Auf den Spuren von Frau Gaga Asta Nielsen und Ringelnatz

Nachdem meine Urlaubsplanung dieses Jahr aus dem ein und auch anderen Grund ein wenig schwierig wurde, fiel die Wahl eher spontan auf Ich hab keinen Plan und O Gott, wo fahre ich hin?. Den Ausschlag gab tatsächlich Frau Gaga, die mich auf die Idee brachte, mein Glück im Osten zu versuchen. Deren Bilder von Hiddensee setzten mich dann sofort in Bewegung. Leider verpasste ich sie um eine Fährenbreite, sonst hätten wir womöglich gemeinsam das Hexenhaus in Vitte zum Epizentrum ritualistischer Blogger-Schwingungen gemacht oder einfach nur gemeinsam eine Flasche Wein geleert.

Hiddensee also. Ich besaß einmal ein Kinderbuch, Hittin der Pirat, hieß es, glaube ich. Das spielte in den Sommerferien irgendwann in den 30er oder 40er Jahren, schätze ich. Weil die Eltern ihre Ruhe haben wollten, kam der Vater auf eine pfiffige Idee. Für seine beiden Kinder versteckte er abends am Strand eine Flaschenpost mit der "echten" Schatzkarte von Hittin dem Seeräuber, die der Vater natürlich selbst gezeichnet hatte. Am nächsten Morgen war die Aufregung groß, als die Kinder die Flasche fanden. Bald zogen sie mit Karte, Kompaß und Schaufel los, und die Eltern wähnten friedliche Ferien anbrechen. Doch wie es das Schicksal in Büchern will: Die falsche Karte führt die Kinder auf die Spur echter Schmuggler und schnell ist die Ruhe vorbei. Ich bin mir nicht sicher, ob das Buch noch auf einem elterlichen Speicher liegt, es wäre eine Suche wert.

Eine seemannsgarnige Geschichte also, die ich im Hinterkopf hatte, als ich im in Kloster an Land ging. (Seit langem plane ich ja, im "Haus der Stille" Urlaub zu machen, um dort in der strengen Regelmäßigkeit des Klosterlebens ein wenig meditative Ruhe zu finden.) Der Ort Kloster auf der autofreien Insel ist da schon ein Anfang. Gottfried Benn war dort, der Hauptmann natürlich, Asta Nielsen, Ringelnatz, die ganze Bande.

Wohl instruiert von Blogger-Tipps, fühlte ich mich gleich zuhause, kaum, daß ich einen Fuß auf das schmale Eiland gesetzt hatte. Muß man dann sofort alles ansehen, aufsaugen, sich mit einreiben. Am nördlichsten Ende der Steilküste liegt der "Tote Kerl" mein Lieblingsplatz. Der Name sagt schon, warum. Hier werden nämlich die Männer mit dem grimmigen Blick, die Schufte und die zum Teufel gewünschten zur See bestattet. In der Nähe, am Enddorn, hatte Frau Gaga einen Ritualplatz zurückgelassen. Aus Ästen, Steinen und Federn gebastelte, magische Kultobjekte wiesen den Weg.

Man sieht hier so einige solcher Plätze unten am Strand im Schutze der Steilküste. Da sitzen dann junge Leute und trinken Alkohol. Vielleicht rauchen sie auch eine Zigarette oder machen im Rhythmus der Brandung ein Liebe.
Ich aber war nun alleine dort. Darum konnte ich mir von niemandem eine Zigarette schnorren. Das stimmte ein wenig traurig, aber ich aß schnell eine Banane und betrachtete Sonnenuntergänge, äsende Rehe und schnürende Füchse. Ein wenig merkwürdig ist es schon, wenn einem aus 30 Metern Entfernung ein Fuchs anstarrt. Aber genügend Leute behaupten, wenn es um Tollwut ginge, müsse das Tier eher Angst vor mir haben.


Da gibt es auch ein Lied von Nena drüber. Nur mal so jetzt

Überhaupt: Steilküste! Da kann man dann wie in einem Indie-Rockvideo aus den 80er-Jahren mit pathetischem Blick, viel Donnerhall (Luftgitarre nicht vergessen!) und weit ausholender Armbewegung das Meer anschreien. Aber anders als in den 80ern schreit das Meer nicht mehr zurück, sondern macht, was es am Besten kann: es rollt unbeeindruckt vor und zurück, vor und zurück. Die Steilküste runter führt eine ziemlich lange, marode Holztreppe. "Machen Sie das ruhig, Herr Kid", hatte mir Frau Gaga eingeflüstert. Da fehlten zwar hier und da vier bis acht Stufen, aber das mache ja nichts. Am Ende der Treppe, als ich die eindringlichen Verbotsschilder las, beschlich mich ein leises Gefühl einer finsteren Bloggerverschwörung. Ich kann nur sagen: Try harder next time. Pah.

