Mittwoch, 22. Mai 2013


Far from the Maddin Crowd



Nur mal so fürs Albtraumprotokoll: Im Laufe der Jahre hat sich auf und unter meinen Tischen eine Menge schneebedecktes Zeugs von Guy Maddin angesammelt. Die wichtigsten Filme, denke ich, ein bißchen Literatur (empfehlenswert: William Beards Into the Past: The Cinema of Guy Maddin, das Maddins Schaffen bis 2010 beschreibt) und Notizen für eigene Ideen. Sein Tales from the Gimli Hospital gilt als kleiner Kultstreifen für Gothic-Fans, so wurde Maddin über Cineastenkreise hinaus bekant. Die anderen kennen womöglich seine preisgekrönte Pseudo-Doku My Winnipeg oder den hübsch melodramatischen Berlinale-Beitrag The Saddest Music in the World. Darin spielt Isabella Rossellini die Erbin eines Bierbrauerimperiums, die durch einen Unfall verkrüppelt wurde. Statt Beinen trägt sie nun zwei Prothesen aus Glas, die - jetzt kommt der magische Teil des Kinos - mit Bier gefüllt sind. So in der Art sind die Ideen des Herrn Maddin, aber nicht immer.

Beinahe interessanter sind seine formalen Näherungen an das klassische Kino und die Reanimierung des Stummfilms. So entstanden die frühen Filme mit wenig Budget und lausiger Technik und Expertise in verlassenen Scheunen seiner frostigen kanadischen Heimatstadt und sehen auch genauso aus. Fettbeschmierte Objektive, Negativfehler, doofe Schlagschatten und ein filmantiker Look aus aufgeblasenem 8- und 16mm-Material machte Maddin zu seinen Markenzeichen. Wie das aussieht, zeigt der Fünfminüter The Heart of the World, der das klassische Dilemma traditioneller romantischer Gefüge zeigt: Zwei Männer, ungleiche Brüder zudem, Bestatter der eine, der andere Schauspieler in einem Passionsstück, lieben dieselbe hochbegabte Frau (eine Wissenschaftlerin, die sich mit dem Weltgefüge befaßt):



Panzerkreuzer Potemkin trifft Gier trifft Metropolis - trifft den großen mit Zunge in der Backentasche inszenierten Heimkinospaß. Guy Maddin. Sieh an. Humor hat er auch.

In den sofalägrigen Tagen des letzten Jahres kämpfte ich mich bis zu seinem neuesten Werk Keyhole (Trailer) durch, einem labyrinthischen Noir-Thriller im Stil der 40er-Jahre, den Maddin erstmals und durchaus respektabel digital drehte. Auf einer traumrealistischen Reise wandert Gangsterboß Ulysses durch die verschiedenen geheimnisvollen Zimmer seines Hauses auf der Suche nach seiner Frau (wieder Rossellini) und dem Herz der ganzen Angelegenheit. Angereichert mit Taxidermie, in weiße Ober- und Unterhemden schwitzende Männer, Udo Kier und hübsch zusammengeklaubter Symbolik allen Unbewußten ist der Film ein Höhepunkt in der Werkreihe. Ein, zwei Ausfälle gibt es nämlich auch, darunter Filme, die Maddin von Anfang an selbst für mißraten hielt, wie er in Caelum Vatnsdals Kino Delirium verrät.

Und das sind Dinge, die ich in meiner Freizeit mache.

>>> Beitrag über Guy Maddin auf Arte

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Montag, 29. April 2013


Future Ex-Wives

Dieses Jahr wird sein wie eine mühsame Kutschfahrt aus einem Belá-Tarr-Film. Ein Unterfangen in Unbehagen, weitergeführtes Verharren in der Schlüssellochperspektive: Ich lasse mir vorführen und führe mich selber dabei vor. Schlag nach unter "Unbeholfenheit". Kommen wir lieber zu anderer Leute Auffälligkeiten. In Oddities, einer Doku-Soap rund um einen Trödelladen im East Village (das ist in New York, einer Stadt in den USA), ist Laura Flook eine regelmäßige Kundin. Die junge Dame ("She's spooky, but hot as hell", Youtube-Kommentar) arbeitet als Bestatterin, Model, Einbalsamiererin und Modedesignerin - kurz, in Berufen, die man als Frau halt so macht, wenn man nicht gerade mit Backen beschäftigt ist. Oder damit, ein Geschenk für die Freundin zu kaufen. Testikel im Glas, darauf muß man auch erst mal kommen.

