Pocahontas





Gestern fuhr ich mit dem Rad ein wenig südlich der Elbe herum, immer schön am Deich lang, bis ich auf dieses kleine Ensemble entzückender Häuschen stieß. Zum Teil verlassen, zum Teil ein wenig nur bewohnt, immer aber mit fingerdickem Charme versehen. Hinter dem Haus eine versteppte Freifläche, verrostete Gewächshäuser, aus denen kleine Bäume ihre Äste recken. Jemand wie ich sieht dort natürlich nur arithmetische Möglichkeiten: Ein, zwei Sack Rotband, drei Eimer Farbe, dann schnell vier Kinder zeugen, schon hat man acht Hände mehr, die zwanzig neue Scheiben in die Rahmen setzen können. Sellerie das ganze Jahr! Und Basilikum! Und links und rechts ein Käsebrotbaum.

Ich mag ja diese unscheinbaren Flecken, an denen oft ganz wunderbare Schätze zu entdecken sind. In der Pause, wenn die Kollegen sich träge nur zum nächsten Mittagstisch schleppen, schau ich mir gern die Eigenheimfantasien hinter dem Krankenhaus an, dort wo Lehrer, Oberärzte und Unternehmer feuchten Architektenträumen quer durch alle kunsthistorischen Epochen (kleine Burgen mit Zinnen und Türmen inmitten einer Rotte Rotklinkerhäuschen!) folgten, bin verblüfft über Wohnungen in alten Wassertürmen, verwunschene Gärten, die sich entblößen, wenn man nur kurz mal - man wahrt natürlich den Anschein von Diskretion - hinter die Hecken lugt. Manchmal komme ich mit den Leuten dort ins Gespräch, man tippt ein wenig hier und hakt ein wenig da und erfährt Geschichten, aus denen sich immer weitere Geschichten spinnen lassen.

In einem anderen Leben wäre ich ja gern Location-Scout geworden. Ich kannte mal eine Frau, die hat das für Film und Werbung gemacht, interessante Ecken suchen, Häuser und Gegenden. Mit einer Polaroid - so lange ist das schon wieder her - zog sie durch halb Europa und pflegte ihre wohlgehütete Kartei. Auf einer Party erzählte sie, irgendwann im Morgengrauen, wenn die schönen Geschichten kommen, von verzauberten Parks und unberührten Anwesen an der französischen Küste, kaum entdeckten Herrenhäusern irgendwo, den Bewohnern und der Arbeit dort am Set. Schien das nicht verführerisch? Unberührte, fremde Schönheiten - das klang wie eine jener unglaublichen exotischen jungfräulichen Prinzessinnen der Südsee, für die manch klappriges Schiff voll Konquistadoren sehnsuchtsvoll gleich über mehrere Ozeane fuhr.

Heute indes gibt es das ja alles im Haifischbecken Internet, und vielleicht ist sogar die Südseeschönheit dabei: bei Airspaces vielleicht oder Light Locations. Muß man schauen. Oder die Geheimnisse besser doch verschleiert lassen.

Ausfallschritt | 10:00h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
pappnase - Freitag, 18. September 2009, 10:38
tolles häuschen, da geht was.

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kid37 - Freitag, 18. September 2009, 19:10
Charme & Platz und nicht sooo weit weg von Hamburg.

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frau stella - Freitag, 18. September 2009, 11:50
Traumhaft, da macht meine Phantasiemaschine auch gleich Sprünge.

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kid37 - Freitag, 18. September 2009, 19:11
Leider liegt der Schuppen mit dem "Atelier" über die Straße. Aber so schrecklich viel Verkehr ist da nicht. Da könnte man so einiges basteln und malen und machen.

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frau stella - Samstag, 19. September 2009, 23:33
Hach...

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mark793 - Freitag, 18. September 2009, 11:52
Ich spüre, wenn ich auf solchen Exkursionen bin, oft eine gewisse Scheu, die gesehenen Orte anschließend vor die Augen der Weltöffentlichkeit zu zerren. Zum Teil sicher aus der Sorge heraus, diese Plätze könnten dadurch ihren Zauber verlieren, aber auch im Wissen um meine limitierten Fähigkeiten, mit der Kamera auch wirklich das abzubilden, was für mich das Spezielle dieser Orte ausmacht.

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kid37 - Freitag, 18. September 2009, 19:14
Ja, ein wenig sensibel ist das schon. Auch wenn die meisten eher keine Schwierigkeiten mit der Diskretion hätten, wäre es ein Mitbringsel aus MaltaZypernÜbersee. Den Einfamilienhäuschen in der Stadt halte ich auch nicht sp ohne weiteres das Objektiv vors Gesicht. Aber solange man die Leute nicht bloßstellt... Hier in der Nähe gibt es einige "hochherrschaftliche" Bauernhäuser (Stichwort: Säuleneingang, sehr verbreitet), über die leicht zu lachen wäre. Dieses Haus hier findet ja keiner. Zum Glück!

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mark793 - Freitag, 18. September 2009, 19:43
Ein paar gepimpte Hofgüter
finden sich hier in der Nachbarschaft auch, wenn man ein bisschen sucht. Überdimensionierte Säuleneingänge sind aber eher rar, dafür rosten in manchen Vorgärten ein paar bizarre Skulpturen aus altem landwirtschaftlichen Gerät vor sich hin, da weiß man gleich, ah, da wohnt und arbeitet kreatives Volk. Im großen Hofgut eines ehemaligen Klosters kredenzt J*cques Weindepot neben einer Unternehmensberatung, das Nachbargut wurde jetzt zu einem Privatkindergarten für Betuchte umfunktioniert. Aber dazwischen auch ganz traditionell bewirtschaftete Höfe mit Eigenverkauf von Kartoffeln, Kürbissen und anderen Viktualien, angesichts derer ich dann immer ins Überlegen komme, sollte man nicht was für die lokalen Erzeuger tun, aber dann fragt mich meine Frau bestimmt, ob das alles denn auch bio ist, immerhin sind wir hier in der Einflugschneise vom Flughafen. Hach ja. Aber ich muss sagen, dass mir die Gegend zunehmend ans Herz wächst, je mehr ich sie auf dem Rad "erfahre".

