Vom Lesen und Lernen, II

Ausgebombt

Wahre Werte und eine antiidyllische Lebensanschaung vermittelte mir das zweite wichtige Buch in meinem Leben: Der bunte Tag. Dieses Lesebuch "für Volksschulen" (3. und 4. Klasse) stammt von 1951/54, war damit über zehn Jahre älter als ich und vermittelte in Gedichten, Märchen und Erzählungen einen Blick auf eine Welt, in der harte Arbeit wahren Lohn brachte. Grimmig und unsentimental ging es zur Sache, eben ganz wie daheim.

"Ich hatte sieben Geschwister", beginnt die erste Geschichte, die von den Steckrübentagen gegen Ausgang des Winters erzählt. Das "Abenteuer auf der Eisenbahn" beschreibt,wie fast ein großes Unglück passiert wäre, weil Kinder mit einem leerstehenden Waggon spielten. Schön ist auch "Der Verkehrsteufel":

Schrumdibumm, schrummdibum,
täglich bring ich ein paar um.
Schreibt's euch hinter beide Ohren:
Wer nicht aufpaßt, ist verloren!

Die Geschichte beginnt mit einem Satz voller Zeitkolorit für jemanden, der selbst noch auf Trümmergrundstücken spielte: "Als Kasper, der Freund der Kinder, in die zerbombte Stadt zurückkam, schickte er sich an, den Verkehrsteufel zu fangen."

Dieser finstere Geselle frönt einem makabren Spaß: "Der Schrei der Überfahrenen, das Wimmern der Verletzten ist Musik in meinen Ohren." Dann lockt er Kinder auf die Straße und... Ja, das waren Sätze, die mich bang und bänger machten. Verkehrserziehung war damals keine Kuschelpädagogik!


Andere Geschichten tragen Titel wie "Aus dem Tag einer Schaffnerin", "Mittags am Fabriktor" (wie den arbeitenden Vätern und Brüdern der Henkelmann gebracht wird), "An der Tankstelle", "Beim Kohlenbrenner" oder "Wie ich das Industrieland lieben lernte". Da wird über die Hochöfen und Stahlwerke, das Land und die Leute im Ruhrgebiet geschrieben: "Du wirst nachdenklich und still, wenn du das gewaltige Werk siehst. Der Mann im grauen Arbeitskleid ist unser Freund und Kamerad. Wer das Industrieland richtig kennenlernt, der muß es auch bald gern haben."

Dazwischen sind Märchen, Lieder und Gedichte gestreut. Bürger, Hebel, die Brüder Grimm, Storm und Rosegger sind die Autoren. Bis heute beeindruckt haben mich als Knirps die vielfältigen Geschichten über Behinderte und Außenseiter. "Der dumme Frieder" z.B. ist so einer, der immer gehänselt wird, sich am Ende aber als Held erweist, oder Arabella, das Zirkuskind, das von den anderen argwöhnisch betrachtet wird. Echte Tearjerker aber sind die Geschichten von den Bethelkindern. So wie die, in der "Mariechen", das Mädchen mit dem riesigen Wasserkopf, und das gehbehinderte "Fritzchen" Weihnachten feiern.

"Im dritten Jahr des großen Krieges lagen in einem Krankenzimmer von Bethel zwei Kinder." Da rührt sich was, bei arbeitsscheuen Hypochondern und anderen lesenden Sentimentalisten. Ab und an kamen mit einem weiteren Blick auf die damalige Alltagswirklichkeit Kriegsverwundete zu Besuch:

Ein blutjunger Bayer [...] hatte ein Bein verloren, dazu fast das ganze Augenlicht, auch sein Leib war schwer zerschossen. Er fragte Mariechen, ob es nicht schrecklich sei, jahraus, jahrein so still liegen zu müssen. "Ach, sagte Mariechen, und ihre helle Stimme schallte durch den ganzen Raum, "man muß eben geduldig sein."

Peter kommt ins Krüppelheim

Jaja, Geduld. Dulden und so weiter - das fand der "junge Bayer" dann auch. Ergreifend. Nicht jammern, weitermachen, Ruhe als erste Bürgerpflicht - so waren sie, die 50er Jahre. Und so wird bald alles wieder sein.

Aber auch das war nur eine Vorbereitung auf den Höhepunkt gegen Ende des Lesebuchs. Was passiert, wenn der Verkehrsteufel zuschlägt, erfährt man nämlich auf drastische Weise in der absoluten histoire verité "Peter kommt ins Krüppelheim". Eine Straßenbahn hat dem unachtsamen Buben die Beine zermalmt, und nun kommt er zu den anderen jungen Leuten ins Josefsheim, erhält ein Holzbein und eine künstliche Hand und muß nun lernen "die linke Hand zu gebrauchen". Bürstenmacher kann er werden oder Anstreicher, Bäcker oder sogar Schlosser. (Oder Pflasterverkäufer.)

Die Schwester führt ihn herum auf dem Klinikgelände, wo er nun leben wird und wo es Wälder, einen kleinen Bauernhof und einen Spielplatz gibt. Bald lacht Peter mit den anderen Kindern, sitzt im Sand und baut einen Tunnel, denn "das geht auch mit einer Hand".

Die Schwester sieht das und freut sich mit; denn sie hat ja nichts lieber als frohe Kinder, die vergessen, daß sie im Krüppelheim sind.

