Freitag, 30. Mai 2008

Viel zu spät, müde, leicht trunken, erfüllt, verwirrt, aber erschrocken auch ins Bett sinken. Wie man vieles auf einmal neu bewertet.

Montag, 19. Mai 2008
(P. J. Harvey)
Das Leben kann nicht immer Picknick sein. Manchmal ist die Sonne fern, wettern fahle Wechsellaunen, trübt ein kühlerer Regen die Tage, ein bitterer Mond die Nacht. Dann vielleicht lieber Lesen und Schauen und auf sachte Weise nahe sein: den wunderlichen Dingen Wunderkammern, den obskuren Schätzen, dem Unbekannten. Einem schick bestrumpften Bein, einem spannenden Buch, vielleicht einem Fensterblick ins Weite. Nein, es kann nicht immer Sommer sein, und dieses Jahr lüpfte er früh den Hut, grüßte heiter mit Strandvergnügen, Badespaß und dem angenehm leichten Gefühl luftiger Kleidung und Fülle versprechenden Salzen auf der Haut.
Um der frühen Ahnung von Herbst einen Lichtblick entgegenzusetzen, habe ich am Sonntag Blumen gekauft. Sie klagen nicht. Sie versprechen nicht. Sie sind schöner Schein und Gast auch nur für eine Zeit. Perfectly useless, perfectly useless. Als ich sie anschnitt, verletzte ich mich gleichwohl am Finger. Ein roter Tropfen sank langsam in die Vase, o sieh, ein Faden von Blut, hinab in das Wasser, löste sich auf. Die Blumen nähren sich von mir, kurze Zeit, bilden längere Sätze, bildhaftere Worte, treiben vielleicht neue Blüten, sind ja auch wieder nur ein Buch, eine Wunde, ein amputierter Frühlingstag. Das Leben als Bild gemalt, ein arrangierter Traum. Das Leben als ewiger Vollmond betrachtet. Long Snake Moan, Kuchen, Peitsche, Kruzifix. Die Milch, die fromme, die gute, aber ja, aber ja, muß man trinken, ehe sie sauer wird.

Dienstag, 13. Mai 2008
Die Vorstellung, früher in den Schlaf zu finden, wenn ich nur zahngeputzt und pyjamabewehrt abends vom Bett aus das Internet ansteuere, muß als eine irrige verworfen werden. Man surft nur etwas gemütlicher. Nicht weniger lange.

Samstag, 10. Mai 2008

Im Winter habe ich gerne Carnivale geschaut, eine großartige HBO-Serie voller mysteriösem Gedöns, barbusigen Tänzerinnen und Zirkusvolk. Gibt es demnächst auch in einer deutschen Synchronisation, unbedingt ansehen. Jetzt, wo das Wetter wechselt, bleibt man gerne beim C und wechselt zu Californication, wo David Duchovny ein wenig an seine Rolle in Trust The Man (natürlich nicht!) anknüpft. Wunderbar. Ich mag den Mann, seit ich vor Jahren mit der sehr schönen Frau™ immer Akte X sah. Wegen unseres gemeinsamen Interesse am Skurrilen, unseren Brillen und der Farbe unserer Haare sahen wir selber ein wenig so aus wie Mulder & Scully - leider gelang es uns nicht, einen Platz für den Look-a-like-Wettbewerb eines Fantreffens zu ergattern. Sonst jetzt Weltkarriere. Ach was sage ich, internationaler Durchbruch! Eine schöne Erinnerung, vor allem in Zeiten, da man die Wahrheit wieder irgendwo da draußen suchen muß. Oder in schlammbespritzten Heuschobern.

Viel verlockender aber, wir bleiben beim schönen Wetter, ist das Versprechen, das in diesem Korb wartet. Mein kleines Picknick. Nicht schauen, selber tun. Und dabei an Carnivale denken. Der nächste Herbst kommt bestimmt.

Freitag, 9. Mai 2008
Manchmal ist das Leben schon verrückt. Gerade wenn man denkt, es geht nicht mehr, alle Züge sind davongefahren und man selbst steht da, ratlos, einsam vielleicht und etwas verloren. An einer staubigen Bushaltestelle wie Cary Grant in Der unsichtbare Dritte - und man muß sogar noch vorsichtig sein, wenn man einem kleinen Flugzeug winkt. Mit einem freundlichen Hallo.
Und dann blitzen sie auf, die kleinen Momente, die zeigen, wozu vielleicht doch alles gut war, wie sich neue Möglichkeiten ergeben, wie alles zusammenpaßt auf schier unglaubliche und ungeahnte Weise. Baby, wenn du kommen möchtest, einfach reden vielleicht, schick mir eine Mail, die Adresse steht links. Hauptsache, du hast ein bißchen Interesse an mir und suchst nicht nur einen Platz, um dich auszuruhen. Wir gehen dann tanzen und können auch so Sachen machen. Ich bin da ganz offen.

Dienstag, 6. Mai 2008
Man möchte nicht verloren gehen. Man möchte wissen, wo man ist und mit wem man es zu tun hat. Gewiß sein. Man möchte die Dinge beim Namen nennen. Können.
Man will auch dem toten Tier furchtlos ins Auge blicken und ein "Du warst" als letztes Lob auf den Weg geben. "Du warst Neuntöter", um ein Beispiel zu nennen.
Für meine Expeditionen unter den Lieblingsbaum im Park werde ich dieses Jahr gewappnet sein. Ich werden den Namens des Baums aussprechen können und die all meiner mehrbeinigen Besucher nicht minder freundlich. Wir werden höflich zueinander sein, friedlich beieinander sitzen und uns für die Bücher interessieren, die ich dort lesen werde. Oder schreiben. Es gibt jeden Tag soviel neues zu lernen. Das, so sage ich, ist das Spannende.

