Stadt nebenan geschafft hatte, aus wohlmeinenden Gründen meist, Neugier oder zum Geburtstagsuntertauchen, wollte ich 2016 auch einfach mal ins entferntere Dorf. Da steht mittlerweile viel rum, einiges ist auch weg, aber der Rhein ist - neuer Ofen, gleiche Pizza - immer noch da. Schön, wenn sich nicht immer alles ändert.



Düsseldorf kommt ziemlich sauber daher. Es gibt in den inneren Zonen auffällig wenig Getagge und Geschmiere. Auf den Straßen muß man Hundekot schon suchen. Vielleicht stammt aus Düsseldorf die Wendung, man trete "ins Glück", stapft man plump in Hundedreck. Gleich einem vierblättrigen Kleeblatt muß man wirklich suchen. Auch sonst liegt kaum was rum, und wenn sind es Kamellen. Olle Kamellen auch, um diesen Kalauer nicht unerwähnt zu lassen. Hallo Kalauer, willkommen in meinem kleinen Blog. Tritt ein, bring Glück herein! Jedenfalls mag auch Schlagerbarde Gus Backus einst sein Herz in Heidelberg verloren haben, in Düsseldorf geht das offenbar genau so gut.



Modestadt Düsseldorf, für die Dame wie für den Herrn. Wir kommen zu den Textilmitteilungen: Auf der Königsallee blitzen Prada-High-Heels in BVB-Farben, am Büdchen ("Trinkhalle") beugt sich ein in rosa Tüll gehülltes Funkemariesche weit nach vorn. Das Dorf holt den vom Wind verwehten Rosenmontagszug nach, Motto "You say Alaaf, I say Helau!". Schon morgens schieben sich die dekorierten Laster mit Brüllmusik an Bord zu ihrem Sammelplatz durch sonntagsmüde Straßen. Insgesamt wird sich deutlich gekleidet, Düsseldorf reiht auch Friseurgeschäft an Frisörgeschäft. Das kennt Hamburg nicht, würde hier ja auch jede künstlich zurechtgezupfte Frisur sogleich von s-teifen Brisen in Nord-Nord-Oost-Richutng onduliert werden.



Anders als in Hamburg, gibt es in Düsseldorf viel Kunst. K-hier, K-da, Kunstsammlung NRW, Forum Soundso, Kunstakademie, Kunst im Tunnel, Kunst am Trapez und Tingeltangel im Apollo. Im Ständehaus zeigt Alberto Burri flambierte Abstraktionen aus verschmurgeltem Plastikfolien, blutroten Stoffetzen und aufgeplatzten Asphalthäuten. Noch schöner aber die naturnahe Installation von Tomás Saraceno. Bei ihm bauen Kolonien von Opuntienspinnen ihre Terrassennetze. Die üben enge und wohl friedliche Nachbarschaft und schachteln ihre Netze wie in einer Reihenhaussiedlung versetzt übereinander. Nach und nach sind die Gewebe aus ihrem Kasten herausgewachsen, der aber - ja, spinn' ich denn? - gar kein Kasten ist. Unbedarft und atemlos vor Kunstberauschung wie ich manchmal bin, stehe ich nämlich dicht vor der Schauvitrine und habe schwupps die Kunst eingeatmet! Eine uniformierte Aufsichtsdame rauscht tarantelhaft augestachelt heran und erklärt mir was von "Keine Scheibe!" und "Abstand halten". (Die berühmte Armlänge!) Hicks.

Am Trinkertreff gegenüber von Walter Koenigs Buchgeschäft kann man gut ruhen. Wie ein vergessener Karnevalsprinz sitze ich in der Sonne, krame eine Stulle aus meiner Brotbeuteltasche mit dem aufgestickten Elefanten hervor und warte darauf, daß vorm Füchschen die Stühle rausgestellt werden.


 


Samstag, 31. Oktober 2015


Der Reiseteil



So geht einer meiner Albträume. Ich habe alles so schön vorbereitet. Aber weil ich kein Facebook habe dann kommt keiner. Ich höre also ein bißchen Musik, warte ein wenig mit hochgestelltem Mantelkragen auf den berüchtigten Ostwind und eine hübsche Influenza, die mir wild verliebt um den Hals fällt, schaue wie ein gehetzter Hause mit Zylinder immer wieder auf die Taschenuhr und scharre gedankenverloren in Herbstlaub und Erinnerungen. Die ewigen Baustellen dieser Stadt, wie aufgeplatzte Wunden nähen in den zerborstenen Flächen, wie immerzu Möbel rücken, sinnlos hierhin, dahin und wieder zurück. Nie fertig und oft ohne Bestand.