Am Strand spielten drei interessante Rothaarige splitternackt Volleyball. Einen Schiedsrichter brauchten sie wohl nicht, jedenfalls lehnten sie mein höfliches Anerbieten rundweg ab. Vielleicht hätte ich erwähnen sollen, daß ich gut baggern kann, öh, bloggen blocken, also Ballgefühl habe. Ich aß also schnell noch eine Banane und zog hinaus in die Heide, die gibt es dort nämlich auch. Jedes Jahr werden dort übrigens Blogger Besucher von Kreuzottern gebissen, weil die unbedingt barfuß dort herumlaufen müssen, statt beispielsweise ins einzige Internetcafé der Insel zu gehen. (ISDN-Anbindung, man lernt eben auch Demut an solch abgeschiedenen Orten).

Überraschend entspannt war die Bevölkerung dort. Inselbewohner eben, die wissen, daß es viele Dinge im Leben gibt, auf die man eh keinen Einfluß hat. Gezeiten, Wetter, Server-Performance. Also gibt man sich entspannt. Schlüssel steckt, gehen Sie rein, heißt es oder Bezahlen Sie das Rad einfach morgen oder irgendwann.

Während ich täglich die hundert Meter bis zur Boje und zurück geschwommen bin mit den Füßen im Wasser stand, die rüstigen, ebenfalls splitternackten Rentner betrachtete, die dort beherzt ihr Bad nahmen, beschloß ich, diesen Ort mal etwas fetter auf der Reisekarte zu markieren.

Beim nächsten Mal dann aber mit eigenem Volleyball-Team.

Ein gutes Dutzend Fotos im Kommentar

Ausfallschritt | 12:29h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
kid37 - Freitag, 23. September 2005, 12:31

Meine nächste Tanzkapelle heißt auch so


Dank vorbildlicher Beschilderung weiß der Wessi, wo er ist


Hier wohnt das Volleyballteam


Frau Gaga wohnt im Hexenhaus. Kaum überraschend


Mit den Devotionalien übertrieb sie es ein wenig


Blair Witch im Sommerurlaub


Oder Frau Gaga. Wer weiß das schon?


Meditationslabyrinth. Bin ich jeden Tag abgelaufen


Blair Witch im Steingarten


Da hätte ich gerne mal reingefaßt


Der verwunschene Wald. Puck und Titania taumeln da rum


Gehen Sie mal ruhig dort runter. Aha


Alles klar. Danke auch


Herr Kidnatz liest Frau Gaga Nielsen aus seinen Werken vor


Und zum Abschluß gibt es ein Leckermäulchen

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pappnase - Freitag, 23. September 2005, 13:02
eine sehr feine fotostrecke...

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mequito - Freitag, 23. September 2005, 14:24
Sie haben wenigstens den Farbfilm nicht vergessen. Dort am Strand von Hiddensee.

"Kiddo, mein Kiddo, und alles tut so weh"

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kid37 - Freitag, 27. April 2007, 13:00
Kleine Hiddensee-Anekdote ..
[Kommentar von damals, Donnerstag, 26. April 2007, 17:53]

... um die Sache abzurunden: Als mein Bruder 1991 mit Freunden dort ein Zimmer suchte, meinte ein Vermieter: "Vier Leute? Früher hätte ich da ja ein Campingbett mit ins Dreibettzimmer gestellt, aber heute haben wir ja Marktwirtschaft - da mach ich sowas nicht mehr." Ein Satz, der in seiner Unsinnigkeit von tiefer Weisheit ist.

[Anm. kid37: Entschuldigung, ich habe Ihren Kommentar ausnahmsweise umkopiert - rein aus gestalterischen Gründen. Da unten darf einfach nichts mehr stehen, finde ich.]

