
Dienstag, 5. Juli 2005
Hm. Also wenn ich den Trailer so sehe, erwarte ich nicht viel.
Droht nach Big Fish die nächste Enttäuschung?

Montag, 4. Juli 2005

Heute mal endlich mein Fahrrad halbwegs flott gemacht und ein bißchen rausgefahren. In zehn Minuten bin ich unten am Billwerder Sperrwerk und am Entenwerder Stieg. Letzten Herbst war ich zuletzt dort hinterm Deich, in einer merkwürdigen Nacht zwischen Wahn, Regen und Kälte.
Hinter dem ehemaligen Sandfilterwerk kann man in Sichtweite des alten Holzhafens durch unwegsames Gelände fahren, außer unbeholfenen Kröten am Tage und Liebespaare in der Nacht kreuzt dort niemand den Weg. In der Nähe des Yachthafens parken Automobile der besonderen Klassen von SEK über SLK bis Mannschaftswagen, aber alle mit Stern. In einem ausrangierten Elbkahn befindet sich nun der Schießstand. "Zutritt verboten - Lebensgefahr", man glaubt es gerne, wenn man die Hunde und geparkten Ludenmobile Nobelkarossen dort sieht. Nur der grün-weiß lackierte irritiert, aber vielleicht ist die Besatzung nur im Restaurant "Zum Skipper", eine Brotzeit holen.
Die Gebiete dort unten, wo sich Speditionen an Schrottplätze und Chemiewerke reihen und stillgelegte Metallverarbeitungshütten hinter rostigen Toren liegen, haben ihre eigenen Gesetze. Frühstück ab sechs, verkünden windschiefe Tafeln an den Truckerrastplätzen. Davor und dahinter erfaßt das Auge nur Staub. Staub in der Sonne.

Einige kennen meine Begeisterung für die Hauptstadt unseres südlichen Nachbarlandes. Mein Freund, der nun schon seit über 15 Jahren in Wien lebt und sowas wie Kunst macht, sagt ja immer, komm' doch noch Wien, ist hier alles völlig überdimensioniert, kannst Du aber gut Kunst machen.
Na ja, ich bin dafür wahrscheinlich schon viel zu verkalkt. Am Wochenende höre ich jedenfalls nach wie vor gerne FM4, den Sumpf, die Neigungsgruppe "Sex & Gewalt", die Euroranch - alles Dinge, auf die mich unsere bewundernswerte und vielvermißte Frau Sonne aufmerksam gemacht hat.
Interessiert lese ich auch immer wieder gerne Wiener Blogs, wie z.B. das von Frau Gingerbox, die nicht nur liquiden Schmu redet, sondern auch austeilen kann, aber vielleicht gerade deshalb unter anderem auch eine "begehrenstechnisch ambivalente Projektionsfläche für ältere Herren" (Selbstaussage) darstellt. Außerdem, und das kann man kaum hoch genug loben, verlinkt sie Bilder eines meiner Lieblingsfotografen, Robert Parkeharrison.
Für uns alternde Fluxus-Situationisten sozusagen echter Sprengstoff!

Sonntag, 3. Juli 2005
Worüber man nicht reden kann,
darüber muß man schweigen.
(Ludwig Wittgenstein)
Worüber man nicht schweigen kann, darüber soll man singen oder bloggen. Im realen Leben aber ist es ab und an mehr als angebracht, einfach mal die Fresse zu halten. World, shut your mouth! singt man dann. Denn nicht jedes Stammtischthema gehört auch an den heimischen Küchentisch. Klar. Auf dem Flohmarkt gelang es mir, meine Medizinsammlung ein wenig zu erweitern. Eigentlich besaß ich schon eine solche Mundsperre, wegen Schweigegelübde und so. Die war mal recht günstig als B-Ware von einem dieser Medizingerätehändler zu bekommen, die mit ihren Scheren, Pinzetten und Speculi die Flohmärkte der Umgebung bevölkern. Mach ein Schnäppchen, schlag Ulla ein Schnippchen! sage ich dann und bereite mich auf die gesundheitliche Selbstversorung vor.
Das Modell dort oben hingegen stammt aus einem Konvolut Praxiszubehör und war sooo unverschämt günstig, daß ich nun zwei habe. Wenn der Laden erstmal läuft, kommen vielleicht auch mehr Patienten, wer weiß. Oder ich veranstalte einen romantischen Abend, in dessen Verlauf man sich offenen Mundes anschweigt. Words are very unnecessary. Manchmal jedenfalls.

