Herr Kid macht die Tram kaputt

Ineinander dicht gehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

(Alfred Wolfenstein, "Städter". 1914.)

Echte Metropolen, so beginnen viele Erzählungen weitgereister Weltenkenner, zeichnen sich dadurch aus, daß sie eine Straßenbahn besitzen. Lissabon kann sich sogar rühmen, mit den Linien 25 und 28 zwei Linien zu haben, die sowohl den normalen Nahverkehr bedienen als auch den Touristen begeistern können.

Die meisten Wagen sind seit den späten aus 1920er Jahren in Betrieb, einzig Fahrkartenautomaten und Entwerter kamen als moderne Ergänzungen neu dazu - und die Hydraulik in den Türen, aber dazu später.

Mit der berühmten Eléctrico 28 kann man quer durch die Stadt entlang einiger Sehenswürdigkeiten und zum Teil durch Gäßchen fahren, von denen man vorher behaupten würde, da passe nicht einmal ein Auto, geschweige denn eine Straßenbahn hindurch. Zumal derselbe kopfsteinbepflasterte Weg an der nächsten Steigung schwer in die Kurve geht. Aber dann parkt da meist nicht nur ein PKW, sondern juckelt auch noch die quietschende Bahn in einem Tempo durch die hohle Fuhrt, daß einem angst und bange wird - jedenfalls sofern man als Fußgänger auf dem 30 Zentimeter breiten Gehsteig unterwegs ist.

Die Eléctrico ist nicht nur bei reiferen Touristen, sondern auch bei jungen Einheimischen so populär, daß unterwegs besonders tolldreiste von diesen immer wieder aufs Trittbrett springen und sich eng an die Außenhaut der rumpelnden Waggons gepreßt ein Stück mitnehmen lassen.
"Toll", meint sie, die da geht in Weizenblond, "daß das hier erlaubt ist."

"Ja", erkläre ich gewichtig. "Das läuft hier unter dem Programm ÖPNV für die ärmere Bevölkerung. Und statt Schülermonatskarten zu verteilen, werden die Kinder ab der zweiten Klasse im S-Bahn-Surfen unterrichtet." Als wir aussteigen wollen, ist es aber mit meiner Überheblichkeit schnell vorbei. Obwohl wir am Kloster oberhalb unserer Wohnung von Bord wollen, sind wir die einzigen, die sich an der hinteren Tür zu schaffen machen. Die geht aber schwer, denke ich, will es aber nicht versäumen, vor ihr, die da geht in Weizenblond, den starken Mann zu markieren. Mit der angespannten Kraft meines linken Arms drücke ich die Tür auf und lasse uns zwei hinausschlüpfen. Mit einem empörten Krachen knallt die Tür hinter uns ins Schott.

Das ist aber nichts gegen das empörte Gezeter, das der Trambahnfahrer schlägt, der plötzlich auf der Straße steht und eine Standpauke hält. Das sollten wir nicht noch einmal machen, ruft er. Wir hätten gefälligst einen dieser unscheinbaren Halteköpfe („Parar!“) drücken sollen und nicht seine Bahn kaputtmachen. Kopfschüttelnd klettert er wieder in seinen Führerstand. Ich bin sehr beschämt, vor allem darüber, so schnell als Tourist erkannt worden zu sein. Hatte ich mich doch wie die pfiffigen Detektive in Tim & Struppi gleich in Landestracht geworfen, um in der Menge nicht aufzufallen. Vertan! Und das mir, dem feurig integrierenden Verfechter interkulturellen Verstehens. Ungewollt hatte ich da aber schön die Fratze des häßlichen Deutschen offenbart, der bekanntlich nur über die Landesgrenzen fährt, um im Ausland was kaputtzumachen. Ich bezichtige die Hitze, die fremde Sprache und eine gewisse Unbekümmertheit, wie sie sich halt einstellt im Urlaub, denke aber im Stillen einfach: wie blöde von mir.

"Immerhin", erkläre ich ihr, die da geht in Weizenblond. "Man wird sich bald Legenden erzählen, von dem starken Deutschen, der schaffte, was noch nie ein Portugiese schaffte: Die Tür einer Eléctrico öffnen!"

"Träum weiter", antwortet man mir knapp und ich beschließe, daß ein Bußgebet für die Straßenbahnfahrer vielleicht die bessere Reue wäre. In der unweit gelegenen Kathedrale kaufe ich zwei Fürbittkerzen, die abends in unserer Küche brennen werden. Dort mangelt es sowieso an romantischer Beleuchtung und andächtiger Schwere. Dann schreibe ich hundertmal in mein Notizbuch:

Ich darf nichts kaputtmachen. Ich bereue es sehr.

Ausfallschritt | 12:59h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
saxanasnotizen.blogspot.com - Dienstag, 19. September 2006, 13:54
Hast mich wieder an Lissabon erinnert. Wollte ja eigentlich unbedingt da hin fahren. Mach ich dann noch.

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diagonale - Dienstag, 19. September 2006, 14:04
Ja, mein Besuchswunsch wird auch immer dringender.

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kid37 - Dienstag, 19. September 2006, 14:45
Machen Sie ruhig. ich möchte vermelden: Die Straßenbahn tut es noch. Und noch ein Tipp: Wenn die halten soll, reicht es nicht, an der Haltestelle zu stehen. Frisch heraus und mit dem Arm gewunken!

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diagonale - Dienstag, 19. September 2006, 14:51
Haben Sie denn da auch gute und günstige Verbleibshinweise, wo man sein Haupt betten kann?

