Dienstag, 16. November 2004


Mein linker Fuß

Die Großwetterlage über dem gefährdeten Standort unserer gußeisernen Konsensrepublik erfordert die Rückkehr zu ernsten Themen. Als ich heute morgen also klebstoffschnüffelnd in der Toreinfahrt stand, fiel mein Blick auf meine Schuhe. Die müssen auch schon bessere Zeiten gesehen haben, allerdings haben sie mir davon nie berichtet. Doch wenn man schon auf vernarbtem Leder in den Abgrund marschiert, sollte man dabei wenigstens ein augenfälliges Bild abgeben. Ich erinnere daher an die kleinen dezenten Hinweise bezüglich geringelter Strümpfe, die in diesem Blog ab und an zu lesen waren.

Einer Frage, die bei der Stilpolizei bereits während der Grundausbildung gestellt wird, möchte ich nun noch einmal anschaulich auf den Grund gehen. Längs oder quer ist nämlich nicht nur eine ideologische Frage wie rechts oder links, evangelisch oder katholisch, schlucken oder spucken, Beatles oder Rolling Stones, sondern auch eine Frage des Formats. Immer wieder lautet die These berühmter Modemacher: Quer mache breit und längs mache schmal. Und tatsächlich: Meinen quergestreiften rechten Fuß bekam ich kaum noch in den ungeputzten Schuh hinein, so fett war er geworden!

Obacht also, bei modischen Experimenten. Nebenstehende, nach der Natur gemalte Skizze zeigt, wie es richtig aussieht. Wer im Zweifel ist, nimmt sich besser meinen linken Fuß zum Vorbild. Malen kann der auch.


 


Freitag, 12. November 2004


Drei Ecken, ein Elfer

Wurde hier eigentlich schon mal über den schönsten Sport geschrieben? Ich glaube, nur ab und an am Rande, so wie damals, als ich ohne Kuchen ins Bett mußte.



Wie so oft, ist der Herr Semmel mein Mann. Klare Bilder, klare Worte. Man könnte glatt Vorurteile züchten.

Ich selbst war ja früher mal der Schrecken der linken Außenbahn bei der C-Jugend der "Sportfreunde Wichlinghausen". Der Schrecken für die eigene Mannschaft, wohlgemerkt. Trainingsweltmeister, aber auf dem Platz eher Aushilfswasserträger. Ich glaube, mir fehlte ein wenig die südländische Heimtücke Finesse. So blieb mir meist nur die Rolle des Jokers in der zweiten Halbzeit. Wenn wir so drei- oder auch viernull führten. Dann kam die Außenlusche. Leider habe ich meine Karriere ausgerechnet mitten in der Saison an den Nagel gehängt, in der wir Meister wurden. Sonst könnte ich hier jetzt eine kleine Blechplakette oder so was in die Kamera halten und von meinen meisterlichen Taten daherreden.

Aber nun, so wie die Dinge liegen, werde ich einmal nicht in Versuchung geführt und kann - wie stets in diesem Laden - bei der Wahrheit bleiben. Mein Meisterschaftsbeitrag war eben leider eher gering. Heute wäre das anders, heute nehme ich es ja mit jedem auf - auch und gerade und gerne mit den inneren Dämonen. Dann heißt es Blutgrätsche, Socke treten und rein in den Mann. Gerade jetzt auf den eisigeren Plätzen lautet die Devise "Stollen raus". Gras beißen. Die Pille reinhauen. Jeder Mann seine eigene Südkurve.

Es gibt halt welche, die schießen Tore. Dann gibt es welche, die schlagen Flanken. Dort gibt es die Filigrantechniker, hier die groben Eisenmänner so wie mich. Da kommt dann so ein Totti, duckt, täuscht, dribbelt. Und ich laß' den Stiefel stehen, mäh' ihn um den Mann, hab' die Kugel und griene "Lick my ball". Spätestens beim Trikottausch mit den Spielerfrauen bekomme ich die Nummer eins.

(Aus: Richard "Rikki" Drzskowski. Erst den Gegner, dann den Ball: Harte Kerle, pralle Kugel. Köln: F.C.-Verlag, 2003.)


 


Donnerstag, 11. November 2004


Kasperei

So weit ist es schon gekommen. Heute mußte ich mich von Norddeutschen daran erinnern lassen, daß der Hoppeditz erwacht ist. Seit 11 Uhr 11 läßt er seine Glöckchen klingeln, genauer gesagt.

