Mittwoch, 20. Juni 2007


Make the Putt or miss the Cut

Bekanntlich ist Hamburg nicht nur die Stadt der Reeperbahn, Musicals und übervollen U-Bahnen, sondern in erster Linie die der Einkommensmillionäre.

Weshalb die Bewohner hier alle Cabrio fahren, ab März keine Socken in den Schuhen tragen und eine Yacht im Sportboothafen sowie eine weitere auf Mallorca besitzen, die gleich neben der Finca vor Anker liegt. Daran ist, bis auf die Sache mit den Socken, im Grunde nicht viel auszusetzen, wäre die Stadt deshalb und wegen ihrer sprichwörtlichen Schönheit nicht so rappelvoll.

Dies wiederum wirkt sich nämlich auf den Raum, der jedem zu Verfügung steht, wenn er nicht gerade draußen bei Tötensen wohnt, und die Mieten aus. Ich zum Beispiel zahle dermaßen viel Miete, daß ich von meinen Einkommensmillionen überhaupt gar nichts bemerke. Nun haben sich manche neulich gefragt, wie man trotz Platzproblemen (nicht einmal ein Polo-Pferd könnte ich halten), ausgerechnet auf dem Golfplatz so erfolgreich sein kann?

Nun, die schönsten Dinge geschehen meist zu Hause - und so übe ich heimlich und still, aber enthusiastisch für mich (manchmal stehe ich sogar nachts auf und putte mir einen, beim Schein meiner Schreibtischlampe). Handicaps, so hat man es mir vor der Wiege gesungen, sind schließlich dazu da, überwunden zu werden.
So trainiere ich meine Birdies und Hole-in-Ones, um für größere Herausforderungen, größere Städte (und Plätze) gewappnet zu sein, sollten sie sich mir stellen. Und habe ich genug, dann klappe ich mein kleines St. Andrews zusammen und schiebe - jedermann sein eigener Caddy! - den Holzkoffer mit dem Ball-und-Schlägerspiel dezent unters Bett.



(Den tollen Kasten habe ich mal für eine spottende Summe - 4 Mark, glaube ich - einst auf dem Flohmarkt erworben. Ein kompletter Kurs, liebevoll gestaltet, gesägt und geleimt, sozusagen der Laptop unter den Golfanlagen. Das kleine Bild links oben kann man großklicken.)


 


Montag, 18. Juni 2007


Mein kleines Büro

Worauf ich ja unheimlich stehe, ich würde sagen, es hat fast etwas Sexuelles, wenn man für die Buchhaltung Dokumente kopiert und ein Kollege mit großgetellerten Augen - so daß ich in der Pupille gespiegelt das Abbild meiner Zahlen erkennen kann - auf die Kopienablage starrt und freudig ruft: "Steuer?"

Die Kopien meiner Tränen, die langsam auf die Glasplatte tropfen, behalte ich für mich.


 


Sonntag, 17. Juni 2007


Nur noch Filmstars

Und wie dann alles immer schon Vergangenheit ist. Der Blick hinaus in einen Regen, der sich träge und absichtslos in den Kanal ergießt. Abends dann eine kühle, feuchte Wand vor dem Fenster, in der Ferne die Hunde, dazu, leise nur, die Musik. Andere sind heute V.I.P., sie haben das Komplettpaket. Ich kann nur hören, nicht mehr viel sehen. Ich versuche, mich an diesen Film zu erinnern, an das Gefühl damals, als man zwanzig war.

Man nimmt zur Kenntnis. Das oder dieses auch hätte man bereits gehabt, erlebt, verkostet. Das oder dieses auch sei abgehakt. Sachte schließen wir Schubläden, in der Hoffnung, in der nächsten ebensoviele Geheimnisse und noch mehr Schätze zu entdecken. Der Vorteil an früher war ja, daß es damals noch ein später gab. Der Nachteil am jetzt, daß einem viele Wege schon bekannt erscheinen.

Weil ich nur noch reden kann und nichts mehr sehen, spüre ich, wie meine Worte nicht gehört werden. Ich forme mir einen Kuchen aus Klang, aus dem melancholischen Wimmern der dünnen Gitarre, lausche dem Echo eines Vierteltons, zusammengesunken am Ende der Theke (damals) und sinne über dem Unterschied von bleiben und zurückbleiben.

The Mercy Seat | von kid37 um 02:17h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 16. Juni 2007


Schule von Helsinki

Endlich wieder graue Farbe am Himmel, endlich ein Wochenende mit Regen und Kälte - und dann stellt man fest: Leider ist kein verdammt guter Kuchen im Haus! Man möchte so trüb werden wie das Wetter, mit aschfahlem Gesicht zum Bäcker wanken. Dort womöglich auf Angebotslücken stoßen und kurz überlegen, diesen Umstand zum Skandalon zu erheben.

Da hilft nur skandinavische Strenge und das visuelle Gerüst einer klaren Linie. Die Helsinki-School sorgt seit ein paar Jahren für kühlgrauen Charme in der Fotoszene. Ich mag diese runtergebrochenen, abgeschminkten Alltagsheldenporträts, die stummen Stadt- und Landschaftsbewanderungen zwischen Tristesse und Cool Shabby Chic. Existenziell wie der Kampf ums letzte Tortenstück.