Ein Paradies wird mir das wohl nicht, denke ich leicht verfroren, mögen noch so viele Engel aus einem Himmel voller Rasierklingen gestürzt auf den Straßen posieren. Vielleicht sage ich nächstes Mal einfach ein paar Gästen Bescheid oder lasse mir von Jonathan Meese ein paar wilde Pappfiguren malen, mit denen ich Gespräche führe und vielleicht auch vertraulich bin.



Zum Warmlaufen und Durch- und Ausschwitzen mache ich ein wenig Rentnerprogramm: Hier wird ein Schloß gebaut, dort liegt was im Bikini herum, schöne Frauen blinzeln mir von Plakaten zu und tun auch sonst sehr freundlich. Als mir beim Kramen im Rückgabeschacht des Fahrkartenautomaten ein Zehn-Cent-Stück auf den Boden rollt, hat sich schnell eine Dame gebückt, klaubt mit vor Kälte klammen Fingern die Münze auf - und ehe ich noch rufen kann: Hamburger! Berliner stehlen euch die Centbeträge!, reicht sie sie mir mit einem Lächeln zurück. Ehe dieser Typ von "Verstehen Sie Spaß" aus dem Versteck springen kann wie ein Springteufel auf Speed, wähne ich aber die Lacher längst auf meiner Seite, als ich vergnügt "Na, dit is Ballin, wa!" brülle und der guten Frau jovial in die Wange kneife. Es kommt aber doch kein TV-Team, da ist es mir ein bißchen peinlich.



Weil ich es vor Jahren schon wollte, aber nie dazu kam, besuche ich wie ein staatlich bestellter Vergänglichkeitsforscher das Medizinhistorische Museum in der Charité. Ein Teil von Virchows Sammlung ist dort in einer überschaubaren Daueraustellung zu sehen (der umfangreiche Rest nur mit Führung), die Entwicklung bestimmter Diagnose- und Therapieformen demonstriert und allerlei chirurgische Instrumente (die sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert haben) ausgestellt. Mich beeindruckt die Eiserne Lunge aus den 50ern. Gleichzeitig im wahrsten Sinne beklemmend, ein Überlebensgefängnis, aber auch beeindruckend als ein edles Stück Industriekultur: Hammerschlaglackierung, chromglänzende Hebel und Schalter, eine organisch abgerundete Form - hier war eine Maschine nicht nur zweckdienlich, sondern wurde sichtbar vernünftig und mit Sinn und ästhetischem Bewußtsein gestaltet. Ähnlich zwiespältig in Auftrag und Wirkung manche der Präparate. Verformungen, Vernarbungen, allerlei Malignes und dann die Fehlbildungen: fahle Sirenen, anmutige Sänger, zerebral geschädigt, aber in ihrer Erscheinung sehr wundersam. Man ahnt, woher sich Mythen und Fabeln eben auch speisen. Ein am abgerundeten Schädeldach zusammengewachsenes Zwillingskelett zeigt, wo H. R. Giger möglicherweise seine Einflüße für die Gestalt des Alien herhatte. Biomorphe Strukturen, die fremdartig wirken, uns zugleich aber befremdlich nahe sind.



Im Weltraum, darin Berlin sehr ähnlich, hört einen keiner schreien, heißt es seither, deshalb stoisch und nur die lustigsten Anekdoten im Halfter weitermarschiert, denn für abends hat Frau Gaga alles so schön vorbereitet. Wir sehen uns zu selten, zu lange mußte ich pausieren, nun aber stehen Getränke bereit (ich nur einen winzigen Schluck, Frau Gaga auch) und eine ganz dufte Stimmung. Als Hamburger kenne ich manchen Schnack von Irrungen und Wirrungen, trübseligen Ebben und finsteren Sturmfluten, so ist der reichgedeckte Tisch im Vorbeiflug geplündert, während wir beschwingte Dönekes tauschen. (Ganzer Bericht hier.)

Aus der Nacht draußen tauchen zwei junge Blondinen auf, die um ein Foto bitten. Nicht von mir, ich bin zunächst geknickt, tue aber, um meine welterfahrene Begleitung zu beeindrucken, schnell so als wüßte ich, wie man mit einem modernen Telefon umgeht und mache ein Straßenlaternen-Shooting, mit dem ich demnächst groß rauskommen werde. Beim nächsten Mal sollte ich die Brille vielleicht besser erst hochschieben.

