Samstag, 14. Februar 2004
Denn heute ist Valentinstag. Da dürft Ihr Euren Liebsten etwas nettes sagen. An anderen Tagen natürlich auch. Aber heute gehören Blumen oder süße Herzen dazu. Ihr dürft auch was basteln. Noch ist Zeit, deshalb der Hinweis.
Weil ich vorhin durch eine Besucherin auf Shakespeare kam, wollte ich doch mal was zu Ophelia sagen, die sogar ihre eigene Seite hat. "Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten" heißt es bei Georg Heym, den ich aus vielerlei Gründen ganz besonders verehre und der wie kein zweiter in ein neopathetisches Café gehört. Das hat durchaus was zärtliches auch. "Ein langer, weißer Aal/Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint/Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint/Das Laub auf sie und ihre stumme Qual." Das Thema Nekrophilie hatten wir ja schon. Zu "Ophelia" gehört es fast zwangsläufig dazu, da macht Heym keine Ausnahme. Liebe, Begehren auch, geht über den Tod hinaus.
Das kann aber auch lästig sein.
Aber eigentlich wollte ich darauf hinweisen, daß vorhin draußen die Vögel sangen. Um halb eins in der Nacht. Auch denen scheint heute etwas sinnfrei zumute. "Übrigens ist vielleicht der Haß zwischen zwei Menschen ein noch stärkeres Band als die Freundschaft." (Georg Heym, Tagebücher)

Sonntag, 1. Februar 2004
"Was brauchst du dramatischen Unterricht? Den wirst du noch genug im Leben bekommen. Verlaß dich drauf."
(Anna Cordsen auf den Wunsch ihrer Tochter Emmy, Schauspielerin zu werden. Emmy Cordsen, spätere Emmy Ball-Hennings, 1885-1948. Schauspielerin, Modell, Muse, Sängerin, Dadaistin, Mitbegründerin des Cabaret Voltaire in Zürich.)

Montag, 26. Januar 2004
Zeit für eine neue Rubrik. Neulich musste ich ja schon den Vergleich hinnehmen, Johnny Cash sei wie Gottfried Benn. Die Postmoderne erlaubt weitere Bögen quer durch die Kunstgeschichte:
"Die Polizeiberichte beschrieben Ed Geins Wohnung als ein Labyrinth aus Knochen, Torsi und ausgestopften Körpern, beinahe ein zur grausamen Realität gewordenes Pendant zu Kurt Schwitters' "Merzbau" in Hannover, der bezeichnenderweise den Untertitel "Kathedrale des erotischen Elends" trug."
(Martin Büsser. Lustmord - Mordlust: Das Sexualverbrechen als ästhetisches Sujet im 20. Jahrhundert . Mainz, 2000 , S. 152.)

Mittwoch, 21. Januar 2004
Der Tod und das Mädchen
Sieh an, zwei neue Bücher trudelten via Hauspost ein. Es wird Zeit, daß es Frühling wird. Das Thema scheint definitiv "Lust" zu heißen. Nett, bunt und definitiv voller Humor: Dave Naz, "Lust Circus". Beim anderen Buch ist das nicht so der Grundtenor. Dafür ist es aber eine ganz interessante morbide Motivstudie. Dieser Martin Büsser ("Lustmord - Mordlust", Ventil Verlag) scheint ja ganz rührig in populären Kulturthemen. Der inhaltliche Sprung von Bataille über Bret Easton Ellis zu einem allgemeinen Überblick in US-amerikanischer Kunst und Film kommt mir zwar etwas, nun ja, gewollt-gewagt daher. So aus der "lameng" strukturiert. Macht auf den ersten Blick den Eindruck einer aufgeblasenen Magisterarbeit. Aber das muß ja nicht unbedingt falsch sein. Und das Hans-Bellmer-Cover weckt schon mal Vertrauen.
Eigentlich wollte ich mir ja Maria Tatar, "Lustmord: Sexual Murder in Weimar Germany" zulegen, aber die horriblen shipping costs hielten mich ab. Ist aber die grundlegendere Studie, und kommt dem hier verhandelten Sujet auch näher. Bronfens "Nur über meine Leiche" passt da noch auf die Liste. Schau nach bei Dix, Chagall und Grosz et al. Der Lustmord als Motiv der 20er Jahre. Von wegen "golden". Masereel fällt mir noch ein. Die Stadt. Und der Lausch-Bogen zu SPK ist auch ganz schnell geschlagen. Ein weites Feld also. Grad wollte ich noch Georg Heym zitieren, aber der Weg zum Buchregal ist mir jetzt angesichts der Uhrzeit zu weit. Morgen vielleicht. Nein, und mein Name ist nicht "Bateman". Das Interesse ist wie immer streng kulturwissenschaftlich. Bevor es wieder irritierte Aufschreie gibt. (Aber dann, wie heißt es so schön: "Nicht jeder Bastler ist harmlos.")

