Wind, Wasser, 'ne Blondine






Ein Urlaub soll ja so vieles können: Anregen, Entspannen, Hirnwindungen neu verknüpfen, den Magen mit ungewohnten Speisen verderben. Ahrenshoop, eine Art Worpswede der Ostseeküste, hat nicht den Fehler umliegender Gemeinden gemacht und auch die letzte Bauernwiese mit Ferienhäusern (Stichwort: Anlage) zugebaut. Erst am Ausgang des langgezogenen Dörfchens blinken die Fassaden von Rehaklinik und Bustouristenhotels. Da geht man aber nicht hin, fährt auch besser nicht nachts mit dem Rad dort vorbei, weil einem echauffierte Rentner belehrungsversessen in den Weg springen könnten, entschlossen, mir mit hochrotem Kopf die Nutzungsbedingungen des von Fahrradfahrern und Fußgängern gemeinsam genutzten Bürgersteiges zu erläutern. Ich hielt ihm einfach meine Taschenlampe ins Gesicht und erklärte ruhig: "Sie irren, Monsieur", und war schon wieder weiter, denn die Luft, das muß man mal sagen, ist dort einfach entspannend. Es ist diese milde Mischung aus Kiefernwald, Hagebutte, feuchtem Dünensand und Sonnenöl, die für die meisten eine beruhigende Wirkung entfaltet. Außer für diesen Rentner jetzt.

Dabei steht ja überall, was erlaubt ist und was verboten, was gerne gesehen und was lieber nicht. Irgendwo unterhalb der Steilküste aber findet sich immer ein abgelegenes Fleckchen, das man sich selbst über die Tage gut zurechtliegt und wo vieles ganz gleich ist. Hose, keine Hose, Brille oder Six-Pack, selbst einen Turban könnte man tragen, niemand fände etwas dabei. Abends kann man hübsch am Hafen sitzen, Lichter gucken, ein Bier jonglieren, eine Blondine betrachten. Ein Seemann hat da keine Vorbehalte.

Im Grunde könnte man auch den lang & lieben Tag mit einem Stapel Zeitschriften im Gartenstuhl verbringen, unter einem Strohhut dösen, Rentnerfantasien hegen, wenn einem ein Ball an den Kopf geschossen wird von diesen langhaarigen Strandtypen mit ihren bunten Bändern am Handgelenk. Ich kann da immer ganz ruhig sein, ich habe den Herbst auf meiner Seite. Im Grunde bin ich Nachsaison.

Ausfallschritt | 11:23h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
hora sexta - Freitag, 15. Oktober 2010, 12:03
Ist 16 nicht ein bisschen zu jung für Sie? Und Blondine zu, hm, naja, öh, also - lieblich?

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kid37 - Freitag, 15. Oktober 2010, 12:20
Ich will da nicht uncharmant sein, aber schauen Sie sich die Kratzer und Falten an - die flunkert doch.

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hora sexta - Freitag, 15. Oktober 2010, 13:02
Und: It hager.
(Ihnen kann man auch gar nichts vormachen, nicht einmal als Schiff. )

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lorilo - Freitag, 15. Oktober 2010, 13:07
Ahrenshoop! Dieses pittoreske Ich-wär-so-gern-ein-Künstlerdorf. Wo man durch's Kiefernwäldchen nach Prerow radeln konnte und gar nicht wusste, ob man jetzt das Meer oder den Bodden ... aber man wusste ja so einiges nicht, damals, also ich; vor ziemlich genau 165 Jahren, 16 Jahre alt, noch blond und unschuldig damals kostete die Standmiete für's Zelt auch nur 2,50 Mark am Tag und manchmal hat man auch einfach ....aber das führt zu weit.
Entschuldigung, das ist jetzt nsiaw*, aber danke für die Erinnerung.
Und was Anderes als Nachsaison kommt doch dem wahrhaftigen Ostseeliebhaber gar nicht unter. Wir sind doch hier nicht in Timmendorf.

