Jetzt aber: Roooooock & Wrestling!




Mein erstes Mal ist tatsächlich schon lange her, 2004, nachts auf dem Kiez merkt man ja gar nicht, wie die Zeit vergeht. Damals auf dem Garagendach im Hinterhof vom alten Komet war weniger Lametta; nach dem fulminanten Ausflug im Exil, hieß es nun aber erstmals wieder im alten Hafenklang: Rock & Wrestling 2009 is coming home - da durfte ich neben all den anderen Hegelianern im Publikum nicht fehlen. Ich stelle fest: Wir sind alle im Laufe der Jahre nicht jünger geworden, Nik Neandertal hatte "Schulter" (Memme!) und ich keine weibliche Begleitung, ich lasse offen, was schlimmer ist. Zum Glück ist - Memmen & Mädchen sollen halt Kirschkernsäckchen in der Mikrowelle warmmachen! - auf Männer verlaß, Herr Axel K hatte mir dankenswerterweise Karten und einen Platz am Ring besorgt, also dort, wo Bierduschen, Kunstblut, Schweiß und Spucke kunstsinnige Betrachtung und höhere Kameraarbeit zum philosophisch überhöhten Lusterlebnis machen.



Bitchfinga peitschten den Puls nach oben, Dolly Duschenka, knallhärtestes und sexiestes Nummerngirl, das jemals zwischen Ringseilen spazierte, machte den großen Kong fertig, Nik Neandertal steuerte eine launige Hymne bei und organisierte erstmals den Heavy-Metal-Luftgitarren-Contest, den zurecht die adhoc geformte Band StasiGrinders gewann. Die anderen waren auch nicht schlecht, hatten aber vielleicht zuviele gewerbsmäßige Poser an Bord. Brauchen wir nicht auf St. Pauli, denn hier ist alles echt, und am echtesten die Liebe und die Kämpfe. Vielleicht ist dies ein Grund, weshalb es Rock & Wrestling eben nicht in Berlin gibt, sondern nur in Hamburch. Sonst hieße das ja auch Schein & Sein! Haha, ich mache natürlich nur Spaß, ihr Hauptstadtlutscher.




So, genug der jovialen Schulterklopfer: zurück an den Ring, da wo ernsthaft arbeitende Männer und Frauen die existentielle Geworfenheit des Menschen mit archaischen Mitteln ausdiskutieren. Irgendsoein Bremer (!) Dreschflegel legte sich mit El Gigolo an, der allerdings - wir möchten darüber schweigen, aber die Chronistenpflicht, die Chronistenpflicht! - am Ende von seinen beiden Ischen aus dem Ring geführt werden mußte. Nun gut, ein weiterer Beweis, daß hier nichts abgesprochen oder gefaked ist, nacho libre Hamburgo, dichte ich mal. Erstmals verzückte der Danger Pilz mit seiner Geheimwaffe, Amanita phalloides, das kampfrauschsüchtige Publikum, den sehen wir gerne im nächsten Jahr wieder, die Katze auch. Dolly Duschenka, sexuell und missionsgeladen wie immer, sollte vielleicht doch besser ohne ihren Verlobten kommen, die Aufmerksamkeit schien doch ein wenig hin- und hergerissen. Aber trotzdem messerscharf, wie erwartet.



Baster setzte auf weibliche Unterstützung, Capitan0 St. Pauli traf auf einen Gastspieler aus Mechiko, ein Hauch von großer mexikanischer Wrestling-Welt wehte durchs Festzelt - Grita! Grita! Grita! - interessant, aber vielleicht schon einen Tick zu professionell kampfbetont. Schön sind ja immer diese Brüche, nicht der Knochen, sondern die im Programm. Wenn vielleicht das aufgepeitschte Publikum einfach mit in den Ring steigt, sich blaue Flecken holt, souverän an den Rand geführt wird, we are family, das darf man ja bei allem Adrenalin und Testoreron, das wie eine Wolke über der biergetränkten Arena hängt - wie entfesselte Frauen mit ihren Anfeuerungsrufen vorneweg. Der Pope of St. Pauli verteilte Kondome und gab das Versprechen auf sieben Jahre guten Sex - da kam Manager Kapitän Ahab und sein Kämpfer, der böse, blaue Mutantenkrake (Geheimwaffe: die Tentakelpeitsche!). Und während niemand glaubte, daß diesem furchterregenden Meeresungeheuer Widerstand zu bieten sei, ertönte das Erkennungslied des Herausforderers, des mehrmaligen Champions: Loooooony Lobster, der Schumi-Hummer in Ferrari-Rot. Tja, das wäre ein Testimonial gewesen!




Am Ende macht der Liebeskampfroboter Bento 3 die fiesen Spekulantenbürohochhäuser von St. Pauli platt (siehe Film). Pure Zerstörung, Gentrifizierungskampf, begeistert sekundiert vom exaltierten Publikum, das seinen Held für einen Tag gefunden hat. Und wie es sich für eine unkommerzielle Sause auf dem Kiez gehört, kauft man am Ende gern beim Merchandising. Neue Sammelbilder, T-Shirts und Erinnerungen. Dazu Schweiß und Blut in den Haaren von den letzten wahren Arbeitern. Am Ende hat mich Bento berührt - ich bin aufgeladen mit Liebe und Energie, das es reicht für ein ganzes Jahr. Was für eine Nacht, man möchte danach gleich eine Horde Kinder zeugen. Alle echte Kämpfer.

