Kasseler Vistas # 1




Es wird Zeit, von Reisen zu berichten, die mich unlängst zur documenta führten. Gern hätte ich Fotos vom letzten Mal danebengestellt, aber die sind mir mal gestohlen worden abhanden gekommen. Neues Glück, nur fünf Jahre später: Den Reisenden erwartet vor dem Kasseler Hauptbahnhof eine anrührende Skulptur (gehört nicht zur documenta) des Künstlers Ernst Kahl zum vorgeblichen Gedenken an die Bombentoten des Tierwaisenhauses St. Bonifatius. Eine noble Geste, das wurde Zeit, auch dieser ärmsten der armen Kreaturen zu gedenken.



Ergriffen führte es mich weiter durch die sehr schöne Kasseler Innenstadt, der nach dem Krieg ein ebenso weitsichtiger wie geschmacksicherer Wiederaufbau beschert ward. Ein freistilistisches Ensemble in stahl- und betongrau, ein Simultangesamtkunstwerk, Nährgrund für viele documentas. Toll, aber bitte weitergehen. Auf dem Platz vor dem Fridericianum blüht der rote Tod Mohn, Zeit für innere Kunstsammlung. Hätte ich da bereits gewußt, geahnt oder bloß gehofft, daß auf den documenta-iPods Audioführungen zu hören sind, die u.a. von Sophie Rois gesprochen wurden, hätte ich mir so ein Ding natürlich ausgeliehen. Diese Stimme allein ist ja schon Kunst an sich, vor allem, wenn sie flucht. Oder laut schreit: "Revolution!" (Wer hat das schon?) oder nur vom Tod erzählt.



In der Halle nämlich gleich die erste freudige Überraschung: tote Tiere! Die recht unfachmännisch ausgestopfte Giraffe sieht aus wie eine schlechtsitzende Regenschirmhülle und erzeugt beim Betrachter allein deshalb schon Mitleid. Gleich daneben die Plüschbrigade von Cosima von Bonin: ein Hund, ein Tintenfisch, herzallerliebst, aber zum Mitnehmen zu schade.



Im Aue-Pavillon hingegen herrscht viel Platz. Wer ein bißchen Patafix oder Fotoknete mitnimmt, kann an einer der vielen freien Stellwände schnell noch ein eigenes Werk anbringen. Dankt mir ruhig - ich wünschte, ich hätte vorher davon gewußt. Überhaupt, im Vergleich zur letzten documenta erlebte ich eine eher heitere Stimmung. Vielleicht hat der Chinese Ai Weiwei die richtige Losung ausgegeben, als ein Sturm seine Turminstallation zerstörte. "Das ist besser als vorher", soll er angesichts des Trümmerhaufens lakonisch bemerkt und einen Wiederaufbau abgelehnt haben. Gleichsam entspannt das Aufsichtspersonal. Als ich meine Kamera auf die Umrandung von Ines Doujaks "Pflanzenbeet" (eine kritische Arbeit über Bio-Patente) abstellte, um eine kleine Raupe Nimmersatt zu fotografieren, die sich im und am Kunstwerk zu schaffen machte, wurde ich sanft ermahnt - mit einem Augenzwinkern allerdings und den Worten "Ich hab' extra gewartet, bis Sie das Foto gemacht hatten." Großlob noch mal von hier!



In vielen Museen darf man ja nicht mehr ohne weiteres Fotografieren, weshalb ich in letzter Zeit gerne den letzten überwachungsfreien Ort dokumentiere, um wenigstens ein Andenken und Gelegenheit zur Einrichtungskritik zu haben. Die Toiletten im Aue-Pavillon, möchte ich kurz anmerken, sind funktional, schmucklos, aber recht ruhig. Auch diese Information ist übrigens kostenfrei.



Zum Schluß dann etwas Sex & Rock'n'Roll: Freimütig gestimmte E-Gitarren (Skulpturaler Klang von Saâdane Afif) simulieren das autophone Orchester, bei dem mir die Epiphone-Verstärker im Retro-Look das meiste Verzücken entlockten. Für Eros sorgte interessanterweise Lee Lozano (auch schon tot), deren Werk ich letztes Jahr in Wien entdeckte. Eine fast schon "altmodische" Kunst, wie ja der Rückführungsgedanke ein zentraler Ansatz der diesjährigen documenta ist.

Es gab noch einiges interessantes mehr, die "Ethno-Masken" aus alten Kanistern von Romuald Hazoumé, die Totensammlung von Mladen Stilinovic und vor allem die beeindruckenden Fotoarbeiten von Jo Spence über Rollenverständnis, Identität, Körperbewußtsein und Krankheit.

Ein paar Eindrücke aus der Neuen Galerie und dem Fridericianum liefere ich nach. Glaubt nicht, es sei überstanden!

