NYC #2 - Good Fortune

When we walked through
Little Italy
I saw my reflection
Come right off your face

(P. J. Harvey, "Good Fortune")




New York steht spät auf. Brunchen heißt, eine gemütliche Uhrzeit finden, das aber kommt mir entgegen. Irgendwo ist Fußball, aber dafür habe ich nun wirklich keine Zeit. Gerüchte um die dort recht beliebte deutsche Nationalmannschaft tauchen auf. Ich lasse mir ein Interesse nicht anmerken, lieber rüber zum Washington Square, von einer Bank aus einem Jazz-Saxofonisten zuhören, Greenwich, Little Italy, irgendwo hat es gebrannt als sei es nicht warm genug, Chinatown, es wird gelacht, Faxen gemacht. Dann irgendwas suchen am Broadway, so ein Kunst-Pop-up-Dingsda soll da sein, aber die Adresse stimmt nicht. Es ist heiß, selbst die New Yorker stöhnen. Für Juni, viel zu heiß, sind sich alle einig.



Ich bin entspannt, ich habe Zeit und keinen großen Plan. Zwei, drei Sachen will ich machen, den Rest schaffe ich eh nicht. Bitte kein Anstehen in irgendwelchen langen Schlangen. Ich möchte etwas für dieses Land tun, sage ich, und dieser Stadt ein Wortspiel schenken. Und kaufe einen großen Apfel, weil ich denke, wenn dieser Gag hier zündet, dann zündet er überall. Und wenn ich es erst in Manhattan geschafft habe, kann sich Berlin aber warm anziehen. Nachdem ich sehe, wie ein Rollifahrer wie selbstverständlich bei Rot über den Broadway gelenkt wird, tue ich so, als sei ich Ausländer, also kein Deutscher, und probiere mich im Jaywalking. Ich werde auch nur einmal angehupt, ansonsten ist der Verkehr für eine Stadt dieser Größe erstaunlich entspannt.



In der Bar zum toten Tier gibt es Alkohol, wenngleich in uninspirierten Mischungsverhältnissen. Bis hierhin noch Konsens: keine Empfehlung. Darüber läuft dann aber schon die Zeit weg, wie bei so Asteroiden, die alle paar Jahre ihre Bahnen kreuzen und dann - wuusch - im All verschwinden. Ach was, sagen wir Sterne. Good fortune? Das wird sich noch zeigen. Derweil ertappe ich auf dem Nachhauseweg die Tourismusbehörde New Yorks bei einer unschönen Lüge. Von wegen, die Stadt, die niemals schläft. Um zwei Uhr morgens sind in Little Italy die Rolläden unten, die Gehsteige gekehrt und nur noch schwarze Müllsäcke auf der Straße unterwegs. Besser, man schaut Gesichter an.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey, Good Fortune

Ausfallschritt | 19:31h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fidibus - Dienstag, 24. Juli 2018, 23:17
Liest sich ein bisschen wie der Anfang einer Kriminalgeschichte - erst alles locker flockig, dann wird's schnell unheimlich.

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kid37 - Dienstag, 24. Juli 2018, 23:40
Ganz wie im richtigen Leben also. In der Ferne bellte aber kein Hund. Nur Polizeisirenen zu hören. (Ich habe leider kein Foto von dem "Don't flash your jewelery"-Schild in der U-Bahn gemacht.)

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