Wo ist jetzt diese rote Kugel... für die Nase. Ach, wo soll das hinführen?


 


Dienstag, 9. November 2004


Vom Osten lernen

Vor 15 Jahren fiel also diese Mauer. Der Kid damals: "Interessiert mich nicht, ich hab' meine eigenen Probleme." Die hat er nun immer noch. Aber bald wird es wohl auch denen an den Kragen gehen. Wie lange werden wir uns eigene Probleme noch leisten können?

Der Westen solle sich in seinen Lebens- und Arbeitsbedingungen endlich dem Osten anpassen. So hört man in der Debatte um Arbeitszeiten und Abbau von Arbeitnehmerrechten nun immer häufiger von (Ost-)Politikern.

Vom Osten lernen also.

Schauen wir in die Geschichte zurück:
"Mehr arbeiten und den Gürtel enger schnallen? Die Arbeiter fühlen sich ausgebeutet." (Zur Stimmung am Vorabend des Volksaufstands vom 17. Juni 1953. Aus der Dokumentation "Damals in der DDR", ARD.)

PS: Und ausgerechnet Udo L., der Ledermann mit seiner Vorliebe für Mädchen aus Ostberlin, singt das Titellied. Ich muß brechen.


 


Montag, 8. November 2004


Adhoc: Kaufen!

Auch das noch: Während in Deutschland führende Experten mit der Diskussion über die "50 Stunden Woche" und "Urlaubszeitabbau" die Binnennachfrage in rasante Höhen treiben, droht bereits die nächste globale Krise:

JETZT WIRD AUCH NOCH SCHOKOLADE TEURER!

Zuneigungssurrogate und Liebeskummer-Sedative könnten in nächster, d.h. in der dunkleren Jahreszeit unerschwinglich werden! Gut unterrichtete Schwarzmarktanalysten raten, bereits jetzt Schokolade zu kaufen!

(Zum Glück ist mein Keller voll mit Nylonstrümpfen, Zigaretten und Schokolade. Harte Währung für kommende Zeiten nach dem Crash.)


 


Freitag, 5. November 2004


Temptation

A heaven, a gateway, a hope
Just like a feeling inside, it’s no joke
And though it hurts me to treat you this way
Betrayed by words, I’d never heard, too hard to say
Up, down, turn around
Please don’t let me hit the ground
Tonight I think I’ll walk alone
I’ll find my soul as I go home

Manchmal in der Trümmerstimmung von Diskotheken um vier oder fünf Uhr morgens, zwischen letzten Liedern und dem ersten grellen Neonlicht, das sich über zersplittertes Glas, verlorene Feuerzeuge, vergessene Menschen und Unterwäsche ergießt, spürt man eines besonders deutlich: Es gibt keinen Platz, an den man gehen könnte. Mißmutige Kellner fegen den Unrat auf der Tanzfläche zusammen, vor der Garderobe bilden sich Schlangen, erschöpfte, schrille und weinerliche Stimmen mischen sich untereinander.
"Es war doch eben noch da!" kreischt die eine und sucht ihr Portemonnaie.
"Er war doch eben noch da!" heult eine andere und sucht ihren Freund.
Kleine Katastrophen, gestohlene Mäntel, nackt schleicht man hinaus in die kühle Nachtluft. Dort steht die Sehnsucht und blickt einen an. Nicht höhnisch, wie ihr Bruder, der Spott. Nicht kläglich, wie ihr unreiner Wechselbalg, das Selbstmitleid. Nur fragend, zögernd.

Oh, you’ve got green eyes
Oh, you’ve got blue eyes
Oh, you’ve got grey eyes
I’ve never seen anyone quite like you before
No, I’ve never met anyone quite like you before

Man nimmt sich vor, daß dies das letzte Mal sein würde. Das letzte Mal zwischen Demütigung und einsamen Wegen durch die Nacht. Das letzte Mal, das man auf der Brücke stehen würde, den Wind gefangen in der Jacke, die man mühsam um den zitternden Körper geschlungen hält. Das letzte Mal, das man auf die Züge wartet, die unter der Brücke hindurchfahren. Das letzte Mal, das man hofft, sie brächten einen hinaus aus der Stadt. Hinaus aus diesem Leben. Hinaus in ein anderes Land.