Flanieren | 13:37h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
derherold - Donnerstag, 26. Juli 2007, 14:11
Abgesehen von dem nice-en Bhf Wilhelmshöhe ist Kassel auch bekannt als "nordhessische Vorhölle".

Man lasse also K... liegen und suche via Autobahn oder B7 den Weg nach Gotha, Erfurt, Weimar.

K..., pah ...

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halbtot - Donnerstag, 26. Juli 2007, 19:12
Ein ausgezeichneter Bericht, fast noch besser als dieser.

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kid37 - Donnerstag, 26. Juli 2007, 20:27
Der vom Stilhäschen ist viel vergnüglicher, ich habe gerade abstimmen lassen.

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ulrich s. - Donnerstag, 26. Juli 2007, 20:43
Danke für den ersten Eindruck. Bin gespannt auf Part 2. Sicher erfahre ich dann auch, ob ich mir den Trip nach K. nun sparen kann, wie es mir mein Innerstes eindringlich rät.

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kid37 - Donnerstag, 26. Juli 2007, 23:39
Ehrlich gesagt, hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Manche Themenkomplexe, Assoziationen und Vernetzungen waren ganz interessant, aber insgesamt fand ich es doch recht durchschnittlich. Echte Höhepunkte fehlen, aber es soll ja auch keine Leistungsschau sein.

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c17h19no3 - Freitag, 27. Juli 2007, 02:05
das, was die bilder zeigen, hätte mich sicherlich wieder in postmoderne/kompostmoderne verzweiflung gestürzt. ich kann da nicht lachen und nicht weinen, höchstens die augenbrauen hochziehen und meine ratlosigkeit schweigend verbergen.
immerhin, war man dort, kann man an die klowand malen: i was here. auch was schönes.

edit: aber die schuhe sind einsame spitzenklasse, natürlich.

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kid37 - Freitag, 27. Juli 2007, 11:36
Die Schuhe sind großartig, das war eine gute Entscheidung.

Die Kanistermasken sind fantastisch, Lee Lozano sowieso, dann gibt es die wunderschönen Fotos von Ojeikere - nur leider alles schon bekannt und verliert sich in der mehr als großzügigen Präsentation vieles im Raum. Im Pavillon wenigstens fehlt eine zentrale "Sensation" oder wirkliche Neuentdeckung.

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gorillaschnitzel - Freitag, 27. Juli 2007, 17:47
@kid: Ich bin eher der Totalbanause, aber was den Pavillon angeht, fand ich noch diese chinesischen (meterlangen) Zeichnungen von Peking recht gut. Und natürlich die Kanistermasken. Ach ja: Und das Boot aus Kanistern ("Dream"). Ansonsten: Ja, wenig Sensationen (was aber vielleicht auch daran liegt, dass man ob der Länge irgendwann mal ermüdet...)

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gorillaschnitzel - Freitag, 27. Juli 2007, 17:44
Ich habe ein déjà vu. Danke.

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kid37 - Freitag, 27. Juli 2007, 21:49
(Den "missing link" Wilhelmshöhe können Sie ja dann nachtragen.)

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ilse.bilse - Freitag, 27. Juli 2007, 17:53
Sie waren auf der Documenta? Warum haben Sie denn nicht... tz....

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kid37 - Freitag, 27. Juli 2007, 21:48
Frau Ilse, sagen Sie bloß, Sie hätten mich begleiten wollen?!?

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ilse.bilse - Freitag, 27. Juli 2007, 22:05
Na, hätte ich das gewusst/mitgekriegt, hätte ich mich da auch sehen lassen. Ich glaube, noch näher waren Sie nie zuvor an meinen Heimatgefilden. :)

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diagonale - Freitag, 27. Juli 2007, 22:35
Ach, Frau Ilse, da kommen 'se wech!

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kid37 - Freitag, 27. Juli 2007, 22:48
Ach, das ist aber schade. Mit Ihnen hätte ich gerne meine Schale Kartoffelscheiben geteilt.

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fishy_ - Freitag, 27. Juli 2007, 20:24
Documenta5: zu Fuß tagelang auf dem Gelände unterwegs, es gab nur mitgebrachte Schnitten und ungesüßten Tee (O-Ton Dad: "Das ist der beste Durstlöscher!") und Blasen an den müden Kinderfüßen. Und dennoch. Immer noch lebhaft großartige Bilder der dort ausgestellten Kunst im Kopf.

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kid37 - Freitag, 27. Juli 2007, 21:47
Ich hatte mir selbstverständlich auch Käsestullen mitgenommen. Und Wasser. Allerdings knickte ich abends in den Beinen ein und gönnte mir eine Schale Kartoffeln mit so einem Crème-fraîche-Ersatz. Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren ist. documenta5, habe ich gerade nachgelesen, war mit Rebecca Horn, Beuys und Schwarzkogler/Nitsch ja eindrucksvoll besetzt. Toll.

Meine erste war die 6. (Aus meinem Buch: "Where were you in '77?")

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