Vom Osten lernen

Vor 15 Jahren fiel also diese Mauer. Der Kid damals: "Interessiert mich nicht, ich hab' meine eigenen Probleme." Die hat er nun immer noch. Aber bald wird es wohl auch denen an den Kragen gehen. Wie lange werden wir uns eigene Probleme noch leisten können?

Der Westen solle sich in seinen Lebens- und Arbeitsbedingungen endlich dem Osten anpassen. So hört man in der Debatte um Arbeitszeiten und Abbau von Arbeitnehmerrechten nun immer häufiger von (Ost-)Politikern.

Vom Osten lernen also.

Schauen wir in die Geschichte zurück:
"Mehr arbeiten und den Gürtel enger schnallen? Die Arbeiter fühlen sich ausgebeutet." (Zur Stimmung am Vorabend des Volksaufstands vom 17. Juni 1953. Aus der Dokumentation "Damals in der DDR", ARD.)

PS: Und ausgerechnet Udo L., der Ledermann mit seiner Vorliebe für Mädchen aus Ostberlin, singt das Titellied. Ich muß brechen.

Homestory | 17:26h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
sonrisa - Dienstag, 9. November 2004, 19:38
Ja, man darf kaum noch laut lamentieren, das ist das Schlimmste. Immer heisst es dann DIE Deutschen wären nen Volk von Heulsusen, die Ossis ja sowieso. Pfft na und, wer sich nicht mehr beschwert wird irgendwann gar nur noch zum Futtertrog und zurück geführt. Vom Osten, vom Westen lernen, das ist doch irgendwie alles blöd. Egal von woher, wir wissen alles was diese Welt lebenswert macht, die ökonomische Konjunktur ist es bestimmt nicht und wird es auch nicht mehr sein. Ich geb meine Probleme jedenfalls nicht heraus, eher trag ich sie noch zum therapeuten und lass mich veranstalten, also so zu tun als wär ich mir nicht mehr selbst am nächsten *bah*.

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kid37 - Mittwoch, 10. November 2004, 02:57
Am Ende einer Flasche Rotwein würde ich natürlich gerne zu einem Volksmarsch aufrufen. Spätestens, wenn Schalk-Rogowski wieder eine seiner Propagandareden hält. Aber nachher werde ich noch als Aufwiegler nach Bautzen geschickt.

Wenn ich höre, die Deutschen sollen 40 Stunden arbeiten, denke ich, gerne - aber wer gibt mir einen Job?
Dann sind die Arbeitgeber-Agitatoren immer gleich still, weil sie nichts haben und auch wissen, daß da nichts kommen wird. Auch nicht "hinterm Horizont" wie der U.L. immer singt. Der wohnt hier um die Ecke und schaut auf die Alster, während er mit der Reitgerte durch sein Hotelzimmeratelier tigert. Das ist mal dekadent.

Wenn ich mit der Reitgerte durch meine schäbige Baracke schlurfe und mein "Superkid"-Zeichen kreuzweise durch die aufgehängten Politikerporträts zischen lasse, dann ist das nur verzweifelt.
Nicht mal dandyhaft.

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sonrisa - Mittwoch, 10. November 2004, 11:44
Der Dandy ist ja auch
lange schon ausgestorben. Über den Dingen zu leiden, nicht nur darunter, das ist uns ja nicht mehr gestattet. Selbst letzteres soll ja nicht sein.

Ich finde es aber auch eine Frechheit zu welcher Arbeit bei welchem Lohn man die Arbeitslosen zwingen möchte. Das würd ich nur dann 40 Stunden die Woche machen, wenn ich verhungern und verdursten würde. Soweit ich weiß, sieht man das auch in den Favelas ähnlich.