(*nicht sonderlich interessant aber wahr)

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maximilian buddenbohm - Freitag, 15. Oktober 2010, 13:12
Es ist übrigens eine akzeptable Lebenshaltung, nicht in Timmendorf zu sein.

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kid37 - Samstag, 16. Oktober 2010, 23:59
Ahrenserinnerung! Jaja, da wird viel mit blauer Farbe auf Fundholzstücke herumgemalt - aber nun, warum auch nicht. In der Hochsaison möchte ich das nicht erleben, man ahnt links und rechts in den Nachbarorten, dort nämlich, wo es Seebrücken und Büdchen und Bespielung gibt, wie es ausschauen kann, wenn am Wochenende die Buskolonnen einfallen. Wahrscheinlich sind dann auch die einsamen und höchstens pferdehuf- und profilradreifenzerwühlten Waldwege überfüllt. Zweifünfzig am Tag, keinen Faden am Leib und Ostseeluft in der blonden Luft. Ein Traum.

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mark793 - Freitag, 15. Oktober 2010, 13:33
Das Thema Radeln auf dem Bürgersteig und Rentner in Rage hat auch Max Goldt mal in eine schöne Miniatur gegossen, die ich hier völlig ungefragt aus dem Gedächtnis wiedergebe:

Wild gestikuliernder Rentner so: "Daaa ist der Radweg!".
Max Goldt so: "Und dort ist der Friedhof..."

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kid37 - Samstag, 16. Oktober 2010, 23:53
So eine Antwort wäre natürlich auch frech hübsch gewesen. Dieser Vandale war aber das einzige, was die Urlaubsstimmung trübte.

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cabman - Freitag, 15. Oktober 2010, 17:21
Ich muss Sie enttäuschen (schon wieder möchte ich fast hinzufügen), aber der Herbst gehört bereits mir. Ich wäre aber bereit zu teilen. Voraussetzungslos.

Als ersten Gruß schenke ich Ihnen dieses Bild aus Muttis Garten.

Mögen noch schöne Tage für uns kommen. Also für Sie und mich. Ähm. Für Mutti auch. ;-)


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kid37 - Samstag, 16. Oktober 2010, 23:52
Eine schmackhaftere Ernte als meine neulich. Man muß jetzt aber alles pflücken.

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ulfur grai - Freitag, 15. Oktober 2010, 19:29
Ahrenshoop, das Möchtergernkünstlerdorf, Frau lorilo sagt's. Doch nicht etwa Künstlerhaus Lukas? So lange wie bei ihr ist es bei mir nicht ganz her: Erinnert sich noch jemand an den G-8-Gipfel in Heiligendamm, Sommer 2007? Spannende Stimmung damals am Zaun. 1 look back in anger: http://periplus.blogger.de/stories/816307/
Dafür anschließend in Ahrenshoop wie Tucholsky in Gripsholm.
Wünsche Ihnen ebenso schöne Herbsttage auf dem Darß.

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kid37 - Samstag, 16. Oktober 2010, 23:43
Ich bin ja schon eine Weile wieder hier ;-) Die Idee vom Künstlerhaus finde ich ziemlich gut, man könnte dort aus alten Zaunteilen kleine Skulpturen schmieden. Schraubenmännchen - damit kenne ich mich aus!

(War wirklich ein wenig Tucholsky-Gefühl dabei, in Zeiten, in denen alle in Asien Urlaub machen, ist die Ostsee schwer unterschätzt.)

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modeste - Samstag, 16. Oktober 2010, 01:39
Ach.

(Hören Sie mich seufzen?)

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kid37 - Samstag, 16. Oktober 2010, 23:50
Um diese Zeit liegen Glück und Pech ja immer nur eine Wolke von einander entfernt. Ich hatte übrigens wieder diese Idee vom Bloggerheim:



Herr Cabman z.B., dessen Heimwerkerfähigkeiten ja Legende sind, und ich (ich kann strukturiert handeln), ein bißchen Dachpappe, ein paar Konstruktionslatten, ein Eimer Spaxschrauben und noch ein paar mehr Eimer Farbe - und wir werden uns nie mehr wegen Urlaub grämen müssen.

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