Donnerstag, 15. Januar 2004
"Man kann leicht von seinen Erinnerungen betrogen werden. Vor allem dann, wenn sie sehr deutlich sind."
(Dai Sijies, Regisseur von "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin")
"Da fällt mir ein, daß kein Traum, mag er noch so absurd und einsam sein, im Weltall verloren geht."
(Bruno Schulz, Die Republik der Träume)

Dienstag, 13. Januar 2004
... ich sitze die halbe Nacht auf und spiele Schallplatten, wenn mir schlimm zumute wird und ich mich nicht genügend betrinken kann, um schläfrig zu werden. Meine Nächte sind ziemlich übel. Und es wird nicht im mindesten besser damit. [...]
Morgen ist oder wäre unser einunddreißigster Hochzeitstag. Ich werde das Haus mit roten Rosen füllen und mir einen Freund herholen, um mit ihm Champagner zu trinken, wie wir's immer gemacht haben. Eine sinnlose und vermutlich törichte Geste, weil meine verlorene Liebe ja doch endgültig verloren ist und ich an ein Nachleben nicht glaube. Aber trotzdem werde ich's tun. Wir harten Burschen sind im Herzen allesamt hoffnungslose Sentimentalisten.
(Raymond Chandler am 7.2. 1955 an einen Freund, zwei Monate nach dem Tod seiner Frau. Im Februar 1955 unternahm Chandler das, was einer seiner Freunde später als den "unzulänglichsten Selbstmordversuch der Geschichte" bezeichnete. aus: Raymond Chandler. Die simple Kunst des Mordes, 1965/74.)

Donnerstag, 8. Januar 2004
Reise ins Herz des schlechten Geschmacks
"Admitting that you like stuff that isn't intellectual doesn't make you vulnerable; it makes you courageuos. Especially if you only have friends who "love" conceptual art and "serious" literature/film." (Ninette Murk, Quest No. 11)
Qvest. Eine Reise ins Wunderland des Kitsches. Bambikitsch. Coolkitsch. Pornokitsch. Schwulettenkitsch. Kunstkitsch. Laura Kikauka erklärt ihre Wohnung. Billy & Hells bescheren uns sexy Retro-Weihnachten. Selten wurde schlechter Geschmack so elegant in Szene gesetzt. Abfall, Müll, das B-Seitige des Lebens. Des Konsumentenlebens, natürlich. Ein Stilstakkato aus obskuren Haarschnitten, gewagten Farbkombinationen und längst begraben geglaubten Lebenshaltungen. Der Höhe- punkt: Die Rückbesinnung auf - nein bitte! - David Hamilton.
Man ahnte es schon, beim Blättern durch die Modemagazine in den letzten Monaten. Der Mann kehrt zurück. Die angehauchte Linse. Die Cousine im weißen Tüll. Dabei ist das eigentlich nicht zum Lachen. Genausowenig wie Rob Zombies "House of 1000 Corpses" ein Schenkelklopfer ist für Horrorzeloten. Dieser Film ist auch Kitsch. Ausstattungskitsch in erster Linie. Dann aber auch, weil er hinabsteigt in eine plumpe Retrohaltung. Und die böse Seite der 70er Jahre wieder aufleben lässt. Eigentlich konsequent, angesichts des ganzen 70er-Jahre-Easy-listening Lounge-Schicks. Wer "Schulmädchenreport" sagt, muss auch Terrorfilm sagen. Kitsch ist auch ein Kettensägenmassaker.
Liberace ist Punk. Wahrscheinlich wird "1000 Corpses" deshalb auch falsch verstanden. Weil er hohl, häßlich und abstoßend wie eine Kuckucksuhr daherkommt. Wer sich "1000 Corpses" aus reiner Geltungssucht dem Internet eselt, hängt sich wahrscheinlich auch ein Hirschgeweih ins Zimmer. Ohne ironische Distanz wohlgemerkt oder eben ästhetische Verfremdung.
Wer Augen hat, sollte einmal die Wohung von Laura Kikauka mit der Ausstattungsorgie und dem Setdesign von "1000 Corpses" vergleichen. Wir sind im Terror-Reign of Kitsch gelandet.
Und es ist wirklich toll. Weil es ein beunruhigendes Gefühl ist. Weil es uns verwirrt. Und provoziert. Weil es sich nicht gehört. Weil es sich unverschämterweise noch einen Spaß erlaubt. Aber Obacht vor denen, die ihre Gartenzwerge gleich neben der Kopie von "1000 Corpses" plaziert haben.
Die gruseligste Alice marschierte in den 70er-Jahren durchs Wunderland. Also folgen wir dem weißen Kaninchen. Bis nach Kutná Hora zum Beispiel. Eine Queste ins Herz der rosafarbenen Plüschfinsternis. Oder blutrünstigen Gegengewalt. Terror-Schick. Rote-Prada-Fraktion. Das ist sozusagen die Ironisierung des Polit-Kitsches. Das Che-Poster auf dem Klo.
Es erfordert Mut, diese Reise zu wagen, und noch mehr, sie zu bestehen. Wer noch nicht da war, geht dorthin. Wer es schon kannte, kehrt wieder dorthin.
Und das schlimme ist: Es gibt keinen Weg zurück.
Für manche ist auch das Kitsch. Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Brassai noch bis zum 28. März 2004. Und sonst im Verlag Christian Brandstätter. Wer beliebt ist, läßt es sich schenken.

