Samstag, 1. Mai 2004


Geh' ich in die Stadt oder geh' ich nicht in die Stadt?



Ist aber offensichtlich für die Tonne. Vielleicht sollte ich heute mal ausgehen, mich betrinken und alle Frauen flachlegen. Oder etwas Sinnloses tun.

Eine Bekannte möchte lieber zum Spargelessen. Das kann sie doch auch bei mir haben. Das wirklich Erschütternde ist, daß mein Fahrrad immer noch betriebsgestört im Keller steht. Ist ja bei diesem Wetter nun wirklich das Fortbewegungsmittel allererster Wahl. Da ich ja direkt am Kanal wohne, wäre auch ein Boot nicht zu verachten. Man könnte bis zur Hafenstraße tuckern und ein wenig bei den Spackonauten abhängen. Fazit: heute = undönig.


 



Erster Mai

"Der zu erwartende Frieden und Wohlstand wurde von den Skribenten und Poeten des siegreichen Volkes so heiter und überschwenglich besungen, daß mehr und mehr wohlhabende Provinzler sich angesammelt hatten, um den Wein der Begeisterung zu trinken, und immer schneller setzten die Kaufleute ihre Schmucksachen und ihre Pantöffelchen um, bis sie schließlich laut nach mehr Schmucksachen und Pantöffelchen verlangten, um sie gegen beliebige andere Waren einzutauschen."

[...]

"Eine halbe Stunde später ging er hinaus und kaufte in einem Sportartikelgeschäft einen Revolver. Dann nahm er ein Taxi zur Siebenundzwanzigsten Straße Ost, wo er gewohnt hatte, und dort in dem Zimmer, über den Tisch mit seinen Zeichensachen gelehnt, schoß er sich eine Kugel in den Kopf, genau hinter der Schläfe."

(F. Scott Fitzgerald, Anfang und Ende von "Erster Mai". 1920.)

Ex Libris | von kid37 um 13:25h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 30. April 2004


Walpurgis

Heute nacht stellen junge Burschen einen glattpolierten, mächtigen Birkenstamm vor die Türe. Junge Mädchen winden dann bunte Bänder herum. Das ist ein ganz unschuldiges Treiben und jedermann hat eine Freude daran.

Nathaniel Hawthorne erzählt in seiner Short Story "The Maypole of Merry Mount", wie im puritanischen Neuengland der Maibaum als verwerflich und lasterhaft verfemt wurde. So lustfeindlich sind wir nicht. In Berlin werden wahrscheinlich nur wieder spiritusgetränkte Bändchen in kurze Flaschenhälse gesteckt. Aber Berlin weiß einen schönen Maibaum eben nicht zu schätzen und war schon immer etwas gewalttätiger.

Ich springe heute im Kilt über das Feuer und schaue, wie am Deich die Wicca durchs Röhricht fliegen.

Homestory | von kid37 um 23:14h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 



Grillfest

Die Azteken, ein hochstehendes Volk mit no-nonsense-Kultur, übten harsche Bräuche. Bei gewissen religiösen Zeremonien saß man gemütlich exaltiert um ein Feuer herum, sang und lauschte den Beschwörungen der heiligen Männer. Dann, auf ein unauffälliges Zeichen des Oberpriesters hin, wurde das vorher heimlich bestimmte Opfer gepackt und überwältigt. Man schnitt ihm die Haut über den Schlüsselbeinen auf und zwängte im Feuer heißgemachte Steine hinein. Langsam arbeiteten sich die glühenden Steine im Körper des Opfer nach unten, verbrannten dabei die inneren Organe. Das Opfer starb einen langen, qualvollen Tod. Die Gruppe war gestärkt.

Soziale Spielchen sehen heutzutage natürlich ein wenig anders aus.


 


Freitag, 30. April 2004


Bluterotik

Wegküsser stehen hier Schlange. Meditation über Verletzlichkeit, Zartheit und Beschützerinstinktreflex. This should not go unattended.