So freut man sich eben, wie man kann. Mein echtes Lesebuch in der Grundschule kam mit seinen öden Geschichten über eine Gärtnerfamilie nie an den grimmigen bunten Tag heran. Ich vergaß es neulich zu erwähnen, als die Bücherliste herumging. Aber Der bunte Tag kommt auf jeden Fall mit auf meine einsame Insel.

Ex Libris | 13:39h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
duden. - Donnerstag, 9. Juni 2005, 14:10
Das klingt nach wirklich starkem Tobak. Spannend. Was aus mir alles hätte werden können, wenn ich solch eine Fibel zu lesen bekommen hätte... stattdessen: brumm brumm ein Auto... keine Ahnung mehr, wie das Buch hieß, aber es war noch deutlich vor Fu der Strumpfsocke, die meine Schwester durch die ersten Schuljahre begleitet hat.

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arboretum - Donnerstag, 9. Juni 2005, 14:23
Den Gesang des Verkehrsteufels stelle ich mir herrlich vor.
Bei mir gab es im ersten Schuljahr auch einen Teufel, der war aber harmlos und sehr süß Uli, der Fehlerteufel. (Er hat Ihnen übrigens da oben ein d gemopst.)
Dann zogen wir in ein anderes Bundesland, da kannten sie ihn noch nicht, worüber ich sehr traurig war. Dafür gab es dann vom dritten Schuljahr an Englisch-Unterricht mit Billy and his elephant.

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mark793 - Donnerstag, 9. Juni 2005, 15:21
Krasser Stoff
Da sage noch einer, der Föderalismus und die Kulturhoheit der Länder hätten nicht auch was für sich. Obwohl dem gleichen Jahrgang angehörend wurde ich in Baden-Württemberg von solchen Moritatensammlungen gottlob verschont. Zumindest in der Grundschule.

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arboretum - Donnerstag, 9. Juni 2005, 15:26
Ich hatte Herrn Kid so verstanden, dass das sein privates Lesevergnügen war. In der Schulfibel gab es doch nur den Gärtner, der kein Mörder war (vielleicht wäre das sonst spannender gewesen).

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mark793 - Donnerstag, 9. Juni 2005, 15:34
Natürlich war das
ein Genuss, glaub ich unbesehen. Deswegen musste ich meinen Neid ja auch ein wenig kaschieren. Darüber hinaus gebührt dem Zweiteiler von Herrn Kid auch das Verdienst, mich zum Reflektieren der eigenen Lese-Sozialisierung angeregt zu haben. So weiß ich jetzt, wo meine Kommentier-Sucht herkommt.

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juneau - Donnerstag, 9. Juni 2005, 15:47
ich komm nicht ganz mit ... " stammt von 1951/54, war damit über zehn Jahre älter als ich" ... "für jemanden, der selbst noch auf Trümmergrundstücken spielte" ...
Ich weiss ja, das wir zwei ungefähr im gleichen Alter sind, so inden 60ern irgendwo (geboren <zwinker> ), aber ich gestehe ich hatte in der grundschule keine Bücher von 1951/54 und auf Trümmergrundstücken spielte ich auch nicht ... dabei dachte ich wir kommen aus der gleichen heimatstadt. kann unser leben da so verschieden gewesen sein? das ist fast erschreckend.
"Krüppelheim" wow .. das düfte man heute politisch korrekt gar nicht mehr sagen, früher hat sich irgendwie niemand was dabei gedacht. die zeiten ändern sich.
P.S. sah dann doch gerade dass dies nicht dein "echtes" Lesebuch war, das kam am Anfang nicht so raus - jedenfalls für mich nicht, aber das heisst nichts, denn ich muss schnell lesen, wenn ich sowas im büro mache - verbotenerweise <psssst>

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kid37 - Donnerstag, 9. Juni 2005, 16:59
Ich glaube, ich bin sogar einen Minitick jünger als Sie, aber die Richtung stimmt. Nun lebte ich nicht in Elberfeld ("die haben Geld"), sondern im Osten, in Barmen ("da wohnen die Arfmen"). Die Straße, in der ich aufwuchs, war zur Hälfte weggebombt worden. Nach dem Krieg hatte man auf der einen Seite hellhörige Sozialwohnungen hochgezogen. Meinem Wohnhaus genau gegenüber gab es noch bis Anfang der 70er Jahre ein unkrautüberwuchertes Trümmergrundstück mit Resten einer Brandmauer und verschütteten Fundamenten. Man mußte über eine kleine Ziegelmauer klettern, dann gehörte man zur Straßenkinder-Gang.

Viel lieber haben wir aber auf der anderen Seite gespielt, weil es dort Bäume, Büsche und echte Felsen gab. Dahinter noch ein jahrelang brachliegendes Schrebergartengelände, auf dem später ein Schulzentrum gebaut wurde, das aussah wie eine Hausgerätefabrik.

Das nachkriegsrealistische Lesebuch stammte aus der Restekiste einer Buchhandlung in Oberbarmen ("Obererbarmen"). Das Buch, das wir in der Grundschule benutzten, war sterbensöde. Jedenfalls habe ich daheim nie freiwillig darin gelesen. (Auf der Uni erlaubte ich mir mal den Spaß, daraus in einer Arbeit zu zitieren, weil ich meinen strunzigen Dozenten ärgern wollte. Der kam aber aus Bonn, war hochpenibel und hat es bemerkt.
Na ja. Der bunte Tag wäre garantiert als zitierfähige Ausgabe akzpetiert worden. Da bin ich sicher.)

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