Fotofinlandia 2006 stellt einige aktuelle Vertreter vor, darunter Anni Leppälä und Ville Lenkkeri. Spannend auch Eva Persson, ene Schwedin, die in Helsinki lebt und arbeitet. Unter "Projects" findet man drei ihrer bekannteren Serien.


 


Freitag, 15. Juni 2007


Genau, Relevanz muß sein

Ein Konzern ändert seine Gechäftspolitik und alle schreien Zensur.
(Zur Erinnerung: Zensur - die Überwachung von Meinungsäußerungen durch die in einem polit. Machtbereich herrschende Klasse, Partei oder Staatsführung [...]. Meyers Lexikon.)

18,685 blog posts about flickr*

Gut, daß im Gazastreifen keine Bildersuchmaschine oder Web-2.0-Plattform in Betrieb ist. Die Region hätte womöglich die Aufmerksamkeit von Bloggern bekommen.

1,917 blog posts about gaza*

So aber, um einen anderen Blogger zu zitieren:
Weiter mit Volksberuhigungsmusik.

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* in language: German (Technorati-Ergebnis von eben)


 


Donnerstag, 14. Juni 2007


Schwarz und Weiß wie Tage und Nächte

Für das Schach ist wie für die Liebe
ein Partner unentbehrlich.

(Stefan Zweig)

Wie jedermann weiß, löse ich sonntag morgens, wenn andere Menschen ausschlafen, wie beiläufig die ein oder andere Schachaufgabe. Das hält frisch im Kopf, kostet nicht allzuviel, nur ein wenig Verzweiflung, und macht einen schönen Teint. Die wahren Experten für das königliche Spiel finden sich zweifelsohne bei den Schachblättern. Ich kenne selbstverständlich meine Grenzen. Aber wenn es um die Herausforderung geht, die Dame geschickt über alle 64 Felder der Glückseligkeit zum Ziel zu führen... nun, da versuche ich mich zumindest gern, wenn schon Dichtung und Gesang nicht helfen.

Das hermetische Schachcafé

Diese Partie¹ jedenfalls, vom unerreichten Großmeister McQueen, muß dringend nachgespielt werden. Vielleicht geht es auch im Ringelhemd.

¹ ein freundliches Angebot der Firma Youtube


 


Dienstag, 12. Juni 2007


Vom Grunde meiner Augen

A G P H E




Der Besuch bei meinem Augenarzt ist mir ein jährliches Ritual, dessen Liturgie einer Taufe gleicht. Ich betrete ein abgedunkeltes Wartezimmer, in dem merkwürdige Gestalten sitzen mit allerhand optischem Gerät im Gesicht, Brillen mit verstellbaren Schrauben, mit Mull verbundene Augen, unter denen langsam eine gelbliche Flüssigkeit sickert. Ringsherum stehen Kartons, postfertig verpackt. Brillen für Afrika? Exzisierte Augäpfel? Auch scheint mein Arzt altes Gerät zu sammeln, neben abgerundeten 60er-Jahre-Arztschränken aus Metall steht allerhand technisches Gewerk, dessen wahre Bedeutung zu ergründen mir das ophtalmologische Wissen fehlt.

Dann heißt es schauen, Augen abdecken und auf eine gegenüberliegende Wand starren. Mein Vater erzählte neulich begeistert von seiner computergesteuerten Sehkraftvermessung - Zeichen und Schriften in die Luft projiziert, dreidimensionale Modelle, die zucken und leuchten und sich rotierend um den Kopf bewegen.
Mein Augenarzt ist anders. An der Wand rate ich Zahlen, 6 oder 8 in Vier-Punkt-Schrift. Dann soll ich lesen, die Assistentin hält mir eine vergilbte Textschablone hin: Vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die golden scheinende Prairie und beschlossen, ein Lagerfeuer zu errichten, ehe die Nacht...


Am Ende ist es mir ein Schwindel. Mit abnorm geweiteten Pupillen, die Augen aufgerissen, ein kulleräugiges junges Reh, trete ich hinaus auf die Straße. Gleißendes Licht blendet mich, Schmerz fährt wie ein silbernes Messser in meine Augen. Neugeboren, aber blind. Ein torkelnder Großpupillenmann (ein Wachmann schüttelt den Kopf), für einen Moment sehe ich die sonst unsichtbaren Dämonen der Städte, quallenartige Geister, die sich an langen Fäden durch die Straßen hangeln. Mein Schädel pocht, ich flüchte mich hinab in die U-Bahn, angenehme Kühle empfängt mich und angenehmere Dunkelheit auch. Aus der Tunnelröhre flackert ein Licht, ein leises Rumpeln walzt sich näher heran. Auf dem Bahnsteig eine merkwürdige Szene, ein fantastischer Tanz.

Was blieb, ist die Erinnerung: Vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir die golden scheinende Prairie und beschlossen, ein Lagerfeuer zu errichten, ehe die Nacht...



>>> Webseite von Lisa Bufano | Interview mit Vera Little |

Vera Little im Hermetischen Café.
(Die Links dort sind leider nicht mehr aktiv.)