
Dienstag, 26. Februar 2008

Das ist keine neue Erkenntnis, aber ich sage es noch einmal. Auf rohen Eiern kann man nicht tanzen. Destroy everything you touch. Nicht jeder aber ist so dumm wie ich, nur anders. Sei lieber wie ein Weidenkätzchen. Und ich sage so etwas wie, mit diesem Mantel kommst du überall hin. Hauptsache, das Herz da drin ist gut geschützt. Vor Wind und Wagnis und wechselhaftem Wetter. Und ich denke noch, wenn ich durchgefegt habe, in den finsteren Ecken, gehe ich einfach mit. Überall hin.
Man darf nicht über die durchgezogene Linie treten.
Man darf aber die Hand ausstrecken.


Sonntag, 24. Februar 2008
Heute, erzählt meine Mutter, nur schwer gefaßt, ist ihre Schwester dann gestorben. Eine andere ist ebenfalls schwer erkrankt, die Einschläge, so sagt man, kommen näher. So ein Brimborium aber, Anzeige, Grabstein, beharrt sie, könne man sich später bei ihr gut sparen. Sie wolle jetzt gut leben, sagt sie, und ich verstehe sie sehr gut.





Beim Essen sprechen wir über die vergangene Zeit, unser Städtdreieck, die Träume, die Musik und die schönen Filme. Ich berichte vom Kummer, dem Wünschen und Wollen, dem Reden und Handeln, den Tränen nach all den Versprechungen.
Sein Lachen hingegen ist leicht, er meint es nicht böse. Ich mag es, wie er zurechtrückt, in rechte Dimensionen lenkt, die Luft läßt aus dem aufgeblähten Ballon. Du bist doch Wuppertaler, meint er. Et is wie et is.
Wir reden weiter über Projekte, Urlaube und Lebensziele, in buntgemischter Reihenfolge. Wechseln den Club die Kaschemme, trinken weitere Biere und überlegen, was die jungen Leute alle im Hinterzimmer machen. Dort müssen sich bereits Dutzende stapeln, denn viele gehen hinein, kaum welche kommen heraus. Vielleicht, so überlegen wir in einer morbiden Anwandlung, lauert dort hinten ein Metzger, so wie in Delicatessen. Der Schmerz des Verschwindens.
An der letzten Theke betrachte ich das Licht der bunten Flaschen und die schöne Barfrau, ihr Lächeln und erzähle von den zarten Dingen, den vorsichtigen. Wie das Fragile gleich wieder Angst macht, und daß ich manchmal nicht schlafen kann.
Ganz ohne Schmäh lachen wir dann noch ein bißchen mehr, so daß es fast ein wenig hell wird. Grad hier, am Ende der Nacht, am Himmel über dem Hafen.

Freitag, 22. Februar 2008
Die reizende Ophelia. – Nymphe, schließ
In dein Gebet all meine Sünden ein.
(Shakespeare, "Hamlet". III, 1.)
In der in der allgemeinen Aufmerksamkeitsgunst wie vom rezeptionsästhetischen Veitstanz befallenen losen Reihe Mit toten Tieren durch das Jahr möchte ich aus aktuellem Anlaß heute erneut die Möwe vorstellen.
Als die Neigungsgruppe Kummer & Trunk neulich einen kleinen Spaziergang durch den heuer doch eher wie impotent sich gebärdenden Winter wagte, lauerte die Entdeckung dieser fahlen Wasserleiche wie ein schwermütiges Omen am Wegesrand. Ein Wappentier! Denn, sei ehrlich zu uns, kleine Ophelia - hat dich nicht der Kummer dazu getrieben, den ganz großen Trunk zu suchen?
O, verstecke nicht dein rotes Haar. Wir spotten nicht. Wir standen ergriffen und stumm, voller Kummer, ein trunkenes Paar am Ententeich. Geh hin kleiner Vogel. Friß all unser'n Ballast, den Zorn, die Trauer und auch uns're Zweifel und sinke hinab. Zum Grund allen Grundes, und laß unsere Herzen reiner zurück.

Der Deutsche Klaus Nomi gehört zu den erstaunlichsten Künstlern der späten 70er und frühen 80er Jahre. Der Countertenor kam 1973 über Berlin nach New York und erreichte mit seiner Musik zwischen Oper und New Wave Anfang der 80er Kultstatus. 1983 starb er als einer der ersten prominenten Opfer an AIDS.
Die Berliner Strychnin Galerie zeigt nun eine von Giovanni Cervi für Res Pira Lab. kuratierte Show als Hommage an den früh verstorbenen Performer.
Folgende Künstler sind vertreten: Alexander Sterzel, Ansgar Noeth, Andy, Arianna Carossa, Chris von Steiner,
Jan Czerwinski, Japi Honoo, Karin Andersen, Maile Colbert, Squp, Zaelia Bishop und mit freundlicher Genehmigung der Galleria Aus18, Alessandro Giordani and Tamara Ferioli.
Die Vernissage ist heute abend ab 19.00 Uhr. Geht einfach hin und sagt Hallo. Ist wirklich nett dort. Frau Kinky, Sie berichten mir bitte dann.
(Do You Nomi? Strychnin Galerie, Berlin. Bis zum 3. März 2008.)

