Diminutive

How does it feel
To be on your own
With no direction home
Like a complete unknown
Like a rolling stone?

(Bob Dylan, "Like A Rolling Stone")

Und da war die, die sagte, gut, so machen wir es, und da war die, die ein wenig weinte, und da war die, die mich zum Weinen brachte. Und dann war da die, die mich freundlich grüßte, an der Hand ihres Freundes, von dem ich noch nichts wußte und die, die ich vergaß zu grüßen. Und die, die auszog mit zwei Tüten und ihre Sachen später holte und die, die mir Hilfe anbot beim Auszug. Und da war die, die gar nichts sagte, so wie sie vorher schon nie was gesagt hatte, und die, die sprachlos war und gar nichts sagen konnte, weil die Stille so laut war und der Nachklang des Donnerhalls.

Ach, und dann die, die dann weg war und ihre Sachen nie holte, was mich wunderte, aber nur ein wenig, neben den drei Kreuzen, die ich schlug, und den Tränen, die ich vergoß. Da war die mit den Messern und die, bei der ich die Klinge noch umdrehte.

Und so oder ähnlich, mit Schleife, Blut und Stacheldraht, Abschiedswinken, -essen, -küssen und einmal nur noch, du weißt, für die Reise, klappt man ihn auf, immer wieder, den großen Koffer (und manchmal nur das Bordgepäck).
Erst später dann betrachten wir, was überhaupt noch drinnen liegt: Die Reste unserer beschädigten Leben und die Reste der Leben, die wir beschädigt haben. Die Stummel und losen Fäden, die herunterhängen wie lästige Fibrome. Nichts Schlimmes, nichts, für das es sich lohnte, großes Aufheben zu machen. Selbstverständlich nicht. Der Arzt nimmt eine Elektroschlinge oder ein Skalpell und darf nur eines nicht vergesssen: Immer im Gesunden schneiden. Mit ordentlich Rand und sicherem Abstand, damit es nicht durchschlägt oder streut, weiterwächst womöglich, ein Rest, ein Zellbestand, der alles von vorne beginnen läßt. Und so schwindet das Gesunde mit dem kranken, dem nekrotischen Restgewebe, bis wir nur eines werden: immer kleiner.

The Mercy Seat | 00:13h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
frau klugscheisser - Donnerstag, 1. Juni 2006, 00:51
Fifty ways to leave your lover.

Merkwürdig, den Dylan hatte ich in letzter Zeit ebenfalls im Ohr.
Wiederholung auf Endlosschleife. Vielleicht ist das Leben nicht viel mehr. Ein schlechter Scherz der Götter. Ein persönlicher Kalauer zwischen Vollmond und Trunkensein. Hoffnung findet nur in der Zukunft statt. Wer kann die schon begreifen?

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blue sky - Donnerstag, 1. Juni 2006, 01:05
Vielleicht aber auch eine Pflanze, die mit der groben Schere zurechtgestutzt wird, um wieder wachsen zu können.

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Lu - Donnerstag, 1. Juni 2006, 08:03
aus dem reich der liebeszwerge werfe ich dir eine mütze zu.
steife brise, da draussen.
(im ersten sehe ich den großen schauer, der den norden gleich nass erwischt. nimm einen schirm als freund.)

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kid37 - Donnerstag, 1. Juni 2006, 13:14
Soviel Wasser, wie hier fällt, hat keine Pflanze nötig. Ist ja nicht zum Aushalten hier. Denke erstmals über Urlaub im Süden nach. So schlimm ist es schon.

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waschsalon - Donnerstag, 1. Juni 2006, 13:23
pflanzen mit großer schere zu stutzen ist aber grob. und oft auch schlecht für die pflanze.
zu viel wasser ist allerdings auch schlecht. und heute soll angeblich sogar der sommer beginnen. meteorologisch jedenfalls.

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kid37 - Donnerstag, 1. Juni 2006, 15:31
Rip van Winkle
Das glaubt sowieso kein Mensch. Heute morgen tastete ich reflexhaft sogar zu einer Strickjacke, weil ich dachte, ich hätte versehentlich bis November durchgeschlafen.

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waschsalon - Freitag, 2. Juni 2006, 08:18
ich trage seit gestern wieder rollkragenpullover.
es ist november!

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eins60 - Donnerstag, 1. Juni 2006, 10:08
doch mit jedem schönen erlebnis wachsen wir wieder ein stück. nur deshalb verschwinden wir nicht ganz.

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neo-bazi - Donnerstag, 1. Juni 2006, 10:33
Ich bin sehr für ein fröhliches Herumschnippeln. Sogar an der Seele. Naturgesetz, Widerstand zwecklos.

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kid37 - Donnerstag, 1. Juni 2006, 13:17
Ist klar, Frauen denken wieder zyklisch. Anschwellen, abnehmen. Wie der Mond. ;-) Männer denken angeblich eher zielgerichtet von A nach B, nicht kreisförmig. Deshalb hier und exklusiv die Weltformel:

S (Startmasse) minus LE (Leiderfahrung) plus IW (Inneres Wachstum) gleich RDIDGF (Rest, der in die Grube fährt)

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ana - Donnerstag, 1. Juni 2006, 10:55
Wird dabei die Anzahl unserer Erinnerungen wenigstens immer größer?
Bleibt eigentlich die Zahl unserer Erinnerungen bedingt durch das fortwährende Vergessen gleich oder vergrößert sie sich durch die Möglichkeit sich zunehmend an den oder den oder das erinnern zu können vor der Demenz letztlich doch?