Kid what changed your mood
You've gone all sad so I feel sad too
I think I know some things we never outgrow
You think it's wrong
I can tell you do
How can I explain
When you don't want me to
(The Pretenders, "Kid")
[...]
Ich habe gesehen, sagst du, wie dort jemand hockte, ein Schatten, nackt hinter der Tür. Ein surrealer Moment. Ich sage, ich habe nichts mehr gesehen, ich hielt meinen blutenden Arm und wollte nur fort. Wie seit Stunden eigentlich schon. Man hörte nur Atmen, sagst du.
Ich weiß noch, daß ich kurz zögerte, auf der Schwelle, und zurückging in die Wohnung. Da habe ich meine Ordner mit den Negativen gegriffen.

Samstag, 2. Juli 2005
Youthquake '65 - die Geburt der Popkultur.
Heute Themenarbeitabend auf arte.
(Im Anschluß: Blow Up. GB 1966. Regie: Michelangelo Antonioni.)

Expressionistisch-surrealistische Bierreklame. So werde ich es heute abend halten. Denn ich hab' gute Laune wie ein andalusischer Hund.

Während frühere Generationen Schwierigkeiten hatten,
über Sexualität zu sprechen, hat man heute ähnliche Probleme mit der Moral.
Die Art und Weise, in der man heute etwas über sexuelle Moral erfährt,
ähnelt in mancher Beziehung der, wie man früher etwas über Sex erfuhr.
(Ruth Westheimer/ Louis Liebermann. Sex und Moral. Basel, 1990.)
Die "Spaßgesellschaft", so Regina Ammicht-Quinn*, habe sich heute "den Leitspruch der Filterzigarettenindustrie zu Eigen gemacht: Genuß ohne Reue." Sexualität ist Tausch- und Nutzobjekt. "Repressive Kontrolle" sei zwar zurückgewichen, habe sich aber verlagert - auf den Körper. "Nicht mehr der bürgerliche Akt der Heirat, sondern vielmehr ein bestimmtes Verhältnis und ein bestimmter Zustand des Körpers wird zur Voraussetzung 'richtiger' Sexualität."
Houellebecq hat ja aus dem Topos "Warencharakter der Sexualität" eine ganze literarische Karriere geschmiedet. Letzten Endes greift er aber nur genau diesen Aspekt auf: die Übertragung des Foucault'schen Begriffs vom Repressions-Faschismus auf den Körper-Faschismus der Vitalisten. Schöner, härter, stärker, fester, runder, größer. Niemand kann heute mit dem Pokal einer "Miss Besenreiser 2005" einen Blumentopf auf dem Sexualmarkt gewinnen.
An jedem Kneipenstammtisch ist es zudem leichter, sich über exotische Sexualpraktiken zu ergehen, als über Fragen der Moral. Es mit Gemüse zu treiben, bringt einen nicht in Verruf, wohingegen jeder Gelächter erntet, der das Wort "Moral" nur in den Mund nimmt. Sexualität macht uns keine Angst, brennmichbeißmichpeitschmichfickmich, aber der komplexe Begriff "Moral" (was immer das dann ist) provoziert und belustigt wie sonst nur der zweite große Tabubegriff - "Glaube".
Der Film Dreizehn (USA 2003) zeigt das am Beispiel der Mechanismen einer Teenagerclique. Was früher die rigide Moral einer Kirche, eines Staates war, ist heute häufig durch den "Freundeskreis" ersetzt. Die Frage, welche Jeans man trägt, welche Musik man hört und welchen Film man gut findet, ist lange keine individuelle Entscheidung, sondern ein Ergebnis der Geschmackspolizei des Gruppenzwangs. Selbst die Lebensgefährten unterliegen in solchen proto-faschistoiden Vereinigungen einer strengen Selektion: "Also, wenn der kommt, kommen wir nicht" , heißt dann die Form des Erpressens und Zurechtformens. Nicht jeder hat da Rückgrat genug, dem zu widersprechen.
Wer aber solche Freunde hat, braucht wahrlich keine Kirche. Die gewonnene "Freiheit" ist dann nur ein anderes Wort für den Zwang "mithalten" zu müssen.
(* Regina Ammicht-Quinn. "können, sollen, wollen, dürfen, müssen".
In: Sex: Vom Wissen und Wünschen. München, 2002.)