 



La Gloïre

"Man gibt mir zu essen. Man gibt mir Gold. Viel Gold sogar. Ich habe jedoch nicht das Recht, es auszugeben. Niemand will mir etwas verkaufen. Ich habe ein Haus und einen Haufen Gold, und dafür muß ich die Schande des gesamten Dorfes verdauen. Sie bezahlen mich dafür, daß ich an ihrer Stelle eine schlechtes Gewissen habe. Für alles, was sie Böses oder Gottloses tun. Für all ihre Laster. Für all ihre Verbrechen. Ihren Alteleutemarkt. Die Tierquälerei. Die Lehrlinge. Und den ganzen Abfall."

(Boris Vian. Der Herzausreißer. 1953.)


 


Mittwoch, 28. April 2004


Robert Maxwell

Als Robert Maxwell im Alter von 28 Jahren von einer Freundin eine Nikon F3 geschenkt bekam, widmete sich der Kalifornier fortan weniger dem Surfen als der Fotografie.
Nachdem er nach Paris zog (eine Französin heiratete und, wie er selbst sagt, Geschmack lernte) schaffte er den Durchbruch. Modeaufnahmen von ihm erscheinen seither in GQ, Vogue, Vanity Fair, Elle und Nerve.
Seine freien Arbeiten erinnern in ihrer Präzision an Irving Penn und Edward Weston, in ihrer nostalgischen Anmutung und Offenheit aber auch an Gilles Berquet. Maxwell benutzt für den zeitlosen Look seiner Bilder ein technisches Verfahren des 19. Jahrhunderts, die "Ambrotypie". Er fertigt die lichtempfindlichen, nassen Kollodium-Glasplatten selbst. Drei Minuten bleiben ihm für die Belichtung, ehe die Platten trocken werden.
Brüche in der Emulsionsschicht, Risse und Sprünge im Glasträger, Flecken und Kratzer gehören zu dieser Art Fotografie dazu. Sie sind wie das Leben.

(Robert Maxwell. Photographs. Arena, 2002.)


 



Umsonst geduscht

Gerade wurde ich von einer sehr attraktiven Frau nebst Kuchen versetzt, weil sich selbige, statt die Aussicht vor meinem Fenster zu bewundern, lieber mit Handwerkern in ihrem so genannten Bad grämen möchte.
Da putzt und macht man, schrubbt den Waschraum im Wissen um die kleinen Eigenheiten des angekündigten Besuchs, räumt die Pornographie in eine dunklere Ecke, wirft ein Tuch über den Pamela-Anderson-Pappaufsteller, scheitelt noch schnell sein Haar... und verliert gegen Handwerker, die womöglich den ganzen Tag "La Traviata" in einer Mini-Naßzelle singen.

Ich habe am Telefon natürlich so getan, als wäre dies eine wahrhaft niederschmetternde Nachricht für mich. Glaubhaft gab ich vor, nunmehr den ganzen Abend Gedichte von Georg Trakl ("Elis, dies ist dein Untergang!") rezitieren zu müssen.

Dabei kann ich mich jetzt ganz entspannt mit männlichen Attributen wie meinem Akkuschrauber und Bier umgeben und mich gepflegt auf das Fußballspiel heute abend vorbereiten.


 


Montag, 26. April 2004


Politikales Ko-Rektorat

Es brodert mal wieder beim Spiegel. Bekommen wir jetzt eine Bundesschrifttumskammer?

Nach den Herrenmenschen muss bald wohl das Gutmenschentum in Schranken verwiesen werden. Vielleicht könnte man ähnlich wie bei Zigaretten auch die schlimmen Bücher mit Aufklebern kenntlich machen. Weiß man wenigstens, was man kaufen soll.