Samstag, 3. Januar 2004
Diesen Mann muß ich sofort konsultieren. Ob er auch 10 Euro Praxisgebühr verlangt oder entfällt diese Gebühr bei Fernheilung?
"Neuvitalisierung, Kur durch moralisches Serum:
Luc Taon, Wilsonstraße 8, Bordeaux
Professor der okkulten Wissenschaften.
Psychotherapie durch Magnetismus, Radioaktives Fluidum, Neubelebung durch Hypnose, Suggestion, Naturismus. Steigerung natürlicher Abwehrmitteln durch Sympsychie.
Heilung aller Ängste: Platzangst, Angst vor Nacht, Angst vor Mikroben und dem Altern, Phobien, Veitstanz, Zwangszustände, Verfolgungswahn, Manien, fixe Ideen, Passionen, sexuelle Perversionen, Impotenz, etc. werden durch mein persönliches Fluidum geheilt. Auswärts wohnende Personen durch Fernwirkung mittels radioaktiver Ausstrahlung."
(aus: Claire Goll. Arsenik oder Jedes Opfer tötet seinen Mörder, 1933.)

Mittwoch, 31. Dezember 2003
Oh, ich hab's verbockt:
"Was immer an Reife des Fühlens sich in ihrem Ausdruck ansammeln mochte, wurde von schierer Albernheit zugedeckt, sobald sie mit der Feder zum Schreiben ansetzte. Da war viel die Rede von "deinem Gefühl für mich" und "meinem Gefühl für dich", und Sätze begannen mit "Ja, ich weiß, daß ich sentimental bin" oder noch plumper [...], und dann unweigerlich viel Zitieren aus gerade populären Schlagertexten, als drückten diese die Gemütsverfassung der Briefschreiberin besser aus als eigene sprachliche Klimmzüge."
(F. Scott Fitzgerald, Erste Leidenschaft)
Na gut. Ich erkenne mein Versagen. Ich war schon immer sentimental.
(... "the emptiest of feelings" Radiohead, Let Down).

Donnerstag, 25. Dezember 2003
So, gerade mal den Weg zum Hauptbahnhof gewagt. Noch eine Geburtstagskarte für meinen Bruder eingeworfen und durch die etwas pompös benannte "Wandelhalle" geschlendert. Die Leute sind schon merklich aggressiv, dabei ist heute erst (schon?) der erste Feiertag. Unausgeglichene Kinder randalierten bereits in der U-Bahn, erwachsene Männer bekamen beim Bäcker eine Krise, weil sie kein "normales" Brötchen bekamen. Es ist allerdings auch ein Kreuz mit diesen 4-Korn-, 5-Korn-, 6-Korn-, Weltmeisterbrötchen. Der Mann hat recht: Es gibt keine einfachen Dinge mehr. Es ist alles kompliziert! Beispiel: Tarife fürs Mobiltelefonieren.

Dafür gibt es jetzt Zeitschriften, die sich schlicht "Deutsch" nennen und Texte in eben dieser Sprache beherbergen. Ich hab das Teil zuallererst wegen der Fotostrecke von Ellen von Unwerth gekauft. Nein, den Ausschlag gab ein Artikel über Tabea Blumenschein, von der ich seit Jahren nichts mehr gehört, über die ich mich neulich aber erst mit meiner Kollegin unterhalten habe. (Einige werden sich erinnern: Tödliche Doris et al.) Gäbe es nicht die komplizierten Probleme in meinem Leben - ich könnte so glücklich sein.
Mit den einfachen Dingen.