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kid37 - Dienstag, 19. September 2006, 16:19
Gut&Günstig! Gut&Günstig! Is' doch kein Discounter hier! Ich habe natürlich in einem verschwiemelten Treppenaufgang genächtigt, wo es nach Fisch & Hundepisse roch, mir abends mit Gitarrengeklimper ein paar Escudos für ein Mahl aus nicht vollends abgenagten Gräten zusammenge... äh, wo war ich. Freibeuterromantik usw.

Die Preise für (in der Regel recht nette) Ferienwohnungen, die man auch tageweise mieten kann, liegen ab 45 Euro aufwärts. Es geht deutlich günstiger, wenn man wochenweise mietet. (Ich schicke Ihnen mal einen Link, sobald ich den selber habe.)

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diagonale - Dienstag, 19. September 2006, 16:54
Au fein!

Aber ich weiß ja nicht wann Sie da waren. Es muss eine ganze Weile her sein. Wahrscheinlich waren Sie letztens gar nicht weg und verwursten hier nur uralte Geschichten aus Ihrer Jugend (wo noch ihre Eltern ihre Reisen finanziert haben - den als Gartenzwergfabrikangestellter kann man ja keine großen Sprünge machen), um sich interessant zu machen und gleichzeitig mal zwei Wochen Ihre Ruhe zu haben. Mittlerweile haben jedenfalls auch die Portugiesen den Euro.

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kid37 - Dienstag, 19. September 2006, 17:46
Sie meinen, das ganze ersungene Klimpergeld ist nichts wert? Oh. Oh. Und was heißt hier uralt? (Ich denke besser gar nicht drüber nach, sonst reiße ich wieder an irgendwelchen Türen rum.)

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donalphons - Mittwoch, 20. September 2006, 11:08
Hilfreich ist es, bis zur Feira di Ladra mitzufahren, dort steigen sie dann sowieso in grossen Mengen aus, und bis zur Bleibe kommt man an einigen Ständen und Antiquitätengeschäften vorbei, wo man sich mit diesen wunderbaren Karaffen eindecken kann, die einem dann später, zurück im dunklen Norden, mit Sherry gefüllt an die warmen Tage in Lissabon erinnern.

Wenn man das in der Gruft denn haben will.

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kid37 - Mittwoch, 20. September 2006, 11:19
Genau an der Haltestelle (am Kloster) ist es passiert. Ich dachte noch, wieso sind wir denn hier die einzigen, die rauswollen? Aber wenn man mal den etwas unübersichtlich angebrachten Halteknopf hinten in der Tram entdeckt hat, ist alles pipieinfach. Merkwürdig, daß man im Ausland zu Dummheiten neigt, die einem hier im Traum nicht einfielen.

Der Markt der Diebe hat natürlich gelockt, lag ja quasi vor der Haustür. Ich hätte sogar 10 Kilo Übergepäck mitnehmen dürfen, konnte mich aber mühsam beherrschen...

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donalphons - Mittwoch, 20. September 2006, 13:37
Ich hatte damals eine 1,2 Meter lange Reisetasche voller Karaffen mitgenommen, von denen zehre ich bis heute und vermutlich noch bis an mein Lebensende. Eine wahrhaft sinnvolle Investition, auch wenn es damals am Flughafen noch einiges Hallo gab - wie erklärt man den Export von 40 Karaffen?

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kid37 - Mittwoch, 20. September 2006, 15:26
40? Da können Sie ja in jedes Zimmer eine stellen. ;-)

Ich war wie immer von den Büchern fasziniert, leider bin ich der Sprache nicht mächtig.

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donalphons - Mittwoch, 20. September 2006, 15:32
Mangels Krieg und Geld nach 1900 hat in Portugal vieles überlebt, was das Mitnehmen wert macht. Das mit der Sprache ist ein Drama, dennoch habe ich mir die Blumen des Bösen dort gekauft, wie ich ohnehin an keiner Ausgabe vorbeigehen kann. Die Karaffen, nun, manche ging an Freunde, der Rest ist auf zwei Wohnungen und entsprechende Küchenschränke verteilt. Jedem seine Sucht. Man kann wohl auch Vitriol darin aufbewahren, oder Tollkirschenschnapps.

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mark793 - Mittwoch, 20. September 2006, 16:01
Die portugiesische Sprache
sieht geschrieben ja noch ganz manierlich aus. Aber akustisch blieb sie sie mir stets ein Gräuel, seit ich einst in Paris einen portugiesischen Film im Originalton (mit französischen Untertiteln) sah. Ich wollte schon Richtung Leinwand rufen: Nehmt doch mal die Wattepads aus dem Mund und wartet mit dem Sprechen, bis die lokale Betäubung im Mund nachlässt. Ich verkniff es mir, weil ich fürchtete, die übrigen Kinobesucher (die überwiegend im Maghreb beheimatet zu sein schienen) könnten sich zu Unrecht angesprochen fühlen oder mich für einen pöbelnden boche halten...

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kid37 - Mittwoch, 20. September 2006, 16:14
Deschculpe, einmal Sardinha assada und einen Babelfish! Leicht zugänglich ist das Portugiesische wirklich nicht. Vielleicht hat es das portugiesische Filmschaffen deshalb so schwer. (Oder es liegt am Hang zu Telenovelas.)

@Don: Vitriol! Eines der Dinge, die in keinem Haushalt fehlen sollte. Z.B. wenn man die Suppe strecken muß, sollten überraschend Gäste kommen. Eine schicke Karaffe macht da wirklich den Unterschied. Nichts grauslicher als Haushalte, wo überall geöffnete Tetra-Packs auf den Tischen stehen.

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