Dann stehen wir noch ein wenig wie kichernde Teenager vor dem Klingelschild von Jonathan Meese. Ich überlege, wie lustig es wäre, den guten Mann rauszuklingeln und mir zum Geburtstag ein auf die Schnelle selbst gemaltes Bild von ihm signieren zu lassen. Aber wenn man nicht mehr ganz 37 ist, wird man vernünftig. Nachher ist der erzbeliebte Künstler weg und die letzte U-Bahn auch.

Am nächsten Tag sitze ich mit einer jungen Dame im Café, und wir tauschen ganz alte Schule Adressen aus. In, Achtung, Getränke kurz absetzen, unseren Notizbüchern! Mit einem Stift! Vor Rührung über diesen Manufactum-Moment werden meine Züge ganz weich. Abends zeigt mir Frau Casino ein kleines, gut besuchtes italienisches Restaurant, so kuschelig, daß ich gleich die Blondine und deren Mann am Nachbartisch an meiner Begeisterung über die Präparate in der Charité teilhaben lasse. Ich meine, bevor man anfängt, beim Essen über Nichtigkeiten zu reden! Die beiden bleiben aber gefaßt, und Frau Casino erschüttert so schnell sowieso nichts im Leben. Die steuert auch sonst souverän jeden Tag einen Viermaster und kann meine kleinen pathologischen Berichte lässig mit mindestens so beeindruckenden Erlebnissen parieren. Prodesse und delectare wie es zurecht heißt. Ich habe einiges gelernt. Und die Influenza ist ein ganz bezauberndes Mitbringsel. Ganz verschmust.

>>> Geräusch des Tages: Tropic Of Cancer, A Color


 


Freitag, 11. September 2015


The Show must go on



Das war ja früher immer so eine Idee, mit dem Kajak durch den höheren Norden, vorbei an Trotteln, Lümmeln und Robben vorbei in den Sechszehner auf die Suche nach dem Riesenalk. Wobei, mehr als ein Gläschen Aquavit trinke ich ja nicht mehr. Kürzlich beim Twitter gelernt, was es auf Finnisch heißt, daheim zu sitzen und sich in Unterhosen zu betrinken. Jetzt allerdings bereits wieder vergessen, irgendwas mit Kännit, soweit erinnere ich es, weil ich daraus einen Kalauer bastelte. Als hätte ich sonst nichts zu tun.



Nun kommen die Isländer ja nach Frankreich und neulich, als selbst ich mich so in der Sonne aalte, beschloß ich, doch lieber "was Vernünftiges" zu tun. Daher - immer vom Aal her denken! - machte ich mal was mit Tieren. Die sind immer so dankbar. Zunächst brachte ich dem stets zu Scherzen aufgelegten Antifantenbullen Edelgard ein paar Tricks bei. Wenn der jetzt irgendwo braune Kacke sieht, trompetet der wie ein Dreijähriger mit Allmachtsfantasien "Zertreten! Zertreten! Alles zertreten!" Natürlich nur zum Spaß, aber als Leiholifant für Anti-Nazi-Demos (jetzt nur mal als Beispiel) wäre er nun ein sichere Einnahmequelle.



Für mein Meisterstück irgendwo in Afrika kamen mir meine Erfahrungen als Burlesque-Entrepreneur zugute. Dennoch war es eine Heidenarbeit, eine quirlige Showgirltruppe als Chorus Line unfallfrei und ohne daß die pink gekleideten Federboamädchen über ihre langen Beine fielen, durch den Vordergrund zu schieben. Die eleganten Zebra-Unterhalter vom Schwarzweißen Block dann wie Tick, Trick und Track in die Mitte und als Höhepunkt, bitte eine Lupe herauskramen:



Simba, die Löwendame, ta-daa auf dem Baum. Schlußlied "Gefangenenchor" aus Nabucco, ich strecke den Zylinder in die Höhe, tosender Applaus, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme. Anschließend Klingelbeutel.