Donnerstag, 21. Februar 2008
Es ist gut, daß manche Texte hier derzeit unveröffentlicht bleiben. Weil dort Worte vorkommen - in einem Zusammenhang, in dem ihnen jede positive Konnotation genommen ist.
[aus meinem Buch: Der Tag, an dem dem Hund die Kette brach]

Mittwoch, 20. Februar 2008
Heute morgen trudelte die überraschende Nachricht ein. Ein alter Freund ist in der Stadt. 2008 soll doch ein gutes Jahr werden, sagt er, und ich glaube, er ahnt. Wir kennen uns schon so lange, aus Schulzeiten noch. Dann haben wir ein paar Jahre Musik gemacht, was man halt so tut, wenn man sich jung fühlt und unwiderstehlich. Und was zu sagen hat. Irgendwann zog er weg, wie man es manchmal tun muß.
Und ich erinnere mich, wie ich ihn besuchte, vor zwei Jahren, in Wien, die schöne Stadt. Wie er sofort bereit war, bei der Lesung zu helfen, Unterschlupf zu gewähren, sich Zeit nahm, von Herzen, freundlich, unkompliziert. Ganz ohne Schmäh.
Wir wir lange in einer Bar saßen, ein leichter Abend im blauen Licht einer dieser Neonleuchten, und er mir etwas zuflüsterte, in einem unbeobachteten Augenblick.
Wir gehen einen Trinken, sagt er. Gerade im richtigen Moment.

Dienstag, 19. Februar 2008
Alain Robbe-Grillet (18. August 1922 – 18. Februar 2008).
Ich gebe zu, ich habe immer nur die schmutzigen Stellen gelesen.

Der Opa geht von Bord.

Run your fingers through his hair
(The Capreez, "How To Make
A Sad Man Glad". 1966.)
Es sind ja oft die einfachen Sätze. Jemanden sagen, daß man ihn mag. Oder sie. Es ist ja oft die ganz einfache Musik. Ein einfacher Rhythmus, einfache Melodien, zu denen man gut tanzen kann. Am besten in ranzigen Kaschemmen, kein neonglitzernder Glitzerschnack. Ein simpler Text, mit einer einfachen Wahrheit. Melancholisch-fröhlicher Northern Soul. Trotzige Dennoch-Stomper wie How To Make A Sad Man Glad.
Morgens in der U-Bahn lese ich mir die Textnachricht durch, immer wieder. Lege den Kopf an die Scheibe und fange das Träumen an. Und wenn ich die Augen ein bißchen weiter nach links drehe, kann ich mein Spiegelbild lächeln sehen. Jedenfalls für einen kurzen Moment. Bis es sich ertappt fühlt.
Und natürlich, auch wenn es derzeit fast unerträglich weit entfernt scheint, bleibt das Motto für 2008: Be Young, Be Foolish, Be Happy.
Aber nicht achtlos. Nicht vergeßlich. Ich meine, das muß doch wohl möglich sein.

Sonntag, 17. Februar 2008

"So", sagt die Einzelfallbetreuerin der Neigungsgruppe Kummer & Trunk, "bevor es dann demnächst ins Kurwochenende geht mit Heiltee und Licht aus um neun, müssen wir sehen, wie es im Hysterischen Café um die sozialen Kompetenzen bestellt ist." Das Haar streng zurückgenommen, blickt sie aufmerksam auf ihren ICD-Erfassungsbogen, stellt Fragen und trägt mit dem Bleistift irgendwelche Nummern wie F60.3 oder F80 in vorgegebene Felder, während ich auf ihre schwarzen Stiefel schaue und mir gute ehrliche Antworten ausdenke.


"Gut", sage wiederum ich. Mir mache es ja in der Regel Spaß, auf die Schnelle etwas Einfaches zu Kochen (aus meinem Buch: 37 Arten ein Käsebrot warmzumachen). Jetzt nichts mit Chichi oder Schnick und Schnack, dafür fehlt mir tatsächlich der barock gestimmte Sinn. Schlicht wie ein Ringelstrumpf, simples Muster, maximale Wirkung. Wir essen und bieten uns dabei das Du an.
Der Trunk soll eine Grundlage haben, soviel Sorgfalt ist bei den streng strukturierten Seminaren von Kummer & Trunk eine ehrenvolle Pflicht. Statt Hirschgeweihschnaps gibt es diesmal ein Getränk namens Haide-Küßchen, diese Namen sind ja schon ein Thema für sich. Die Neigungsgruppe informiert: Der mit gemäßigten 20 Umdrehungen (biologisch) ranbützende Trank kommt gut auf Zunge und ist zart zur Speiseröhre - schmeckt aber, und hier haben wir wieder unser Problem, wie ein in Doppelkorn aufgelöstes Hustenbonbon. Vielleicht ein Tipp für die zahlreichen mit Erkältungen und Stimmverlust geplagten Blogger. Oder Gäste.
Muß man mögen, also. Ähnlich wie den Schlaf auf zu kurzen Sofas. Im Morgengrauen, zartneblige Stimmung im Dämmerlicht, die Musik ist lange aus, stelle ich fest, so richtig gut ist das Hermetische Café nicht für Übernachtungsgäste geeignet. Zum Glück gab es nicht allzuviel davon - weder von Schlaf noch von Gästen. Muß man alles nachholen. Ruhig atmen. Puls kontrollieren. Die Intensität der Zukunft schenken.
Ein Wochenende fast ohne Internet, das mir in letzter Zeit viel schlechte Träume und schlechte Laune beschert hat. Die fragilen Verbindungen. Die plötzlichen Wandel, das Nicht(mehr)verstehen. Das ferne und doch merkwürdig betont überlaute Getöse. Wie dunkelrote Vorhänge vor einem großen Fenster, die sachte im Wind wehen und nur geisterhafte Blicke freigeben. Auf staubige Kisten, zerborstene Erinnerungen und einen Traum, den wir irgendwann nicht wagten.