Im TV laufen dazu, auch in den Öffentlichen, schon wöchentlich Propagandasendungen. Da hängen dann nur noch dezent existierende Lebewesen in so einem Gurkenschieber - ein monströser Apparat mit einer Pflückleiste aus Menschen vorne dranmonitiert - und dann hört man sich von denen an, dass es ja besser als gar nichts sei. Nach einem Jahr ist man dann eh hinüber und kann der Krankenkasse auf dem Etat tanzen. Das ist so ein dummes, kurzsichtiges Zeug. Ja, wenn ich das an mich heranlasse, dann bleibt da auch nur noch Verzweiflung.

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yvonnesonne - Mittwoch, 10. November 2004, 13:03
und dann schlag ich die feindliche bürgerliche zeitung am morgen auf (kenne deine .. und so weiter) und lese:

riesiger konzern kauft kleines österreichisches unternehmen.

am flughafen wien wir ein eigener vip-bereich gebaut, für minister und andere reiche.

es wird wirklich so wie in shadow run. nur ohne magie dabei. bald hat micros*ft eine privatarmee und überall stehen ghettos wo die reichen drin wohnen. ich weiß schon, warum ich keine kinder kriegen will.

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phileas - Donnerstag, 11. November 2004, 11:06
Die Ghettoisierung
ist schon voll dabei.
In unserer Stadt lehnen manche Gymnasien schon Kinder aus den gewissen Stadtteilen als Schüler ab. Den Stadtteilen nämlich, wo die Armen, Ausländer und Asozialen wohnen.
So festigt sich auf der einen Seite der schöne Schein der schönen heilen Welt, auf der andern Seite entsteht sowas wie eine AAA-Kommune.
Wenn Brechen wenigstens helfen würde! Aber soviel kann ich gar nicht essen, um gegen all die ekelhafte Scheinheiligkeit angemessen ankotzen zu können.

Leider wird es einen weiteren 17. Juni kaum geben, mit positivem Ergebnis erst recht nicht. Wir sind zwar alle längst verplant. Aber es gibt ja leider niemanden mehr, den mal als Oberplanwirtschaftsverbrecher an die Wand nageln könnte.

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delacruze - Donnerstag, 11. November 2004, 16:29
@phileas: Doch, Dich selbst! Und...
...ich hätte hier noch schöne Opferwesenkostüme. Flauschig-Verschreckter Hase und Puscheliges- Stoisches Schaf. Die könnte ich euch schicken und dazu ein paar Nüsschen reichen und dann machen wir es uns so richtig gemütlich in der so schön getäfelten Selbstmitleidecke. Wir alle haben diese Entwicklung nicht initiiert, tragen sie aber täglich. Solange der Unbill über das bloße erkennen nicht hinaus geht, wir in inkonsequenter Weise monieren statt zu agieren, solange wird es möglich sein, die sozialen Errungenschaften auf dem Altar der Globalisierung zu schlachten. Ich habe in China die Zukunft gesehen. Während wir uns hier über die Legebatterien der Eierproduktion echauffieren, hat man dort (sinngemäß) selbige Einrichtungen für die Spezies Mensch. Guten Morgen Matrix! Glaubt ihr wirklich, dass man nur lange genug sagen muss: Wäre schön, wenn die Wand Gelb wäre. Und dann passiert es? Einfach so? No way! Während braune Rattenfänger all die um sich scharen, die schon vom Wohlstandstablett runtergefallen sind und ein zusätzliche Gefahrenpotential darstellen, beweinen sich die, die die Änderung in der Hand haben, im Internet und suchen einen Schuldigen. Den gibt es aber ausnahmsweise mal nicht. Oder ist es doch der Kapitalismus, ganz banal? Dabei hat sich sein kleiner Bruder der Neoliberalismus noch nicht all seiner Fesseln entledigt. Heil uns wenn ihm das gelingt und das wird es, wenn jetziger Kurs beibehalten wird. Auf dem Weg dahin wird es ein Fülle von beklagenswerten Dingen geben, die ,da bin ich mir sicher, von Herrn kid37 aus einem bunten Sammelsurium von Begrifflichkeiten zu wunderschönen Texten gewürfelt und kommentiert werden und wir werden uns wieder hier einfinden und uns bedauern. Hoffentlich sind die Felle dann schon aus der Reinigung zurück.