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kid37 - Freitag, 27. April 2007, 13:02
Der Vermieter hatte dann aber hoffentlich auch ein weiteres Zimmer anzubieten - sonst macht ja nicht mal Marktwirtschaft Sinn ;-)

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gaga - Freitag, 23. September 2005, 17:39
ich finde mich mit dem turbanhut jetzt dann eigentlich doch sehr fesch. ich war ja zunächst etwas unsicher und kurz davor, die veröffentlichung dieses ja doch auch sehr privaten bildes zu untersagen. ja. ich habe mit mir gerungen. aber man muß auch einmal zu etwas stehen können.

p.s. wie heißt das nena-lied?

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glamourdick - Freitag, 23. September 2005, 19:01
asta la vista also.

nena-morsen: aaa aaa aaaa aaaaa aaaa aaaaa aaaaa aaaaa aaaaaa aaaa aaaaa

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mark793 - Freitag, 23. September 2005, 19:39
Ja, so ging der Refrain.
Hieß das nicht "Leuchtturm"?

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gaga - Samstag, 24. September 2005, 00:15
eigentlich furchtbar schön

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booldog - Samstag, 24. September 2005, 12:08
Leuchtturm, Gott ja! Ich habe es sofort wieder parat - und dann bin ich 20 Jahre jünger, habe meinen alten Trojer und zerschlissene Jeans und Sneakers an und mache den Sylter Weststrand unsicher!

"Ich geh mit dir, wohin du willst -
Auch bis ans Ende dieser Welt"


(Welche längst vergessene Schulhof-Schönheit mag ich damals wohl damit verbunden haben?)

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pseudo - Samstag, 24. September 2005, 12:29
Schöööön!!
Eine wogende, dem sanft reuselnden Meere, das verlippt am Sande von Hiddensee netzt und kostet, angepasst, kündet uns der hermetische Cafégourmet von roten Haarigen, nackichten Rentnern & stehenden Füßen im salzigen Wasser der herbstglatten Ostsee. Wörter & Sätze wie Morgentau im tief horisonntenen Abendrot, feucht mit ein wenig BildGlut beglänzt, tanzt der Hermetiker ein Tänzchen zurück in seine Kindertage von "Hittin der Pirat" … pi-Rat … so ganz privat … so privat sieht man/bekommt man ihn selten zu Gesichte. Eben nur, wenn Frau Gaga ihm zuvor den rituellen Ausschlag gab. Und er über Kloster hinaus - selbst ein äußerst Morbider - steil den "Toten Kerl" präputisch "küs(s)te. Ach, dies - mit hermes Aromen gehauchte Eidyllon - macht mich Sylphen, Elfen & Sybillen träumen. Oh, darf's noch ein Schlückerl Pro Domo sein?

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500beine - Samstag, 24. September 2005, 13:06
UNSER HUND
unser hund will beim volleyball
immer ballmädchen sein,
rückt aber den ball nicht mehr
raus.

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ladys smock - Samstag, 24. September 2005, 16:29
Lassen Sie Herrn kid
schwelgen! Es ist wunderbar. Mich begleitet er in den Mai 1994. Genau damals wartete unser junger Fuchs auf mich.
Er hielt mich auf - auf meinem Weg zum Leuchtturm. Er im Busch 3 Meter neben mir. Er kannte jeden auf der Insel, nur mich noch nicht. Seine Augen, die keine Angst kennen, nur Vorsicht und Neugier.
Ungewöhnlich.

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kid37 - Montag, 26. September 2005, 21:48
Leuchtturm, genau. Schade, daß man nicht hinaufdurfte. Frau Gaga, ich hätte Ihnen eine Botschaft zugemorst. Offenbar habe ich hier einige Erinnerungen geweckt. "Pseudo"? Doch nicht etwa die blogosphärenbekannte Arno-Schmidt-atmende Kommentatorin mit diesen anderen Initialen? Sie haben nämlich die Nixen vergessen, die schon manchen Fahrensmann an fremden Gestaden in Versuchung führten.

Diese Fuchsgeschichte läßt mich ja nicht los. Drei Meter hat ja schon Schoßhund-Charakter. Bei mir schnürte er dann vorsichtshalber doch davon. Besser ist es. Aber es war der nämliche Ort, ein Stück unterhalb des Leuchtturms. Der Ur-Urenkel, sicherlich.

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ladys smock - Montag, 26. September 2005, 22:22
Soll ich jetzt noch sagen, dass er mir zugesehen hat wie ich meinen Fotoapparat aus dem Rucksack vom Packelträger genommen habe und Photos von ihm gemacht habe?
Wenn ich das nächste Mal nach Hamburg komme, werden wir die Verwandtschaftsverhältnisse klären, in Ordnung?

