Nullen, Nerds und Einsen

Herr Dings warf mir so ein, öh, Dings zu, da kann ich aus gegebenem Anlaß (kennt noch jemand "Büro, Büro"?) nicht widerstehen.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich nämlich mit diesem Linux für Doofe - Ubuntu. Das ist eine so narrensicher gestaltete Linux-Distribution, daß im Prinzip auch Narren wie ich damit klar kämen, wenn... aber erst einmal ein Blick zurück (ist ja schließlich auch Kultur!):

Was war Deine erste “echte” PC-Hardware?
Als das mit Rechnern "für zu Hause" losging, also C64 und Co. fand ich das selbstverständlich komplett blöde, was für Nerds, die Killerspiele spielen (das Problem gab's damals schon), Zeitverschwendung (im Gegensatz z.b. zu endlos billigem Wein trinken und um vier Uhr morgens die Welträtsel zu lösen) und eine Ausgeburt des kapitalistischen, kulturzerstörenden Teufels.

Im Grunde so wie heute auch. Aber später dann an der Uni wagte ich den Schritt in die Digitalhölle. Ein großer, ach was, sehr großer Büromaschinenkonzern hatte unseren geisteswissenschaftlichen Fachbereich mit einem Netzwerkraum mit ungefähr 20 PCs ausgestattet (ich bin mir nicht sicher, ob die schon Festplatten hatten, grüne Monitore sind mir noch im Gedächtnis geblieben). Angeblich, so raunte man, wollten unsere Linguisten was mit "neuronalen Netzwerken" erforschen - keine Ahnung, ob das stimmte. Keine Ahnung, was das überhaupt war.

Der Klang war für einen Illuminaten-Leser und Verschwörungstheoretiker (he, das waren die 80er Jahre!) jedenfalls verlockend. R.U. Sirius? Ja, ich war plötzlich Mondo 2000 - und das kam so: Ein Einführungskurs in Word 3.0 (kann das sein? alles so verschwommen auf einmal) wurde für mich zum digitalen Erweckungserlebnis - und während andere Punx und Post-Punx Kneipen eröffneten oder religiösen Sekten beitraten, wurde ich Bitter & Byter. Man konnte - statt Basic-Prügelspiele zu spielen - was RICHTIGES mit Computern machen! Texte schreiben, zum Beispiel, auf so einer floppigen Scheibe abspeichern, bearbeiten und sich dem Glauben an eine künstliche Intelligenz hingeben. Also ganz so was wie "Malen, Töpfern, Kreativ sein" (frei nach Die Tödliche Doris).

Ich gab das Trinken auf, aß nur noch Käsebrote und konnte mir vom Ersparten den ersten eigenen Rechner leisten, einen Commodore PC10, ein "IBM-kompatibles" (so das Zauberwort damals) Zahlenwalzwerk mit zwei (!) 5.25-Zoll-Laufwerken (when I was king) und einem Schwarzweiß-Monitor. Wer noch den Begriff "Hercules-Grafikkarte" kennt, weiß, was ich meine.

Deine erste Anwendung welche Du benutzt hast?
Ich war selbstverständlich schon damals DAGEGEN und benutzte statt MS-DOS das überlegene (was sonst?) DR-DOS und erwähnte Textverarbeitung. Ich glaube, zu meinem Rechner gehörte eine Genius-Maus und ein "Malprogramm" namens "Dr. Halo". Das obige Kunstwerk ist meine erste elektronische Zeichnung. Warum ich an der Akademie trotzdem nicht angenommen wurde, bleibt mir bis heute ein Rätsel.

Dein erstes Spiel?
"X jagt U" - eine Version von Nethack, das selbstverständlich auf reiner Textgrafik basierte (he, ich hatte nen PC, keine Spielkonsole). Die Spielfigur war X, ein Monster z.B. f und eine Schatztruhe $. In den folgenden Nächten jagte ich nicht mehr nach der Weltformel, sondern nach mir unbekannten Getümen namens "Orks" und "Trolle". (Was das sein soll, habe ich erst Jahrzehnte später durch diese Filme kapiert.)

Bis heute unerreicht war aber ein Spiel, dessen Namen mir partout nicht mehr einfällt. Ein Weltraumeroberungsspiel ebenfalls in Textgrafik. Man starte beispielsweise auf dem Planeten "E" und mußte dann das Alphabet erobern, Raumflotten ausschicken, Spionageschiffe, nebenbei meuternde Koloniewohner unterdrücken befrieden - und nächtelang aufbleiben (obwohl davon nix in der Anleitung stand). Ich hätte natürlich auch schneller studieren können, aber he, ich wollte den Umsturz und ich wollte das System Ypsilon!