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blogisch - Donnerstag, 1. Juni 2006, 11:22
Gute Frage, Ana,..
.. und auch ein guter Artikel.
Sicher gut, sich mal die vielen Formen des Abschied vor Augen zu führen.
Aber das schafft Groll, macht uns KLEINER, wie Msr. Kid richtig schreibt.
Was mich dagegen mal aufgebaut hat, war die ebenso meitative, konzentrierte Frage:
"Was haben Sie, was hat genau SIE mir denn gegeben?"
Wenn ich die Geschichten an mir vorbei hab ziehen lassen, dann wuchs eine innere Wärme und unglaubliche Dankbarkeit, großmut, Stille und Zufriedenheit in mir, denn
DA WAR SO VIEL!!!
Das Gegenteil von Demenz, Frau Ana, ganz das Gegenteil!
Mfg
TF

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bartleby - Donnerstag, 1. Juni 2006, 11:22
Die Minut(iv)e kenn' auch ich. Aber ihre nostalgische Aufbereitung bedeutet nicht, dass sie bearbeitet & damit begriffen wurde(n). Und ein Rest der Faser, die sich die Freiheit nahm, aus sich & anderem heraus zu gehen, bleibt immer zurück. Sauber sch(n)eiden lässt sich nur gedanklich. Handwerkliches Exzidieren führt stets ins Nekröse … da ging wohl ein "Wortballen" bei Ihnen auf: Di & die & die …& etwa auch Di?

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kid37 - Donnerstag, 1. Juni 2006, 13:11
Nostalgie ist eine gefährliche Krankheit, aber man leidet gern an ihr. Vielleicht will man deshalb auch nicht sauber schneiden. Als Erinnerungsforensiker geht es mir wie dem gleichnamigen medizinischen Berufsstand: Der Pathologe weiß alles. Aber leider zu spät. Der dann wieder sauber zusammengestichelte Text (erkennbar an der wulstigen Y-Naht), ist selbstverständlich ein beredter Spiegel des Untersuchenden, anders als die formatierten, klinischen Sektionsprotokolle des Dr. Benn. Soviel ist mal klar.
Ich bin schließlich kein Produkttester, der meint, objektiv außerhalb seines Untersuchungsgegenstands zu stehen.

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bartleby - Donnerstag, 1. Juni 2006, 16:51
Ich auch nicht! Ich auch nicht. Ich bin auch kein Produkttester. Ich weiß von der Wechselwirkung zwischen Messgerät & Objekt seit Mittelstaedt mich in den quantentechnischen Messprozess eingeführt hat.
Für mich hat's also immer nur: "Erinnern, Widerholen und Durcharbeiten" (1914) gegeben! Nicht ein Subjekt hier und ein Objekt da. Selbst, wie Sie lesen konnten, nicht in den Naturwissenschaften. Gnostalgie??!? Vielleicht.

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ladys smock - Donnerstag, 1. Juni 2006, 22:37
ich stehe da. mit nichts um mich herum. es ist alles weggenommen worden, was ich noch geben könnte. es stimmt nicht, dass noch etwas heilendes bleibt. ich blute aus.tiefschwarz.

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modeste - Freitag, 2. Juni 2006, 00:23
Immer wieder nachwachsen. Und übersehen, dass das neue Fleisch nicht schöner wird, grell und rosafarben, lauter Narben, weil man ja nie wieder ganz wird. Immerhin lebendig, sagt man sich, und macht weiter, bis es nicht mehr reicht, und das Messer eines Tages nicht mehr im Muskel steckt, sondern durchgeht ins Herz.

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c17h19no3 - Freitag, 2. Juni 2006, 00:40
wunderbar beschrieben. auch wenn man sich sagt, jeder schlag, der dich nicht umbringt, macht dich härter, aus jedem fehler lernt man, es gibt nichts negatives ohne ein positives... immer schrumpft auch etwas, es schrumpfen die kräfte, gerade die, die oft für den neuen anfang wichtig sind. das einzige, was das schrumpfen manchmal mit sich bringt, ist der kleinere widerstand gegen den vorgang an sich, das wuchern, und vielleicht muss dann nicht mehr soviel fehlend gemacht werden am nächsten ende...

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novesia - Freitag, 2. Juni 2006, 17:42
Ich neige dazu, zu denken, dass der "Rest, der in die Grube fährt", wie Sie so schön sagen, möglichst gering sein sollte.
Der Ausdruck "erfülltes Leben" wäre dann treffender eher "entleerendes Leben" zu nennen. Jedenfalls wäre es mir lieber, viel von mir bliebe für die Liebe auf der Strecke, als für den Tod.

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kerstin13 - Freitag, 2. Juni 2006, 22:19
das haben sie alles sehr sehr schön gesagt.

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