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kid37 - Dienstag, 27. September 2005, 00:37
Auf jeden Fall. Wir sollten unsere Fuchsfotos zusammenlegen und in Hiddensee-Erinnerungen schwelgen.

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ladys smock - Dienstag, 27. September 2005, 18:42
monsieur le kid
Sie haben es geschafft den Fuchs aus seinem Bau und in den Ihren zu locken.
Ich neige mein Haupt

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shako - Sonntag, 25. September 2005, 01:50
Hittin, der Pirat ...
... - wenn das Buch wirklich so heißen sollte, scheint es leider ganz arg vergriffen zu sein. Nicht mal im "Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher" ist es zu finden. Wie schade. Aber was muss ich da lesen, als ich diesbezüglich ein bisschen herumgoogele: "Der legendäre Pirat Captain Kidd wird in England hingerichtet". Na sowas! Da haben Sie sich aber wieder ganz gut berappelt seitdem. Allerdings - finden Sie die Stelle mal auf der dazugehörigen Webseite ...

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shako - Sonntag, 25. September 2005, 02:02
Oh, ich glaub, ich habs.
Ist es vielleicht dieses Buch:
"Nohara, W.K. v. Das Geheimnis der Pirateninsel.
Auf den Spuren von Hittin dem Seeräuber."
?
Dann können Sie es hier bei Amazon erwerben. Für 1 Euro.

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kid37 - Montag, 26. September 2005, 21:39
Über den Titel bin ich mir nicht sicher. Ich glaube, das war ein Band aus der Reihe GJB (Göttinger Jugendbücher), in der Titel wie Kurt Knaaks Ferien im Forst (mit Lexikon der Jägersprache!), Geheimsender auf 28,85 Megahertz (Wo die Mutter beim Rumfeudeln in der Radiobude des jugendlichen Helden unwirsch brummelt "Herz" mit "tz", so ein Quatsch") und einige Klassiker (Tom Sawyer, Die Schatzinsel etc.) erschienen.

Ich blättere gerade auf den letzten Seiten von Das Abenteuer kommt ungerufen (o ja, das tut es), aus diesem Verlag. "GJB - Sie kosten kaum die Hälfte von dem, was sie wert sind" (ist das nicht eine tolle Werbung?) Oder: "GJB - sind ideale Jugendbücher: weil sie jedem Mädel und Jungen zu seinem Recht verhelfen, zu seinem Recht auf ein anspruchsvolles und billiges Buch!" (genial, hat wahrscheinlich der Chef selbst getextet)

"Immer wieder fesseln und trotzdem bereichern" - leider nur ein weiterer Slogan und kein SM-Leitfaden aus diesem Verlag.

Reihen wie "Junge Mädel bewähren sich" oder "Wenn Mädel älter werden" (Tagebuch einer kleinen Französin, o la la) klingen verlockend. Dann, hier: Martha Schlinkert, Bravo Bummi! Ist das etwa dieser Bummi aus der DDR? Wie kommt der in ein westdeutsches Jugendbuch?

Leider alles ohne Jahresangabe, offenbar in den tiefen 50ern entstanden. Mal schauen, ob ich bei meinem Vater auf dem Speicher dieses Hiddensee-Buch finde.

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wise.up - Sonntag, 25. September 2005, 16:27
Mmmh! Das klingt wunderbar! Glatt eine Alternative zum fernen, unterbewerteten Teneriffa! Ich markiere das auch mal fett auf meiner Travel-to-do-Liste.

Danke!

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lady.death1 - Montag, 26. September 2005, 08:25
*seufz*

Urlaub ist immer gut.
Und wenn ich das höre ..
bekomme ich Fernweh,
( hab ich zwar immer und ständig..)
aber ich muß ja still und brav die Ferien abwarten :(

Sehr schöne Bilder ...
als wär ich dabei gewesen ...
:)

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wondergirl - Dienstag, 27. September 2005, 01:15
Oh Hiddensee...
das ist eigentlich nur im Herbst und Winter richtig schön, wenn nicht mehr so viele Urlauber da sind und es auch nicht mehr so heiß ist.
Im Sommer stinkt es wegen der ganzen Pferdeäpfel und es sind zu viele Menschen auf der Insel...
Aber im Herbst ist es schön.

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kid37 - Dienstag, 27. September 2005, 01:37
Wo ich bin, ist immer Herbst.

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