People in this world, we have no place to go
Oh, it’s the last time
(New Order, "Temptation")

An der Tankstelle gibt es Bier und ein paar Menschen noch. Ein übermüdeter Mann füllt draußen Benzin nach. Auf der Karte an der Wand erkenne ich den Weg zu meiner Wohnung. Etwas, das sich "Zuhause" nennt. Kein Heim.
Dort sind die Fenster alle geschlossen. Wenn ich dahinter winke, wird es niemand sehen. Ein letztes Mal. Nie habe ich jemanden getroffen so wie dich.


 


Donnerstag, 4. November 2004


Industrieliebe

I am mesmerised by my own beat
Like a heartbeat
(Wire, "Heartbeat")



"Die Frau ist nett", sagt sie leichthin. Er ist erstaunt, wen sie alles kennt. Man interessiert sich eben, denkt der Mann und beschließt, fortan diese Länder mit "I" zu meiden. Iowa, Indonesien, Indien und so weiter. Immer.

Nicht aber die Industrieruine. Am Fuße des Kraftwerks trieben sie sich einst rostige Nägel ins Fleisch. Ein Zeichen der Liebe, besiegelt mit einer geteilten Flasche dünnen Bieres. Ihre Stiefel sinken tief in den morastigen Schlick.
"Macht nichts", meint sie. "Die sind dicht."

Er hält ihren Arm und betrachtet die Narben. Sie sind noch immer nicht richtig verheilt. Sie trägt eine Uhr. Dabei ist es doch immer zu früh. Oder zu spät. Sie nimmt seinen Unterarm, leckt leicht darüber, schaut ihn an dabei. Wir hätten nicht herkommen sollen, denkt er.

Das ruhige monotone Brummen der Anlage summt im Hintergrund wie ein heiliges Mantra. Eine Litanei für künstlich perforierte Körper. Öffnungen für erweiterte Wahrnehmung. Vielleicht. Der Industriemensch pulsiert entlang seiner elektrischen Drähte, wie ein Roboter. Aufgeschreckt durch Radiophone und dem lilafarbenen Glühen der Magic Wands. Abgestumpfte Tiere.
"Did you ever conceive that you too can leave exactly when you like?"
(Wire, "I Feel Mysterious Today")

An den zerfallenden Mauern der Maschinenhalle hält er Ausschau.
Nach kleinen Zeichen. Etwas Eingeritztem. Ein silberner Fisch. Ein verbogener Stacheldraht. Verschlungene Initialen. Weiter vorn gibt ein zerfetztes Stück Eisenzaun eine Öffnung frei. Drüben ist das andere Land. "Hier," sagt er. Er reicht ihr ein Stück von seinem Proviant. Sie nimmt es, sieht ihn wieder an dabei. "Ich gehe allein", sagt sie.

"Ja," sagt er und betrachtet einen Wetterballon, der am Horizont verglüht. Immer allein.
Nur heute war bedingungslos.


 


Donnerstag, 4. November 2004


Von wegen Männertag

Heute ist ja angeblich Tag des Mannes, man mag es kaum glauben. Tag des rumlungernden Mannes vielleicht.
Ich wartete heute auf den fest eingeplanten Anruf aus Halle/Saale. Der kam aber nicht. Dann fiel mir ein - ha, die haben ja möglicherweise noch gar kein Telefon!
Es wird ja wohl kaum an etwas anderem gelegen haben.

Der Anruf hätte mir eigentlich im nächsten Jahr vier sorgenfreie, wenn auch arbeitsreiche Monate in einem fernen Land bescheren sollen. Was sage ich, in einem sehr fernen Land. Aber wenn die kein Telefon haben...

Dann also 1-Euro-Jobs, z.B. Nackt-Putzen. Oder Blutspenden.

Tag des Mannes. Phh.
Tag des gestrandeten Matrosen. Das wär mal ein Tag.

Homestory | von kid37 um 00:49h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 2. November 2004


Süßes oder Saures

I wear my memories like a shroud
I try to speak but words collapse
Echoing
Trick or Treat
Trick or Treat
The bitter and the sweet
I wander through your sadness
Gazing at you with scorpion eyes...
(Siouxsie and the Banshees, "Halloween")

Gestern wagten sich das erste Mal kleine Kinder im Schutze ihrer älteren Schwestern bis vor meine Türe. "Süßes oder Saures" riefen helle Stimmchen hinter grüngrauen Gummimasken hervor.
Ha, Euch geb' ich gleich Saures, ihr Lorbasse! dachte ich. Aber nur kurz. Dann holte ich noch ein paar abgestandene American Cookies hervor. Fanden die gut, die kleinen Racker. Was wissen die schon vom wahren Horror hinter dreifach verriegelten Türen.


