Sammler und Jäger

Weise ist, wer seine Existenz eintönig gestaltet,
denn dann besitzt jeder kleine Zwischenfall
das Privileg eines Wunders.

(Fernando Pessoa. Buch der Unruhe. )



Man kann nicht immer das gleiche essen, behaupten manche, denen es vielleicht an Vorstellungskraft gebricht. Denn ich, ich stelle mir einfach vor, mein Käsebrot sei einfach ein... anderes Käsebrot. Schon bin ich aufgeregt, erfreue mich an der wohldosierten Abwechslung. So aber begab es sich, daß große Not einkehrte nach sieben Tagen in der Fremde. Und Männer und Frauen taten, was ihnen ein inneres Gespür befahl. Sie, die da geht in Weizenblond, zog hinaus, neue Strände zu entdecken und sich bei mildem Galão Geschichten umso härterer Männer anzuhören. Von solchen, die gleich mir genetisch darauf programmiert sind, bei 37 Grad Lufttemperatur über endlose, staubige Ausfallstraßen in bislang unbeschriebene Vororte vorzudringen.

Dort, am Rande bereits kartographierter Zivilisation, lungern vornehmlich junge Leute mit eher elastischem Verhältnis zum Thema Substanzmißbrauch auf den Stufen heruntergekommener Häuser und schauen einen aus trüben Augen an. Dort aber liegt auch der den meisten nur durch Legenden und Überlieferungen bekannte Supermercado germanischer Prägung, dessen Papier gewordener Lockruf günstiger Preise und seltener Waren weithin bis in die verbeulten Briefkästen der verwinkelten Alfama zu vernehmen ist. (So versuche man einmal, Kerzen für das romantische Abendmahl außerhalb der Kathedrale zu erwerben! Von Schokolade will ich gar nicht erst reden.)

Der germanische Einkaufskrieger aber wagt sich ins wüste Ungewisse, vorbei an skelettierten Tierkadavern, die an das Schicksal derer gemahnen, die es nicht geschafft haben. Vielleicht, weil sie zu wenig Wasser dabei hatten oder weder die Ausdauer der Bergischen noch die spärlichen Weghinweise, die der freundliche Einheimische vom Touristenbüro auf meine Karte gemalt hatte.

"Little by little" sang ich tapfer vor mich hin, jeden Schritt mechanisch setzend, um in der Hitze unnötige Anstrengung zu vermeiden. Überhaupt heißt die Devise in Lissabon: Sei wie eine emsige Bergziege! Marschiere unermüdlich voran, halte einen Salzleckstein parat und klage nicht über Stufen und Steigungen.

In flirrender Hitze dörrten Sonne und Staub meinen Mund. Über dem weichen Teer der Straße erschienen mir zudem bald Fata Morganas, gelb-blaue Schilder mit dem Signet meiner Einkaufsoase gaukelten mir vor, längst schon am Ziel zu sein. Und tatsächlich, kaum schritt ich durch das finstere Tal der Vorstadt, erblickte ich den gleißenden Parkplatz des teutonischen Händlers. Hier ist Fotografieren übrigens nicht gern gesehen, möglicherweise fürchtete man, der altmodische Herr Kid wolle gleich einen Betriebsrat gründen, eine Institution, die schon im Mutterland dieses Konzerns nicht zu den primären Zielen der Mitarbeiterförderung gehört.



Eingekehrt ins tiefe Tal der Supermangos lud ich schnell mein Wägelchen voll mit Spezereien zu Discounterpreisen, griff mir gar aus grimmer Lust an purer Provokation Mozzarella aus dem Kühlregal. Schluß mit Törtchen und Sardinen! Und endlich wieder Schokolade!

Ein heroischer Tag, zurück zog die Karawane, Schritt für Schritt nach dem andern Schritt über glühende Straßen die Hügel in die Altstadt hoch.

Ausfallschritt | 11:07h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
mark793 - Dienstag, 26. September 2006, 15:17
Ein beredtes Beispiel dafür, dass die vielgeschmähte Globalisierung auch ihre guten Seiten hat. Wie mir berichtet wurde, verkauft der deutsche four-letter-shop in Italien auch die legendär kernigen Brot-Backmischungen - sehr zur Freude deutscher Exilanten, die auch mal was anderes knuspern wollen als Ciabatta mit Mozzarella und pomodoro...

