Dienstag, 23. September 2008


Rocvk'n'Roll Niogger

Should I pursue a path so twisted?
Should I crawl defeated and gifted?

(Patti Smith, "Pissing In A River".)


Zu meinen guten Vorsätzen für 2008 zählt, jede Woche eine neue Welt zu erforschen. Oder auch eine alte, vergessene. Der letzte Ausflug unter dieser Flagge führte mich nun in ein schummrig beleuchtetes Reich, das wenige Menschen über 27 Jahren je betreten haben. Eine Welt aus Klang, Frisur und etwas, das früher von Lehrern und Kulturreportern Lebensgefühl genannt wurde.

Manche ahnen es bereits, am Wochenende war ich in einem großzügig ausgestatteten Hamburger Bedarfsfachgeschäft für Musikinstrumente, vorzugsweise aus dem Rock'n'Roll-Sportbereich. Selbst ins Alter gelangt, da man sich blonde Frauen und kleine rote Sportwagen zulegt, hänge ich seit einiger Zeit einem weiteren Jugendtraum nach: "I don't need six bullets", sang ich schließlich einst. "All I need are six strings". Endlich, so mein haarergrautes Denken, sei die Zeit angebrochen, die No-Name-Nachbau-Kopien in die hinteren Erinnerungsecken zu schieben und sich was Richtiges™ zu gönnen, solange die gichtigen Finger nichts anderes mehr würden halten müssen.

In meinem Schundroman Die Nacht der blutigen Finger (Verkaufsrang #20337 bei einem bekannten Buchversender) zieht bekanntlich ein mordender (was sollte er anderes tun?) Killer mit einer schwarzweißen (was sonst?) Rickenbacker von Tatort zu Tatort, klampft seinen Opfern (er nennt sie "Klienten") filigran (er ist kein Stadionrockposer) sein persönliches Lied vom Tod und schleppt nach einem rückenmarkserschütternden Powerakkord (dann also doch!) eine applaudierende oder auch nur zufällig im Weg stehende, sogenannte Ische ab.

So weit, so Fiktion. In meinem echten™ Leben schlich ich aber denkbar stiller und vor allem unauffälliger, zudem unter Vorspielung falscher Tatsachen Geldbeutel, in oben erwähnten Gitarren-, Schlagzeug- und Verstärkershop, in dem man einer Gestalt wie mir aber seitens des jugendlichen oder betont jugendlich gebliebenen Fachpersonals keine weitere Beachtung schenkte. Ich hatte also zwar nicht das Geld, dafür aber alle Zeit der Welt, versonnen die ein oder andere Gretsch zu streicheln. Ein schönes Gefühl, wie mir jeder Kenner bestätigen wird. Es ist und bleibt erstaunlich, welche haptisch und visuell beglückende Ausstrahlung diese kurvigen Modelle auch ohne Botox, Cremes und Schummerlicht auch nach dem Ablauf vieler Jahre zustande bringen. Hingegen schaue man an sich selbst herab - und schweige still und andachtsvoll.

Um mich herum war, es war nicht mehr wirklich früh am Morgen, bereits der ein oder andere Ko-Interessierte eingetroffen. Ernsthaft schauende Buben mit großen Kopfhörern über den schmächtigen Koteletten, verpennt wirkende mittelalte Taxifahrermänner mit Bin-grad-aufgestanden-Frisur, bei der die Haare staubig versträhnt in alle Fis- und Cis-Tonarten verstreut liegen. Mit Jeans auf halb acht kramten sie in obskuren Schachteln nach noch obskurerem Gerät, während ich gedankenverloren und unbeachtet einer 2000-Euro-Vintage-Fender ein helles Pling und dann ein trockenes Plong entlockte. Vor zwanzig Jahren, so dachte ich so halb von mir selbst berauscht, wäre ich auf meinem Wagemut neidisch gewesen. Jetzt habe ich eine Haftpflichtversicherung - und tue solche Dinge einfach! Yeah! Rock and Roll!