>>> Bewegte und andere Bilder bei Ipernity

>>> Nochmal der Hinweis auf die Doku von Bianca Wiehmeier, die mir schrieb, daß der Film leider erstmal nur auf Festivals läuft.

Radau | 11:11h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
axelk - Montag, 27. Juli 2009, 02:15
das video haut mich um .. fantastisch.

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kid37 - Montag, 27. Juli 2009, 12:50
Film ist ein Atmosphärenschwamm.

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frl.deville - Montag, 27. Juli 2009, 11:48
Mein Herz schlägt schneller.
Capitan0 St. Pauli! Haben Sie mal auf seine astreinen Achseln ge8et?! Ich hätte [am.do] fast daran geleckt. Hab es mir dann aber doch verkniffen. Ich wollte meinen Begleiter nicht verstören. Vor+Rücksicht. Das ist es doch, was man bei sowas lernt.

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kid37 - Montag, 27. Juli 2009, 12:49
Wären Sie mal mitgekommen - ich kann Ihnen nämlich verraten, er hat auch einen festen Griff. Sie hätte er vorne am Ring bestimmt auch berührt.

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frl.deville - Montag, 27. Juli 2009, 12:51
Mir wird schwindelig.

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vert - Montag, 27. Juli 2009, 22:39
sehe ich richtig, dass nik neandertal über die jahre nicht nur schulter sondern auch ein kleines bäuchlein eine veritable frontpolsterung zwecks besserer defensive aufgebaut hat?
ich kannte ihn noch schlank wie eine ostwestfälische tanne. also fast. aber das ist auch über zehn jahre her.
(ein weiterer authentizitätsbeleg! keine frage.)

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Lu - Dienstag, 28. Juli 2009, 09:24
einen monat zu früh, die schlingel.
aber nun gut, 2010 ist noch kein untergang gemeldet, also könnte man dann sagen, das nächstes jahr auch noch eins ist.
(und diese ganze schöne, tanzbare musike.)

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kid37 - Dienstag, 28. Juli 2009, 10:31
Vor zehn Jahren, Herr Vert! Da war ja selbst ich noch schlank. Aber bei Herrn Neandertal dürfen wir getrost von einer Polsterung ausgehen, schließlich lebt er umgeben von hochgefährlichen, professionellen Ringern und brisant agierenden Nummerngirls.

@ Lu: An dich habe ich auch gedacht, das hätte dir gefallen. Ich habe auch noch die FSK-18-Bilder vom Abend Nächsten Monat berichte ich detailliert.

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vert - Mittwoch, 29. Juli 2009, 22:26
und ich erstmal! bühnenteile schleppen, equipment aufbauen, da bleibste fit!
aber herr neandertal hat es geschafft nach ganz oben. also hamburg. und jede polsterung zu seinem schutz dürfte dringend notwendig sein - ein brandgefährliches pflaster, ohne frage.
daher auch für ihre frontberichterstattung: chapeau!

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sakanachan - Dienstag, 28. Juli 2009, 17:55
das ist doch aber auch wieder so ein konzert/event wie ein bungee-jump. man ist begeistert und euphorisch, weil man es hinter sich hat, oder?

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kid37 - Dienstag, 28. Juli 2009, 22:12
Nun ja. Ganz wie beim Bungee-Jump kommt es vor allem darauf an, weder vorher noch nachher die Hosen voll zu haben ;-)

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sakanachan - Mittwoch, 29. Juli 2009, 09:16
und währenddessen hat man diesbezüglich gewisse freiheiten. möglicherweise eine weitere parallele.

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modeste - Dienstag, 28. Juli 2009, 23:06
Ich mag Ihren Film. Ich habe tatsächlich (und ich bin nicht so besonders wrestlingaffin) bedauert, nicht dabei gewesen zu sein.

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kid37 - Mittwoch, 29. Juli 2009, 10:15
Es hätte Ihnen ganz bestimmt gefallen, die schönsten Mädchen dort haben da die glänzendsten Augen. Die Geschichte atmet ja einen unheimlichen Charme, bietet einfach eine tolle Show, ohne in sterile Professionalität abzugleiten. Die Leute, die das machen, kennt man einfach "vom hintern Tresen" oder sonstwie aus St. Pauli, das ist alles sehr entspannt. Und zum Glück fehlen bislang auch die Voyeur-Touristen im Publikum. Man ist nur nachher wie erschlagen.

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kid37 - Freitag, 31. Juli 2009, 17:46
Ist eigentlich jemandem aufgefallen, daß - kaum schreibe ich Schumi-Hummer in Ferrari-Rot - der Rennrekordmann zurück in den Ring auf den Rundlauf will?

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prieditis - Freitag, 31. Juli 2009, 18:04
irre! ich freu mich auch schon auf die ganzen "rotkäppchen"-fans... die waren ja lange verschütt. versteckt auf campingplätzen und in kleingärtnereien...

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kid37 - Samstag, 1. August 2009, 00:26
Hoffentlich finden die ihre Fähnchen noch.

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prieditis - Dienstag, 4. August 2009, 06:43
bestimmt! die hingen ja nach wie vor an der Laube und am Vorzelt. Das kann man aus der s-bahn sehen...

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