Ex Libris | von kid37 um 19:26h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 26. April 2004


Mark of Cain

Is there something you need from me
Are you having your fun
I never agreed to be
Your holy one

Whatever I've done
I've been staring down the barrel of a gun


(DM, "Barrel Of A Gun")

Radau | von kid37 um 01:40h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 



Der alte Kapitän


Heute nacht besuchte ich den alten Kapitän. Er war lange Jahre Kommandant eines U-Boots gewesen und wußte, was es heißt, ein Leben im Untergrund führen zu müssen.
Er bot mir Tee und einen alten Keks. Im Radio liefen sozialistische Friedenslieder. "Katjuscha". Ich fragte ihn, wie man entkommen kann. Wenn ich aus meinem Fenster blickte, sehe ich nämlich, daß die Drachenboote schon wieder auf Kaperfahrt gingen.



Im Radio lief nun The Jam. "Going Underground". Das war doch aber auch früher. "And the public gets what the public wants/But I want nothing this society's got/I'm going underground"... ha, und früher hieß jünger.

Der alte Kapitän lächelte. Er meinte, er sei von Osten nach Westen gefahren und einmal sogar unter dem Eis hindurch über den Nordpol. Die Antworten, die er dort fand, waren nicht die Antworten, die er erwartet hatte. Aus Feinden konnten Freunde werden, und aus Freunden Feinde. Mittlerweile hatte er eine Flasche Wodka aus dem kleinen Kajütschrank geholt und vor sich auf das schmale Tischchen mit der kleinen, erhabenen Umrandung gestellt. Fast hätte ich gesagt, "Trrrrink, Brrriderchen", als mir einfiel, wie unhöflich es ist, fremde Dialekte nachahmen zu wollen.

"Trrrink, Brrriderchen", sagte er zu mir und konnte sich mein Lächeln nicht erklären. "Weißt", meinte er. Ihr im Westen, ihr denkt zuviel nach. Ihr träumt vom Wind. Und wenn kommt Sturm, dann ihr habt Angst.

Gut, meinte ich. Mit einem U-Boot kann man abtauchen. Da ist leicht reden.
Ach, meinte er und machte eine abwertende Bewegung mit seiner Hand. "Roboti, roboti, alles Arbeit." Unter Wasser gäbe es Stürme, die seien schlimmer als alles, was unter dem Himmel passierte. "Man muß wissen, wo sein Heimat", meinte der alte Kapitän. "Heimat sein Herrrz, sein Selle."

"Und wenn es keine Heimat mehr gibt? Wenn man eines Tages aufwacht, und alles ist weg?"
Der alte Kapitän schaute in sein Glas und dachte nach. "Darüber Seeleute njet sprechen", stieß er schließlich grimmig aus. Dann wurde er unruhig und nahm die angebrochene Flasche vom Tisch. "Dawai. Du jetzt mussen gehen."

Ich verließ das U-Boot. Schade, ich hatte mich auf eine Tauchfahrt gefreut. Aber ich mußte oben bleiben.


 



Das sind Geschichten

Ich wollte es neulich schon bemerken. Die formidable Striptease Raserei hat einen Link zu einer hübschen New Wave Erinnerung aufgerissen.

Ja, so im großen Ganzen war es wohl so. Ich will da nicht schon wieder das nostalgische Rühren im Topf der Erinnerungen anfangen. Neulich erinnerte ich mich, daß ich damals spitze Schuhe oder Creeps getragen habe. Und speckige schwarze Jackets mit Buttons/Badges. Und Ringel-T-Shirts. Explode/Implode. Und unter der Woche versackte ich jeden zweiten Abend im ... blablabla... ist hier eigentlich Kamingespräch für die Enkel?