Oddities verschenkt leider seine Möglichkeiten. Im hektischen Dauerquasselton zusammengeschnitten, unbeholfen gescriptet (Sieh an, ein Clown betritt unseren Laden. Hat sein Show-Köfferchen dabei, na, so ein Zufall... usw.) kapriziert sich die Sehen-Staunen-Stöhnen-Show auf be-ooohte und be-aaaahte Seltsamkeiten und Sammelsurien vorzugsweise aus dem Medizin- und Varieté-Bereich. Sich den Dingen wirklich zu widmen, fehlt hier vor lauter "Gosh! Look at this!" die Zeit. Schade, was könnte man rund um Harrys Hafenbasar für interessante Geschichten erzählen, moderiert vom weltgrößten Gnom (also ich) und einer dieser schwertätowierten Tresenfrauen aus der weiteren Umgebung. Dazwischen Neues vom häßlichen Walroß, als comic relief dazwischengeschaltet. Ganz schlimm bei Oddities die Folge mit Frau Dita von Teese, von Beruf Ausziehtänzerin. Es wird immer klarer, warum Herr Marylin Manson, von Beruf Schaubudenmusikant, die Ehe mit ihr aufkündigte. Oder verhielt es sich anders herum? Wie dem auch sei, das funktionierte nicht. Dafür habe ich einen Blick. Anders als bei Laura Flook und mir. Jetzt nur mal als Beispiel.

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Donnerstag, 31. Januar 2013


Barmen ist nicht Brooklyn, Dirk

So ging das damals dann wohl los. Ich muß das glauben, denn ich war ja nicht dabei. Wuppertal ist nicht Williamsburg und Barmen war nicht Brooklyn. Mitte der 70er wurden aufgelassene Viertel im quasi-bankrotten New York (das ist eine Stadt in den USA) Unterschlupf und Nährboden für die nach Richard Hells Hit als Blank Generation bezeichnete lose Gruppe von mäßig Frisierten. Künstler, Filmemacher, Schriftsteller und Musiker, die nicht mal Blogs hatten, dafür aber das CBGB. Der winzige Laden wurde zum versifften Inkubator für Bands wie Television, die Patti Smith Group, Blondie, Ramones, die Talking Heads. Das ist alles bekannt und läßt sich ansonsten nachlesen.

Mir sickerten diese Nachrichten tatsächlich durch Aspekte ins Gemüt (eher denn ins Bewußtsein), eine Sendung, die als festes Wort zum Wochenende neben Berichten über die Einstürzenden Neubauten oder Die tödliche Doris (sprich: Berlin) immer mal wieder Rumoren aus fremden Welten in die Provinz brachte. Nihilisten in New York! Richard Hell besingt die "Blank Generation"! 2:45 Min. Energiegewummse, das sich heute fast gezähmt anhört. Eine Rettung aber, gerade zur rechten Zeit, wenn man befürchtet, im Leben nur noch mit der Schwebebahn von links nach rechts fahren zu können und fürderhin Schallplattenerzeugnisse von, sagen wir, Al Green kaufen zu müssen. Wie die vorzeitig vergreisten Mitschüler. Blasierte Verachtung, da habt ihr!

Nun war ich ja selber lange noch brav, ging also nicht sofort (oder auch später, wie dei Frau Kink) nach New York, kann nun aber alles noch mal genau nachschauen. Meine Tochter Die junge Französin Céline Danhier nämlich hat eine lässig dahergerockte Doku gemacht. Blank City spürt diesen alten Zeiten am Brandherd nach, rückt den Protagonisten von einst auf die Pelle, zeigt Musik, Liveauftritte und eine Reihe rarer Momente. Der Schwerpunkt aber liegt bei den Filmemachern dieser Zeit. Unbekümmerte Super-8-Revolverhelden aus der grimmig-schmutzigen Welt des Cinema of Transgression. Beth B., Nick Zedd, Richard Kern, Lydia Lunch. Jim Jarmusch, Steve Buscemi und John Waters sind als bekanntere Vertreter der No Wave dabei und plaudern entspannt und selbstgewiß, wie das so ist, wenn man weiß: Man hat das alles überlebt. I can take it or leave it each time.