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phileas - Donnerstag, 11. November 2004, 21:46
Danke delacruze
immer gut, wenn es noch pessimistischer geht!
So direkt läßt sich aus deinem Statement ja auch kein Patentrezept ablesen. Schade eigentlich.
Aber bis es eins gibt, finde ich es sinnvoll, wenigstens hin und wieder mit deutlichen Worten auszusprechen, was sonst nur schöngeredet wird.
Ob es irgendwas nützt, sei dahingestellt.
Aber... - am Anfang steht immer die Erkenntnis.

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delacruze - Freitag, 12. November 2004, 12:11
Die Nüsschen,
im Teigmantel oder nackig?

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yvonnesonne - Samstag, 13. November 2004, 05:22
ich genier mich so, darum lösch ich das jetzt.

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yvonnesonne - Samstag, 13. November 2004, 05:31
und dafür genire ich mich noch viel mehr.

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phileas - Samstag, 13. November 2004, 11:58
wieso nur
ist das hier in so seltsame Richtung entglitten?
Zu dem Mann an dem Lattengerüst, an das sie ihn genagelt haben, so vor 2000 Jahren (frei nach Hermann van Veen) wollte ich gar keine Analogie herstellen.
Tut mir leid, wenn das so angekommen ist.
Sollte natürlich im Gegenteil ein ganz cooles zeitgeistiges Statement werden.

Nichts für ungut.

Oh ich armes Opfer.

Es tut mir leieieieieid.

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kid37 - Samstag, 13. November 2004, 14:42
Immer gemach bitte mit den wilden Pferden. Sonst muß ich hier doch einen kleinen Korral errichten. Es geht hier schließlich nicht um Nichtigkeiten. Oder ich rationiere die Kekse. Oder Hostien, die kann man dann ans...

(Oder ich hol den Wallenstein, der muß dann gegen die Schweden ran... ;-))

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yvonnesonne - Samstag, 13. November 2004, 16:10
ich muß mich entschuldigen - ich war ein bier und naturbekifftopfer gestern. keine ahnung. komisch woche.

aber bitte was hat es mit schweden/schwedisch auf sich? ich schätze hinweise, aber momentan verstehe ich nur bahnhof :(

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delacruze - Montag, 15. November 2004, 08:34
Liebe Frau Sonne/Lieber Herr Kid
@Fr. Sonne:
mit Bedauern stellte ich fest, dass Sie ihre Einträge löschten. Waren es doch die, die mich so tröstlich stimmten. Sie vermochten als Einzige, zwischen den Zeilen zu lesen. Böse Zungen werden behaupten, es lag an dem pupillenweitenden Effekt Ihrer Stimmungsaufheller. So nicht ich. Sie sollten aber wirkllich weniger kiffen. Haben Sie es mal mit Bewusstseinerweiterung durch Dehydriererung versucht? Ist in Afrika der letzte Schrei, deswegen mögen die dort auch nicht unserer Hilfe, es würde Ihnen die Illusionen nehmen.

@Kid37
Der Wallenstein war vom Glück begünstigt, siehe Prag. Hier munkelt man ausserdem, dass es nur an der schlechten Performance der finnischen Verbände lag. So hat halt jedes Land eine Dolchstosslegende, was ja in der Natur des Menschen liegt, wegen der Illusionen. Dolchstosslegende is everywhere.

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yvonnesonne - Montag, 15. November 2004, 10:51
selbstehrenrettung und so
oh nein! ich kiffe ja überhaupt gar nicht. ich war nur so wie als ob, aufgrund unerklärlicher zusammenhänge. könnnen flashbacks auch vier jahre nach einnahme der substanz auftreten? getrunken hab ich genug. vielleicht lag es daran. zwei bier sind für meinen an alkohol nicht gewöhnten organismus sehr zuviel.

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kid37 - Montag, 15. November 2004, 12:34
Man kann sein Glück auch zwingen. Aber das wäre jetzt selbst mir zu floskelhaft.

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