Freitag, 2. Mai 2008

Demotag in Hamburg, Schwarz gegen Grün, Schwarz gegen Braun, alle gegen alle. Am 1. Mai dann angenehm sonnige Ruhe zwischen Marktstraße und Schanze. Verborgene Winkel schauen, kleine Läden, die Veränderung, das Geschriebene an der Wand. Bis einer heult. Oder die Mutti was sagt.

Man kann über so vieles sauer werden. Oder es lassen. Eine Fliege in die Suppe werfen oder als Strick um den Hals tragen. Man darf sich nur nicht in der Sonne stehen, lieber gemeinsam sitzen, bei einem Kaffee. So wie heute, als verliebte Paare an den Tischen sitzen, sie fährt ihm sachte durchs Haar, er erklärt die Weltformel und hat für einen Moment keinen Blick für ihr Lachen, das zu mir herüberblitzt.

Am Ende des Tages, so sagte der Vater, muß man wieder zusammensitzen können. Ich atme milde Luft, versuche, schlaflose Nächte zu vergessen, den ungerechten Zorn und den gerechten auch. Am Ende eines langen Tages, einer Wanderung durch Trümmerland, merke ich, wie ein Teil der Ruhe zurückkehrt.

Am Abend also mein nächstes Bekenntnis zum Spießer, das letzte Wort zum Nachtgebet: Ich gebe alles zu. Heute habe ich einen Rauchmelder installiert.

Mittwoch, 30. April 2008

Aaaah, heute morgen, als ich an meinem Basilikum schnüffelte, einen tiefen, bewußtseinsverachtenden Zug tat, wurde mir klar: Es muß endlich Frühling sein. Heute abend, im Mondenschein, werden Hamburger Jungfern in weißen Kleidchen über die Alsterwiesen tanzen und bunte Bänder zu sanfter Musik um aufgestellte Maibäume winden. Ich werde mich zu den anderen Burschen gesellen, ein angegorenes Getränk in der Hand, wie etwas, das der Wind angeweht hat, und im Kopf ein wenig mitsummen. Und im Herzen natürlich auch.

Dienstag, 29. April 2008
Ich weiß gar nicht, womit man mein Herz mehr gewinnt: mit verlockender Backware (herzig) oder einer verlock'n'Lock-Dose (praktisch). Soll ja nicht heißen, es gäbe keine schönen Momente.
Bald lockt auch wieder die Picknickzeit. Ich weiß noch, vor Jahren, als wir rausfuhren an die See, die Tasche mit leckeren Dingen gepackt, die Sonne aufsaugten, ein Eis aßen, uns gegenseitig fotografierten und den Zauber der staubigen Ecken entdeckten.
"Ist das ein Experiment?" fragt sie lachend, und zeigt auf die verschrumpelten Äpfel in meiner Küche. Und mir scheint, als seien die beiden verdorrten Stücke Obst zwei Vergessene. Wie verdurstete Schiffbrüchige, die in meiner Schale treiben, wie auf einem Ozean, von dem man nie dachte, daß es auch dort einmal stürmt. Ein existentielles Drama - und das mitten in meiner Küche!
"Nein, kein Experiment", sage ich. Fotodeko, alles nur Fotodeko. Das Leben sollte als Inszenierung betrachtet werden. Und manchmal, und ich werfe dabei die Äpfel, keiner schöner als der andere, in den metallenen Eimer, geht man vor dem letzten Akt. Und ich erinnere mich an diese Dose, da sind die Dinge wasserdicht bewahrt. Seenotration: Die Muffins duften köstlich - von mir aus jeden Tag. Vielen Dank.

Donnerstag, 10. April 2008

Gestern um die Abendstunde war ich mit Hamburgs attraktivster Bloggerin (konkurrierende Einwände und Proteste bitte mit Bildbeweis an links eingeblendete Adresse) was Essen, weil man a) nicht immer Tanzen kann und b) Leib und Seele auch mal anders zusammenhalten muß. Die Teller wurden brav geleert, falls sich jemand wundert, warum heute in Hamburg schon wieder die Sonne scheint. Ich berichte von meinem Fotoprojekt, den lange verschobenen Ausstellungsplänen, nichts wildes, nur um einfach wieder mal was zu machen. Und wie ja alles seinen Rahmen finden muß.
Die letzte Bahn ist angenehm leer. Am Hafen blinken die Lichter der Schiffe herein, Aretha summt ihr kleines Gebet in mein Ohr und das Rumpeln der Wagen lullt mich auf wohlige Weise ein. Die Nacht muß man sich immer wieder neu erobern, den Geruch und den Hauch der Schwerelosigkeit. Die Treppe hoch, die letzte Runde, wer Glück hat, findet eine Stimme, die dann noch ein wenig spricht.
Heute kehrte der lang verreiste Kollege zurück. Am Arsch der Welt sei er gewesen, ein ausnehmend schöner Arsch allerdings sei es gewesen. Wir beschließen, es müsse sozusagen der JLo unter den Ärschen dieser Welt gewesen sein. Dieses Jahr, so merke ich, legte ich gerne meine Hände drauf. Dieses Jahr bin ich wieder unterwegs.