Ach ja. Und Sonic Youth.

Der Film läuft gerade durch die kleineren Kinos, mit Glück kann man den noch bis Anfang Februar sehen. Die DVD folgt dann ab Mai, also nicht traurig sein.

(Blank City. Regie: Céline Danhier. USA 20212.)

>>> Trailer und Info

Super 8 | von kid37 um 10:37h | 21 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 16. Januar 2013


Hanna im Wunderland

Es gibt da diese Szene in Wer ist Hanna? Wie der Vater in Berlin landet und die Tonspur das Geräusch von Krieg über eine ganz normale Straßenszene legt; wie er, ein sinnengeschärfter Elitekämpfer, die Umgebung als bedrohlich wahrnimmt (wie sie "wahr" wird). Direkt im Anschluß dieser artifiziellen Überhöhung diese wie ein Ballett inszenierte Kampfszene in der Unterführung (Ich war da auch schon mal, erinnere mich aber nicht, wo genau das ist). Überhaupt lebt diese Welt von ihren Labyrinthen, den verwirrenden Orten. Sei es das albern-futuristische Geheimgefängnis in der Wüste, diese vor lauter Säulen unübersichtliche Unterführung oder das verwirrende Containerlager, in dem die mit allen Überlebenstricks gewaschene, aber ohne Weltwissen agierende Hanna gegen einen Trupp Nazi-Skins in Bomberjacken kämpft. Oder auch die surreale, regennasse Atmosphäre des Plänterwalds mit seinen Dinosaurierskulpturen, diese großangelegte Berliner Täuschung. Ein Märchen also inmitten toter Monster und trister grauer Häuserwände. Die eigentliche Geschichte ist dabei nur mäßig interessant, Suchen, Verfolgen, Erwachsenwerden. Tilda Swinton Cate Blanchett als böse Herzkönigin, wenn man so will, auch insgesamt ist das Drama (das ist nicht schwer) eine überzeundere Variante von Tim Burtons Bumm-Bumm-Version von Alice im Wunderland. In unserer Kultur müssen die Söhne die Väter töten. Hier, ganz wie früher bei den Grimms, tötet die Tochter die Mutter. Das mit dem Hirsch ist clever.

(Wer ist Hanna? Regie: Joe Wright. USA/D/GB 2011)

Super 8 | von kid37 um 13:00h | 12 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 19. Dezember 2012


Nur die Zukunft ist mißraten

Wir spülten nie, außer wir wollten
würdevoll und selbstzerstörerisch wirken.

(Mirada July. Zehn Wahrheiten.)



Vor ein paar Wochen, während einer dieser leblosen Krankenlagertage, habe ich noch mal das Phänomen Miranda July hin- und herbedacht, sehr wohlwollend, wie ich betonen möchte, weil ich sonst ja gerne spontan darin bin, lange Listen herunterzurattern von Leuten die ich nicht mag. Bestimmte Schauspieler etwa. Oder Autoren. Oder Musiker. Nur Blogger, die mag ich alle. Vergleichbar fällt es den meisten Menschen schwer, Miranda July nicht zu mögen, selbst die Brigitte schreibt über sie, was nicht häufig vorkommt, wenn wir über Performance-Kunst reden. Nun macht die July nicht nur Performance, sondern alle Arten von Kunst. Manche sagen, sie selbst sei die Kunst. Sie trägt hübsche Kleider Sie schreibt Bücher, mit so zart-lakonischen Geschichten, daß man sie für Schneeflocken halten könnte. Wären da nicht ganz viele sandpapierartige, rauhe Stellen darin. Oder bringt wildfremde Menschen zum Erzählen, wie in ihrem neuen Buch It Chooses You (jetzt auch auf Deutsch erschienen). Was ja auch eine Kunst ist. Menschen zum Reden zu bringen. Geschichten zu entdecken und darüber etwas vom Leben für sich selber abzustecken. Zu sagen, weiß ich nicht genau, aber anders wäre es auch... unbestimmt. Vor ein paar Jahren gestaltete sie eine Ausgabe des Schweizer Magazins Du, wobei sie selbst völlig verschwand und eine Spurensuche präsentierte, bei der Freunde, Weggefährten und Nachbarn nach ihr und ihren Gewohnheiten befragt wurden. Ein interessantes Experiment darüber, wie sich eine Person aus lauter gespiegelten Beobnachtungsfragmenten ihres sozialen Umfelds zusammensetzt. Man kennt das aus diesem Internetz.