Wie bei jedem sensibleren Künstler mischte sich bald auch Wehmut in mein fingersteifes Gezupfe. Hätte man vor eben diesen zwanzig Jahren nicht bereits alles klarmachen können, die Richtige vorausgesetzt? Eine richtige Gitarrre, eine vielleicht leicht abgeschrebbelte, aber unbedingt verläßliche - kein aufgelacktes Partymodell, das zu schnell außer Stimmung gerät? Man hätte schnell einen Welthit rausgehauen oder auch zwei, meinetwegen sogar drei, die werden sich schon vertragen. Anschließend outside of society, Tournee mit Stress und Lärm und vollgespuckter Hose, solange man noch Kraft und Energie hatte, jeden marshallverstärkten Humbucker-Sound an die Wand zu drücken. Vielleicht hätte man sich nach halber Strecke auch tüchtig verkracht, ja Mensch, Rock'n'Roll eben, vielleicht mal eine Solo-LP. Jetzt aber wäre dann das Alter für die Re-Union, ein Leben voller Zugaben.

Ich dachte an den alten Leitspruch: "Egal, was du machst. Verwechsle nie die dicke E-Seite mit der anderen" und arrangierte meine Finger mühsam zu etwas, das ich als einen anderen alten Dur-Akkord erinnerte. Wie verlockend doch diese Mollscheiße immer war. E-Moll, zwei Fingerchen, so findet jeder sein kirchengesangbuchgeschmücktes humm-humm-humm. Aber der Dur-Sept-vermindert-Neun-Akkord, da zeigt sich... na ja, was rede ich.

Im Grunde ist das eh eine alberne Geschichte. Weil ich ja eigentlich etwas ganz anderes sagen möchte. Würde ich doch lieber über Liebe schreiben. Etwas über das Finden, das Halten, das Verlieren auch, die Schmerzen, natürlich, wo wären wir hier sonst. Die feedbacksummenden Erinnerungen. Aber eben auch das Glück, das sich oft in unerwarteter Gestalt zeigt. In einer manchmal schwer zu beherrschenden Stimmlage. Und wie ich nicht mehr recht an eine Rickenbacker glaube. Weil ich vielleicht ein Mann für eine Gretsch bin. Aber hier ist nicht der Platz. Dieses Blog ist längst zu große Bühne, nicht länger mein Proberaum.

Radau | von kid37 um 10:37h | 18 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 22. September 2008


K2

Die Montagmorgenbesteigung ohne Sauerstoffgerät.


 


Samstag, 20. September 2008


Glitter In Their Eyes

Look out kids
The gleam the gleam
All that glitters
Is not all that glitters

(Patti Smith, "Glitter In Their Eyes".)



Die betrachten, die die betrachten, die die betrachten, die betrachtet wurden.

Mit den Deichtorhallen hat Hamburg eine der schönsten Möglichkeiten, moderne Kunst und Fotografie zu zeigen. Zwischen Hafen und Hauptbahnhof gelegen, selbst ein wunderschönes altes Gebäude, das ansprechend saniert wurde und einige tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche bereithält. Mit Doyen F.C. Gundlach und seiner Sammlung hat es zudem Zugriff auf ein enormes Konvolut klassischer und moderner Fotografie - dessen Schwerpunkt, der Sammler ist Programm, wenig überraschend die Mode ist. Und schon zeigt sich ein kleines Problem: Die Deichtorhallen zeigen gerne Modefotografie, mal klassischen Vonbismus, mal ausgewählte Einzelperspektiven, dann mal wieder die Sammlung des Stifters, ein berühmter Modefotograf, dann mal wieder was Schönes mit Mode oder nun: "50 Starfotografen zeigen ihre Vision von Schönheit". Dieselben, so verkündet die Kuratorin stolz, hatten freie Hand - und so wirkt es denn auch ein wenig wie Schüleraufsatz. Profis schicken ihr liebstes Ferienerlebnis ihre liebste Fotografenlese.



Schwarzweiße Ringel? Kann ich auch!