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hora sexta - Freitag, 18. September 2009, 11:56
Der Zaun! (Und diese antikisierenden (Halb)Säulen vor der Haustür, die sind ja zum Glück nur aus Styropor, die lassen sich wegtreten).

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kid37 - Freitag, 18. September 2009, 19:15
Der Zaun, ein Traum. Das Tor hängt schon ganz schief in den Angeln, aber das ist schnell geflickt. Ich befürchte aber, es ist alles dem Verfall preisgegeben.

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hora sexta - Freitag, 18. September 2009, 19:49
Zum Glück haben wir noch viel schönere Zäune in mind, und da darf die Tür ja immer offenstehen.

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anousch o. - Freitag, 18. September 2009, 16:18
Sie fachen meine tiefsten Sehnsüchte an. Aus keinem anderen Grund liebe ich Brandenburg. Und Polen. Und Schweden. Und Jalta erst.

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kid37 - Freitag, 18. September 2009, 19:16
Neulich sah ich auch ein paar sehr inspirierende Brandenburgfotos. Ich glaube, ich muß da mal schauen gehen. Stellen Sie sich vor: Hinterm Haus, gleich bei den Gewächshäusern könnte ein Zeppelin landen!

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prieditis - Freitag, 18. September 2009, 16:50
ich mag solche einsam stehenden Häuser ebenfalls. Da würde es sich lohnen, mal die Wand abzuklopfen. Nur um zu hören, ob darin von früheren Bewohnern "Schätze" vergraben wurden...

Selbst darin wohnen... ich weiß nicht, ich hätte abends, im dunkeln, immer Manschetten, wenn ich eine Zigarette schmauchen tät...

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kid37 - Freitag, 18. September 2009, 19:17
Ach, da ist ja niemand. Obwohl, das könnte das Problem sein. Ein nicht nur netter Hund ist vielleicht eine Beruhigung. Und sonst kann man den ganzen Tag im Schuppen Rock'n'Roll machen. Oder mal laut lachen.

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prieditis - Freitag, 18. September 2009, 22:33
rock´n´roll
oder northern soul tanzschritte üben...
mit greifhilfe, wenn der erste "backdrop" auch der letzte war ;o)

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novesia - Samstag, 19. September 2009, 13:54
ooooh, danke auch (!) für die links, herr kid. alice in wonderland.

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kid37 - Samstag, 19. September 2009, 21:21
Das soll einem Ansporn sein, daß man auch anders wohnen kann. Seufz.

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varzil - Samstag, 19. September 2009, 19:14
Beamtengehalt
dort wo Lehrer, Oberärzte und Unternehmer feuchten Architektenträumen quer durch alle kunsthistorischen Epochen (kleine Burgen mit Zinnen und Türmen inmitten einer Rotte Rotklinkerhäuschen!) folgten
Eine schöne Sentenz - ob man sich allerdings heutzutage von einem Lehrergehalt noch einen Architektentraum leisten kann, kann man mit Fug und Recht bezweifeln. Zumindest, wenn man keine wohlhabenden Eltern hat. Spreche aus Erfahrung: ich habe auch mal mit einem Beamtengehalt nach A14 und quasi ohne Eigenkapital ein Reihenhaus für Frau und 4 Kinder gebaut.

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prieditis - Samstag, 19. September 2009, 21:06
immerhin, sie bekommen noch kredit... und dann mit 4 kindern und verheiratet...
da muss man für die gehaltserhöhung ja noch nicht mal passende knoten in den "richtigen" seilschaften knüpfen... ;o)

ich meine das auch gar nicht böse, ich gönne jedem sein glück =)

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kid37 - Samstag, 19. September 2009, 21:19
Ich auch!

@Varzil: Ich muß vielleicht noch zurechtrücken, daß hier in Hamburg im Eigenheimbau schon wie ein wilder Architektentraum ist, was nicht gleich Rotklinker ist.

Dann handelt es sich da hinter dem Krankenhaus um einen dieser begüterten bis wohlhabenden Stadtteile, der aber alles in allem sehr bürgerlich daherkommt. Zumal die Häuschen (immerhin freistehend, man möchte das heute nicht bezahlen müssen) die Zeitspanne der 30er, hauptsächlich ca. 60er bis 80er Jahre umfassen. (Die erwähnte "Kleinburg" mit Zinnen ist auch eine Ausnahme.) Da sieht man dann Dinge wie das berühmte Panoramafenster und das ein oder andere extravagante Türmchen, wenig, wo man spontan den Kopf dreht. Dann aber, und da muß man mal hier und da unschuldig um die Ecken lugen, entdeckt man Gärten, Bootshäuschen, Erker oder einzelne Details mit einem ganz eigenen, mit einer gewissen Patina versehenem Charme. Das rettet mir meine öden Mittagspausen.

Bauen in Hamburg - ich bitte Sie ;-)

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vert - Sonntag, 20. September 2009, 17:26
gibt herr kid den schmidt/
mach ich mit.

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kid37 - Montag, 21. September 2009, 04:17
Arno im Glashaus.

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vert - Montag, 21. September 2009, 04:27
holt die steine raus!

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