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kid37 - Dienstag, 26. September 2006, 15:55
Eine Vollkornbrotfiliale in einer Touristenmetropole in Südeuropa wäre bestimmt eine prima Geschäftsidee. Und vernünftig gekühlt hielte sich auch Tafelschokolade sicher gut. ein echter Kulturtransfer: statt Dolomiti-Eis hieße es dann "Zum bergischen Knusperbrot".

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ana - Dienstag, 26. September 2006, 18:20
Oh weh, habe ich da was im Leben falsch gemacht. Variatio delectat - ein Grundsatz doch nur für kurz und nicht für lang. Hat man sich erst mal daran gewöhnt, täglich anderen Käse zu essen, erscheint einem ein Mozzarrella, selbst ein Gorganzola als kein Wunder mehr. Ob man in späteren Jahren trotzdem noch weise in Eintönigkeit werden kann? Beispielsweise durch strenge Askese - ab jetzt sieben Jahre nur Gouda.

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kid37 - Mittwoch, 27. September 2006, 11:31
Was meinen Sie, was ich mich schon wegen "geschmacklosen" Goudas hab auslachen lassen müssen! Dabei sind das nur Grenzerfahrungen der Askese. Wenn man hinabtauchen will zum inneren Kern, dürfen delikate Speisen und andere Anregungen nicht ablenken. Und dann aber: nur mal am Kaffeepulver riechen! Oder den Pastéis de Belém... Wunder über Wunder.

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mark793 - Mittwoch, 27. September 2006, 11:56
Gouda geschmacklos?
Das mag Leuten so scheinen, die ihren Gaumen jahrzehntelang auf der Jagd nach kruderen kulinarischen Kicks systematisch abgestumpft haben mit Chili-Camembert aus Cayenne, Magermilbenkäse aus Moldawien und noch übleren exotischen Gewürzgranaten. Ich halte es da eher mit einer Insulanerin, die in "Asterix bei den Briten" sagt: Wir kochen alles mit Wasser. Es gibt zu allem seinen köstlichen Geschmack.

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kid37 - Mittwoch, 27. September 2006, 12:03
Ich esse ja aus Trotz schon Gouda. Sollen die anderen doch lachen. Nur sonntags, da streue ich Pfeffer drauf. Übrigens haben diese Supermercados im Süden den Vorteil, eiskalt zu sein. Das ist wie Wechselduschen.

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diagonale - Mittwoch, 27. September 2006, 11:56
o.T.
Eben entdeckte ich Charlotte Gainsbourg in Ihrem Klang. Großartig nicht wahr? Bei letzter Gelegenheit bekam ich die CD geschenkt und kann mich nicht satt hören...

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kid37 - Mittwoch, 27. September 2006, 12:05
Ja, sehr schönes Album. Teilweise reine Lala, aber stets gerettet durch immanenten Charme. Letzten Endes mag ich sie als Schauspielerin aber lieber.

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gaga - Mittwoch, 27. September 2006, 22:10
ah! die kleine gainsbourg. unlängst, beim warten auf den hauptfilm wieder über sie gestolpert und blitzartig! visionär! imaginiert: die einzige person, der ich je die filmische verkörperung von patti zutrauen würde. der gedanke war geradezu zwanghaft. nicht gesangstechnisch freilich. aber sonst. striking. trotzige energie. sehr sehr gut. ihre eigenen lieder sind mir ein wenig zu 'nett'. aber sie wird ja älter, zum glück. und sie wird auch da gut noch spannender werden. sie kommt in vieler hinsicht nach ihrem vater.

@diagonale: wer diese musik von ihr mag, wird mit sicherheit auch die gemeinsamen einspielungen von benjamin biolay und seiner frau chiara mastroianni mögen. hat mich sofort daran erinnert, beim allerersten hören. ganz reizend.

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zorra - Montag, 2. Oktober 2006, 14:06
Man sieht,
dass du in der grössten Mittagshitze unterwegs warst. Warum? Weil nur 1 Auto auf dem Parkplatz steht. Ausser in Portugal ist nicht so ein Run auf Lidl wie hier in Andalusien.

Ach, und was den Mozzarella betrifft, den haben die Warentester gut bewertet, und ich persönlich auch.

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