Bekannte Frauen, unbekanntere Modelle, mal die Mama, mal die fitte Schauspielerin, die ein Star war seit den 60ern. Ein paar neue Gesichter sind dabei, ja, auch die autoaggressive Soul-Schabracke aus England, von der man sich fragt, wessen "Traumfrau" sie wohl ist. Von der Stimme abgesehen. Alles Menschen mit großem Herz, von allgemein attestierter äußerer und sicherlich auch innerer Schönheit. Auf der Vernissage mischte sich die Feuilletonjenska dieser Stadt, ein paar bekannte und sicherlich noch mehr (mir) völlig unbekannte Fotografen, ihre Miezen Musen und ein paar russisch sprechende, sehr ansehnliche Nachwuchsmodels unter die Gäste. Toll. Niemand hätte ein Foto von Kate Moss geschickt, so die Kuratorin. Diese sei wohl keine Ikone unserer Zeit mehr. Überhaupt ist viel die Rede vom "21. Jahrhundert", als hätte jemand vor acht Jahren einen Schalter mit dem Radiergummi umgelegt. Vielleicht hat man einfach die falschen Fotografen angefragt, obwohl nun wirklich illustre Namen darunter sind: Sheila Metzner, LaChapelle, Lindbergh, Bettina Rheims, Ralph Mecke auch und der von mir bewunderte Albert Watson, der unvermeidliche Bruce Weber und - immerhin - Rankin, den ich (anders als Weber z.B.) wirklich als Vertreter des 21. Jahrhunderts zählen würde. Kate Moss sei wohl zu dünn, so die Kuratorin weiter. Ja, aber Rock'n'Roll, und man hat Stephen Meisel und Terry Richardson schlicht vergessen. Und - talking about 21. Jahrhundert - was hat denn Claudia Schiffer hier zu suchen?

Kurz: Es ist ein bißchen herbeigeredet, ein bißchen gezwungen, ein bißchen beliebig auch. Aber - wir nähern uns der Adventszeit, das Jahr soll engelsgleich versöhnlich enden - immer schön, wenigstens äußerlich. Und darauf, Schnauze, Kid, kommt es ja nun auch an, wenn das Schäbige mal Feierabend haben soll.

(Traumfrauen. Deichtorhallen, Hamburg. Bis zum 9.11.2008.)


 


Donnerstag, 18. September 2008


Four Faces of Foofaraw




Die Vernissage war ein ziemlicher Spaß, und den Rest der Schau sollte niemand verpassen. Der Herr Krüger hat da nämlich eine wirklich feine Kunstsache zusammengezaubert - Femke Hiemstra, Heiko Müller, Anthony Pontius und Fred Stonehouse präsentieren in der Gemeinschaftsausstellung Four Faces of Foofaraw ganz Wunderbares: versponnene Welten und humorvolle Trash-Reminiszenzen an Wrestler, Magier und kindliche Reisende durchs Land der Eigentümlichkeit. Schätze voller Erinnerungen und Entdeckungen wurden wie aus einer Wunderkammer zusammengetragen, als hätte man einen Nachmittag auf einem alten, verrümpelten Speicher verträumt. Ganz toll.




>>>Bilder der Ausstellung
>>>Bilder von der Vernissage

(Four Face of Foofaraw. Feinkunst Krüger, Hamburg. Noch bis zum 27. September 2008.)


 


Dienstag, 16. September 2008


Als die Haut jung war, und alles Bewegung



Als ich neulich durch alte Kartons und noch ältere Kisten stöberte, auf der Suche nach etwas, was mir nun bereits wieder entfallen ist, kann also nicht wichtig gewesen sein, da stieß ich auf diese ominösen Dosen. Die stammten aus einer Zeit, in der ich möglicherweise gut gecremt, auf jeden Fall aber als kommendes Talent für den Studenten-Oscar unterwegs war. In den Dosen nämlich fand ich alte Filmspulen wieder - Experimente mit Licht, Schatten und bewegten Menschen, an die ich mich kaum noch erinnere. Die Experimente, die Menschen schon. Oder Studien - als junger Künstler macht man ja immer Studien, oder 24 mal Wahrheit in der Sekunde oder... sowas eben. Nächtliche Autofahrten durch die bergische Metropole waren es wohl oder stummes Gestikulieren an meinem Nouvelle-Vague-Küchentisch.



Damals besaß ich genau diese Kamera, ein russisches Normal-8-Modell, bei dem man ein Federwerk aufziehen mußte, um dann ungefähr 30, 40 Sekunden Drehen zu können. Meine Werke waren ganz dem jungen Godard Truffaut verpflichtet und hießen "Morgenröte eines schüchternen Knaben" (ein semi-pronografisches Werk mit stark autobiografischen Bezug) oder eben "Nächtliche Autofahrt durchs Bergische, wie ein trunkener Russe gesehen". Alles verschollen, und was auf den verbliebenen Spulen sich befindet, erinnere ich nicht. Wer hat denn heute noch einen Normal-8-Projektor? Eben.