Dann dreht sie Filme, von denen ihr Debüt Ich und du und alle, die wir kennen ganz wunderbar und zart und auch sandpapierartig ist. Eine poetische Erzählung über staksige Menschen, mit schrägem Humor und voller peinlicher Momente, aber ohne Arg und Häme beobachtet. Zum Glück kennt den Film jeder, und die Welt ist danach auch ein Stück besser und gütiger geworden.

Mißlungen allerdings ist der Nachfolger The Future, ein mäßig fokussierter Film über das ungelenke, nervtötende Herumgegurke zwei Mittdreißiger, die sich zu nichts so recht entscheiden können und das Ende ihrer Beziehung aussitzen. Dazu mit vielen Albernheiten (diese sprechende Performance-Katze, also wirklich) gespickt und einer grandiosen kleinen Szene, die es aber bezeichnenderweise nicht in den Film geschafft hat. Miranda Julys Tip für alle Zauderer und Hinauszögerer und -schieber. Auch das hier vor Jahren mal vorgestellte "Are You the Favourite Person of Anybody?" geht auf ein Skript von ihr zurück. Ein sandpapierzartes Stück über Unsicherheit, Ungewißheit und sozial kaschierte Verzweiflung. Und über Orangen.

Super 8 | von kid37 um 12:12h | 21 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 6. Oktober 2012


On The Road



Marlen Mueller, genau, das ist die Schwester der großartigen Anousch, die ihr Blog ja leider vernachlässigt und den meisten nur noch als Twitterin bekannt ist. Wir erinnern uns an das Seufzen, das gestern Blogs und Twitter freudig (und in vielen Herzen auch trauernd) durchwehte. Die ist also weg, ihre Schwester aber auch - und zwar auf den Spuren von Jack Kerouac und seinem Roman On the Road. Quer durch die USA von New York nach San Francisco ging es für vier junge Leute aus unterschiedlichen Ländern, viele unverbrauchte Bilder fielen dabei ab, die man noch nicht aus tausend anderen Dokus und Filmen kennt, nicht alle eine echte Entdeckung vielleicht, aber mal ein anderer Ansatz.

Das Ganze ist ein Experiment, ein Wagnis, das eben auch nicht immer gelingt. Vieles bleibt leider flüchtig, viele Momente sind nicht auf den Punkt, so wie die Musikauswahl, die gelingt, wenn ein Beatgedicht mit dem passenden Bob-Dylan-Song unterlegt wird und man merkt, wo sich der Meister mal wieder bedient hat. So kenntnisreich geht es nicht immer zu, was Pink Floyd auf dieser Strecke zu suchen haben, bleibt mir ein Geheimnis. Eine Bereicherung sind auch die Zeitzeugen und Memorials, die anfangs besucht werden und die Spurensuche mit Bildern, Gedanken und Eindrücken füttern. Ab der Mitte aber läßt die Regie die Vier spürbar im Stich. Die Strecke verläuft durchs Irgendwo, und leider füllen die Protagonisten die great wide open nicht so recht, hängen etwas hilflos in der Luft. Wir sehen eine Klassenreise, da sind Leute lustig, albern, führen zwei, drei Sätze "ernsthaftes Gespräch", aber wirklich nahe kommen sie einem nicht.

Ich hätte die meisten ja nach hundert Kilometern schon aus dem Auto geworfen. Bis auf die Fotografin Marlen Mueller, die offen zugibt, das erste Mal in den USA zu sein (die anderen natürlich po.ly.glott) und sich im besten Sinne naiv zeigt, im Sinne von bei sich und offen genug, sich von dem, was sie sieht, beeindrucken zu lassen, statt immerfort nur sich selbst auszustellen oder affektiert durchs Haar zu streichen. Vielleicht wäre es besser gewesen die einzelnen auch einmal stärker einzeln vor die Kamera zu holen, erzählen zu lassen, näher ranzugehen. Uns bleiben Bruchstücke, Fragmente, Stümmelsätze.