Und wo sind die Feuerreifen? werden jetzt einige fehlersuchende Korinthenkacker rufen, die das Internet bevölkern. Meine Güte, ja, da fehlen die Feuerreifen, das weiß ich selbst. Eigentlich sollten die Mantelpaviane Pimpo und Limpo die hochhalten, damit die Löwen hindurchspringen können. Aber diese Affen haben die ganze Zeit herumgekaspert, die Proben gestört, den Federboamädchen an die Federn gefasst und auch sonst keine Albernheit ausgelassen. Und wenn ich eines nicht abkann, dann sind es Albernheiten bei der Arbeit. Also habe ich die rausgeschmissen, daraufhin haben sie mir die Freundschaft gekündigt, so als wären nicht genügend andere Tiere da, die liebend gerne einspringen würden, ein Krokodil zum Beispiel, aber nun drück' mal einem Krokodil einen Feuerreifen in die stummeligen Hände, das jedenfalls habe ich in gebotener Zeit auch nicht hinbekommen. Mit Feuer ist auch gefährlich, da spielt man nicht mit, nachher brennt die Bühne ab. Jetzt nur zur Erklärung, ich will da jetzt nicht ausführlich auf Einzelheiten eingehen.


 


Dienstag, 2. Juni 2015


Trauer muss Herr Kummer tragen



"Kummer schwimmt oben", heißt es bei diesem berühmten Schriftsteller, der nach dem Absturz einen feuchten, toten Hund an eine ferne Küste spülen ließ.



Es war ja auch wirklich ein Debakel. "We don't need another Zero!" sang Tina Turner ihre Heldenfanfare aus der Musikbox. Was mehr als einander Trost zu spenden bleibt den Punktevergessenen in dieser bitteren Stunde?

Die Maladen und Beladenen, die Geschlagenen und Gebeugten trafen sich im Hotel Kummer, nippten an schweren Getränken und rochen noch schwereres Parfüm und eitrige Wunden. Hingeplüschte Lebedamen mit traurigen Wimpern, gefälschte Gemälde an der Wand, bandagierte Thekenphilosophen beim Tischgespräch, so rührte sich Löffel um Löffel klebrig gerührte Schwermut zusammen, aus der nicht einmal ein Phoenix seine ölverfransten Flügel hätte heben können. "Ach ja"-Gluckser und "San's mer net gram"-Geschmeichel, eine zarte Ernst-Häckel-Medusa, uns in wehende, wässrige Kleider hüllend.



Geknickt, aber nicht besiegt. Gedemütigt, aber unverdrossen. Denn liegt uns nicht dieses Lied, liegt uns vielleicht ein anderes. So das Mottto des Tages.



Am Ende tauschten wir alle höfliche Visitenkarten und artige Grußbezeugungen. Mensch, sag ich. War doch toll. Und wir trugen wirklich die schönsten Gewänder.


 


Sonntag, 31. Mai 2015


Spannungslose Carte Postale



The Owls are not what they seem..., heißt es. Zur Überprüfung habe ich also Kamera und Reiseführer nebst faltbarer Karte und einer Überjacke gepackt und bin in die schöne Stadt geflogen. Auch ein Übungsprogramm natürlich, ich bin nicht so der entspannteste Reisende, also bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich weiß, wo ich den Koffer hinstelle und auf welches Kissen mein Kopf landen wird. Das ist immer noch so, auch wenn ich letztes Jahr sogar zwei Mal in der schönen Stadt war. Trainingsmangel. Ich verreise einfach zu wenig. Keine Expedition, kein Nachtflug, ich pflege andere Vergnügen.

Wenn ich erstmal angekommen bin, entstrapaziere ich aber im Augenblick, lege mich vielleicht kurz hin, habe die Ehre, bin aber im Grunde schon entmüdet, erkunde das Revier zwischen 6. und 7., kaufe schnell etwas ein... Was allerdings in Wien über Pfingsten nicht einfach ist. Der Supergreisler an der U3 haut es raus, und verhungern sollte man in dieser Stadt sowieso nicht. Danach dann Ruheprogramm. Man muß einfach nichts tun. So wie andere Arztromane, habe ich die touristischen Sehenswürdigkeiten zwar nicht mit zwölf, aber doch frühzeitig hinter mich gebracht. Ein paar Sachen habe ich für schwere Zeiten, denn Vorratshaltung ist Pflicht, noch aufbewahrt. Die Kaisergruft vielleicht, da schau her, oder die Feile, die berühmte, heimtückische Feile. Ach, selbstverständlich gibt es noch ganz viel zu sehen und zu entdecken. Aber, man muß nicht. Ganz entspannt.