Freitag, 16. Juli 2004


Explicit Melissa

Heute, man will nur die "PhotoNews" kaufen, empfängt einen an der Bahnhofsbuchhandlung schon ein eilig gefertigtes, nicht zu übersehendes Schild: "Melissa P. - z. Zt. AUSVERKAUFT!"

Ja, seid ihr denn alle bekloppt? Da schliert sich eine Sexzehnjährige ein paar pimmelstarke Jungmädchenphantasien (Zitat: "In meinem Mund mischten sich die Säfte von fünf Männern.") als elektronisches Tagebuch zusammen, verabredet sich via ("Nichts ist unmöglich") Internet-Chaträume mit, wie sollte es auch anders sein, Sadomasochisten (Zitat: "Ich ließ nichts aus. Gewalt, Erniedrigungen alles!") und Gruppenbumsern, und prompt zieht sich die Verlagsszene wieder gierig ein Stück Skandälchen aus dem Wichsautomaten.

Vor drei Jahren war es die "Catherine M.", die toute la France mit ihren Vulva-Abenteuern ("Ich trieb es mit 50 Männern gleichzeitig.") schockierte, nun fischt man eine verluderte Ragazza aus der italienischen Provinz aus der Gosse von Sodom.

Ihr Lektor konnte wahrscheinlich vor plötzlicher Hosenenge nicht mehr geradeauslaufen, und vor meinem geistigen Auge tauchen schon die Fortsetzungsabdrucke in einer großbuchstabigen Zeitung auf - plaziert wohlmöglich direkt neben der nächsten Treibjagd auf Kinderschänder (oder findet das etwa schon statt?). Die buchstabengewordene Dixieklophantasie schwiemeliger Klötenjongleure ist nun offensichtlich der Hit in der Heavy Rotation der Schnelldreher-Verramscher - und vielleicht auch Thema des Baudrillard-Symposiums am Wochenende im Zentrum fuer Kunst und Medientechnologie Karlsruhe.

Mach mir schnell ein geiles Simulacrum!

(Jean Baudrillard und die Künste: Eine Hommage zu seinem 75. Geburtstag. 16. - 18. Juli 2004. Symposium und Ausstellung im ZKM | Zentrum fuer Kunst und
Medientechnologie Karlsruhe in Anwesenheit von Jean Baudrillard)


 


Freitag, 16. Juli 2004


High On Rebellion, I

Every night before I rest my head.
See those dollar bills go swirling 'round my bed.
I know they're stolen, but I don't feel bad.
I take that money, buy you things you never had.
("Free Money")

Ich weiß nicht, ob ich mit 58 Jahren noch so die Bühne rocke. Manche halten mich ja schon jetzt für einen Langweiler. Grandioses Konzert, morgen abend hoffe ich, einen ausführlicheren Bericht absetzen zu können.

Hier erst einmal eine persönliche Nachricht für Yvonne Sonne:
Sie haben "Free Money" gespielt, und das halte ich für ein synchronistisch verdammt gutes Zeichen!

Oh, baby, it would mean so much to me,
Oh, baby, to buy you all the things you need for free.


Radau | von kid37 um 01:33h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 



Ask The Angels



Piss Factory. Zeit, sich selbst etwas Gutes zu tun. Man kann aber nicht immer essen gehen. Deshalb heute abend mal den Predigten älterer Frauen lauschen. Ich hoffe, es gibt nicht "Dancing Barefoot" oder so was. Da schunkeln bestimmt kurzgeschorene Altonaerinnen zu. An "We Three" wurde ich neulich erinnert, das wäre nett. Das neue Album rockt ja nicht so wirklich. Es ist aber schön, daß es sowas noch gibt.

Let us celebrate our own flesh-to embrace not ones race mais the marathon-to never let go of this fiery sadness called desire.

Radau | von kid37 um 18:44h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 14. Juli 2004


Auswärts essen

Aus der Reihe, zehn Situationen, in denen du merkst, daß deine Beziehung
im Arsch am Ende ist:

3. Sie kommt im Morgengrauen nach Hause und erzählt detailliert, wie lecker es war.

(Aus dem Buch: Warum nur Appetit holen, wenn man bei Profiköchen auch essen kann? Hamburg, 2003.)


 


Dienstag, 13. Juli 2004


Der gefundene Satz, 5

"Ich bin mit fast allen von der Branche zerstritten. Das ist bekannt. Mein Ehrgeiz wäre es aber, mit allen zerstritten zu sein."

(Franz Xaver Kroetz im Interview mit dem Hamburger Abendblatt.)