Im Gegensatz zur verbreiteten Super-8-Kassette benutzte man speziell perforierten 16-mm-Film (yeah!) auf einer Spule, die nach der Hälfte umgedreht wurde. Nach dem Entwickeln wurde das Material der Länge nach aufgeschnitten und die beiden Hälften aneinandergeklebt - voilà! Normal-8 ruckelte nicht so sehr wie die Super-8, aber weil es halt umständlicher war, setzte sich ähnlich wie die Compact-Kassette gegenüber dem Tonband das neuere System durch.

Manchmal denke ich, man sollte überhaupt viel mehr Filmen, denn die Bewegung hört im Leben ja irgendwann auf. Dann schaut man auf zerkratzte, flackernde Bilder, drauf und durch sie hindurch, und erinnert sich was. Wie ein Schaukelstuhl im Kopf. Vor und zurück, vor und zurück. Die eingefangene Zeit.

Super 8 | von kid37 um 15:15h | 20 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 14. September 2008


The Log Lady, rev.

There is a sadness in the world,
for we are ignorant of many things.

(The Log Lady, Twin Peaks.)


Für die meisten Dinge im Leben gibt es - so verspricht uns die Werbung - die Bankkarte der eigenen Wahl, vieles andere aber bleibt eben unbezahlbar. Dieses Stück Holz beispielsweise, das ich heute eigenhändig und den besten Anzug vergessend aus einem Baucontainer in St. Pauli zog.

Als ich routinemäßig in den Wir entsorgen alles - dich, mich und richtigen Dreck - und das auch noch diskret-Behälter spähte, sah ich gleich: dieser rostige Haken, der ebenso rostige Nagel, diese Patina... das gibt es nur ein einziges verdammtes Mal - und zwar hier und jetzt und greifbar nah vor meinen Augen im schönsten Stadtteil der Welt. Glücklicherweise ist St. Pauli ein Viertel, in dem keinen wirklich interessiert, wenn man am hellichten Tag in Stapeln voller Bauschutt wühlt. Mißtrauischer Aufmerksamer wird man eher, wenn ein staubiger Mann mit einem nagelgespickten Stück Holz durch die Straßen zieht. Ich kann es aber niemanden verdenken, sieht dieses Artefakt doch in meinen Händen aus wie eine Waffe. Dabei sollte jedermann auf Anhieb und -stich klar sein, daß es sich um ein extramuseales Kunstwerk bloß handeln kann, wenn eine verschluffte Gestalt mit schwarzer Feuilleton-Hornbrille damit durch die Straßen ueckert.

Schlimmer wäre es nur, handelte es sich um meinen einzigen Freund. In der nachbarschaftlichen Enge des wochenbeendenden U-Bahn-Ersatzverkehrs argwöhnte ich nämlich für kurze bange Minuten, mein mir bereits stark ans Herz gewachsenes Holzstück könnte ehemals die Reviermarkierung eines von Leichtbier und Dönerresten sich ernährenden Straßenköters gewesen sein. Ein Odeur lag in der Luft, dessen leicht urinale Kopfnote mich weniger holzig denn geriatrisch enthemmt anwehte. Doch nach dem Aussteigen stand mein tapferer staubiger Scheit glücklicherweise in sozusagen blütenfrischer Unschuld da - und jeglicher Verdacht muß leider auf meinen angegrauten Sitznachbarn zurückfallen, laut Auszeichnung seines Käppis zudem ein Fan des Hamburger Sportvereins. Ein Fall doppelter Stigmatisierung also, weshalb man pietätvoll schweigen muß.

Unter den Anwohnern meines von manchen gutgelaunt und mit leichten Schmunzlern onduliert als avantgardistisch bezeichneten Rentnerviertels gab es immerhin großes Hallo. Wenn hier sonst schon nichts passiert, kann man wenigstens diesen auch nicht mehr so richtig jungen Mann beobachten, wie er sich wieder anschickt, arbiträren Schrott in die pastorale Idylle seiner hermetisch abgeschotteten Dachwohnung zu schleppen. Wenigstens das.

>>> Behind all things are reasons.


 


Samstag, 13. September 2008


Stell doch mal die Möbel um

Ich stelle immer wieder fest: Entweder besitze ich zuviel.
Oder viel zu wenig. (Platz, z. B.)

>>> Auch so kann man schließlich wohnen.

(Die Fotos sind die Links zu den Serien.)