Später übrigens kam "richtige" Grafik ins Spiel (ins Spiel!). Wichtigstes "echtes" Spiel (nach SimCity) war Ultima VI. Von der revolutionären Spieltiefe vielleicht bis heute nicht erreicht, behaupte ich mal provozierend.

Hattest Du von Anfang an Spass an der Materie?
Mich reizen Widerstände und Mysterien. In der Hinsicht konnte ich mir zeitweise keinen besseren Gegenpart als einen Computer vorstellen - denn ich hatte wirklich keine Ahnung. Bald aber nannte man mich den Wizard of DOS (was sich jetzt bewährt, wo ich mich mit Ubuntu beschäftige und auf sogenannten "Konsolen" eine ähnlich spartanische Welt vorfinde).

Damals war diese Idee der "Künstlichen Intelligenz" sehr in Mode, Vernetzung war bald ein Thema, simulierte Welten ("SimLife" z.B.). Ich las dazu diese San-Francisco-Bewegung, eben R.U. Sirius, Hacker-Mythen, Cyberpunk & Shadowrun, experimentierte mit Lyrik-Generatoren, philosophierte mit "Eliza" und fühlte mich überhaupt wie Dr. Frankenstein mit seinem neuesten Geschöpft. Modern Prometheus. Versuche, mir eine RS-232-Schnittstelle in den Unterarm zu ritzen, schlugen aber fehl. Das Licht wollte irgendwie nicht an und mittlerweile weiß ich besser Maß zu halten.

Seit wann bist Du online, und mit welchem Anbieter?
Mein erstes Modem hatte 9600 Baud, das gehörte damals zu den etwas schnelleren. Es gab in Wuppertal und Umgebung ein paar Mailboxen, in die man sich einwählen konnte. Eine hatte 4 Ports - d.h. vier Leute konnten gleichzeitig online sein und miteinander chatten kommunizieren (habe ich mich nie getraut. Ein merkwürdiges Gefühl: Man wird auf einem Computerbildschrirm angesprochen) oder Daten runterladen. Meist Sharewareprogramme oder pixelige Prono- Landschaftsbilder.

Das war Ende der 80er, Anfang 90er. Bei einer lokalen (Hobby-)Mailbox konnte man sich eine eMail-Adresse einrichten und auch das USENET beziehen, Forengruppen zu allen möglichen Themen - World Wide Web war in seiner grafischen Form noch kein Thema.

Mittlerweile interessieren mich Computer, Betriebssysteme, Spiele und "Ideen" wie Cyber-Welten nicht mehr so. Wenn ich jetzt in den Gehäusen rumschraube, dann fluchend, weil irgendwas nicht funktioniert und nicht aus Interesse und Neugier. Mit Linux (oder was ich dafür halte) kehrt einiges von meinen ursprünglichen Erfahrungen zurück - aber ehrlich gesagt, würde ich gerne darauf verzichten. Das erste Mal bleibt das erste Mal - und manchmal wünsche ich mir den Sog der ersten Spiele zurück und deren spartanisches X und U. Dieser irgendwo sehr beeindruckende Oberflächenreiz moderner Spiele läßt mich schnell gelangweilt zurück.

Leider unterstützt das assoziationsschwache XP mein altes Cubasis nicht mehr. Nix mit "das ist ein Midi-Instrument, hier ist noch eins - nun hast du eine Band"-One, two, three, four. Bleiben noch Bildbearbeitung, Schreiben und Surfen. Sobald also Ubuntu vernünftige Multimediaanwendungen anbietet, kehre ich der Windowswelt gerne den Rücken.

Ich reiche weiter zu Mek Unix, dem Herrn Rationalstürmer und Frau Diagonale.

Tentakel | 14:41h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
novesia - Sonntag, 29. April 2007, 16:53
Ganz komisches Gefühl ist das mittlerweile, all das nicht mitgemacht zu haben. Eine Lücke, ein ausgelassener Entwicklungssprung, den man nie wird aufholen können. So als hätte man die Pubertät ausgelassen und könnte deshalb niemals richtig Sex haben. Naja, hört sich übertrieben an, aber manchmal kommts mir so vor...

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kid37 - Sonntag, 29. April 2007, 20:24
Ja, die jungen Leute heutzutage. Um Oles Befürchtung mit den Bienen aufzugreifen: Metaphern mit I/O-Schnittstellen sind denen doch auch nicht mehr begreiflich zu machen. Nur noch USB all überall!

