NYC #7 - A Place Called Home

Walk tight, one line
You're wanted this time
There's no one to blame
Just hold on to me

(P. J. Harvey, "A Place Called Home")




Nachdem ich nach einigen Tag nur noch Tourist bin, will ich zumindestens ein paar Eckpunkte abklappern, es soll ja dieses und jenes dort zu sehen sein, was immer das dann jeweils bedeutet. Es sind Häuser zumeist, vor denen viele Menschen in luftigen Kleidern stehen, Mobiltelefone gezückt, und für Instagram Erinnerungsbilder knipsen. Jemand spricht mich auf irgendeiner mit irgendeiner Nummer benannten Avenue auf meine Kamera an und outet mich nach einem Satz meiner Antwort bereits als Deutscher. Nur, weil ich so einen schneidigen Akzent habe! Zo much watch!



"Wir sind hier nicht in Seattle, Kid", denke ich für mich und suche ein paar musikalische Punkte auf. Im CBGB, dem Bethlehem des Punk Rock, ist ja seit einigen Jahren eine Filiale von John Varvatos, der sich mit seiner Mode an finanzkräftigere Rockertypen wendet. In der Filiale lungert denn auch so einer rum, der aussieht, wie der Cousin von Slash, Hemd bis dahin geöffnet, Bändchen hier, Tätto da und einen speckigen Zylinder auf wallende Mähne gepresst. Vielleicht war es auch Slash. Ich unterhalte mich ein wenig mit dem Sicherheitsmann, wir reden über Fußball, er outet sich als Fan der deutschen Fußballnationalmannschaft, und ich sage, die kommen dieses Mal nicht weit. Entschuldigt also. Es lag nicht an diesem oder jenem Spieler. Ich habe geunkt.



Ringsherum Wahrzeichen und kulturgeschichtsträchtige Straßen. Das Chelsea Hotel ist eingerüstet und wenig fotogen, Bowery, Bleecker Street, auch so eine Musikstraße, wo Alicia Keys lebt oder lebte, die mal mit diesem Rapper dieses New York-Lied gemacht hat. East Village, Greenwich, Gramercy, Noho, Soho, Nolita, Tribeca - die Distrikte und Bezirke werden immer kleinteiliger, überall steht irgendwas herum, das man aus einem Film oder von einem Foto oder aus der verschwommenen Erinnerung kennt. Oder eben aus der Nacht, wenn die Lichter blinken, Sirenen heulen, bis nach Mitternacht auch Manhattan in einen unruhigen Schlaf fällt. Bei Evolution kann man tote Tiere kaufen. Man kommt ja selbst auch ganz außer Atem.



Oh, und sinkt auch die Moral, die High Line wartet. Jeder geht über die High Line nach Ironwoodland. Gleich ganz vielen anderen Leuten wandere ich die ab, das geht ganz gut, weil überall Bänke sind, auf denen man mit unschuldigem Blick Pause machen, aufs Mobiltelefon starren und sich rostige Fragen stellen kann. Ich fotografiere eine eiserne Feuertreppe und Fassaden, Texturen von alten Backsteinwänden, die ganz nahe an die ehemalige Bahntrasse heranreichen. Na ja. So was gibt es ja in Wuppertal auch. Und Heimat ist eh da, wo das Herz rumlungert.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey A Place Called Home

Ausfallschritt | 21:55h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fidibus - Freitag, 17. August 2018, 23:42
Also doch rasender Reporter!

Mache im Übrigen Fortschritte, musste heute nur fünf unbekannte Sachen aus Ihrem Text nachschlagen. Ihr Blog ist nicht nur mein Kuchen, er ist auch meine Universität.

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kid37 - Samstag, 18. August 2018, 00:09
Mir fehlte der kleine, weiße Hund! Ich denke ja nach wie vor, daß es eine der abgegrabbeltsten Städte der Welt ist. Also von der Bekanntheit und den allgemeinen Erfahrungen her. Ich bin umgeben von Leuten, die alle schon spätestens mit 12einhalb dort waren, seither quasi alle halbe Jahr, dann die ganze Popkultur um Gotham City - ich fühle mich gar nicht frei, was zu erzählen, weil ich ständig denke, ist doch alles schon bekannt. ich war auch vor dem Trump Tower und dem Dakota und im Central Park... es ist eine endlose, im Grunde aber müßige Aufzählung. Interessant ist, ein Gefühl für die Dimensionen und Entfernungen zu bekommen wenn man selbst dort ist (ist sooo groß nun auch wieder nicht). Und dann die Muße haben für die kleinen Geschichten von irgendwelchen aufgegebenen Schlüsseldiensten oder versteckten Waschräumen.

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fidibus - Samstag, 18. August 2018, 01:54
Lese so gerne bei Ihnen, weil Sie nicht abgeklärt drüberstehen. Ich war noch nie auf einem anderen Kontinent, kenne in meinem privaten Umfeld zudem nur wenige Leute, die dort waren, für mich ist nix "abgegrabbelt". Mir machen Sie in jedem Fall eine Freude, auch wenn Sie von vermeintlich bekannten Sehenswürdigkeiten berichten. Und ja, das Bild mit dem Schlüsseldiensthaus verfolgt mich schon den ganzen Tag - auf angenehme Weise.

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samojede - Samstag, 18. August 2018, 19:25
(-Die Leute wo mit 12einhalb da waren, sind auch die die mit 8 schon
Muscheln gegessen haben wegen "Kinder können und wollen schon früh alles essen". )

- Kommt immer drauf an wer was wie erzählt.

- Find' Özil hat schlecht gespielt.

- 🐐 <--- können Sie das sehen oder nur ich auf meinem tablet? Ist eine Art weisser Hund.

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kid37 - Sonntag, 19. August 2018, 02:27
@ Fidibus: Dafür erklimmen Sie hohe Berge. Als Seefahrer komme ich da ja niemals in.

@ Samojede: Ein kleiner, weißer Hund! Jetzt fehlt mir nur noch ein trunkener Kapitän an meiner Seite, dann könnte ich auf der ganzen Welt Abenteuer erleben.

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