Hinreißend bleiben Besuche wie die bei City Lights in San Francisco, einen Laden, dessen Beduetung für die US-Literatur nicht zu überschätzen ist - was man aber auch nicht erfährt. Während es für die vier Reisenden also um eine großartige Erfahrung und erinnerungswürdiges Abenteuer gehandelt haben dürfte, bleibt man als Zuschauer etwas zwiegespalten zurück. Unbedingt wiederholen, sage ich, beim nächsten Mal möchte ich aber bitte das Casting machen.

>>> On Jack's Road, Arte-Mediathek, Teil 1, Teil 2 (Nur noch heute!)

Super 8 | von kid37 um 14:22h | 10 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 14. September 2012


The Maker



Bloggen, Backen, Geigespielen: Christopher Kezelos hat diesen kurzen und unterhaltsam beklemmenden Animationsfilm zusammengebastelt. Er steht auf der Shortlist des Wrap-Filmwettbewerbs preisgekrönter Kurzfilme - und das völlig zurecht. Eine kleine allegorische Betrachtung über das Leben, die Zeit, die einem bleibt, und was man damit anfängt. Kostet nur 5:31 Minuten eurer Aufmerksamkeit.

via Darkened Forest

Super 8 | von kid37 um 20:30h | 17 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 23. Juli 2012


X-philie

Scully: "Ich weiß nicht, wo Mulder ist.
Aber ich hoffe, er hat dort, wo er ist,
das Lächeln nicht verlernt."
(Akte-X, "Without")

Möglicherweise, so jedenfalls bedeuten mir erneut sogenannte "wohlmeinende Menschen", sei meine Vorstellung von sozialer Interaktion durch den Konsum einer ebenfalls gewissen US-amerikanischen TV-Romcom (dazu aber später mehr) mißgeleitet. In Wahrheit, so die mir wenig schonend beigebrachte Beobachtung, seien Paare gar nicht bewaffnet und würden auch nicht den lieben langen Tag und halbe Nächte dazu unerklärlichen Geschehnissen, Mördern oder Fantastereien hinterherjagen, sich sonstwie permanent in Gefahr bringen und sich dabei sieben Jahre lang nicht einmal das Du anbieten. Ich verweise dann auf die Dokumente und die simple Tatsache, daß es da draußen eine bislang unbekannte Wahrheit gebe oder eben in einem drin, was ab einem gewissen Punkt ja auf dasselbe hinauslaufe.

Gleich Spooky Mulder bin ich mit meiner Meinung meist auf mich alleingestellt, während wir mittlerweile schon weit sind, daß ich das Gefühl nicht loswerde, des nachts oder wann immer ich schlafe führten fremde Lebensformen widernatürliche Experimente an mir durch, an meinen Augen, an meinen Beinen, in meinem Kopf. Tut das not? möchte man ihnen mit diesem norddeutschen Akzent entgegenwerfen, aber die Frage nach höheren Plänen scheint nur in ein neues Nichts zu führen. Beim Arzt jedenfalls spricht man bereits von Eskalation, und das, liebe Freunde, muß ja unter zivilisierten Menschen nun wirklich nicht sein. Ein Leben von Cliffhanger zu Cliffhanger wie in dieser gewissen TV-Serie. Man schaue sich nur das Ende von Staffel 5 an, als der Krebskandidat Mulders Büro mitsamt allen X-Akten anzündet, hier also ein Lebenswerk zerstört wird und dazu jegliche Hoffnung, auf der großen Suche doch noch weiterzukommen. Da ist es ganz gut, sag ich mal etwas ungelenk, wenn Scully inmitten der rauchenden Trümmer Mulder ein bißchen am Ärmel zupft. Ich denke schon, ohne dafür jetzt belastbare Beweise zu haben, daß so etwas hilfreich sein kann. Gegen Ende der insgesamt etwas schwachen siebten Staffel treffen Mulder und Scully eine Art bezaubernder Jeannie, die im Verlauf der Ermittlungen auch Mulder drei Wünsche ermöglicht. Das ist noch nicht der Cliffhanger, aber eine interessante Lektion in Sachen Wünsch-dir-was, wir erinnern uns vielleicht an den herzigen Inder, der mir vor Wochen erst so einiges versprach. Und es ist nicht so, als sei die Welt seither stehengeblieben - anders zum Beispiel als nach Mulders erstem Wunsch. Der wünschte sich Frieden auf Erden; mit dem Erfolg, daß er prompt allein zurückblieb. Erst mit seinem dritten Wunsch machte er alles richtig, eine selbstlose Tat nämlich, besteht das Glück ja oft darin, andere glücklich zu machen.