 


Dienstag, 26. Oktober 2004


Astigmatismus

She lives in the TV sky
She lives in such pain
She rides in a bulletproof
Stretch limousine
(Neil Young, "Slip Away".)

"Dieser Satz ist falsch." Das ist so ein philosophisches Rätsel. "Alle Kreter lügen", man kennt das. Sagt ein Kreter. Wie also dieses Paradox auflösen?

Ich kann keine Philosophie. Ich habe einiges von Nietzsche gelesen. Einiges von Kant. Als ich auf der Uni war, interessierte ich mich für ein paar dieser Postmodernen. Über Roland Barthes kam ich zu Baudrillard, Derrida, Deuleuze, Guattari, Virilio. Kittler auch. Damals, abgeschieden auf Waltons Mountain hielt ich mich für einen brillanten Kopf, der an eine semiotische Tür klopfte, zu der er keinen Schlüssel besaß. Damals war Verstehen sehr einfach. Man mußte nur eine elektrische Gitarre vor den Lautsprecher eines Verstärkers stellen. Im Feedback der wimmernden Membranen verstand man erst den Skeptizismus von Virilio und landete zwischen E-Dur und a-Moll bei Deleuze.

Wenn man ein Zeitungsfoto mit Nitrolösung überstrich und als Frottage auf ein anderes Papier übertrug, kam man Baudrillard sehr nahe. Manchmal fühlte ich mich als mein eigenes Simulacrum. Und ein kurzer oder besser noch längerer Blick in die Augen eines schönen Mädchens, das im Begriff war, einen unter den Tresen zu trinken, genügte, um selbst zu einem Mythos des Alltags zu werden.

Als der selbstgewisse Rausch der Jugendlichkeit verflog, wurden die Ränder unschärfer. Eine Zeitlang half mir meine schwarze Intello-Hornbrille von Mikli, die ich alsbald benötigte. Nietzscheanische Selbstgewißheit gegen die Kleine Leute Moralität ("Das ist die ekelhafteste Entartung, welche die Cultur bisher aufzuweisen hat" - Über die Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne.) verflüchtigte sich, je mehr ich selbst zum kleinen Mann wurde.
Was war schon wahr, Derrida?

Im Haus der Lüge (Neubauten), der beständigen Interpretation von dem, an das sich andere als wahr klammern mochten, richtete ich mir bald ein Zimmer ein. Sollten andere sich Häuser, Yachten, Pferde und Pferdepflegerinnen erschaffen; ich - in der Hälfte des Lebens - wollte im selbsterrichteten Tübinger Turm eine Hölderin'sche Heimstatt finden. Zeit für morbide Sehnsüchte also.

Vitalisten, Sadisten, Antichristen, Bataillisten - das modische dunklere Ende einer Pubertät ohne LSD-Visionen. Jahrtausendwende und die Hoffnung auf ein eigenes fin de siècle. Aber statt mit Pitigrillis Kokain schmissen die Geliebten im vierten Stock nur mit aufgetragenen Gelüsten um sich. Erstarrtes Bücherleben wird zum Kitsch. Katholischer Mystizismus als Gelsenkirchener Barock im spinnwebumhangenen Herrgottswinkel. Aber den Meister Eckhard konnte ich nicht gut genug rezitieren.

Überhaupt gebrach es mir zusehends an ausschweifendem Interesse. Man schafft es im Leben immer nur bis an diese oder jene Tür. Innerhalb dieses Feldes sollte doch ein Garten abzustecken sein. Man muß doch nicht sein verrücktes Pferd auf eine Prärie treiben, deren Weite man nie gewachsen sein wird.

"Ich als Hörender, zumal wenn ich ein Solipsist bin, bestimme, ob das, was ich beim Hören imaginiere, eine sinnvolle Aussage oder nur ein mir spaßmachendes Geräusch ist." (Steffen Dietzsch. Kleine Kulturgeschichte der Lüge. 1998.)

Mein Problem ist einfach: Alles was Du gesagt hast, ist wahr.