 


Montag, 12. Juli 2004


Das Wohnzimmermuseum



So, der Preisblogger-Kelch ist nun einmal rumgegangen, von den 8000 deutschen Blogs wurden 12000 nominiert, nun geht es ans Wählen. Wir vom hermetischen Café (Ich mach das jetzt ganz angelsächsisch und spreche im pluralis whatever) möchten da keine offizielle Linie empfehlen und sagen einfach nur LYSSA WÄHLEN. (Die derbe Lu will ja gar nicht, ätsch.) Das geht nämlich so: Lyssa gewinnt dann so ein Abo von dieser Ausrichterzeitschrift ( das Buchpaket braucht sie gar nicht). Und dann, so denke ich mir ganz feist, kann sie mir ihre ausgelesenen Zeitschriften einfach weiterreichen! Schlau? Schlau.

Aber das nur nebenbei, damit es nicht heißt, hätt' ich es doch nur gewußt.

Heute war ja, wie schon seit einer Woche eigentlich, keine Sonne da, die blieb ja bekanntlich in Wien. Ein Tag wie gemalt also für's Wohnzimmer. Auf dem 5. Boden mitten in der Speicherstadt erwarten einen in einer kleinen gemütlichen Stube zwanzig Dioramen zur kleinen und größeren Geschichte. Da überquert Hannibal die Alpen oder führt der blutrünstige Montezuma eine böse Schlacht. Aber man sieht auch Thomas Bernhard im Wald oder Gregory Peck oder Fritz Honka, wie er im Beisein seiner gerade noch vergnügten weiblichen Gäste eine Gummipuppe aufbläst. Jürgen Bartsch steht mit seinem Instrumentenkoffer lauernd auf einem schäbigen 60er-Jahre Hinterhof herum. Ganz große Kunst also, und wer hier an Fischli&Weiss denkt, liegt wohl nicht ganz falsch.

(Das Wohnzimmermuseum. Alter Wandrahm 7/5. Boden. 20457 Hamburg. Öffnungszeiten: montags 16-21 Uhr, samstags 11-14 Uhr. Eintritt frei.)


 



Akademierundgang



Kleiner, beschaulicher, schmaler war's als letztes Jahr. Die kulturfördernde Politik des Senats dieser freien Stadt Hamburg trägt ihre Früchte. Bald sollen die Grundkurse der Kunstpädagogik und der Freien Kunst weiter zusammengeschmolzen werden. Das geht Hand in Hand mit der Kahlschlagpolitik in Sachen Filmförderung. Die Damen und Herren im Rathaus sind nämlich schlau: Sie fördern eine Hamburger "Media School" (muß ja immer angelsächsisch benannt werden, damit der Unsinn dahinter wenigstens modern klingt) mit ein paar lockeren Millionen, streichen dafür die Filmförderung (die z.B. zuletzt einen Film wie "Gegen die Wand" ermöglicht hat), damit die Absolventen dieser "School" bloß nicht anfangen, in Hamburg zu arbeiten.

Aber noch kann man sich Jahr für Jahr, den fiesen Dreck , die feinen Spitzen, witzigen Ergüsse und natürlich auch die tastenden Versuche, zittrigen Experimente und durchgeknallten Materialstudien dieser ehemals ruhmvollen Kunstakademie zu Gemüte ziehen. Ein erbaulicher Nachmittag, bei dem man sogar ein wenig kleine Kunst erwerben konnte. Denn Kunst, schreibt Euch das hinter die Ohren, kann man ansehen. Kann man aber auch kaufen. Wissen bloß die wenigsten.

(Ist auch rentabler als irgendwelche Rentenfonds.)

(Ein paar dokumentarische Bilder in den Kommentaren)


 


Samstag, 10. Juli 2004


"O, wie so trügerisch sind Weiberherzen"?

Cornelia Remi a.k.a. Real-Icon klärt nachhaltig darüber auf, daß popkulturelles Wissen allein zu wenig ist, um Fernsehwerbung goutieren zu können.

Homestory | von kid37 um 15:03h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 9. Juli 2004


The Lonely Life

Sieht aus wie mal eben hingekritzelt. Ist es auch. Der amerikanische Künstler Jack Pierson benutzt Fotografie, Poesie, Malerei und Installationen für seine Forschungsreisen in die Alltagswelt. Seine Themen sind Einsamkeit, emotionale Distanz, Verlorensein, das Monumentale und das Banale. Geplatzte Träume, enttäuschte Hoffnungen. Alles wird Kunst, und Kunst wird alles.
Regen auf Fensterscheiben, verblasste Interieurs, reduzierte Farben, sinnentleerte Wortfetzen. Seine Fotografien scheinen nur dokumentarisch, weil sie das Banale streifen. Dabei sind sie Fiktionen, lakonische Kommentare, zerbrochene (amerikanische) Träume. Zersplitterte Oberflächen, abgewetzte Möbel, ein paar Schallplatten, Bücher, eine letzte Zigarette. Atmosphärisches Geplänkel für manche. Rührung für andere.
Das einzig echte eben.

(Jack Pierson. The Lonely Life. Zürich, 1997.)