Also haben diese wohlmeinenden Menschen doch nicht so ganz recht, es gibt in dieser Serie doch einiges über soziale Beziehungen zu lernen. Geht es dort eben nicht um mysteriös-kriminales Brimborium, sondern um die große emotionale Erschütterung, um die Liebe in Zeiten der Alien-Revolte.

Super 8 | von kid37 um 11:11h | 2 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 15. Juli 2012


Wolken ziehen vorüber

Erste Meldungen erreichen mich, es solle mal heitere Abwechslung sein zwischen all den toten Tieren und morbid-medizinischen Betrachtungen. Also, ich könnt' ja noch stundenlang! Die frohe Botschaft des Tages lautet: Heute konnte ich bereits freihändig auf dem Trimmrad fahren.

Um also Abwechslung in meine weiterhin leicht anthrazitgefärbte Stimmung zu bringen, schaute ich aus meiner kleinen Kaurismäki-Bibliothek Wolken ziehen vorüber von 1996 mit der wunderbaren Kati Outinen. Schönstes Zitat: "Das Leben ist kurz und traurig. Freu dich, solange du kannst."

Ilona (Outinen) und ihr Mann Lauri stemmen sich (nebst Hund) gegen die Arbeitslosigkeit und weitere Tücken eines ebenso nüchtern wie unbarmherizg wirkenden Schicksals, trotzen dem sozialen Abstieg mit stoischer Würde, verlieren Job, Auto, Geld, Wohnung und Möbel, nicht aber sich selber. Wieder einmal stelle ich fest, Kaurismäkis Versöhnungsszenen gehören zu den schönsten des Kinos. Wortkarge, selbstinszenierungsfreie Feststellungen getreu der Eisbergtheorie, nachdem Neunzehntel des Ereignisses unsichtbar bleiben. Das kaum noch gebrauchsfähige Wort der Unverlogenheit möchte man ja fast nicht mehr benutzen.

Musik, Ausstattung und Fotografie sind wie immer makellos, ebenso präzise gesetzt wie die Dialoge, mit denen sich das Personal schwärzeste Wahrheiten ohne tiefere Verletzungsabsicht entgegenwirft. "Du bist zu alt." - "Ich bin 38." - "Eben. Du könntest jederzeit abkratzen." Ein Film als poetischer Kommentar zur Krise und zu einer tiefen Liebe, die sich als sachliche Zuneigung tarnt.

Super 8 | von kid37 um 23:59h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 28. Juni 2012


Das grauromantische Café

Da Selina ja überraschend ihr Blog geschlossen hat (Blogger.de-Insider), muß jemand anderes dorthin gehen, wo rostige Herzen von grünem Alienschleim zerfressen werden sanftschwere Wehmut pocht. Wie Menschen, die mich näher kennen, bereits wissen, schaue ich in letzter Zeit noch einmal alle Folgen der US-amerikanischen Krankenhausserie Akte X (dazu aber später mehr), in der zwei FBI-Agenten mehr als sieben lange Staffeln lang keine Dienstanweisung in ihrem Handbuch finden, ihren eigenen Fall zu lösen. Und danach ist es auch nicht einfach, aber Pst!, soweit bin ich noch nicht. Es soll Hoffnung herrschen im Hause, wenigstens da.

Aus manchen Dingen oder Erinnerungen kommt man nicht raus, warum auch, die sind wie ein Luftkissenboot über rumpeligem Grund. Das Reden nämlich in einer ganz eigenen Sprache, das Verstehen in wortlosen Gesten. Es wurde ja viel gelacht. Seltsam, andererseits, als ich mit einem Mal die Initialen neu las, als seien sie ein versteckter Hinweis aus einer X-Akte. Wie manches sich selbst einlädt, als sei es immer schon da. Und doch eine Sprache spricht, die niemand versteht. Mein größter Fall.

Super 8 | von kid37 um 12:12h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link