Mittwoch, 29. Juni 2005
Das Circusmuseum öffnet seine buntgestreiften Koffer und präsentiert hunderte alte Plakate aus der Welt des Varietés, der Manegen und Freakshows. Ein schöner, nostalgischer Blick zurück für alle Zampanos und Eisenbieger, Hochseilartisten und Messerwerfer. Die Harry Houdinis unter uns möchten andererseits vielleicht einen hypnotisierenden Blick auf eine ähnlich retrospektive Sammlung von Magiern werfen.
Vor ein paar Jahren sah ich eine der letzten Vorstellung im ehrwürdigen Hansa-Theater in St. Georg. Dort tanzten Marionetten im Schwarzlicht, aufgeregte Pudel auf silberglänzenden Podesten, boten russische Artisten eine "erotische" Show am Trapez und ein leicht pointenlahmer Conférencier frischgeföntes Kabarett. Besonders eindrücklich blieb mir die Speisekarte mit echt 70er-Jahre Gurkenscheibenschnittchen und der livrierte Kellner in Erinnerung, der sich nicht einfach ansprechen, sondern nur über ein Bestellknöpfchen am Tisch heranlotsen ließ. Nach 107 Jahren war dann Schluß mit dem Varieté. Das Finanzamt, die Kultursenatorin, die schwierige Lage auf St. Georg wurden verantwortlich gemacht. Ehrlicherweise muß man aber auch anmerken, daß das Programm aus tanzenden Pudeln und oftgesehenen Jongliernummern schon etwas, öh, speziell war. Jedenfalls neigte sich auch das Durchschnittsalter des Publikums verdächtig den 107. Von den Gurkenschnittchen auf der Speisekarte mal ganz abgesehen.
Dennoch schade. Die Tradition des Vaudeville - wie in England - und des klassischen Varietés hat nicht überlebt. Was bleibt, sind schrille Sex-Shows, überdrehtes Komödiantentreiben und Travestiekaraoke.
Häufig auch nett, aber eben nicht dasselbe.

Montag, 27. Juni 2005
casakidmoosgrundsaftim
grünfließDUwollenSEXzunge imXschrundigHELLe freude
pferdpühgrind grindgrind
AUGenlid
37

Montag, 27. Juni 2005
Morgen dann, im Büro.

Wenn das Charles Manson noch hätte erleben dürfen. "Hol dir Helter Skelter als Klingelton!" Aber ich vermute, Charles Manson hat gar kein Mobiltelefon.
"Led Zeppelin waren ja die ersten, die ihre Gitarren auf der Bühne zerschlugen", behauptet die Musikindustrie im Namen von Thomas Stein oder umgekehrt.
Die Wer? möchte man da nicht fragen, sondern imperativ rufen. "Maximum R&B", manche werden das Poster noch haben, ich bin jetzt zu krank, um davor zu posieren.
Im Fiebertraum hat man die merkwürdigsten Eingebungen. Einer sagt "Pöbel", und ich rufe "Typecasting". Versteht ihr nicht, denkt gar nicht erst darüber nach. Dazwischen schieben sich "Pictures of Lily", aber die sexuellen Sachen lasse ich lieber weg, sonst muß ich wieder bei Frau Gaga auf die Couch, und das strengt mich jetzt zu sehr an. Ab morgen wird das große Zerfließen beginnen. Literweise Schleim, Phlegm und Schweiß werden mir entströmen, da müssen sich nicht noch Blut und Tränen dazumischen.
Offensichtlich - man beachte das Datum! - bin ich ein Kandidat für die Sommererkältung. Das kommt davon, wenn man vor dem 15. Juli den Schal wegläßt. Immerhin sind alle Finger noch dran, und, fast noch besser, der Kopf auch. Danke für die guten Wünsche, das weiß ich zu schätzen. Ich kannte mal eine Frau, die hat mir bei Krankheit um fünf Uhr morgens Geschenke vor die Tür gestellt, damit es mir rasch besser wird. Das fand ich sehr rührend. Bis ich merkte, daß es meine eigenen waren. Ich wurde trotzdem gesund. Denke ich.
Mein Kopf, heißer als eine Backkartoffel und größer als ein Fesselballon muß nun zurück zwischen die weißen, kühlen Laken. Ich denke, ein verrunzeltes Männchen möchte, wie bereits gestern Nacht, meinen Schlaf damit begleiten, mir mit einem silbernen Hämmerchen rhythmisch auf die Stirn zu schlagen.