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mek - Sonntag, 29. April 2007, 19:57
Einen schönen Familiennamen haben Sie mir da verpasst. Leider gibt es keine Frauen mit solchem Namen, die würde ich ja ungesehen heiraten.

Was für Multimediaanwendungen werden da gesucht? Mittlerweile gibt es eigentlich so ziemlich alles. Außer vielleicht vernünftige (freie) Filmschnittsoftware. Ich stelle mich gerne als Berater zur Verfügung.

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3und20 - Sonntag, 29. April 2007, 20:02
auch unsere linguisten fummeln immer noch an neuronalen netzwerken rum. scheint eine langwierige sache zu sein...

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kid37 - Sonntag, 29. April 2007, 20:36
Super, die hermetischen Nerds!
Die Linguisten haben sich bestimmt im eigenen Expertensystem verprogrammiert. -> loop to end oder wie immer solche Befehle lauten.

Lieber Mek, ich bin schon völlig verbasht, möchte aber unbedingt irgendwann den schwarzen Sudo-Gürtel haben. Nachts träume ich Befehlsketten von get apt install und will die Konsole gar nicht mehr verlassen.

Gerade ein Notebook mit Feisty Fawn beglückt, und war die WLAN-Anbindung unter Dapper noch irgendwie geheimnisvoll mit "eth" und "config", klappte jetzt alles "out of the box" - sogar das nahegelegene Netz wurde erkannt. Großes Lob.

"Kino" erkennt meine Filme nicht, das ist noch ein Problem, sonst würde ich das mal probieren. Ich suche da ja nix dolles. Ansonsten teste ich gerade dieses "Ardour" als Multitracking-Programm. Kann ich noch nicht viel zu sagen, aber spontan besehen, scheint es wirklich noch etwas beta. Ich warte gespannt auf dies hier.

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mek - Montag, 30. April 2007, 11:42
"Kino" mag meine Filme auch nicht. Für einfaches herumschneiden in AVI-Container funktioniert jedoch "avidemux" hervorragend.
Ardour habe ich nie verstanden. Das ist mir zu kompliziert. Für Midi-(und auch Audio)-sequencing bin ich mit Rosegarden sehr zufrieden.

Übrigens, machmal "sudo apt-get install bombardier ; bombardier" (und den Terminal ein bisschen in die Größe ziehen).
Danach die Leertaste drücken.

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reyamm - Montag, 30. April 2007, 20:36
Ich hab' mit einem Atari 128 angefangen nebst Datasette. Totaler Hammer! Damals hat mein Chef Wind davon bekommen, dass "Der Mayer" son Dings zuhause hat. Der kam dann gleich mit dem Auftrag, dass ich "mal eben" ein Netzwerk für unsere Abteilung aufbauen sollte. O-Ton: "Sie ham doch son Rechner, wa? Sie können det doch? Sie machen det jetzt..." Der Server hatte dann eine 50 MByte Festplatte, das war damals unvorstellbar gross. Ich kann mich auch noch dunkel an das Update von DOS 3.3 auf 4.01 erinnern... grusel :-) I

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kid37 - Mittwoch, 2. Mai 2007, 12:25
Ah, Atari! Die haben immerhin als coole Marke überlebt. Die Schwarzweiß-Grafik sah zudem ziemlich edel aus für damalige Zeiten.

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diagonale - Montag, 14. Mai 2007, 20:08
Ohne Herrn Nase, hätte ich das nie gefunden. Ohgottohgottohgott. Diese ganzen Fragen kann ich doch gar nicht so schnell beantworten! Da muss ich mal tief wühlen. Und das schaff ich heute auffe Schnelle auch nicht mehr. Hmm... Na, mal sehen. Sonst erst nächste Woche. Werde gezungen, eine Woche offline zu sein.

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kid37 - Montag, 14. Mai 2007, 20:11
So sieht man eben, wer noch mitliest und wer nicht. Ich habe natürlich sofort mein Abo bei Ihnen gekündigt. Ist klar.

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diagonale - Montag, 14. Mai 2007, 20:13
Das hatte ich befürchtet. Ich bin seit 2 Wochen aber allgemein extrem abstinent. Is nix persönliches.

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kid37 - Montag, 14. Mai 2007, 21:19
Bei mir ist alles persönlich.

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diagonale - Montag, 14. Mai 2007, 21:55
Ach, so einer sind Sie.

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