Jetzt höre ich den Sturm. Das ist peinlich, süßlich und schwer romantisch. "You are a devil meaning well... if you want me I'm your country."
Ich weiß, ich bin weich in der Birne.

| von kid37 um 03:38h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 24. April 2004


Quand on est ensemble

'eute isch bekam une lettre electrique von meiner frankophilen Freundin A. aus D'dorf, sü die misch alle paar Jahre mal eine Welle à coeur treibt. Dann est-ce wieder Fünkstille. Das macht aber n'est-ce pas. Das sein Art de nous. Chacun a son gôut. Elle erinnert misch daran toujours, comme mon français unter aller Kanone ist. N'est pas trop bien. Malheuresement, hein?

Mais, egal ça. Elle m'inviter (pas de flektion) à ihr su 'ause in Städtchen tres belle à Rhein (rive gauche).
Deux Plattenspieler pour faire de musique grandiose, a grande table et ihr mütterlischer Büsen warteten.
Isch bin tres exaltiert. Elle veut savoir alles über Pool Viennese. Elle veut savoir tout. Elle me gebrochen de coeur vor lange Seit. Wir uns des'alb gut leiden können. Seit quinze ans. Baisers, toujours les baisers.

(Metrostation c/o Letterjames, via Tristesse Deluxe)

Homestory | von kid37 um 01:14h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 



Big Fish

Da hat Tim Burton ja mächtig was am Haken gehabt. Aber anders als die beinahe einhellig begeisterte Kritikerschar, finde ich nicht, daß er seinen Fang auch an Land hieven konnte.
Ein Film vergißt sein Publikum. Burton verzettelt sich in seinen Ideen, die alle nur oberflächlich angerissen werden, aber schon deshalb zusammenhangslos bleiben, weil auch der eigentliche Grundkonflikt zwischen Vater und Sohn recht nebulös bleibt.

Der Sohn ist am Ende eine genauso blasse Schablone wie zu Beginn. Ein deplaziert und fehlbesetzt wirkender Stichwortgeber. Sicher, Finney ist großartig - aber viel hat er auch nicht zu tun.

Ästhetisch enttäuschend dieses 70er-Jahre Flair. Burton reduziert die Fotografie auf Gelb- und Brauntöne und übertreibt es mit diffusen Gegenlicht- und Weichzeichneraufnahmen. Ein Film ohne Kontraste. Die Computereffekte (vor allem die Stimme des Riesen) - ein Grauen. Das wirkt nicht traumhaft, sondern eher billig.

Ein Film, der seine Möglichkeiten verschenkt. Die Zirkusszenen verlieren sich in Halbtotalen, obwohl hier Gelegenheit für opulenten Ausstattungswahn und wirkliche Bizarrerien gewesen wäre. Die siamesischen Zwillinge? Ein running gag, mehr nicht. Es reicht doch nicht, bizarre Charaktere in die Landschaft zu stellen und mit ihnen nichts anzufangen. Was soll diese sehr dissonant wirkende Banküberfallgeschichte? Wieso werden die Papiere des Vaters durchsucht, obwohl er noch nicht tot war? Danny DeVito und Jessica Lange sehen aus, als warteten sie die ganze Zeit auf das Startsignal des Regisseurs. "Ok, Tim, wir haben jetzt ein wenig geprobt und auch gedreht - aber wann geht er denn nun los, der Burton-Film? Where's the Magic?"

Möglicherweise war Burton während der Dreharbeiten mit seiner eigenen Vaterwerdung so beschäftigt, daß er hormonell bedingt ein wenig weich in der Birne wurde und den Faden verlor. John Irving hat es ja in den besseren seiner Romane geschafft, viele Fäden aufzuknüpfen und am Ende doch noch "glaubhaft" zusammenzuführen. Hier bleibt vieles nur unverbundene Episode. Schade. Als Fan der Filme von Tim Burton (sieht man mal von Mars Attacks! und Planet der Affen ab) bin ich enttäuscht. Dieser Fisch kann nicht wirklich schwimmen.

Big Fish. USA 2003. Regie: Tim Burton

Super 8 | von kid37 um 02:11h | 4 mal Zuspruch | Kondolieren | Link